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Auch Heinemann weg – Aufsichtsrat will Sportchef bis 2. Juni finden

23. Mai 2013

***Der HSV hat sein letztes Testspiel in Neuruppin mit 9:0 gewonnen. Bruma (2.), Ilicevic (5.), Rudnevs (34., 49., 51.), Beister (40., 61.), Jiracek (79.) und Nafiu (89.) trafen vor 2700 Zuschauern. Das für Freitag angesetzte Abschlusstraining wurde abgesagt. Feierabend!****

Die Entlassung Frank Arnesens kam für viele zwar nicht überraschend, sorgt aber für kontroverse Diskussionen. Und das, obwohl man sich vereinsintern erstaunlich einig ist bei der Entscheidung. Dafür aber bei den Anhängern. Schuld an allem hat der Aufsichtsrat – und natürlich die Presse. Aber dazu im Anhang an diesen Blog mehr und das auch gern nur für die, die diese sinnfreie Diskussion noch nicht Leid sind.

Dabei gibt es deutlich interessanter Ansätze. Einige davon werden auf unserer neuen Facebook-Seite (www.facebook.com/groups/matzab) diskutiert. Und das häufig auch sehr ergiebig. Zum Beispiel: Wer ist der beste Nachfolger? Felix Magath? Jörg Schmadtke? Oliver Kreuzer? Oder doch Dietmar Beiersdorfer? Fragen, die auch im Aufsichtsrat diskutiert werden. Natürlich. Denn die Kontrolleure sind bemüht, die Nachfolge möglichst schnell abzuklären. Manfred Ertel verweist darauf, sich einzig dem Thema widmen zu wollen, nicht aber darüber zu sprechen. Schon gar nicht öffentlich. Und der Rest des Rates wartet die Gespräche des Personalausschusses ab. Es herrscht angespannte Ruhe – und das ist auch mal ganz gut.

Zumal wir nicht lange warten müssen. Für Sonntagnachmittag ist die nächste Aufsichtsratssitzung anberaumt. Ob bis dahin ein Nachfolger gefunden ist? Eher unwahrscheinlich. Und das, obwohl der Aufsichtsrat – zumindest ein Teil davon – sehr bemüht ist, die Thematik noch vor der ordentlichen Mitgliederversammlung am 2. Juni zu klären. „Klar ist aber auch, dass wir uns nicht nur des Termines wegen schnell entscheiden sondern alles im Sinne des Vereins machen“, sagt ein Aufsichtsrat, „und wenn das bedeutet, am 2. Juni auf den Deckel zu bekommen, dann ist das so. Wer das nicht abkann, hätte sich nie wählen lassen dürfen.“

Stimmt. Wobei ich mir auch ohne neuen Sportchef ziemlich sicher bin, dass es verbale Haue geben wird…

Aber zurück zur Gegenwart. Es sind keine schönen Tage, diese beim HSV. Heute musste das Trainerteam einen Abgang verzeichnen: Frank Heinemann zieht es nach Bochum zu seinem Kumpel Peter Neururer. „Wir hätten gern mit ihm weiter gearbeitet“, sagt HSV-Vorstandschef Carl Jarchow, bevor er dem ehemaligen Co-Trainer viel Glück wünscht. Und der wiederum wäre gern geblieben. “Ich hatte hier zwei überragende Jahre, aber es lag kein Angebot vor.” Hintergrund: Heinemanns Vertrag wäre Ende Juni ausgelaufen. Gespräche über eine Vertragsverlängerung hatten bislang nicht stattgefunden. Heinemann weiter: “Deshalb habe ich mich umgehört und von meinem guten Freund Peter Neururer vom VfL ein Angebort bekommen und zugesagt.” Wer neuer Assistent von Fink wird ist unklar. Gut möglich, dass der HSV die Position, die mit Patrick Rahmen bereits einfach besetzt ist und bleibt – nicht neu besetzt. Kosten einsparen ist das Zauberwort…

Egal wie, weshalb man nicht schon einige Monate vorher gesprochen hat? Ich weiß es nicht. Ich weiß allerdings auch nicht, weshalb ein Heinemann nicht zu dem seinerzeit noch verantwortlichen Sportchef, Frank Arnesen, gegangen ist und ihn einfach darauf angesprochen/gefragt hat. Die beiden haben sich so oft gesehen und gesprochen – ein Satz in die Richtung hätte wahrscheinlich dieses Versäumnis verhindert. Es sei denn, die Trennung war erwünscht.

Aber irgendwie passt so ein Fall zur gegenwärtigen Situation. Auch, dass sich die mal wieder arg gescholtenen Aufsichtsräte jetzt schweigen. Bis ein Ergebnis vorliegt, wollten sich alle nur auf die Suche und die Kandidaten konzentrieren. Einer der Namen: Jörg Schmadtke. Der Düsseldorfer Ex-Profi und ehemalige Hannover-Sportchef gilt neben anderen als heißester Anwärter, soll aber auch vom 1. FC Köln umworben werden. Pikant hierbei: Anfang 2013 hatte sich Schmadtke nach anhaltenden Querelen in Hannover freistellen lassen und dies mit „privaten Problemen“ begründet. Über die genauen Gründe wurde seinerzeit und wird aktuell im Aufsichtsrat des HSV diskutiert. Klar ist aber, dass Schmadtke, der auch vom 1. FC Köln umworben wird, kein Selbstgänger wird.

Zumal, das möchte ich hier anführen, eine noch bessere Idee kam aus der Schweiz. Telefonisch. Von einem absoluten Insider, wie der sympathisch klingende Herr Sch. mir versicherte. Er sei ein enger Freund von Herrn Kühne und wisse von dem Milliardär und HSV-Fan: „Herr Magath wird’s. Er bekommt von Herrn Kühne 30 Millionen Euro an die Hand und übernimmt den Laden.“ Nachfrage: Ob Kühne das Geld einfach so zahle? „Nein, er hat einen besonderen Sponsor an der Hand: einen Scheich.“ Oha, klingt wie bei 1001 Nacht. Wobei ein Märchen auch eine gelungene Abwechslung zum aktuellen Alptraum sein könnte. Aber weiter im Text. Denn es bleibt nicht allein bei Magath und 30 Millionen, denn der HSV hat noch Größeres vor: „Jupp kommt auch. Zumindest will das Herr Kühne und einige Aufsichtsräte auch.“ Welcher Jupp? „Der Heynckes natürlich. Erste Gespräche gab es bereits“, weiß Herr Sch. Auf die Nachfrage, in welcher Funktion Jupp Heynckes kommen soll und was mit HSV-Trainer Thorsten Fink passiere, kam die schlüssige Antwort: „Beide machen es zusammen. Der Fink soll ja bleiben. Den wollen die nicht loswerden.“ Und plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen: angesichts der gerade frei gewordenen Co-Trainerstelle würde das ganze auch wieder Sinn ergeben. Thorsten Fink rückt einfach eine Position zurück und arbeitet ab sofort als Assistent von und mit Don Jupp. Das hätte was…

Aber mal wieder, zurück zur Realität. Und die stellt mir eine Frage: wer leitet aktuell und bis zur Findung des neuen Sportchefs die sportlichen Geschicke leitet, wenn Arnesen nicht mehr im Amt ist? Wer führt die Verhandlungen beispielsweise mit Heung Min Son weiter? Die Antwort: Carl Jarchow. Der Vorstandsvorsitzende soll sich heute mit Frank Arnesen treffen und eine ordentliche Übergabe vollziehen. Dabei soll Jarchow von Arnesen in allen Verhandlungssachen auf den neuesten Stand gebracht werden.

Der Vorstandsvorsitzende als Sportchef: Eine Situation, die ich noch aus dem Juni 2009 erinnere. Damals musste Arnesens Vorgänger Dietmar Beiersdorfer gehen und Klubboss Bernd Hoffmann übernahm auch den sportlichen Part. Mit mäßigem Erfolg versuchte sich der Marketingexperte als Sportchef und musste dies länger machen, als ihm selbst lieb war, da kein neuer Sportchef gefunden wurde. Bis im Mai 2010 Interimslösung Bastian Reinhardt präsentiert wurde, dem wiederum mit Armin Veh ein erfahrener Trainer zur Seite gestellt wurde. Aber auch dieses Konstrukt hielt nicht einmal ein Jahr – bis Arnesen kam.

Der ist allerdings schon wieder weg. Nach zwei Jahren soll der Vertrag jetzt aufgelöst werden. Die Gespräche darüber laufen derzeit noch, es deutet aber vieles darauf hin, das der Däne einen Großteil seines ausstehenden Jahresgehaltes von zwei Millionen Euro bis Juni 2014 als Abfindung bekommt. Denkbar ist auch, dass der Vertrag einfach weiterläuft. Denn dann müsste sich Arnesen beim HSV melden, sollte er einen neuen Job antreten wollen.

Gemeldet haben sich auch verschiedene Aufsichtsräte bei Felix Magath und Dietmar Beiersdorfer. Offensichtlich gibt es im Kontrollgremium eine nicht gerade kleine Fraktion, die sich einen alten Bekannten nach Hamburg zurückwünscht – und das würde auf beide Kandidaten zutreffen. Gemeldet hat sich auch Dietmar Beiersdorfer, den ich in Russland erreicht habe. Allerdings wollte sich der Sportchef von Zenit St. Petersburg nicht zum Thema HSV-Sportchef äußern, da er in Russland unter Vertrag steht. Mehr als ein „Grundsätzlich interessiert mich immer alles, was beim HSV passiert“, war Beiersdorfer nicht zu entlocken.

Und obwohl ich glaube, dass Beiersdorfer absolut interessiert ist, nach Hamburg zu seiner hier lebenden Familie und zum HSV zurückzukehren, bin ich mir auch sicher, dass er nichts riskieren wird. Ähnlich wie der einstige Topkandidat Andreas Rettig, der plötzlich seinem Arbeitgeber DFL erklären musste, ob er tatsächlich mit dem HSV verhandele und deshalb dem HSV absagte, bevor er seinen Job bei der DFL riskierte. Beiersdorfer gilt als absolut loyaler Typ, der zu seinem Wort steht. Auch bei St. Petersburg, dessen Saison im Juni endet.

Ich weiß aber inzwischen auch, dass Beiersdorfer innerhalb des Aufsichtsrates ein sehr hohes Ansehen genießt. Gut möglich, dass sich der Personalausschuss der Kontrolleure in den nächsten Tagen auch offiziell und mit Aufsichtsratsmandat um den ehemaligen Sportchef des HSV bemüht.

Abschließen möchte ich diesen Blog – zumal im Nachklapp noch mal etwas kontrovers – mit versöhnlichen Worten von Frank Arnesen, der sich via hsv.de zu Wort meldete:

Liebe Fans, Partner, Sponsoren und Freunde des HSV!

Ich möchte mich an dieser Stelle bei Ihnen allen für zwei sehr interessante und intensive Jahre bedanken.

Natürlich bin ich enttäuscht darüber, dass ich meinen Vertrag nicht bis zum Ende erfüllen werde. Aber ich kann die Entscheidung des Vereins respektieren und akzeptiere sie auch.

Da klar war, dass mein Vertrag kommenden Sommer nicht verlängert worden wäre, kann ich auch nachvollziehen, dass die Entscheidung jetzt so getroffen wurde. Ansonsten hätte es ständig Unruhe und Spekulationen gegeben.

Wir hatten schwere Momente zu überstehen und haben auch schöne Momente gemeinsam erlebt. Alles in allem war die Zeit beim HSV eine sehr gute Erfahrung für mich.

Der Verein ist aus meiner Sicht auf einem guten Weg. Mit dem siebten Platz haben wir das vor der Saison gesteckte Ziel erreicht. Ich hoffe, dass mein Nachfolger die Dinge in Ruhe weiterentwickeln kann. Dann wird der HSV schon bald wieder dauerhaft im internationalen Geschäft dabei sein, was mich sehr freuen würde.

Ich hatte am Mittwochabend ein freundschaftliches Gespräch mit dem Personalausschuss des Aufsichtsrates, in dem wir die Trennung professionell besprochen haben. So können wir vernünftig auseinander gehen.

Nochmals vielen Dank an alle. Auch an meine Vorstandskollegen, Mannschaft, Trainer und Mitarbeiter des HSV.

Viel Erfolg für die Zukunft.

Frank Arnesen

In diesem Sinne, Dir auch alles Gute, Frank! Und Euch sage ich: bis morgen. Da meldet sich dann Dieter wieder bei Euch.

Scholle

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Wer die Diskussion um Dieters und meine Rolle im HSV-Geschehen ebenso Leid ist wie ich, der/die kann sich an dieser Stelle ausklinken. Wer noch nicht weiß, dass wir nicht als Fans oder HSV-Offizielle bloggen und sich über unsere Kritik am Klub, an einzelnen und der Darstellung der Indiskretionen ärgert, kann gern weiterlesen. Für mich ist das Thema mit dem Punkt am Ende des letzten Satzes beendet.

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Aber: Einige Unbelehrbare wie „Ostermann“ („Mann, Scholle, ist das armselig.
Gestern noch den Sportchef denunziert, quasi verbal bespuckt und getreten und heute die öffentliche Demission als Posse anderer bezeichnen.
Würg!) schaffen es einfach nicht, den Beruf des Journalisten einzustufen. Ich bin einer und sicher nicht dafür verantwortlich, dass es dem HSV schlecht geht. Das machen die Verantwortlichen höchstselbst. Ich bin auf der anderen Seite auch nicht dafür verantwortlich, dass es dem Klub gut geht. So viel Einfluss habe ich nicht, will ich nicht und bekomme ich auch nicht. Ich bin ein Berichterstatter, der sich über HSV-Siege freut. Oder bedarf es einer noch genaueren Erklärung?

Vor allem aber: Wo bitte habe ich Arnesen denunziert, „Ostermann“? Ihr verlangt von mir, alles zigfach zu überdenken, ehe ich es poste. Und macht das selbst dann nicht. Vor allem: Wer bist Du, mir sowas vorzuwerfen? Kennen wir uns? Habe ich Dir gegenüber jemals etwas schlechtes über Frank Arnesen – zudem noch hinter seinem Rücken gesagt? Weißt Du vielleicht sogar mehr als ich über mich? Nein! Definitiv nicht. Im Gegenteil: Ich schreibe meine Gedanken in einem als personalisiert gekennzeichneten Blog auf. Für alle sicht- und lesbar. Auch für Arnesen. Und vor allem: Ich spreche sogar ehrlich und persönlich mit Frank Arnesen darüber. Und der mag nicht gern kritisiert werden, wer mag das schon?! Aber er mag es, wenn man ehrlich mit ihm umgeht. Und genau deshalb haben wir selbst jetzt noch ein sehr gutes und professionelles Verhältnis zueinander. Da fließt kein böses Blut, da ist nichts zu sehen von „absägen“ oder gar „denunzieren“.

Im Gegenteil. Nur ein Beispiel von vielen: Ich habe Arnesen im Trainingslager im Januar 2012 gefragt, ob er die Bundesliga unterschätzt hat. Weil ich das Gefühl hatte, dass dem so war. Die Frage an sich ist schon ein harter Kritikpunkt. Aber Arnesen war nicht sauer und hat ehrlich geantwortet: ja. Und obwohl es ein wunderbar offenes und ehrliches Gespräch war, habe ich selbstverständlich geschrieben, dass das ein großer Fehler des Sportchefs war und dass das einige Einkäufe nachträglich erklärt. Und wisst Ihr was? Selbst damit kam Arnesen klar. Er sprach weiterhin offen und ehrlich mit mir. So, wie mit fast allen anderen Journalisten auch. Er war nicht immer meiner Meinung, sah einiges anders – aber das war klar und absolut okay. Darüber wurde dann kurz diskutiert, ohne sich jemals zu verunglimpfen. Weil es normal ist. Weil es auch richtig so ist. Und genau so komme ich damit wunderbar klar. Nicht anders.

Danke.

Arnesens Nachfolge Thema im Aufsichtsrat – der Blog ***Neu: Rettig sagt dem HSV ab***

21. Mai 2013

***Rettig sagt ab: Wunschkandidate Andreas Rettig hat dem HSV abegsagt. Der DFL-Geschäftsführer soll dem Vernehmen nach Zweifel gehabt haben, ob er durch die öffentliche Hängepartie sich und seinem aktuellen Arbeitgeber, für den er erst seit sechs Mopnaten tätig ist, Schaden zufügt. “Ich habe einen bis Ende 2015 laufenden Vertrag beid er DFL, den werde ich erfüllen. Das habe ich auch Liga-Präsident Rauball mnitgeteilt.”***

Es geht in die Vollen. Und das weniger unerwartet als viele meinen. Denn dass der Aufsichtsrat nicht wirklich zufrieden mit der Arbeit des Sportchefs war, hatte ich hier bereits vor einigen Monaten das erste Mal geschrieben. Auch, dass man sich Gedanken darüber machen würde, wie man sich auf der Position optimal besetzen könne. Vor allem: ob mit oder ohne Arnesen. Und in dieser Frage scheint eine Entscheidung gefunden zu sein: es wird wohl ohne den Dänen geplant. Inwieweit das jetzt schon für die aktuelle Kaderplanung zutrifft – offen. Zuletzt hatte sich Arnesen zusammen mit Trainer Thorsten Fink nach Mailand begeben um dort mit Bojan Krkic zu sprechen. Allerdings heißt es intern schon seit längerer Zeit, Arnesen sei nicht mehr alleiniger Entscheider und nicht mehr erster Ansprechpartner. Und der Neue stünde schon vor der Tür.

Dass hier plötzlich Leute die Arnesen-Bilanzen loben ist legitim. Was auch sonst? Stichwort Meinungsfreiheit. Dass sich aber einige hier aufschwingen und einen Manager wie Andreas Rettig als zu kleine Lösung abqualifizieren – Respekt! Der Mann hat schon ein paar Stationen hinter sich, hat Erfahrungen in Leverkusen, Freiburg, Köln und Augsburg gesammelt. Und er arbeitet bei der DFL als Geschäftsführer in einer Position, die nicht wirklich als ABM-Stelle ausgeschrieben wurde… Dem jetzt nachsagen zu wollen, er könne nicht HSV – ohne mich.

Allerdings, über die Eignung darf diskutiert werden. Wobei für mich entscheidend ist, dabei die Relationen im Blick zu behalten. Auf die Frage, warum Arnesen nicht in seinem warmen Nest in Chelsea geblieben ist, gibt es beispielsweise eine klare Antwort: Chelsea hatte Arnesen bereits im Laufe der Saison freigestellt, noch bevor er beim HSV unterschrieben hatte. Die sich daraus ergebende Gegenfrage „warum hat Arnesen seinen Job in Hamburg dann nicht deutlich eher angetreten?“ ist ebenso schnell und klar beantwortet: Er hätte beim FC Chelsea auf viel Geld verzichten müssen. Hat er aber nicht. Auch das ist okay. Wenn er es ehrlich zugeben würde. Was er nicht will. Aber auch damit kann ich leben.

Leben müssen wir alle mit einem Füllhorn neuer Sportchefs in Hamburg. Das gehört in solchen Phasen dazu. Obwohl der eine noch gar nicht gegangen ist, werden schon neue Namen gehandelt. Ob es ihn nachdenklich stimmt, so wenig Wertschätzung zu erfahren? „Nachdenklich nicht“, antwortet Arnesen, „was bedeutet schon Wertschätzung? Ich bin ein Profi und weiß, wie das Geschäft funktioniert.“ In aller Härte.

Und so werden in den nächsten Tagen weitere Namen kommen. Neben Rettig kommen auch Jörg Schmadtke und Oliver Kreuzer wieder aufs Trapez, zudem dürften altbekannte Namen wie Dietmar Beiersdorfer und sogar Martin Jol schnell aufgenommen werden. Bis auf Jol haben alle Kandidaten schon Gespräche mit Vereinsoffiziellen geführt, in denen mal so ganz nebenbei und unverbindlich die grundsätzliche Bereitschaft abgefragt wurde. Und Jol würde sich laut englischen und niederländischen Medien für den Managerposten interessieren. Kurios. Allerdings bringt der “Engländer” den Faktor, ein echter Sympathieträger zu sein, mit. Und dieser Faktor ist im Aufsichtsrat nicht zu unterschätzen.

Wobei die Räte intern gerade gar nicht sympathisch miteinander umgehen und eher mal wieder ein wenig verstimmt sind, ob des eigenwilligen Handelns einiger im Personalausschuss (Ertel, Jens Meier, Christian Strauß, Eckart Westphalen). Die waren nicht offiziell vom Gremium beauftragt worden, mit Kandidaten zu sprechen – taten dies aber nachweislich. „Wir werden nie einen geschlossen auftretenden Verein haben können, wenn wir in unserer Funktion nicht geschlossen und loyal auftreten“, kritisiert ein Aufsichtsrat. Und während dieser Kontrolleur überrascht über den Zeitpunkt der Diskussion ist, sagte mir heute ein anderer am Telefon: „Die Diskussion ist keinem neu. Aber sie gehört normalerweise nicht ins Vorfeld einer Saisonbilanz.“ Und die soll dem Vernehmen nach am 30. Mai stattfinden, wenn sich der Vorstand inklusive Frank Arnesen vor dem Aufsichtsrat verantwortet.

Vor allem aber wird klar: in Hamburg dreht sich das Transferkarussell mal wieder falsch herum. Anstatt jetzt eine ausgewogene Spielersuche und Kaderplanung umzusetzen, wird der Sportchef in Frage gestellt. Zu spät – oder eben zu früh. Eines von beiden ganz sicher. Aber sicher ist auch, dass das jetzt der falsche Zeitpunkt ist. Immerhin ist Arnesen der Mann, dem man bei seiner Vertragsunterschrift in Hamburg alleinige Verantwortung zugesichert hatte. Der Mann, der zum teuersten Sportchef der Vereinsgeschichte aufstieg. Aber vor allem ist der Däne derjenige, der den Kader für die neue Saison plant. Er stellt zusammen mit dem Trainer eine Wunschliste zusammen, anhand derer die Gespräche mit den neuen geführt werden. Und er bringt seine Philosophie ein – bislang. Geht es nach dem Aufsichtsrat soll er dies nicht mehr lange verantworten.

Allerdings ist dieses Vorgehen fragwürdig, will man nicht die kommende Saison mit Nachteilen beginnen. Käme jetzt ein Neuer, ich bin mir ganz sicher, der würde mit vielen Arnesen-Ideen nicht so glücklich, weil er seine eigenen hat. Und der Neue hätte nicht die Zeit und den Vorlauf, alle Problemzonen beim HSV zu erkennen und gegenan zu arbeiten. Dafür aber hätte er immer die Ausreden, eben all die eben genannten Umstände erlebt zu haben. Auch er wäre frühestens ab der Wintertransferperiode wirklich zu beurteilen.

Warum also so spät mit dieser Diskussion begonnen wird? Keine Ahnung. Bislang galt ein Arnesen-Rauswurf als nicht zu realisieren, da eine saftige Abfindung fällig würde. Hintergrund: Arnesens Vertrag mit einem Jahresgehalt von knapp zwei Millionen Euro per annum läuft noch bis 2014. Die Diskussion – das muss hier erwähnt werden – gibt es jedoch schon seit Monaten. Auch hier im Blog geschrieben, wenn Ihr Euch erinnert. Arnesen wurden zu lange Urlaube, zu wenig Transfererlöse im vergangenen Winter und ein unzureichendes Netzwerk vorgeworfen. Dem Mann wohlgemerkt, der bei seinem Einstieg als „Sportchef mit dem dicksten Telefonbuch“ vorgestellt wurde. Daran bestanden bei der Vorstellung neuer Spieler bereits erste Zweifel. Die fehlenden Verkäufe in diesem Winter gaben den meisten Aufsichtsräten den Rest. Die Frage aber ist: Reagiert der Aufsichtsrat zu spät? Oder ist er voreilig? Beides könnte fatale Folgen haben.

Obwohl auch klar ist, dass das Thema jetzt Fahrt aufgenommen hat und bei der heutigen Aufsichtsratssitzung weiter aufnehmen wird. Dort sollte es kurz einberufen eigentlich nur um die Verlängerung des Vertrages von Frank Heinemann gehen, der in sechs Wochen ausläuft – der aber von Arnesen ebenso wenig wie von seinen Vorstandskollegen bearbeitet geschweige denn verhandelt wurde. „Wir werden auch über andere Dinge sprechen, so viel ist klar“, kündigte ein Aufsichtsrat an – verstimmt über die ratsinterne Informationspolitik. Das Thema Ertel/Hoeneß hingegen soll nicht aufgenommen werden.

Eigentlich wollte ich Euch jetzt schon mit der einen oder anderen Neuigkeit aus der AR-Sitzung kommen. Allerdings ist damit heute eher nicht zu rechnen. Wird gemutmaßt. Die Herren tagen aber noch. Die beiden zu verlängernden Verträge werden wohl abgestimmt – und dieses Ergebnis liefere ich Euch dann sofort mit – aber in Sachen Arnesen soll es heute kein offizielles Statement geben. Sollte sich das wider Erwarten ändern, werde ich den Blog ebenfalls noch mal aktualisieren.

Bis dahin Euch allen erst einmal einen schönen Abend. Bis gleich. Oder morgen. Da ist kein Training, da die Mannschaft in Neuruppin weilt und dort dem Vernehmen nach eine Menge Spaß hat. Noch mit Arnesen, der morgen (am Mittwoch) wieder nach Hamburg reist, um sich dort mit der gesamten Scoutingabteilung zusammenzusetzen.

Scholle


*****Ergänzung: Nachdem die AR-Sitzung um kurz nach Mitternacht beendet war, wollten sich die Kontrolleure nicht zum Thema Arnesen äußern. Außer, dass der Däne zusammen mit seinen Vorstandskollegen den Vertrag für Drobny nachverhandeln solle. Soll heißen: der erste Vertragsentwurf für den Ersatzkeeper wurde vom AR abgelehnt. Zu teuer…

Fortsetzung folgt.

Mit Raute – und Arslan auf der Sechs

5. April 2013

So, nun ist es nicht mehr lange hin, bis zum Anstoß der Partie gegen den SC Freiburg. Es wird spannend, es wird dramatisch – denn es steht für beide Mannschaften viel auf dem Spiel. Ich denke ja, dass es für den HSV um viel mehr geht, als nur um drei Punkte. Es geht darum, endlich wieder einmal in einem Heimspiel das beste, das vielleicht auch wahre Gesicht des HSV zu zeigen. Bitter nur, dass jetzt ausgerechnet die unbequemen Männer aus dem Breisgau kommen, mit diesem erst recht unangenehmen Trainer am Spielfeldrand. Der SC Freiburg, das ist vielleicht für jene unerschütterlichen Hamburger Optimisten interessant, hat seine letzten beiden Bundesliga-Spiele gegen den HSV im Volkspark (!) gewonnen. Einmal 2:0, einmal 3:1. Das schreibe ich nur, weil ich allein heute schon drei Männer getroffen habe, die mit etwas von „es wird schwer, aber der HSV wird 1:0 gewinnen“ erzählten. Auch ein 2:0 und ein 2:1 war dabei. Der HSV (und sein Anhang) sollte also gewarnt sein.

Wobei ich mich schon wundern muss, dass nur ein paar Tage nach dem 2:9-Desaster von München die Optimisten wieder wie die Pilze aus dem Boden schießen. Mein Kollege Florian Rebien (Mopo) hat mir verraten, dass der HSV nach all seinen großen und auch riesigen Klatschen nie das darauf folgende Bundesliga-Spiel gewonnen hat. Wenn ich das noch richtig erinnere, dann gab es danach sogar nur Niederlagen. Deshalb gilt es natürlich auch, gegen eine solche Statistik anzuspielen. Obwohl gerade das wohl das geringste Übel ist, mit dem die heutige HSV-Mannschaft zu kämpfen hat. Immerhin ist der HSV ja aber auch noch die Nummer eins im hohen Norden, und auch in dieser Beziehung steht einiges auf dem Spiel. Auch oder vor allem in der (Ab-)Rechnung mit Freiburg, denn die „Streicher“ haben in dieser Saison in Hannover, in Bremen und in Wolfsburg gewonnen. Siegen sie auch in Hamburg, dann sind sie die wahre Eins im Norden . . . Kleiner Scherz.

Nachdem ich in dieser Woche schon früh angefangen habe, über eine Aufstellung zu spekulieren, muss ich nun alles – oder auf jeden Fall einiges – zurücknehmen. Im Moment (16.20 Uhr) trainiert die Mannschaft neben der Arena, es wird auch ein Spielchen gemacht, doch Trainer Thorsten Fink hat die Mannschaft bunt durcheinander gewürfelt. Daran lässt sich nichts ablesen. Ich denke aber, dass für diesen Sonnabend folgende Aufstellung im Kopf des Trainers steckt:

Adler; Diekmeier, Mancienne, Westermann, Jansen; Arslan; Skjelbred, Aogo; van der Vaart; Son, Rudnevs.

Also wieder eine Änderung im System. Fink versucht es mit der Raute und lässt sowohl Tomas Rincon als auch Milan Badelj draußen – er bringt Tolgay Arslan, der in der Hinserie auf der Sechs voll überzeugt hat. Allerdings hat Arslan auf dieser Postion, so weit ich mich erinnern kann, noch nie allein gespielt. Man darf also gespannt sein. Etwas bedauerlich finde ich es, dass mein Versuch (oder war es doch eher ein Wunsch?) mit Petr Jiracek in der Startformation nicht aufgegangen ist. Schade, schade, ich hätte mir den Tschechen schon mal ganz gerne gegönnt, denn ihn haben wir alle ja noch nicht so richtig und wirklich gesehen. Ich habe den „Jira“ aber immer noch vor Augen, wie er bei der Europameisterschaft im Team der Tschechen alles und jeden in Grund und Boden gelaufen hat. Das müsste er doch auch (eigentlich) in Hamburg schaffen könne, oder? Vielleicht allerdings erst in der nächsten Saison . . . Was ich schon bedauerlich finden würde.

Aber gut, das ist, wie ein früherer bekannter Hamburger Nationalspieler einst immer gesagt hat, allein Sache des Bundestrainers. In diesem Falle des Vereins-Trainers, nämlich Thorsten Fink. Und der hat ja gestern sehr energisch gesagt, dass er das macht, was er für richtig hält – und nicht das, was andere von außen ihm einreden wollen. Gut so.

Andere (von außen) hätten ja wohl auch erwartet, dass der Coach seine Versager von München in dieser Woche so richtig schön und nach allen Regeln der Kunst „lang machen“ würde. Aber denkste. Fink ließ sogar weniger als sonst trainieren. Waren die Einheiten vorher meistens und mindestens 90 Minuten lang, so ging es diesmal höchstens 75 Minuten – oder auch nur eine Stunde. Marcell Jansen, darauf angesprochen, hat dazu gesagt: „Die Einheiten mögen kürzer als sonst gewesen sein, aber dafür waren sie intensiver.“

Nun gut, das kann man so sehen.

Um es gleich und auch noch einmal zu sagen: Thorsten Fink bleibt mein HSV-Trainer, soll HSV-Trainer bleiben – auch deshalb, weil ich endlich Kontinuität (so wie die Club-Führung) möchte. Fehler haben sämtliche Vorgänger von ihm auch reichlich gemacht, Fehler macht auch Fink reichlich – aber wer macht keine Fehler? Und die vielen Kritiker, die jetzt auf der Bildfläche erscheinen, die haben ja auch nichts zu kritisieren gehabt, als der HSV kürzlich schon mal auf einem Europa-Legaue-Platz rangierte. Und dorthin wurde die HSV-Mannschaft ja auch „nur“ von Thorsten Fink geführt. Und wer sagt denn, dass es der 14. Trainer in elf Jahren besser machen würde? Das haben wir doch alles in den vergangenen Jahren immer wieder geglaubt. Wenn ich nur allein daran erinnern darf, wie viele treue HSV-Fans mir damals, als Armin Veh entlassen worden war, Michael Oenning ans Herz gelegt hatten. Motto: „Das ist ein junger Mann wie Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, der wird den HSV wieder zu neuem Leben erwecken . . .“ Und? Was war? Kann sich jemand daran erinnern? Nicht nur daran, wie es gelaufen ist, sondern daran, einen solchen Vorschlag gemacht zu haben?

Nein, es ist schon ein schlimmes Geschäft (geworden), diese Fußball-Bundesliga, und schön daran ist doch, dass kaum etwas planbar ist. Das können nur die Bayern, sie sind die Ausnahme.

Noch einmal kurz zum heutigen Abschlusstraining, das recht lebhaft war (von der Lautstärke her). Die Einheit dauerte (bis ekelhaft kaltem Wind) 60 Minuten, danach blieben Rene Adler und Sven Neuhaus noch mit Torwarttrainer Ronny Teuber auf dem Acker (nicht böse gemeint – an die HSV-Gärtner!), um Flanken zu üben. Was mir gefiel: Hielt Adler einen Kopfball oder Schuss von Neuhaus, so klatschten sie sich miteinander ab. Ein tolles Verhältnis und (Fast-)Konkurrenten. Am Rande des Platzes unterhielten sich Co-Trainer Frank Heinemann und Tolgay Arslan, auch Marcell Jansen stand dabei. Ob es da um die Raumaufteilung oder generell die Spielauffassung eines „Sechsers“ ging? Es blieb mir verborgen. Und auf der anderen Seite des Platzes übte Heung Min Son immer wieder seine gefährlichen Linksschüsse – Borussia Dortmund weiß ein Lied davon zu singen.

Heil sind heute alle geblieben, Thorsten Fink nimmt folgende Herren mit in den Kader (für das Freiburg-Spiel): Jaroslav Drobny, Jeffrey Bruma, Slobodan Rajkovic, Petr Jiracek, Milan Badelj, Tomas Rincon und Gojko Kacar. Gegenüber dem Spiel in München fehlen Jacopo Sala und Valmir Nafiu.

Ich wünsche dem HSV und allen seinen Anhängern einen erfolgreichen und erfreulichen Sonnabend – und insgesamt ein wunderschönes Wochenende. Vielleicht sogar mit Frühlingsgefühlen . . .

PS: Als der Freiburger Max Kruse, der einst bei Vier- und Marschlande kickte, noch bei einem Hamburger Nachbar kickte, da machte mich ein (in meinen Augen) großer HSVer schon darauf aufmerksam, dass der HSV doch bitte diesen sehr guten Spieler zu sich holen möge. Wäre ja eine Möglichkeit gewesen, nach dem Motto: „Warum in die Ferne schweifen, wenn der Gute ist so nah . . ?“ Das aber hat leider nicht geklappt. Kruse, früher als Knabe und Jugendlicher oft Zuschauer beim HSV, ging nach Freiburg – und wechselt nun im Sommer weiter nach Mönchengladbach. Dieser (in meinen Augen) große HSVer hat mir nun wieder geschrieben – eine sms. Da machte er darauf aufmerksam, dass am Millerntor wieder ein durchaus interessanter Mann spielt. Ein Stürmer diesmal. Und einer, der nur ausgeliehen ist (von Borussia Dortmund). Und ich wurde gefragt, ob der HSV wenigstens diesmal wach ist – interessiert ist, dran ist? Ich aber kann das nicht sagen. Ich weiß nicht, ob die Herren des HSV einen Daniel Ginczek für fähig halten, für den HSV Tore in der Ersten Bundesliga zu erzielen. Meine Vermutung allerdings ist nein. Ich glaube nicht, dass da der HSV schon mal drüber nachgedacht hat. Aber das ist, wie geschrieben, nur eine Vermutung. Der HSV wird dazu nichts sagen. Wie heißt es dann, wenn man danach fragt, immer so schön: „Über Spieler, die nicht bei uns unter Vertrag sind, reden wir grundsätzlich nicht.“ Ich jetzt in diesem speziellen Fall auch nicht mehr.

Und Freiburg ist mir ja auch allemal wichtiger.

PSPS: Am 12. April findet in der Raute/Museum eine Lesung mit dem bekannten und beliebten TV-Moderator Gerhard Delling (ARD) statt: „50 Jahre Bundesliga – wie ich sie erlebte.“ Der Abend beginnt um 18.30 Uhr, Einlass ist eine Stunde vorher – Karten kosten zehn Euro und sind im Museum und über die HSV-Shops erhältlich. Und wenn ich dafür einmal kurz Reklame machen darf: Es wird sich lohnen, dabei zu sein, denn Gerhard Delling hat erstens viel zu erzählen, und zweitens ist er ein äußerst humorvoller Mensch – das wird sicherlich ein toller Abend.

Und dann gibt es heute eine Post aus Indonesien. Von HSV-Fan Michael, der dort lebt. Diese Mail möchte ich gerne veröffentlichen, denn sie spiegelt das wider, was in diesen Zeiten viele HSV-Fans er- und durchleben müssen.
Und dem Michael auf diesem Wege vielen Dank. Sollte eine/einer von euch ihm schreiben wollen, so würde ich bei ihm anfragen, ob ich seine Adresse dann an den einen oder anderen Interessenten weitergeben darf.

Lieber Dieter,

eine absolute Premiere für mich. Noch nie habe ich einen Leserbrief geschrieben, aber irgendwie muss man mit Geschehenem ja fertig werden und daher richte ich mich an Sie mit einem Appell an alle HSV-Fans.

Bitte entschuldigen Sie, wenn ich dazu etwas weiter aushole. Ich bin 42 Jahre alt, zweifacher Familienvater und lebe seit über 12 Jahren in Indonesien. Da ich Lehrer bin und immer nur in den Sommerferien nach Deutschland kann, ist es lange her, dass ich das letzte Mal im Stadion war (beim 4:4 gegen Juve nebenbei bemerkt, kurz danach zog ich um). Allerdings kann ich die Spiele, die ich in den letzten 12 Jahren nicht in irgend einer Form live erlebt habe, noch an einer Hand abzählen. Anfangs auf dem Weltempfänger, dann im Liveticker, später im Internetradio, heute im Livestream oder über einen malayischen Satelit im Fernsehen. Ich bin selbst für den Mopo-Liveticker zum Testspiel gegen Altona 93 mitten in der Nacht aufgestanden…

Aber so einen Abend wie letzten Sonnabend habe ich in 35 Jahren HSV-Fan noch nicht erlebt (nicht mal bei den bitteren Niederlagen gegen Werder 2009!). Ich saß in einer deutschen Bar in der Innenstadt. Bei Anstoß waren noch gut 20 Leute da, 2 Bayern-Fans, ca. 10 Hamburger, der Rest neutral. Kurz vor Schluss saßen die Bayern-Fans mehr betrunken als freudentrunken am Tresen und diskutierten bereits über alles mögliche, nur nicht das Spiel. Der Rest war da schon lange auf dem Heimweg. Ich saß alleine vor der Großbildleinwand und habe bis zum Schlusspfiff ausgeharrt. Gerne würde ich jetzt sagen “aus Treue zum Verein” oder “weil man sein Team auch in schweren Stunden nicht im Stich lässt” (ich bin auch im Stadion noch nie frühzeitig gegangen, egal wie es stand!), aber diesmal war es wohl eher, weil ich wie versteinert da saß und den Hintern nicht hochbekommen hätte, selbst wenn ich es wollte. Enttäuschung, Wut, Unverständnis, es nicht fassen können… alle Gefühle auf einmal!

Ich habe die ganze Woche überlegt, was ich beim Spiel gegen Freiburg machen werde. Ich hatte mir Montag geschworen, dass ich erst wieder einen HSV-Spiel sehen werde, wenn sich die Jungs die Aufmerksamkeit, die man ihnen schenkt, auch verdienen. Nun ist Freitag und ich habe realisiert, dass dies Unsinn ist. Es geht ja weiter, muss weiter gehen! Ich werde auch am Samstag vor dem Fernseher oder Computer sitzen und das Spiel verfolgen – wie die letzten 35 Jahre. Wir können ja nicht den Betrieb einstellen, weder die Spieler noch die Fans. Vielleicht werde ich die nächsten Wochen nicht vor Freude aufspringen, sollte der HSV ein Tor schießen, dazu sitzt der Stachel der Enttäuschung zu tief, aber ich werde da sein. Es gibt ja doch keine Alternative, Hamburg wird immer meine Stadt bleiben, der HSV immer mein Verein.
Ich erwarte auch nicht viel am Samstag und in den letzten Spielen. Keine glanzvollen Siege, keinen Europa-League-Platz oder sonstiges. Und wenn wir am Sonnabend 2:4 gegen Freiburg verlieren, kann ich damit leben. Aber ich wünsche mir eine Mannschaft zu sehen, die sich den A… aufreißt, kämpft und alles gibt! Mit allem anderen kann ich leben – wenn sie sich nur nicht noch einmal willenlos in ihr Schicksal ergeben!

Ich hoffe, es werden Sonnabend wieder 50.000 den Weg in den Volkspark einschlagen und unsere Mannschaft unterstützen! Jeder der Kinder hat wird mir vielleicht zustimmen – hat man nicht sein Kind immer dann am liebsten, wenn es eigentlich gerade einen Arschvoll verdient hätte? Und gerade die etwas eigenwilligen, schwierigen Kinder brauchen uns oft am meisten. Ist vielleicht beim HSV nicht anders…

In diesem Sinne auf ein Neues am Sonnabend.

Schwarz-weiß-blaue Grüße aus Jakarta,
Michael aus Indonesia

PSPSPS: Morgen wird um 18.30 Uhr im Volkspark gegen Freiburg gespielt, danach folgt die Internet-Übertragung von “Matz ab live” mit den Gästen Ernst-Otto Rieckhoff (ehemals Aufsichtsrats-Boss) und Carsten Kober, ehemaliger HSV-Bundesliga-Spieler (und “Matz-abber”). Wäre super, wenn ihr uns einschalten würdet – die vergangene 2:9-Sendung mit Sven Neuhaus und Andreas Fischer bescherte uns einen neuen fünfstelligen Einschaltrekord. Vielen Dank dafür!

17.49 Uhr

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