Archiv für das Tag 'Helmer'

EM: Tops und Flops und flotte Sprüche ***Aktualisiert***

1. Juli 2012

****ACHTUNG: Wenn Ihr heute Abend während der Live-Übertragung Fragen stellen wollt, dann macht das bitte in dem Blog, der auch das Video beinhaltet. Dort werden Scholle und ich während der Sendung reinschauen und versuchen, die eine oder andere Frage von Euch an Maxi Beister oder auch Heiko Westermann weiterzuleiten****

Nur der HSV! Noch nicht so ganz, denn es ist ja auch noch ein „bisschen“ EM, vor allen Dingen ist ja auch noch die „Abrechnung“ mit dem Bundestrainer ein Thema – aber mit dem heutigen Beitrag noch einmal EM, und dann ist Schluss. Weil am Montag ja bekanntlich wieder der Ball durch den Volkspark rollt, und das ist dann Thema Nummer eins. Beginn des Auftakt-Trainings ist um 15 Uhr.

Beginnen möchte ich trotz allem mit dem HSV. Noch nicht mit einem neuen Spieler, denn der Sportchef weilt ja nicht in Hamburg, sondern sieht in Kiew das EM-Finale, aber es dreht sich immerhin umeinen einstmals neuen HSV-Spieler. Der User „Jan B.“ hatte gefragt:

„Hab mir gerade die Mopo Liste mal angesehen und unter Macauley Christantus das Statement ‚keine Verwendung’ gefunden. Ich hab mal eine Frage an alle Fußballtrainer hier im Blog: Wie kann es sein das ein U17-Nationalspieler, hinter dem alle namhaften Clubs Europas hinterher waren, plötzlich das Fußball spielen verlernt und als nicht verwendbar abgestempelt wird? Das will einfach nicht in meinen Kopf. Der Junge war höchst veranlagt und hat geknipst zur U17 WM. Die Wahl war damals ziemlich eng zwischen Ihm und Toni Kroos zum Spieler des Turniers (Kroos gewann den Titel). Warum ist der eine einer der besten Fußballspieler Deutschlands und der andere nicht mal ein guter 2.Liga Spieler? Was machen wir falsch?“

Dazu platzierte der „Kieler HSV-Fan“ wohl eine Pressemeldung aus der damaligen Zeit:

„Der Hamburger SV hat sich die Dienste von Macauley Chrisantus gesichert. Der 17-Jährige Nigerianer, der mit sieben Treffern bei der diesjährigen U17-Weltmeisterschaft in Korea Torschützenkönig wurde und maßgeblichen Anteil am Titelgewinn seines Landes hatte, erhält zunächst einen Vertrag als Amateurspieler. Im nächsten Sommer soll der Angreifer einen langfristigen Profivertrag unterschreiben. Christantus spielte bislang beim nigerianischen Verein Abuja FC und wurde bei der U17-WM hinter Toni Kroos zum zweitbesten Spieler des Turniers ausgezeichnet. Im Anschluss lagen dem 1,83 Meter großen Stürmer zahlreiche Angebote von europäischen Topklubs vor.

‚Wir sind froh, ihn von unserem Konzept überzeugt zu haben’, sagte Dietmar Beiersdorfer. Dieses sieht vor, ihn langsam an die Profimannschaft heranzuführen. Am Dienstagvormittag trainierte Chrisantus bereits mit den Profis an der HSH Nordbank Arena.“

Ja, warum setzte sich Chrisantus nicht durch? Eine gute Frage. Ich weiß es noch, als wäre es heute geschehen. Chrisantus kam, und der HSV, speziell Dietmar Beiersdorfer, wurde gefeiert. So, als hätte der HSV eben einen neuen Pele unter Vertrag genommen. Hinter dem jungen Stürmer waren viele Klubs her, auch englische – sogar der FC Chelsea. Und der HSV machte das Rennen. Und dann kam da so gar nichts. Null. Chrisantus zeigte im Training nichts, und er zeigte in der zweiten Mannschaft nichts. Er wirkte im Training mit den Profis wie ein Fremdkörper. Wenn Manfred Kaltz der „Schweiger“ genannt wurde, dann müsste Christantus eigentlich der „Schweiger hoch vier“ genannt werden. Ich weiß bis heute nicht, ob er reden konnte. Und auch nicht, ob er das Lachens fähig war. Deutsch konnte er auch nicht, und er lernte es auch nicht – der vielleicht größte Fehler, sein größtes Handicap. Und wenn du keinen Kontakt zu deinen Kollegen hältst, ihn auch nie willst, dann hast du im Sport, vornehmlich im Mannschafts-Sport, keine Chance, groß heraus zu kommen.

Chrisantus konnte in der Jugend bestimmt sehr gut Fußball spielen, aber man hatte ihm nicht beigebracht, wie es im Profi-Sport zugeht. Und, das muss ich auch dem Verein ankreiden: Immer wieder wurde, nicht nur bei ihm, gesagt: „Wir drängen ihn zum Deutsch-Unterricht.“ Wenn das tatsächlich geschah, dann war das aber auch schon alles. Kontrolliert wurde nämlich so gut wie nie, ob die Spieler denn auch tatsächlich ihre Deutsch-Stunden absolviert haben. Das wurde uns von etlichen Spielern im Laufe der Jahre immer wieder bestätigt. Ein schweres Versäumnis und ein total unprofessionelles Verhalten eines Profi-Sport-Vereins. Da wird viel Geld investiert, um den Spieler zu verpflichten, aber es wird nicht bis zur letzten Konsequenz kontrolliert, ob der Spieler dann auch alle Vereinbarungen einhält. Und die Sprache des Gastgeber-Landes zu lernen, das ist ja wohl mal möglich – man wird ja auch nicht dümmer dadurch. Mein Vorbild ist in diesem Punkt Tomas Rincon, der schon nach kurzer Zeit prächtig Deutsch sprechen konnte.

Dann gab es noch eine Mail zum Thema 1970, Italien gegen Deutschland 4:3.

„Danke Dieter,

endlich können auch mal die Jüngeren nachlesen, dass wir 1970, drei Monate vor meiner Geburt, total verpfiffen worden sind. Wenn über das Spiel geredet oder geschrieben wird, dann wird das immer total verschwiegen. Ich habe mir die Partie zweimal irgendwann zwischen 1990 und 2010 über die volle Spielzeit angesehen und muss sagen, dass ich wirklich selten einen schlechteren Schiedsrichter gesehen habe.

Um auch mal abschweifen zu dürfen: Zum Halbfinal-Rückspiel HSV-Werder (2-3) reden alle Leute immer nur über die Papierkugel. Ich sage dann immer, dass dies nichts (oder fast gar nichts) damit zutun hatte, weil zweitens eine Ecke nicht immer zu einem Tor führen muss und vor allem weil erstens der Spieler Michael Gravgaard beim Stande von 1-2 ein blitzsauberes Kopfballtor erzielt hatte, welches nicht gegeben wurde. Das Spiel wäre dann anders ausgegangen…

Zurück zu 1970: Im Wikipedia-Eintrag ist nichts von diesem unterirdischen Schiedsrichter zu lesen. Ich würde das am liebsten ändern. Aber ich glaube, ich benötige dazu eine Quellenangabe…
BWSG, Henning

So, und dann war der heutige „Doppelpass” auf „Sport 1” ja mit Hamburger „durchsetzt“. Thomas Helmer wohnt hier, Thomas Doll ist immer noch einer von Hamburgs Fußball-Lieblingen, und Marcell Jansen spielt hier, obwohl der neue Vertrag immer noch nicht unterschrieben worden ist.

Wer es nicht mitbekommen hat, hier die wichtigsten Aussagen von Marcell Jansen. Er sagt . . .

…über die Zukunft von Joachim Löw:
„Ich glaube, dass er sich stellt, weil er etwas vorzuweisen hat. Und er war auch für mich einer meiner wichtigsten Trainer in meiner Laufbahn – eine taktische und fußballerische Ausbildung auf einem sehr hohen Niveau. Natürlich verstehe ich die Emotionalität nach dem Spiel, aber Jogi Löw hatte auch bereits als Co-Trainer 2006 eine ganz immens wichtige Position innerhalb der Mannschaft und hat mich persönlich sehr weit gebracht. Natürlich führt jeder Rückschlag dennoch zu Debatten und dazu, noch einen Schritt draufzusetzen. Das muss jetzt das Ziel sein. Jogi Löw ist da auch so ehrgeizig, das anzunehmen. Es ist doch schön, wenn wir jetzt wieder neue Ziele haben.“

…über fehlende Führungsspieler in der deutschen Mannschaft:
„Was fehlt ist die Frage, ist ein Spieler marketingtechnisch so aufgebaut oder ist er von Natur aus so? […] Und das ist der große Unterschied: Ob man sich in der Öffentlichkeit hinstellt und irgendetwas versucht, damit es sich hinterher gut anhört, oder ist man einfach so wie man ist? […] In der eigenen Darstellung muss jeder selbst Verantwortung für sich übernehmen und sich fragen, wie bin ich als Typ und wie möchte ich rüber kommen. Jeder muss da seinen Weg finden und das ist heutzutage allgemein schwierig, weil alles irgendwie vermarktet ist. […] Das ist eine sehr schwierige Diskussion, weil alles seit Jahren als gut und richtig anerkannt wurde. Jetzt sitzen wir heute hier, weil wir einmal nicht gut gespielt haben und verdient ausgeschieden sind. Wo war die Kritik als es noch lief?“

…über deutsche Spieler, die die Nationalhymne nicht mitgesungen haben:
„Wir haben ab 2006 wieder angefangen, eine Euphorie zu entfachen. Das hat gut getan und da ist auch das jetzige Trainerteam dafür verantwortlich, dass das so Schwung aufgenommen hat. […] Klar sind die Spieler dafür verantwortlich, auf dem Platz zu verkörpern, dass sie für unser Land auflaufen. […] Man muss aber aufpassen, dass man da nicht zu viel rein interpretiert. Dennoch muss man versuchen, sich über die Nationalhymne kurz vor dem Spiel noch eine Extra-Motivation zu holen. Ich denke, dass das bei den Jungs aber auch der Fall war.“

…über die Italiener und das heutige EM-Finale:
„Es ist beeindruckend, wie sie mit der Situation umgegangen sind, weil das ja auch ein Riesen-Druck war – gerade ein Buffon, der ja sehr hart kritisiert wurde. […] Wenn Italien in der Lage ist, in Führung zu gehen, können sie es auch schaffen. Wenn nicht, wird es sehr eng. […] Ich bin der Überzeugung, dass es Spanien macht, aber emotional wäre es auch Italien zu gönnen.“

Und Thomas Doll sagte auf Sport 1 . . .

…über die Entwicklung der deutschen Mannschaft:
„Wir sehen unsere Nationalmannschaft sehr gerne Fußball spielen. Wir können uns damit identifizieren und haben in den letzten sechs Jahren Riesen-Sprünge nach vorne gemacht. Nationen wie England und Frankreich wären froh, wenn sie da stehen würden, wo wir jetzt stehen. Und man kann nicht von einem einzigen Spiel ausgehen – auch wenn es das Halbfinale ist – ob Jogi Löw jetzt der richtige Trainer ist oder nicht. Jogi macht einen klasse Job und ist genau der richtige Mann – und auch der richtige Mann für 2014.“

Und noch ein ehemaliger HSVer hat ich zum Thema Nationalmannschaft und EM geäußert: Günter Netzer. Der ehemalige Manager äußerte sich in der „Bild am Sonntag“, und Insider wissen es vielleicht, wie ich denke: Wenn Günter Netzer etwas sagt, dann hat das in meinen Augen Gewicht. Er ist meine absolute Nummer eins in Deutschland. Der Mann ist super, der weiß wovon er spricht, der weiß auch genau, was er sagt. Das ist niemals ein Blabla:

Günter Netzer hat deutliche Kritik an den Führungsspielern und an der Rundumversorgung in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft geübt. Der Ex-Nationalspieler kritisierte nach dem EM-Halbfinale gegen Italien (1:2) in einer Kolumne für die Zeitung „Bild am Sonntag“ besonders Kapitän Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski. Lahm trete vor den Fernsehkameras „rhetorisch brillant“ auf. Aber in dieser Saison bei Bayern München und in der Nationalelf bei der EM habe er abgesehen vom Spiel gegen die Niederlande „gravierende Abwehrschwächen“ gezeigt. „Ihm sind der Drang nach vorne und die Effizienz verloren gegangen“, sagte Netzer. Podolski sei nur noch ein „Nationalspieler von Löws Gnaden“, Schweinsteiger „einfach keine Führungsnatur“.

Netzer hält die von Bundestrainer Joachim Löw gelobte flache Hierarchie für falsch. „Jede Mannschaft braucht eine Hierarchie. Das haben wir gegen Italien nicht gehabt. Dort waren wir nicht in der Lage, diese Aufgaben zu erfüllen“, schrieb Netzer. Die „paradiesischen Zustände“, wie sie dem Team im EM-Quartier Dwor Oliwski geboten wurden, betrachtete Netzer als „ein wenig zu viel des Guten“. Dass Löw von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach das Vertrauen ausgesprochen wurde, begrüßte Netzer aber. „Löw ist unbestritten einer der besten Trainer der Welt“, sagte er (aufgezeichnet von dapd).

Dann gibt es da noch die Tops und Flops der EM

TOPS

Gastfreundschaft: Die Geschichte der Deutschen in Danzig, Warschau, Lwiw oder auch Charkiw ist eine ganz spezielle – aber in der Gegenwart war es beeindruckend, wie freundlich und herzlich die Menschen in Polen und der Ukraine auch ihre deutschen Gäste bei sich willkommen hießen. Doch trug dazu sicherlich auch bei, dass diese Gäste sich bei ihrem Besuch zu benehmen wussten.

Fratelli d’Italia: Gianluigi Buffon singt sie im Gedenken an seine Großeltern, andere hatten andere Motive – aber alle gemeinsam intonierten Italiens Nationalspieler vor jedem Spiel die Hymne ihres Heimatlandes mit solcher Inbrunst, dass ihnen alleine dafür der Titel gebührte.

Die Königlichen: Fast in Mannschaftsstärke war Spaniens Meister Real Madrid im Halbfinale der EM vertreten, angeführt vom endlich einmal auch in Portugals Nationaltrikot überzeugenden Cristiano Ronaldo. Das Team der Vorrunde war hingegen der VfL Wolfsburg mit dem prompt teuer an Bayern München verkauften Dreifachtorschützen Mario Mandzukic sowie Petr Jiracek, der für Tschechien ebenso zweimal traf wie sein Landsmann und künftiger Teamkollege Vaclav Pilar.

Stratege: Der stets adrette Signore Cesare Prandelli pilgerte nach jedem Sieg von Italiens Nationalteam. Mit innerer Ruhe entwickelte er die perfekte Strategie, wie sich Verletzungssorgen und dem Wettskandal in der Heimat trotzen ließ und darüber hinaus die Exzentriker Mario Balotelli und Antonio Cassano ins Team zu integrieren waren.

Sonderpreis: Mit ihrer Version von „Low lie the fields of Athenry“ sorgten die irischen Fußballfans für den Gänsehautmoment dieser EM. „Wir alle waren beeindruckt von diesen Fans. Sie haben die Ergebnisse ihrer Mannschaft wettgemacht“, sagte Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino über die Anhänger der sieg- und punktlosen Iren. Den Sonderpreis der Uefa, den Präsident Michel Platini ihnen auf Beschluss des Exekutivkomitees überreichen wird, haben sie zweifellos verdient. Fraglich ist nur, ob die Uefa sich nicht besser mit drängenderen Problemen beschäftigen sollte, etwa dem Torklau von Donezk. Und damit zu den…

FLOPS

Schummelei: Löw und der Balljunge und die Tränen von Fan Andrea – in mindestens diesen beiden Fällen schummelte die Uefa gewaltig beim weltweiten TV-Signal. Mindestens deshalb, weil wir nicht wissen, welche Szenen uns womöglich noch in aufgezeichneter Form untergejubelt wurden. Hatte Balotelli womöglich in einem ganz anderen Spiel zwei Tore geschossen? Fakt ist: Manipulation und Zensur empören ARD und ZDF – und nicht nur die.

Gastgeber: Vor vier Jahren waren die Ausrichter Österreich und Schweiz zu schwach für ein Weiterkommen, nun scheiterten auch die dank dieser Rolle ins Feld der EM-Teilnehmer gerutschten Polen und Ukraine schon nach der Vorrunde. Ein Gastgeber mit Erfolgsaussichten wäre also mal wieder schön. Ob aber ausgerechnet Frankreich das 2016 gelingen wird? Vielleicht hilft ihnen ja die Aufstockung auf 24 Teams…

Wertloser Weltrekord: Der EM-Titel war das erklärte Ziel, aber wieder einmal reichte es für Deutschlands beste Fußballer nur zum Halbfinale. Joachim Löw verzockte sich bei der Taktik gegen Italien, Bastian Schweinsteiger war zu keinem Zeitpunkt er selbst, Lukas Podolski spielte erst recht ein schwaches Turnier. Der Weltrekord von 15 Pflichtspielsiegen hintereinander ist wertlos, wenn andere das wahre Ziel erreichen und den Titelgewinn feiern.

Rassismus und Randale: Nationalistische Fahnen und Symbole und menschenverachtende Grunzlaute primitiver Fans waren bestimmende Themen der ersten Turnierwoche. Zum Glück nur der ersten Turnierwoche. Danach waren Russland und Kroatien ausgeschieden – und der friedliche Teil der Fans unter sich.

Störenfriede: Für die letzten Ausraster des Turniers sorgten der Trainer der Ukraine, Oleg Blochin, und Frankreichs Stürmer Sami Nasri. Beide bepöbelten ihnen missliebige Journalisten. Echte Störenfriede waren auch die Egoisten in Hollands Team, Klaas-Jan Huntelaar etwa, der sich selbst wichtiger nahm als den Erfolg seiner „Elftal“.

Und um die EM noch abzurunden, es gibt auch noch die Zitate der Fußball-Europameisterschaft

„Da heißt es, Stahlhelm aufsetzen und groß machen.“ (Deutschlands Assistenztrainer Hansi Flick am Freitag in Danzig auf die Frage, ob es wegen der Schusskünste von Cristiano Ronaldo eine Freistoßwarnung an die deutschen Spieler gegen Portugal geben werde)

„Das ist schließlich nicht Andorra. Obwohl: Gegen Andorra triffst du nicht immer so viel ins Netz.“ (Mittelfeldspieler Roman Schirokow nach dem furiosen 4:1 der Russen gegen Tschechien bei der Fußball-EM)

„Vor dieser Pressekonferenz habe ich noch ein Stündchen geschlafen. Ich bin entspannt wie ein kleines Kind, das seine Hausaufgaben gemacht hat.“ (Italiens Nationaltrainer Cesare Prandelli einen Tag vor dem Gruppenspiel gegen Spanien)

„Egoland – Legoland 0:1.“ (Fans der niederländischen Fußball-Nationalmannschaft im Internet-Kurznachrichtendienst Twitter über die Leistung ihres Teams bei der EM-Auftaktniederlage gegen Dänemark)

„Ich werde nur die erste Hälfte der Frage beantworten, weil der Übersetzer weg ist. Ich glaube, er ist auf die Toilette gegangen.“ (Frankreichs Fußball-Nationaltrainer Laurent Blanc bei der Pressekonferenz vor dem EM-Spiel gegen England)

„Darf ich es waschen lassen?“ (Italiens Staatspräsident Giorgio Napolitano zu Nationaltorwart Gianluigi Buffon, der ihm nach dem 1:1 gegen Spanien sein verschwitztes Trikot geschenkt hatte)

„Was hat mal ein ganz großer Kollege von mir gesagt, Giovanni Trapattoni: Ein Trainer ist kein Idiot!“ (Bundestrainer Joachim Löw auf die Frage, wie seine Personalentscheidungen zustande kämen, mehr aus Gefühl oder mehr aus Erkenntnissen)

„Ich habe euch nicht gebeten, zu warten.“ (Torschütze Samir Nasri nach der Dopingprobe beim 1:1 gegen England auf die Anmerkung eines Journalisten, man habe zwei Stunden auf ihn gewartet)

„Ich war schon geschockt über Mario, weil ich noch nie gesehen habe, dass er den Ball so mitgenommen hat. Wenn er solche Aktionen öfter hat, muss man aufpassen, dass er nicht nach Brasilien geht.“ (Bastian Schweinsteiger zum ersten Tor von Gomez beim 2:1 gegen die Niederlande)

„Spanien kann praktisch mit geschlossenen Augen spielen.“ (Irlands Trainer Giovanni Trapattoni nach dem 0:4 gegen Spanien)

„Mir blieb nichts anderes übrig, als den Ball reinzuschießen. Ich hätte 80 Meter wieder zurücklaufen müssen.“ (Lars Bender zu seinem Siegtor gegen Dänemark)

„Beim Spiel der Spanier wird nur der Ball müde.“ (Uefa-Präsident Michel Platini über die körperliche Fitness und das schnelle Kurzpassspiel der Spanier)

„Wenn wir jetzt über einzelne Fälle von Schiedsrichterentscheidungen sprechen würden, säßen wir Weihnachten noch hier.“ (Uefa-Schiedsrichterchef Pierluigi Collina nach dem Torklau von Donezk)

„Bei so einem Spiel dabei zu sein, hätte ich mir allenfalls an der Playstation vorstellen können.“ (Italiens Stürmer Alessandro Diamanti vor dem Viertelfinale gegen England)

„Es ist wie mit einem Ehepaar – wenn du immer alles unter den Teppich kehrst, fliegt das Ganze irgendwann auseinander.“ (Frankreichs Co-Trainer Alain Boghossian über die Auseinandersetzungen nach der 0:2-Niederlage gegen Schweden)

„Wir wissen alle, dass Mario eine schöne Frisur hat. Aber über meine Frisur geht nichts.“ (Marco Reus auf die Frage einer ausländischen Reporterin, ob er wisse, dass seine Frisur noch schöner sei als die von Teamkollege Mario Gomez)

„Ich habe einen Spaten daheim, den könnte ich Jogi Löw schicken, damit er den Maulwurf erschlägt.“ (Hoffenheims Trainer Markus Babbel zur sogenannten Maulwurf-Affäre bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft)

„Das war der schönste Abend meines Lebens.“ (Italiens Stürmerstar Mario Balotelli nach dem 2:1 im EM-Halbfinale gegen Deutschland)

„Wir haben viermal auf die Fresse gekriegt.“ (Mario Gomez nach dem 1:2 gegen Italien im EM-Halbfinale. Mit dem FC Bayern hatte er in dieser Saison dreimal knapp einen Titel verpasst)

„Es gibt keinen Grund, etwas anzuzweifeln.“ (Fußball-Bundestrainer Joachim Löw nach dem EM-Aus gegen Italien)

„Ich habe viel Wodka getrunken.“ (Uefa-Präsident Michel Platini auf die Frage eines Journalisten, was er in den vergangenen Wochen so getan habe, außer EM-Spiele im Stadion zu schauen)

Und einmal EM habe ich noch – für jene, die am Bundestrainer zweifeln:

Die Positive Löw-Bilanz: Nur sechs Pleiten in 50 Pflichtspielen

Ausgerechnet in seinem 50. Pflichtspiel musste Joachim Löw die vielleicht bitterste Niederlage in seiner Amtszeit als Fußball-Bundestrainer hinnehmen. Es war erst die sechste in einem Wettbewerbsspiel. 39 Siege und fünf Unentschieden stehen für den 52-Jährigen zu Buche. Bei allen drei Turnieren als Bundestrainer konnte Löw den letzten oder vorletzten Schritt mit dem DFB-Team nicht machen, zweimal gegen Spanien und jetzt erstmals gegen Italien. Die sechs Pflichtspiel-Niederlagen unter Bundestrainer Löw:

17.10.2007 Deutschland – Tschechien 0:3 EM-Qualifikation *
12.06.2008 Deutschland – Kroatien 1:2 EM-Vorrunde
29.06.2008 Deutschland – Spanien 0:1 EM-Finale
18.06.2010 Deutschland – Serbien 0:1 WM-Vorrunde
07.07.2010 Deutschland – Spanien 0:1 WM-Halbfinale
28.06.2012 Deutschland – Italien 0:1 EM-Halbfinale * Die deutsche Mannschaft hatte sich wenige Tage zuvor für die EM 2008 qualifiziert (dpa).

Und dann auch noch das ganz kurz zum Thema Frauen-Fußball und Abmeldung der HSV-Bundesliga-Mannschaft:

Der Frauenfußball-Bundesligist FCR Duisburg hat nach eigenen Angaben die Insolvenz-Gefahr gebannt. „Nur mit dem unermüdlichen, monatelangem Einsatz aller Verantwortlichen und der Hilfe der treuen Sponsoren konnte die akut drohende Insolvenz jetzt endgültig abgewendet werden“, hieß es in einer Pressemitteilung des Klubs.
Der FCR musste zuletzt personell einen Aderlass verkraften. Neben Nationalspielerin Annike Krahn, die ihren Abschied am vergangenen Donnerstag verkündet hatte, verlassen unter anderem auch die Nationalspielerinnen Alexandra Popp, Luisa Wensing und Simone Laudehr den Klub. Popp und Wensing schließen sich dem VfL Wolfsburg an, Laudehr wechselt zum siebenmaligen Meister 1. FFC Frankfurt. Krahn will ihren neuen Klub in Kürze bekannt geben.
Der Klub kündigte an, dass es aufgrund der angespannten Finanzlage „auch nach der Rettung nicht möglich sein wird, spektakuläre Neuverpflichtungen zu realisieren“. (SID)

So, nun ist auch Schluss mit lustig. Ich mache mich nun vom Acker (aus der Redaktion), weil es ins „Champs“ nach Schnelsen geht, aus dem am Abend „Matz ab live“ mit unseren Gästen Heiko Westermann und Maximilian Beister (und natürlich mit „uns Scholle“) gesendet wird. Ich werde dort eher in „Schweinsteiger-Verfassung“ auflaufen, also höchstens bei 70 bis 80 Prozent, weil ich immer noch leicht angeschlagen bin, aber dann wird es eben „Scholle“ richten müssen. Wird schon. Ich hoffe doch, dass ihr wieder mit von der Partie sein werdet.
Einen schönen Abend für euch und eure Lieben.

17.39 Uhr

Der alte Kaltz kann es immer noch

9. Juni 2012

„Und immer dran denken – die Gefahr kommt über rechts.“ Hat Manfred „Manni“ Kaltz bei seiner Abfahrt aus Norderstedt gesagt. Der frühere Nationalverteidiger war Beifahrer von Uli „die Kante“ Borowka, Kaltz ließ schnell die Fensterscheibe herunter und gab mir noch schnell den kostenlosen Tipp. Dann ging es für die beiden ehemaligen Profis in die Fisch-Auktionshalle, wo sie sich das EM-Spiel Deutschland gegen Portugal ansehen werden. Nicht allein. Es sind viele Gäste der Sparda-Bank geladen, und viele Alt-Internationale. Die spielten am Nachmittag auf dem Rasenplatz von Eintracht Norderstedt gegen eine Hamburger Presse-Auswahl. Halbzeit 0:0, Endstand 3:0. Für die „Ehemaligen“ – natürlich, möchte man meinen. Aber die Sieger hatten mehr Mühe als erwartet.

Der Veranstalter hatte mit 4000 bis 5000 Zuschauern gerechnet, gekommen waren bei Hamburger Schmuddelwetter um die 300. Die Autogrammjäger unter ihnen kamen auf ihre Kosten, denn die Stars von gestern stellten sich bereitwillig zu vielen Fotos und zu den begehrten Unterschriften. Auch Schiedsrichter Bernd Heynemann (Magdeburg) verteilte fleißig die von ihm geforderten Autogrammkarten.

Organisiert und aufgestellt hatte das Star-Ensemble der ehemalige HSV-Spieler Stefan Schnoor, der in Ermangelung von Angreifern gelegentlich sogar als Sturmspitze aufkreuzte (und auch das 1:0 per Abstauber erzielte!). „Du warst schon immer ein verkappter Stürmer“, sagte ich ihm während des Spiels, aber er antwortete: „Eher ein verkappter Zehner.“ Fritz Walter, Wolfgang Overath, Günter Netzer . . . Stefan Schnoor.

Aber er hatte natürlich eine gute Mannschaft beisammen. Neben Kaltz und Borowka waren die ehemaligen HSV-Profis Jochen Kientz, Bastian Reinhardt, Peter Nogly, Ingo Hertzsch (aus Leipzig angereist!) und Thomas Vogel dabei. Zudem Michael Rummenigge, Thomas Helmer und Marco Bode, der für mich der beste Mann bei den „Alten“ war, der sogar einen sehenswerten Fallrückzieher riskierte – und auch ein Abstaubertor erzielte. „Man, man, der Bode hat es aber noch drauf“, sagte Presse-Abwehrmann Christian Pletz (unser Matz-ab-Pletzi) später anerkennend. Gut war aber auch, ich ziehe den Hut vor ihm, „Manni“ Kaltz. Alle Achtung. Die Pässe, die Standards und die Flanken kamen wie zu seinen besten Tagen. Presse-Torwart Oliver Hinz von Altona 93: „So schießt sie kein Spieler in der Oberliga Hamburg. Kaltz bringt sie genau dorthin, wo er sie auch hin haben will. Erste Sahne.“ Kaltz, 59 Jahre alt, kann es immer noch. Wie er über das gesamte Spielfeld (mit Ball) stolzierte und mit einem sehenswerten Lupfer gegen den Pfosten das 2:0 (Bode) vorbereitete – einfach nur klasse.

Bei den Medien-Vertretern spielten – neben anderen – auch Sky-Moderator Patrick Wasserziehr sowie HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf, der seinem Unmut über das „schlechte Spiel“ der Presse-Truppe stets freien Lauf ließ. Immerhin gab er nach dem Schlusspfiff zu: „Hat trotz allem Spaß gemacht. Und wenn ich etwas gemeckert habe, so liegt es schlicht und einfach daran, dass ich immer gewinnen will.“ Aber gegen einen Sieg der Medien-Vertreter hatten natürlich die Altmeister doch erhebliche Einwände.

So, es ist EM. Und in einigen Minuten sind auch wir Deutsche voll dabei und mittendrin. Deswegen halte ich mich heute mal kurz und knapp – die Spannung steigt, auch bei mir. Obwohl ich immer noch leicht pessimistisch bin. Ganz leicht.

Aber obwohl ich in der Obdachlosen-Zeitung „Hinz und Kunzt“ ja schon einige EM-Nähkästchen geschrieben habe, gibt es da noch ein ganz kleines, was ich hier schnell noch zum Besten geben möchte. Europameisterschaft 2000 in Belgien und den Niederlanden. Bundestrainer Erich Ribbeck, der ehemalige HSV-Sportchef. Der hatte in den Wochen vorher stets verkündet: „Ich werde keinen Spieler mit in den EM-Kader nehmen, der noch kein Länderspiel gemacht hat.“ Ein Mann, ein Wort. Da HSV-Torwart Jörg Butt noch kein Länderspiel bestritten hatte, fragte ich Ribbeck einmal kurz unter vier Augen: „Gilt das auch für Jörg Butt?“ Ribbeck: „Ja, Butt wird vorher noch seinen Einsatz erhalten . . .“

Und es gab da ja auch noch zwei Testspiele für die deutsche Mannschaft. Am 3. Juni gegen Tschechien – aber beim 3:2-Sieg spielte Oliver Kahn 90 Minuten durch. Dann der letzte Test vor dem EM, am 7. Juni in Freiburg gegen Liechtenstein. Ribbeck kündigte in der Pressekonferenz an: „Da wird Jens Lehmann zwischen den Pfosten stehen.“ Wie Lehmann? Und Butt?

Ich ging nach der Pressekonferenz zu Erich Ribbeck, wieder ein kurzes Gespräch unter vier Augen: „Herr Ribbeck, und was ist mit Butt? Sie haben mir doch gesagt, Butt würde auch noch vor der EM seinen Einsatz erhalten . . .“ Ribbeck setzte eine grimmige Miene auf und sagte kurz und knapp: „Sie immer mit Ihrem Butt, Butt, Butt, Aber keine Angst, Herr Matz, er bekommt seinen Einsatz, auch wenn ich es für den dritten Mann im Tor nicht unbedingt für nötig erachte.“

2:1 stand es bei Halbzeit in Freiburg gegen Liechtenstein, dann kam Butt. Er kassierte zwar auch noch einen Gegentreffer vom Fußballzwerg, aber Deutschland gewann 8:2. Und „Butti“ hatte seinen ersten Länderspiel-Einsatz – ich war happy, er war happy – alle waren zufrieden. So hatte ich beim HSV-Torwart vielleicht 25 Prozent meine Finger im Spiel, dass er gegen Liechtenstein ran durfte – aber ganz aufmerksame „Matz-abber“ werden sich erinnern, dass ich einst Sven Kmetsch (ehemaliger HSV-Kapitän) zu Zeiten von Berti Vogts in die DFB-Auswahl „sabbelte“. Da aber waren es mindestens 95 Prozent. Kmetsch schaffte aber nur zwei Einsätze . . .
Den Kritikern (meinen Kritikern) sei gleich entgegnet: Mehr HSV-Spieler waren es aber nicht. Auch bei Piotr Trochowski oder Dennis Aogo hatte ich meine Finger nicht im Spiel. Aber Butt und Kmetsch zeigen, dass es im „großen Fußball“ gelegentlich auch ganz amateurhaft und hemdsärmelig zugehen kann – da gibt es dann keinen Unterschied zu (m)einem kleinen Verein um die Ecke.

So, nun ist EM, und zwar Hochstimmung. Das Spiel Niederlande gegen Dänemark (0:1) bestärkt mich darin, dass es nicht unbedingt ein Turnier für die Favoriten geben wird.

Apropos Dänemark: Da spielt ein Mann namens Lars Jacobsen mit. Der war von 2002 bis 2003 HSV-Profi, brachte es auf 22 Einsätze (ein Tor) und ging wieder, weil ihn der HSV nicht mehr wollte. Quasi durchgefallen. Der 32-jährige Verteidiger vom FC Kopenhagen spielt aber schon seit jener Zeit stets für Dänemark (50 Länderspiele). War aber für den HSV einst ein wenig zu schlecht . . . So kann es gehen.

Falls es gleich auffällt, dass ich ein wenig heiser bin: Ich war heute „Trainer“ der Presse-Auswahl, und da habe ich gelegentlich ein wenig zu laut über den Platz gegrölt. Übrigens: gleich nach dem Schlusspfiff der Partie Deutschland gegen Portugal gibt es wieder „Matz ab live“ – wir sehen uns.
Eine schöne EM für alle.

19.52 Uhr

Willi Schulz – das komplette Interview

8. Juni 2012

Herrlich, heute ist EM-Start – endlich! Der Ball rollt, springt und fliegt wieder, es geht wieder bergauf . . . Ich wünsche allen „Matz-abbern“ und ihren Lieben eine wunderschöne EM-Zeit, drücke der deutschen Mannschaft ganz fest die Daumen, damit es wenigstens in Halbfinale geht – und hoffe darauf, dass ihr alle schon bald auch den „richtigen“ Sommer begrüßen könnt. Vorab aber gibt es noch ein Interview zum HSV, denn ohne den und unseren HSV geht es natürlich nie:

Er hat 66 Länderspiele für Deutschland bestritten, er war 1966 in England unser „World-Cup-Willi“, er hat in der Weltauswahl gespielt – und natürlich auch für den HSV. Willi Schulz, der einst aus Gelsenkirchen nach Hamburg kam, wohnt nach wie vor in der Hansestadt, und obwohl er inzwischen 73 Jahre alt ist, ist er aktiv wie immer. Der Unternehmer ist rührig und emsig – und er hat natürlich immer noch die Raute im Herzen. Deswegen ist er in Sachen HSV stets auf Ballhöhe – und wir, Alexander Laux und ich, haben uns in dieser Woche mit dem früheren Weltklasse-Stopper getroffen, um mit ihm über den HSV und die EM zu sprechen. Hier nun erst einmal Teil zwei (!) des Interviews, das heute noch nicht im Hamburger Abendblatt veröffentlicht wurde:

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, im Januar 2013 werden beim HSV fünf neue Aufsichtsratsmitglieder gewählt – wer sollte Ihrer Meinung nach neu in den AR?

Willi Schulz: Der Rat sollte so bestückt sein, dass möglichst alle Abteilungen repräsentiert werden. Natürlich kann man nicht alle 34 Abteilungen da einbeziehen, aber der Fußball sollte schon entsprechend übergewichtig im AR vertreten sein. Deswegen wäre es für den Verein schon förderlich, wenn sich mal wieder mehr Fußballer zur Wahl stellen würden.

Hamburger Abendblatt: Es gibt, das hat die letzte Versammlung gezeigt, mehrere Strömungen im HSV – wie beurteilen Sie diese Situation?

Schulz: Ich habe mich damals wegen des Fußballs in den AR wählen lassen. Die Profi-Abteilung, der Nachwuchs in Ochsenzoll, alles andere hat mich nur am Rande interessiert, das war nicht so sehr mein Thema. Es wird natürlich auch Politik gemacht, aber das war nie mein Ding, mir ging es stets nur um den Fußball.

Hamburger Abendblatt: Sie haben aber mit Ihrer einen Stimme bei insgesamt zwölf Räten nichts bewirken können, oder?

Schulz: Stimmt, das ist korrekt. Das ist Demokratie.

Hamburger Abendblatt: Wäre denn ein kleinerer Aufsichtsrat ratsam, in dem überwiegend Fußballer sitzen würden?

Schulz: Das weiß ich nicht so recht. Ehemalige Fußballer, die auch wirtschaftlich beschlagen sind, dann würde es eventuell etwas bringen. Aber ich sage auch, wenn jeder überall mitreden würde, dann könnte das auch schädlich sein. Motto: Viele Köche verderben den Brei. Viele Leute, viele Meinungen. Auch Fußballer unter sich sind sich nicht immer einig.

Hamburger Abendblatt: Sind Ihnen zwölf Aufsichtsräte zu viel, wäre ein kleinerer AR effektiver – oder ist die Zahl zwölf passend?

Schulz: Man könnte effektiver sein, wenn man etwas abspecken würde, denn wir haben ja nicht nur zwölf Räte. Da gibt es vier Vorstands-Mitglieder, hier und dort noch andere Leute, insgesamt sind es ja an die 20 Leute, die da mitreden wollen – zwei Kassenprüfer und andere. Das ist eine ganze Menge. Die Mehrheit der Mitglieder, die bei der Versammlung am 20. Mai dabei waren, hat das wohl auch so gesehen, die waren ja für eine Verkleinerung – nur gab es keine Dreiviertelmehrheit für den Antrag von Horst Becker. Zwölf sind mir zu viel, jeder hat nur eine Stimme, und ich habe es doch erlebt, dass es oft ein riesiges Prozedere gab, bevor man zu einem Ergebnis kam.

Hamburger Abendblatt: Und gar kein Aufsichtsrat? Nur einen Wirtschaftsrat, wie beim FC Bayern?

Schulz: Ohne wäre auch nicht gut. Es muss ja kontrolliert werden. Obwohl dem AR oft auch zu viel zugemutet wird. Entscheidend ist der Vorstand, und ganz entscheidend ist die Mannschaft. Ist der sportliche Erfolg da, stimmt es auch im Verein. Deswegen sollte man den Aufsichtsrat nicht ganz so wichtig nehmen.

Hamburger Abendblatt: Wenn ich zuletzt gefordert habe, dass ehemalige HSV-Spieler wie Kaltz, Jakobs oder Stein in irgendeiner Form beim HSV mitmischen sollten, gab es viele kritische Töne. Aber die Ehemaligen wollen ja auch gar nicht erst in den Aufsichtsrat, verstehen Sie das?

Schulz: Man muss das auch von einer anderen Seite sehen. Wenn man der Meinung ist, dass man aufgrund seiner Erfahrung helfen kann, dann sollte man das machen. Ich habe mich damals so entschieden. Aber man sollte sowohl Fußball-Verstand und wirtschaftliche Kompetenz mitbringen, und das hat nicht jeder. Bei Hoeneß und Rummenigge zum Beispiel ist es so, dass sie beides haben. Man muss aber beides können, nur Fußball-Verstand reicht nicht aus, um einen Verein zu kontrollieren und auch führen zu können.

Hamburger Abendblatt: Noch ein Themenwechsel. Die EM. Welche Rolle trauen Sie der deutschen Mannschaft zu?

Schulz: Ich glaube, dass wir eine sehr gute Rolle spielen werden. Jetzt kommt wieder das schon abgedroschene Wort von der Turnier-Mannschaft, aber es trifft immer noch. Deutschland ist eine Turnier-Mannschaft. Turniere kommen der deutschen Mentalität entgegen. Bei uns wird kein Personen-Kult betrieben, da geht die Mannschaft über alles. Und das ist für ein Turnier förderlich. Und hinzukommt, dass das 3:5 gegen die Schweiz zum richtigen Zeitpunkt kam. Da sind wir von den hohen Erwartungen ein wenig heruntergekommen, und wir haben gemerkt, dass auch zweitklassige Nationen guten Fußball spielen können. Zudem wurden einige Schwachpunkte in unserer Mannschaft entlarvt. Nein, wir werden gut sein, und wir werden mit Sicherheit ins Halbfinale kommen.

Hamburger Abendblatt: Wie wird denn das Auftaktspiel gegen Portugal ausgehen?

Schulz: Gut für uns. Weil Portugal keine Turnier-Mannschaft ist. Das ist vom Namen her eine große Mannschaft, aber viele gute Einzelspieler sind noch lange kein gutes Team. Nani und Ronaldo sind zwar Weltklasseleute, aber zieht man die aus dem Verkehr, dann ist die portugiesische Mannschaft schon nicht mehr so viel wert. Nicht die Stars richten es bei einem Turnier aus, sondern nur das Team. Das hat die Vergangenheit immer gezeigt. Disziplin ist wichtig, die Ordnung auf dem Platz auch, zudem die Geschlossenheit – nur so geht es.

Hamburger Abendblatt: Wie würden Sie denn die deutsche Innenverteidigung spielen lassen?

Schulz: In der jetzigen Verfassung würde ich Badstuber und Hummels spielen lassen. Mertesacker ist nach seiner langen Verletzung noch nicht wieder fit, war relativ langsam in seinen Bewegungen, noch nicht schnell und noch nicht bissig genug. Mit Hummels wären wir auch schwerer auszurechnen, er ist im Spiel nach vorne kreativer. Und heute muss man als Spieler immer 100 oder mehr Prozent geben, denn das Spiel ist so viel schneller und athletischer geworden, dass man sich da keine Schwäche erlauben kann. Aber ich bin nicht der Bundestrainer.

So, das war Teil zwei des Interviews mit Willi Schulz, das mein Abendblatt-Kollege Laux und ich mit dem dreimaligen WM-Teilnehmer geführt haben. Für alle diejenigen „Matz-abber“, die Teil eins in der heutigen Abendblatt-Ausgabe nicht lesen konnten, sei hier nun auch Teil eins nachgereicht.
Ich nenne es den sportlichen Teil des Gesprächs, in dem es um den HSV und seine Bundesliga-Mannschaft geht.

Hamburger Abendblatt: Herr Schulz, wie schätzen Sie das Niveau der HSV-Mannschaft, wie sie derzeit aussieht, ein?

Willi Schulz: Wir können in allen Mannschaftsteilen Verstärkung gebrauchen. René Adler war nur der erste Schritt.

Hamburger Abendblatt: Woher sollen die Verstärkungen kommen, wenn kein Geld da ist?

Schulz: Für Spieler wie Kagawa, die von Dortmund für 350 000 Euro verpflichtet wurden, hat der HSV das Geld. Was ich meine: Unsere Scoutingabteilung muss fleißig sein, dann kommst du auch mit wenig Geld zurecht. Die müsseneuropaweit, ja weltweit unterwegs sein.

Hamburger Abendblatt: Während der vergangenen Saison hieß es immer, das Team habe Qualität, verfüge über Potenzial . . .

Schulz: Die Mannschaft hat ja durchaus Potenzial. Die Frage ist bloß, wie viel. Jedenfalls nicht so viel wie Bayern oder Dortmund. Die Tabelle lügt nicht, das ist schon ein Gradmesser.

Hamburger Abenbdlatt: Von welchem Spieler erhoffen Sie sich denn eine Steigerung?

Schulz: Mancienne hat sich gewaltig gesteigert nach seinen Anlaufschwierigkeiten und war eine Konstante. Aber bei Spielern wie Bruma oder Diekmeier großartige Steigerungen herauszuholen, in dieser starken Bundesliga? Das wird schwer. Ich glaube eher, die sind schon an ihrem Limit angekommen. Viel mehr können wir da nicht mehr erwarten.

Hamburger Abendblatt: Was halten Sie von Marcus Berg?

Schulz: Für das, was er mitbringt, wäre eine Steigerung möglich. In manchen Spielen setzt er es bloß nicht richtig um. Ich muss aber zu seiner Verteidigung sagen, dass es schwer ist als Sturmspitze, wenn du nicht frei gespielt wirst und immer zwei Spieler hinter dir hast, die draufgehen. Hier fehlt der Spielmacher, der ihn mit Pässen und Ideen versorgt.

Hamburger Abendblatt: Viele Zuschauer hat der langatmige Spielaufbau genervt. Sie auch?

Schulz: Die Leute konnten ja schon auf der Tribüne vorhersagen: So, jetzt spielt er zum Torwart. Und die waren keine Wahrsager. Wenn die Tribünengäste das sehen, weiß der Gegner das auch. Der Punkt ist doch: Wenn ich den Ball hinten drei-, viermal quer spiele, dann geht es zurück zum Torwart, und der haut ihn lang nach vorne – das kann ich als Innenverteidiger auch sofort machen und habe das Spiel in die gegnerische Hälfte verlagert und kann zumindest auf den Abpraller hoffen. Bei dem Quergeschiebe kann der Gegner seine Abwehr stellen und du hast vorne keinen Raum mehr. Das muss der Trainer abstellen, sonst bleibt unser Spiel auch kommende Saison wenig effektiv.

Hamburger Abendblatt: Wo besteht noch Nachholbedarf?

Schulz: Bei Standardsituationen, auch defensiv. Es kann doch nicht angehen, dass unsere Abwehrspieler den Gegner umarmen und es einen Elfer gibt, wie es Westermann gegen Schalke passiert ist. Oder nur zwei Leute in eine Mauer zu stellen wie gegen Wolfsburg. Leute, das ist zu dünn! Da gibt es Regeln, das muss sitzen. Zum Beispiel, dass du bei jeder Standardsituation immer Ball und Gegner sehen musst. Das kann man üben.

Hamburger Abendblatt: Haben Sie ein bevorzugtes Spielsystem?

Schulz: Das beste System ist immer das, womit du Spiele gewinnst (lacht) . Aber im Ernst: Das System kannst du nicht von außen bestimmen, das bestimmen die Spielertypen. Ich kann gewisse Systeme nur spielen, wenn ich auch die richtigen Fußballer habe. Hast du beispielsweise nur einen Vollblutstürmer, bietet sich eine eher sichere Deckung an. Hast du aber Sturmspitzen im Überfluss, kannst du offensiver spielen. Da muss jeder Trainer auch flexibel sein.

Hamburger Abendblatt: Der HSV versucht im Nachwuchs eine einheitliche Philosophie in einem 4-3-3-System zu installieren.

Schulz: Nur – wenn du die Spieler nicht dafür hast, kannst du das nicht spielen.

Hamburger Abendblatt: Muss der HSV nicht auch flexibler werden? Jeder kennt doch inzwischen das HSV-System und weiß, wie es auszuschalten ist.

Schulz: Quer spielen und zurück zum Torwart passen ist ja kein System. Das ist Verlegenheit.

Hmaburger Abendblatt: Sind Ihnen die Spieler heute zu weich?

Schulz: Nein. Die Anforderungen sind enorm gewachsen, das Tempo ist hoch. Wenn heute zwei Spieler aufeinanderknallen, ist das ja ein richtiger Crash. Wir hatten damals nicht das Tempo, das lässt sich ja nicht leugnen. Ich habe einen anderen Ansatz.

Hamburger Abendblatt: Nämlich?

Schulz: Wir müssen unsere Nachwuchsabteilung mehr mit Leben erfüllen und unser Scoutingsystem weiter reformieren. Ich habe schon früher im Aufsichtsrat gesagt: Die Preise für Spieler laufen schneller, als man schauen kann. Die Zeit wird kommen, da werden wir die Transfersummen nicht mehr stemmen können. Deshalb wird es höchste Zeit, dass die Nachwuchsarbeit in Ochsenzoll effektiver wird. Wir werden immer der Dino genannt. Aber nichts ist für ewig. Bei Vereinen wie Hertha oder Köln sieht man, wie schnell es geht.

Hamburger Abendblatt: Beim HSV in Norderstedt hat zuletzt ständig die Führung gewechselt.

Schulz: Nicht nur das. In großen Vereinen dauert es häufig lange, bis diese Dinge umgesetzt werden. Es ist ja der leichte Weg, renommierte Spieler mit Geld zu holen, anstatt sie über Jahre hinweg auszubilden. Aber der Ochsenzoll ist unser Fundament. Schauen Sie zu den Bayern. Diesen Weg mit dem hohen Anteil an Eigengewächsen sollten wir versuchen zu kopieren.
Da sind wir wieder beim Punkt. Dort hat Hermann Gerland seit Jahren das Sagen.
Schulz: Es sollte ein Mann dort sein, der Ausstrahlung hat, der etwas vorzuweisen hat, der Ahnung vom Fußball hat. Zum Beispiel Horst Hrubesch. Er macht beim DFB einen hervorragenden Job, kann mit jungen Leuten umgehen. Das wäre für uns die Ideallösung.

Hamburger Abendblatt: Gäbe es eine Chance, ihn zu holen?

Schulz: Das weiß ich nicht, kommt aber immer darauf an, was wir zu bieten haben. Hrubesch ist ja kein Phrasendrescher: Wenn er sagt, dass er den HSV liebt und bis heute mit dem Verein verbunden ist, glaube ich ihm das. Jeder Cent in Hrubesch wäre gut angelegt.

So, das war das Gespräch mit Willi Schulz.

Drei Sachen am Rande noch:

Morgen, am Sonnabend, spielt eine Prominenten-Auswahl (u. a . mit Kaltz, Kientz, Hertzsch, Bode, M. Rummenigge, Reinhardt, Helmer, Schnoor) auf der Anlage von Eintracht Norderstedt (Ochsenzoller Straße) gegen eine Hamburger Presseauswahl. Anstoß der Partie ist um 14.30 Uhr.

Abends folgt dann nach dem EM-Spiel Deutschland gegen Portugal die Analyse dieser Partie bei „Matz ab live“.

Dann möchte ich nochmals – auch wenn die EM nun ihren ersten Tag erlebt – an „Hinz und Kunzt“ mit der großen EM-Beilage erinnern – ihr kauft die Ausgabe für einen extrem guten Zweck. 80 000 Exemplare wurden diesmal gedruckt, bislang sind davon 40 000 verkauft – bitte helft uns helfen. Danke.

17.11 Uhr