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Slomka kommt, Aufsichtsräte gehen!

16. Februar 2014

„Wir sahen uns zum jetzigen Zeitpunkt gezwungen, diese Entscheidung zu treffen, obwohl wir sie gleichwohl bedauern“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer über die Entlassung von Trainer Bert van Marwijk. Eine Trennung im besten Einvernehmen, irgendwie sind sie nicht nur alles Freunde, sie gehen auch als Freunde. Das ist wie Friede, Freude, Eierkuchen – wenn es nicht alles so furchtbar schlimm wäre, wenn es nicht alles so furchtbar schlimm um den HSV bestellt wäre. Und damit ist nicht in erster Linie gemeint, dass sich der HSV seit Wochen und vor allem in der vergangenen Woche zum Gespött von Fußball-Deutschland gemacht hat. Es geht hier und heute und morgen nur darum, den Dino in der Ersten Bundesliga zu halten, nur das ist der einzige Aspekt, der jetzt noch zählt. Es ist mir wurscht und total egal, was aus diesem Aufsichtsrat wird, wie viele zurücktreten oder bleiben, es geht nur um die Rettung des HSV. Dafür muss jetzt jeder alles geben.


Inzwischen ist es so, dass der HSV Mirko Slomka als neuen Trainer unter Vertrag genommen hat. So berichten es einige Agenturen, aber der HSV hat es immer noch nicht bestätigt – jetzt um 18.45 Uhr. Ich gehe aber fest davon aus, dass es Slomka wird.

Um Euch den neuen Coach einmal in Zahlen aufzubröseln – das ist Mirko Slomka (46):

Geboren am 12. September 1967 in Hildesheim. – Verheiratet mit Gunda, zwei Kinder (Lilith und Luk). – Abgeschlossenes Lehramts-Studium in Sport und Mathematik. – Stationen als Trainer: Hannover 96 (A-Jugend, 1989-99), Tennis Borussia Berlin (A-Jugend, 1999-2000), Tennis Borussia Berlin (2000), Hannover 96 (Co-Trainer, 2001-2004), Schalke 04 (Co-Trainer, 2004-2006), Schalke 04 (2006-2008), Hannover 96 (19. Januar 2010 bis 27. Dezember 2013), Hamburger SV (ab 16. Februar 2014). – Erfolge als Trainer: UEFA-Cup-Halbfinale (2006), Platz zwei in der Bundesliga und Einzug in die Champions League 2007, Einzug ins Viertelfinale der Champions League 2008 (alles mit Schalke 04), zweimaliger Einzug in die Europa League mit Hannover 96.

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Kurz noch einmal zurück zu Bert van Marwijk, dem Ritter des Ordens von Oranien-Nassau. Er wird noch in den Genuss einer satten Abfindung kommen, die sich auf cirka zwei Millionen Euro belaufen soll. Nicht mal fünf Monate des bis Sommer 2015 datierten Vertrages hat er erfüllt. Natürlich hat auch Slomka mit dem HSV über einen längerfristigen Vertrag verhandelt – das ist wohl so üblich. Und selbstverständlich nur, um hier in Hamburg langfristig etwas aufzubauen. Wer denkt denn da an eine Abfindung? Das können doch nur ganz böse Menschen machen . . . Zumal es der HSV ja nun wirklich hat. Das nötige Kleingeld.

Van Marwijk soll seinen Spielern laut „ Mopo“ zum Abschied noch gesagt haben: „Ich glaube auch weiterhin an euch, wie ich es die ganze Zeit gemacht habe. Ich gönne es euch und wünsche euch viel Glück.“

Bert van Marwijk ist nach 144 Tagen mit einer niederschmetternden Bilanz gegangen (worden): 15 Liga-Spiele, neun Niederlagen, drei Siege, drei Unentschieden sowie eine Serie von sieben Bundesliga-Schlappen nacheinander. 0,8 Punkte pro Spiel, das ist die zweitschlechteste Bilanz eines HSV-Cheftrainers nach Michael Oenning (0,64).

Alles neu macht der Mai . . . Im Moment liegt der gesamte HSV am Boden. Und irgendwie findet keiner der Dreh, sich dagegen zu wehren, um wieder aufzustehen. Ja, nun rappelt es mächtig im Karton. Um es mit Bert van Marwijk und der Frankfurter Rundschau und meinem Kollegen Jan-Christian Müller zu sagen: „Ein Verein zerstört sich selbst“. Und zwar nicht erst in diesen Tagen, sondern dieser Zerstörung-Prozess hat schon vor einigen Jahren begonnen und wurde dann systematisch verfeinert. Das, was sich jetzt im und um den Volkspark herum abspielt, ist nur die logische Konsequenz von dem, was schon vor langer Zeit eingeleitet wurde. Der I-Punkt sozusagen. Ich habe hier schon vor Wochen einige Male gefragt:
„Quo vadis, HSV?“

Als die Führungs-Crew um Carl-Edgar Jarchow den HSV am 16. März 2011 übernommen hatte, da sagten alle Herren unisono: „Wir müssen endlich mehr Kontinuität in diesen Verein bekommen.“ Insbesondere die vielen Trainer-Entlassungen hatten zu diesem hehren Satz inspiriert. Und heute? Nach Michael Oenning und Thorsten Fink ist Trainer Nummer drei gefeuert. Bert van Marwijk. Wobei ich eines gleich sagen möchte: ich, Dieter Matz, war gegen keine dieser Trennungen, ich habe sie sogar befürwortet, weil sie in meinen Augen unumgänglich waren, denn es ist unter der Regie dieser drei Herren – mehr oder weniger – spektakulär nach unten gegangen. Was ich damit nur sagen möchte ist das: Kontinuität ist ein besonders schönes Wort, doch wie schwer es ist, sich daran zu halten, das haben nun alle Führungskräfte des HSV wohl genügend erkannt. Es spricht sich leicht aus, dieses Wort Kontinuität, aber wie unendlich schwer dagegen ist es, einen geeigneten Trainer zu finden. Und wie schwer ist es erst, einen für diesen HSV geeigneten Trainer zu finden! Das ist das ganz große Dilemma. Dieser Verein hatte doch nicht nur schlechte Trainer in der Vergangenheit, aber sie alle sind gnadenlos gescheitert. Trotz der Tatsache, dass sie unter dem Stichwort „Kontinuität“ hatten arbeiten sollen.

Trainer-Suche, Trainer-Findung, Trainer-Verpflichtung, das ist das eine Ding. Aber es gehört eben sehr, sehr viel Fußball-Sachverstand und auch einiges an Fingerspitzengefühl dazu, den wirklich auch passenden Mann zu finden und zu verpflichten. Das Beispiel Bert van Marwijk: Hätten sie beim HSV doch nur einmal in Dortmund nachgefragt, nur einmal. Dann hätten sie alle gewusst, welcher Trainer-Typ van Marwijk ist. Wobei ich nicht weiß, ob sie nicht tatsächlich einmal in Dortmund nachgefragt haben. Wenn sie es tatsächlich gemacht haben sollten, dann waren sie taub – oder sie haben alle Vorbehalte, die es gegen den Niederländer gab und gibt, ganz einfach in den Wind geschlagen. Das wäre dann noch viel fahrlässiger, als sich gar nicht zu erkundigen.

Thomas Helmer, „Sport1“-Experte, hat es heute am Vormittag im „Doppelpass“ (in dem auch „Scholle“ saß und eine ganz starke Figur abgegeben hat!) wunderbar auf den Punkt gebracht. Helmer lebt in Hamburg, bekommt also durchaus einiges von dem mit, was hier unter dem Namen HSV läuft. Und der ehemalige Nationalspieler befand: „Bert van Marwijk hat nie so richtig Zugriff auf diese Mannschaft bekommen.“ Genau so ist es. Oder war es. Erst in den letzten Tagen, als schon nichts mehr (oder kaum noch etwas) zu retten war, hat sich van Marwijk ein wenig mehr Zugang zu seinem Team verschaffen wollen. Zu spät. Er ist ein introvertierter Typ, der ruhig, gelassen, ja, total cool bleibt, in allen Lebenslagen. Beide Hände in den Hosentaschen vergraben stand er am Spielfeldrand – und tat kaum etwas. Andere Trainer sorgen vom Rande aus für Feuer, falls ihre Mannschaft nicht so funktioniert wie abgesprochen, aber van Marwijk hielt seine Hände eisern in den Taschen. Nur ja nicht zu viel von sich preisgeben. So war er immer. Auch in Dortmund. Und er war auch immer schnell weg. Nach den Spielen, nach dem Training. Davon erzählen sie noch heute in Dortmund. Weil auch das einzigartig war. Hätte man aus Hamburg erfragen können, aber hier war man schnell sehr froh, einen erfahrenen Mann, endlich einen erfahrenen Mann (nach dem jungen Hüpfer Fink) mit einem international anerkannten Ruf unter Vertrag genommen zu haben. Man war auch schnell per Du, alles schien freundschaftlich-toll, harmonisch, nett – allerbest. Nur: Hat sich Bert van Marwijk jemals zu 100 Prozent mit dem HSV, mit „seinem“ HSV identifiziert? Wie es sich eigentlich für einen engagierten Trainer gehören würde! Ich hatte nie das Gefühl, dass der Coach, seine Mannschaft, der Verein und auch die Fans eine Einheit sein würden. Nie.

Auch so, wenn sich ein Trainer wirklich uneingeschränkt zu seiner Mannschaft „herablassen“ würde, könnte ein Klima entstehen, dass ein Wir-Gefühl nicht nur fördern, sondern auch längerfristig installieren würde.

Ich bin schon etwas neidisch geworden als ich gestern im ZDF-Sportstudio den Schalker Trainer Keller hörte. Seine Mannschaft hat nun von vier Spielen in diesem Jahr vier gewonnen, von einer Trainer-Entlassung ist in Gelsenkirchen nichts mehr zu hören (und zu lesen). Wolke sieben auf Schalke. Und Keller gab ein Geheimnis preis: „Die Mannschaft ist zusammengerückt, sie hat sich Ende des Jahres ausgesprochen, sie ist eine Einheit geworden, nachdem sie sich auch mal ein paar unbequeme Sätze gesagt hatte. Nun ist einer für den anderen da.“

Darauf hatte ich auch immer mal in Hamburg gehofft, aber wenn es den Spielern nicht vorgelebt wird, dann passiert so etwas eigentlich immer nur dann, wenn es (einige) Erfolge zu feiern gibt. Aber die gab es eben nicht beim HSV. Hier gab und gibt es einen Auflauf von Geschäftsleuten mit einem gemeinsamen Interesse am Fußball, aber in erster Linie denkt natürlich jeder nur an sich selbst. Oder er lässt, ganz einfach, von Beratern, die nur an die Kohle und dann nochmals nur an die Kohle denken, an sich selbst denken.
Auch in diesem Punkt ist der große FC Bayern schon längst ein Vorbild geworden, denn dort spielen nur Jung-Millionäre, und die halten auch noch fest zusammen. Egal, ob nun auf der Bank, auf der Tribüne oder auf dem rasen. Wie die das in München immer hinbekommen, weil Jung-Millionäre ja ganz besonders egoistisch und schwer zu führen sind, ist mir ein Rätsel, aber sie schaffen es. Immer besser sogar. Was natürlich, ist schon klar, auch an jenen Millionen liegen könnte, die dort selbst ein Bankdrücker noch kassiert . . .

Nein, beim HSV hat es schon lange keine Mannschaft mehr gegeben, die der Fan auch als Mannschaft bezeichnen könnte. Die letzte Truppe, die ich so bezeichnen würde, die gab es um das Jahr 2000 herum. Mit Jörg Butt, Tomas Ujfalusi, Nico Hoogma (an erster Stelle), Andrej Panadic, Martin Groth, Sergej Barbarez, Niko Kovac, Roy Präger, Mehdi Mahdavikia, Vahid Hashemian, Bernd Hollerbach, Rodolfo Cardoso, Ingo Hertzsch, Thomas Doll, Marinus Bester, Stig Töfting und, und, und. Dazu noch „Papa“ Frank Pagelsdorf als Trainer. Das war eine Einheit – wenn es auch nicht unbedingt die besten Fußballer waren (schlecht waren sie allerdings auch nicht!). Irgendwann, als die (damals) Verantwortlichen erkannt hatten, dass der Teamgeist beim HSV auf der Strecke bleibt, haben sie sich öffentlich (in den Medien) geschworen: „Wir kaufen jetzt nur noch Spieler mit Charakter ein . . .“ Es blieb, natürlich, das hat der Verein so an sich, bei diesem Vorhaben. Denn auch Spieler mit Charakter zu finden, das ist genauso schwer wie den passenden Trainer für den HSV zu verpflichten. Trotz der besten Vorsätze.

Kleine Unterbrechung, weil ich gerade Augsburg gegen Abstiegs-Mit-Konkurrent Nürnberg sehe (noch 0:0). Wie diese Spieler, und zwar die beider Teams (!) laufen, das ist sagenhaft. Daran kann dieser HSV nicht klingeln, keine Frage. Dagegen ist das HSV-Spiel dieser Wochen und Monate wie Zeitlupe. Wie da gesprintet wird, wie sich da eingesetzt wird, sie da auch nachgerückt wird – das ist vorbildlich, das ist wie aus dem Lehrbuch. Eine solche Art des Fußballs ist dem HSV schon lange, lange abhanden gekommen. Leider, leider.

Und wo ich gerade dabei bin: Laufspiel. Ein Fremdwort in dieser HSV-Mannschaft. Wie oft habe ich in diesem Jahr schon darauf geachtet: „Ballannahme, Ball abspielen, stehenbleiben.“ Letzteres ist natürlich falsch, denn es müsste „freilaufen“ heißen. Weiß man ja, wenn man Fußball spielt. Nur in Hamburg, da weiß man so etwas eben nicht. Da wird Stand-Fußball praktiziert. Immer schön wenig laufen und die Kräfte sinnvoll einteilen, das scheint die Devise vieler HSV-Spieler zu sein. Wenn sie sich diese Art des grauenvollen Fußballs nur mal selbst, im stillen Kämmerlein, jeder für sich, reinziehen würden – sie müssten doch endlich einmal lernen. Oder ist das zu viel verlangt?

Überhaupt laufen. Wer viel im Training läuft, der denkt während es Spiels gar nicht erst daran, dass es gegen Ende der 90 Minuten weniger werden könnte. Wer im Training viel läuft (und laufen muss!), dem geht ein solche Laufspiel in Fleisch und Blut über. Aber es wird ja nicht gelaufen im HSV-Training. Schon lange nicht mehr. Weil nur noch „wissenschaftlich“ trainiert wird. Und „wissenschaftlich“ bedeutet ganz offenbar ein Training ohne laufen. Beim HSV sah das so aus: Zum Aufwärmen ein wenig traben im Zuckeltrab, dann allerhöchstens fünf Minuten schnelleres Laufen, dann Passspiel, dann Kreisspiel, dann Abschlussspielchen. Da blieb keine Zeit mehr für ein intensives Lauftraining. Oh, doch, ich vergaß: Nach dem netten 1:2 gegen den FC Augsburg, da durfte die Mannschaft am Tag danach mal eine runde Dreiviertelstunde laufen. Weil der Trainer not amused war – über das Resultat gegen die No-name-Mannschaft aus Augsburg. Also, immerhin, einmal wurde dann doch schon mal etwas kräftiger gelaufen. Wenn das nichts ist.

Nein, nein, meine Damen und Herren, hier stinkt der Fisch nicht nur vom Kopf her, hier stinkt es überall. In erster Linie ist es natürlich auch so, dass von „oben“ nicht eingeschritten wird. Wenn von „oben“ eine klare Linie vorgegeben sein würde, dann könnte man jederzeit überprüfen, ob sich daran gehalten wird. Und wenn nicht, dann sagt man eben mal ein paar Takte. Werden aber keine klaren Linien vorgegeben, dann tut und lässt ein jeder was er will. Und genau das wird beim HSV schon seit Jahren so gehandhabt. Alle sehen zu und hoffen dabei im Stillen, das es gut geht. Aber es geht schon seit langer, langer Zeit nicht mehr gut – genau das Gegenteil ist der Fall. Was übrig geblieben ist, das ist ein einziger Trümmerhaufen. Diese Mannschaft erscheint – zurzeit jedenfalls – nicht (mehr) bundesligatauglich.

Ja, und in der Zwischenzeit ist der unglaubliche Höhenflug des FC Augsburg gestoppt worden: Nürnberg siegt im Auswärtsspiel 1:0 – ganz bitter für den HSV. Aber wie bereits geschrieben, da reißt sich eben auch ein jeder den Hintern auf: Fußball ist ein Laufspiel. Und ein Kampfspiel. Zeitlupe ist da denkbar ungeeignet.
Und, um das Maß an diesem Wochenende noch voller zu machen: Nun macht auch noch Per Ciljan Skjelbred das 1:0 für Hertha gegen Wolfsburg. Aber dieser Skjelbred, sagt mir gerade mein Kollege von gegenüber, der „hätte auch nicht in diesen HSV hineingepasst, denn der konnte ja laufen . . .“

Apropos: Tragisch war an diesem 2:4-Debakel von Braunschweig natürlich auch, welche Rolle Rene Adler gespielt hat. Seine „Dinger“ haben für diesen Niedergang gesorgt, das ist überhaupt keine Frage. Der HSV war 50 Minuten lang auf der Siegerstraße, dieses Spiel hätte niemals verlorengehen dürfen – wenn nicht der Torwart so grob gepatzt hätte. Diese Vorstellung des (ehemaligen) Nationaltorhüters war schon unglaublich, passt aber auch irgendwie zu diesem desolaten HSV. Alle passen sich an.

Ja, und jetzt soll Slomka den HSV-Niedergang stoppen. Aber kann er das? Und kann überhaupt noch jemand den Absturz des dienstältesten Fußball-Bundesliga-Clubs stoppen? Für mich ist klar: Slomka muss sich zu einem Über-Menschen entwickeln. Weil es in dieser Mannschaft hinten und vorne nicht stimmt, weil nichts, aber auch wirklich nichts intakt ist in dieser Truppe,, weil nicht mal mehr die einfachsten Dinge des Fußball-ABC’s funktionieren. Das ist mal Fakt. Und das ist keine Nestbeschmutzung, das ist die Wahrheit, daran kommt nun wirklich auch keiner mehr vorbei, nicht mal mehr der größte aller HSV-Fans.

Unterdessen sind die Rückzugs-Bemühungen im Aufsichtsrat immer noch nicht abgeschlossen. Mehrere Mitglieder, so wurde kolportiert, seien zum Rücktritt entschlossen. Fest soll stehen, dass Schauspieler Marek Erhardt schon vor einigen Tagen sein Amt niedergelegt hat. Andere sollen folgen, zwei sollen bereits feststehen, drei oder vier Räte überlegen sich diesen Schritt noch . . .

So lange vier der elf Mitglieder starken Gremiums verbleiben, ist der Rat allerdings beschlussfähig. Mindestens vier Mitglieder des elfköpfigen Aufsichtsrates wollen (wollten?) ihre Posten hinschmeißen. Auch der Vorsitzende Jens Meier stand vor einem Rücktritt. Das berichteten meine Kollegen vom Hamburger Abendblatt. So lange vier der elf Mitglieder starken Gremiums verbleiben, ist der Rat allerdings beschlussfähig.

Dazu steht in den HSV-Satzungen unter §17, Aufsichtsrat:

1. Der Aufsichtsrat besteht aus elf Mitgliedern, von denen acht von der Mitgliederversammlung gewählt werden und je ein Mitglied von der Abteilung Fördern- de Mitglieder, der Amateurversammlung und von der Gemeinschaft der Senioren entsandt wird. Die Wiederwahl bzw. erneute Entsendung ist zulässig.
Dann kommen verschiedene Punkte, bis zu jener Passage, die nun greift:

Scheidet ein gewähltes Aufsichtsratsmitglied vor Ablauf der Amtsperiode aus, so bleibt sein Sitz bis zur nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung vakant. Sinkt dadurch die Zahl der von der Mitgliederversammlung gewählten Mitglieder des Aufsichtsrates unter vier Personen, so hat der Vorstand unverzüglich eine Mitgliederversammlung zur Wahl der vakant gewordenen Plätze im Aufsichtsrat einzuberufen. Dies gilt nicht, sofern noch mindestens drei von der Mitgliederversammlung gewählte Aufsichtsratsmitglieder im Amt sind und bereits eine ordentliche oder außerordentliche Mitgliederversammlung geplant ist, deren Durchführung in den darauffolgenden drei Monaten erfolgen soll; in diesem Fall findet die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder zur Besetzung der vakanten Plätze in der geplanten Mitgliederversammlung statt.

So, dann habe ich noch eine Bitte in eigener Sache: Ich werde seit Tagen mit sms, Mails und Anrufen geradezu überschüttet, ich muss mein altes Handy dreimal am Tag aufladen. Nach dem „Ding von Braunschweig“ habe ich ABGESTELLT, weil ich mich vor Anfragen nicht retten konnte. Das war der bisherige Höhepunkt in meiner Journalisten-Zeit. Bitte, bitte habt Verständnis, wenn ich nicht alles beantworten kann, der Tag müsste sonst schon mindestens 36 Stunden haben – und mehr.

Eine Mail an mich möchte ich aber kurz noch veröffentlichen, weil sie in vielen Punkten meine Meinung trifft – und vielleicht auch Eure. Vielen Dank auf jeden Fall dem Absender- vielen Dank auch allen, die mir geschrieben haben, die mich angerufen haben. Ihr seid klasse, ich weiß, wie groß die Sorgen sind, die Ihr Euch um Euren HSV macht – es sind auch meine Sorgen, das sollt Ihr wissen:

Hallo Herr Matz,

wie es um Ihren Seelenzustand derzeit bestellt ist, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Unser HSV steht am Abgrund und unsere Herzen weinen. Sie bekommen bestimmt derzeit tonnenweise E – Mails, deshalb versuche ich – dies ist wahrlich nicht einfach ;-) – mich kurz zu halten.

Ich verfolgen Ihren Blog noch, habe mich aber nach der Entmachtung von Bernd Hoffmann ( ich war ganz klar ein Befürworter ) mit Kommentaren komplett zurückgezogen. Es haben zu wenige im Blog verstanden das es wichtig ist die kompletten Positionen im Vorstand / Aufsichtsrat mit Fachleuten zu besetzen. Was meine ich mit Fachleuten?? Leute, die vom Fach “Fußball” etwas verstehen.

Unser HSV hat es versäumt in einem Zeitraum von 10 Jahren den Aufsichtsrat zu verkleinern und vernünftig zu besetzen. Es wurde immer wieder auf die Satzung hingewiesen und das es nicht so einfach sei…..ganz klar ein Problem der völlig veralteten Struktur!

Unser HSV hat sich viel zu spät um das Strukturproblem gekümmert. Auch dies ist schon sehr lange bekannt. Der HSV wird geführt wie ein Angelverein und nicht wie eine professionelle Bundesliga – Mannschaft!

Die ” Hardliner ” vom SC wollen immer noch mit aller Macht eine Fernwahl verhindern. Bei über 70.000 Mitgliedern ( ich bin auch eines davon ) halte ich das für den Witz des Jahres. Wieder wird auf die Satzung hingewiesen ( Austragungsort Hamburg / Stimmberechtigung nur für Anwesende ) . Warum wird das so gemacht? Ganz einfach – weil jede Abstimmung dadurch manipulierbar ist. Bestes Beispiel die Aufsichtsratswahlen…..Chosen – Few geben kurz vor der Wahl ihre Favoriten über die MOPO bekannt. Der Rest ist nur noch ein Rechenbeispiel. Bei ca. 900 Anwesenden brauchen wir ca. 460 Stimmen…..alleine 200 – 300 kommen aus den eigenen Reihen. Dieses Verhalten hat dem HSV fast alles gekostet. Auch die Mitglieder haben diesen Verein an seine Grenzen gebracht!

Seit ca. 2 Jahren ist unser HSV nicht mehr auf dem Transfermarkt tätig – das kann keine Bundesliga – Mannschaft verkraften! Der Ausverkauf ist an Naivität kaum noch zu überbieten!

BvM hat gravierende Fehler gemacht. Er hat an einem System festgehalten das nicht funktioniert und hat Spieler auf falschen Positionen eingesetzt – die Entlassung kommt zu spät!

Einzig und allein Thomas Doll könnte unseren HSV noch retten! Wenn es Slomka wird dann handelt es sich um einen Perspektivtrainer. Er wird unseren HSV nicht da unten rausholen können, aber er kann eine Mannschaft aufbauen – auch in der 2. Liga. Das traue ich Thomas Doll aber auch zu hundert Prozent zu!

Einen Abstieg ( wenn es denn so kommt -auch ich hoffe immer noch ) wird und kann unser HSV nicht verkraften! Wirtschaftlich uns sportlich wird unser Verein in der Bedeutungslosigkeit verschwinden!

Ich habe versucht mich kurz zu halten, lieber Herr Matz. Eine genauere Ausführung wäre eine seitenlange E – Mail geworden. Eine kurze Zusammenfassung von mir würde sich so anhören:

Veraltete Strukturen gepaart mit unfähigem Personal auf allen Ebenen der Führung, eine Mannschaft die aus Kostengründen bis aufs Blut geschwächt wurde, arrogante Mitglieder die meinen den Verein führen zu können und eine viel zu spät begonnene Strukturreform – das sind die Zutaten für diesen hochgiftigen Abstiegscocktail.

Herr Matz, unsere Herzen bluten und unsere HSV – Seelen sind in einem sehr schlechten Zustand. Aber da müssen wir jetzt durch!

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Sonntag

und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Karsten G.

PS: Auch das noch: Rafael van der Vaart war am Nachmittag zur Kernspintomographie, und dort wurde eine doch schwerer Verletzung festgestellt: Bänderriss und Kapselriss im rechten Knöchel, der Niederländer fällt auf jeden Fall drei Wochen aus.

PSPS: Morgen soll um 15 Uhr im Volkspark trainiert werden. Mittags soll zuvor den Medien der neue Coach präsentiert werden.

18.56 Uhr

So, um 22 Uhr ergänze ich meinen Bericht noch mit einigen besonderen Aussagen von HSV-Legende Uli Stein, der am Abend bei “Sky” mächtig auf seinen ehemaligen Club eindrosch. Wobei ich sagen muss, dass ich mich mit einigen Aussagen sehr wohl identifizieren kann.

Hier die Stein-Aussagen bei Sky von diesem Sonntag:

Uli Stein (228 Bundesligaspiele im Tor des HSV) über…

…HSV Kapitän Rafael van der Vaart: „Der fehlende elfte Mann ist für mich der Kapitän. Was van der Vaart auf dem Platz abliefert, hat mit Fußball und mit Mannschaftssport nichts zu tun. Das ist ein Alibi-Fußballer. Er holt sich hinten den Ball und macht das Spiel langsam, indem er sich nicht vorne anbietet. Dann kann er seine 3,4 oder 10 Meter Pässe spielen, bleibt er aber hinten stehen und versteckt sich. Er ist der erste der abtaucht, wenn es nicht läuft. Er ist kein Leader. Er kann die Mannschaft nicht führen. Das hat er gezeigt in dieser Saison. Ich weiß auch nicht warum Westermann die Kapitänsbinde abgenommen und ihm gegeben wurde. Von der Präsenz neben dem Platz muss ich mehr erwarten von so einem Klassemann.“

…die Verhandlungen mit Felix Magath: „Er hat ja nicht am Tag der Absage mit Fulham verhandelt, sondern schon viel früher. So ein Vertrag, den er sofort 24 Stunden später in Fulham unterschreibt, ist ja langfristig aufgebaut worden. Mit der Gewissheit, er kann sofort in Fulham unterschreiben, hat er Forderungen gestellt, wo ich gesagt habe, er wollte die Diktatur wieder einführen. Du kannst doch nicht Sportchef, Trainer und Vorstandsvorsitzender werden. Das war auch der Grund wieso Felix Magath so aufgetreten ist: Ich probiere das mal, ich haue das so raus. Weil wenn es nicht klappt: Okay ich habe meine Verein, wo ich hingehe. Was ich nicht gut finde: Er hat gesagt, ich trage die Raute im Herzen, ich bin HSVer und hat im Nachhinein bewiesen, dass er es nicht ist. Er hat kein ehrliches Spiel gespielt. Er hat die Fans mit der Fahne im Garten belogen. Aber die mit der Raute im Herzen haben lange die Augen verschlossen vor der Wahrheit. Der Verein wird in den oberen Etagen geführt von Ahnungslosen, die vom Fußball keine Ahnung haben.“
…die Herausforderung für den neuen Trainer beim HSV: „Im Moment ist es eher die Frage: Kann überhaupt ein Trainer die Mannschaft noch retten? Ein großes Problem beim ist HSV ist, dass die Mannschaft in einem Zustand ist, wo ein Trainer eigentlich nur eine Chance hat, etwas zu machen, wenn er die Mannschaft in der Vorbereitung hat, indem er viele Dinge verändern kann. Hier kannst du nichts mehr verändern. Du musst mit dem Material leben, den Spielern leben.“

…den möglichen neuen Trainer Mirko Slomka: „Ich halte Mirko Slomka für den richtigen Trainer in der jetzigen Situation. Aber was kann er noch ausrichten? Er fängt wahrscheinlich mit einer Heimniederlage gegen Dortmund an und dann ist der neue Schwung und Elan auch schon verpufft. Er hat nicht die Zeit, die Jungs so fit zu machen dass sie diese 7 Kilometer aufholen, die sie zu wenig laufen.“

…die physischen Probleme der Hamburger: „Ein ganz großes Problem ist der körperliche Zustand der Mannschaft. Die laufen pro Spiel 7 oder 8 Kilometer weniger als der Gegner. Das ist keine Kopfsache, auch wenn ich im Kopf schlecht drauf bin, kann ich laufen. Der HSV hat dafür, dass er immer 10 gegen 11 spielt mit 16 Punkten eigentlich noch eine ganz gute Ausbeute.“

…die mentalen Probleme der Hamburger: „Da ist überhaupt keine Mannschaft auf dem Platz. Das hat man auch nach dem Spiel gegen Braunschweig gesehen, da geht jeder seine Wege. Du siehst ja gar nicht mehr, dass sich zwei in Arm nehmen und sich gegenseitig trösten. Man hat auch das Gefühl, dass es den Spielern vollkommen egal ist, weil die sagen: Dann spiele ich eben nächste Saison wo anders. Da habe ich nicht das Gefühl, dass ein Spieler auf dem Platz ist, der wirklich die Raute im Herzen trägt, der sagt, ich kämpfe für den Verein. Es gibt keinen, nicht nur in dieser Saison, das verfolge ich schon in den Jahren davor, der die Ärmel hochkrempelt und sich gegen eine Niederlage stemmt. Da fällt ein Gegentor: Kopf runter.“

…die Mentalität im Abstiegskampf: „Die ganze große Gefahr besteht, dass alle anderen unten drin wissen, dass sie gegen den Abstieg spielen. Der HSV, ich hoffe dass sie es inzwischen realisiert haben, aber ich glaube die wissen es immer noch nicht. Es ist ganz wichtig, den Spielern zu vermitteln, dass sie gegen den Abstieg spielen. Beim HSV habe ich immer das Gefühl, dass alle denken, das schaffen wir schon irgendwie.“

…das zu lange Festhalten an Bert van Marwijk: „Für mich war es schon bedrohlich nach erstem Spiel Rückrunde. Man verliert 0 zu 3 gegen Schalke und zur Belohnung kriegen die Spieler noch zweieinhalb Tage frei. Du weißt deine Mannschaft läuft 7,8 Kilometer weniger als der Gegner und dann gibst ihnen dann noch frei. Da habe ich doch als Trainer irgendwas falsch gemacht. Das war für mich schon ein Zeitpunkt wo ich schon angefangen habe darüber nachzudenken, ist das noch der richtige Trainer für einen Verein, der sportlich wie finanziell in so einer prekären Situation ist. Die Überlegung kommt viel zu spät.“

…eine möglichen Zäsur durch Abstieg: „Es gibt nie einen richtigen Zeitpunkt für einen Abstieg. Ganz große Gefahr sehe ich beim HSV bei den Verbindlichkeiten. Wenn die Zahlen stimmen, die in der Zeitung stehen, wäre ein Abstieg aus wirtschaftlicher Sicht verheerend für den Verein. Wie soll der Verein sich da in der zweiten Liga wieder konsolidieren? Das wird ganz schwierig.“

…die momentane Rangfolge der deutschen Torhüter: „Neuer, Weidenfeller, Ter Stegen. Adler ist für mich im Moment nicht unter den Top 3, auch bedingt durch die Situation beim HSV.“

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