Archiv für das Tag 'Hieronymus'

“Der HSV muss wieder hanseatisch werden”

5. Juni 2014

„In den letzten fünf Jahren ist es drunter und drüber gegangen.“ Das hat der neue Aufsichtsrats-Boss der HSV-Fußball-AG, Karl Gernandt, in einem Interview mit der Bild zugegeben. Wieso fünf Jahre, habe ich mich gefragt, wie kommt der Gernandt gerade auf diese Zahl? Geht es nicht schon viel länger im HSV drunter und drüber? Gefühlt zehn Jahre? Aber egal, wichtig ist, dass solche Aussagen jetzt kommen, denn solche und genau dieser Art hat es beim HSV zuvor nie gegeben. Da wurde immer alles mit dem Mantel der Nächstenliebe zugedeckt. Obwohl jeder – oder fast jeder – wusste, auf welche gefährliche Art der HSV in Sachen Abgrund geführt wurde. Gernandt sagt auch drastisch: „Wenn man das Tohuwabohu sieht, da kriegt man Hautausschlag.“ Stimmt.


 

Und deswegen wird es Zeit, dass beim HSV die Aufräumarbeiten beginnen. Leider, leider ist bei der Mitgliederversammlung am 25. Mai keiner aus der HSV-Führung aufgestanden und hat mal offen und ehrlich Ross und Reiter genannt, warum es so gekommen ist mit dem Club. Ein Mann hatte es mir Wochen vorher versprochen, dass er Tacheles sprechen wird, dass es mal Butter bei die Fische geben wird – aber die Traute dazu ist ihm dann wohl doch „unterwegs“ auf der Strecke geblieben. Irgendwann, so hoffe ich weiter, wird es aber mal so kommen, dass die Mitglieder über alle die schlimmen Dinge, die da gelaufen sind, aufgeklärt werden. Hoffentlich. Ich kenne nur hartnäckige Gerüchte, aber es gibt ganz sicher Leute, die dazu auch die passenden Unterlagen hätten . . .

 

Seit dem bewussten 25. Mai sind neue Strukturen im HSV beschlossene Sache. 86,9 Prozent der anwesenden Mitglieder haben dafür gestimmt. Bis zum 1. Juli, also in 26 Tagen, darf die „alte“ Club-Führung noch „machen“, dann kommen die neuen Herren. Bis dahin sollte es Hand in Hand gehen, aber geht es das wirklich? Neue Strukturen soll es geben, aber davon ist bislang nichts zu sehen und zu spüren. Im Gegenteil. Es wird genau so weitergemacht, wie bisher. Es wird gewurschtelt. Stefan Schnoor, der ehemalige HSV-Spieler, hat zu diesem Thema ein großartiges Interview im heutigen Hamburger Abendblatt (Seite 26) stehen, das ist die Wahrheit, der „harte Hund“ von einst legt knallhart die Finger in (fast) alle HSV-Wunden. Wer es nicht gelesen hat – es ist wirklich sehr empfehlenswert.

 

Er spricht darin – unter anderem – auch über den AG-Vorstandsvorsitzenden Dietmar Beiersdorfer. Schnoor hätte an dessen Stelle lieber Holger Hieronymus gesehen – und Beiersdorfer als Sportchef. Geht mir ähnlich, sehe ich ähnlich. Ich hätte vor allem sehr gerne gehabt, dass Thomas von Heesen kein Aufsichtsrats-Mitglied ist, sondern im operativen Geschäft mitmischen kann und darf. Sind von Heesen die Hände gebunden, so verschenkt der HSV in meinen Augen ein unglaublich großes sportliches Potenzial. Und ich wiederhole mich gerne: ein unglaublich großes fußballerisches Potenzial.

 

Wobei ich bei einem Lieblingsthema von mir bin: Wo sind Hieronymus, Ditmar Jakobs und Horst Hrubesch, die sich einst für die Initiative „HSVPlus“ engagiert und stark gemacht hatten, denn jetzt eigentlich hin? Ich hatte mir erhofft und vorgestellt, dass mindestens alle drei Herren – möglichst noch mehr aus dieser Kategorie – in einem sportlichen Aufsichtsrat sitzen werden und den Trainer und den Sportchef bestimmen, mit ihnen Hand in Hand arbeiten. Aber so wie es jetzt aussieht, wird daraus ja wohl nichts (mehr). Was ich für äußerst schade halte, denn solche Experten, die zudem nicht auf irgendwelche Pöstchen – vielleicht auch HSV-Gelder – aus sind, stünden dem „Dino“ gerade jetzt sehr gut zu Gesicht. Diese „Ehemaligen“ hätten nicht ihre Eitelkeiten im Volkspark pflegen lassen, sondern sie hätten sich nur zum Wohle des HSV eingesetzt. Schade, schade.

 

Ich habe darüber mit Ditmar Jakobs gesprochen, obwohl er zuerst nicht so recht wollte: „Alles das, was es über den HSV momentan zu sagen gibt, das hat Stefan Schnoor heute im Abendblatt bereits getan – das war sehr, sehr gut, das waren viele sehr richtige Dinge dabei. Er hat es auf den Punkt gebracht. Mehr muss man gar nicht sagen.“ Ich habe trotz allem mal nachgebohrt. Zum Beispiel habe ich gefragt, warum es um ihn so still geworden ist, warum er beim neuen HSV nicht mitmacht? Der ehemalige HSV-Kapitän: „Es war klar, dass ich keine Rolle spielen werde. Klar war auch, dass ich HSVPlus unterstützen würde, weil es für mich die einzige Möglichkeit war, innerhalb des HSV etwas zu verändern. Das war die einzige Möglichkeit, und deswegen bin ich als Unterstützer von HSVPlus aufgetreten. Bis zur Mitgliederversammlung, so war es abgesprochen, so hatte ich es mir vorgenommen.“

 

Ich hatte diese Jakobs-Rolle etwas anders interpretiert, nämlich dass er dem HSV, seinem HSV, auch danach noch helfen würde. „Diesen Weg sind wir bis zum Schluss gegangen, Horst Hrubesch und auch Holger Hieronymus. Damit haben wir das gehalten, was wir vorher versprochen hatten, und wir schießen jetzt auch nicht quer.“ Jetzt soll der HSV und seine neue Führung mal machen . . .

 

Was bislang – wenn überhaupt – nur eingeschränkt funktioniert. Es wird mit Thomas Westphal einen neuen Teammanager aus Hannover geben – von Trainer Mirko Slomka geholt. Marinus Bester geht auf seinen alten Posten zurück – fühlt sich allerdings, das ist zugegeben, pudelwohl dabei. Sportchef Oliver Kreuzer hatte das Geschäft mit Zoltan Stieber (kommt aus Fürth) schon vor Monaten eingefädelt – und zog es jetzt durch. Obwohl es durchaus Widerstände gab – aber dieser Transfer war eben schon zu „alten“ HSV-Zeiten angeschoben worden . . . Zudem hat Kreuzer aus seiner Stadt Karlsruhe (und vom Karlsruher SC) den neuen U-23-Trainer (Nachfolger von Rodolfo Cardoso) Josef Zinnbauer geholt – allerdings auch schon vor dem 25. Mai. Damals machte im Prinzip jeder das, was er machen wollte. Hier kommt ein Freund, da der nächste. So holte einst Thorsten Fink aus Basel seinen ehemaligen Spieler Jacques Zoua. Warum? Das weiß in Hamburg bis heute kaum einer. Es sieht alles eher ein wenig nach Klüngel aus, aber nicht nach Profi-Verein.

 

Dabei war und ist meine ganz große Hoffnung doch die, dass man endlich Schluss machen würde mit dem Selbstbedienungsladen HSV. Dass in diesem Verein endlich einmal so richtig gut gearbeitet wird, dass man es als professionell bezeichnen könnte. Noch scheint es weiter drunter und drüber zu gehen, wie es Karl Gernandt nennen würde. Aber wahrscheinlich muss der neue Rat diese Kröte nun noch (bis zum 1. Juli) schlucken, damit es keinen Ärger gibt. Ärger, der dann womöglich in der Öffentlichkeit ausgetragen werden würde.

 

Das sieht wohl auch Ditmar Jakobs so. „Der HSV hat mit dem 25. Mai eine neue Philosophie bekommen, habe ich jedenfalls gedacht, aber diese Philosophie wird bislang nicht umgesetzt. Alles läuft so weiter wie zuvor. Dabei müssten Leute, die zum HSV kommen, sich dieser Philosophie unterstellen, mit diesem Konzept müssten sie konform gehen. Im Moment ist es so, wie es bislang beim HSV schon seit Jahrzehnten war: Sportchef und Trainer bringen ihre Philosophie durch, nicht die des HSV. Und das kann es nicht sein. Nach ein paar Monaten oder Jahren sind diese Leute weg, dann kommen neue Kräfte – und die bringen dann wieder nur ihre Philosophie durch? Und so geht es immer weiter? Dann kommt der HSV doch nie mehr auf einen grünen Zweig. Deswegen wird es Zeit, dass die Philosophie des Vereins umgesetzt wird, deswegen wurden doch jetzt die neuen Strukturen gewählt. Und wenn Sportchef und Trainer damit nicht einverstanden sind, dann müssen sie die Konsequenzen ziehen.“ Jakobs fügt hinzu: „So, wie es zurzeit noch läuft beim HSV, so darf es nicht laufen, das kann es ganz einfach nicht sein, und wie es anders läuft, das zeigt uns Bayern, das zeigt uns Dortmund. Da ordnen sich alle der Philosophie des Vereins unter.“ Mit großem Erfolg. Und selbst bei Mainz 05 ist es so . . .

 

Ditmar Jakobs wirkt leicht desillusioniert: „Ich finde das schade, dass dieses neue Vorhaben, das ja nun gewählt worden ist, ein wenig verwässert. Wirklich schade.“ Und weiter: „Wir wollten, dass die neuen Leute diesem Verein endlich eine Philosophie geben, dass ein neues Konzept mal über drei bis fünf Jahre umgesetzt wird. Und wenn ich jetzt sehe, wer wen da holt, wer einen Platz im HSV erhält, wer sich auch einen Platz innerhalb des HSV sicher will, dann sehe ich das Konzept schon wieder sehr infrage gestellt. Das finde ich schade. Denn da ist bislang nichts passiert, und meiner Meinung nach ist das noch überhaupt nicht richtig gelaufen.“

 

In der letzten Winterpause wurden mit Quasim Bouy und Ola John zwei Spieler vom Trainer geholt, nicht vom Sportchef. So soll es nie wieder laufen – im neuen HSV. Weil Sportchef Oliver Kreuzer bei Trainer Bert van Marwijk keinen Stich landen konnte. Jakobs hat noch ein anderes Beispiel parat: „Diese vier Aussortierten, was wurden die niedergetrampelt innerhalb des HSV. Wer hat damals nicht alles gesagt: ‚Unter meiner Führung spielen die nie mehr, sonst gehe ich . . .’ Und dann? Plötzlich spielten sie alle wieder. Und? Ist deswegen einer von seinem Posten zurückgetreten? Ich habe keinen gesehen. Aber ich weiß nur, dass der HSV ohne diese vier Aussortierten abgestiegen wäre. Das kann doch so nicht gehen. Diese vier Spieler wurden total verdammt, und niemand ist dagegen eingeschritten.“ Auch von „ganz oben“ niemand.

 

Stichwort Philosophie. Ditmar Jakobs sagt: „Das beinhaltet, wie ich mich als Verein in der Öffentlichkeit gebe, wie ich mich innerhalb des Clubs gebe, welches spielerisches Konzept ich habe, welche Spieler möchte ich haben, um dieses Konzept auch umsetzen zu können, wie die Nachwuchsarbeit laufen soll, ob ich vorzugsweise Leute aus der norddeutschen Region haben möchte – all das muss nach außen gekehrt werden. Der HSV muss wieder hanseatisch werden. Und Sportchef und Trainer müssen sich diesem Konzept voll unterordnen.“

 

Ob das alles so gehen wird, wie es sich die neuen Führungs-Herren vorstellen, oder vorgestellt haben? Weil ja doch Männer wie Mirko Slomka und Oliver Kreuzer zu anderen HSV-Zeiten geholt worden sind. Zu Zeiten, in denen der HSV wie ein Kaninchenzüchter-Verein geführt wurde.

 

So, zum Schluss noch etwas Aktuelles vom Tage:

 

Zhi Gin Lam hat heute einen Drei-Jahres-Vertrag mit dem Zweitliga-Club (!) Greuther Fürth unterschrieben – für ungefähr 200 000 Euro Ablöse.

 

Der designierte AG-Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer weilte (weilt) heute in St. Petersburg, um seine Freigabe von Zenit zu erreichen. Bislang war nichts aus Russland zu vernehmen, ob diese Visite erfolgreich gewesen ist. Im HSV allerdings geht niemand mehr davon aus, dass dieser Deal noch platzen wird – Beiersdorfer kehrt zurück, ohne wenn und aber. Ich gehe, sonst bin ich da ja ein wenig vorsichtiger geworden, mal ganz mutig von 100 Prozent aus.

 

Dann stand in der „Bild“ eine Meldung, die aufhorchen ließ. Danach steht Hakan Calhanoglu an 13. Stelle der besten Fußball-Talente der Welt. Und dafür will Bayer Leverkusen nur zwölf Millionen Euro zahlen? Ein Witz! Zumal „Hackis“ Vertrag doch noch bis 2018 läuft. Wie es zu gehen hat, das hat Stefan Schnoor (auf Seite 26) heute ebenfalls schon erklärt. Nur so und nicht anders. Denn Leverkusen hat heute gerade seinen Spieler Can an Liverpool verkauft – für zwölf Millionen Euro. Da stimmt doch die Relation nicht, oder liege ich da falsch?

 

Das war es dann für heute in groben Zügen. Wir sind gleich, ich tippe mal auf 18.10 Uhr (auf jeden Fall in der Gegend), mit „Matz-ab-live“ auf Sendung. Unsere Gäste sind „Matz-abber“, mit denen ich über die abgelaufene Saison sprechen werde, über die abgelaufene Mitgliederversammlung, die neuen Strukturen und die neue Saison. Wäre toll, wenn Ihr wieder so zahlreich zusehen könntet.

 

Einen schönen Feierabend wünscht Euch Dieter.

 

17.22 Uhr

Nächste Einträge »