Mit dem Abstieg hat der HSV nichts zu tun . . .
3. März 2013
HSV-Trainer Thorsten Fink hat nach der herben 1:5-Pleite bei Hannover 96 Konsequenzen angekündigt. „Wir werden keinen Tag frei machen diese Woche. Das ist schon einmal ein ganz gutes Zeichen, um der Mannschaft zu zeigen, dass es so jetzt nicht weitergeht. Wir wollen weiterkommen, wir wollen den nächsten Schritt machen und am Wochenende gewinnen“, sagte der Coach am Sonntagabend im NDR Sportclub und unterstrich: „Ich will eine andere Ausstrahlung sehen. Wir werden die Zügel im Training anziehen und auch die Ansprachen werden sicherlich klarer und direkter sein.“
Dieser kurze Rückblick sei mir gestattet. Vor einer Woche saß Thorsten Fink beim NDR in Lokstedt und gab die Woche vor. Und wie es gegen den Tabellenletzten Greuther Fürth gehen sollte.
Sollte.
Auf dem Weg in die Redaktion traf ich heute HSV-Fan „Franky“. Der sagte nur: „Eigentlich müsste der Trainer nach diesem Dilemma nur noch von seiner B-Jugend sprechen . . .“ Weil das 1:5 von Hannover ja von der A-Jugend verursacht worden war. Und: Die intensive Trainingswoche – ohne freien Tag – müsste jetzt eigentlich noch gesteigert werden: Keinen freien Tag, dafür aber jeden Tag zweimal Training.
Nun gut, ich will nicht übertreiben. Obwohl ein solcher Auftritt wie der gestern einem schon Tränen in die Augen treiben kann. Aber ich hatte ja auch (nur) ein 0:0 erwartet. Und viele der Zuschauer von 47 207 bis 55 500 wohl auch, denn sie sind erst gar nicht in den Volkspark gekommen. 47 206 gegen ein Schlusslicht ist zwar eine bemerkenswerte Zahl, aber bedeutet nun einmal auch Minusrekord in dieser Saison.
So, ans Eingemachte. Erst einmal muss ich wohl gestehen, dass ich bei der Beurteilung von Tolgay Arslan „etwas“ daneben lag. Ich hatte dem Einwechselspieler attestiert, für eine Belebung gesorgt zu haben. Ich hatte mich auch ganz kurz noch mit „Scholle“ abgesprochen, aber jeder, der hinterher von diesem Spiel sprach (oder schrieb), vertrat die Meinung, dass Arslan nichts gebracht hätte. Manche waren deswegen sogar total enttäuscht.
Ja, so kann es gehen. Auch mir. Das sage ich nur jenen, die vielleicht meinten, ich wäre bei einem anderen Spiel gewesen. Wobei ich zugeben muss, das parallel zum Kick im Volkspark ja auch die Oberliga-Partie zwischen Bramfeld und BU lief. Da wäre ich schon gerne gewesen, ein Traditions-Derby, obwohl „mein“ BU ja richtig auf die Nuss bekommen hat – 0:6. Da war mir ein 1:1 zwischen dem HSV und dem Bundesliga-Letzten Fürth dann doch etwas näher . . .
In meinen Augen aber hatte der HSV noch etwas Glück, dass es am Ende 1:1 hieß, denn die Fürther hatten ja auch einige Groß-Chancen – und hätten in der 69. Minuten eigentlich einen Elfmeter bekommen müssen. Da hatte Rene Adler einen Fernschuss nur abklatschen können, und der Fürther Klaus, der Sohn des ehemaligen HSV-Spielers Fred Klaus, hätte wohl sehr gut nachschießen können, doch Jansen fuhr ihm in die Parade. Ich habe ein Foul gesehen, Jansen wohl auch, denn er sprang nach diesem Zweikampf blitzschnell wieder auf, blickte auf den Berliner Schiedsrichter Siebert und zog sofort den Sprint nach vorne an. Das schlechte Gewissen war dem HSV-Profi dabei bis hoch auf die Tribüne an zusehen. Keiner hätte sich meines Erachtens über einen Elfmeterpfiff beschweren können – aber wahrscheinlich hätte Adler diesen Schuss dann ja auch gehalten . . .
Der HSV ist mit diesem 1:1 aus jenen Rängen heraus gefallen, die zum Start in Europa berechtigen. Ich will davon auch nicht mehr reden und nicht mehr schreiben. Nur so viel möchte ich noch loswerden: Nicht die Stadt, nicht die Presse, nicht die HSV-Fans sollen von einem internationalen Startplatz für den HSV reden, sondern die Mannschaft müsste es nur einmal zeigen. So wie in Dortmund, so wie danach nicht mehr. Der Ruck müsste durch diese Mannschaft gehen, dieser Ruck kann nicht von außen kommen. Kommentar von Thorsten Fink: „Man muss die Chancen nutzen, wenn man den Tabellenletzten schlagen will, aber es fehlte an der letzten Überzeugung, den Ball rein zu machen.“
Eigentlich, das muss ich schon gestehen, halte ich es allmählich für unnötig, auf die Statistik dieses Spiels zu verweisen, aber wer daran Interesse hat, bitteschön:
Tore 1:1.
18:6 Torschüsse für den HSV, 5:1 Ecken für den HSV, 12:1 Flanken für den HS-V, 62:38 Prozent Ballbesitz für den HSV, 52:48 Prozent gewonnene Zweikämpfe für den HSV, 11:8 Fouls für den HSV, 3:8 Abseitsstellungen – für Fürth. De meisten Torschüsse gab Rafael van der Vaart ab (drei), die meisten Torschussvorlagen ab ebenfalls van der Vaart ab (vier), die meisten Balkontakte hatte Heiko Westermann (130), die beiden besten Fürther, Sobiech und Baba hatten jeweils 60! Westermann war auch der Zweikampfstärkste, er gewann 92 Prozent seiner Duelle – Baba brachte es als Bester des Schlusslichts auf 71 Prozent.
Aber was bedeuten diese Zahlen schon? Nichts. Das Spiel bleibt trotz allem erschütternd. Und die 1:1 Tore ebenfalls.
Kommentar von Marcell Jansen: „Wir müssen die Bundesliga so nehmen wie sie ist.“ Und das wussten wir alle doch auch vorher: Außer Bayern, die in einer anderen Liga spielen, kann ihr an gewissen Tagen jeder jeden schlagen. Und es kann auch mal ein Tabellenletzter bei einem Tabellensechsten einen Punkt entführen. Torschütze Maximilian Beister sagte: „Es ist frustrierend. Vielleicht hätten wir es mit letztem Willen erzwingen müssen.“ Vielleicht. Dass der HSV mit diesen enttäuschenden Minuten bereits alles verspielt hat, davon wollte und will Beister nichts wissen: „Noch ist gar nichts entschieden. Die Saison ist noch sehr, sehr lang.“ Und was ist mit der Europa League und dem HSV? Beister: „Die Qualität haben wir.“
Thorsten Fink allerdings widersprach in seinem Resümee ein wenig: „An der Einstellung lag es nicht, es fehlte die letzte Überzeugung. Die Mannschaft hatte das Vertrauen verloren. Und in der zweiten Halbzeit auch die Linie verloren. Man sieht einfach, dass die Mannschaft nicht so gefestigt ist. Unsere Ziele waren ja aber nicht da oben.“ Um dann festzustellen: „So ein Spiel muss man gewinnen – aber mit dem Abstieg werden wir sicher nichts mehr zu tun haben.“
Und das ist ja auch schon etwas. Ernsthaft. Denn (auch) vor dieser Saison hatten ja viele (auch ich) arge Bedenken, dass es so weitergehen könnte, wie in der Saison 2012/13. Dass das Thema Abstieg so schnell abgehakt werden konnte – das ist schon sehr, sehr gut. Und, um es noch einmal zu sagen, das ist mein bitterer Ernst. Alles das, was nun über Platz zehn hinaus kommt (noch oben, nur nach oben), das ist die Zugabe. Und wenn dann die Mannschaft eines Tages tatsächlich etwas mehr gefestigter ist, dann geht es auch wieder mehr nach oben.
Das sollten auch die Zuschauer bedenken. Dass sie zur Pause und nach dem Spiel pfiffen, das war völlig vorhersehbar – und auch normal. Dennoch hätte es wohl die eine oder andere Anfeuerung noch mehr geben können (Ausnahme im Norden). Kurz-Kommentar dazu von Dennis Aogo: „Die Fans wissen manchmal nicht, welchen Einfluss sie haben. Ich wünsche mir manchmal mehr Geduld von den Rängen, die Pfiffe machen uns nicht größer und selbstbewusster.“
Und nun weiß ich, dass sich wieder einige (mehr?) Fans darüber aufregen, dass Aogo es wieder einmal wagt, davon zu sprechen. Ich finde aber, dass er nicht so Unrecht hat.
Ganz kurz noch zu einem „Heimkehrer“. Wolfgang Hesl, der Fürther Torwart. Lief mir vor dem Anpfiff über den Weg. Ich erzählte ihm von meinem Tipp: „Wolfgang, ich glaube es wird am Ende 0:0 stehen.“ Er konterte: „Du hast ein Tor vergessen – das von uns . . .“ Nach dem Spiel sagte Hesl dann: „Hier wäre mehr drin gewesen für uns, leider fehlte uns die Kaltschnäuzigkeit.“
Letzteres trifft aber ja nicht nur auf Fürth zu. Der HSV vergab ja auch gute und beste Möglichkeiten. Die größte hatte van der Vaart auf dem linken Fuß, aber er wollte es wohl zu schön machen . . . Was ich kritisieren möchte ist das: Oftmals wurde einfach mal auf das Tor „geballert“, ohne Rücksicht auf Verluste. Soll heißen: In vielen Szenen stand ein Mitspieler deutlich günstiger, er hätte den Ball wahrscheinlich ins Tor befördert, aber der Egoismus einiger Jungs (Beister, Heung Min Son) verhinderte es. Beister hätte in der dritten Minuten nur quer legen müssen, und das Tor des HSV wäre – von Artjoms Rudnevs erzielt – nicht mehr zu verhindern gewesen. Beister aber versuchte es im Alleingang, mit einem Heber über Hesl, mit einem Sprung über Hesl – und dann kam er ins Straucheln, oder es fehlte ihm die Kraft, um noch zum Abschluss zu kommen. Das war schon enttäuschend. Natürlich heißt es im Fußball, dass ein Torjäger egoistisch sein darf (oder auch muss), aber diesmal wurde das übertrieben. Und ich habe oft auf Rafael van der Vaart geachtet. Er hat die Dinger vielfach eingefädelt (in Habzeit eins), lief sich frei, lief in Stellung, hoffte drauf, dass er den Ball wiederbekäme – aber da kam nichts. Außer einem oftmals sinnlosen „Geballere“ . . . Aber daran kann in dieser Woche ja auch noch ausreichend gearbeitet werden.
Was mir auch noch auffiel: Wo ist die „Kante“ in der HSV-Defensive, die mal „gehörig dazwischenfegt“? Die den gegnerischen Angreifern kaum Platz zum Atmen lässt, ihnen auch schon mal das Fürchten lehrt. Da „haut“ ja niemand mal richtig dazwischen – und wie sagte es Thorsten Fink noch nach dem Debakel in Hannover: „Das war ja mehr Begleitschutz . . .“ Diesmal wieder. Wie die Chorknaben, alle sind nur noch mit Samthandschuhen unterwegs. Das heißt, nicht ganz. Im Training in der vergangenen Woche, das flogen am Montag ja noch die Fetzen. Aber das war leider nur im Training. Ist schon komisch, dieser unser HSV.
Verletzte HSV-Spieler gab es nach diesem 1:1 nicht beklagen, allerdings besteht bei Torwart Jaroslav Drobny die Gefahr eines Muskelfaserrisses in der Wade. Der Tscheche verspürte ein Stechen, und das dürfe ihn nun für einige Tage (oder Wochen?) außer Gefecht setzen. Ganz leichte Wadenprobleme hat auch der Kapitän, doch Heiko Westermann wird wohl bereits am Dienstag (das nächste Training – um 15 Uhr) wieder mit der Mannschaft trainieren können.
So, und nun kann sich das Team auf das Auswärtsspiel in Stuttgart vorbereiten. Und mal sehen, ob man da eine etwas andere Mentalität an den Nachmittag legen kann. Vielleicht so wie in Dortmund? Abwarten. Und danach? Der nächste Club, der dann nach Hamburg kommt, ist der FC Augsburg. Kanonenfutter Wie Greuther Fürth? Zu diesem Thema nur so viel: Augsburg ist bis heute das viertbestes Rückrunden-Team, schaffte einen wichtigen Sieg mit dem 1:0 in Bremen. Die Augsburger rennen und kämpfen, ziehen an einem Strang. So wie Fürth, nur noch einen Tick besser.
Zum Schluss möchte ich noch einmal über den Tod von Horst Eberstein schreiben.
Das HSV-Urgestein Horst Eberstein verstarb am Freitagabend im Alter von 83 Jahren. Das ehemalige Aufsichtsrats-Mitglied gehörte dem HSV seit 1954 an. Für mich einer der größten HSVer, die ich jemals kennengelernt habe, und zudem ich über Jahrzehnte aufgeschaut habe. Was auch immer im Verein passiert war, Horst Eberstein wusste es. Er hat HSV nicht nur gelebt, er war HSV. Das sagt man vielleicht oft, aber in diesem Falle ist es die absolute Wahrheit. Horst Eberstein hat seit seinem Vereinseintritt immer 100 Prozent für den HSV gegeben, wann immer er etwas tun konnte – er tat es. Mit Begeisterung. Als ehemaliges Mitglied des Amateurvorstandes war er in allen Abteilungen zu Hause, aber er, der einst als Leichtathlet begonnen hatte, war natürlich hauptsächlich Fußballer. Bei den Amateuren, und dann, als sein großer und langjähriger Freund Gerd-Volker Schock Profi-Trainer geworden war, auch als „guter Geist“ und bienenfleißiger Betreuer bei den Bundesliga-Spielern.
Eberstein war in vielen Ämtern für den HSV tätig, er war auch Mitglied im Ehrenrat – sein Rat wurde geschätzt, auf ihn wurde gehört. „Wo bei anderen Menschen ein Herz schlägt, schlägt bei mir die Raute“, sagte er einst. Horst Eberstein war fachlich stets auf der Höhe, er war dann, wenn es angebracht war, auch durchaus kritisch, aber er hat seinen HSV immer im Herzen gehabt. Oft stand er mit seinem Hund beim Training, mit ihm suchten sie alle das Gespräch – so auch Trainer und Sportchef.
Ich werde ihn sehr vermissen, Horst Eberstein wird für mich stets ein Vollblut-HSVer sein. Mein und unser Mitgefühl gilt seiner Familie und allen Angehörigen.
Mach’s gut, Horst – so wie immer.
17.21 Uhr