Archiv für das Tag 'Heinemann'

Die Dauerkarte – ja oder nein? Update 18:09 Uhr

26. Juni 2013

Vor Wochen gab es etliche HSV-Fans, die sich bezüglich der neuen Saison in etwa wie folgt äußerten: „Wir haben die Nase voll, wir kaufen uns keine Dauerkarte mehr, komme was da wolle.“ Ich habe damals gemeint: „Und am Ende der Sommerpause ist alles vergessen, dann wird doch wieder die Dauerkarte bestellt . . .“ Ob es so gekommen ist, kommen wird? Ich weiß es nicht. Die Verkaufszahlen sind gut. Einen aber habe ich getroffen, der hat dieses Vorhaben tatsächlich und richtig stur durchgezogen. Und mit diesem HSV-Fan habe ich mich unterhalten. Zu seinem Schutze verzichte ich auf seine Namensnennung, denn ansonsten müsste dieser HSV-Anhänger wahrscheinlich in den nächsten Wochen und Monaten den einen oder anderen Spießrutenlauf absolvieren.

Wann gab es den Gedanken, keine Dauerkarte mehr zu kaufen, das erste Mal?

HSV-Fan: Ich habe meine Dauerkarte seit Ende der 80-er-Jahre gehabt, schon in der vorletzten Saison war ich müde geworden, mir diese Art von Fußball alle 14 Tagen anzusehen – aber erst gegen Ende der vergangenen Saison habe ich mir dann fest geschworen: nie wieder!

Was waren die Gründe für den Verzicht?
HSV-Fan: Mir ist der Spaß am HSV vergangen, die Vorfreude, die ich seit Jahrzehnten vor allen Dingen sonnabends, am Spieltag, hatte, die war weg. Weil doch jedes Spiel genau wie das Spiel vor 14 Tagen aussah.

Der einzige Grund?
HSV-Fan: Nein. Ich war auch mit im Sommer-Trainingslager. Als ich da gesehen habe, wie die da herumhampelten, da hatte ich eigentlich schon keinen Bock mehr – hatte da aber schon meine Dauerkarte. Ich wusste aber nach diesem flauen Training genau, wie der Start in die Saison verlaufen würde – und genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte, kam es dann ja auch.

Wie waren dann die ersten Spiele der Saison zu ertragen?
HSV-Fan: Das war ätzend. Früher war ich das HB-Männchen, die Leute um mich herum kannten das, die mussten mich gelegentlich wieder einfangen. Nun saß ich aber richtig anteilnahmslos auf meinem Platz und konnte mich nicht mehr so richtig erregen. Das, was da gespielt wurde vom HSV, das war doch nicht mehr mit anzusehen. Das war für mich so sinnlos, da kam ja auch kaum mal Hoffnung auf Besserung auf. Ich war einfach nur bedient.

Was gab es denn an dem Fußball auszusetzen?
HSV-Fan: Das war nur noch Beamten-Fußball vom HSV, so nichts sagender Fußball, der Ball wurde verwaltend hin und her und hin und her gespielt, quer und zurück, das ist doch kein begeisternder Fußball. Und wenn dann der HSV doch mal gewonnen hatte, dann kam bei mir keine Freude über den Sieg auf. Weil doch Spiel für Spiel immer nach dem selben Muster vor sich hingeplätschert war. Es gab ja auch kaum mal einen hohen Sieg, ein begeisterndes Spiel, Fußball mit großen Emotionen – alles war gleich.

Fehlte da vielleicht auch zwischendurch mal ein Titel?
HSV-Fan: Die Hoffnung hatte ich schon lange aufgegeben, bei dieser Art des Fußball war kein Titel zu erwarten.

Obwohl der HSV doch noch fast international gespielt hätte . . .
HSV-Fan: Das wäre purer Zufall gewesen – und nicht verdient. Ich fühlte mich von dieser Art des Fußballs vom HSV verschaukelt. Beispiel Schalke, das Rückspiel. Der HSV führte schnell 1:0, aber zur Pause hätte Schalke schon mindestens 5:1 oder gar 6:1 führen müssen. Und das Halbzeit-Interview mit Cotrainer Frank Heinemann. Der sagte so etwas wie: „Es ist unglücklich für uns gelaufen. Wenn wir den einen Konter erfolgreich abschließen, dann führen wir 2:0, wer weiß, wie dann dieses Spiel gelaufen wäre . . .’ Und das hört man, schäumt innerlich über dieses fußballerische Debakel des HSV und fragt sich vor dem Fernseher: Welches Spiel haben die denn gesehen? Die ticken doch nicht richtig. Das war doch Fußball zum Abgewöhnen vom HSV.

Das hört sich richtig schön sauer an . . .
HSV-Fan: Dabei denke ich, dass ich nicht wirklich sauer bin. Ich fühle mich nur furchtbar gelangweilt vom HSV, wenn ich solchen Fußball sehen und ertragen muss. Sauer bin ich eigentlich nur darüber, dass diese Herren, die für einen solchen Fußball verantwortlich sind, mir die Liebe und die Leidenschaft am Fußball kaputt gemacht haben.

Und was ist noch an diesem HSV zu bemängeln?
HSV-Fan: Ich kritisiere alles, was mit der Führung zusammenhängt. Vorstand, Aufsichtsrat, Spieler und Trainer – die arbeiten alle nicht Hand in Hand. Jeder macht sein Ding. Einig waren die sich in der Vergangenheit nur in einem Punkt: Nach schlechten Spielen analysierte jeder für sich, um dann zu dem gemeinsamen Schluss zu kommen: So schlecht waren und sind wir doch nicht, wir brauchen nur etwas Geduld, weil wir ja doch mitten im Umbruch stecken. Ich kann das nicht mehr hören.

Das klingt alles doch ziemlich verbittert . . .
HSV-Fan: Mag sein. Was mich an allem stört: es wird allen ja von ganz oben vorgelebt. Ich möchte mal drei Beispiele geben: Herr Jarchow konnte zu Beginn seiner Zeit als Vorsitzender ausschließen, dass er diesen Posten dauerhaft bekleiden würde – wir erinnern uns alle, wie schnell sein Vertrag auf Jahre hinaus verlängert wurde. Herr Jarchow konnte vor Saisonbeginn 2012/13 ferner ausschließen, dass man in diese Spielzeit mit dem Torwart-Duo Adler/Drobny gehen würde. Wir alle wissen, dass beide Keeper beim HSV blieben. Und Herr Jarchow sagte nach dem 2:9-Debakel von München in alle Mikrofone, dass dieses Debakel genau analysiert wird, dass dieses Niederlage Konsequenzen haben würde, dass die Spieler dafür zur Verantwortung gezogen würden. Und was ist tatsächlich passiert? Tesche, Kacar und Berg wurden nun aussortiert. Die aber waren gar nicht dabei, Kacar wurde ganz spät eingewechselt. Warum erwischte es nicht diejenigen Spieler, die das verbockt hatten? Nur kluge Sprüche, die uns Fans vertrösten und hinhalten sollen, aber es passiert dann doch nichts. Diese drei Beispiele dienen mir dazu, festzustellen, wie man sich auf elegante Art unglaubwürdig machen kann. Und dann kann man nicht erwarten, dass die von unten es besser machen – die machen das genau so wie die Herren da oben.

Was war eigentlich das schlimmste Spiel im Volkspark?
HSV-Fan: Da gibt es nicht das eine schlimme Spiel, die waren fast alle schlimm. Diese Niederlagen, die Unentschieden gegen die grauen Mäuse der Liga – Wahnsinn. Endlos langes Ballgeschiebe, da schläft man doch bei ein, langweiliger geht es doch gar nicht mehr. Ohne Ideen, ohne Esprit, ohne Leidenschaft. Um danach zu jener Erkenntnis zu kommen: ‚Wir sind noch nicht soweit, wir müssen uns noch etwas festigen . . .’ Nein, das ist der größte Murks gewesen, fußballerischer Einheitsbrei, alles zum Abgewöhnen. Nur drei Spiele im Volkspark waren ansehnlich: Dortmund, Schalke und die Niederlage gegen die Bayern. Der rest war zum Vergessen und zum Davonlaufen.

Wer so redet, der muss doch jetzt auch kein Fan des HSV mehr sein, oder?
HSV-Fan: Doch, ich bleibe HSV-Fan. Ich gehe nicht zu St. Pauli, ich gucke mir auch nicht Bayern oder Werder an, sondern nur den HSV. Man hofft ja immer. Und wenn es dann beim HSV mal wieder nicht laufen sollte, dann schalte ich auf Konferenz um – und sehe mir Fußball an.

Und wie steht es um die HSV-Mitgliedschaft?
HSV-Fan: Ausgetreten bin ich tatsächlich. Weil ich mit der Vereinspolitik nicht mehr konform gehen konnte. Das war wie Komödienstadl oder Ohnsorg-Theater. Dieser verein ist keine Einheit, schon lange, lange nicht mehr. Es gibt immer wieder Grüppchen, die mehr zu sagen haben wollen, als andere. Die auch überall mitreden und mitmischen wollen. Da werden dann die schönsten Intrigen gesponnen, es wir munter hin und her geschossen, da gibt es kein klares Profil, das ist alles nur Halbgares.

Und die Dauerkarte ist nun auf Lebenszeit weg?
HSV-Fan: Abwarten. Ich will eine Entwicklung im Verein und in der Bundesliga-Mannschaft sehen. Wobei ich betonen möchte, dass ich bestimmt kein Schönwetter-Fan bin. Ich will nur, ganz einfach, Leidenschaft und Herz sehen, nicht diesen Dienst nach Vorschrift auf dem Rasen.

Was sagt denn die Familie dazu?
HSV-Fan: Meine Frau freut sich, meine Söhne aber meckern und verstehen mich nicht. Sie sagen nämlich, dass man das als HSV-Fan trotz allem durchziehen muss. Aber das machen ja auch genügend andere.

Und setzt das große Ärgern ein, wenn der HSV in der kommenden Spielzeit groß auftrumpft?
HSV-Fan: Nein, nein, ganz sicher nicht. Ich habe mich ja nicht nur aufgrund einer schlechten Saison entschieden, das ist ja über Jahre gereift. Ärgern würde ich mich erst, dann aber richtig, wenn der HSV Deutscher Meister wird – und ich für das entscheidende Spiel keine Karte mehr bekommen habe. Aber wann wird der HSV denn mal wieder Deutscher Meister?

Gute Frage, nächste Frage.

Ich hatte keine mehr. Ich habe heute nur noch HSV-Fans gesucht, die ihre Dauerkarte erst auch nicht kaufen wollten, dann aber doch wieder zugriffen. Solche HSV-Anhänger habe ich aber nicht gefunden. Einer sagte stellvertretend: „Wir haben vielleicht alle schon mal daran gedacht, keine Karte mehr zu kaufen, aber letztlich kam das weder für mich noch für meine Freunde infrage. Wir stehen zum HSV, egal was passiert – und letztlich hoffen wir doch alle, dass es irgendwann mal wieder besser wird. Auch wenn die Zeit des Hoffens schon viel zu lange andauert. Trotzdem, wir bleiben treu.“
Das ist wohl auch eindeutig die Mehrzahl.
Ich hoffe ja auch immer treu und brav mit . . .

Aber wer weiß, vielleicht wird ja diesmal tatsächlich alles besser – und gut? Obwohl ich gestern schon wieder ein kleines Aha-Erlebnis dagegen hatte. U-20-Weltmeisterschaft, Türkei gegen Kolumbien. Bei den Türken spielte Hakan Calhanoglu mit, der neue HSV-Mann – und meine ganz, ganz große Mittelfeld-Hoffnung für eine gute Hamburger Zukunft. Und dann dieses Spiel. Von Calhanoglu, der in Halbzeit eins oft ganz vorne stand (!), war nichts zu sehen. Erst in der 47. Minute ein Freistoß aus geschätzten 30 Metern – da war Wucht hinter, wurde aber mit Mühe gehalten. Danach war dann bald Ende der Vorstellung, Calhanoglu, der für mich nur ein Tempo lief, der auch kein Spielwitz und kein Durchsetzungsvermögen offenbarte, wurde in der 68. Minute ausgewechselt – als erster Türke. Und mein Fazit fiel denkbar schlecht aus. Für mich sogar eher niederschmetternd, denn insgeheim hatte ich ja gehofft, dass Calhanoglu kommt, sieht, Tore per Freistöße schießt – und gleich der neue HSV-Star wird. Ich werde diesen frommen Wunsch zunächst einmal auf ein Jahr nach hinten verschieben.

Obwohl mein Kollege Kai Schiller, als er das von mir hörte, sagte: „Nach nur einem schlechten Spiel kann man doch nicht gleich sämtliche Hoffnungen aufgeben . . .“ Stimmt ja irgendwie, aber dieses Spiel . . . Die Türken verloren 0:1. Und den Mann, der das Siegtor für Kolumbien schoss, den würde ich nun sofort verpflichten: Juan Quintero, der in der 52. Minute getroffen hatte (mit einem Hammer!) und der beim italienischen Erstliga-Absteiger Pescara Calcio spielt oder gespielt hat – das ist unklar. Aber leider kostet der gute Mann jetzt schon sieben Millionen. Euro natürlich.

Leider drei bis vier Nummern zu groß für den HSV.

Und genau das könnte auch für einen anderen „Fall“ Gültigkeit bekommen:
Sportdirektor Dirk Dufner von Hannover 96 ist zuversichtlich, das Tauziehen mit dem Ligakonkurrenten HSV um Verteidiger Johan Djourou zu gewinnen. „Wir sind in den Gesprächen mit Arsenal weitergekommen und würden für ihn an unsere finanziellen Grenzen gehen. Jetzt muss der Spieler sagen, was er will“, sagte Dufner: „Er weiß, was er an Hannover 96 hat.“ Djourou steht seit 2004 beim FC Arsenal unter Vertrag und war zuletzt nach Hannover ausgeliehen. Bei 96 kam der 40-malige Schweizer Nationalspieler in der vergangenen Rückserie in 13 Spielen zum Einsatz. Auch der HSV hatte in den vergangenen Tagen sein Interesse an dem Abwehrspieler bekundet.
Die Frage ist nur, ob er auch an seine finanziellen Grenzen gehen wird?

PS: In Sachen HSV-Neuverpflichtungen gab es heute nichts zu vermelden. Sollte sich das noch ändern, so werde ich es noch ergänzend hinzufügen.

17.21 Uhr

Update 18:09 Uhr:
Jetzt hat sich doch noch etwas getan. Der HSV hat sich mit Johan Djourou darauf geeinigt, dass er nach Hamburg wechselt. Jetzt muss noch eine Einigung mit Arsenal London erzielt werden, der HSV möchte den Abwehrmann gerne ausleihen. Sportchef Oliver Kreuzer: “Wir sind mit Arsenal auf einem guten Weg.” Sollten sich die Parteien einigen, käme Djourou am Montag zur sporttauglichen Untersuchung an die Elbe.

Nächste Einträge »