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Slomka kommt, Aufsichtsräte gehen!

16. Februar 2014

„Wir sahen uns zum jetzigen Zeitpunkt gezwungen, diese Entscheidung zu treffen, obwohl wir sie gleichwohl bedauern“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer über die Entlassung von Trainer Bert van Marwijk. Eine Trennung im besten Einvernehmen, irgendwie sind sie nicht nur alles Freunde, sie gehen auch als Freunde. Das ist wie Friede, Freude, Eierkuchen – wenn es nicht alles so furchtbar schlimm wäre, wenn es nicht alles so furchtbar schlimm um den HSV bestellt wäre. Und damit ist nicht in erster Linie gemeint, dass sich der HSV seit Wochen und vor allem in der vergangenen Woche zum Gespött von Fußball-Deutschland gemacht hat. Es geht hier und heute und morgen nur darum, den Dino in der Ersten Bundesliga zu halten, nur das ist der einzige Aspekt, der jetzt noch zählt. Es ist mir wurscht und total egal, was aus diesem Aufsichtsrat wird, wie viele zurücktreten oder bleiben, es geht nur um die Rettung des HSV. Dafür muss jetzt jeder alles geben.


Inzwischen ist es so, dass der HSV Mirko Slomka als neuen Trainer unter Vertrag genommen hat. So berichten es einige Agenturen, aber der HSV hat es immer noch nicht bestätigt – jetzt um 18.45 Uhr. Ich gehe aber fest davon aus, dass es Slomka wird.

Um Euch den neuen Coach einmal in Zahlen aufzubröseln – das ist Mirko Slomka (46):

Geboren am 12. September 1967 in Hildesheim. – Verheiratet mit Gunda, zwei Kinder (Lilith und Luk). – Abgeschlossenes Lehramts-Studium in Sport und Mathematik. – Stationen als Trainer: Hannover 96 (A-Jugend, 1989-99), Tennis Borussia Berlin (A-Jugend, 1999-2000), Tennis Borussia Berlin (2000), Hannover 96 (Co-Trainer, 2001-2004), Schalke 04 (Co-Trainer, 2004-2006), Schalke 04 (2006-2008), Hannover 96 (19. Januar 2010 bis 27. Dezember 2013), Hamburger SV (ab 16. Februar 2014). – Erfolge als Trainer: UEFA-Cup-Halbfinale (2006), Platz zwei in der Bundesliga und Einzug in die Champions League 2007, Einzug ins Viertelfinale der Champions League 2008 (alles mit Schalke 04), zweimaliger Einzug in die Europa League mit Hannover 96.

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Kurz noch einmal zurück zu Bert van Marwijk, dem Ritter des Ordens von Oranien-Nassau. Er wird noch in den Genuss einer satten Abfindung kommen, die sich auf cirka zwei Millionen Euro belaufen soll. Nicht mal fünf Monate des bis Sommer 2015 datierten Vertrages hat er erfüllt. Natürlich hat auch Slomka mit dem HSV über einen längerfristigen Vertrag verhandelt – das ist wohl so üblich. Und selbstverständlich nur, um hier in Hamburg langfristig etwas aufzubauen. Wer denkt denn da an eine Abfindung? Das können doch nur ganz böse Menschen machen . . . Zumal es der HSV ja nun wirklich hat. Das nötige Kleingeld.

Van Marwijk soll seinen Spielern laut „ Mopo“ zum Abschied noch gesagt haben: „Ich glaube auch weiterhin an euch, wie ich es die ganze Zeit gemacht habe. Ich gönne es euch und wünsche euch viel Glück.“

Bert van Marwijk ist nach 144 Tagen mit einer niederschmetternden Bilanz gegangen (worden): 15 Liga-Spiele, neun Niederlagen, drei Siege, drei Unentschieden sowie eine Serie von sieben Bundesliga-Schlappen nacheinander. 0,8 Punkte pro Spiel, das ist die zweitschlechteste Bilanz eines HSV-Cheftrainers nach Michael Oenning (0,64).

Alles neu macht der Mai . . . Im Moment liegt der gesamte HSV am Boden. Und irgendwie findet keiner der Dreh, sich dagegen zu wehren, um wieder aufzustehen. Ja, nun rappelt es mächtig im Karton. Um es mit Bert van Marwijk und der Frankfurter Rundschau und meinem Kollegen Jan-Christian Müller zu sagen: „Ein Verein zerstört sich selbst“. Und zwar nicht erst in diesen Tagen, sondern dieser Zerstörung-Prozess hat schon vor einigen Jahren begonnen und wurde dann systematisch verfeinert. Das, was sich jetzt im und um den Volkspark herum abspielt, ist nur die logische Konsequenz von dem, was schon vor langer Zeit eingeleitet wurde. Der I-Punkt sozusagen. Ich habe hier schon vor Wochen einige Male gefragt:
„Quo vadis, HSV?“

Als die Führungs-Crew um Carl-Edgar Jarchow den HSV am 16. März 2011 übernommen hatte, da sagten alle Herren unisono: „Wir müssen endlich mehr Kontinuität in diesen Verein bekommen.“ Insbesondere die vielen Trainer-Entlassungen hatten zu diesem hehren Satz inspiriert. Und heute? Nach Michael Oenning und Thorsten Fink ist Trainer Nummer drei gefeuert. Bert van Marwijk. Wobei ich eines gleich sagen möchte: ich, Dieter Matz, war gegen keine dieser Trennungen, ich habe sie sogar befürwortet, weil sie in meinen Augen unumgänglich waren, denn es ist unter der Regie dieser drei Herren – mehr oder weniger – spektakulär nach unten gegangen. Was ich damit nur sagen möchte ist das: Kontinuität ist ein besonders schönes Wort, doch wie schwer es ist, sich daran zu halten, das haben nun alle Führungskräfte des HSV wohl genügend erkannt. Es spricht sich leicht aus, dieses Wort Kontinuität, aber wie unendlich schwer dagegen ist es, einen geeigneten Trainer zu finden. Und wie schwer ist es erst, einen für diesen HSV geeigneten Trainer zu finden! Das ist das ganz große Dilemma. Dieser Verein hatte doch nicht nur schlechte Trainer in der Vergangenheit, aber sie alle sind gnadenlos gescheitert. Trotz der Tatsache, dass sie unter dem Stichwort „Kontinuität“ hatten arbeiten sollen.

Trainer-Suche, Trainer-Findung, Trainer-Verpflichtung, das ist das eine Ding. Aber es gehört eben sehr, sehr viel Fußball-Sachverstand und auch einiges an Fingerspitzengefühl dazu, den wirklich auch passenden Mann zu finden und zu verpflichten. Das Beispiel Bert van Marwijk: Hätten sie beim HSV doch nur einmal in Dortmund nachgefragt, nur einmal. Dann hätten sie alle gewusst, welcher Trainer-Typ van Marwijk ist. Wobei ich nicht weiß, ob sie nicht tatsächlich einmal in Dortmund nachgefragt haben. Wenn sie es tatsächlich gemacht haben sollten, dann waren sie taub – oder sie haben alle Vorbehalte, die es gegen den Niederländer gab und gibt, ganz einfach in den Wind geschlagen. Das wäre dann noch viel fahrlässiger, als sich gar nicht zu erkundigen.

Thomas Helmer, „Sport1“-Experte, hat es heute am Vormittag im „Doppelpass“ (in dem auch „Scholle“ saß und eine ganz starke Figur abgegeben hat!) wunderbar auf den Punkt gebracht. Helmer lebt in Hamburg, bekommt also durchaus einiges von dem mit, was hier unter dem Namen HSV läuft. Und der ehemalige Nationalspieler befand: „Bert van Marwijk hat nie so richtig Zugriff auf diese Mannschaft bekommen.“ Genau so ist es. Oder war es. Erst in den letzten Tagen, als schon nichts mehr (oder kaum noch etwas) zu retten war, hat sich van Marwijk ein wenig mehr Zugang zu seinem Team verschaffen wollen. Zu spät. Er ist ein introvertierter Typ, der ruhig, gelassen, ja, total cool bleibt, in allen Lebenslagen. Beide Hände in den Hosentaschen vergraben stand er am Spielfeldrand – und tat kaum etwas. Andere Trainer sorgen vom Rande aus für Feuer, falls ihre Mannschaft nicht so funktioniert wie abgesprochen, aber van Marwijk hielt seine Hände eisern in den Taschen. Nur ja nicht zu viel von sich preisgeben. So war er immer. Auch in Dortmund. Und er war auch immer schnell weg. Nach den Spielen, nach dem Training. Davon erzählen sie noch heute in Dortmund. Weil auch das einzigartig war. Hätte man aus Hamburg erfragen können, aber hier war man schnell sehr froh, einen erfahrenen Mann, endlich einen erfahrenen Mann (nach dem jungen Hüpfer Fink) mit einem international anerkannten Ruf unter Vertrag genommen zu haben. Man war auch schnell per Du, alles schien freundschaftlich-toll, harmonisch, nett – allerbest. Nur: Hat sich Bert van Marwijk jemals zu 100 Prozent mit dem HSV, mit „seinem“ HSV identifiziert? Wie es sich eigentlich für einen engagierten Trainer gehören würde! Ich hatte nie das Gefühl, dass der Coach, seine Mannschaft, der Verein und auch die Fans eine Einheit sein würden. Nie.

Auch so, wenn sich ein Trainer wirklich uneingeschränkt zu seiner Mannschaft „herablassen“ würde, könnte ein Klima entstehen, dass ein Wir-Gefühl nicht nur fördern, sondern auch längerfristig installieren würde.

Ich bin schon etwas neidisch geworden als ich gestern im ZDF-Sportstudio den Schalker Trainer Keller hörte. Seine Mannschaft hat nun von vier Spielen in diesem Jahr vier gewonnen, von einer Trainer-Entlassung ist in Gelsenkirchen nichts mehr zu hören (und zu lesen). Wolke sieben auf Schalke. Und Keller gab ein Geheimnis preis: „Die Mannschaft ist zusammengerückt, sie hat sich Ende des Jahres ausgesprochen, sie ist eine Einheit geworden, nachdem sie sich auch mal ein paar unbequeme Sätze gesagt hatte. Nun ist einer für den anderen da.“

Darauf hatte ich auch immer mal in Hamburg gehofft, aber wenn es den Spielern nicht vorgelebt wird, dann passiert so etwas eigentlich immer nur dann, wenn es (einige) Erfolge zu feiern gibt. Aber die gab es eben nicht beim HSV. Hier gab und gibt es einen Auflauf von Geschäftsleuten mit einem gemeinsamen Interesse am Fußball, aber in erster Linie denkt natürlich jeder nur an sich selbst. Oder er lässt, ganz einfach, von Beratern, die nur an die Kohle und dann nochmals nur an die Kohle denken, an sich selbst denken.
Auch in diesem Punkt ist der große FC Bayern schon längst ein Vorbild geworden, denn dort spielen nur Jung-Millionäre, und die halten auch noch fest zusammen. Egal, ob nun auf der Bank, auf der Tribüne oder auf dem rasen. Wie die das in München immer hinbekommen, weil Jung-Millionäre ja ganz besonders egoistisch und schwer zu führen sind, ist mir ein Rätsel, aber sie schaffen es. Immer besser sogar. Was natürlich, ist schon klar, auch an jenen Millionen liegen könnte, die dort selbst ein Bankdrücker noch kassiert . . .

Nein, beim HSV hat es schon lange keine Mannschaft mehr gegeben, die der Fan auch als Mannschaft bezeichnen könnte. Die letzte Truppe, die ich so bezeichnen würde, die gab es um das Jahr 2000 herum. Mit Jörg Butt, Tomas Ujfalusi, Nico Hoogma (an erster Stelle), Andrej Panadic, Martin Groth, Sergej Barbarez, Niko Kovac, Roy Präger, Mehdi Mahdavikia, Vahid Hashemian, Bernd Hollerbach, Rodolfo Cardoso, Ingo Hertzsch, Thomas Doll, Marinus Bester, Stig Töfting und, und, und. Dazu noch „Papa“ Frank Pagelsdorf als Trainer. Das war eine Einheit – wenn es auch nicht unbedingt die besten Fußballer waren (schlecht waren sie allerdings auch nicht!). Irgendwann, als die (damals) Verantwortlichen erkannt hatten, dass der Teamgeist beim HSV auf der Strecke bleibt, haben sie sich öffentlich (in den Medien) geschworen: „Wir kaufen jetzt nur noch Spieler mit Charakter ein . . .“ Es blieb, natürlich, das hat der Verein so an sich, bei diesem Vorhaben. Denn auch Spieler mit Charakter zu finden, das ist genauso schwer wie den passenden Trainer für den HSV zu verpflichten. Trotz der besten Vorsätze.

Kleine Unterbrechung, weil ich gerade Augsburg gegen Abstiegs-Mit-Konkurrent Nürnberg sehe (noch 0:0). Wie diese Spieler, und zwar die beider Teams (!) laufen, das ist sagenhaft. Daran kann dieser HSV nicht klingeln, keine Frage. Dagegen ist das HSV-Spiel dieser Wochen und Monate wie Zeitlupe. Wie da gesprintet wird, wie sich da eingesetzt wird, sie da auch nachgerückt wird – das ist vorbildlich, das ist wie aus dem Lehrbuch. Eine solche Art des Fußballs ist dem HSV schon lange, lange abhanden gekommen. Leider, leider.

Und wo ich gerade dabei bin: Laufspiel. Ein Fremdwort in dieser HSV-Mannschaft. Wie oft habe ich in diesem Jahr schon darauf geachtet: „Ballannahme, Ball abspielen, stehenbleiben.“ Letzteres ist natürlich falsch, denn es müsste „freilaufen“ heißen. Weiß man ja, wenn man Fußball spielt. Nur in Hamburg, da weiß man so etwas eben nicht. Da wird Stand-Fußball praktiziert. Immer schön wenig laufen und die Kräfte sinnvoll einteilen, das scheint die Devise vieler HSV-Spieler zu sein. Wenn sie sich diese Art des grauenvollen Fußballs nur mal selbst, im stillen Kämmerlein, jeder für sich, reinziehen würden – sie müssten doch endlich einmal lernen. Oder ist das zu viel verlangt?

Überhaupt laufen. Wer viel im Training läuft, der denkt während es Spiels gar nicht erst daran, dass es gegen Ende der 90 Minuten weniger werden könnte. Wer im Training viel läuft (und laufen muss!), dem geht ein solche Laufspiel in Fleisch und Blut über. Aber es wird ja nicht gelaufen im HSV-Training. Schon lange nicht mehr. Weil nur noch „wissenschaftlich“ trainiert wird. Und „wissenschaftlich“ bedeutet ganz offenbar ein Training ohne laufen. Beim HSV sah das so aus: Zum Aufwärmen ein wenig traben im Zuckeltrab, dann allerhöchstens fünf Minuten schnelleres Laufen, dann Passspiel, dann Kreisspiel, dann Abschlussspielchen. Da blieb keine Zeit mehr für ein intensives Lauftraining. Oh, doch, ich vergaß: Nach dem netten 1:2 gegen den FC Augsburg, da durfte die Mannschaft am Tag danach mal eine runde Dreiviertelstunde laufen. Weil der Trainer not amused war – über das Resultat gegen die No-name-Mannschaft aus Augsburg. Also, immerhin, einmal wurde dann doch schon mal etwas kräftiger gelaufen. Wenn das nichts ist.

Nein, nein, meine Damen und Herren, hier stinkt der Fisch nicht nur vom Kopf her, hier stinkt es überall. In erster Linie ist es natürlich auch so, dass von „oben“ nicht eingeschritten wird. Wenn von „oben“ eine klare Linie vorgegeben sein würde, dann könnte man jederzeit überprüfen, ob sich daran gehalten wird. Und wenn nicht, dann sagt man eben mal ein paar Takte. Werden aber keine klaren Linien vorgegeben, dann tut und lässt ein jeder was er will. Und genau das wird beim HSV schon seit Jahren so gehandhabt. Alle sehen zu und hoffen dabei im Stillen, das es gut geht. Aber es geht schon seit langer, langer Zeit nicht mehr gut – genau das Gegenteil ist der Fall. Was übrig geblieben ist, das ist ein einziger Trümmerhaufen. Diese Mannschaft erscheint – zurzeit jedenfalls – nicht (mehr) bundesligatauglich.

Ja, und in der Zwischenzeit ist der unglaubliche Höhenflug des FC Augsburg gestoppt worden: Nürnberg siegt im Auswärtsspiel 1:0 – ganz bitter für den HSV. Aber wie bereits geschrieben, da reißt sich eben auch ein jeder den Hintern auf: Fußball ist ein Laufspiel. Und ein Kampfspiel. Zeitlupe ist da denkbar ungeeignet.
Und, um das Maß an diesem Wochenende noch voller zu machen: Nun macht auch noch Per Ciljan Skjelbred das 1:0 für Hertha gegen Wolfsburg. Aber dieser Skjelbred, sagt mir gerade mein Kollege von gegenüber, der „hätte auch nicht in diesen HSV hineingepasst, denn der konnte ja laufen . . .“

Apropos: Tragisch war an diesem 2:4-Debakel von Braunschweig natürlich auch, welche Rolle Rene Adler gespielt hat. Seine „Dinger“ haben für diesen Niedergang gesorgt, das ist überhaupt keine Frage. Der HSV war 50 Minuten lang auf der Siegerstraße, dieses Spiel hätte niemals verlorengehen dürfen – wenn nicht der Torwart so grob gepatzt hätte. Diese Vorstellung des (ehemaligen) Nationaltorhüters war schon unglaublich, passt aber auch irgendwie zu diesem desolaten HSV. Alle passen sich an.

Ja, und jetzt soll Slomka den HSV-Niedergang stoppen. Aber kann er das? Und kann überhaupt noch jemand den Absturz des dienstältesten Fußball-Bundesliga-Clubs stoppen? Für mich ist klar: Slomka muss sich zu einem Über-Menschen entwickeln. Weil es in dieser Mannschaft hinten und vorne nicht stimmt, weil nichts, aber auch wirklich nichts intakt ist in dieser Truppe,, weil nicht mal mehr die einfachsten Dinge des Fußball-ABC’s funktionieren. Das ist mal Fakt. Und das ist keine Nestbeschmutzung, das ist die Wahrheit, daran kommt nun wirklich auch keiner mehr vorbei, nicht mal mehr der größte aller HSV-Fans.

Unterdessen sind die Rückzugs-Bemühungen im Aufsichtsrat immer noch nicht abgeschlossen. Mehrere Mitglieder, so wurde kolportiert, seien zum Rücktritt entschlossen. Fest soll stehen, dass Schauspieler Marek Erhardt schon vor einigen Tagen sein Amt niedergelegt hat. Andere sollen folgen, zwei sollen bereits feststehen, drei oder vier Räte überlegen sich diesen Schritt noch . . .

So lange vier der elf Mitglieder starken Gremiums verbleiben, ist der Rat allerdings beschlussfähig. Mindestens vier Mitglieder des elfköpfigen Aufsichtsrates wollen (wollten?) ihre Posten hinschmeißen. Auch der Vorsitzende Jens Meier stand vor einem Rücktritt. Das berichteten meine Kollegen vom Hamburger Abendblatt. So lange vier der elf Mitglieder starken Gremiums verbleiben, ist der Rat allerdings beschlussfähig.

Dazu steht in den HSV-Satzungen unter §17, Aufsichtsrat:

1. Der Aufsichtsrat besteht aus elf Mitgliedern, von denen acht von der Mitgliederversammlung gewählt werden und je ein Mitglied von der Abteilung Fördern- de Mitglieder, der Amateurversammlung und von der Gemeinschaft der Senioren entsandt wird. Die Wiederwahl bzw. erneute Entsendung ist zulässig.
Dann kommen verschiedene Punkte, bis zu jener Passage, die nun greift:

Scheidet ein gewähltes Aufsichtsratsmitglied vor Ablauf der Amtsperiode aus, so bleibt sein Sitz bis zur nächsten ordentlichen Mitgliederversammlung vakant. Sinkt dadurch die Zahl der von der Mitgliederversammlung gewählten Mitglieder des Aufsichtsrates unter vier Personen, so hat der Vorstand unverzüglich eine Mitgliederversammlung zur Wahl der vakant gewordenen Plätze im Aufsichtsrat einzuberufen. Dies gilt nicht, sofern noch mindestens drei von der Mitgliederversammlung gewählte Aufsichtsratsmitglieder im Amt sind und bereits eine ordentliche oder außerordentliche Mitgliederversammlung geplant ist, deren Durchführung in den darauffolgenden drei Monaten erfolgen soll; in diesem Fall findet die Wahl der Aufsichtsratsmitglieder zur Besetzung der vakanten Plätze in der geplanten Mitgliederversammlung statt.

So, dann habe ich noch eine Bitte in eigener Sache: Ich werde seit Tagen mit sms, Mails und Anrufen geradezu überschüttet, ich muss mein altes Handy dreimal am Tag aufladen. Nach dem „Ding von Braunschweig“ habe ich ABGESTELLT, weil ich mich vor Anfragen nicht retten konnte. Das war der bisherige Höhepunkt in meiner Journalisten-Zeit. Bitte, bitte habt Verständnis, wenn ich nicht alles beantworten kann, der Tag müsste sonst schon mindestens 36 Stunden haben – und mehr.

Eine Mail an mich möchte ich aber kurz noch veröffentlichen, weil sie in vielen Punkten meine Meinung trifft – und vielleicht auch Eure. Vielen Dank auf jeden Fall dem Absender- vielen Dank auch allen, die mir geschrieben haben, die mich angerufen haben. Ihr seid klasse, ich weiß, wie groß die Sorgen sind, die Ihr Euch um Euren HSV macht – es sind auch meine Sorgen, das sollt Ihr wissen:

Hallo Herr Matz,

wie es um Ihren Seelenzustand derzeit bestellt ist, kann ich nur zu gut nachvollziehen. Unser HSV steht am Abgrund und unsere Herzen weinen. Sie bekommen bestimmt derzeit tonnenweise E – Mails, deshalb versuche ich – dies ist wahrlich nicht einfach 😉 – mich kurz zu halten.

Ich verfolgen Ihren Blog noch, habe mich aber nach der Entmachtung von Bernd Hoffmann ( ich war ganz klar ein Befürworter ) mit Kommentaren komplett zurückgezogen. Es haben zu wenige im Blog verstanden das es wichtig ist die kompletten Positionen im Vorstand / Aufsichtsrat mit Fachleuten zu besetzen. Was meine ich mit Fachleuten?? Leute, die vom Fach “Fußball” etwas verstehen.

Unser HSV hat es versäumt in einem Zeitraum von 10 Jahren den Aufsichtsrat zu verkleinern und vernünftig zu besetzen. Es wurde immer wieder auf die Satzung hingewiesen und das es nicht so einfach sei…..ganz klar ein Problem der völlig veralteten Struktur!

Unser HSV hat sich viel zu spät um das Strukturproblem gekümmert. Auch dies ist schon sehr lange bekannt. Der HSV wird geführt wie ein Angelverein und nicht wie eine professionelle Bundesliga – Mannschaft!

Die ” Hardliner ” vom SC wollen immer noch mit aller Macht eine Fernwahl verhindern. Bei über 70.000 Mitgliedern ( ich bin auch eines davon ) halte ich das für den Witz des Jahres. Wieder wird auf die Satzung hingewiesen ( Austragungsort Hamburg / Stimmberechtigung nur für Anwesende ) . Warum wird das so gemacht? Ganz einfach – weil jede Abstimmung dadurch manipulierbar ist. Bestes Beispiel die Aufsichtsratswahlen…..Chosen – Few geben kurz vor der Wahl ihre Favoriten über die MOPO bekannt. Der Rest ist nur noch ein Rechenbeispiel. Bei ca. 900 Anwesenden brauchen wir ca. 460 Stimmen…..alleine 200 – 300 kommen aus den eigenen Reihen. Dieses Verhalten hat dem HSV fast alles gekostet. Auch die Mitglieder haben diesen Verein an seine Grenzen gebracht!

Seit ca. 2 Jahren ist unser HSV nicht mehr auf dem Transfermarkt tätig – das kann keine Bundesliga – Mannschaft verkraften! Der Ausverkauf ist an Naivität kaum noch zu überbieten!

BvM hat gravierende Fehler gemacht. Er hat an einem System festgehalten das nicht funktioniert und hat Spieler auf falschen Positionen eingesetzt – die Entlassung kommt zu spät!

Einzig und allein Thomas Doll könnte unseren HSV noch retten! Wenn es Slomka wird dann handelt es sich um einen Perspektivtrainer. Er wird unseren HSV nicht da unten rausholen können, aber er kann eine Mannschaft aufbauen – auch in der 2. Liga. Das traue ich Thomas Doll aber auch zu hundert Prozent zu!

Einen Abstieg ( wenn es denn so kommt -auch ich hoffe immer noch ) wird und kann unser HSV nicht verkraften! Wirtschaftlich uns sportlich wird unser Verein in der Bedeutungslosigkeit verschwinden!

Ich habe versucht mich kurz zu halten, lieber Herr Matz. Eine genauere Ausführung wäre eine seitenlange E – Mail geworden. Eine kurze Zusammenfassung von mir würde sich so anhören:

Veraltete Strukturen gepaart mit unfähigem Personal auf allen Ebenen der Führung, eine Mannschaft die aus Kostengründen bis aufs Blut geschwächt wurde, arrogante Mitglieder die meinen den Verein führen zu können und eine viel zu spät begonnene Strukturreform – das sind die Zutaten für diesen hochgiftigen Abstiegscocktail.

Herr Matz, unsere Herzen bluten und unsere HSV – Seelen sind in einem sehr schlechten Zustand. Aber da müssen wir jetzt durch!

Ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Sonntag

und verbleibe mit herzlichen Grüßen

Karsten G.

PS: Auch das noch: Rafael van der Vaart war am Nachmittag zur Kernspintomographie, und dort wurde eine doch schwerer Verletzung festgestellt: Bänderriss und Kapselriss im rechten Knöchel, der Niederländer fällt auf jeden Fall drei Wochen aus.

PSPS: Morgen soll um 15 Uhr im Volkspark trainiert werden. Mittags soll zuvor den Medien der neue Coach präsentiert werden.

18.56 Uhr

So, um 22 Uhr ergänze ich meinen Bericht noch mit einigen besonderen Aussagen von HSV-Legende Uli Stein, der am Abend bei “Sky” mächtig auf seinen ehemaligen Club eindrosch. Wobei ich sagen muss, dass ich mich mit einigen Aussagen sehr wohl identifizieren kann.

Hier die Stein-Aussagen bei Sky von diesem Sonntag:

Uli Stein (228 Bundesligaspiele im Tor des HSV) über…

…HSV Kapitän Rafael van der Vaart: „Der fehlende elfte Mann ist für mich der Kapitän. Was van der Vaart auf dem Platz abliefert, hat mit Fußball und mit Mannschaftssport nichts zu tun. Das ist ein Alibi-Fußballer. Er holt sich hinten den Ball und macht das Spiel langsam, indem er sich nicht vorne anbietet. Dann kann er seine 3,4 oder 10 Meter Pässe spielen, bleibt er aber hinten stehen und versteckt sich. Er ist der erste der abtaucht, wenn es nicht läuft. Er ist kein Leader. Er kann die Mannschaft nicht führen. Das hat er gezeigt in dieser Saison. Ich weiß auch nicht warum Westermann die Kapitänsbinde abgenommen und ihm gegeben wurde. Von der Präsenz neben dem Platz muss ich mehr erwarten von so einem Klassemann.“

…die Verhandlungen mit Felix Magath: „Er hat ja nicht am Tag der Absage mit Fulham verhandelt, sondern schon viel früher. So ein Vertrag, den er sofort 24 Stunden später in Fulham unterschreibt, ist ja langfristig aufgebaut worden. Mit der Gewissheit, er kann sofort in Fulham unterschreiben, hat er Forderungen gestellt, wo ich gesagt habe, er wollte die Diktatur wieder einführen. Du kannst doch nicht Sportchef, Trainer und Vorstandsvorsitzender werden. Das war auch der Grund wieso Felix Magath so aufgetreten ist: Ich probiere das mal, ich haue das so raus. Weil wenn es nicht klappt: Okay ich habe meine Verein, wo ich hingehe. Was ich nicht gut finde: Er hat gesagt, ich trage die Raute im Herzen, ich bin HSVer und hat im Nachhinein bewiesen, dass er es nicht ist. Er hat kein ehrliches Spiel gespielt. Er hat die Fans mit der Fahne im Garten belogen. Aber die mit der Raute im Herzen haben lange die Augen verschlossen vor der Wahrheit. Der Verein wird in den oberen Etagen geführt von Ahnungslosen, die vom Fußball keine Ahnung haben.“
…die Herausforderung für den neuen Trainer beim HSV: „Im Moment ist es eher die Frage: Kann überhaupt ein Trainer die Mannschaft noch retten? Ein großes Problem beim ist HSV ist, dass die Mannschaft in einem Zustand ist, wo ein Trainer eigentlich nur eine Chance hat, etwas zu machen, wenn er die Mannschaft in der Vorbereitung hat, indem er viele Dinge verändern kann. Hier kannst du nichts mehr verändern. Du musst mit dem Material leben, den Spielern leben.“

…den möglichen neuen Trainer Mirko Slomka: „Ich halte Mirko Slomka für den richtigen Trainer in der jetzigen Situation. Aber was kann er noch ausrichten? Er fängt wahrscheinlich mit einer Heimniederlage gegen Dortmund an und dann ist der neue Schwung und Elan auch schon verpufft. Er hat nicht die Zeit, die Jungs so fit zu machen dass sie diese 7 Kilometer aufholen, die sie zu wenig laufen.“

…die physischen Probleme der Hamburger: „Ein ganz großes Problem ist der körperliche Zustand der Mannschaft. Die laufen pro Spiel 7 oder 8 Kilometer weniger als der Gegner. Das ist keine Kopfsache, auch wenn ich im Kopf schlecht drauf bin, kann ich laufen. Der HSV hat dafür, dass er immer 10 gegen 11 spielt mit 16 Punkten eigentlich noch eine ganz gute Ausbeute.“

…die mentalen Probleme der Hamburger: „Da ist überhaupt keine Mannschaft auf dem Platz. Das hat man auch nach dem Spiel gegen Braunschweig gesehen, da geht jeder seine Wege. Du siehst ja gar nicht mehr, dass sich zwei in Arm nehmen und sich gegenseitig trösten. Man hat auch das Gefühl, dass es den Spielern vollkommen egal ist, weil die sagen: Dann spiele ich eben nächste Saison wo anders. Da habe ich nicht das Gefühl, dass ein Spieler auf dem Platz ist, der wirklich die Raute im Herzen trägt, der sagt, ich kämpfe für den Verein. Es gibt keinen, nicht nur in dieser Saison, das verfolge ich schon in den Jahren davor, der die Ärmel hochkrempelt und sich gegen eine Niederlage stemmt. Da fällt ein Gegentor: Kopf runter.“

…die Mentalität im Abstiegskampf: „Die ganze große Gefahr besteht, dass alle anderen unten drin wissen, dass sie gegen den Abstieg spielen. Der HSV, ich hoffe dass sie es inzwischen realisiert haben, aber ich glaube die wissen es immer noch nicht. Es ist ganz wichtig, den Spielern zu vermitteln, dass sie gegen den Abstieg spielen. Beim HSV habe ich immer das Gefühl, dass alle denken, das schaffen wir schon irgendwie.“

…das zu lange Festhalten an Bert van Marwijk: „Für mich war es schon bedrohlich nach erstem Spiel Rückrunde. Man verliert 0 zu 3 gegen Schalke und zur Belohnung kriegen die Spieler noch zweieinhalb Tage frei. Du weißt deine Mannschaft läuft 7,8 Kilometer weniger als der Gegner und dann gibst ihnen dann noch frei. Da habe ich doch als Trainer irgendwas falsch gemacht. Das war für mich schon ein Zeitpunkt wo ich schon angefangen habe darüber nachzudenken, ist das noch der richtige Trainer für einen Verein, der sportlich wie finanziell in so einer prekären Situation ist. Die Überlegung kommt viel zu spät.“

…eine möglichen Zäsur durch Abstieg: „Es gibt nie einen richtigen Zeitpunkt für einen Abstieg. Ganz große Gefahr sehe ich beim HSV bei den Verbindlichkeiten. Wenn die Zahlen stimmen, die in der Zeitung stehen, wäre ein Abstieg aus wirtschaftlicher Sicht verheerend für den Verein. Wie soll der Verein sich da in der zweiten Liga wieder konsolidieren? Das wird ganz schwierig.“

…die momentane Rangfolge der deutschen Torhüter: „Neuer, Weidenfeller, Ter Stegen. Adler ist für mich im Moment nicht unter den Top 3, auch bedingt durch die Situation beim HSV.“

Der DFB-Pokal – und die EM

24. Juni 2012

Der HSV muss nach Karlsruhe. Zu einem Drittliga-Klub – keine Panik. Habe ich am Sonnabend still für mich gedacht. Viele meiner Freunde aber haben jetzt schon wieder arge Bedenken und Befürchtungen. Nämlich der Art, dass der HSV seine Pokal-Tradition beim Drittliga-Vertreter KSC, der ja gerade aus Liga zwei abgestiegen ist, nahtlos fortsetzen könnte. Ich schrieb es bereits, für den HSV war einst, und zwar am 31. Oktober 2000 in Runde zwei, schon frühzeitig das „Finale“ gekommen, denn es gab beim KSC eine 0:1-Niederlage. Und zwar für folgende HSV-Mannschaft: Butt, Kientz, Hoogma, Hollerbach, Kruse (72. Bester), Maul, Spörl, Doll (62. Hashemian), Spörl, Ketelaer, Yeboah (62. Heinz), Präger. Dieses Team, von Trainer Frank Pagelsdorf ins Feld geschickt, liest sich zwar ganz schön und gut, aber wenn man folgende Namen sieht, die damals GESCHONT wurden, dann weiß man, warum es diese Niederlage gab. Es fehlten nämlich: Barbarez, Fukal, Ujfalusi, Mahdavikia, Meijer, Cardoso, Hertzsch, Kovac, Groth, Panadic und, wer es möchte, auch Töfting. Schiedsrichter war in dieser Partie übrigens der Münchner Peter Sippel, und der war in den folgenden Jahren noch zwei weitere Male an Pokal-Pleiten des HSV „beteiligt“.

Allein in diesem Jahrtausend liest sich die Pokal-Bilanz des HSV wie ein fußballerischer Horror-Trip. Einmal wurde zwar immerhin das Halbfinale erreicht, aber ansonsten Pleiten, Pleiten ohne Ende. Und die sehen so aus:

27. November 2001, zweite Runde: 0:2 daheim gegen den VfB Stuttgart,
3. Dezember 2002, Achtelfinale, 0:1 daheim gegen den VfL Bochum (Schiedsrichter Sippel),
3. Dezember 2003, Achtelfinale, FC Bayern – HSV 3:0,
21. August 2004, Runde eins, SC Paderborn – HSV 4:2 – das Skandalspiel unter dem „Unparteiischen“ Robert Hoyzer,
21. Dezember 2005, Achtelfinale, FC Bayern – HSV 1:0 n. V.,
9. September 2006, Runde eins, Stuttgarter Kickers – HSV 4:3 n. V. (Schiedsrichter Sippel),
27. Februar 2008, Viertelfinale, VfL Wolfsburg – HSV 2:1 n. V.,
22. April 2009, Halbfinale, HSV – Werder Bremen 2:4 n. Elfmeterschießen,
23. September 2009, zweite Runde, VfL Osnabrück – HSV 7:5 n. Elfmeterschießen,
27. Oktober 2010, zweite Runde, Eintracht Frankfurt – HSV 5:2,
21. Dezember 2011, Achtelfinal, VfB Stuttgart – HSV 2:1 – ein unverdienter Erfolg der Schwaben. Aber das weiß heute niemand mehr.

Und nun geht es nach Karlsruhe. Wir lassen uns mal überraschen, ich bin aber (immer noch) ganz optimistisch.

So, in einem anderen Punkt muss ich ein wenig zurückrudern. Marcell Jansen hat noch keinen neuen Vertrag unterschrieben. Beide Parteien, der Ex-Nationalspieler und der HSV, haben sich zwar geeinigt, dass demnächst die Unterschrift erfolgen wird – aber das ist noch nicht geschehen. Eventuell ja an diesem Montag. Wobei bis auf die Unterschriften eben alles geklärt ist – also eigentlich nur noch eine Formalie . . .

In Sachen HSV gab es heute nur eine Meldung in den Agenturen, aber die ist durchaus „reiz-voll“:

Der Sport-Informations-Dienst (SID) meldet:

Fußball-Bundesligist Hamburger SV kann auf weitere finanzielle Unterstützung von Unternehmer Klaus-Michael Kühne bauen. „Ich stehe als Investor für neue Spieler durchaus zur Verfügung“, sagte Kühne der WirtschaftsWoche, „allerdings würde ich nur in einer Gruppe investieren.“ Eine ähnliche Aktion im Jahr 2010, als Kühne als alleiniger Investor 12,5 Millionen Euro für sechs HSV-Spieler ausgab und dafür die Rechte an den Transfererlösen erhielt, löste eine Welle von Kritik aus.

Er habe plötzlich in den Schlagzeilen gestanden, „obwohl ich dem Verein nur helfen wollte. Daher würde ich in Zukunft auf keinen Fall mehr den Alleinunterhalter machen, als der ich in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde“, äußerte Kühne.

Da geht noch was!
Oder die skeptische Variante: geht da noch was?

Kurz zu einem „netten“ Thema der Bundesliga: Bayer Leverkusen hat ja beantragt, nicht mehr an einem Freitag – und zwar an einem Abend – spielen zu wollen, zu müssen oder zu dürfen. Weil sich Anwohner (neben dem Stadion) über den Lärm beschwert hätten. Dazu sagte Holger Hieronymus, Noch-Geschäftsführer der DFL, in der „Bild am Sonntag“: „Grundsätzlich steht in der Lizenzierungsordnung, dass die Klubs eine uneingeschränkte Nutzung der Stadien gewährleisten müssen.“ Natürlich. Alles andere wäre doch auch Nonsens.

Ansonsten müsste der HSV (auch in meinem Namen – als Mitglied) auch einige Anträge stellen. HSV-Pokalspiele sollten nicht ab sofort mehr von Peter Sippel geleitet werden, und Bundesliga-Begegnungen nicht mehr von Günter Perl (Pullach in Bayern), meinem persönlichen “Freund”, gepfiffen werden. Und dann diese unsäglichen Sonntags-Spiele! Das ist ja überhaupt der Knackpunkt. Zehn dieser Art hatte es in der vergangene Saison für den HSV gegeben. Ein Unding. Da würde ich schon mal ganz stark beantragen, dass der HSV künftig sonntags nicht mehr anzusetzen ist. Ein Grunde dafür müsste sich schon finden lassen. Die enormen Sonntags-Zuschläge in Hamburg, die hohen Reisekosten mit Flugzeug und Bahn, auch höhere Hotelkosten, und überhaupt: sonntags könnte ja auch kein HSV-Spieler und kein -Trainer mehr in die Kirche gehen.

Dann gab es da noch eine Meldung über den „ewigen Loddar“ – Matthäus. Auf Vox gibt es nun eine Reality-Doku „Lothar – immer am Ball.“ Und das ist er ja tatsächlich. Kürzlich saß er bei „Lanz“, im Kreise anderer Fußball-Experten. Ich habe da mal reingezappt und ihm, dem „Loddar“, mal intensiv zugehört. Staunend, wie ich zugeben muss. Da hat der „Loddar“ nämlich viele gute und passende Dinge über den Fußball gesagt. Sodass Markus Lanz einmal sagte: „Sie sollten etwas mit Fußball machen . . .“ Weil Matthäus alles super erklärt hatte, was da lief und was warum nicht so gut war. Wie gesagt, ich staunte. Und dachte so bei mir: „Mensch, der Loddar, der kann es ja tatsächlich. Wenn er nun noch zugänglicher wäre, also nicht so unnahbar, nicht so unantastbar für seine Spieler, dann wäre der bestimmt ein sehr guter Trainer – ein sehr, sehr guter sogar.“

Aber dann müsste dieser „Überflieger“, dieser „Hans Dampf in allen Gassen“, endlich einmal vor allem eines machen: sich selbst auf „normal“ zurückfahren. Solange er glaubt, dass er der Nabel der Welt ist, dass sich alles nur um ihn zu drehen hat, solange wird das nichts mit dem Trainer Matthäus – jedenfalls nicht in Deutschland. Wenn ihm das mal einer sagen und dann auch beibringen würde, dann wäre er, so glaube ich, bestimmt ein exzellenter Trainer. Aber dazu gehört eben auch, dass man sich nicht mit den Händen tief in den Hosentaschen vor die Mannschaft stellt, um ihr etwas zu erklären. Dazu gehört auch keine „koddrige Schnauze“, dazu gehört auch ein wenig Demut. Und von solchen Sachen hat ein Weltstar wie er ganz sicher noch nichts gehört. Schade eigentlich, denn er hätte es wohl schon drauf, der gute „Loddar“.

Wo ich gerade bei Ansprache war. In diesen Tagen und Wochen werden ja wieder einmal die Kommentatoren von ARD und ZDF heftig kritisiert. Wie immer, möchte ich mal sagen. Das gibt es bei jedem großen Turnier, bei jedem großen Spiel. Aber nur deshalb, weil „Mann“ es ohnehin keinem recht machen kann. Diese öffentlich-rechtlichen Herren können doch erzählen was sie wollen, sie werden es nie gut genug machen. Die einen finden es zwar ganz okay, andere wiederum sind begeistert, viele sind aber einfach nur genervt von dem „Gesabbel“. Ich finde ja, dass die Jungs ihren Job bestens machen, und dass man mal (als Fan) über den Dingen stehen sollte. Fachlich haben sie es alle drauf, der eine mehr, der andere weniger. Sie alle aber werden mit Informationen über die beteiligten Mannschaften, Spieler, Trainer, Fans und sonstiges Umfeld versorgt. Ich möchte fast sagen, dass da Tonnen an DIN-A-4- Blätter angeschleppt werden, um die Zuschauer bestens informieren zu können. Daran kann es also nicht liegen, denn es fehlt an nichts. Und wenn der eine zu viel und der andere zu wenig redet? Der eine (Zuschauer) mag es, der andere ((Zuschauer) eben nicht – so ist das Leben. Und wenn einer mal etwas zu viel „Mist“ erzählt? Geht uns das nicht allen mal so?
Nein, ein Fußball-Kommentator kann ganz einfach nicht gewinnen, das ist jedem, der diesen Job macht, vorher schon hundertprozentig klar. Aber wir Konsumenten sollten eventuell ein wenig nachsichtiger sein – oder es werden.
Und wer überhaupt total genervt ist, der sollte den Ton abstellen. Ganz einfach (wäre das).
Um das aber mal zu bekennen: Ich bleibe bei Bela Rethy, Gerd Gottlob und Tom Bartels auf jeden Fall „auf Sendung“ – und „auf“ Ton.

Bei der Gelegenheit. Rethy hatte auch diesen netten Spruch parat:

„Er erklärt ihr die EURO, sie erklärt ihm den EURO.”

(Der ZDF-Live-Reporter vor dem Viertelfinale Deutschland-Griechenland mit Blick auf die Ehrentribüne: Bundeskanzlerin Angela Merkel neben Uefa-Präsident Michel Platini)

Womit wir auch schon mitten in der EM wären. Ich gebe ja zu, dass ich während des Spiels Deutschland – Griechenland einige Mal aufgesprungen bin. Vor Entsetzen (Fehlpässe von Badstuber und Schweinsteiger, Stoppversuche von Klose), vor Ärger und vor Enttäuschung (vergebene Torchancen). Aber, so lese ich jetzt, auch der Bundestrainer ist mal (während des Spiels!) in den Kabinengang geflüchtet. Das war in der 25. Minute. Und „Jogi“ Löw gibt zu: „Ich habe mich einfach geärgert. Wir hatten zuvor drei, vier Chancen, aber wir haben kein Tor gemacht. Ich war ein bisschen sauer über die verpassten Möglichkeiten. Das waren eben Emotionen, die da rausgekommen sind.“ Genau. Wie bei mir . . .
Und bei euch?

Besonders bei den vielen unglaublichen Fehlpässen von Bastian Schweinsteiger sind mit mir die Gäule durchgegangen. Der Bayern-Profi hat mit diesen Bällen seinen Marktwert (fast schon dramatisch) heruntergefahren. Dass ein solcher Weltklasse-Mann solche verheerenden Fehlpässe spielen kann – ich kann es heute noch nicht glauben. Er selbst sagt ja auch: „Das darf einem Spieler wie mir nicht passieren.“ Dann hat er aber auch eine Erklärung für seine Schwäche-Periode parat: „Um ehrlich zu sein, macht mir der Knöchel Sorgen. Es geht um kleine Bewegungen, um Explosivkraft.“

Bitte, Herr Bundestrainer, nehmen Sie diese Geschenk an. Schweinsteiger hat Ihnen keinen Elfmeter vor die Füße gelegt, nein, er hat den Ball schon auf die Torlinie gerollt. Sie, lieber Herr Löw, müssen nur noch verwandeln . . .

Eine bessere Vorlage kann es nicht geben. Schweinsteiger weiß genau, dass er nicht in Bestform ist, dass er (wohl) auch nicht mehr (während der EM) in Bestform kommen wird. Nun ist „Jogi“ Löw aufgefordert, zu handeln. Ich habe es ja schon bei „Matz ab live“ erklärt: Das ist noch der Unterschied zwischen der deutschen und der spanischen Mannschaft. Spanien hat in den eigenen Reihen nie (behaupte ich) einen so krassen Ausfall wie Deutschland nun mit Schweinsteiger. Und dazu Klose beim Versuch, den Ball stoppen zu wollen, und Badstuber mit seinen kümmerlichen Versuchen, Pässe an den eigenen Mann bringen zu wollen. Bei Spanien dagegen spielen alle wie Maschinen, konstant und gut von der ersten bis zur letzten Minute. Da gibt es nicht einen „Schweinsteiger“. Reinhold Beckmann hat Mehmet Scholl (in der ARD) ja zu den Spaniern befragt. Ganz einfach, diese Frage: „Warum nimmt man den Spaniern nicht einfach mal den Ball weg?“ Scholl: „Weil das nicht ganz so einfach ist. Da ist nämlich jeder Spieler perfekt am Ball.“ Genau. Und wir (Deutschen) schenken dem Gegner den Ball durch unzählige Fehlpässe einfach so mir nichts dir nichts her.

Herr Löw, bitte übernehmen Sie!

Bei der Gelegenheit. Kürzlich schrieb ich hier ja über Mario Gomez und Miroslav Klose. Und nebenbei bemerkte ich, dass bei mir keiner von beiden spielen würde, sondern Marco Reus.
Ich finde, dass der Bundestrainer ruhig öfter (und früher) mal auf mich hören sollte und könnte . . .
Nein, bitte nicht explodieren, das war ein Scherz am Rande.

Drei kleine EM-Notizen zum Schluss:

Innenverteidiger Holger Badstuber muss keine Angst davor haben, ein mögliches EM-Finale zu verpassen (wie schon das Champions-League-Finale). Der Münchner sah zwar gleich im ersten Spiel Gelb (gegen Portugal), aber diese Karte wurde nach der Vorrunde gelöscht. Gäbe es nun im Halbfinale Gelb für Badstuber, wäre das seine „erste“ Gelbe Karte – also keine Sperre. Gilt auch für Jerome Boateng.

Dann ist, ganz erstaunlich, Deutschland eigentlich schon Europameister. Wenn man der Statistik Glauben schenken darf. Nach der hat nämlich der spätere Europameister immer sein erstes (Vorrunden-)Spiel gewonnen. 2012 haben fünf Teams ihr erstes Spiel gewonnen, aber nur noch Deutschland ist von diesen Erstrunden-Siegern noch im Turnier verblieben . . .

Und ganz zum Schluss ein netter Spruch von einem ganz „harten Hund“. Spaniens Sergio Ramos ist ja für mich der „Knochen“ dieser EM. Wo er auch auftaucht, wo er auch hinlangt – da wächst kein Gras mehr. So kannte ich den Abwehrmann noch gar nicht, aber das mag auch eine Bildungslücke von mir sein. Dieser Ramos sagte nun aber etwas, was bestens zum Muttertag passen würde:

„Auf dem Spielfeld die Liebe der Familie zu spüren, ist unbezahlbar. Danke, Familie! Ich liebe euch. Mama, ich schicke dir einen Kuss.“

Gibt es einen besseren Schluss?

PS: Heute gibt es noch einen kleinen Nachschlag. Gegen Mitternacht wird euch „uns Scholle“ noch mit einem besonderen Interview überraschen. Bis dahin – genießt die Zeit (des großen Regens).
Es ist ja alles so ätzend, wo bleibt der Sommer?

17.10 Uhr

Willi Schulz – das komplette Interview

8. Juni 2012

Herrlich, heute ist EM-Start – endlich! Der Ball rollt, springt und fliegt wieder, es geht wieder bergauf . . . Ich wünsche allen „Matz-abbern“ und ihren Lieben eine wunderschöne EM-Zeit, drücke der deutschen Mannschaft ganz fest die Daumen, damit es wenigstens in Halbfinale geht – und hoffe darauf, dass ihr alle schon bald auch den „richtigen“ Sommer begrüßen könnt. Vorab aber gibt es noch ein Interview zum HSV, denn ohne den und unseren HSV geht es natürlich nie:

Er hat 66 Länderspiele für Deutschland bestritten, er war 1966 in England unser „World-Cup-Willi“, er hat in der Weltauswahl gespielt – und natürlich auch für den HSV. Willi Schulz, der einst aus Gelsenkirchen nach Hamburg kam, wohnt nach wie vor in der Hansestadt, und obwohl er inzwischen 73 Jahre alt ist, ist er aktiv wie immer. Der Unternehmer ist rührig und emsig – und er hat natürlich immer noch die Raute im Herzen. Deswegen ist er in Sachen HSV stets auf Ballhöhe – und wir, Alexander Laux und ich, haben uns in dieser Woche mit dem früheren Weltklasse-Stopper getroffen, um mit ihm über den HSV und die EM zu sprechen. Hier nun erst einmal Teil zwei (!) des Interviews, das heute noch nicht im Hamburger Abendblatt veröffentlicht wurde:

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, im Januar 2013 werden beim HSV fünf neue Aufsichtsratsmitglieder gewählt – wer sollte Ihrer Meinung nach neu in den AR?

Willi Schulz: Der Rat sollte so bestückt sein, dass möglichst alle Abteilungen repräsentiert werden. Natürlich kann man nicht alle 34 Abteilungen da einbeziehen, aber der Fußball sollte schon entsprechend übergewichtig im AR vertreten sein. Deswegen wäre es für den Verein schon förderlich, wenn sich mal wieder mehr Fußballer zur Wahl stellen würden.

Hamburger Abendblatt: Es gibt, das hat die letzte Versammlung gezeigt, mehrere Strömungen im HSV – wie beurteilen Sie diese Situation?

Schulz: Ich habe mich damals wegen des Fußballs in den AR wählen lassen. Die Profi-Abteilung, der Nachwuchs in Ochsenzoll, alles andere hat mich nur am Rande interessiert, das war nicht so sehr mein Thema. Es wird natürlich auch Politik gemacht, aber das war nie mein Ding, mir ging es stets nur um den Fußball.

Hamburger Abendblatt: Sie haben aber mit Ihrer einen Stimme bei insgesamt zwölf Räten nichts bewirken können, oder?

Schulz: Stimmt, das ist korrekt. Das ist Demokratie.

Hamburger Abendblatt: Wäre denn ein kleinerer Aufsichtsrat ratsam, in dem überwiegend Fußballer sitzen würden?

Schulz: Das weiß ich nicht so recht. Ehemalige Fußballer, die auch wirtschaftlich beschlagen sind, dann würde es eventuell etwas bringen. Aber ich sage auch, wenn jeder überall mitreden würde, dann könnte das auch schädlich sein. Motto: Viele Köche verderben den Brei. Viele Leute, viele Meinungen. Auch Fußballer unter sich sind sich nicht immer einig.

Hamburger Abendblatt: Sind Ihnen zwölf Aufsichtsräte zu viel, wäre ein kleinerer AR effektiver – oder ist die Zahl zwölf passend?

Schulz: Man könnte effektiver sein, wenn man etwas abspecken würde, denn wir haben ja nicht nur zwölf Räte. Da gibt es vier Vorstands-Mitglieder, hier und dort noch andere Leute, insgesamt sind es ja an die 20 Leute, die da mitreden wollen – zwei Kassenprüfer und andere. Das ist eine ganze Menge. Die Mehrheit der Mitglieder, die bei der Versammlung am 20. Mai dabei waren, hat das wohl auch so gesehen, die waren ja für eine Verkleinerung – nur gab es keine Dreiviertelmehrheit für den Antrag von Horst Becker. Zwölf sind mir zu viel, jeder hat nur eine Stimme, und ich habe es doch erlebt, dass es oft ein riesiges Prozedere gab, bevor man zu einem Ergebnis kam.

Hamburger Abendblatt: Und gar kein Aufsichtsrat? Nur einen Wirtschaftsrat, wie beim FC Bayern?

Schulz: Ohne wäre auch nicht gut. Es muss ja kontrolliert werden. Obwohl dem AR oft auch zu viel zugemutet wird. Entscheidend ist der Vorstand, und ganz entscheidend ist die Mannschaft. Ist der sportliche Erfolg da, stimmt es auch im Verein. Deswegen sollte man den Aufsichtsrat nicht ganz so wichtig nehmen.

Hamburger Abendblatt: Wenn ich zuletzt gefordert habe, dass ehemalige HSV-Spieler wie Kaltz, Jakobs oder Stein in irgendeiner Form beim HSV mitmischen sollten, gab es viele kritische Töne. Aber die Ehemaligen wollen ja auch gar nicht erst in den Aufsichtsrat, verstehen Sie das?

Schulz: Man muss das auch von einer anderen Seite sehen. Wenn man der Meinung ist, dass man aufgrund seiner Erfahrung helfen kann, dann sollte man das machen. Ich habe mich damals so entschieden. Aber man sollte sowohl Fußball-Verstand und wirtschaftliche Kompetenz mitbringen, und das hat nicht jeder. Bei Hoeneß und Rummenigge zum Beispiel ist es so, dass sie beides haben. Man muss aber beides können, nur Fußball-Verstand reicht nicht aus, um einen Verein zu kontrollieren und auch führen zu können.

Hamburger Abendblatt: Noch ein Themenwechsel. Die EM. Welche Rolle trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Schulz: Ich glaube, dass wir eine sehr gute Rolle spielen werden. Jetzt kommt wieder das schon abgedroschene Wort von der Turnier-Mannschaft, aber es trifft immer noch. Deutschland ist eine Turnier-Mannschaft. Turniere kommen der deutschen Mentalität entgegen. Bei uns wird kein Personen-Kult betrieben, da geht die Mannschaft über alles. Und das ist für ein Turnier förderlich. Und hinzukommt, dass das 3:5 gegen die Schweiz zum richtigen Zeitpunkt kam. Da sind wir von den hohen Erwartungen ein wenig heruntergekommen, und wir haben gemerkt, dass auch zweitklassige Nationen guten Fußball spielen können. Zudem wurden einige Schwachpunkte in unserer Mannschaft entlarvt. Nein, wir werden gut sein, und wir werden mit Sicherheit ins Halbfinale kommen.

Hamburger Abendblatt: Wie wird denn das Auftaktspiel gegen Portugal ausgehen?

Schulz: Gut für uns. Weil Portugal keine Turnier-Mannschaft ist. Das ist vom Namen her eine große Mannschaft, aber viele gute Einzelspieler sind noch lange kein gutes Team. Nani und Ronaldo sind zwar Weltklasseleute, aber zieht man die aus dem Verkehr, dann ist die portugiesische Mannschaft schon nicht mehr so viel wert. Nicht die Stars richten es bei einem Turnier aus, sondern nur das Team. Das hat die Vergangenheit immer gezeigt. Disziplin ist wichtig, die Ordnung auf dem Platz auch, zudem die Geschlossenheit – nur so geht es.

Hamburger Abendblatt: Wie würden Sie denn die deutsche Innenverteidigung spielen lassen?

Schulz: In der jetzigen Verfassung würde ich Badstuber und Hummels spielen lassen. Mertesacker ist nach seiner langen Verletzung noch nicht wieder fit, war relativ langsam in seinen Bewegungen, noch nicht schnell und noch nicht bissig genug. Mit Hummels wären wir auch schwerer auszurechnen, er ist im Spiel nach vorne kreativer. Und heute muss man als Spieler immer 100 oder mehr Prozent geben, denn das Spiel ist so viel schneller und athletischer geworden, dass man sich da keine Schwäche erlauben kann. Aber ich bin nicht der Bundestrainer.

So, das war Teil zwei des Interviews mit Willi Schulz, das mein Abendblatt-Kollege Laux und ich mit dem dreimaligen WM-Teilnehmer geführt haben. Für alle diejenigen „Matz-abber“, die Teil eins in der heutigen Abendblatt-Ausgabe nicht lesen konnten, sei hier nun auch Teil eins nachgereicht.
Ich nenne es den sportlichen Teil des Gesprächs, in dem es um den HSV und seine Bundesliga-Mannschaft geht.

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, wie schätzen Sie das Niveau der HSV-Mannschaft, wie sie derzeit aussieht, ein?

Willi Schulz: Wir können in allen Mannschaftsteilen Verstärkung gebrauchen. René Adler war nur der erste Schritt.

Hamburger Abendblatt: Woher sollen die Verstärkungen kommen, wenn kein Geld da ist?

Schulz: Für Spieler wie Kagawa, die von Dortmund für 350 000 Euro verpflichtet wurden, hat der HSV das Geld. Was ich meine: Unsere Scoutingabteilung muss fleißig sein, dann kommst du auch mit wenig Geld zurecht. Die müsseneuropaweit, ja weltweit unterwegs sein.

Hamburger Abendblatt: Während der vergangenen Saison hieß es immer, das Team habe Qualität, verfüge über Potenzial . . .

Schulz: Die Mannschaft hat ja durchaus Potenzial. Die Frage ist bloß, wie viel. Jedenfalls nicht so viel wie Bayern oder Dortmund. Die Tabelle lügt nicht, das ist schon ein Gradmesser.

Hamburger Abenbdlatt: Von welchem Spieler erhoffen Sie sich denn eine Steigerung?

Schulz: Mancienne hat sich gewaltig gesteigert nach seinen Anlaufschwierigkeiten und war eine Konstante. Aber bei Spielern wie Bruma oder Diekmeier großartige Steigerungen herauszuholen, in dieser starken Bundesliga? Das wird schwer. Ich glaube eher, die sind schon an ihrem Limit angekommen. Viel mehr können wir da nicht mehr erwarten.

Hamburger Abendblatt: Was halten Sie von Marcus Berg?

Schulz: Für das, was er mitbringt, wäre eine Steigerung möglich. In manchen Spielen setzt er es bloß nicht richtig um. Ich muss aber zu seiner Verteidigung sagen, dass es schwer ist als Sturmspitze, wenn du nicht frei gespielt wirst und immer zwei Spieler hinter dir hast, die draufgehen. Hier fehlt der Spielmacher, der ihn mit Pässen und Ideen versorgt.

Hamburger Abendblatt: Viele Zuschauer hat der langatmige Spielaufbau genervt. Sie auch?

Schulz: Die Leute konnten ja schon auf der Tribüne vorhersagen: So, jetzt spielt er zum Torwart. Und die waren keine Wahrsager. Wenn die Tribünengäste das sehen, weiß der Gegner das auch. Der Punkt ist doch: Wenn ich den Ball hinten drei-, viermal quer spiele, dann geht es zurück zum Torwart, und der haut ihn lang nach vorne – das kann ich als Innenverteidiger auch sofort machen und habe das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagert und kann zumindest auf den Abpraller hoffen. Bei dem Quergeschiebe kann der Gegner seine Abwehr stellen und du hast vorne keinen Raum mehr. Das muss der Trainer abstellen, sonst bleibt unser Spiel auch kommende Saison wenig effektiv.

Hamburger Abendblatt: Wo besteht noch Nachholbedarf?

Schulz: Bei Standardsituationen, auch defensiv. Es kann doch nicht angehen, dass unsere Abwehrspieler den Gegner umarmen und es einen Elfer gibt, wie es Westermann gegen Schalke passiert ist. Oder nur zwei Leute in eine Mauer zu stellen wie gegen Wolfsburg. Leute, das ist zu dünn! Da gibt es Regeln, das muss sitzen. Zum Beispiel, dass du bei jeder Standardsituation immer Ball und Gegner sehen musst. Das kann man üben.

Hamburger Abendblatt: Haben Sie ein bevorzugtes Spielsystem?

Schulz: Das beste System ist immer das, womit du Spiele gewinnst (lacht) . Aber im Ernst: Das System kannst du nicht von außen bestimmen, das bestimmen die Spielertypen. Ich kann gewisse Systeme nur spielen, wenn ich auch die richtigen Fußballer habe. Hast du beispielsweise nur einen Vollblutstürmer, bietet sich eine eher sichere Deckung an. Hast du aber Sturmspitzen im Überfluss, kannst du offensiver spielen. Da muss jeder Trainer auch flexibel sein.

Hamburger Abendblatt: Der HSV versucht im Nachwuchs eine einheitliche Philosophie in einem 4-3-3-System zu installieren.

Schulz: Nur – wenn du die Spieler nicht dafür hast, kannst du das nicht spielen.

Hamburger Abendblatt: Muss der HSV nicht auch flexibler werden? Jeder kennt doch inzwischen das HSV-System und weiß, wie es auszuschalten ist.

Schulz: Quer spielen und zurück zum Torwart passen ist ja kein System. Das ist Verlegenheit.

Hmaburger Abendblatt: Sind Ihnen die Spieler heute zu weich?

Schulz: Nein. Die Anforderungen sind enorm gewachsen, das Tempo ist hoch. Wenn heute zwei Spieler aufeinanderknallen, ist das ja ein richtiger Crash. Wir hatten damals nicht das Tempo, das lässt sich ja nicht leugnen. Ich habe einen anderen Ansatz.

Hamburger Abendblatt: Nämlich?

Schulz: Wir müssen unsere Nachwuchsabteilung mehr mit Leben erfüllen und unser Scoutingsystem weiter reformieren. Ich habe schon früher im Aufsichtsrat gesagt: Die Preise für Spieler laufen schneller, als man schauen kann. Die Zeit wird kommen, da werden wir die Transfersummen nicht mehr stemmen können. Deshalb wird es höchste Zeit, dass die Nachwuchsarbeit in Ochsenzoll effektiver wird. Wir werden immer der Dino genannt. Aber nichts ist für ewig. Bei Vereinen wie Hertha oder Köln sieht man, wie schnell es geht.

Hamburger Abendblatt: Beim HSV in Norderstedt hat zuletzt ständig die Führung gewechselt.

Schulz: Nicht nur das. In großen Vereinen dauert es häufig lange, bis diese Dinge umgesetzt werden. Es ist ja der leichte Weg, renommierte Spieler mit Geld zu holen, anstatt sie über Jahre hinweg auszubilden. Aber der Ochsenzoll ist unser Fundament. Schauen Sie zu den Bayern. Diesen Weg mit dem hohen Anteil an Eigengewächsen sollten wir versuchen zu kopieren.
Da sind wir wieder beim Punkt. Dort hat Hermann Gerland seit Jahren das Sagen.
Schulz: Es sollte ein Mann dort sein, der Ausstrahlung hat, der etwas vorzuweisen hat, der Ahnung vom Fußball hat. Zum Beispiel Horst Hrubesch. Er macht beim DFB einen hervorragenden Job, kann mit jungen Leuten umgehen. Das wäre für uns die Ideallösung.

Hamburger Abendblatt: Gäbe es eine Chance, ihn zu holen?

Schulz: Das weiß ich nicht, kommt aber immer darauf an, was wir zu bieten haben. Hrubesch ist ja kein Phrasendrescher: Wenn er sagt, dass er den HSV liebt und bis heute mit dem Verein verbunden ist, glaube ich ihm das. Jeder Cent in Hrubesch wäre gut angelegt.

So, das war das Gespräch mit Willi Schulz.

Drei Sachen am Rande noch:

Morgen, am Sonnabend, spielt eine Prominenten-Auswahl (u. a . mit Kaltz, Kientz, Hertzsch, Bode, M. Rummenigge, Reinhardt, Helmer, Schnoor) auf der Anlage von Eintracht Norderstedt (Ochsenzoller Straße) gegen eine Hamburger Presseauswahl. Anstoß der Partie ist um 14.30 Uhr.

Abends folgt dann nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Portugal die Analyse dieser Partie bei „Matz ab live“.

Dann möchte ich nochmals – auch wenn die EM nun ihren ersten Tag erlebt – an „Hinz und Kunzt“ mit der großen EM-Beilage erinnern – ihr kauft die Ausgabe für einen extrem guten Zweck. 80 000 Exemplare wurden diesmal gedruckt, bislang sind davon 40 000 verkauft – bitte helft uns helfen. Danke.

17.11 Uhr

Jarchow will den Bundesliga-Etat anheben – und hat einen Plan

7. Juni 2012

Man kann über ihn sagen, was man will, aber er hat definitiv Talent. Die Handschuhe übergestreift und los ging es. Keine zwei Minuten brauchte Carl Jarchow, um mithilfe von Spraydosen ein rotes Bobbycar zum HSV-Gefährt umzugestalten. Alles geschehen im Anschluss an den Audi-Pressetermin „praktisch gut“ im Rahmen der Sponsoring-Initiative „Hamburger Weg“. Erklärung: Audi und der HSV haben ein gemeinsames Projekt für Schüler ins Leben gerufen und verkündeten heute, dass sie diese Zusammenarbeit um weitere Jahre verlängern. Eine gute Sache, bei der aus Praktikanten schon Auszubildende bei Audi geworden sind.

So weit, so gut. Anschließend hatten wir noch die Gelegenheit, uns mit dem Klubboss Carl Jarchow zu unterhalten, der im Übrigen am kommenden Mittwoch, nach dem Spiel der Deutschen gegen die Niederlande, auch unser Gast bei „Matz Ab live“ sein wird. Insofern, wer Fragen hat, kann diese schon mal aufschreiben.

Zurück zum Gespräch. Im Laufe dessen kamen wir auch auf die Finanzen zu sprechen. Dabei untermauerte Jarchow seinen strikten Konsolidierungsplan. 15 Prozent müssen auf allen Ebenen eingespart werden. Den Profibereich ausgenommen. Dennoch, auch hier gilt: kein unnötiges Risiko. Egal, was für einen Spieler man eventuell auch kaufen könnte, es wird nur der Spieler kommen, den man aus eigenen Mitteln finanzieren kann. Sagt Jarchow. Wobei hierbei immer auch die Möglichkeit einer Fremdfinanzierung besteht. „Bislang haben wir alle Transfers aus Eigenmitteln finanziert. Wenn es den Fall gibt, dass ein Spieler interessant für uns ist und selbst interessiert, so aber nicht für uns zu finanzieren ist, dann werden wir über kreative Möglichkeiten nachdenken. Entsprechen eben auch über Beteiligungen. Aber wir werden sicher nicht auf zu erwartende Einnahmen setzen und Gelder im Voraus ausgeben.“

Nun weiß ich, dass Kritiker dem Klubboss das negativ auslegen werden und sagen, der HSV spare sich kaputt. Andererseits aber glaube ich, dass dieser Weg der beste sein kann. „Sein kann“ deshalb, weil der HSV eben das große Glück hat, mit Klaus Michael Kühne einen milliardenschweren Gönner als Fan zu haben und nicht zwingend ins Risko gehen muss, um aufzurüsten. Im Winter schon hätte der Wahlschweizer einen Großteil der vom FC Basel geforderten rund acht Millionen Euro für Granit Xhaka übernommen. Und ich bin mir sicher, zumindest wird das beim HSV so kolportiert, dass Herr Kühne dieses Angebot auch für diese Transferperiode aufrecht erhält. Zumal dann, wenn er sieht, dass dieser HSV nicht willkürlich Geld ausgibt. Vor allem nicht das, was er gar nicht hat. Nein, Herr Kühne sieht, dass der HSV bemüht ist, sich selbst zu finanzieren, ohne neue Schulden zu machen. Und er sieht die finanziellen Grenzen. Er weiß, dass der HSV nur mit seiner Hilfe einen Spieler der gesuchten Größenordnung finanzieren kann. Und er weiß, dass der HSV diesen Spieler braucht. Oder besser: Sein HSV braucht diesen Spieler. Und was kann ihn mehr freuen, als dass die Fans irgendwann alle davon sprechen, dass der neue Hoffnungsträger ihm zu verdanken ist? Wenig bis nichts, würde ich sagen.

Wenig bis nichts möchte der HSV auch in Sachen Tilgung des Stadionkredites zahlen. Die Gespräche mit dem zuständigen Bankenkonsortium, bestehend aus HSH Nordbank, Hamburger Sparkasse und der HypoVereinsbank, sind diesbezüglich dem Vernehmen nach schon weit fortgeschritten. 30 Millionen Euro sind von den ursprünglich 137 Millionen Mark (rund 70 Millionen Euro) vom Stadionkredit bis 2017 noch zu tilgen. Zuzüglich der Sportfive-Prämie von einmalig knapp 5,5 Millionen Euro. „Wir wollen die Rückzahlung des Kredites strecken“, sagt Jarchow. Statt in den nächsten fünf Jahren will der HSV den Kredit bis über 2020 hinaus zurückzahlen. Hintergrund ist, dass so nach Möglichkeit schon in den nächsten Jahren von bislang knapp neun Millionen Euro Annuität nur noch eine jährliche Zahlung von weniger als 5 Millionen Euro zu tätigen wäre. Diese Summe soll von Jahr zu Jahr so abnehmen, dass der HSV ab 2020 nur noch rund eine Million per annum zu zahlen hat. Die Rechnung: Der HSV hätte jährlich zunächst vier Millionen Euro im Vergleich zur Vorsaison mehr für Spieler – Tendenz zunehmend. Und das passt, zumal der Etat der Bundesligamannschaft eh angehoben werden soll. Rund 40 statt der bisher 30 Prozent des Gesamtumsatzes (2011/2012 rund 135 Millionen Euro) sollen künftig allein in die Profimannschaft investiert werden.

Ich hatte vor kurzem geschrieben, dass der HSV Platz elf budgetieren will. Das ist soweit auch korrekt. Allerdings nur in Bezug auf die eingeplanten TV-Gelder, bei denen man lieber etwas zurückhaltend planen will. „Platz elf ist aber keinesfalls unser sportliches Ziel“, stellt Jarchow klar, „im Gegenteil: Wir wollen deutlich besser abschneiden. Zumal wir als Rechengrundlage für die Prämienzahlungen an die Mannschaft 45 Punkte ausgegeben haben.“ Ebenso eingeplant sind die Einnahmen aus die Runden im DFB-Pokal „inklusive einem Heimspiel“, so Jarchow weiter.

Der HSV plant konservativ. Allerdings nur, um böse Überraschungen wie in dieser Saison zu vermeiden. Hintergrund: Aktuell fließen allein an TV-Geldern rund vier Millionen Euro weniger an den HSV als vorher budgetiert.

Dennoch, bei allen Schreckensnachrichten in Sachen Finanzen gibt es auch gute. Immerhin muss der HSV in der kommenden Saison bei gleichbleibenden Einnahmen aus Transferraten nur noch knapp neun Millionen Euro an Raten für seine Spieler bezahlen. Im abgelaufenen Jahr waren es immerhin fünf Millionen mehr, nämlich 14 Millionen Euro. Ergo (alle, die sich furchtbar über die Abmeldung der Bundesliga-Frauen geärgert haben, sollten jetzt nicht weiterlesen): Es sind auf einen Schlag fünf Millionen Euro weniger Belastung gegenüber dem Vorjahr. Rechnet man auf die Weniger-Belastung die angedachte Streckung des Stadionkredites hinzu, würde der HSV im nächsten Jahr bis zu zehn Millionen Euro weniger bezahlen und zumindest in Teilen für die Profimannschaft zur Verfügung haben. Und obendrauf käme noch, dass der HSV seinen 2015 mit Sportfive auslaufenden Vertrag neu verhandelt. Bislang kassiert Sportfive die stolze Prämie von pauschal 20 Prozent von allen Sponsoreneinnahmen. Gut möglich, dass sich diese im Ligavergleich sehr hohe Prozentzahl ebenfalls drücken lässt…

Und dann noch mal zum Sportlichen: Bei Tolgay Arslan und Marcell Jansen gibt es ebenso wie bei neuen Spielern (inklusive David Abraham) noch nichts Neues. Dafür aber – leider! – von Ivo Ilicevic. Der Kroate hatte sich zuletzt eine Muskelverletzung in der Wade zugezogen und bangte um seine EM-Teilnahme. Leider erfolglos. Heute teilte der kroatische Verband mit, dass Ilicevic nicht am Endturnier teilnehmen wird. Coach Slaven Bilic nominierte den 20-jährigen Sime Vrsaljko von Dinamo Zagreb nach.

Schade für den HSV, der somit keinen einzigen Feldspieler beim Turnier dabei hat. Aber noch bitterer ist das alles natürlich für Ilicevic, dem ich auf diesem Wege gute Besserung wünschen möchte…

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit dem Blogvater, der am Sonnabend übrigens als Trainer der Presseauswahl bei Benefizkick “Ein herz für Kinder” gegen die Altstars (u.a. sind Michael Rummenigge, Manfred Kaltz, Marco Bode, Jochen Kientz, Ingo Hertzsch, Bastian Reinhardt und viele mehr dabei) im Edmund-Plambeck-Stadion fungieren wird. Anpfiff ist um 14.30 Uhr.

Scholle

Großer Fußball in HH: Brasilien – Dänemark

25. Mai 2012

Und schon wieder ein neuer Name. Hamit Altintop, der Mittelfeld-Biene von Real Madrid (einst Wattenscheid 09 – welch ein Unterschied!), soll beim HSV im Gespräch sein. Der Wahrheitsfaktor aber, so würde ich das alles einstufen, liegt für mich nur bei 0,02 Prozent. Obwohl ich den Deutsch-Türken allein deswegen schon gerne beim HSV sehen würde, weil Trainer Thorsten Fink ja einen Mann sucht, der auf der „Sechs“ spielen kann – und gleichzeitig auch das Spiel nach vorne ankurbelt, der Ideen hat, und der dazu auch mit einem mächtigen Schuss Tore aus der zweiten Reihe erzielen könnte. Letzteres fehlt dem HSV ja schon lange und auch total. Nicht umsonst ist Altintop zu Real Madrid gekommen, der kann schon was. Aber erstens werden da ganz andere Klubs, nämlich jene, die viel Geld in der Kasse haben, am Start sein und mit bieten, und zweitens will Altintop mit Sicherheit auch weiterhin international spielen , und das nicht nur in einem Freundschaftsspiel gegen den FC Barcelona. Also würde ich bei dem Thema HSV/Altintop den Ball erneut ganz, ganz flach halten. Schön wäre es ja, allein mir fehlt der Glaube.

Die einzige Personalie, die sich heute beim HSV getan hat ist die, dass wieder ein junger Mann von Bord gegangen ist. Hanno Behrens aus der Zweiten, ein Mann von Rodolfo Cardoso also, wechselt zur neuen Saison in die Dritte Liga, er geht für ein Jahr zum SV Darmstadt 98. Viel Glück! Beim HSV hat der 22-jährige Mittelfeldspieler zuletzt bei der Tingeltour über die Dörfer mitgespielt, war teilweise auch nicht schlecht, aber für „ganz oben“ hat es offenbar noch nicht gereicht. Vielleicht entwickelt er sich ja nun im Hessenland – obwohl der HSV nichts davon hätte, denn Behrens ist nicht ausgeliehen worden.

Mehr tat sich heute nicht beim HSV (jedenfalls weiß ich im Moment nicht mehr!). Ich bin verschiedentlich auf meinen letzten Bericht angesprochen worden, warum ich den Namen Artjoms Rudnevs nicht im Zusammenhang mit Paolo Guerrero gespielt habe – als zweiten HSV-Stürmer? Ich hatte ja eher mit Dirk Kuyt geliebäugelt . . . Und dann gibt es neben Guerrero ja auch noch Heung-Min Son und Marcus Berg. Mal abwarten, wer das Rennen machen wird. Zu Rudnevs: Ich wünsche dem Letten ja viel, viel Glück in der Bundesliga, aber er muss sich in der für ihn neuen Spielkasse ja auch erst einmal durchsetzen und behaupten. Der international erfahrene Norweger Per Ciljan Skjelbred lässt schön grüßen . . . Deshalb warte ich mit Artjoms Rudnevs lieber erst einmal ab, denn nicht alle meine Bekannten, die aus Polen kommen oder sich mit dem polnischen Fußball etwas besser auskennen, sind davon überzeugt, dass uns (dem HSV) Rudnevs auf Anhieb helfen wird. Schön wäre es ja auch in diesem Fall, aber einige „Experten“ sind da schon etwas vorsichtiger.

Aus Polen kamen ja schon einige Spieler zum HSV, als Stürmer waren es Jan Furtok (1988 – 93), Marek Saganowski (1997) und Richard Cyron (1991-92) – alle waren sie Nationalspieler, nur Furtok konnte sich letztlich durchsetzen. Dazu behaupteten sich in der Bundesliga auch die Mittelfeldspieler Waldemar Matysik (1990 – 93) und Miroslaw Okonski (1986 – 88), die zu Stammspielern wurden. Wobei mir Saganowski bis heute ein Rätsel blieb. Er hatte beste Anlagen, wurde später noch Kapitän der polnischen Nationalmannschaft, spielte u. a. für Feyenoord Rotterdam, Legia Warschau, Vitoria Guimaraes, AC Troyes, Southampton und Athen – da hätte ganz einfach mehr kommen müssen. Mehr als Mitläufer waren auch Pawel Wojtala (1997- 98) und Jacek Dembinski (1997 – 01) nicht, in diese Kategorie gehört auch der Stürmer Marek Trejgis (1997 – 99), der es über die Amateure bis in die Bundesliga schaffte, es aber nur auf elf Einsätze brachte.

So, das war kurz ein Abstecher in den internationalen Fußball, an diesem Sonnabend wird es im Volkspark ja noch ein bisschen internationaler – dann treffen um 15.30 Uhr Dänemark und Brasilien aufeinander (live im ZDF). Endlich wieder einmal „richtiger“ Fußball in Hamburg! So sagen es viele Freunde und Bekannte von mir. Wie ungestillt der Hunger nach „Fußball“ in dieser Stadt ist, das zeigt doch die Tatsache, dass das Spiel fast ausverkauft ist. Es kamen heute noch 400 Tickets aus Dänemark zurück, die sind bis zum Abend noch online zu bestellen, ansonsten ist die Tageskasse Nord-Ost von elf Uhr an geöffnet. Rechtzeitiges Kommen sichert noch die letzten Plätze . . . Schiedsrichter dieser Partie ist übrigens der Münchner Dr. Felix Brych – schon lange nicht mehr in Hamburg gesehen, aber bei Abstiegskandidaten werden eben auch keine Spitzenleute eingesetzt.

Zum Thema Dänemark fällt mir im Zusammenhang ein ganz besonderer Tag ein: der 15. November 2000. Da gab der Hamburger Innenverteidiger Ingo Hertzsch sein Debüt für die deutsche Nationalmannschaft, die an diesem Abend in Kopenhagen das Länderspiel gegen Dänemark mit 1:2 verlor. DFB-Teamchef war damals Rudi Völler. Hertzsch machte fast zwei Jahre später auch noch ein zweites Länderspiel (auch unter Völler), und zwar am 21. August 2002 beim 2:2 in Sofia gegen Bulgarien. Dann war Ende mit der ganz großen internationalen Karriere – für den Chemnitzer im HSV-Trikot. Und ich höre heute noch immer so viele „Experten“ sagen, dass Hertzsch ja eher kein Nationalspieler war – und er war es eben und trotz allem dennoch. Die zwei Einsätze (über 90 Minuten) kann ihm niemand nehmen. Und, ganz nebenbei, im HSV-Anhang gibt es ja nicht wenige kritische und überkritische „Fans“, die auch dem einen oder anderen Hamburger mehr grundsätzlich absprechen, ein „richtiger“ oder „verdienter“ Nationalspieler zu sein. Auf Namen verzichte ich lieber. Ich kann aber nur sagen, dass ich mich (als HSV-Fan) über jeden HSV-Profi gefreut habe und freuen werde, der es in die Nationalmannschaft geschafft hat – oder es noch schaffen wird. Über jeden! Denn Nationalspieler wird man ja nicht (nur) deshalb, weil man groß und stark und besonders gut aussieht, sondern weil „Mann“ ja irgendwie und irgendwann auch mal gute oder besonders gute Leistungen gezeigt hat. Oder?

Wo ich gerade bei „Mann“ bin. Es gibt ja immer noch HSV-Anhänger, die sich über die abgemeldete Frauen-Bundesliga-Mannschaft beschweren. Völlig berechtigt, in meinen Augen, ich bedaure das auch sehr. Aber, um das noch einmal aufzuwerfen: Glaubt hier eigentlich noch irgendjemand, dass der HSV immer noch genügend Geld in der Kasse hat? Von wegen der Bilanzen und so! Wenn es noch eines letzten Beweises bedurft hat, dass es in diesem Klub so gut wie „null Kohle“ gibt, dann ist es doch diese Tatsache, dass das Frauen-Kapitel kurz, schmerzlos und ein wenig brutal zugeklappt wurde. Das ist doch ein Debakel und ein Desaster für einen Klub wie den HSV. Ein Offenbarungseid. Oder gibt es auch dazu Einwände?

Zum Thema Vereinspolitik (und was dazu gehört) haben mich auch privat wieder und noch immer viele, viele Mails erreicht – was mich freut. Zeigt es mir doch, dass sich viele HSV-Mitglieder doch ein wenig mehr (und auch sorgenvoller) mit ihrem Verein beschäftigen, als ich noch während der Fortsetzung der Mitgliederversammlung angenommen hatte. Stellvertretend möchte ich dazu einen Brief veröffentlichen, weil ich glaube, dass einige von euch diesem Absender ganz sicher helfen können – indem ihr ihm ein paar Tipps gebt. Los geht es (ungekürzt und von mir unbearbeitet):

„Moin, moin lieber Dieter,

bevor ich Dich mit einer weiteren Frage „belästige”, hoffe ich, dass Ihr, Du und Deine Frau, gesundheitlich wieder voll oben auf seid. Da ich (mal wieder) nicht weiß, wer mir außer Dir auf meine Frage antworten könnte, stelle ich Dir eben diese:

Die Supporters, bei denen ich seit Jahren Mitglied bin, obwohl ich mich seit geraumer Zeit keinesfalls richtig vertreten fühle, stellen sich meiner Meinung nach total quer und blockieren eine positive Entwicklung des Vereins. Ganz kurz, leider gibt es zu den Supporters keine Alternative, sonst wäre diese Alternative meine Wahl. Schließlich möchte ich auf der einen Seite zum Ausdruck bringen, ich bin ein Fan vom HSV. Auf der anderen Seite möchte ich mein Meinungsbild trotzdem irgendwie auch wiederfinden.

Es gibt, so war zu lesen, zwischenzeitlich 71.000 Mitglieder, von denen ca. 53.000 Mitglieder stimmenberechtigt sind. Wäre es nicht eine Verpflichtung der Supporters, eine Umfrage zu starten und deren Mitglieder um deren Meinung zu dem Thema “Fern-/Briefwahl” zu befragen? Offensichtlich gibt es ausreichend Stimmen, die sich dafür aussprechen, die aber die Reise zu einer Mitgliederversammlung nicht antreten können, um ihrer Stimme entsprechend Gewicht zu verleihen.

Die Supporter-Führung um Herrn Bednarek – besteht wirklich ernsthaftes Interesse – die ja die Meinung aller Mitglieder vertritt, müsste sich doch um ein Meinungsbild bemühen.
Es kann doch nicht genügen, zu behaupten, dass man 70.000 Mitglieder vertritt, obwohl es genügend Gegenstimmen gibt. Nicht umsonst wurden doch die „Initiative Pro HSV” gegründet oder eben die „Realos” erfunden. Sollte das wider meinem Empfinden tatsächlich ausreichend sein, dass die Führung der Supporters weiterhin in dieser Hinsicht tatenlos bleibt, welche Möglichkeiten hätte man, um an die einzelnen Adressen zu kommen, um zumindest einen Kettenbrief per e-mail ins Leben zu rufen?

Ein weiterer Gedanke wäre, wenn schon keine Fernwahl zugelassen wird, zumindest einen Bevollmächtigten bestimmen zu können. Und überhaupt, da bemüht man sich, Märkte im Ausland zu erschließen … Und was ist, wenn tatsächlich in China oder Korea Fanclubs gegründet werden? Welche Rechte hätten diese Mitglieder? Stimmentechnisch wohl keine. Verlangt man wirklich, dass diese Mitglieder Tausende von € investieren, um nach Hamburg zu reisen? Es gibt doch jetzt schon Fans des HSV, die im Ausland leben.
Ich wiederhole mich, das kann es nicht sein.

Ich habe das Gefühl, da gibt es eine Führungsebene, die Gleichgesinnte um sich eint. Und diese wenden sich an gewisse Fanclubs, meiner Meinung nach nur, um für ihr Handeln Mitläufer zu finden. Das erinnert mich … na ja. Ich zweifle ganz gewiss nicht an der Intelligenz der SC-Führung, darauf haben sie lange hingewirkt. Steter Tropfen höhlt den Stein, Aber die Leute, die sich vor den Karren spannen lassen, den muss doch eigentlich klar sein, dass sie helfen, dem Verein in seiner Weiterentwicklung zu schaden. Oder denken die überhaupt nicht nach und folgen bloß dem Herdentrieb?

Das betrifft auch das Thema „Aufsichtsrat”. Das die Anzahl der Räte unbedingt reduziert werden muss, sollte eigentlich jedem klar sein. Nimmt man die Verpflichtung von Adler als Beispiel, wie lange hat das gedauert, bis unterschrieben werden durfte?
Die Entscheidungswege sind zu lang.

Wäre es nicht normal, dem Vorstand ein Budget zur Verfügung zu stellen und hierüber frei verfügen zu lassen? Und nur, wenn dieser Betrag aufgebraucht wurde und evtl. ein wenig Geld fehlt, um beispielsweise noch einen guten Spieler zusätzlich verpflichten zu können, dann müssten die hohen Herren angesprochen werden. Man kann doch nicht ernsthaft erwarten, dass fähige Fachleute erst einmal 12 Laien fragen müssen, ob sie das Geld entsprechend anlegen dürfen. Das ist alles so unbefriedigend.

Im Sinne des HSV muss da etwas passieren. Allerdings bin ich da alles andere als hoffnungsvoll.

Nun gut, genug gejammert, ich breche hier ab.

Schöne Grüße, F.

Um zum Abschluss noch einmal auf „meinen“ Fußball zurückzukommen: Ich habe vom „Kicker“ die Unterlagen zur Wahl der „Fußballer des Jahres“ erhalten – und auch schon beantwortet in die Post gegeben. Ich will euch gerne verraten, dass ich in diesem Jahr einen totalen Außenseiter zum „Trainer des Jahres“ gewählt habe – und zwar Jos Luhukay. Grund: Was der Niederländer mit dem FC Augsburg geleistet hat, ist einfach nur grandios zu nennen. Mal ganz ehrlich, wer von euch hat vor Saisonbeginn nicht auch auf den Aufsteiger FC Augsburg als klaren Absteiger getippt? Und sogar Wetten drauf gelegt? Für fast alle war Augsburg doch schon vorher der klarste Verlierer der Saison 2011/12 – wie damals Tasmania Berlin, so hieß es immer wieder und überall. Und dann geht dieser Luhukay so zur Sache, dass er ein kleines (großes) Fußball-Wunder vollbringt. Hut ab! Das soll ihm mal einer nachmachen.

Neben Luhukay standen bei mir noch zwei seiner Kollegen zur Wahl, letztlich aber entschied ich mich gegen Lucien Favre (toll, was er aus dem Abstiegskandidaten Borussia Mönchengladbach gemacht hat!), und ich entschied mich auch gegen Christian Streich, der den SC Freiburg nach dem Abgang von Torjäger Papiss Demba Cisse und in schier auswegloser Lage doch noch gerettet hat. Als Cisse in der Winterpause zu Newcastle United wechselte, da hörte ich überall: „Jetzt ist Freiburg weg!“ Kompliment, Herr Streich, das war im Abstiegskampf einen wahre Meisterleistung. Und das zeigt mir, dass ein Trainer nicht (!) unbedingt den ganz großen Namen haben muss, um zu solch sensationellen Taten fähig zu sein.

Apropos großer Name. Jetzt, wo ich das schreibe, läuft bei Sky (nebenbei) ein Bundesliga-Spiel mit Schalke. Und mit Raul. Schade, dass dieser große Sportsmann die Bundesliga wieder verlassen hat, er war für mich der Größte. Weil er trotz seiner riesigen Erfolge immer hübsch auf dem Boden und ein Mensch geblieben ist. Vorbildlich und zur Nachahmung empfohlen. Und Dank an Felix Magath. Lieber Felix, dass Du ihn einst nach Gelsenkirchen geholt hast, dass Du Dich überhaupt an einen solchen großen Namen herangetraut hast – einsame klasse! Raul von Real Madrid zum FC Schalke, wer hat, als er das damals erstmalig vernommen hatte, nicht an eine Ente geglaubt? Aber manchmal werden (Fußball-)Träume eben auch wahr. Und wenn ich so an Rafael van der Vaart denke . . . Bitte Herr Kühne, bitte helfen Sie. Oder eventuell auch „nur“ mit Hamit Altintop. Der könnte dem HSV sicher auch ein wenig helfen.

PS: In eigener Sache möchte ich schnell noch loswerden, dass „Scholle“ und ich morgen wieder nach dem Länderspiel Schweiz gegen Deutschland mit „Matz ab live“ auf Sendung sind. Es wird, so unser Vorhaben (und falls es keine Absage mehr gibt) ein Journalisten-Stammtisch. Nach dem Schlusspfiff in Basel.

17.41 Uhr

Ein Tor von Hertzsch – und ein Neuer

3. Juni 2011

Sommerpause! Aber irgendwas geht allerweil, heißt es im Süden. Irgendwo rollt ja immer noch der Ball. Heute in Osnabrück und in Wien, in dieser Woche rollte er auch noch in Sachsen. Da gab es das Finale um den Sachsen-Pokal. Warum ich das schreibe? Weil dort Rasen-Ballsport Leipzig das Endspiel gegen den Chemnitzer FC mit 1:0 gewonnen hat. Das allein ist ja nicht so spektakulär, aber wenn man genauer hinsieht, dann horcht man beim Namen des Torschützen doch auf: Ingo Hertzsch. Ja, genau, unser „Ingomann“, der von 1997 bis 2003 für den HSV 151 Bundesliga-Spiele bestritt – und dabei ein Tor erzielen konnte. Wäre doch einmal eine Trikot-Frage wert: Gegen wen schoss Ingo Hertzsch sein einziges Bundesliga-Tor? Ich sage es Euch – die „absoluten“ Experten werden es ohnehin wissen: Werder Bremen war es. 2:1 am 6. September 2000 im Volkspark gewonnen. Lang, lang ist es her.

Und dass der Ingo jetzt für RB Leipzig ein so wichtiges Tor schießt, das ist aus zweierlei Gründen erwähnenswert. Erstens spielen die Leipziger nun in der ersten DFB-Pokalhauptrunde mit, und zweitens war es sein letztes Tor in der „ersten Mannschaft“. Hertzsch, der im Juli 34 Jahre alt wird, beendete am Mittwoch mit dem Tor zum 1:0-Sieg seine Karriere. Mit Beginn der nächsten Saison geht er in der RB-Marketing-Abteilung, spielt dann aber noch ein wenig in der „Zweiten“ des Klubs. Er selbst hätte wohl gerne noch ein weiteres Jahr in der Regionalliga gespielt, aber der neue RB-Trainer Peter Pacult hatte offenbar andere Vorstellungen.

Aber wenn Hertzsch schon mal ein Tor schießt, dann, so dachte ich mir, kann man ihm ja auch mal gratulieren: Tor, Sieg, Pokal. Und bei der Gelegenheit spricht man dann natürlich auch über Hamburg und den HSV. Ingo, inzwischen Vater dreier Kinder (zwei Söhne, ein Mädchen), gibt zu: „Hamburg und der HSV, das war meine schönste Zeit im Fußball. Es ist der Traum eines jeden jungen Spielers, einmal Bundesliga-Profi zu werden, und ich bin es bei einem so großen Verein geworden – der Traum ist bei mir in Erfüllung gegangen.“ Zumal er noch mit zwei Länderspiel-Einsätzen gekrönt worden ist. Die Premiere gab es am 15. November 2000 in Kopenhagen, Teamchef Rudi Völler verlor mit seiner Mannschaft 1:2 gegen Dänemark, der zweite und zugleich letzte Einsatz im DFB-Trikot folgte am 21. August, es gab in Bulgarien ein 2:2.

Ein DFB-Trikot hängt unter Glas bei seinen Eltern, die immer noch bei Chemnitz wohnen. Er selbst hat aus seiner Hamburger Zeit noch einige HSV-Trikots als Andenken zu Hause. Er gibt zu: „Jetzt, mit dem Abstand den ich habe, kann ich es ja zugeben: Ich bin HSV-Fan, ich habe die Raute im Herzen. Und ich verfolgte den Klub noch immer sehr genau und gucke auch gerne bei den Spielen zu.“ Im Fernsehen. Und man macht sich so seine Gedanken. Ingo Hertzsch sagt zu sportlichen Seite des HSV: „Es ist keine Konstanz im Verein. Als ich damals nach Hamburg gekommen bin, gab es diese Konstanz noch, aber in den letzten Jahren war das ja nur ein einziges Kommen und Gehen. Da konnte sich nie eine Mannschaft entwickeln. Jedes Jahr ein neuer Trainer, der holte wiederum viele neue Spieler – das kann doch nicht gut gehen. Nirgendwo werden sich so auf Dauer Erfolge einstellen.“

Selbst viele Kilometer weit entfernt hat Ingo Hertzsch ein ganz besonderes Dilemma ausgemacht: „In meinen Augen kamen viele Spieler nur zum HSV, um den Klub als Sprungbrett für sich zu benutzen. Die wollten ein, zwei Jahren in Hamburg vorspielen und sich für andere Vereine interessant machen, und schon waren sie wieder weg. Da fehlte die Bindung zum HSV, so kann keine Einheit entstehen.“ Nun drückt er dem HSV die Daumen, dass es aus der Not heraus besser wird. Viele ältere Spieler sind gegangen, werden noch gehen, und das Geld ist knapp. Hertzsch: „Das ist auch die Chance des HSV. Jetzt kann man ein Gerüst aufbauen, man lässt junge Spieler über Jahre zusammenspielen, verstärkt sich nur noch gezielt – und dann kann der Verein vielleicht in zwei, drei Jahren wieder höhere Ziele anstreben.“

Kontakt zum HSV gibt es nur noch per Telefon, ab und an spricht er mit Teammanager Jürgen Ahlert. Dann kommen ganz sicher auch Erinnerungen an bessere HSV-Zeiten auf. Mit Ingo Hertzsch ging es im Jahre 2000 in Champions League. Der HSV hatte Jörg Butt im Tor, davor räumten mit Andrej Panadic, Nico Hoogma und Ingo Hertzsch drei harte Jungs ab. Der Wahl-Leipziger klärt auf, warum es damals so gut lief: „Rechts vor uns spielte Martin Groth, links vor uns Bern Hollerbach, in der Mitte Niko Kovac und Rodolfo Cardoso. Diese Spieler hatten ein Auge für die jeweilige Situation, die dachten nach vorne und nah hinten, die haben uns da hinten mit ihrem großen Spielverständnis viel, viel Arbeit abgenommen. Der Gegner wurde früh attackiert und unter Druck gesetzt das System war ideal für uns.“

Vorne lauerten mit Mehdi Mahdavika, Anthony Yeboah und Roy Präger drei Flitzer, die auch mal steil geschickt werden konnten: „Da hatte es jeder Gegner schwer, uns zu stoppen.“ Ingo weiter: „Daran sieht man auch, dass sich der Fußball verändert, weiterentwickelt hat. Heute brauchst du ganz einfach viele schnelle Leute im Team, sonst wird es kaum Erfolge geben. Wenn ich so nach Dortmund blicke, dann muss ich sagen, dass dort nur schnelle und technisch starke Spieler unter Vertrag stehen, die Borussia ist völlig verdient Meister geworden.“

Der HSV zur Jahrtausendwende hatte vielleicht von den Namen her nicht die beste Mannschaft, aber er hatte eines: ein Team. Diese Truppe hielt zusammen, da war jeder für den Nebenmann da. „Wir sind nach dem Training oft noch zusammengeblieben, haben geklönt. Da ist kaum einer mal aus dem Volkspark weggefahren und hat sofort vom HSV und vom Fußball abgeschaltet. Das war wirklich super, die Typen haben bestens zueinander gepasst“, sagt Ingo und fügt hinzu: „Das lag natürlich auch daran, weil wir uns gut untereinander kannten. Da wurde nicht jedes Jahr gewechselt, jeder wusste eigentlich von seinem Kollegen, wie er tickt. Das hat uns stark gemacht. Und es kam hinzu, dass wir viele Deutsche in der Truppe hatten. Da gab es kaum einmal Verständigungsprobleme – so wie das heute sicherlich der Fall ist. Die Kommunikation untereinander ist jetzt bestimmt deutlich schlechter geworden.“

Der Trainer damals hieß Frank Pagelsdorf. Der Abwehrmann über den routinierten Coach: „Die meisten seiner Einkäufe waren top, und sie haben vor allem menschlich auch gut gepasst. Da hatte er schon ein glückliches Händchen.“

Auf ein solches hatte auch RB Leipzig vor der nun beendeten Saison gehofft, denn eigentlich war mit der Großstadt und einem WM-Stadion im Rücken der Durchmarsch in Liga drei als Ziel ausgegeben worden. Viele Fans wird es gefreut haben, dass RB den Aufstieg verpasst hat, denn sie sind grundsätzlich gegen Retorten-Klubs eingestellt, aber ich denke, dass es gut für den Fußball-Osten gewesen wäre. Ingo Hertzsch kann die eine wie die andere Seite verstehen: „Wenn sich ein Fan darüber aufregt, dass da ein Geldgeber kommt, um sich mal eben eine Mannschaft zusammenzukaufen, dann ist das sicher nicht jedermanns Geschmack, dem stimme ich zu. Gerade aber für den Osten gilt doch eines: Hier gibt es keine Erstliga-Mannschaft mehr, auch deswegen, weil es an Sponsoren fehlt. Die besten Spieler des Ostens wandern in den Westen ab, weil dort das Geld sitzt. Gerade deswegen halte ich es für gut, wenn sich ein Sponsor wie Red Bull für den Osten interessiert und hier einen Leuchtturm installiert. So haben wir bald vielleicht mal wieder die Chance, die eigenen Talente auch bei uns zu halten. Und: Dass es ohne Geld nicht geht, das zeigt ja die Vergangenheit überdeutlich; die Leute hier haben es doch über Jahre vergeblich versucht, die haben immer wieder alles probiert, wieder in die Erste Liga zu kommen, doch es war ohne Chance.“

Vor diesem Problem, nämlich in die Erste Liga zu kommen, stand er HSV noch nie. Und wir bitten wohl alle darum, dass das auch so bleibt. Und darum bemüht sich auch derzeit der neue Sportchef Frank Arnesen ganz intensiv. „Scholle“, der nun krank das Bett hüten muss (gute Besserung!). hat davon zuletzt ausführlich berichtet. Was mich aufhorchen ließ, war die Passage mit Bastian Reinhardt. Der soll ja nach der Aussage von Arnesen ganz eng mit Lee Congerton in Sachen Nachwuchs und Talente-Eingliederung und -Heranführung zusammenarbeiten. Das ist auch gut so. Was ich mich aber frage: Was wird eigentlich aus den Leuten, die der Fast-HSV-Sportchef Urs Siegenthaler hier schon installiert hat? Paul Meier und Co – werden sie nun gehen müssen? Schwer vorstellbar, dass sie nebeneinander arbeiten sollen, die Meier-Fraktion sowie das Duo Congerton/Reinhardt. Zumal das ja auch eine finanzielle Frage sein dürfte . . .

Dass es ist im Profi-Fußball gelegentlich nicht nur ums Finanzielle geht, sondern auch um die menschliche Seite, das zeigte mir der Vatertag. Da las ich im Videotext, dass Guy Demel beim HSV bleiben soll. Und irgendwo stand dazu auch zu lesen, dass sich der „Giiiiiieee“ darüber freuen würde. Er war sogar wörtlich zitiert, dass er nun Klarheit habe, dass er jetzt wisse, woran er sei. Und dann war aus dem Munde von Arnesen doch genau das Gegensätzliche zu vernehmen. Nämlich dass Guy Demel gehen darf, sofern es denn ein passendes Angebot für beide Seiten gäbe. So grausam kann es eben auch zugehen, mitunter hängt das am seidenen Faden. Und es ist gewiss auch nicht immer leicht. Für beide Seiten. In diesem Fall aber besonders für den Spieler, der nun suchen muss, oder suchen lassen muss.
Okay, okay, mein Mitleid hält sich aber, das muss ich schon sagen, in Grenzen, denn selbst wenn Demel im August noch ohne neuen Klub wäre, würde er ja unglaublich weich fallen, denn dann könnte er ja in jedem Falle weiter für den HSV spielen. Und bekäme weiterhin pünktlich sein Gehalt.

So, um alle zu belohnen, die bis hierhin gelesen haben: Hier kommt nun noch etwas Aktuelles.

Der HSV hat heute Jacopo Sala verpflichtet

Italiens U19-Nationalspieler wechselt vom FC Chelsea zum HSV. Sportchef Frank Arnesen, der Sala seit vielen Jahren kennt und begleitet, ist von dessen Qualitäten restlos überzeugt. Der italienische U19-Nationalspieler wurde in Chelseas Jugendakademie ausgebildet. Der 19-jährige Offensivspieler, der in der vergangenen Saison vornehmlich auf der rechten Mittelfeldposition in Chelseas zweiter Mannschaft zum Einsatz kam, unterschrieb nach bestandenem Medizincheck einen Vertrag bis zum 30. Juni 2014. Sala stammt aus der Jugend von Atalanta Bergamo, wechselte als 15-Jähriger zum FC Chelsea und entwickelte sich zu Chelseas Schlüsselspieler im FA Youth-Cup, ehe er den Sprung in das „Reserve-Team” schaffte.

„Jacopo ist ein Spieler mit Zukunft”, begründete HSV-Sportchef Frank Arnesen die Verpflichtung, „er hat alle Jugendnationalmannschaften Italiens durchlaufen und besitzt hervorragende körperliche und spielerische Eigenschaften.” Sala selbst freut sich auf die neue Herausforderung: “Es ist für mich eine große Chance, beim HSV spielen zu können. Ich möchte mich möglichst schnell weiterentwickeln, um für den HSV in der Bundesliga aufzulaufen. Das wäre fantastisch, denn dieser große Verein ist etwas Besonderes. Egal ob ich in Italien oder England war – den HSV kennt man überall.”

Die Verjüngungskur des HSV geht also weiter. Fortsetzung folgt.

15.54 Uhr

Das Reizthema

26. November 2009

Die Geister die ich rief . . . Schade, schade, dass ich so viel Häme, Sarkasmus, so viel Böses und so viel Bitterkeit am Morgen lesen muss.  Ich bin enttäuscht und entsetzt zugleich, es tut mir weh. So war „Matz ab“ eigentlich nicht gedacht, aber im Moment sieht es wohl so aus, als würden diese gegenseitigen Vorwürfe überhand nehmen. Da ich nicht mit jedem von Euch korrespondieren kann, da ich aber auch schon einige Male erklärt hatte, dass mir die privaten Plaudereien nicht so auf den Zeiger gehen, wie einigen anderen in diesem Blog, hatte ich gehofft, das würde sich regeln. Denkste. Und ich mittendrin statt nur dabei. Es gab in dieser Nacht auch etliche gute Vorschläge – in jede Richtung. Täglich, wirklich täglich begegnen mir Leute, die „Matz ab“ lesen, die aber nur meine Kommentare lesen. Weil sie zu mehr keine Zeit haben, haben wollen, weil sie dieses Private nicht lesen mögen. Das ist eine Einstellung.

Eine andere wird mir auch täglich mitgeteilt: Sie lesen meine Kommentare, und sie lesen jene Kommentare, die über drei, vier oder fünf Zeilen hinausgehen. Auch eine Einstellung. Und nach wie vor ist es doch so, dass niemand gezwungen wird, das Private zu lesen. Denen, die sich darüber aufregen, denen möchte ich sagen, dass ich mich allein darüber freue, dass sie dabei sind und meine Kommentare lesen. Und dann selbst in die Tasten hauen und eine Reaktion schicken, oder abschalten und später wieder mal reinklicken.

Im Übrigen finde ich „Eiche Noglys“ Vorschläge gut und für überdenkenswert, denn: Wenn diese „Dampfplauderer“ bis 18 Uhr abschalten und abstinent bleiben, dann wäre doch der Tag für alle anderen gerettet. Oder? Ich weiß, es gab den Einwand, dass viele erst um 18 Uhr nach Hause kommen und dann lesen. Warum lesen sie nicht meinen Kommentar, dann lesen sie die Kommentare die bis 18 Uhr eingegangen sind – und danach wird dann eben gefiltert. Drei-, Vier- oder Fünfzeiler gehen ins Kröpfchen, die längeren gehen ins Töpfchen. Frei nach Aschenputtel.

Um es noch einmal zu sagen: Ich bin ein humorvoller Mensch, ich habe schon oft laut los gelacht, wenn ich hier allein vor meiner Kiste saß, aber es gibt eben auch Beiträge, die ich schnell wieder vergesse. Allen aber, wirklich allen sei an dieser Stelle noch einmal gesagt: Dieser Blog wurde ins Leben gerufen, weil sich HSV-Freunde und -Fans hier treffen sollten. Das muss nicht nur auf eine Art geschehen, das kann auch vielschichtig sein. Und dazu gehört vor allem eines: TOLERANZ. Ich, das sage ich ehrlich und voller Überzeugung, wusste nicht, was nach dem 7. August 2009 (Start von „Matz ab“) auf mich zukommen würde, ich war erst überrascht, dann begeistert. Diese Begeisterung wird nun schon seit geraumer Zeit von einem gewissen Misstrauen begleitet, denn keiner weiß, wie sich das hier alles entwickeln wird. Denkt jeder an seinen Klub, denkt jeder nur an seinen HSV, dann wird dieser Blog nicht verkümmern. Dazu gehört aber auch eine gewisse Blog-Disziplin, und die lege ich nun hiermit jedem, wirklich jedem ans Herz.

Tut mir Leid, wenn das nun ausuferte, aber auch ich mache mir Gedanken zu diesem Thema, und zwar nicht erst seit heute.
Gestern hatte ich von einem Reizthema gesprochen, damit war aber nicht meine jetzt verfasste Einleitung gemeint.

Ich stand am Dienstag beim Training, vor mir die Rentner, die immer da sind, bei Wind und Wetter. Und von denen einige immer höchst erregt auf den HSV eindreschen. Von wegen was alles falsch läuft jetzt. Und wenn Mann da zu hört, dann läuft vieles bis alles falsch. Und trotzdem gab es ein Aha-Erlebnis für mich. Es gab aus Richtung der Rentner-Gang Lob für Piotr Trochowski. Lautes Lob sogar, er müsste es eigentlich einige Male (wohlwollend) zur Kenntnis genommen haben, denn er schlug von einem Punkt Freistöße vor das Tor, der nur fünf, sechs Meter von den Rentner entfernt war. Und diese Freistöße waren so gut, dass „Troche“ Lob erhielt. War eine neue Erfahrung für mich.

Beim Verlassen des Platzes sagte aber ein Fan schon wieder: „Na gut, schießen kann er ja, aber sonst nichts.“ Wie bitte? Sonst nichts? Trochowski kann am Ball alles, er kann so dribbeln, wie kaum ein Zweiter (abgesehen von Ze Roberto) in dieser HSV-Mannschaft. Die Antwort des Nörglers: „Wenn Trochowski mehr könnte, dann würde er jetzt, wo so viele Ausfälle zu beklagen sind, endlich einmal Verantwortung übernehmen, er würde die Mannschaft führen und mitreißen – aber da kommt nichts.“

Es wird wohl ewig so bleiben: An Piotr Trochowski scheiden sich die Geister. Und irgendwie glaube ich, dass „Troche“ in Hamburg doch auf keinen grünen Zweig mehr kommt. Was ich für äußerst schade hielte, denn für mich ist er eindeutig einer der besten Fußballer in diesem Team. Mit teilweise überragenden Fähigkeiten. Die er, ich höre Euch jetzt schon wieder aufstöhnen, natürlich nicht immer einbringt – beim HSV. Oder auch viel zu wenig. Das gebe ich ja zu. Aber: Nicht jeder Fußballspieler hat auch die Fähigkeiten zu einem Führungsspieler.

Was ich dem Nörgler auch noch mit auf den Heimweg gab: Trochowski steht im Jahre 2009 an dritter Stelle jener deutschen Nationalspieler, die die meisten Länderspielminuten in diesem Jahr absolviert haben. Der Bronzeplatz kommt doch nicht daher, dass Bundestrainer Joachim Löw, ich wiederhole mich da, ein so „Nachtblinder“ ist, dass er Piotr Trochowski vom HSV so mir nichts dir nichts von einem Länderspiel ins nächste schleppt. Ein Bundestrainer hat viele Millionen Kollegen in diesem Lande, die würde dem guten Löw doch schon lange die Freundschaft gekündigt haben, wenn er so über Monate daneben liegen würde. Und Ihr könnt ganz sicher sein: Wenn ihm Millionen „Bundestrainer“ die Freundschaft kündigen würden, dann hätte auch schon lange der Deutsche Fußball-Bund reagiert – auch mit einer Kündigung.

Haben denn jene deutschen Nationalspieler des HSV in der Nationalmannschaft so gespielt, dass sie sich als Führungskräfte erwiesen hätten? Ganz sicher nicht. Jörg Albertz war einer aus der Neuzeit (der Nationalmannschaft). Ich erinnere mich genau: Sein Debüt gab er einst in Porto gegen Portugal. Berti Vogts brachte ihn zur zweiten Halbzeit. Und fortan prasselten heftige Worte der Kollegen von links, rechts, von hinten und von vorne auf mich ein: „Was spielt der denn für einen Mist?“ Das war noch gemäßigt. Albertz war in der Nati ein ganz schlechter Mitläufer, und beim HSV? Hat er da oft Verantwortung übernommen?
Ingo Herztzsch debütierte bei Rudi Völler. Der Innenverteidiger war in der Nati ein Mitläufer, und beim HSV ein Spieler, der seinen Dienst gut und zuverlässig erledigt hat – aber eine Führungskraft war er nie.

Und Christian Rahn? Bei ihm lief es doch genau so ab wie bei Hertzsch. Einzig der von mir nicht sonderlich geliebte Sven Kmetsch spielte beim HSV einst – für ganz kurze Zeit – eine dominierende Rolle, aber das war es dann auch schon.

Nun ist Jerome Boateng neu bei Joachim Löw, und ich bin gespannt, wohin der Weg von Boateng führen wird. Er ist noch so jung, steht erst am Anfang der Karriere, er kann sich immer noch zu einer Führungspersönlichkeit entwickeln. Das entwickelt sich aber nicht, indem Mann es will, sondern das entwickelt sich von allein, durch die Hierarchie in der Mannschaft (des HSV), durch Erfolgserlebnisse, durch gestärktes Selbstvertrauen, durch Anerkennung von innen und außen. Hat man die, und zwar über einen längeren Zeitraum, dann kann man auch den Mund aufmachen, dann kann man ein Team motivieren, lenken, mitreißen, führen.

Piotr Trochowski ist in meinen Augen ein hervorragender Fußballer, aber er ist nicht die geborene Führungsperson. Deswegen sollten alle einmal die Ansprüche an ihn herunterschrauben. Und ihn so sein Spiel machen lassen, wie er es kann, wie er es will. Zudem müssen doch die ewigen Trochowski-Kritiker eines in den letzten Wochen bemerkt haben: „Troche“ redet doch gar nicht mehr so viel, er ignoriert auch schon mal diese oder jene Kamera, er gibt nicht immer jedes gewünschte Interview. Und davon, dass er eigentlich bei Arsenal London, Real Madrid oder beim FC Barcelona besser aufgehoben wäre, davon hat er doch schon seit jetzt vielen Monaten nichts mehr gesagt. Deswegen sollten ihm seine Kritiker auch irgendwann einmal in nächster Zeit verzeihen, sollten sie sich mit ihm arrangieren. Vielleicht wird er dann, wenn er die Zuneigung von allen spürt, auch so gut, dass ihn dann alle, wirklich alle lieb schätzen und mögen. So wie jene Rentner, die eigentlich mehr meckern als loben. Aber sie loben eben auch mal.

PS: Auch von mir alles, alles Gute, LoNY.

11.31 Uhr