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Wohin mit van der Vaart?

26. November 2014

Klarer Fall: Das war ein Punktsieg für die Jungs aus der U 23 heute beim Training. Es war, da sind sich alle Trainingszuschauer einig gewesen, der erste echte eisige Tag in diesem Herbst. Morgens mussten die Besucher eine dreiviertel Stunde ausharren, ehe das kurze Training draußen auf dem Platz begonnen hat. Nachmittags dann bat Joe Zinnbauer etwa 90 Minuten zum Tanz mit dem Ball. Und bei der abschließenden Spielform schließlich zeigte es sich endgültig – drei U-23-Spieler trainierten nur mit kurzer Hose (Ronny Marcos, Ashton Götz und Mohamed Gouaida), aber nur zwei Profis (Dennis Diekmeier und Lewis Holtby).

Abgesehen von diesem hochbrisanten Umstand scheint Joe Zinnbauer das Training sehr gut gefallen zu haben. Zum Abschluss klatschte er zufrieden in die Runden und schmetterte den Kickers ein „Gutes Training heute!“ entgegen. Das sollte dann das richtige Signal sein fürs schwere Auswärtsspiel am Sonnabend beim FC Augsburg, auf das es aufstellungstechnisch heute noch keine Rückschlüsse gab. Bleibt Gouaida im Team? Bleibt van der Vaart vor der Abwehr? Antworten, wenn sie es denn überhaupt geben wird vor dem Anpfiff in drei Tagen, gab es heute ganz sicher nicht.

Rafael van der Vaart ist der teuerste Spieler des HSV. Er verdient am meisten. Er ist der Kapitän. Und: Er spaltet die Fan-Gemeinde. Die einen sehen in ihm immer noch das Potential und die spielerischen Fähigkeiten von einst, die aktuell allerdings nur sporadisch aufblitzen, andere vermuten in dem 31 Jahre alten Niederländer ein Auslaufmodell. Ich muss bei van der Vaarts Entwicklung zurück denken an eine andere Rückholaktion, die damals für viel Begeisterung gesorgt, im Endeffekt aber nicht die gewünschte Wirkung hatte.


Im Juli 2001 hat der HSV einen bis dahin in dieser Größenordnung nicht gekannten Transfer getätigt. Für 10 Millionen Mark kam Jörg Albertz von den Glasgow Rangers nach Hamburg zurück. Der damalige Sportchef Holger Hieronymus wusste, dass er für „Ali“ wohl ein paar Groschen zu viel überwiesen hat. Denn Albertz, dieser gewaltige Linksfuß, der damals 30 Jahre alt war, hatte seine beste Zeit hinter sich. Von 1996 bis 2001 kickte er in Schottland. Drei Mal stand der gebürtige Mönchengladbacher für die deutsche Nationalmannschaft auf dem Rasen.

Trotz der Zweifel: Ein neuer Leader musste her. Der HSV, unter Frank Pagesldorf in der Saison zuvor glorreich in die Champions League eingezogen, war schneller auf dem Boden angekommen als geahnt. Nach dem 4:4 gegen Juventus kam nicht mehr viel. Das Team schied im UEFA-Pokal gegen den AS Rom aus und war chancenlos. Außerdem langte es in der Bundesliga nur zu Rang 13. Jörg Albertz wurde kurzerhand zum Hoffnungsträger. Mit viel Jubel und unter großem Brimborium am Hamburger Flughafen begrüßt, war er der Heilsbringer.

Die ersten Eindrücke im Training waren respektabel. Coach Pagelsdorf setzte im Trainingslager im österreichischen Leogang Torschuss-Training an. Eine Übung, wie gemalt für Albertz. Der Ball wurde kurz abgelegt – und dann Feuer frei. Keeper Martin Pieckenhagen flogen die Bälle um die Ohren. War er mal dran, brannten die Fäuste. An Schussgewalt hatte Albertz schon mal nichts eingebüßt.

Dann das erste Heimspiel im Stadion. Gegner war der VfB Stuttgart. Die Partie endete 2:0. Matchwinner: Der Rückkehrer aus Glasgow. Ein Tor geschossen, eins vorbereitet. Großer Jubel um Albertz, Holger Hieronymus hatte alles richtig gemacht.

Wie wir inzwischen wissen, hielt die Initialzündung Albertz am Ende nicht, was sich viele versprochen hatten. Der Schachzug, mit einer Schlüsselfigur den ganzen Laden nach vorn zu bringen, ging nicht auf. Mitten in der Saison wurde Trainer Pagelsdorf entlassen, wenige Monate später folgte Sportchef Hieronymus. Albertz selbst brachte es in den zwei Saisons auf 28 Bundesligaspiele und sechs Tore, er wurde später von Pagelsdorf-Nachfolger Kurt Jara aussortiert.

Parallelen zum Jahr 2012 und der Rückholaktion von Rafael van der Vaart sind unverkennbar. Vor gut zwei Jahren mangelte es nicht an mahnenden Stimmen, die auch an Albertz erinnerten. Aber van der Vaart war ein HSV-Held zwischen 2005 und 2008. Dann ging er in die große Fußball-Welt, wurde spanischer Supercupsieger mit Real Madrid und erzielte in zwei Saisons bei Tottenham Hotspur 24 Tore. In Südafrika war Rafael van der Vaart Vize-Weltmeister geworden. Sein Marktwert kletterte zwischenzeitlich auf 26 Millionen Euro. Und weil der HSV vor gut zwei Jahren mal wieder mächtig unter Druck war, starteten die Verantwortlichen – am Ende mit Erfolg – den Rückkauf des „kleinen Engels“.

14,5 Millionen Euro flossen in die englische Hauptstadt. Klaus-Michael Kühne gewährte dem Verein ein Darlehen von 13 Millionen, ansonsten wäre der Transfer nicht zu wuppen gewesen. Als van der Vaart nach tagelangem Transfer-Gerangel vor der Buseinfahrt der HSV-Arena vorgefahren wurde, brandete auch hier Riesen-Jubel auf. „Van-der-Vaart“-Sprechchöre mitten in der Woche an einem stinknormalen Arbeitstag. Der Held von einst sollte dem Dino, zuvor auf Platz 15 gestrandet, reanimieren. Warnungen, der Club könnte sich an den Rückzahlungen des Kredits an Kühne überheben, wurden zur Kenntnis genommen, aber im Abwägen mit den sportlichen Chancen für zweitrangig befunden. Dann sein erstes Heimspiel – es wurde ein berauschendes 3:2 gegen Borussia Dortmund. Man of the match: Rafael van der Vaart mit zwei prächtigen Assists. In dieser Saison sammelte sich der HSV und wurde Siebter. So weit, so gut.

Heute mehren sich die Stimmen, die Rafael van der Vaart möglichst eher sofort als später abschieben würden. Tatsächlich weisen seine persönlichen Daten nach unten. In seiner besten HSV-Saison 2007/08 hatte er noch 22 Scorerpunkte. Nach seiner Rückkehr zunächst 15, dann 16. Aktuell – durch den verwandelten Elfmeter aus dem Leverkusen-Spiel – gerade einen einzigen. Das ganze spielt sich noch auf einem anderen Niveau, auf einem höheren, ab als bei Jörg Albertz. Weil dem damals die Spritzigkeit fehlte, seinen gefürchteten Schuss einzusetzen, blieb nahezu sein komplettes Spiel harmlos. Aber ähnlich ist es bei van der Vaart doch: die Fertigkeiten mit dem Ball sind da, aber er schafft es nicht, sich in entscheidenden Positionen auf dem Rasen in vielversprechende Abschlussaktionen zu bringen. Seine 33 Torschussbeteiligungen in sieben Partien dieser Spielzeit gingen überwiegend auf das Konto von geschlagenen Ecken oder Freistößen – also ruhenden Bällen. Aus dem Spiel heraus kommt, so scheint es, immer weniger.

Und doch hat van der Vaart – und das ist der Ansatz für diese Worte – am Sonntag sein persönlich bestes Spiel gemacht in dieser Saison. Und zwar auf ungewohnter Position als Ballverteiler vor der Abwehr. Ein klassischer Abräumer auf der sechs wie Valon Behrami wird van der Vaart dabei ganz sicher nicht werden. Doch: je weiter van der Vaart auf dem Spielfeld nach hinten geht, desto mehr Räume hat er, die er ganz eindeutig braucht, um kluge Pässe zu spielen. Van der Vaarts große Stärke war es nur zum Teil, mit blitzgescheiten Zuspielen im Strafraum des Gegners für Gefahr zu sorgen. Der tödliche Pass war nie sein ganz großes Markenzeichen. Das war eher seine Torgefahr und seine bestechende Ballsicherheit. Und gerade dies hat Zinnbauer gegen einen extrem defensiv ausgerichteten Gegner wie Werder Bremen zu nutzen versucht. Das besonders gegen tief stehende Mannschaften geforderte ruhige Verteilen auf die Flügel oder zu den offensiveren Mittelfeldspielern – diese Aufgabe ist van der Vaart zumindest für dieses eine Spiel gut gelungen.

Wie oft haben wir in den vergangenen Monaten Spiele erlebt, wo der HSV sich an tief stehenden Gegnern die Zähne ausbiss? Wo den Profis nichts einfiel außer Ballgeschiebe und sich ihre Unsicherheit langsam aufs Publikum übertrug und am Ende ein Grottenkick herauskam. Mit der Variante wie gegen Bremen hat Joe Zinnbauer zumindest für solche Partien einen Lösungsansatz gefunden. Eine Variante für Augsburg wäre es auch allemal, zumal der FCA keine Mannschaft ist, die auf hohen Ballbesitz aus ist und den HSV um dessen Strafraum einschnüren wollte.

Was heißt das nun aber für die Zukunft von van der Vaart in Hamburg? Sein Vertrag läuft aus, das ist klar. Er selbst hat sich unlängst in einem Interview in den Niederlanden zu seinem persönlichen Ziel bekannt, noch einmal in Italien zu spielen. Soweit deutet also alles auf Abschied hin. Und ehrlich gesagt fällt es schwer, Szenarien zu entwerfen, in denen der Kapitän unbedingt an der Elbe gehalten werden müsste. Na klar, er müsste auf sie Hälfte seines bisherigen Gehalts verzichten (aktuell etwa 3,5 Millionen Euro jährlich), mehr als ein Einjahresvertrag plus Option käme ohnehin nicht infrage. Und dann müsste er sich auf einer Position, und da sehe ich allenfalls die Werder-Position, als Leistungsträger erweisen, der von keinem Arslan oder Demirbay ersetzt werden könnte. Im Moment ist der Star des Teams weit entfernt davon, auch nur entsprechende Gedanken bei den HSV-Verantwortlichen aufkommen zu lassen. Aber diese Saison ist noch lang, und mangelt es an Alternativ-Angeboten und stabilisiert sich die Mannschaft, könnte es zu früh sein, van der Vaart abzuschreiben.

Generell ist in der Führungsetage des HSV natürlich klar: Im kommenden Sommer kommt der große Schnitt. Es war schon Tenor des ablaufenden Jahres, dass mit den aktuellen Leistungsträgern kein Neuanfang gestartet werden kann. Das betrifft insbesondere jahrelange Kern-Figuren wie Marcell Jansen, Heiko Westermann und eben van der Vaart. Vor allem van der Vaart steht für eine recht lange zurückliegende, erfolgreiche HSV-Zeit. Ich meine nicht die beiden Europapokal-Halbfinals, die Marcell Jansen miterlebt hat. Sondern die Champions-League-Zeit unter Trainer Thomas Doll, in der der HSV den besten, attraktivsten und erfolgreichsten Fußball der vergangenen 25 Jahre gespielt hat. Da hatte van der Vaart bessere Mitspieler, ohne Frage, aber er war auch selbst besser.

Nun hat er es selbst in der Hand, nach umjubelter Begrüßung 2012 auch ein würdiges Ende zu erspielen. Den Bonus des teuersten Spielers der Vereins-Geschichte besitzt er nicht mehr. Aber ein großer Fußballer ist er so oder so, der mit den beiden teuersten Spieler der Geschichte, Ronaldo und Gareth Bale, zusammen gespielt hat. Vielleicht sehen wir sein Können ja noch mal öfter aufblitzen als in den vergangenen Monaten.

Zum Abschluss möchte ich jetzt schon einmal auf eine spannende Reportage im NDR-Fernsehen hinweisen. Am kommenden Sonntag um 23.35 Uhr läuft im Dritten ein Film mit dem Titel „Flucht aus der Kurve“. Inka Blumensaat beschäftigt sich mit ausgestiegenen Fußball-Fans – was den HSV angeht also denjenigen, die nach der Ausgliederung der Profi-Fußballer in eine AG dem Verein den Rücken gekehrt haben und mit anderen Projekten, zum Beispiel dem HFC Falke, etwas Neues wagen. Auch andere Vereine und Fans werden begleitet – sehr spannend und bestimmt sehenswert.

Morgen trainieren die Profis wieder einmal, um 15 Uhr.

Lars
18.42 Uhr

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