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Der HSV ist wieder ernst zu nehmen – und Santana soll kommen

1. August 2014

Ein wenig Verschiebungen müssen immer in Kauf genommen werden. So auch beim Transfer von Valon Behrami, dessen Vertrag allseits unterschrieben ist – außer vom SSC Neapel. „Unser Anwälte einigen sich gerade auf eine Sprache, in der der Vertrag verfasst wird“, scherzt Dietmar Beiersdorfer. Der Sportchef und Vorstandsvorsitzende (noch) in Personalunion ist gut drauf. Immerhin hatte er seinen ersten großen Transfer im Gepäck, schiefgehen konnte zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr. Zumal Behrami schon im Hotel war, um seine neuen Teamkollegen kennenzulernen.

 

Bis Sonntag, so sieht es seine Flugbuchung vor, ist Beiersdorfer bei der Mannschaft in Stegersbach. Nicht viel Zeit, betrachtet man mal die Gespräche, die der 50-Jährige führen will und teilweise auch muss Beispielsweise mit Rafael van der Vaart, um den es in letzter Zeit immer wieder Gerüchte gab, er könne den verein im Laufe der Transferperiode noch gen England verlassen. „Ich habe mich mit Rafael schon verabredet, wir sind bislang nur noch dazu gekommen, uns zusammenzusetzen“, so Beiersdorfer, der (aus meiner Sicht zum Glück) nicht davon ausgeht, den Niederländer abzugeben. „Ich habe bislang nur positive Rückmeldungen bekommen. Er trainiert gut, ist fit. Und ein fitter van der Vaart ist immer noch ein sehr, sehr guter Fußballer. Und von sehr, sehr guten Fußballern wollen wir uns dann auch nicht trennen…“

 

Für mich klingt das sehr gut. Mich freut es. Obgleich es natürlich eine Vabanque-Geschichte mit dem Topverdiener des HSV ist. Van der Vaart würde nur noch dieses Jahr Geld bringen und kostet mit 3,5 Millionen Euro Jahresgehalt eine Menge. Aber er ist tatsächlich gut drauf. Und ich glaube, der Faktor ‚Verbundenheit zum Klub’ und zur Hansestadt ist hierbei nicht zu unterschätzen. Van der Vaart hat ihn – das hat schon seine Rückkehr gezeigt. „Ich habe immer gesagt, dass ich Hamburg liebe und beim HSV spielen möchte“, so van der Vaart, bei dem dessen Ex-Tottenhamn-Trainer Redknapp immer wieder telefonisch durchkommt. Bislang noch erfolglos. Und das soll meiner Meinung auch bitte so bleiben.

 

Zumal der HSV gerade anfängt, sich seinen Kader aufzuwerten. Mit hartem, zielgerichteten Training und natürlich mit Zugängen. Behrami ist dabei sicherlich als Sofortverstärkung zu sehen. Mehr noch, Beiersdorfer stattet den Schweizer Familienvater sofort mit hoher Verantwortung aus. „Er ist ein Kämpfer, ein Arbeiter, der unserer Struktur und auch der Mannschaft im Umkleideraum guttun wird. Er hat die Reife, hat international viel Erfahrung. Er hat auf jeden Fall die Kompetenz, eine Orientierung zu sein. Vor allem für unsere jüngeren Spieler.“

 

Dass Behrami mit seinen 29 Jahren nicht zwingend den Jugendstil unterstützt, stört mich dabei null. Im Gegenteil: Ich glaube, dass der HSV genau so einen Typen braucht, der auch mal dreckig spielt und die Mannschaft weckt. Zumal dann, wenn sie durch irgendeine Szene wieder in Schockstarre verfällt, wie es in der letzten Saison immer wieder vorgekommen ist. „Er ist sicher kein Spieler, bei dem wir einen hohen Widerverkauf einkalkulieren“, erklärt Beiersdorfer, der die geforderte Ablösesumme halbieren konnte und sich das Lob dafür nicht auf die eigene Fahne schreiben mag. „Entscheidend war, das sich der Spieler klar zu uns bekannt hat und zu uns wollte.“

 

Stimmt. Aber was der bescheidene Beiersdorfer dabei unterschlägt ist die Tatsache, dass er den Kontakt zu Behrami über Jahre gehalten hat. Schon 2005 wollte er ihn holen. Hinzu kommt, dass sich – das hat Djourou verraten – bei Beiersdorfer ernst genommen und wirklich gewollt fühlt. Weil sich Beiersdorfer über die persönliche Schiene bemüht hat. Im Laufe dieser Woche saß er beispielsweise mit Behrami in Mailand zusammen und hat dort den Abend verbracht. Und am Donnerstag ist er mit Behrami in hamburg durch die Stadt gefahren und hat sich als Reiseführer verdingt. All das baut Bindung auf. „Wir haben uns lange unterhalten und ich habe ihm reinen Wein eingeschenkt. Ich habe ihm klar gesagt, dass Hamburg eine heftige Aufgabe wird und es auch ein oder anderthalb Jahre lang wenig Spaß machen kann. Er weiß, dass wir wollen, dass er den Klub und die Mannschaft an vorderster Stelle zieht und in die richtge Entwicklung lenkt.“ Ganz ehrlich: Mehr Kompliment verträgt ein Fußballer kaum. Mehr braucht er auf jeden Fall nicht. Zumal dann nicht, wenn es von einem so integren Typen wie Beiersdorfer kommt.

Hier ein kleines Videointerview mit Beiersdorfer. ich konnte es leider nicht anders hochladen.

title=”Beiersdorfer im Videointerview”>https://www.facebook.com/photo.php?v=10202630959071473&set=o.584691578209672&type=2&theater

 

 

 

Das Prinzip Beiersdorfer zieht einfach immer noch. In seiner ersten Amtszeit gab es keinen Star, der seinen Wechsel nach Hamburg nicht auch unmittelbar mit Beiersdorfers Art des Bemühens verband. Nachhaltigkeit, Authentizität, Ehrlichkeit und vor allem Kompetenz schlagen halt manchmal doch den schnöden Mammon. Sie lassen sogar die knallharten Geschäftsleute weich werden. Wie jetzt Klaus Michael Kühne, der sein Optionsmodell Anfang kommender Woche unterschreiben will. Doch auch hier zweifelt niemand mehr. Das Geld, es wird von knapp 20 Millionen Euro gesprochen, wird kommen. Trotzdem müssen wir natürlich noch jedes Gespräch mit dem Satz ‚Wir erwarten da noch einen Geldeingang’ beginnen. Klar ist auf jeden Fall, dass wir aus dem normalen Geschäftsbetrieb keine großen Sprünge machen könnten.“

 

Auch deshalb verhandelt Beiersdorfer aktuell alles unter Vorbehalt. Oder eben auf günstiger Basis, wie beim Schalker Felipe Santana, an dem der HSV zuletzt unter Frank Arnesen interessiert war. „Wir schauen uns defensiv noch um“, will Beiersdorfer, der bereits die Gespräche mit Schalke-Manager Horst Heldt aufgenommen hat, den Namen gar nicht erst dementieren.

****ERGÄNZUNG: Auch ich bin bei Santana grundsätzlich eher skeptisch. Der Brasilianer hat immer mal sensationelle Spiele drauf – aber im nächsten Moment auch einen riesigen Klops im Gepäck. In dieser Hinsicht ähnelt er mir zu sehr Djourou. Aber abwarten. Vielleicht täusche ich mich ja in dem 28-Jährigen – und noch vielleichter (ich weiß, das Wort gibt’s nicht…) wird es ja ein andere Innenverteidiger*****

Ebenso wenig wie den Namen Nicolai Müller, der in Mainz keine Rolle mehr spielt und aussortiert wurde. „Ich führe Gespräche mit dem FSV Mainz, telefoniere häufiger mit Christian Heidel“, sagt Beiersdorfer, der nicht davon ausgeht, dass der Offensivspieler noch ins Trainingslager nachreist. Gleiches gilt für Matthias Ostrzolek, mit dem sich der HSV wie auch mit Müller bereits handelseinig ist, bei dem aber der abgebende Klub in Sachen Ablösesumme noch mauert.

 

Apropos mauern – das kann Beiersdorfer, wenn es um Neuigkeiten geht, perfekt. Aber im symbolischen Sinne möchte er das auch beim HSV. Er sucht nach einem gesunden, stabilen Fundament für den Klub. „Letztlich ist die Mannschaft der letzte Stempel des Klubs. Aber zuvor brauchen wir beim HSV wieder eine innere Festigkeit. Alle Mitarbeiter, Fans und wer noch dazu gehört, geben der Mannschaft letztlich die nötige Energie mit auf den Platz. Welche Rolle Kühne in dem Masterplan spielt? „Wir haben häufig gesprochen und uns inhaltlich unterhalten. Ich gehe mit dem Geld um, als wäre es mein eigenes und ich versuche, für alle nachvollziehbare Entscheidungen zu treffen.“ Und dafür sei Ruhe unabdingbar. Ob er Kühne dazu bringen konnte, sich öffentlich künftig etwas mehr zurückzunehmen? „Wir haben auch darüber gesprochen, ich habe ihm die Perspektive des Klubs dargestellt. Ich kann natürlich für niemanden außer mir selbst eine Garantie geben – aber ich hoffe, dass der Dialog auch eine große Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit bewirkt.“

 

Das hoffen alle. Denn was Ruhe bewirkt, haben die letzten Wochen gezeigt. Der HSV tritt positiv auf, hinterlässt einen seriösen Eindruck und wird wieder interessant für Spieler der Kategorie, die in der vergangenen Saison lange ausgeschlossen schien. Und mit Beiersdorfer hat der HSV einen Vorstand, der als Sportchef agieren wird, wie er sagt. „Ich werde bis zum Ende dieser Transferperiode das Amt ausfüllen“, sagt der Familienvater, der in aussichtsreichen Gesprächen mit Peter Knäbel stand – und wohl noch steht. Aber bis sich der Schweizer Verbands-Sportchef oder ein anderer Kandidat für den HSV entschieden hat haben wir einen Sportchef, der alles mitbringt, um uns wieder optimistisch sein zu lassen. Und trotz der Tatsache, dass der HSV noch etliche Veränderungen braucht und dies in den nächsten Wochen ein harter, steiniger Weg werden wird – der HSV hat wieder einen roten Faden in seinem Handeln. Beiersdorfer hat einen Plan. Und allein das ist schon eine unschätzbar große strukturelle Verbesserung. Dieser HSV ist nach langer Zeit wieder ernst zu nehmen. Er hat Kompetenz an oberster Stelle. Ich habe auf jeden Fall das erste Mal seit Jahren wieder ein grundgutes Gefühl.

 

 

In diesem Sinne,

 

bis morgen!

 

Scholle

 

 

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