Archiv für das Tag 'Hesl'

Mit dem Abstieg hat der HSV nichts zu tun . . .

3. März 2013

HSV-Trainer Thorsten Fink hat nach der herben 1:5-Pleite bei Hannover 96 Konsequenzen angekündigt. „Wir werden keinen Tag frei machen diese Woche. Das ist schon einmal ein ganz gutes Zeichen, um der Mannschaft zu zeigen, dass es so jetzt nicht weitergeht. Wir wollen weiterkommen, wir wollen den nächsten Schritt machen und am Wochenende gewinnen“, sagte der Coach am Sonntagabend im NDR Sportclub und unterstrich: „Ich will eine andere Ausstrahlung sehen. Wir werden die Zügel im Training anziehen und auch die Ansprachen werden sicherlich klarer und direkter sein.“

Dieser kurze Rückblick sei mir gestattet. Vor einer Woche saß Thorsten Fink beim NDR in Lokstedt und gab die Woche vor. Und wie es gegen den Tabellenletzten Greuther Fürth gehen sollte.
Sollte.

Auf dem Weg in die Redaktion traf ich heute HSV-Fan „Franky“. Der sagte nur: „Eigentlich müsste der Trainer nach diesem Dilemma nur noch von seiner B-Jugend sprechen . . .“ Weil das 1:5 von Hannover ja von der A-Jugend verursacht worden war. Und: Die intensive Trainingswoche – ohne freien Tag – müsste jetzt eigentlich noch gesteigert werden: Keinen freien Tag, dafür aber jeden Tag zweimal Training.

Nun gut, ich will nicht übertreiben. Obwohl ein solcher Auftritt wie der gestern einem schon Tränen in die Augen treiben kann. Aber ich hatte ja auch (nur) ein 0:0 erwartet. Und viele der Zuschauer von 47 207 bis 55 500 wohl auch, denn sie sind erst gar nicht in den Volkspark gekommen. 47 206 gegen ein Schlusslicht ist zwar eine bemerkenswerte Zahl, aber bedeutet nun einmal auch Minusrekord in dieser Saison.

So, ans Eingemachte. Erst einmal muss ich wohl gestehen, dass ich bei der Beurteilung von Tolgay Arslan „etwas“ daneben lag. Ich hatte dem Einwechselspieler attestiert, für eine Belebung gesorgt zu haben. Ich hatte mich auch ganz kurz noch mit „Scholle“ abgesprochen, aber jeder, der hinterher von diesem Spiel sprach (oder schrieb), vertrat die Meinung, dass Arslan nichts gebracht hätte. Manche waren deswegen sogar total enttäuscht.
Ja, so kann es gehen. Auch mir. Das sage ich nur jenen, die vielleicht meinten, ich wäre bei einem anderen Spiel gewesen. Wobei ich zugeben muss, das parallel zum Kick im Volkspark ja auch die Oberliga-Partie zwischen Bramfeld und BU lief. Da wäre ich schon gerne gewesen, ein Traditions-Derby, obwohl „mein“ BU ja richtig auf die Nuss bekommen hat – 0:6. Da war mir ein 1:1 zwischen dem HSV und dem Bundesliga-Letzten Fürth dann doch etwas näher . . .

In meinen Augen aber hatte der HSV noch etwas Glück, dass es am Ende 1:1 hieß, denn die Fürther hatten ja auch einige Groß-Chancen – und hätten in der 69. Minuten eigentlich einen Elfmeter bekommen müssen. Da hatte Rene Adler einen Fernschuss nur abklatschen können, und der Fürther Klaus, der Sohn des ehemaligen HSV-Spielers Fred Klaus, hätte wohl sehr gut nachschießen können, doch Jansen fuhr ihm in die Parade. Ich habe ein Foul gesehen, Jansen wohl auch, denn er sprang nach diesem Zweikampf blitzschnell wieder auf, blickte auf den Berliner Schiedsrichter Siebert und zog sofort den Sprint nach vorne an. Das schlechte Gewissen war dem HSV-Profi dabei bis hoch auf die Tribüne an zusehen. Keiner hätte sich meines Erachtens über einen Elfmeterpfiff beschweren können – aber wahrscheinlich hätte Adler diesen Schuss dann ja auch gehalten . . .

Der HSV ist mit diesem 1:1 aus jenen Rängen heraus gefallen, die zum Start in Europa berechtigen. Ich will davon auch nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Nur so viel möchte ich noch loswerden: Nicht die Stadt, nicht die Presse, nicht die HSV-Fans sollen von einem internationalen Startplatz für den HSV reden, sondern die Mannschaft müsste es nur einmal zeigen. So wie in Dortmund, so wie danach nicht mehr. Der Ruck müsste durch diese Mannschaft gehen, dieser Ruck kann nicht von außen kommen. Kommentar von Thorsten Fink: „Man muss die Chancen nutzen, wenn man den Tabellenletzten schlagen will, aber es fehlte an der letzten Überzeugung, den Ball rein zu machen.“

Eigentlich, das muss ich schon gestehen, halte ich es allmählich für unnötig, auf die Statistik dieses Spiels zu verweisen, aber wer daran Interesse hat, bitteschön:

Tore 1:1.
18:6 Torschüsse für den HSV, 5:1 Ecken für den HSV, 12:1 Flanken für den HS-V, 62:38 Prozent Ballbesitz für den HSV, 52:48 Prozent gewonnene Zweikämpfe für den HSV, 11:8 Fouls für den HSV, 3:8 Abseitsstellungen – für Fürth. De meisten Torschüsse gab Rafael van der Vaart ab (drei), die meisten Torschussvorlagen ab ebenfalls van der Vaart ab (vier), die meisten Balkontakte hatte Heiko Westermann (130), die beiden besten Fürther, Sobiech und Baba hatten jeweils 60! Westermann war auch der Zweikampfstärkste, er gewann 92 Prozent seiner Duelle – Baba brachte es als Bester des Schlusslichts auf 71 Prozent.
Aber was bedeuten diese Zahlen schon? Nichts. Das Spiel bleibt trotz allem erschütternd. Und die 1:1 Tore ebenfalls.

Kommentar von Marcell Jansen: „Wir müssen die Bundesliga so nehmen wie sie ist.“ Und das wussten wir alle doch auch vorher: Außer Bayern, die in einer anderen Liga spielen, kann ihr an gewissen Tagen jeder jeden schlagen. Und es kann auch mal ein Tabellenletzter bei einem Tabellensechsten einen Punkt entführen. Torschütze Maximilian Beister sagte: „Es ist frustrierend. Vielleicht hätten wir es mit letztem Willen erzwingen müssen.“ Vielleicht. Dass der HSV mit diesen enttäuschenden Minuten bereits alles verspielt hat, davon wollte und will Beister nichts wissen: „Noch ist gar nichts entschieden. Die Saison ist noch sehr, sehr lang.“ Und was ist mit der Europa League und dem HSV? Beister: „Die Qualität haben wir.“

Thorsten Fink allerdings widersprach in seinem Resümee ein wenig: „An der Einstellung lag es nicht, es fehlte die letzte Überzeugung. Die Mannschaft hatte das Vertrauen verloren. Und in der zweiten Halbzeit auch die Linie verloren. Man sieht einfach, dass die Mannschaft nicht so gefestigt ist. Unsere Ziele waren ja aber nicht da oben.“ Um dann festzustellen: „So ein Spiel muss man gewinnen – aber mit dem Abstieg werden wir sicher nichts mehr zu tun haben.“
Und das ist ja auch schon etwas. Ernsthaft. Denn (auch) vor dieser Saison hatten ja viele (auch ich) arge Bedenken, dass es so weitergehen könnte, wie in der Saison 2012/13. Dass das Thema Abstieg so schnell abgehakt werden konnte – das ist schon sehr, sehr gut. Und, um es noch einmal zu sagen, das ist mein bitterer Ernst. Alles das, was nun über Platz zehn hinaus kommt (noch oben, nur nach oben), das ist die Zugabe. Und wenn dann die Mannschaft eines Tages tatsächlich etwas mehr gefestigter ist, dann geht es auch wieder mehr nach oben.

Das sollten auch die Zuschauer bedenken. Dass sie zur Pause und nach dem Spiel pfiffen, das war völlig vorhersehbar – und auch normal. Dennoch hätte es wohl die eine oder andere Anfeuerung noch mehr geben können (Ausnahme im Norden). Kurz-Kommentar dazu von Dennis Aogo: „Die Fans wissen manchmal nicht, welchen Einfluss sie haben. Ich wünsche mir manchmal mehr Geduld von den Rängen, die Pfiffe machen uns nicht größer und selbstbewusster.“
Und nun weiß ich, dass sich wieder einige (mehr?) Fans darüber aufregen, dass Aogo es wieder einmal wagt, davon zu sprechen. Ich finde aber, dass er nicht so Unrecht hat.

Ganz kurz noch zu einem „Heimkehrer“. Wolfgang Hesl, der Fürther Torwart. Lief mir vor dem Anpfiff über den Weg. Ich erzählte ihm von meinem Tipp: „Wolfgang, ich glaube es wird am Ende 0:0 stehen.“ Er konterte: „Du hast ein Tor vergessen – das von uns . . .“ Nach dem Spiel sagte Hesl dann: „Hier wäre mehr drin gewesen für uns, leider fehlte uns die Kaltschnäuzigkeit.“

Letzteres trifft aber ja nicht nur auf Fürth zu. Der HSV vergab ja auch gute und beste Möglichkeiten. Die größte hatte van der Vaart auf dem linken Fuß, aber er wollte es wohl zu schön machen . . . Was ich kritisieren möchte ist das: Oftmals wurde einfach mal auf das Tor „geballert“, ohne Rücksicht auf Verluste. Soll heißen: In vielen Szenen stand ein Mitspieler deutlich günstiger, er hätte den Ball wahrscheinlich ins Tor befördert, aber der Egoismus einiger Jungs (Beister, Heung Min Son) verhinderte es. Beister hätte in der dritten Minuten nur quer legen müssen, und das Tor des HSV wäre – von Artjoms Rudnevs erzielt – nicht mehr zu verhindern gewesen. Beister aber versuchte es im Alleingang, mit einem Heber über Hesl, mit einem Sprung über Hesl – und dann kam er ins Straucheln, oder es fehlte ihm die Kraft, um noch zum Abschluss zu kommen. Das war schon enttäuschend. Natürlich heißt es im Fußball, dass ein Torjäger egoistisch sein darf (oder auch muss), aber diesmal wurde das übertrieben. Und ich habe oft auf Rafael van der Vaart geachtet. Er hat die Dinger vielfach eingefädelt (in Habzeit eins), lief sich frei, lief in Stellung, hoffte drauf, dass er den Ball wiederbekäme – aber da kam nichts. Außer einem oftmals sinnlosen „Geballere“ . . . Aber daran kann in dieser Woche ja auch noch ausreichend gearbeitet werden.

Was mir auch noch auffiel: Wo ist die „Kante“ in der HSV-Defensive, die mal „gehörig dazwischenfegt“? Die den gegnerischen Angreifern kaum Platz zum Atmen lässt, ihnen auch schon mal das Fürchten lehrt. Da „haut“ ja niemand mal richtig dazwischen – und wie sagte es Thorsten Fink noch nach dem Debakel in Hannover: „Das war ja mehr Begleitschutz . . .“ Diesmal wieder. Wie die Chorknaben, alle sind nur noch mit Samthandschuhen unterwegs. Das heißt, nicht ganz. Im Training in der vergangenen Woche, das flogen am Montag ja noch die Fetzen. Aber das war leider nur im Training. Ist schon komisch, dieser unser HSV.

Verletzte HSV-Spieler gab es nach diesem 1:1 nicht beklagen, allerdings besteht bei Torwart Jaroslav Drobny die Gefahr eines Muskelfaserrisses in der Wade. Der Tscheche verspürte ein Stechen, und das dürfe ihn nun für einige Tage (oder Wochen?) außer Gefecht setzen. Ganz leichte Wadenprobleme hat auch der Kapitän, doch Heiko Westermann wird wohl bereits am Dienstag (das nächste Training – um 15 Uhr) wieder mit der Mannschaft trainieren können.

So, und nun kann sich das Team auf das Auswärtsspiel in Stuttgart vorbereiten. Und mal sehen, ob man da eine etwas andere Mentalität an den Nachmittag legen kann. Vielleicht so wie in Dortmund? Abwarten. Und danach? Der nächste Club, der dann nach Hamburg kommt, ist der FC Augsburg. Kanonenfutter Wie Greuther Fürth? Zu diesem Thema nur so viel: Augsburg ist bis heute das viertbestes Rückrunden-Team, schaffte einen wichtigen Sieg mit dem 1:0 in Bremen. Die Augsburger rennen und kämpfen, ziehen an einem Strang. So wie Fürth, nur noch einen Tick besser.

Zum Schluss möchte ich noch einmal über den Tod von Horst Eberstein schreiben.
Das HSV-Urgestein Horst Eberstein verstarb am Freitagabend im Alter von 83 Jahren. Das ehemalige Aufsichtsrats-Mitglied gehörte dem HSV seit 1954 an. Für mich einer der größten HSVer, die ich jemals kennengelernt habe, und zudem ich über Jahrzehnte aufgeschaut habe. Was auch immer im Verein passiert war, Horst Eberstein wusste es. Er hat HSV nicht nur gelebt, er war HSV. Das sagt man vielleicht oft, aber in diesem Falle ist es die absolute Wahrheit. Horst Eberstein hat seit seinem Vereinseintritt immer 100 Prozent für den HSV gegeben, wann immer er etwas tun konnte – er tat es. Mit Begeisterung. Als ehemaliges Mitglied des Amateurvorstandes war er in allen Abteilungen zu Hause, aber er, der einst als Leichtathlet begonnen hatte, war natürlich hauptsächlich Fußballer. Bei den Amateuren, und dann, als sein großer und langjähriger Freund Gerd-Volker Schock Profi-Trainer geworden war, auch als „guter Geist“ und bienenfleißiger Betreuer bei den Bundesliga-Spielern.

Eberstein war in vielen Ämtern für den HSV tätig, er war auch Mitglied im Ehrenrat – sein Rat wurde geschätzt, auf ihn wurde gehört. „Wo bei anderen Menschen ein Herz schlägt, schlägt bei mir die Raute“, sagte er einst. Horst Eberstein war fachlich stets auf der Höhe, er war dann, wenn es angebracht war, auch durchaus kritisch, aber er hat seinen HSV immer im Herzen gehabt. Oft stand er mit seinem Hund beim Training, mit ihm suchten sie alle das Gespräch – so auch Trainer und Sportchef.

Ich werde ihn sehr vermissen, Horst Eberstein wird für mich stets ein Vollblut-HSVer sein. Mein und unser Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Angehörigen.

Mach’s gut, Horst – so wie immer.

17.21 Uhr

Fink: “0:0 ist besser als ein 6:6 . . .”

19. Januar 2013

„Immer noch mal quer, und immer noch mal quer – Mensch, schieß doch mal. Das kann doch nicht wahr sein!“ Heiko Westermann war obergenervt, denn wieder einmal hatte Heung Min Son einen Ball in vielversprechender Lage – vor dem Tor von Rene Adler – am Fuß, doch statt den Abschluss zu suchen, wurde die Kugel noch einmal und noch einmal quer gelegt – bis es für einen Schuss zu eng und damit zu spät war. Was Kapitän Westermann nicht wusste: Als ihm nach dieser Situation der Kragen geplatzt war, beendete Trainer Thorsten Fink das Abschlussspielchen am Volkspark. 0:0 hieß es zwischen der gedachten Anfangsformation für das Nürnberg-Spiel und den Reservisten. Wobei die B-Elf noch in Person von Marcus Berg und Gojko Kacar die besseren Möglichkeiten auf dem Fuß hatte – aber entweder schossen die Spieler daneben, oder der glänzend aufgelegte Sven Neuhaus parierte. Neuhaus wird ja den am Rücken verletzten Jaroslav Drobny als Ersatzkeeper ersetzen, aber selbst wenn der 34-jährige Routinier an der Noris zwischen die Pfosten müsste, wäre mir nicht bange – er ist in sehr guter Verfassung. Und was mir an Neuhaus besonders gefällt: Er ist laut, er dirigiert seine Vorderleute voller Engagement, er stellt sie super und er motiviert sie ganz hervorragend. So wie es sein muss. Rene Adler macht es ja auch, aber der ist auch die Nummer eins des HSV, ist voller Selbstvertrauen und steht voll im Saft. Neuhaus aber war bislang nur die Nummer vier, ist nach dem Verkauf von Tom Mickel jetzt die Nummer drei – macht aber trotz allem, und so ist es genau richtig, den Mund auf. Vorbildlich. Übrigens: Mickel steht beim Spiel seines neuen Klubs Greuther Fürth in München gegen die Bayern nicht im Tor, dafür lässt der ehemalige HSV-Schlussmann Wolfgang Hesl gerade eine Lusche zum 1:0 für den Rekordmeister reinrutschen . . .

Zurück zum Abschlusstraining des HSV. Bitter kalt war es – durch den Ostwind, richtig unangenehm, gefühlte minus zehn Grad. Deswegen war in dieser Einheit stets Tempo drin, damit ja niemand steht und sich erkältet. Laufen, laufen mit Ballschule, Torschüsse auf zwei Tore und die Nullnummer gab es zu sehen. Und Thorsten Fink wirkte nicht unzufrieden, denn er sagte: „Besser ein 0:0 als ein 6:6. Bei so vielen Toren würde man ja graue Haare bekommen – nein, auf ein 0:0 lässt sich aufbauen.“ Und besser ohne Tore als ein 4:5 (wie aus Sicht von Hannover 96). Mensch, was waren das für Fehler auf Schalke! Jeder Schuss ein Treffer. Da stellte sich die Abwehr des HSV heute doch wesentlich besser an – auch wenn nicht alles glückte. Erfreulich war, wie gut Petr Jiracek schon wieder mitmischte – so könnte es bis zum Werder-Spiel am Sonntag in einer Woche durchaus etwas werden. Fragt sich nur, für wen der Tscheche dann in die Mannschaft käme. Es darf gerätselt werden, auch wenn es noch hin ist. Zentral hinten spielt Milan Badelj, zentral vorne Rafael van der Vaart, rechts Tolgay Arslan, links Dennis Aogo. Wer müsste dann raus? Und Jiracek auf einen Flügel? Das sah, als er dort spielte, nicht unbedingt so gut aus . . .

Okay, es ist noch Zeit, aber der HSV wird dieses Luxus-Problem eines Tages bekommen. Wobei es natürlich auch wieder eine System-Änderung geben könnte – mit zwei Sechsern: Badelj und Jiracek. Es bleibt spannend. Auch wie sich Arslan und Dennis Aogo weiter entwickeln und in ihren Rollen zeigen. Aogo war heute nicht unbedingt und vordringlich auf der linken Seite zu finden, sondern „turnte“ wieder überall herum – als kleines „Laufwunder“. Bitter ist die Situation ja nun für Per Ciljan Skjelbred sein, der zuletzt ja fast immer eine gute Benotung für seine Spiele (als Van-der-Vaart-Vertreter?) erhalten hatten – und nun plötzlich wieder nur Ersatz sein wird. Das ist Schicksal. Mir tut der Norweger ein wenig Leid, denn er hat sich zuletzt enorm reingehängt und seine Sache wirklich gut gemacht – aber wie heißt es so schön: Konkurrenz belebt das Geschäft. Jetzt muss sich im Mittelfeld jeder zeigen (und Leistung bringen), sonst kommt Skjelbred. Und wer weiß, wie lange van der Vaart morgen in Nürnberg durchhalten wird. Wobei ich ihm selbstverständlich die Daumen drücke, dass es über volle 90 Minuten und die eine oder andere Sekunde auch länger gehen wird. Im Training heute hielt sich der vollbärtige Niederländer ein wenig im Hintergrund auf. Was bestimmt nicht dazu führte, dass der Regisseur und sein Trainer gemeinsam vom Trainingsplatz und bis kurz vor die Kabine gingen – sich über dies und jenes unterhaltend.

Eine kleine Schrecksekunde hatte heute Tomas Rincon zu überstehen, denn er wurde von Heung Min Son ziemlich unsanft in den Rasen befördert. Ohne dass der Trainer pfiff! Rincon blieb einige Sekunden am Boden liegen, humpelte danach auch einige Minuten über das Geläuf – nicht gerade freundlich auf Son blickend. Ich habe mir bei dieser Szene gedacht: „Sieh an, sieh an, der Sonny. Im Spiel springt er lieber mal drei Meter hoch, um nicht getroffen zu werden, aber im Training legt er kurzerhand mal den Popeye flach. Der Junge lernt von Tag zu Tag dazu – jetzt muss er es nur auch mal im Spiel mal zeigen, dass er austeilen und einstecken kann.“
Und noch einmal hatte es bei diesem Spielchen „geknallt“ – als Artjoms „Rudi“ Rudnevs gegen Slobodan Rajkovic zutrat. Da trat ein Bär den anderen – Rajkovic schien der Verlierer dieses Duells zu sein, denn „Rudi“ stand als erster Spieler wieder aus, während sich Rajkovic auf dem Rasen sitzend das Schienbein rieb. Und wo ich gerade bei Slobodan Rajkovic bin: Er blieb in Hamburg, dazu auch Gojko Kacar und (noch einmal) Petr Jiracek. Nicht mitgeflogen ist auch Zhi Ging Lam, der eine Sehnenscheiden-Entzündung im Knie erlitten hat. Paul Scharners Schleudertraum ist bereits bekannt.

Nach dem heutigen Training gab es – trotz der sibirischen Kälte – noch einige Sonderschichten. Lobenswert! Ronny Teuber nahm sich ganz allein Rene Adler vor, Nikola Vidovic trainierte mit Jiracek „an der Wand“. Zehn Mal musste „Jira“ den Ball an die Wand befördern, danach über zehn Meter sprinten – und dann um den kleinen Trainingsplatz laufen. Und dann begann es wieder von vorn. Das dauerte so seine 20 Minuten. Unterdessen sprinteten Gojko Kacar und Slobodan Rajkovic um die Wette. In Etappen: Erste fünf Meter, dann zehn Meter, dann 15 Meter. Und wieder von vorn. Für mich blieb es aber ungeklärt, ob diese beiden Spieler eine freiwillige Zusatzschicht eingelegt hatten, oder ob es auf „Befehl von oben“ geschah. Ich habe allerdings keinen „Befehl“ und auch keinen „Befehlshaber“ gesehen, der diese Schicht auch noch beaufsichtigte. Rajkovic und Kacar liefen für sich allein. Und das nenne ich ebenfalls lobenswert. Weil das bei der Kälte ganz gewiss nicht selbstverständlich ist.

Nun bin ich – wie ihr – sehr gespannt auf den Auftritt des HSV in Nürnberg. Trainer Thorsten Fink hatte ja vor einer Woche bereits gesagt, dass er von seiner Mannschaft einen Sieg erwartet. Nun hat der Coach auch noch gesagt, dass der HSV ja etwas „gutzumachen“ habe – weil dieses 0:1 im Hinspiel ganz besonders grausam war. Allerdings zucke ich bei dem Wort „Wiedergutmachung“ immer innerlich zusammen – denn das hat, so sagt es mir mein Gefühl, beim HSV noch nie so richtig geklappt. Im Gegenteil, meistens ging der Schuss dann sogar nach hinten los.

Und obwohl Nürnberg dem HSV (in der Vergangenheit) sehr oft lag, es gibt dort ja noch einen Trainerwechsel, der nun sein erstes Bundesliga-Spiel erlebt. Und wie gut sich das Gespann Wiesinger/Reutershahn dann machen wird, zeigt sich am Sonntag von 15.30 Uhr an. Apropos Reutershahn: Er war ja einst jahrelang beim HSV der Assistent des Chef-Trainers. 1997 holte ihn Frank Pagelsdorf von Bayer Uerdingen nach Hamburg, dann blieb Armin Reutershahn auch noch bei Kurt Jara und auch bei Klaus Toppmöller noch die rechte Hand. Erst mit dem Wechsel von Toppmöller auf Doll (im Oktober 2004) war für Reutershahn das Kapitel HSV beendet. Ich gebe zu, ich hätte damals nicht gedacht, dass ich ihn eines Tages als Chef-Trainer eines Bundesliga-Vereins begrüßen werde, denn Reutershahn, der unbestritten viel Ahnung vom Fußball (!) hat, war mir stets einen Tick zu leise und zu introvertiert. Und er war mir auch – im Zusammenspiel mit den ausgebufften Profis – immer ein wenig zu lieb; er ist ein ganz, ganz „menschlicher“ (um nicht das Wort „nett“ zu benutzen) Mensch. Jetzt aber wird es sich zeigen, ob ich mit meiner damaligen Einschätzung verkehrt lag, denn als Erstliga-Trainer muss man ganz sicher auch ab und an ein harter Hund sein. Und ich wünsche ihm sicherlich auch alles Gute auf seinem neuen Weg, es muss ja nicht gleich mit einem Sieg (gegen den HSV) beginnen . . .

PS: Bitte nicht vergessen, wir gehen morgen nach dem HSV-Spiel in Nürnberg wieder mit “Matz ab live” auf Sendung, diesmal aus dem Hotel “Elysee”. Gäste von “Scholle” und mir werden dann der frühere Nationalspieler Klaus Zaczyk und Europapokal-Sieger Hans-Jürgen “Ditschi” Ripp sein.
Wir würden uns sehr über euer Einschalten freuen . . .

18.07 Uhr

Westermann macht Druck – und Berg will spielen

17. August 2011

Es ist schon fast beeindruckend, mit welcher Überzeugung Heiko Westermann agiert. Auf dem Platz ackert der Kapitän bis nichts mehr geht. Und drumherum gibt er sich unbeirrt optimistisch. Die Pfiffe gegen ihn, die Kritik, die Misserfolge gegen Dortmund und Hertha, zudem die letzte Nichtberücksichtigung für das Brasilien-Länderspiel – nichts kann den 28-Jährigen erschüttern, geschweige denn von seiner Meinung abbringen, dass mit diesem HSV noch einiges zu holen ist. „Wir haben sicher noch nicht die perfekte Abstimmung gefunden – aber wir denken nicht mehr zurück sondern freuen uns auf das Bayern-Spiel. Wir müssen einfach das besser machen, was wir in den ersten beiden Spielen nicht so gut gemacht haben.“

Logisch. Aber was genau war falsch? Und wie wird es besser? „Wir haben zu viele Räume zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Uns fehlt die Abstimmung. Der Wille ist zwar da, aber das sieht dann manchmal komisch aus, weil da noch zu wenig ineinander greift. Das hat uns die ersten zwei Spiele die Punkte gekostet.“ Insbesondere, weil das zentral-defensive Mittelfeld (gegen Dortmund mit Kacar/Rincon, gegen Hertha mit Westermann zunächst als einzige Sechs) nicht funktionierte. „Gegen Berlin hatten wir einfach zu große Abstände zwischen den Mannschaftsteilen“, phrasiert Westermann, „dadurch habe wir keinen Druck auf den Ball gekriegt – und dann sieht man schon mal nicht so gut aus. Dann wird es schwer, überhaupt in den Zweikampf zu kommen.“ Doch anstatt wieder um Geduld und Zeit zu bitten, macht der Kapitän Druck: „Das müssen wir lernen, ganz schnell. Sonst wird es schwer.“ In München soll aller Voraussicht nach der zuletzt erst gegen Hertha eingewechselte David Jarolim wieder im Mittelfeld ab- und aufräumen. Eine Entscheidung, die Westermann nachdrücklich befürwortet. „Seine Erfahrung wird uns helfen, er wird das schnell umsetzen können.“

Eine gute Erfahrung hatte der HSV bereits beim 2:1-Sieg im Liga-Total-Cup gemacht. „Das war sicher nur Vorgeplänkel. Aber wir haben im Hinterkopf, wie es funktionieren kann.“ Und zwar aus einer kompakten defensive mit schnellen Kontern. „Wir haben es damals gut gemacht. Wir haben auf Konter gespielt und wenig bis nichts zugelassen.“ Eine Methode, die funktionieren könnte. Glaubt Westermann. „Nur so geht es. Denn die Bayern werden auch diesmal wieder 70 Prozent und mehr Ballbesitz haben.“ 70 Prozent? „Na ja“, sagt Westermann, „so viel haben die doch immer. Stimmt zwar nicht ganz. Aber sinngemäß ist es nicht falsch, da die Bayern natürlich in fast jedem Spiel dominant agieren.

Auch deshalb frage ich mich, ob der HSV mit dem sicher nicht sprintstärksten Mladen Petric hierbei am besten besetzt ist. Zumal der Kroate heute mit einem leichten grippalen Infekt nur im Trainingstrakt blieb und sich behandeln ließ. Nein, die Frage ist doch, sollte es tatsächlich – wie in Mainz – besser sein, mit den schnellsten Offensivkräften zu beginnen. Und: nur weil Jansen derzeit auf links die beste Figur macht, kann man dann ganz auf Eljero Elia, dem laut italienischen Online-Medien ein Angebot von Real Madrid vorliegen soll, komplett verzichten? Oder muss man sich von dem Gedanken lösen, dass er nur links spielen kann und den Niederländer auf der rechten Außenbahn oder gar hinter der Spitze aufbieten? Ich denke schon. Denn wenn Elia eines hat, dann Tempo…

Offensiv ebenfalls eine Option ist auch wieder Marcus Berg. Bislang zwar nur für Teileinsätze, aber er ist eben wieder da. „Ich bin fit, kann spielen“, sagt der introvertierte Schwede, den man am liebsten immer wieder in den Arm nehmen würde. Nicht, weil er heute Geburtstag hat – Herzlichen Glückwunsch zum 25. Geburtstag noch mal von dieser Stelle! – nein, auch, weil der teuerste Einkauf der 124 Jahre alten Vereinsgeschichte immer so zurückhaltend und scheinbar schüchtern antwortet.

Grund für großes Selbstvertrauen hat der Angreifer in Hamburg nicht sammeln können. Allerdings glaubt er selbst daran, dass es jetzt besser wird. „Als ich hergekommen bin, hatte wir hier viele große Namen und viele ältere Spieler. Da war es nicht so leicht für mich als jungen und neuen Spieler.“ Das sei jetzt anders. „Ich bin nicht nur plötzlich der sechst- oder siebtälteste Spieler, sondern wir haben auch eine bessere Gemeinschaft, agieren als Team. Das hat es leicht gemacht, wieder reinzufinden.“

Nun muss ich zugeben, mich damals beim Kauf Bergs geärgert zu haben. Für mich war es der panische Aktionismus von Bruno Labbadia und vor allem Bernd Hoffmann, der sich damals die Bürde des Sportchefs quasi mitauferlegt hatte und mit allen Mitteln Erfolg haben wollte (musste). Und obwohl es bislang nicht wirklich viel Anlass gibt, meine Meinung über Bergs fußballerische Qualitäten zu ändern, ist es zumindest nur fair, ihm die gleiche Anlaufzeit wie allen anderen innerhalb dieses Umbruchs zu gewähren. Zumal er im Training vor dem Tor eiskalt ist und selbst über sich sagt, in der Leihsaison beim PSV Eindhoven seinen bislang größten Schritt nach vorn gemacht zu haben. „Es war hart, aber lehrreich, weil ich dort das erste Mal als einzige Spitze gespielt habe, nachdem ich immer einer von zwei Angreifern war – was ich auch lieber spiele. Ich habe gelernt, mich auf andere Situationen einzustellen, mich auch mit dem Rücken zum Tor zu behaupten. Trotzdem war es für mich immer klar, nach dem Jahr in Eindhoven zurück nach Hamburg zu gehen. Hier habe ich drei Jahre Vertrag, hier will ich was erreichen.“

Allerdings nicht um jeden Preis. Noch hat Berg leichte Probleme, weil seine Rückenmuskulatur noch nicht wieder vollständig hergestellt ist nach rund einem Monat Pause. „Ich fühle mich grundsätzlich gut, auch wenn ich noch nicht bei 100 Prozent bin. Es wird sicher noch etwas dauern, aber ich mache mir keinen Stress.“ Über Teileinsätze in der Bundesliga oder auch Spiel für die Regionalliga-Mannschaft will Berg seine Wettkampffitness erreichen. Was sein Eindruck von der Mannschaft ist? Auch im vergleich zu der Mannschaft vor einem Jahr? „Wir sind jünger, haben Erfahrung verloren aber noch immer sehr viel Qualität. Es wird alles noch ein wenig dauern, aber wir haben das Potenzial.“ Sätze, die ich echt nicht mehr hören mag – von denen ich aber hoffe, dass sie sich irgendwann bewahrheiten. Und zum Glück legte Berg noch nach: „Wir haben dieses Jahr große Ziele. Wir wollen besser abschneiden als in der vergangenen Saison. Das klingt nach dem viel kritisierten Start vielleicht etwas verrückt – aber dafür haben wir die Qualität. Und wir kommen als Team immer mehr zusammen. Schaffen wir eine Einheit, haben wir eine große Chance.“

Auch in München.

In diesem Sinne, lasst uns wachsen. Schnell.

Scholle (18.26 Uhr)

P.S.: Ein Wechsel von Änis Ben-Hatira zu Hertha BSC Berlin scheint immer wahrscheinlicher. Beim HSV aktuell nur Reservist, drängt der in Berlin aufgewachsene Offensivspieler jetzt offenbar selbst auf einen Wechsel in die Hauptstadt. Zumindest behauptet das Ex-HSV-Profi Tunay Torun: „Änis will zu uns, das hat er mir gesagt“, so Herthas Torschütze zum 1:1 am vergangenen Sonnabend. Rund zwei Millionen Euro beträgt der Marktwert Ben-Hatiras. Ein Betrag, den Hertha stemmen könnte, wenn sie ihren Angreifer Rob Friend loswerden. Und ich bin mir sicher, dass der HSV auf eine ebenso hohe Ablösesumme pochen wird, damit man selbst noch mal auf dem Transfermarkt reagieren kann.

P.P.S.: Das wiederum bringt mich zu einer häufiger gestellten Frage danach, warum der HSV für Wolfgang Hesl keine Ablösesumme verlangt hat. Ich glaube, dass dies aus zwei Gründen passiert ist. Zum einen, weil man dem 25-Jährigen Spielpraxis ermöglichen wollte, die er bei Oenning nicht bekommen hätte. Zudem, und das ist sicher deutlich entscheidender gewesen, soll es ein Missverständnis zwischen Arnesen und Oenning gegeben haben, das sie dem Spieler gegenüber auch eingeräumt haben. Demnach soll Arnesen bei seinen Überredungsversuchen, Hesl nach Hamburg zu locken, nicht gewusst haben, dass Oenning nicht wirklich mit dem damals an den SV Ried verliehenen Keeper plant. Sollte dem so gewesen sein, wäre es ein Gebot der Fairness, Hesl bei einem Wechsel keine Steine in den Weg zu legen. Und eine Ablösesumme von mehreren Hunderttausend bei einem Gesamtmarkwert von gerade 300000 Euro wäre in diesem Zusammenhang nicht nur ein Stein, sondern gleich ein ganzer Berg gewesen…

P.P.P.S.: Per Skjelbred ist wieder fit. Der Norweger, der gegen Hertha von beginn an auflief, obwohl Trainer Michael Oenning bei dem Norweger ein Formtief entdeckt hatte, trainierte heute voll mit und soll auch am Donnerstag, wenn um zehn Uhr an der Imtech-Arena Training ist, wieder dabei sein.

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