Archiv für das Tag 'Heldt'

Der HSV ist wieder ernst zu nehmen – und Santana soll kommen

1. August 2014

Ein wenig Verschiebungen müssen immer in Kauf genommen werden. So auch beim Transfer von Valon Behrami, dessen Vertrag allseits unterschrieben ist – außer vom SSC Neapel. „Unser Anwälte einigen sich gerade auf eine Sprache, in der der Vertrag verfasst wird“, scherzt Dietmar Beiersdorfer. Der Sportchef und Vorstandsvorsitzende (noch) in Personalunion ist gut drauf. Immerhin hatte er seinen ersten großen Transfer im Gepäck, schiefgehen konnte zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr. Zumal Behrami schon im Hotel war, um seine neuen Teamkollegen kennenzulernen.

 

Bis Sonntag, so sieht es seine Flugbuchung vor, ist Beiersdorfer bei der Mannschaft in Stegersbach. Nicht viel Zeit, betrachtet man mal die Gespräche, die der 50-Jährige führen will und teilweise auch muss Beispielsweise mit Rafael van der Vaart, um den es in letzter Zeit immer wieder Gerüchte gab, er könne den verein im Laufe der Transferperiode noch gen England verlassen. „Ich habe mich mit Rafael schon verabredet, wir sind bislang nur noch dazu gekommen, uns zusammenzusetzen“, so Beiersdorfer, der (aus meiner Sicht zum Glück) nicht davon ausgeht, den Niederländer abzugeben. „Ich habe bislang nur positive Rückmeldungen bekommen. Er trainiert gut, ist fit. Und ein fitter van der Vaart ist immer noch ein sehr, sehr guter Fußballer. Und von sehr, sehr guten Fußballern wollen wir uns dann auch nicht trennen…“

 

Für mich klingt das sehr gut. Mich freut es. Obgleich es natürlich eine Vabanque-Geschichte mit dem Topverdiener des HSV ist. Van der Vaart würde nur noch dieses Jahr Geld bringen und kostet mit 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt eine Menge. Aber er ist tatsächlich gut drauf. Und ich glaube, der Faktor ‚Verbundenheit zum Klub’ und zur Hansestadt ist hierbei nicht zu unterschätzen. Van der Vaart hat ihn – das hat schon seine Rückkehr gezeigt. „Ich habe immer gesagt, dass ich Hamburg liebe und beim HSV spielen möchte“, so van der Vaart, bei dem dessen Ex-Tottenhamn-Trainer Redknapp immer wieder telefonisch durchkommt. Bislang noch erfolglos. Und das soll meiner Meinung auch bitte so bleiben.

 

Zumal der HSV gerade anfängt, sich seinen Kader aufzuwerten. Mit hartem, zielgerichteten Training und natürlich mit Zugängen. Behrami ist dabei sicherlich als Sofortverstärkung zu sehen. Mehr noch, Beiersdorfer stattet den Schweizer Familienvater sofort mit hoher Verantwortung aus. „Er ist ein Kämpfer, ein Arbeiter, der unserer Struktur und auch der Mannschaft im Umkleideraum guttun wird. Er hat die Reife, hat international viel Erfahrung. Er hat auf jeden Fall die Kompetenz, eine Orientierung zu sein. Vor allem für unsere jüngeren Spieler.“

 

Dass Behrami mit seinen 29 Jahren nicht zwingend den Jugendstil unterstützt, stört mich dabei null. Im Gegenteil: Ich glaube, dass der HSV genau so einen Typen braucht, der auch mal dreckig spielt und die Mannschaft weckt. Zumal dann, wenn sie durch irgendeine Szene wieder in Schockstarre verfällt, wie es in der letzten Saison immer wieder vorgekommen ist. „Er ist sicher kein Spieler, bei dem wir einen hohen Widerverkauf einkalkulieren“, erklärt Beiersdorfer, der die geforderte Ablösesumme halbieren konnte und sich das Lob dafür nicht auf die eigene Fahne schreiben mag. „Entscheidend war, das sich der Spieler klar zu uns bekannt hat und zu uns wollte.“

 

Stimmt. Aber was der bescheidene Beiersdorfer dabei unterschlägt ist die Tatsache, dass er den Kontakt zu Behrami über Jahre gehalten hat. Schon 2005 wollte er ihn holen. Hinzu kommt, dass sich – das hat Djourou verraten – bei Beiersdorfer ernst genommen und wirklich gewollt fühlt. Weil sich Beiersdorfer über die persönliche Schiene bemüht hat. Im Laufe dieser Woche saß er beispielsweise mit Behrami in Mailand zusammen und hat dort den Abend verbracht. Und am Donnerstag ist er mit Behrami in hamburg durch die Stadt gefahren und hat sich als Reiseführer verdingt. All das baut Bindung auf. „Wir haben uns lange unterhalten und ich habe ihm reinen Wein eingeschenkt. Ich habe ihm klar gesagt, dass Hamburg eine heftige Aufgabe wird und es auch ein oder anderthalb Jahre lang wenig Spaß machen kann. Er weiß, dass wir wollen, dass er den Klub und die Mannschaft an vorderster Stelle zieht und in die richtge Entwicklung lenkt.“ Ganz ehrlich: Mehr Kompliment verträgt ein Fußballer kaum. Mehr braucht er auf jeden Fall nicht. Zumal dann nicht, wenn es von einem so integren Typen wie Beiersdorfer kommt.

Hier ein kleines Videointerview mit Beiersdorfer. ich konnte es leider nicht anders hochladen.

title=”Beiersdorfer im Videointerview”>https://www.facebook.com/photo.php?v=10202630959071473&set=o.584691578209672&type=2&theater

 

 

 

Das Prinzip Beiersdorfer zieht einfach immer noch. In seiner ersten Amtszeit gab es keinen Star, der seinen Wechsel nach Hamburg nicht auch unmittelbar mit Beiersdorfers Art des Bemühens verband. Nachhaltigkeit, Authentizität, Ehrlichkeit und vor allem Kompetenz schlagen halt manchmal doch den schnöden Mammon. Sie lassen sogar die knallharten Geschäftsleute weich werden. Wie jetzt Klaus Michael Kühne, der sein Optionsmodell Anfang kommender Woche unterschreiben will. Doch auch hier zweifelt niemand mehr. Das Geld, es wird von knapp 20 Millionen Euro gesprochen, wird kommen. Trotzdem müssen wir natürlich noch jedes Gespräch mit dem Satz ‚Wir erwarten da noch einen Geldeingang’ beginnen. Klar ist auf jeden Fall, dass wir aus dem normalen Geschäftsbetrieb keine großen Sprünge machen könnten.“

 

Auch deshalb verhandelt Beiersdorfer aktuell alles unter Vorbehalt. Oder eben auf günstiger Basis, wie beim Schalker Felipe Santana, an dem der HSV zuletzt unter Frank Arnesen interessiert war. „Wir schauen uns defensiv noch um“, will Beiersdorfer, der bereits die Gespräche mit Schalke-Manager Horst Heldt aufgenommen hat, den Namen gar nicht erst dementieren.

****ERGÄNZUNG: Auch ich bin bei Santana grundsätzlich eher skeptisch. Der Brasilianer hat immer mal sensationelle Spiele drauf – aber im nächsten Moment auch einen riesigen Klops im Gepäck. In dieser Hinsicht ähnelt er mir zu sehr Djourou. Aber abwarten. Vielleicht täusche ich mich ja in dem 28-Jährigen – und noch vielleichter (ich weiß, das Wort gibt’s nicht…) wird es ja ein andere Innenverteidiger*****

Ebenso wenig wie den Namen Nicolai Müller, der in Mainz keine Rolle mehr spielt und aussortiert wurde. „Ich führe Gespräche mit dem FSV Mainz, telefoniere häufiger mit Christian Heidel“, sagt Beiersdorfer, der nicht davon ausgeht, dass der Offensivspieler noch ins Trainingslager nachreist. Gleiches gilt für Matthias Ostrzolek, mit dem sich der HSV wie auch mit Müller bereits handelseinig ist, bei dem aber der abgebende Klub in Sachen Ablösesumme noch mauert.

 

Apropos mauern – das kann Beiersdorfer, wenn es um Neuigkeiten geht, perfekt. Aber im symbolischen Sinne möchte er das auch beim HSV. Er sucht nach einem gesunden, stabilen Fundament für den Klub. „Letztlich ist die Mannschaft der letzte Stempel des Klubs. Aber zuvor brauchen wir beim HSV wieder eine innere Festigkeit. Alle Mitarbeiter, Fans und wer noch dazu gehört, geben der Mannschaft letztlich die nötige Energie mit auf den Platz. Welche Rolle Kühne in dem Masterplan spielt? „Wir haben häufig gesprochen und uns inhaltlich unterhalten. Ich gehe mit dem Geld um, als wäre es mein eigenes und ich versuche, für alle nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen.“ Und dafür sei Ruhe unabdingbar. Ob er Kühne dazu bringen konnte, sich öffentlich künftig etwas mehr zurückzunehmen? „Wir haben auch darüber gesprochen, ich habe ihm die Perspektive des Klubs dargestellt. Ich kann natürlich für niemanden außer mir selbst eine Garantie geben – aber ich hoffe, dass der Dialog auch eine große Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit bewirkt.“

 

Das hoffen alle. Denn was Ruhe bewirkt, haben die letzten Wochen gezeigt. Der HSV tritt positiv auf, hinterlässt einen seriösen Eindruck und wird wieder interessant für Spieler der Kategorie, die in der vergangenen Saison lange ausgeschlossen schien. Und mit Beiersdorfer hat der HSV einen Vorstand, der als Sportchef agieren wird, wie er sagt. „Ich werde bis zum Ende dieser Transferperiode das Amt ausfüllen“, sagt der Familienvater, der in aussichtsreichen Gesprächen mit Peter Knäbel stand – und wohl noch steht. Aber bis sich der Schweizer Verbands-Sportchef oder ein anderer Kandidat für den HSV entschieden hat haben wir einen Sportchef, der alles mitbringt, um uns wieder optimistisch sein zu lassen. Und trotz der Tatsache, dass der HSV noch etliche Veränderungen braucht und dies in den nächsten Wochen ein harter, steiniger Weg werden wird – der HSV hat wieder einen roten Faden in seinem Handeln. Beiersdorfer hat einen Plan. Und allein das ist schon eine unschätzbar große strukturelle Verbesserung. Dieser HSV ist nach langer Zeit wieder ernst zu nehmen. Er hat Kompetenz an oberster Stelle. Ich habe auf jeden Fall das erste Mal seit Jahren wieder ein grundgutes Gefühl.

 

 

In diesem Sinne,

 

bis morgen!

 

Scholle

 

 

Selbst Aogo freut sich über HSVPlus – und Westermann hofft auf Schalke

22. Januar 2014

Das wird leider doch enger als gestern noch gehofft. Marcell Jansen konnte heute noch nicht mittrainieren und soll auch morgen noch nicht dabei sein. Frühestens am Freitag soll der Linksfuß, der wegen eines grippalen Infektes flach liegt, wieder einsteigen können. Wobei „frühestens“ in diesem fall auch „spätestens“ ist, denn sollte er Freitag doch nicht trainieren, würde er für Trainer Bert van Marwijks Planungen gegen Schalke am Sonntag keine Rolle mehr spielen.

Wieder dabei – wenn auch noch nicht hundertprozentig fit – ist Heiko Westermann. Ob er am Sonntag im Kader ist? „Ich weiß es nicht. Ich weiß wirklich noch gar nichts. Es ist nicht so, dass ich jetzt hier sagen kann ‚Ich kann spielen’. Aber okay, wir haben ja noch ein paar Tage.“ Vor allem im Kraftbereich müsse er noch zulegen. „Das ist wichtig. Auch für die Schnelligkeit. Da fehlt mir noch etwas.“ Am Freitag soll die endgültige Entscheidung fallen.

Dafür ist Westermann an sich optimistisch. Bouy und John hätten bereits gezeigt, dass sie „richtig Qualität“ haben. Und auch der vergangene Sonntag habe ihn positiv gestimmt. „Die Stimmung in den letzten Wochen, Monaten und teilweise sogar Jahren war ja nicht immer gut“, versucht Westermann es diplomatisch zu formulieren. Dafür sei die Entscheidung pro HSVPlus aus seiner Sicht richtig gewesen. Innerhalb der Mannschaft sei in den letzten Monaten sehr wohl über die Strukturreformen diskutiert worden. Und – bei der Aussicht auf mehr Geld nur logisch – mehrheitlich waren die Spieler offenbar für HSVPlus. Für die Rieckhoff-Initiative, die mit 79,4 Prozent durchgewinkt wurde. „Ich denke, das war eine sehr gute Entscheidung. Ich als Spieler, und wir als Mannschaft müssen vorsichtig sein, was wir sagen. Aber vielleicht gibt das uns allen noch mal einen Schub.“

Und den braucht die Mannschaft. Das weiß auch Westermann. „Wir haben in der Hinrunde sehr viel falsch gemacht. Und wir wissen, was wir falsch gemacht haben.“ Insbesondere defensiv müsse besser gearbeitet werden. „Wir haben viel zu viele Gegentore bekommen, müssen in der Abstimmung deutlich zulegen. Wenn wir das hinbekommen, sollten wir auch da unten rauskommen.“ So leicht, wie es sich anhört, sei das Ganze aber nicht. „Das wird ein richtig hartes Stück Arbeit“, warnt Westermann, der über nichts anderes sprechen will, als über den Abstiegskampf, wenn es um Ziele geht. „Solange wir nicht ganz, ganz weit weg sind von den Abstiegsplätzen, wird man von mir auch nichts anderes hören.“

Lange nichts zu hören war auch von den zu verkaufenden Spielern. Kacar, Rajkovic, Tesche und auch Mancienne, der für Sonntag durch die Ausfälle von Djourou und eventuell (hoffentlich nicht!) Westermann plötzlich wieder eine Rolle für die Startelf spielen könnte. Ob es in Sachen Verkäufe was Neues gibt? Nein. Alles beim Alten.

Bitter. Für alle Beteiligten.


Einen bitteren Beigeschmack hatte hier im Blog und auf unserer Facebookseite auch das skizzierte Szenario, dass in diesem Sommer zwei Mitgliederversammlungen stattfinden könnten. Ich habe deshalb heute mit Oliver Scheel telefoniert, der mir diese Sorge gleich nehmen konnte. Zumindest in teilen. Denn klar ist für den studierten Juristen, dass der Vorstand (entscheidet in Abstimmung mit dem Aufsichtsrat über den Termin) das Thema Strukturreform „sicherlich nicht auf zwei verschiedene Veranstaltungen legen“ werde. Genügend Platz sei auch vorhanden, da die Veranstaltung in der Imtech-Arena (wenn sie bis dahin nicht schon Uwe-Seeler- oder, was mein Favorit wäre: Volksparkstadion heißt…) stattfinden wird. Und das auf jeden Fall bis zum 30. Juni, wobei schon für den Mai ein Termin angestrebt wird.

Bis dahin will auch Dennis Aogo wieder fit sein. Ohne sich unter Druck zu setzen. „Meine Gesundheit geht gut voran“, sagt der Linksfuß, der nach einem Kreuzbandriss im Rehatraining ist. Ob es in dieser Saison noch mal für ein Bundesligaspiel reicht, weiß Aogo nicht. Und er weiß auch noch nicht, wie es im Sommer weitergeht. Zumindest möchte er darüber nicht sprechen. Aogo meidet generell Interviews in seiner Verletztenphase. Allerdings wird er sich das Spiel am Sonntag nicht entgehen lassen. „Ich werde da sein, ganz klar. Das ist ein ganz besonderes Spiel für mich“, sagt der vom HSV verliehene Linksverteidiger. Gute drei Millionen Euro müssten die Schalker im Sommer zahlen, wenn sie Aogo verpflichten wollen – und dem Vernehmen nach ist das eine ernsthafte Option für S04-Manager Horst Heldt. Zumindest eröffnete Heldt Aogos Konkurrenten auf Links, Christian Fuchs, dass er den verein verlassen darf.

Und obwohl Aogo angibt, jetzt Schalker zu sein und so lange auch ausschließlich den Knappen die Daumen zu drücken, hängt ein großer Teil seines Fußballerherzens noch in Hamburg. Die Strukturdebatte jedenfalls hat Aogo mit großem Interesse verfolgt. „Absolut, weil es eine wichtige Entscheidung für den Verein wäre“, sagt Aogo. „Dass sich die Mitglieder für diese Veränderung entschieden haben, war die absolut richtige Entscheidung. Sie macht Hoffnung.“

Stimmt. Und weil heute ansonsten wirklich nicht viel los war – nicht mal im Aufsichtsrat – beschließe ich diesen Blog an dieser Stelle mit Aogos letztem Satz als Schlusswort. Und morgen geht’s schon weiter. Dann mit dem Trainer auf der Pressekonferenz.

Bis dahin,
Scholle

Mit Wolfsburg-Taktik Köln besiegen!

2. Dezember 2013

Die Spannung und Vorfreude steigt beim HSV vor dem Pokal-Achtelfinale gegen den 1. FC Köln. „Dieser Wettbewerb macht Spaß“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer einen Tag vor dem Spiel. „In Deutschland ist der Pokal viel wichtiger als in Holland“, meint Trainer Bert van Marwijk. „Das spüre ich hier sofort. Das Stadion ist ausverkauft, und das an einem Dienstagabend. Das wäre in Holland nicht möglich.“ Beim HSV ist es das – und alle sind heiß auf das Erreichen des Viertelfinales.

Die Frage nach dem Personal beantwortete van Marwijk vor dem Training noch nicht definitiv. „Der Einsatz von Rafael van der Vaart ist eigentlich ausgeschlossen. Zu 90 Prozent“, so der Trainer. Beim Training mischte van der Vaart dann munter mit, hatte beim Abschlussspiel aber lediglich das Leibchen der B-Mannschaft an. Im Interview erklärte der Spieler dann selbst, dass er im Pokal noch nicht spielen wird, sondern erst auf die Bundesliga-Partie gegen Augsburg schaut. Das Interview sehr Ihr hier weiter unten.


Ansonsten bleibt sich Bert van Marwijk treu und verändert seine Mannschaft nicht. Das heißt, dass Tolgay Arslan weiter offensiv wirbeln darf, und dass Ivo Ilicevic von der Bank kommen muss. Mit der Wolfsburg-Taktik gegen Köln – das ist die Devise. „Wir haben in den vergangenen Wochen gezeigt, dass wir mit guten Mannschaften mithalten können“, sagte van Marwijk. „Nun dürfen wir auch Köln absolut nicht unterschätzen. Das wäre ein schwerer Fehler.“
Wie man das macht – einen Zweitligisten nicht unterschätzen? Van Marwijk lächelt: „Wenn ich anspreche, dass wir Köln nicht unterschätzen sollen, ist es schon zu spät. Ich kann nicht genau erklären, wie ich das mache. Aber man muss jeden Tag daran arbeiten.“ Damit der HSV seine große Chance auf das Pokal-Viertelfinale nicht verpasst.

Mehr als 800.000 Euro kriegt jeder Viertelfinalist im DFB-Pokal garantiert. Das Geld würde der HSV gern einstreichen. Es würde als nicht eingeplante Einnahme den Etat entlasten, denn der Verein hat – wie eigentlich jedes Jahr – nur das Erreichen des Achtelfinals bei seinen Hochrechnungen angesetzt.

Elfmeter wurden übrigens heute im Training nicht extra geübt. „Man kann es grundsätzlich üben“, erklärte van Marwijk seine Einstellung. „Aber man kann die Situation am Ende eines Pokalabends nicht simulieren.“ Idealerweise kommen die Hamburger ja auch ohne Elfmeterschießen über die Runden.

Darauf hofft auch Sportchef Kreuzer. „Nach ihrem Selbstverständnis ist der 1. FC Köln kein Zwietligist. Das ist ein großer Verein.“ Auch Kreuzer beschäftigt sich mit der Psyche seiner Mannschaft. „Im Pokal kann immer viel passieren. Wir haben schon gegen Fürth gesehen, wo wir mühsam 1:0 gewonnen haben, wie schwer es ist gegen einen Top-Gegner aus der Zweiten Liga.“ Insgeheim schaut Oliver Kreuzer aber wohl auch schon auf den kommenden Sonntag, wenn in der ARD-Sportschau das Viertelfinale ausgelost wird. „Es wäre natürlich schwieriger, auswärts zu den Bayern zu fahren, als zum Beispiel Sandhausen zu Hause zu bekommen. Aber das ist sowieso Zukunftsmusik. Erst müssen wir Köln schlagen.“

Angesprochen wurde Oliver Kreuzer heute auch auf Dennis Aogo. Der an Schalke ausgeliehene Linksfuß hat sich ja in der vergangenen Woche Kreuz- und Innenband im Knie gerissen. „Das ist enorm bitter für Dennis“, meinte der HSV-Sportchef. „Ich werde in den nächsten Tagen auch den Kontakt mit Horst Heldt suchen.“ Mit dem Schalker Manager will Kreuzer ausloten, wie der in Sachen Kaufoption für Aogo (die Schalker können Aogo nach dieser Saison für 3,5 Millionen Euro vom HSV haben) denkt. Kreuzer: „Mal sehen, ob Horst jetzt die Haltung hat, die Option auf keinen Fall zu ziehen. Noch habe ich keine Ahnung.“

Alle HSV-Mitglieder sollten heute einmal in ihr E-Mail-Postfach schauen. Dort ist eine Nachricht des Vereins, die die Mitgliederversammlung am 19. Januar betrifft. Wegen der großen Anzahl erwarteter Mitglieder bittet der HSV um eine unverbindliche Registrierung, wer den Weg ins CCH plant. Die Erhebung dient der organisatorischen Planung und erfolgt über die Homepage des HSV.

Eine Rekordbeteiligung wird ja vor allem deswegen erwartet, weil es um die Struktur-Änderung des Vereins geht. Ausgliederung, wie es „HSV-PLUS“ anstrebt, oder zumindest Satzungsänderungen – das sind die Vorstellungen der „HSV-Reform“ und von „Tradition mit Zukunft“. Bis zum 15. Dezember müssen entsprechende Anträge fristgerecht beim HSV eingehen.

Was Satzungsänderungen angeht, würde theoretisch alles nach bewährtem Muster laufen. Soll eine Änderung (einzeln oder als Paket) durchkommen, ist eine Dreiviertelmehrheit notwendig. Die würde dann unmittelbar nach der Versammlung greifen. Der Prozess bei „HSV-PLUS“ ist etwas komplexer, weil nicht die Satzung geändert würde, sondern der Verein neu organisiert werden müsste.

Hierfür, davon gingen Initiator Otto Rieckhoff und sein Team aus, müsste eine einfache Mehrheit auf der Mitgliederversammlung reichen, um den Vorstand mit der Umsetzung von Reformen nach „HSV-PLUS“-Vorstellungen zu beauftragen. In einer zweiten, außerordentlichen Versammlung, müsste dann im Frühjahr eine Dreiviertelmehrheit her, um die Ausgliederung in eine Fußball-AG zu beschließen.

In den vergangenen Wochen gab es immer wieder Gerüchte, dass aber auch schon am 19. Januar 75 Prozent der Stimmen nötig sind, um die Weiterbearbeitung von „HSV-PLUS“ zu veranlassen. Hintergrund sei demnach der Gedanke, dass es sich um ein derart einschneidendes Modell handele, dass eine einfache Mehrheit den möglichen Veränderungen nicht gerecht werde. Wollten da die “HSV-PLUS”-Gegner die Hürde für eine Ausgliederung erhöhen?

Nun bleibt es aber dabei. Die HSV-Satzung gibt keinen Spielraum, sondern sie weist klar aus, dass 50 Prozent (plus eins) am 19. Januar die relevante Größe bleibt. Ob es Sinn macht, das mal als Spekulation, bei einer nur knappen Mehrheit für „HSV-PLUS“ an dem Modell weiter zu arbeiten, sei dahin gestellt. Aber eine Vorhersage über die wirkliche Stimmungslage und über die Mehrheitsverhältnisse im HSV zu den verschiedenen Gedanken ist immer noch sehr schwierig.

Die momentane Atmosphäre lässt aktuell aber nur einen Schluss zu. Als Grundlage nehme ich hier alle öffentlichen Meinungsäußerungen, interne Kommentare, Reaktionen auf Veranstaltungen, Diskussionen im Verein: Wenn überhaupt ein Modell auf Anhieb eine 75-Prozent-Mehrheit erhalten kann, dann scheint es „HSV-PLUS“ zu sein. Am 19. Januar sind wir alle ein Stück schlauer – noch ist nichts entschieden.

Gegen Ende noch ein paar Personalien. Der HSV hat die beiden Südkoreaner Roan Kwon (17) und Don Su Kim (18) endgültig verpflichtet. Sie erhalten Verträge bis 2017, spielen zunächst in der A-Jugend und dann ab Sommer in der U 23 des HSV.

Der frühere HSV-Spieler Tomas Ujfalusi wird seine Profikarriere vorzeitig beenden. Dies gab sein derzeitiger Verein Sparta Prag am Montag bekannt. Als Grund führte Ujfalusi anhaltende Knieprobleme an. „Es war keine schwere Entscheidung, weil der Mensch nur eine Gesundheit hat“, sagte der 35 Jahre alte Innenverteidiger. Ujfalusi und Sparta Prag hätten sich auf die Beendigung des erst im Sommer unterzeichneten Einjahresvertrags geeinigt, ergänzte ein Vereinssprecher.

Zum Schluss noch dies zum Schmunzeln:
Thomas Gravesen (37), ehemaliger dänischer Fußball-Nationalspieler, ist nach der aktiven Karriere offenbar zu großem Reichtum gekommen. Der Ex-Profi des HSV hat nach Angaben der dänischen Tageszeitung BT durch Finanzgeschäfte ein Vermögen von rund 100 Millionen Euro angehäuft und sich endgültig aus dem Berufsleben zurückgezogen. Mit seiner neuen Freundin, dem amerikanischen Foto-Modell Kamila Persse, will Gravesen nun seinen Lebensabend in Las Vegas verbringen.

Und so will der HSV gegen den 1. FC Köln im Pokal auflaufen: Adler – Westermann (ohne Probleme im Abschlusstraining), Tah, Djourou, Jansen – Rincon, Badelj – Beister, Arslan, Calhanoglu – Lasogga

Gelingt ein Sieg, wäre es die erste Viertelfinale-Teilnahme im DFB-Pokal seit 2009. Morgen Vormittag seht Ihr hier noch ein Interview mit Bert van Marwijk. Nach dem Spiel steigt hier die Live-Sendung mit Scholle, Dieter und “Matz-ab-Fan-Club”-Präsi Benno Hafas sowie Lars49.
Weiterhin viel Vorfreude auf das Spiel wünscht Euch
Lars

Die Suche nach dem “dritten Mann”

16. Dezember 2009

Die Sache mit dem Sportchef. Irgendwie unheimlich für mich. Unheimlich langatmig. Wie damals die Suche nach einem neuen Trainer – bis nach Monaten Martin Jol denn schließlich gefunden wurde. Immerhin ein im europäischen Spitzenfußball klangvoller Name. Wenn es denn mit dem neuen Sportchef ähnlich läuft, könnte ich mich damit anfreunden – wenn. Aber das ist ja nicht garantiert. Mir schwebt ja immer noch vor, was mit ein HSV-Rat schon vor Monaten, als es noch warm war in Hamburg, über den neuen Sportchef sagte: „Wir werden keinen Anfänger nehmen, sondern einen Mann, der Erfahrung hat, der unseren HSV dann wieder zurück in die internationale Spitze führen soll.“ Klang damals gut, klingt heute auch noch gut – aber die Namen, die nun gehandelt wurden?

Sind das die Namen, die den HSV wieder ganz nach oben, auf Augenhöhe zu Manchester United, Real Madrid, FC Barcelona, FC Chelsea oder auch Arsenal London führen? Horst Heldt, Martin Bader Jörg Schmadtke? Ich habe da meine leisen Zweifel.

Die Suche (oder doch eher die Posse?) kann sich nun, so die Räte, noch bis in den Februar hinziehen. Und trotz aller Dementi ist Horst Heldt auch weiterhin ein heißer Kandidat für den HSV. Mir scheint es so, als wolle der frühere Mittelfeldstratege nur Ruhe beim zurzeit schwer angeschlagenen VfB Stuttgart einkehren lassen, denn würde er jetzt nach Hamburg wechseln, so bräuchte er sich im Ländle ganz sicher nie wieder sehen lassen.

Was für Heldt sprechen würde ist die Tatsache, dass ihn eins der große Felix Magath zum Sportchef beförderte, nachdem es auf dem Rasen nicht mehr so gut lief für den kleinen Dribbelkünstler. Und noch etwas spricht für Heldt: Magath wollte ihn auch damals mit zum VfL Wolfsburg nehmen, doch Heldt und Stuttgart verweigerten die Zusage – dann machte es Magath in Personalunion selbst. Aber dass Felix ihn haben wollte, dass ist der Beweis, dass Heldt nicht ganz so schlecht ist, denn ein Magath holt sich ganz sicher keine „Laus in seinen Pelz“.

Ob Heldt aber nach Hamburg passen würde? Und vor allem zu Bernd Hoffmann? Fragen, die ich nicht beantworten kann. Ich frage mich allerdings auch, und das schon eine geraume Zeit, warum die Aufsichtsräte nicht mehr nach einer „internen Lösung“ Ausschau gehalten haben. Ihr habt Namen vorgeschlagen, ich habe vor Monaten meine persönlichen Favoriten genannt, aber die wurden allesamt ignoriert. Weil es ein „gestandener Sportchef“ mit Erfahrung sein sollte. Dieses Argument halte ich geradezu für absurd, für total lächerlich. Wir erinnern uns: Kürzlich trat der Vater aller Manager ab: Uli Hoeneß. War der vorher, bevor er den Job beim FC Bayern übernahm, auch schon ein „gestandener“ Manager mit unheimlich „großer Erfahrung“? Natürlich nicht. Und was war mit Heldt? Der war VfB-Spieler – bis Magath befand, dass es für die Leistung auf dem Rasen nicht mehr ausreichte – und dann wurde der nun so vom HSV umworbene Horst Heldt von einem Tag zum anderen VfB-Manager. So geht das in diesem Metier.

Und deshalb frage ich mich, warum es beim HSV nicht so geht? Ich hatte damals Richard Golz vorgeschlagen, noch immer in Lohn und Brot beim HSV. Und auch Thomas von Heesen, der zurzeit Trainer auf Zypern ist. Namen, die Stallgeruch haben. Aus Eurem Kreise kam der Vorschlag Nico Hoogma. Kurios: Der war zuletzt Spieler bei Heracles Almelo, dann – von einem Tag zum anderen – Manager von Heracles Almelo. Und? Habt Ihr Euch einmal angesehen, wo der einstige Abstiegskandidat, der über Jahre nur um den Klassenerhalt kämpfen und zittern musste, heute steht? Hoogma scheint keinen ganz so schlechten Job zu machen, oder? Obwohl er keine große Erfahrung in seinem neuen Job hatte.

Ich behaupte ja, dass Männer, die über Jahre Erfahrungen im Profi-Fußball-Bereich gesammelt haben, und die dazu viel „in der Birne“ haben (wie Golz, von Heesen und Hoogma), geradezu prädestiniert dafür sind, als Manager zu arbeiten. Wenn sie dazu auch noch den HSV wie ihre Westentasche kennen, kann das ja nur von Vorteil sein. Dann allerdings müssten die Herren Räte, die nach dem ganz großen Namen fahnden, eben noch kurz über ihre Schatten springen und sich zu einer solchen internen Lösung durchringen. Das wollen sie aber ganz offensichtlich nicht.

Wobei ich mich frage, nach welchen Kriterien die Suche bislang ging – und wie sie nun weitergehen soll? Denn wer hatte einst die Idee, Roman Grill, einen „gestandenen und erfahrenen Manager“ (???) beim HSV als Sportchef zu installieren? Grill, der schon unheimlich viele Erfahrungen im Profi-Fußball gesammelt hat (???), fiel zum Glück durch das Raster, aber wer garantiert, dass es nicht irgendwann einen neuen „Grill“ geben wird?

Eine weitere Frage ist übrigens auch die: Braucht der HSV überhaupt einen neuen Sportchef? Funktioniert es nicht auch mit der Doppelspitze Hoffmann/Labbadia? Bislang klappte das doch, warum müssen Millionen ausgegeben werden, um den „dritten Mann“ zu finden? Und: Hat der HSV nicht eventuell schon einen Kandidaten, ohne dass er bisher entdeckt wurde? Ich meine nicht nur Richard Golz, sondern auch einen weiteren ehemaligen Profi: Marinus Bester. Er wurde mir kürzlich von einem einst ranghohen HSVer zugeflüstert – und ich muss sagen, dass ich Gefallen an diesem Namen und an dieser Vorstellung gefunden habe. Bester war Stürmer bei etlichen Vereinen, hat also eine gewisse Erfahrung gesammelt, und er bekleidet seit Jahren schon den Posten des HSV-Teammanagers, leistet auf dieser Position gute bis ausgezeichnete Arbeit – weil auch er „etwas in der Birne“ hat.

Meine Herren Räte, nehmt doch bitte, bitte einmal die Scheuklappen ab, sucht nicht nur nach den „ganz großen (???) Namen wie Heldt, Bader, Schmadtke oder Grill (statt Hoeneß, Netzer und Co), sondern seht Euch auch einmal in den eigenen Reihen um. Vielleicht könntet Ihr Euch dann eines Tages mit dem Prädikat schmücken, den Nachfolger von Uli Hoeneß entdeckt zu haben. Ihr, Ihr ganz allein.

Kleine Anmerkung am Rande: Das “Matz-ab”-Treffen am 19. Februar findet, das wurde ja kürzlich hier und an dieser Stelle beschlossen, um 19 Uhr (in der Raute)  statt. Und: Selbstverständlich könnt Ihr noch immer dabei sein, es gibt dafür keinen Anmeldeschluss.

12.50 Uhr

Boateng ist zentral am stärksten

15. Dezember 2009

Die Spannung hält – und zwar bis Sonntagabend. Da bin ich mir seit der heutigen Trainingseinheit sicher. Nach dem grandiosen Erfolg in Nürnberg hat sich zwar eine Art Verkrampfung gelöst, die die Mannschaft irgendwie ein paar Wochen lang nervte, aber die Verbissenheit und die Zielstrebigkeit haben einen zusätzlichen Schub bekommen. Bei der Einheit neben der Nordbank-Arena ging es wirklich munter her. Sehr zum Leidwesen der Green Keeper. Hatte ich das Stadion für Sonntag zur papierfreien Zone ausgerufen (wegen der ominösen Kugelgefahr…), darf der Trainingsplatz im Bereich des ersten Intensivspiels (vier gegen vier) fast zur rasenfreien Zone erklärt werden. Hier eine Grätsche, da ein packender Zweikampf – so machte Trainer Bruno Labbadia das Zuschauen trotz Temperaturen um den Gefrierpunkt sichtlich Spaß. Allerdings stand er als Schiedsrichter auch selbst einige Male im Mittelpunkt und hatte bei seinen Entscheidungen nicht immer ein glückliches Händchen.

Vor der Abreise nach Tel Aviv am Mittwochmorgen muss ich einen Spieler des HSV-Kaders noch einmal ganz besonders hervorheben: Jerome Boateng. Was der Jung-Nationalspieler momentan zeigt, ist nur als absoluter Höhenflug zu bezeichnen. Im Abwehrverbund glänzt er durch konsequente Klärung von Gefahrensituationen, und gerade im Training zeichnet sich der Berliner immer wieder auch durch starkes Vorpreschen in die Offensive aus. Den knapp 50 Trainingszuschauern bot sich heute Vormittag gleich mehrfach ein Bild zum Staunen und Schmunzeln. Boatengs Team fing den Ball ab, der Abwehrmann sprintete nach vorne und vollstreckte zweimal spektakulär. Einmal tänzelte „Boa“ danach wie Fred Astaire in besten Zeiten, ein anderes Mal jubelte er mit „Hang Loose“, dem Surfergruß mit ausgestrecktem Daumen und kleinen Finger. Er hatte Spaß, das war nicht zu übersehen. Und seine Teamkollegen auch.

Ich hoffe nur, dass Bundestrainer Joachim Löw in den Monaten vor der WM (vorzugsweise vielleicht sogar am Sonntag gegen Werder Bremen) noch mal im Stadion sein wird, wenn Boateng im HSV-Trikot gegen Topvereine agiert. Und zwar als Innenverteidiger.

Warum ich das so betone? Ganz einfach: Ich glaube, vielen Bundesligaexperten ist gar nicht bewusst, welch’ Qualitätsmerkmale Boateng auf dieser Position aufweist. Ich vertrete sogar mittlerweile die Auffassung, dass er als Rechtsverteidiger „verschenkt“ ist. Nicht, dass Boateng auf dieser Position nicht auch starke Partien absolvieren könnte und dies auch schon getan hat. Aber sein immer besseres Stellungsspiel, seine gewonnene Routine und seine Handlungsgeschwindigkeit kommen im Zentrum neben Joris Mathijsen eben doch am besten zur Geltung.

Außerdem fällt mir da in Sachen Nationalmannschaft ein übles Beispiel ein: Arne Friedrich. Der Berliner war mal ein ganz passabler Innenverteidiger, der sich auf dieser Position auch für die DFB-Auswahl empfahl. In der Nationalelf rutschte er dann wie auch einige Male bei Hertha BSC auf die rechte Seite heraus. Und dort verlor er meines Erachtens über Wochen und Monate alles, was ihn einst mal auszeichnete. Er wurde rechts hinten aber nicht mehr als Notreserve betrachtet, sondern als Alternative. Und davon sollte Boateng möglichst verschont bleiben.

Viele von Euch erwarten nun wahrscheinlich noch spannende Infos zur Sportchef-Suche und den heiß gehandelten Namen Horst Heldt, Martin Bader oder auch den in der BILD genannten Jörg Schmadtke. Dazu kann ich Euch allerdings noch nichts sagen. Und ein wenig Geduld können wir nach den Sportchef-freien Monaten ja nun sicherlich auch noch aufbringen. Heute Abend trifft sich der Aufsichtsrat, und anschließend werden bestimmt ein paar News nach außen drängen.

Ein Thema, das mindestens so interessant ist, dürfte die Spieler-Personalplanung sein. Meine aktuellsten Informationen besagen, dass der HSV in der Winterpause auf jeden Fall noch eine Offensivkraft verpflichten will. Ja, ja, ich sehe einige von Euch schon lechzen. Schreibt er was von van der Vaart? Oder etwas von Klose? Oder von Kuranyi? Nein, ich tue es nicht. Ich habe gehört, dass sich der HSV europaweit nach potenziellen Kandidaten – auch auf Leihbasis (in England) – umschaut und/oder bereits erkundigt hat.

Dieser Schritt ist ja auch nachvollziehbar, zumal ein Comeback von Paolo Guerrero nach wie vor fraglich und schwer zu terminieren ist. Und mit dieser „Unbekannten“ wollen und können die Trainer und Verantwortlichen natürlich nicht in die Zukunft gehen.

13:10 Uhr

Labbadia akribisch

30. September 2009

Bruno Labbadia sah – und zögerte. Er sah noch einmal genau hin, dann marschierte er los. 20 Meter, vielleicht 25 Meter hatte er zurückzulegen, er schritt sie entschlossen ab. Er ging auf dem Trainingsplatz dorthin, wo keiner seiner Spieler stand. Es war niemand dort, wo Labbadia hin wollte. Es stand nur ein Spieler aus rotem Metall auf dem Rasen, der einen Gegenspieler für die HSV-Profis simulieren sollte. Diesen „Mann“ hob Bruno Labbadia nur ganz kurz an, denn versetzte er ihn. Um höchstens fünfzehn Zentimeter. Die aber mussten es dann doch sein. Dann ging er wieder. Die Flucht zum Trainingstor hatte für ihn ganz exakt zu stimmen. Später allerdings „griff“ der Metallkamerad kein einziges Mal in das Spiel ein, egal ob fünf Zentimeter nach links oder nach rechts. Aber der Trainer wollte es eben ganz genau haben, er ging jedenfalls zufrieden von dannen. So ist er.
Diese Szene spielte sich am Montag ab. Am Dienstag folgte Teil zwei: Labbadia flankte seinen Stürmern von rechts die Bälle zu r Mitte, und dort standen auch zwei rote Metall-Abwehrspieler in Treue fest vor Torwart Tom Mickel. Als Co-Trainer Eddy Sözer einen Metallkameraden anpackte und wieder in den Rasen rammte, bat Bruno Labbadia darum, ihn noch zehn Zentimeter weiter nach vorn zu versetzen. Und dann noch einmal fünf Zentimeter oben drauf. Ganz genau eben wollt er es haben, der HSV-Coach. Was er macht, macht er gründlich. Und akribisch. Zufälle scheint es im Trainer-Leben des Bruno L. nicht zu geben, er möchte sie wohl ganz ausschließen. Er prüft genau, er beobachtet genau, er ordnet an und will es ganz genau verfolgt wissen.

Der HSV hatte in der Vergangenheit so manchen Trainer, der wenig bis kaum einmal mit seinen Spielern sprach. Willi Reimann sagte nicht wirklich viel, und auch Felix Magath war kein großer Redner – wie Ernst Happel auch. Oder Branko Zebec. Da Felix und ich gut miteinander konnten (und können), durfte ich ihm so etwas auch gelegentlich sagen – er reagierte auch nicht böse drauf. Er sagte aber stets – und das wurde in geflügeltes Wort zwischen uns: „Matz, du bist ein Amateur, und du bleibst auch ein Amateur. Profis haben zu funktionieren, sonst sollen sie gar nicht erst Profi werden.“

Bruno Labbadia ist da anders. Er redet viel mit seinen Spielern. Und oft. Er trommelt sie auf dem Rasen zusammen, dann hält er seine Rede. Sogar mehrmals während einer Trainingseinheit, wenn es denn sein muss. Und es muss durchaus öfter mal sein.

Zudem führt Labbadia immer mal wieder Einzelgespräche. Vornehmlich nach dem Training. Gibt es in seinen Augen etwas zu sagen, dann spricht er es noch auf dem Rasen an. Das ist stark. Und ganz sicher nicht bei jedem Bundesliga-Trainer Standard. Die meisten denken eher so, wie Felix Magath: „Nicht lange reden, nicht groß erklären, sonst verzettelt man sich.“ Und man könnte auch leicht mal von seinen eigenen Worten überholt werden, das ist die Gefahr dabei.

Gut für Bruno Labbadia zu wissen, dass er einen absolut loyalen Mann an seiner Seite weiß. Auch mit Eddy Sözer unterhält sich Labbadia oft, auch noch auf dem Platz. Jeder Trainingskiebitz kann dabei nur den Eindruck gewinnen, dass zwischen diesen beiden Männern kein Blatt Papier mehr passt. Labbadia und Sözer sind sich absolut einig, funken auf einer Wellenlänge, sind sich auch mal nur durch einen kurzen Blickkontakt einig.
Auch in taktischen Dingen. Wie beim Spiel gegen den FC Bayern. Guy Demel rechts, Jerome Boateng links in der Viererkette, Dennis Aogo ins Mittelfeld, Eljero Elia neben Mladen Petric in die Spitze – das waren durchaus mutige Maßnahmen. Wären sie schief gegangen, dann hätte es eventuell den einen oder anderen Kritiker gegeben, der es (danach natürlich) besser gewusst hätte. Es ging aber nicht schief, wie der 1:0-Erfolg eindrucksvoll bestätigte. Obwohl es bis zur Pause nur 0:0 hieß. Doch auch in der Halbzeit blieb Labbadia seiner mutigen Linie treu. Für den verletzten Abwehrspieler Guy Demel brachte er den seit Wochen glücklosen Stürmer Marcus Berg. Das war nicht nur mutig, das war fast schon Harakiri. Aber auch diese Maßnahme ging voll auf. Viel gewagt, alles gewonnen. So kann es für Bruno Labbadia weitergehen. Und für die HSV-Fans sicher auch.

Ich hatte ja an dieser Stelle gewarnt, laut von der Meisterschaft zu sprechen. Weil es in meinen Augen nichts bringt. Es weckt nur Begehrlichkeiten, die dann, wenn sie nicht erfüllt werden, in Ärger umschlagen könnten. Natürlich spricht beim FC Bayern jeder, selbst der Busfahrer oder auch die Klo-Frau, von der Meisterschaft und von anderen Titeln. Natürlich deswegen, weil das jedes Jahr der Anspruch des FC Bayern ist, sein muss. Aber, die Frage sei mir gestattet: Wie viele Jahre hat der HSV eigentlich keinen Titel mehr gewonnen? Zehn, 20 Jahre? Oder auch schon mehr? Ich will da keine alte Wunde aufreißen, ich glaube aber, es ist schon länger her. Und Ihr wisst es alle, Ihr kennt die schmerzvolle Antwort auf diese Frage. Es ist doch schon dramatisch genug mit dieser fatalen Titeljagd, aber deswegen gleich bei jedem noch so kleinen Aufschwung von der deutschen Meisterschaft zu reden, halte ich für völlig, aber wirklich für völlig falsch. Der HSV muss erst einmal Konstanz in (s)eine Saison bekommen. Wer hat denn nach dem Pokal-Drama von Osnabrück davon gesprochen, dass der HSV jetzt deutscher Fußball-Meister wird? Wer? Kein einer! Und nun auf einmal? Nur weil es einen – zugegeben wichtigen und schönen – Erfolg über den Rekordmeister gegeben hat? Das macht in meinen Augen wenig Sinn.

Und Ihr erinnert doch auch noch eines: In der vergangenen Saison drohten dem HSV gleich drei Titel. Und? Welchen hat es dann tatsächlich gegeben? Null! Aber geredet hatte ganz Hamburg ein Jahr lang davon.
Auch andere Klubs träumen vom Titel, aber auch sie schweigen lieber. Wer mit Worten hoch hinaus will und dann fällt, der erntet schnell mal Hohn und Spott. Einige von Euch werden sich zudem erinnern: Am Sonntag vor dem Saisonstart 2009/10 war ich Gast im DSF-Doppelpass. Neben mir saß Horst Heldt, Manager des VfB Stuttgart. Der sagte mir in einer Werbepause, ich schrieb es bereits einmal: „Wir Schwaben sind ganz froh, dass in Deutschland wieder alle nur vom FC Bayern als Meister sprechen. Alle Experten haben nur die Münchner auf dem Zettel, aber sie werden es, das glaube ich jedenfalls, nicht. Und vielleicht können wir ja dann klammheimlich wieder aus der Tiefe kommen und den Titel gewinnen.“
Er sagte es nicht laut, er sagte es auch nicht öffentlich, er sagte es aber mit einem hoffnungsvollen Unterton. Er wollte aber auf keinen Fall irgendwelche Begehrlichkeiten innerhalb des VfB-Anhangs wecken. Still und heimlich an allen vorbeiziehen, dann Meister werden – das hätte etwas. Stuttgart hat das ja schon einmal ganz grandios geschafft. Und ich sage Euch: Das hätte nicht nur für den VfB etwas, sondern auch für den einen oder anderen Klub – wenn Ihr versteht, was ich meine. In aller Heimlichkeit natürlich nur, das ist doch selbstverständlich, oder?

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