Archiv für das Tag 'Harnik'

Nichts los im Volkspark – die Ruhe vor dem Sturm

9. Juni 2015

Die Transferperiode hat noch nicht einmal begonnen, und schon ist klar: Der HSV verpasst mal wieder einen gelungene Umbruch. So liest es sich zumindest größtenteils in den Kommentaren in verschiedenen Foren – nicht nur hier. Weil es heißt, Ivo Ilicevic soll einen neuen Vertrag bekommen. Einen leistungsbezogenen Einjahresvertrag, weil Trainer Bruno Labbadia die Chance sieht, dauerhaft von den zweifellos vorhandenen Qualitäten des Offensivspielers profitieren zu können. Vergessen die Verletzungsarie des heute 28-Jährigen, der seit seiner Unterschrift 2011 für den HSV 61 Spiele verpasste, das heißt jeweils 15 Spiele pro Saison im Schnitt. Verletzt.
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Heese: “Es ist jetzt ein anderer Geist drin!”

15. Mai 2015

Zursicher

Mal sehen, was die Affen morgen so machen. Mit Affen sind die Spieler des VfB Stuttgart bezeichnet worden – von ihrem Trainer, ging ja auch Land auf, Land ab in den Zeitungen rauf und runter. So ist Huub Stevens eben. Was er auf der Zunge hat, muss raus. Und er hat es diesmal bestimmt auch deshalb rausgelassen, weil er mit dieser Beleidigung auch noch seinem letzten Spieler sagen will, dass hier allerhöchste Konzentration angesagt ist. Niemand darf auch nur einen Millimeter nach lassen, das wollte Stevens erreichen. Und er hatte auch deshalb die ganz Aufmerksamkeit, weil beim VfB Stuttgart, der ansonsten oft abgeschottet (also ohne Fans) trainiert, am Vatertag jeder Fan willkommen war. Stevens wollte mit seiner Härte auch demonstrieren, dass der Fokus nur auf diesem Abstiegs-Endspiel zu liegen hat. Ganz Stuttgart redet seit Tagen nur noch von dem Spiel gegen den HSV, das Stadion ist mit 60 000 Zuschauer seit Wochen ausverkauft – und 6000 Hamburger werden versuchen, sich in diesem Hexenkessel Gehör zu verschaffen. Und obwohl die Schwaben ja noch immer Tabellenschlusslicht sind, herrscht am Neckar große Zuversicht, dass der VfB an diesem Sonnabend gegen 17.20 Uhr den HSV um einen Punkt hinter sich gelassen hat. Es ist für das Ländle das Spiel der Spiele, und der Optimismus ist deswegen so groß, weil der VfB zuletzt stets gute oder sogar beste Leistungen gezeigt hat.

 
Was die meisten VfB-Fans aber in dieser Situation oft verschweigen: Der Tabellenletzte hat seit September 2013 (!) kein zweites Spiel in Folge mehr gewonnen. Seit September 2013! Und zuletzt siegte der VfB bekanntlich 2:0 gegen Mainz 05. Hält diese Negativserie an? Oder schafft es der HSV, so wie er es leider schon so oft geschafft hat, diese Serie zu durchbrechen – und das Schlusslicht so wieder aufzubauen? Was für Stuttgart außerdem ein Horror-Szenario ist, das ist die Tatsache, dass ausgerechnet Bruno Labbadia dem VfB den Gnadenstoß versetzen könnte. Jener Labbadia, der einst sehr wohl Erfolge mit dem VfB vorweisen konnte, der dann aber trotz allem, da gibt es sicher Parallelen zum HSV, vor die Tür gesetzt worden war, weil sich die Verantwortlichen und die Fans mehr erhofft hatten. Heute gibt es in Stuttgart nicht wenige, die meinen, dass die Labbadia-Gegner von damals heute sehr wohl Abbitte leisten müssten, denn nach dem damaligen Abgang des Trainers ist beim VfB nichts besser geworden. Im Gegenteil.

 

Im Ländle regnete es heute, am Sonnabend aber soll die Sonne scheinen. In Hamburg ist es genau umgekehrt. Mal sehen, wie sehr die Punkteverteilung dafür sorgt, dass in einem Fan-Lager so oder so die Sonne scheinen wird. Wir hoffen natürlich, dass es hier trotz des Regens reichlich Sonnenschein geben wird . . .
Beim VfB Stuttgart sind, um mal die sportliche Seite zu beleuchten, alle Mann an Bord. Diejenigen Spieler, die leicht angeschlagen in die Woche gegangen waren, wurden oftmals geschont, mussten nicht immer alle Einheiten mitmachen. Morgen aber wird jeder von ihnen bei 100 Prozent sein. Und besonders auf die Offensive hoffen die Schwaben. Die behaupten, dass es noch nie einen Tabellenletzten in der Bundesliga gegeben hat, der auf eine solche Super-Offensive setzen und bauen und hoffen kann. Vorne sind drei blitzgefährliche Angreifer unterwegs: In der Mitte der ehemalige Millerntor-Bomber Ginczek, links der Sprinter Kostic, rechts der unberechenbare Harnik, und dahinter der schnelle und technisch versierte Didavi, der nach einer längeren Verletzungspause jetzt wieder zur alten Form zurückkehren will – und schon auf dem besten Wege ist. Er wird der HSV-Defensive extrem viele Kopfschmerzen bereiten – neben den Stürmern.

 

Beim HSV herrschte heute nicht nur wegen des guten Wetters beste Stimmung. Bis auf Valon Behrami und Nicolai Müller konnten alle Spieler trainieren. Eine Stunde gab es Programm. Nach dem Aufwärmen folgte ein Spiel fünf gegen fünf gegen fünf. Und danach gab es reichlich Standards. Eckstöße, Freistöße, von links und von rechts zur Mitte gebracht. Meistens von Rafael van der Vaart geschlagen, aber auch Lewis Holtby und Ivo Ilicevic versuchten sich. Mit den Standards wurde ein wirklich lange Zeit verbracht. Zum Schluss folgte Spaß-Training. Die Spieler durften, so sah es aus, das machen, wozu sie Lust hatten. Lange Pässe, kurze Pässe, Torabschlüsse – Flanken. Wobei auch Bruno Labbadia tüchtig mitmischte. Der Coach schlug die Bälle aus dem Anstoßkreis heraus auf die linke Seite, wo Matthias Ostrzolek die Kugel meistens mit der Brust stoppte – um dann aus dem Lauf heraus zu flanken. In der Mitte hatte dann die Angreifer ein Spielchen mit Torwart Jaroslav Drobny zu laufen. Vorher wurde angesagt, wie viele Tore sie aus acht Flanken machen – und der oder die Verlierer mussten danach Liegestütze absolvieren. Da es ein nicht-öffentliches Training war, sah ich nicht alles, gefühlt würde ich sagen, dass die Angreifer mehr Liegestütze machen mussten. Und um ehrlich zu sein, ich habe Drobny nicht am Boden gesehen. Wer Rene Adler dabei vermisst: Der Stammkeeper war nach einer Stunde in die Kabine gegangen, nur mal so, es sah nicht danach aus, als drücke Adler auch nur ein kleiner Schmerz.
Übrigens sah Club-Chef Dietmar Beiersdorfer heute dem Training zu, nach dem Ende der Einheit ging er dann mit einer asiatischen Delegation (sah nach einem jungen Spieler aus) in das Umkleidehaus im Volkspark.

 

Aus dem Kader, der heute trainiert hat, blieben der Brasilianer Cleber, Julian Green und auch Maximilian Beister zu Hause.
Schiedsrichter der Partie in Stuttgart wird der Berliner Manuel Gräfe sein, in meinen Augen eine sehr gute Ansetzung, er ist mit dem Münchner Dr. Felix Brych der zurzeit beste deutsche Unparteiische. Aber – man soll den Tag nie vor dem Abend loben. Habe ich zuletzt wahrscheinlich das eine oder andere Mal zu viel gemacht. Deswegen halte ich jetzt mal den Ball flach. Obwohl ich, wenn ich bei Schiedsrichter bin, gleich an Rafael van der Vaart denke, denn der hat bislang neun Gelbe Karten „eingefahren“. Sieht er in Stuttgart noch einmal Gelb, dann fand am Neckar das Abschiedsspiel des „kleinen Engels“ statt. Das wäre doch auch dramatisch. Nicht für jeden HSV-Fan, aber auf jeden Fall für van der Vaart selbst.

 

Aber der Niederländer könnte sich ja auch in Sachen Härte oder auch mit verbalen Entgleisungen zurückhalten, dann passiert eben nichts. Hoffentlich. Ich sprach heute noch mit einem ehemaligen HSV-Spieler, der sich in Sachen Zurückhaltung nie besonders zurückhielt. Sein damaliger Trainer Klaus Ochs hat über ihn einst gesagt: „Auf dem Platz ist er ein Ekel.“ Es geht, einige haben es schon erraten, um Horst Heese. Der heute 71-Jährige lebt schon seit Jahrzehnten in Belgien, verfolgt den HSV, für den er einst „nur“ 41 Spiele bestritt, aber immer noch ganz genau – über das Bezahlfernsehen. Heese wurde damals im Winter 1972 verpflichtet und absolvierte sein erstes Spiel für den HSV am 16. Dezember 1972, bei seinem Debüt gab es eine 0:1-Niederlage – und der HSV stand damals auf dem letzten Tabellenplatz. Trotzdem gab es ein Happy end, dank Heese, der in der HSV-Geschichte den Platz eins als HSV-Retter einnimmt. Er riss die gesamte Mannschaft damals mit, und das waren immerhin Spieler wie Rudi Kargus, Peter Hidien, Manfred Kaltz, Peter Nogly, Klaus Zaczyk, Georg Volkert, Ole Björnmose, Willi Schulz, „Bubi“ Hönig, Caspar Memering, und, und, und.

 

Horst Heese hat in der jüngeren Vergangenheit schon oft um und mit dem HSV gezittert. Diesmal aber schien er mir optimistischer zu sein, denn er sagte: „Das sieht doch jetzt schon wieder viel besser aus, als noch vor ein paar Wochen. Das ist ja jetzt eine ganz andere HSV-Truppe, die kämpfen und hängen sich voll rein – das sieht gut aus, in meinen Augen.“ Den Umschwung hat Bruno Labbadia gebracht, das sieht auch Heese so, denn er befindet: „Sicher hat Bruno viel bewirkt, aber wenn man auf einen schwachen Trainer folgt, dann muss man kein Super-Trainer sein. Da hätte kommen können, wer will, es waren vorher zu viele schwache Trainer da. Wenn die Jungs merken, da vorne steht einer, der versteht sein Handwerk, der hat selbst gespeilt, der weiß wie es geht, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber wenn du da vorne ein paar Flaschen vor der Mannschaft stehen hast, in kurzen Sprinterhosen, dazu mit fünf Handys durch die Luft wirbeln, dann wissen die Spieler doch gleich Bescheid. Der kann denen doch gar nichts erzählen, und wie soll das denn funktionieren?“ Heese: „Wenn wir damals gemerkt haben, dass wir eine Flasche vor uns haben, dann haben wir den sofort auf die Rolle genommen. Wenn der in kurzen Hosen vor uns stand, haben wir schon gegrinst, wenn der dann noch seine Stutzen irgendwie schief angezogen hatten, dann war die Sache für uns gleich klar, was wir da für einen vor uns hatten . . . Wenn du aber einen Trainer hast, der selbst an der Front war, dem nimmst du doch eher ab, was er da erzählt. Und von den schwachen Trainern hatte der HSV zuletzt leider einfach zu viele.“

 

Horst Heese sagt über die heutige HSV-Truppe, und das ist aus seinem Munde gewiss ein riesiges Kompliment: „Jetzt ist wieder ein anderer Geist drin. Und wenn du den Bruno Labbadia siehst, das ist echt, das ist authentisch, er lebt das vor, was da jetzt passieren muss. Die anderen Trainer haben, wenn die Kameras auf sie zukamen, ein verzweifeltes Gesicht gemacht, haben ein wissenschaftliches Gesicht gemacht, oder sie haben ihre Notizblöcke vollgeschrieben. Da waren viele Schauspieler am Werk. Aber Gott sei Dank, sie tanzten nur einen Sommer. In Hamburg jedenfalls.“

 

Horst Heese appelliert – auch für die Zukunft des HSV – an die Ehemaligen des HSV: „Da sind doch so viele Pragmatiker, die müssten mal den Mund aufmachen. Damit die Knalltüten ausgespielt haben, damit der HSV endlich mal einen vernünftigen Trainer bekommt. Diejenigen, die noch den engen Draht zum HSV haben, sollten schon mal häufiger den Mund aufmachen.“ Aber, das vermute ich, es haben in der Vergangenheit vielleicht schon oft den Mund aufgemacht, doch es passierte nichts, ihre Tipps verhallten mehr oder weniger ungehört im Volkspark.

 

Und wie ist Horst Heese mit dem Punkt „Härte“ zurzeit mit den HSV-Spielern zufrieden? Heese: „Das könnte ruhig noch etwas mehr sein, ganz klar. Wobei man Härte nicht mit Unfairness verwechseln darfst. Aber es geht doch jetzt um alles. Man darf nicht von hinten zutreten, du kannst ja auch einen Gegner von vorne stören. Aber du musst fit sein, immer eisern und hart am Mann sein. Heute sieht man auch keine Schnitte, wenn man nicht hundertprozentig fit ist. Dann bist du im heutigen Tempo-Fußball total daneben. Und man muss auch immer schön aufpassen, dass man nicht zu viele Freistöße vor dem eigenen Strafraum verursacht, das kann sich dann auch schnell rächen, wenn der Gegner da Spezialisten hat, die solche Standards zu nutzen verstehen. Also, mehr Härte ja, aber keine Fouls.“
Mal sehen, wie das denn morgen in Stuttgart so laufen wird – in der HSV-Defensive.

 

Ich habe übrigens in die Programm-Zeitschrift „Hör zu“ geblickt, wie der Prominente (jede Woche ein anderer) den Spieltag, besonders den HSV getippt hat. Diesmal ist das Joscha Kiefer (Soko 5113) gewesen, und der tipp Stuttgart – HSV auf 4:0. Oha, ein dickes Ding! Und eine Woche weiter tippt Lukas Hundt (Akte Ex) den HSV gegen Schalke 04 auf 1:0. Mal abwarten, wie sich das alles (schon an diesem Spieltag) da unten entwickelt.

 

So, zwei Personalien habe ich noch:

Lotto King Karl eröffnet an diesem Sonnabend im Stadtpark die Open-Air-Saison – und ich wünsche dem Kult-Sänger und seiner Band alles Gute, viel Glück – und gutes Wetter. Und Euch, die Ihr dabei seid, viel Spaß.

Dann hat sich heute Joe Zinnbauer bei NDR2 zu Wort gemeldet. Der Trainer, der im Moment nicht groß arbeitet, kann sich durchaus vorstellen, dass er in der nächsten Spielzeit wieder die U23 (spielt am Sonnabend um 14 Uhr in Lübeck um Punkte) trainieren wird. Mich würde das sehr freuen, gebe ich zu, denn der „Joe“ hatte diese Truppe doch märchenhaft ins Laufen gebracht. Vielleicht schafft er das denn ja noch einmal, ich glaube, dass die meisten Spieler nichts dagegen hätten. Ich drücke ihm die Daumen, dass es noch einmal weitergehen wird mit ihm – beim HSV.

 

Und wie es dann in der Bundesliga weitergehen wird, das kann man dann wahrscheinlich schon morgen von 17.20 Uhr an etwas klarer sehen, auch wenn bestimmt noch nicht alles restlos geklärt sein wird. Davon gehen ich mal verstärkt aus Drückt dem HSV tüchtig die Daumen, dass auch diesmal das Abstiegsgespenst in andere Städte abzischt. Hat doch 2014 bestens geklappt – oder?

 

In diesem Sinne, kommt gut rein in den 33. Spieltag – und bleibt positiv!

Dieter.

 

18.46 Uhr

Labbadia: „Man darf nie aufgeben. Nie!“

14. Mai 2015

Das war mal ein ganz besonders schöner Vatertag. Oder? Schön ist eigentlich falsch, es war ein ungewöhnlicher Vatertag. Weil ich den HSV trainieren hören konnte. Was für ein besonderes Erlebnis. Ich hörte den HSV, konnte ihn aber nicht sehen. Geheimtraining heißt das Zauberwort. Es wurde nicht hinter den weißen Lappen geübt, sondern in der Arena, und die war hermetisch abgeriegelt. Alles ganz geheim, wie der HSV am Sonnabend in Stuttgart gewinnen will. Und wenn es denn so kommt, dann finde ich auch jedes Geheimtraining der Welt völlig gerechtfertigt. Völlig. So aber, zwei Tage vor dem Abstiegs-Endspiel am Neckar, kann ich Euch nicht berichten, wie das Training gelaufen ist, wer gut war, war schlecht war, wer laut war, wer früher vom Platz ging – null. Immerhin sickerte durch, dass Petr Jiracek heute nicht trainieren konnte, weil er seit dem gestrigen Training einen so dicken großen Zeh hat, dass er nicht in einen Fußballstiefel hinein kam. Soll aber wohl morgen, wenn wieder ganz geheim trainiert wird, wieder behoben sein. Ebenfalls nicht trainiert haben – jedenfalls nicht im Stadion – heute Valon Behrami und Nicolai Müller. Beide werden wohl auch bis zum Saisonende, das ja ohnehin ganz nah ist, ausfallen – bei Müller ist es ja schon seit einer Woche beschlossen und verkündet.
Dagegen kehrte heute der Brasilianer Cleber wieder ins Mannschaftstraining zurück. Ob der Innenverteidiger in Stuttgart schon wieder mit von der Partie ist, ließ sich Trainer Bruno Labbadia noch offen: „Darüber haben wir uns noch keine Gedanken gemacht, ob wir ihn in Stuttgart oder erst gegen Schalke brauchen, das wissen wir nicht – das, was wir heute von ihm gesehen haben, das war ordentlich, nun müssen wir abwägen, ob es schon sinnvoll ist, ihn mit nach Stuttgart zu nehmen.“ Ich denke und behaupte einmal: nein. Cleber wird noch ein Woche auf die Wiese gehen müssen, ehe er wieder dabei ist. Wenn überhaupt. Das kommt auch auf den Ausgang des Stuttgart-Spiels an.

 

Kurz noch zum Thema Behrami zurück. Der Schweizer liegt seit einigen Wochen flach, Knie- und Oberschenkel-Probleme. Bruno Labbadia zu seinem vielleicht schwierigsten Patienten: „Seine Probleme rühren her von seiner Operation, die er im Winter hatte, und sie sind eine Folge davon, dass er nicht die Zeit und die Möglichkeit hatte, das aufzuarbeiten. Da kommen viele Dinge zusammen, das ist sehr schade, aber wir müssen das akzeptieren. Wir müssen jetzt so mit ihm arbeiten, dass wenn wir ihn doch noch brauchen, er notfalls doch noch einsteigen könnte – aber im Moment ist das schwer.“

 

Auf der faulen Haut, das muss ich noch schnell einfügen, habe ich trotz allem während des Geheimtrainings zwischen zehn Uhr und 11.30 Uhr nicht gelegen, ich habe mir das Training der U23 „reingezogen“. Die Regionalliga-Truppe von Rodolfo Cardoso und Soner Uysal spielt an diesem Sonnabend in Lübeck um Punkte. Nur um Punkte, nicht um die Meisterschaft, dieses Ziel wurde ja am vergangenen Wochenende durch eine 0:2-Heimniederlage gegen Havelse verspielt. Und ich hatte den Eindruck, dass vor allem Uysal immer noch stocksauer darüber ist, dass die Meisterschaft so leichtfertig verspielt wurde. Aber so is Lebbe. So richtig aufgefallen ist mir bei diesem Training keiner, es waren ja auch die besten Leute beim gleichzeitigen Profi-Training beschäftigt . . . Für einige Minuten sah auch Sport-Chef Bernhard Peters dem bunten Treiben im Volkspark zu. Und Helm-Peter, der total enttäuscht war, dass er den Profis nicht mal durch ein Loch im Kunststoffzaun mit einem Auge folgen durfte. Aber es gibt ja Schlimmeres.

 

 

Zum Spiel gegen Stuttgart. Ich gebe zu, dass ich nicht besonders optimistisch bin. Das ist bei mir eigentlich ein ganz normaler Vorgang, diesmal aber wird dieser noch durch zwei Dinge etwas negativ beeinflusst. Erstens hat der HSV zuletzt gegen Freiburg wieder einmal, bis auf zehn Minuten in der Schlussphase, seine hässliche Fratze gezeigt, und zweitens befindet sich der VfB Stuttgart, auch wenn das die Ergebnisse nicht unbedingt belegen, seit einigen Wochen in einer konstant guten Form. Und die Schwaben haben nach dem 2:0 gegen Mainz ihr zweites Heimspiel in Folge, das halte ich für den jetzigen Stand der Meisterschaft, also zwei Spieltag vor Schluss, als etwas ungewöhnlich, aber es ist wohl vom Terminplaner her nicht anders möglich. Und da zuletzt, also am vergangenen Wochenende, in Stuttgart die „Hölle los war“, beim Spiel gegen Mainz, wird das auch für den HSV nicht so sonderlich leicht, dort gegen zwölf Mann zu bestehen. Wer sich erinnern kann: Die Super-Stimmung beim VfB wurde am vergangenen Montag von allen Zeitung und Illustrierten besonders hervorgehoben.

 

Leicht wäre das Spiel ohnehin nicht geworden, aber so wird es noch etwas schwerer. Für den HSV. Vermute ich jedenfalls. Und wenn ich so an Martin Harnik denke, den Hamburger im VfB-Trikot, dann wird mir sowieso schon immer leicht „schwummerig“, denn der Österreicher trifft ja ganz besonders gerne gegen den HSV, der einst sein Talent (bei Vier- und Marschlande) nicht erkannt (oder verschmäht) hatte. Sei es wie es sei, auf Harnik bin ich besonders gespannt – und Matthias Ostrzolek dürfte es bereits jetzt ähnlich ergehen. Da wird der ehemalige Augsburger schon mal sein Gesellenstück schmieden können, wenn er Harnik an die Kette legen würde. Wird aber haarig, keine Frage.

 

Und wer spielt beim HSV? Rene Adler im Tor, keine Frage. Die Viererkette davor bleibt auch unverändert, und auch die beiden Sechser dürften im Team bleiben: Gojko Kacar und Rafael van der Vaart. Dann aber wird es schon weniger mit den Stammplätzen. Ich denke mal, ohne dass ich ihn heute auf dem Rasen gesehen habe, dass Lewis Holtby wohl eher auf der Bank wird Platz nehmen müssen. Seine Vorstellung gegen Freiburg war doch viel zu wenig, als dass er noch einmal die Chance von Beginn an erhalten müsste. Ein Mittelfeld mit Zoltan Stieber, Ivica Olic und Marcell Jansen hätte gewiss seinen Reiz, allerdings würden sich dann dort gleich drei „Linksfüßer“ die Ehre geben, und ob das so spannend ist? Ich weiß es nicht. Aber Bruno Labbadia wird es wissen, das verriet er uns heute schon nach dem Training. Er hat die Aufstellung schon im Kopf, aber soweit geht die Liebe eben doch nicht, als dass er sie uns schon in die Blöcke diktieren würde. Geduld ist angesagt. Ich könnte mir trotz der Vorbehalte gegen drei „Linksfüßer“ vorstellen, dass es so kommen wird – und vorne soll und wird sich dann Pierre-Michel Lasogga versuchen.

 

Klingt doch auch nicht schlecht, diese Aufstellung. Aber im Ernst, so richtig schlecht klang die HSV-Aufstellung auch während dieser Saison eigentlich nie, und trotz allem wurde teilweise ein so finsterer Fußball zum Abgewöhnen dargeboten. Es kommt eben auf die Tagesform der Helden an – und auf die mentale Verfassung. Abstiegskampf wird im Kopf entschieden, heißt es ja so schön schon seit Wochen, nun wollen wir alle mal hoffen, dass die HSV-Jungs – alle – ihre Köpfe dafür frei haben. Nur mal so zur Erinnerung: Stuttgart als Schlusslicht hat 30 Punkte auf dem Konto, der HSV als Tabellenvierzehnter 32 Punkte. Sollten der VfB gewinnen . . .
Dann müsste der HSV wohl ganz auf die eine Woche später folgende Heim- und Schlusspartie gegen Schalke 04 setzen. Wirklich nur mal so am Rande. Damit sich alle, wirklich alle mental auf die Begegnung mit den Schwaben einstellen.
Meine Kollegen sind übrigens fast alle sehr bis verhalten optimistisch. Am meisten wurde ein 2:2 getippt, wobei ich mich frage, wer denn zwei Tore . . . Nun gut, auch das gab es ja zuletzt. Sohar einmal ein 3:2. „Helm-Peter“ wurde heute vom NDR-Hörfunk nach seinem Tipp gefragt – und was sagte er? Na klar, 2:2. Sollte es so kommen, werde ich ihm (im Picknick und beim nächsten Geheimtraining) eine Currywurst mit Pommes spendieren, damit er immer gut gestärkt auf seinem Drahtesel nach Hause strampeln kann.

 

Apropos Geheimtraining. Bruno Labbadia erklärte den Rückzug ins Stadion heute wie folgt: „Wir wollten einmal in der Abgeschiedenheit einige Dinge abtrainieren, vor allem auch die Ruhe genißene, die dazugehört – gerade am Vatertag.“ Auf Stuttgart bezogen sagte der HSV-Coach: „Wir sehen das Spiel als weitere Chance, unsere Situation weiter zu verbessern. Wir haben uns mit den letzten drei Spielen eine gute Ausgangsposition geschaffen, die wollen wir nun weiter verbessern.“ Co-Trainer Eddy Sözer und Sport-Direktor Peter Knäbel haben ja vor einer Woche den VfB gegen Mainz 2:0 gewinnen sehen und konnten mit Sicherheit live und vor Ort einige wichtige Eindrücke mit nach Hamburg bringen. Was, darüber allerdings schwieg der Trainer: „Sie haben mir berichtet, dass der VfB ein ordentliches Spiel gemacht hat – aber wir kennen den VfB ja auch, wir wissen, was auf uns zukommen wird, aber wir konzentrieren uns letztlich auf uns selber.“

 

Mein „Sky“-Kollege Sven Töllner sprach bei seiner Frage an den HSV-Trainer von einem „glücklichen Punktgewinn gegen Freiburg“ (so hätte ich es ganz sicher auch formuliert – weil es ganz glücklich war!), aber Bruno Labbadia stellte das 1:1 für sich in ein rechtes Licht: „Es war ein erkämpfter Punkt!“ Wie dem auch sei. Ich will das Spiel gegen Freiburg auch nicht im Nachhinein noch einmal von allen Seiten beleuchten, für mich war es einfach nur schlecht (vom HSV), und zwar erschreckend schlecht. Bis auf die Schlussphase. Und ich glaube, dass auch alle HSV-Verantwortlichen gut daran täten, wenn sie diese 90 Minuten aus dem vorletzten Heimspiel der Saison so oder ähnlich negativ einschätzen oder einstufen würden. Alles andere wäre Augenwischerei.
Bruno Labbadia relativierte aber aus seiner Sicht: „Das sieht man nicht nur bei uns, dass es da Schwankungen gibt, das ist auch bei anderen Mannschaften zu sehen. Ich habe zum Beispiel Kaiserslautern gegen St. Pauli gesehen, da lagen die Lauterer plötzlich 0:1 zurück und es ging nicht mehr viel. Das war bei uns ebenfalls so: Wir hätten das 1:0 gegen Freiburg machen können, kriegst aber das 0:1 und dann passieren solche Spiele. Dann, mit dem 1:0 im Rücken, macht es der Gegner auch gut, und dann gibt es solche Spiele. Freiburg hat es dann auch richtig gut gemacht, wir nicht – aber das haben wir ja auch zugegeben. Und ich habe einige Sachen bei uns gesehen, die nicht so liefen, wie wir uns das vorgestellt hatten.“ Dass es doch noch ein 1:1 gab, lag vornehmlich daran, dass Labbadia voll auf Offensive setzte und noch jeden Stürmer einwechselte, den er noch hatte. Auch wenn Maximilian Beister vielleicht einige Minuten zu spät kam, wie etliche Kollegen noch am Sonntag bemerkten.

 

Immerhin konnte Bruno Labbadia als Coach doch noch etwas Positives aus dem Freiburg-Spiel mitnehmen: „Es hat uns gezeigt, dass wir immer wieder aufstehen können. Dass wir zwar mal kurz am Boden liegen, dass wir mal Rückschläge erleiden, aber dass wir immer wieder dagegen an arbeiten, das hat uns dieses Spiel gezeigt, aber auch schon die Spiele davor. Wir sind zuletzt immer wieder aufgestanden, und das bringt uns dann auch eine gute Stimmung in die Mannschaft. Man darf nie aufgeben. Nie.“

 

Keine Frage (die am Rande eines Trainingstages immer mal wieder aufkommt!) spielt übrigens für den Trainer, ob Rafael van der Vaart auch in Stuttgart wieder zur Auflaufformation gehören wird: „Rafa hat sich gleich zu Anfang im Training gezeigt, dass er dem Verein und der Mannschaft helfen will. Das haben wir aufgenommen. Dann haben wir ihn auf verschiedenen Positionen eingesetzt, aber ganz klar ist er derjenige, der für mich auf der Acht spielen könnte – weil er eine gewisse spielerische Qualität bei uns reinbringt.“
Jetzt spielt der „kleine Engel“ aber auf der Sechs, doch auch das sieht der Trainer nur positiv: „Er hat das dort mit Gojko Kacar gemeinsam, was die Arbeit betrifft, was die Kompaktheit betraf, sehr gut gemacht. Und von dem her ist es gut, dass der Kapitän zuletzt solche Leistungen gebracht hat.“ Bruno Labbadia dann noch zum Abschluss über van der Vaart: „Ich glaube, dass er sich als Kapitän von seinem Verein einfach nur gut verabschieden will, und dazu kann er selbst viel beitragen.“ Mit einem Spiel mit Herz und Leidenschaft. Und das wird der Niederländer auch, bei aller Kritik, die es immer wieder mal für ihn gibt, auch am Sonnabend wieder an den Tag legen.

 

Apropos Tag. Bruno Labbadia befand über sein Wirken im Moment (weil er von den meisten neutralen Beobachtern gelobt wird): „Der Abstiegskampf hat mich zu einem kompletteren Trainer gemacht. Das ist eine ganz andere Art, zu arbeiten, aber ich brauche es nicht jeden Tag.“

 

Das Schlusswort zum Vatertag, aber eher schon im Hinblick auf Stuttgart, kam auch noch von Labbadia, der befand: „Wir haben uns zuletzt eine Ausgangslage geschaffen, von der wir vor einigen Wochen nur geträumt haben. Diesen Weg müssen wir jetzt weiter gehen. Das ist ein Kraftakt, aber es hilft nichts, es sind ja nur noch zwei Spiele.“

 

Und für die gilt:

Verlieren verboten!

 

Nur der HSV!

 

PS: Nachdem Lars Pegelow gestern so gefeiert wurde, weil er an Carl-Edgar Jarchow (der an diesem Freitag seinen letzten offiziellen HSV-Tag hat) gedacht hat, möchte ich mich auch noch kurz daran versuchen – und mir meine Belobigungen dafür abholen. Schon jetzt dafür ein herzliches Dankeschön!

Da ich weiß, dass im Hause Jarchow auf jeden Fall einer bei Matz ab mitliest, mache ich das mal so:

„Lieber Herr Jarchow, Sie haben gewiss keine schöne zweite HSV-Zeit (nach der Aufsichtsrat-Tätigkeit) gehabt, im Gegenteil, Ihr Wirken gestaltete sich äußerst zäh und wenig erfolgreich. Ich habe Ihnen immer gesagt, dass ich Ihren Mut bewundert habe, dass Sie dieses Amt übernommen haben. Kaum ein anderer HSVer hätte das gemacht. Und obwohl Sie ziemlich schnell wussten, was Sie da übernommen hatten, verlängerten Sie auch noch. Warum auch immer, spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte ich, Dieter Matz, das Handtuch geworfen.
Sie hatten in meinen Augen nie eine richtige, eine faire Chance, den HSV wieder nach oben zu führen, weil die Club-Kasse chronisch leer war. So ist es, die Ausnahme heißt Klaus-Michael Kühne, bis heute geblieben – und nun wollen wir mal sehen, wie sich der HSV in Zukunft so machen wird.

Auf jeden Fall waren Sie immer ein fairer Gesprächspartner, und obwohl Sie mitunter recht heftig kritisiert und attackiert wurden, haben Sie immer Rede und Antwort gestanden, ohne ausfällig oder beleidigt zu sein. Das war hanseatisch stark und immer Erste Liga!
Das muss Ihnen erst einmal – vor allem über eine so lange Zeit – einer nachmachen. Natürlich haben Sie auch manchen Fehler gemacht, ganz klar – aber wer macht die nicht? Diejenigen, die nun am meisten in die Luft gehen, die sollten sich vielleicht selbst einmal fragen, ob das alles so richtig ist, wie sie ihren Weg gehen – oder bislang gegangen sind . . .

Alles Gute für Ihren weiteren Weg, ich freue mich, dass Sie zum Hamburger Fußball-Verband gehen werden – ich bin dann ein „Untergebener“ von Ihnen.

Dieter Matz

 

18.04 Uhr

Mach et, Lasse!

30. Oktober 2013

ACHTUNG: Heute wird NICHT ÖFFENTLICH trainiert. Morgen geht es um 16 Uhr mit dem Abschlusstraining weiter!

Er ist gefragt. Fast täglich – nein, tatsächlich täglich – laufen beim HSV Interviewanfragen für Pierre Michel Lasogga ein. Doch der Stürmer mit der Rekord-Torquote bleibt ruhig. Wie immer. Und das, obwohl ihm aus Berlin der Ruf vorauseilte, er sei leicht abzulenken, einfach noch sehr jung. Nur gut, dass ich mich wie immer erst selbst überzeugen wollte. „Ich weiß doch selbst, wie schnell das geht. Jetzt wirst du hochgejubelt, triffst Du dann nicht, geht’s schnell andersrum“, hat Lasogga nach dem Freiburg-Spiel gesagt – und damit Recht. Vor allem aber wirkt Lasogga vielleicht jugendlich – aber absolut fleißig, ehrgeizig, lernwillig und bodenständig. Eben einfach gut.


Es ist einfach schön zu sehen und zu hören, wie sich der Leihspieler beim HSV einbringt. Seine Geschwister waren in der vergangenen Woche mit in Hamburg und immer um ihren großen Bruder herum. „Die Familie ist und bleibt für mich immer das Wichtigste“, sagt Lasogga und lebt es uns vor, „es geht nichts drüber. Ich orientiere mich nicht an irgendwelchen Stars, sondern an meinen Leuten zu Hause. Das garantiert mir, dass ich nicht abhebe.“ Egal, wie hoch er von (uns) Medien gehoben wird. „Ich mache mir da mal gar keine Sorgen“, sagt Rafael van der Vaart, „Pierre ist ein überragender Typ, der immer erst an die Mannschaft denkt. Er ist einer, den jede Mannschaft haben will – und auch braucht.“

Ähnlich reden inzwischen die Berliner von Per Skjelbred, der sich nicht minder schnell zum Stammspieler entwickelt hat. „Per macht seine Sache mehr als ordentlich, ist ein ganz wichtiger Faktor in unserem Spiel“, lobt Hertha-Manager Michael Preetz, der den Deal Lasogga/Skjelbred als „Glücksgriff für alle Beteiligten“ bezeichnet. Und damit hat Preetz Recht. Sich jetzt hier hinzustellen und darüber zu philosophieren, ob Skjelbred in der Verfassung auch dem HSV geholfen hätte, ist meiner Meinung nach überflüssig. Zum einen, weil er nun mal nicht mehr hier ist – zum anderen aber auch, weil der HSV im Mittelfeld momentan sicherlich so gut funktioniert wie lange nicht. Die Frage, die sich mir stellen würde, wäre eher: Hätte sich Skjelbred beim HSV so wie jetzt bei Hertha durchgesetzt, nachdem er es hier zwei Jahre lang nicht geschafft hatte? Ich glaube nicht. Wen hätte er jetzt verdrängt? Arslan? Sicher nicht. Badelj – noch weniger. Und die beiden Außenbahnen sind an Calhanoglu und Beister vergeben, wobei auf rechts vielleicht kurzzeitig die Tür für Skjelbred offen gewesen wäre.

Skjelbred war zum falschen Zeitpunkt am richtigen Ort. Leider. Denn der Norweger, dem verschiedene Angebote vorliegen sollen, ist ein charakterlich ebenso einwandfreier Typ wie Lasogga. Einfach für jede Mannschaft eine Bereicherung. Deshalb sollten wir die Situation jetzt so nehmen, wie sie ist – denn die hilft allen. Lasogga, dem HSV und Skjelbred samt seiner Hertha. Letztlich haben sogar beide Vereine eine deutliche Wertsteigerung ihrer Spieler, die sie zurückfordern oder eben verkaufen.

Apropos verkaufen: Ich habe mir wie die meisten hier, das beachtenswerte Werk monatelanger Recherchen auf spielverlagerung.de (http://spielverlagerung.de/2013/10/29/finanz-analyse-hamburger-sportverein-hsv/) durchgelesen. Das allein hat mich Stunden gekostet, weil der Bericht angereichert war mit Organigrammen, die den Verein anschaulich durchleuchten. Aber es war die Mühen wert. Bis auf kleine Ausnahmen steht dort zwar nicht viel Neues drin, was nicht schon mal irgendwo geschrieben wurde – aber dafür zeichnet sich das Stück durch seine Komplexität aus. Es steht wirklich alles zusammengefasst drin, was das geneigte HSV-Mitglied vor der Mitgliederversammlung im Januar wissen muss. Jeder kann sich hier ein Bild vom HSV machen, wie der Verein funktioniert, wer wo das Sagen hat – und warum eine Strukturreform so wichtig ist. Daher das Prädikat: Extrem empfehlenswert!

Das Prädikat „jung aber stark“ hat indes der HSV gefunden. Auch hinten in der Innenverteidigung. Dort spielten zuletzt der zweite Shootingstar neben Lasogga – Jonathan Tah – und Lasse Sobiech. Der eine 17, der andere 23 Jahre alt. „Aber das Alter täuscht hier“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer, „denn gerade die beiden spielen sehr abgeklärt.“ Und sie werden von Rene Adler (170 Bundesligaspiele), Marcell Jansen (213 Bundesligaspiele) und Heiko Westermann (270 Spiele) umrahmt. „Was soll da schiefgehen“, lacht Sobiech, „mehr Erfahrung um einen herum geht doch gar nicht.“

Allein, sie kämen auch mit weniger klar – behauptet zumindest Marcell Jansen, der nicht nur Sobiech und Tah in der Viererkette direkt neben sich hat, sondern auch noch Bundesliga-Neuling Hakan Calhanoglu auf links vor sich. „Reden müssen alle, das ist unabhängig vom Alter. Dafür ist das Spiel einfach zu schnell geworden. Deshalb trainieren wir das jetzt auch auf dem Platz, weil wir gemerkt haben, wie wichtig eine gute Kommunikation da ist. Aber die Jüngeren brauchen keine großen Ansagen mehr von uns, höchstens mal ne Aufmunterung, wenn mal etwas nicht so klappt“, sagt der Linksverteidiger, der am Sonnabend seine Familie in Hamburg begrüßen will. Im doppelten Sinne. Denn neben seiner echten Familie kommt auch sein Heimatklub Mönchengladbach nach Hamburg. „Dass da Heimatgefühle aufkommen, ist klar. Es ist ein geiles Spiel für mich. Zwei Traditionsvereine, ich habe dort 14 Jahre gespielt. Aber ich hoffe, dass ich die Punkte hier behalten werde und sich alle früh mich freuen.“

Dass es trotz der Gladbacher Auswärtsschwäche (erst ein Punkt in fünf Spielen) schwer wird, das weiß auch Jansen. Zumal der HSV auch erst vier Punkte in vier Heimspielen sammeln konnte. „Es wird ein spannendes Spiel“, so Jansen. „Am Sonnabend treffen zwei Mannschaften mit Trainern aufeinander, die für eine klare Philosophie und taktische Disziplin bekannt sind. Es ist allerdings ziemlich wahrscheinlich, dass es diesmal nicht so ein Spektakel wird wie zuletzt. Eher ein Spiel, wo zwei Mannschaften auf Fehler lauern und versuchen, den Gegner zu zermürben.“

Sich nicht zermürben lässt Lasse Sobiech. Im Gegenteil: Sobiech brennt auf seinen Einsatz, der unter normalen Umständen für die Partie gegen Gladbach gesichert sein sollte. Gerade, weil er Schwierigkeiten hatte, die letzten Spiele von draußen zu sehen. „Das war natürlich nicht schön, alles andere als einfach. Aber so eine Phase haben die meisten Fußballer mal in ihrer Karriere. Aber es war auch eine Form der Extramotivation, dem Trainer zu zeigen, dass man in die erste Elf gehört.“ Wie jetzt am Sonnabend – und am vergangenen Sonntag, als er nach 21 Minuten für den verletzten Johan Djourou kam, der voraussichtlich zehn bis 14 Tage ausfällt. Ob er sich selbst gewundert hat, nach seiner Einwechslung so schnell ins Spiel gefunden zu haben? „Ehrlich gesagt ja“, so Sobiech, „denn der Platz in Freiburg war eklig zu bespielen, der SC hat Druck gemacht. Aber ich hatte ja keine Zeit, groß nachzudenken – das hat wahrscheinlich geholfen.“ Wer in der Innenverteidigung – gibt es überhaupt eine jüngere Innenverteidigung in der Liga? – das Sagen hat? „Alle“, antwortet Sobiech, „wir verstehen uns so gut, dass wir uns alle helfen, da muss sich keiner mehr profilieren.“ Außer er. Oder? „Ja, klar. Aber das geht am besten über das Kollektiv. Funktionieren wir als Mannschaft, funktioniert auch der einzelne besser.“ Gutes Omen für Sobiech: Mit Gladbach kommt ein alter Bekannter nach Hamburg: Max Kruse. Der hier verschmähte Torjäger spielte mit Sobiech zusammen beim FC St. Pauli: „Ich freue mich auf ihn. Er ist ein toller Typ – und ich weiß, wie man ihn ausschalten kann.“

Na dann. Mach et, Lasse!

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um 16 Uhr an der Arena trainiert. Lars ist vorher bei der Pressekonferenz mit Bert van Marwijk sowie anschließend beim Training dabei und berichtet ausführlich wie immer. Ich melde mich dann am Freitag wieder bei Euch. Bis dahin: Macht’s gut!

Scholle

P.S.: Nach Martin Harnik beschleicht mich auch beim Zuhören (aber vor allem beim Zusehen seiner Spiele) von Max Kruse (http://www.youtube.com/watch?v=IPDLKCNPiq0) wieder so ein bedrückendes Gefühl: Warum ist der aus Hamburg weg, ohne beim HSV gespielt zu haben? Und ganz ehrlich, ich weiß zwar, warum der HSV ihn damals nicht genommen hat. Aber ich habe es damals nicht verstanden und werde es wohl auch nie verstehen.

Der Umbruch ist in vollem Gange – und er funktioniert

23. Oktober 2013

Maxi Beister war heute unser Mann in der Presserunde. Und das sollte man schon als Anzeichen werten dürfen, dass er am vergangenen Wochenende zumindest keinen Mist gemacht hat. Allein er selbst mag nicht über seine Leistung sprechen. „Das steht mir nicht zu, beurteilt ihr das“, so die Antwort des 23-Jährigen, der am Sonntag gegen Stuttgart zwar zunächst enttäuscht, dann aber sehr zufrieden gewesen sein dürfte. „Natürlich will ich mehr spielen, das will jeder Spieler. Aber ich war nicht sauer“, nimmt Beister gleich jeglichen Zündstoff aus der Geschichte. Muss er auch. Denn anders als teamorientiert wird man bei van Marwijk nichts. „Der Trainer fordert und fördert das bei uns auf dem Platz – und das schlägt sich auch außerhalb des Platzes nieder.“

Auch bei ihm. Einst ganz offensichtlich zu hochgejubelt, dann in ein kleines bis mittelgroßes Loch gefallen – und jetzt wieder auf dem Weg zurück? „Ich fühle mich gut, fühle mich wohl“, sagt Beister, der gerade sein Fachabitur nachmacht und dafür außerhalb der Trainingszeiten beim HSV als Praktikant unterwegs ist. Corporate Identity? Absolut. Beister betont, wie wohl er sich beim HSV fühlt. „Ich habe nicht umsonst einen langfristigen Vertrag beim HSV unterschrieben. Ich sehe mich in Hamburg, beim HSV. Ich fühle mich hier heimisch. Ich bin noch relativ jung und weiß, dass es in Hamburg richtig Druck gibt. Damit kann ich gut leben. Ich lasse mich von meinem Weg auch nicht abbringen, egal, was irgendwelche Leute erzählen. Ich sehe meinen Weg absolut hier.“

Geduld, wie zuletzt notwendig, als er zweimal auf der Bank saß, hat er nur bedingt. Naturgemäß. „Ich bin da keine Ausnahme, jeder Fußballer will möglichst immer spielen. Ich habe aber kein Problem damit gehabt, die letzten beiden Spiele auf der Bank zu sitzen.“ Zumal er nach seiner Einwechslung gegen Stuttgart mit einer Torvorlage und einem Tor effektiver war als alle Spieler sonst auf dem Platz. „Ich hatte dennoch einige Angriffe auf dem Fuß, die ich besser hätte abschließen können“, bremst Beister die Euphorie.

Beister ist deutlich kritischer geworden. Mit sich, mit seinen Leistungen – eigentlich mit allem. Frustriert wirkt er nicht mehr. Das war am Ende der vergangenen Saison. Inzwischen hat sich Beister mit seiner Position arrangiert, seine Position erkannt. Er ist nicht mehr der Shootingstar, zu dem ihn die Medien und die Blogs dieser Stadt anfänglich gemacht hatten. Aber er ist auch nicht so unten durch, wie er sich in der vergangenen Saison zwischenzeitlich wähnte. „Er hatte eine Phase, in der er sich selbst zu klein gemacht hat“, erzählte mir Extrainer Thorsten Fink, „da brauchte er Zuspruch.“ Den hat er von Fink bekommen, den bekommt er von seinen Mannschaftskollegen – und den bekommt er jetzt von Trainer Bert van Marwijk. „Maxi hat sehr, sehr gut gespielt“, so van Marwijk, der Beister eine Startelfnominierung am Sonntag in Freiburg kaum noch verweigern kann.“

Beister macht einen Schritt vorwärts. Im Ganzen. Er wirkt gereifter, hat aus den oft nicht leicht hinzunehmenden Erfahrungen in Hamburg gelernt. „Ich bin ein junger Spieler. Dass es da immer mal wieder Schwankungen gibt, ist doch klar. Aber ich sehe mich immer noch auf dem richtigen Weg. Schlechte Spiele bringen mich nicht davon ab. Mit der Erfahrung und mit dem Alter kommt dann auch die Konstanz.“ Hoffentlich. Denn Beister hat alle Zutaten, ein ganz wichtiger Spieler für den HSV zu werden. „Maxi ist ein guter Junge, der seine Rolle gerade findet“, sagte mir Oliver Kreuzer noch vor dem Stuttgart-Spiel. Vor allem aber ist Maxi einer von den jungen Wilden, mit denen vor zwei Jahren der große Umbruch begonnen wurde.

Beister ist eines der Gesichter dieses Umbruchs. Wobei ich mir die Frage stelle, wie man die aktuelle Situation nennen sollte. Jetzt, wo – von wem auch immer verpflichtet und verlängert – gerade die Jungen für Aufsehen sorgen. Ein Jonathan Tah, ein Tolgay Arslan, ein Pierre Michel Lasogga, Hakan Calhanoglu und eben auch ein Maxi Beister. Ist das der aktive und funktionierende Umbruch?
Ich glaube schon.
Der HSV kann sich auf seine Jungen verlassen, auf seine Alten ebenfalls. Wieder zumindest. Oenning, Arnesen und Fink hatten das Modell angeschoben – Bert van Marwijk organisiert den Feinschliff. „Wir haben alle eine Rolle, die der Trainer genau umrissen hat“, sagt Arslan beispielsweise und erhält Unterstützung von Rafael van der Vaart: „Wir haben gute Jungs, eine gute Mannschaft. Und der Trainer bringt sie in die richtige Bahn. Das merkt man, das merkt die Mannschaft – und das verleiht Selbstvertrauen – und das wiederum bringt Erfolge.“

Eine Gleichung, die hoffen lässt. Wobei zwingend dazugehört, defensiv besser zu stehen. Van Marwijk lässt die beiden Sechser wechselweise – zumeist Arslan – offensiver spielen. Nicht immer zugunsten der eigenen Defensivarbeit, die der Niederländer bei seinem Amtsantritt noch als Priorität bezeichnet hatte. „Defensiv hat der HSV – bei allem Respekt vor der guten Mannschaft – noch Probleme“, sagt Martin Harnik, der mir eine ganz interessante Perspektive eröffnete. Die als Spieler gegen den HSV. Was zum Beispiel hat Thomas Schneider, sein Trainer, vor dem Spiel für Schwächen beim HSV hervorgehoben? „Er hat uns gesagt, dass die rechte Seite noch nicht so eingespielt ist, dort Heiko Westermann nicht unbedingt ein gelernter Rechtsverteidiger ist.“ Und ich behaupte, der eigenwillige aber durchaus sympathische Freiburg-Trainer Christian Streich wird das ähnlich erkannt haben. Zumal der HSV von den letzten fünf Gegentoren alle fünf über die rechte Seite bekam…

„Wir wachsen von Spiel zu Spiel“, hofft Kreuzer auf den Effekt der Gewöhnung. Und er hat Recht. Mit zunehmender Spielzahl werden sich auch Westermann und sein Pendant – ich tippe eher auf Beister denn auf Zoua – aneinander gewöhnen. „Wenn Heiko, Rafael, Cello (Marcell Jansen, d. Red.) oder Rene einen führen, muss sich niemand Gedanken machen“, sagt Arslan und spricht aus eigener Erfahrung. Insofern hoffen wir einfach mal, dass das künftig auch für die rechte Seite gilt.

Einer, der maßgeblichen Anteil an der Defensivarbeit hat ist Johan Djourou. Ein Ivorer mit Schweizer Pass und schwer nachzuzeichnenden Familienverhältnissen, über die er uns morgen im Abendblatt-Interview aufklärt. Dort spricht er auch über seine persönlichen Ziele beim HSV, für den er am Sonnabend gegen Stuttgart den Fabelwert von 100 Prozent gewonnener Zweikämpfe hatte. Trotz dreier Gegentor. Er war sogar beim 2:3 schneller als sein Gegenspieler – allerdings auf der falschen Seite. Eigentorschütze Djourou: „Nee, nee, auch diesen Zweikampf wollte ich unbedingt gewinnen. Aber im Ernst: 100 Prozent ist natürlich ein toller Wert, aber wenn man 3:3 spielt, kann man sich als Abwehrspieler nur begrenzt freuen. Was die Statistik betrifft: In meiner Zeit bei Hannover 96 hat Mirko Slomka mal für jede Position ein Poster in die Kabine gehängt, auf dem alle relevanten Parameter für eine gute Leistung aufgelistet waren. Also in meinem Fall als Innenverteidiger: Zweikampfstatistik, Passquote, Ballkontakt und so weiter. Daneben standen die besten fünf Verteidiger der Liga. Seitdem versuche ich, möglichst in allen Bereichen perfekt zu sein. Das gelingt natürlich nicht immer, aber manchmal kommt man schon nah an die Top fünf der Liga ran.“

Hoffentlich nicht nur er. Bald.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann wieder mit Lars und einer Trainingseinheit um 16 Uhr. Genießt den Abend, das Tiki-Taka in Bajuwaren-Kleidern – aber vor allem die Aussicht beim HSV. Denn da wird nicht nur Beister besser. Ein Tipp: Schaut Euch noch einmal alle drei Tore gegen Stuttgart an. Achtet mal darauf, wie ineinandergreifend da zusammengespielt wurde. Es waren für mich nicht nur schöne Tore, weil es gekonnte Kombinationen waren. Für mich waren die Tore auch zarte Indizien dafür, dass diese Mannschaft wieder zusammenarbeitet. Sie reden nicht nur darüber, dass sie wieder als ein Team arbeiten, sie machen genau das, was van Marwijk mehr forciert als alle Trainer zuvor in meiner Zeit beim HSV: Teamgeist. Das allein garantiert keinen Erfolg. Aber es erhöht allemal die Wahrscheinlichkeit.
Euer Scholle

P.S.: Rafael van der Vaart beendete die heutige Einheit bereits nach einer Stunde. Und allen stockte der Atem. Das allerdings nur kurz: „Es ist alles okay, nichts Schlimmes“, so der HSV-Kapitän beruhigend.

Diese Mannschaft funktioniert – immer besser…

21. Oktober 2013

***TIPP: Weil das Upload-Volumen zu groß sein soll, habe ich die Interview-Videos mit van der Vaart, Kreuzer und Calhanoglu auf unsere Facebookseite (www.facebook.com/groups/matzab) gestellt***

So macht selbst der Wochenbeginn Spaß. Als ich heute ziemlich früh beim Bäcker aufschlug und neben den Brötchen die Zeitungen kaufte, wusste ich schon, dass ich beim Lesen noch mal den Spaß haben würde, den mir das 3:3 am Sonntag schon gemacht hatte. Ganz so schön wurde es dann zwar doch nicht – nichts geht über das Live-Erlebnis – aber zumindest annähernd. Denn obwohl der HSV nur einen Punkt gegen auswärts sehr gut auftretende Stuttgarter gewinnen konnte, macht dieses Spiel Hoffnung. Weil die Mannschaft funktioniert. Dreimal zurückgelegen, dreimal zurückgekommen und am Ende sogar den Sieg vor Augen gehabt – wann gab es das das letzte Mal?

„Die Mannschaft ist moralisch intakt“, freut sich Sportchef Oliver Kreuzer (Das Interview ist auf unserer Facebookseite zu sehen), dessen Verpflichtungen zu immer größeren Glücksgriffen werden. Zwar muss man zugeben, dass ein Skjelbred in seiner jetzigen Verfassung sicher auch für den HSV eine Bereicherung wäre – aber der Tausch mit Pierre Michel Lasogga hat sich bereits jetzt ausgezahlt. Der Angreifer erzielte bereits seinen sechsten Pflichtspieltreffer für den HSV und wirbelte vorne einige Löcher in die VfB-Abwehr, während das Mittelfeld fast komplett stark auftrat. Bis auf Jacques Zoua, der zur Halbzeit ausgewechselt wurde, hatten alle anderen Mittelfeldspieler maßgeblichen Anteil an dem starken Offensivspiel. Vor allem auch der offensivere von zwei Sechsern, Tolgay Arslan, wusste zu gefallen und fand nach seinem Traumtor gegen Nürnberg auch den Weg in die Liste der Vorlagengeber. „Tolgay hat ein starkes Spiel gemacht“, lobte Kreuzer heute. Der neue Trainer, die etwas offensivere Rolle und das Erfolgserlebnis der Vorwoche hätten den Deutsch-Türken stark gemacht. „Wobei, Tolgay spielt schon seit vielen Wochen ganz stark“, relativierte Mannschaftskapitän Rafael van der Vaart Arslans Spiel – passenderweise mit einem Kompliment.

Sorge, dass Arslan abheben könnte, muss man sich eigentlich nicht machen. Im Gegenteil. Arslan gilt als ruhiger, mannschaftsdienlicher und lernwilliger Spieler. Bezeichnend war für mich: Als er seine erste Hochphase unter Fink hatte, sagte er: „Ich mache meine Entwicklungsschritte nicht so schnell wie andere vielleicht – aber ich versuche dafür jeden einzelnen Schritt komplett und somit richtig zu machen. Ich weiß, dass ich Geduld haben muss, wenn ich an mein Leistungslimit kommen will, vielleicht mehr als andere. Aber ich weiß auch, was ich will. Und dafür lohnt es sich, geduldig zu sein.“

Das Spiel gegen Stuttgart war das mit Sicherheit beste von Arslan bisher. Finde ich. Er hat defensiv seine Arbeit verrichtet und nach vorn zwei Tore mit eingeleitet. „Ein Stück weiter vorgezogen habe ich natürlich auch etwas mehr Möglichkeiten“, sagt Arslan vorsichtig, weil er weiß, dass jedes Lob für den aktuellen Trainer auch Thorsten Fink negativ ausgelegt werden könnte. Und daran hat der loyale Mittelfeldmann keinerlei Interesse. „Tolgay macht eine tolle Entwicklung durch“, so Kreuzer, der im Spiel gegen Stuttgart mit Arslan sowie Jonathan Tah, Hakan Calhanoglu, Lasogga und den eingewechselten Maxi Beister gleich fünf Spieler unter 23 Jahren auf dem Platz hatte. Die richtige Perspektive? „So gesehen ist das natürlich gut. Und darauf bauen wir auch“, sagt Kreuzer, der bei seinen Jungspielern auf schnelle Entwicklungen setzt. „Weil wir im Moment die richtige Mischung aus jung und alt auf dem Platz haben.“

Stimmt. Wer gestern genau hingesehen hat, der hat bemerkt, dass die Jungen geführt werden. „Ein Tolgay fängt sogar schon selbst an, zu führen“, freut sich Kreuzer. Aber auch Arslan verlässt sich auf Führungskräfte wie Rafael van der Vaart. Im Spiel gestern hatte der Kapitän zwar längst nicht so viele gute Szenen wie in seinen besseren HSV-Spielen. Dafür aber hatte er die Zeit, sich auf ein, zwei oder vielleicht auch drei spielentscheidende Szenen zu konzentrieren. Oder anders formuliert: Rafael van der Vaart (Calhanoglu: „Rafa kam immer wiede5 zu mir und sagte: ‚Hakan, wir packen das noch. Mach einfach weiter’“) konnte sich ausruhen und im richtigen Moment zuschlagen – wie beim 3:3, das von seinem designierten Nachfolger Hakan Calahanoglu mustergültig eingeleitet wurde. „Hakan hat die Qualität, Spiele mit Einzelaktionen zu entscheiden“, hatte Kreuzer zuletzt den Druck vom Ex-Karlsruher genommen, in die Spielmacherolle van der Vaarts wachsen zu müssen. „Er braucht einfach das Vertrauen des Trainers.“ Und das hat er jetzt. Seit Rodolfo Cardoso ihn auf links einsetzte, ist Calhanoglu dort gesetzt und liefert ein gutes Spiel nach dem anderen. „So ein Spiel habe ich noch nie erlebt“, freut sich Calhanoglu, „von beiden Mannschaften. Wir haben so gut gespielt, nie aufgegeben. Wir hätten gewinnen müssen.“selbst sein Vater,der ihn “eigentlich nie” lobt, war hochzufrieden. “Er hat mich gelobt und gesagt, dass er überrascht war, wie ich die Eins-ggen-Eins-Situationen gesucht und gemeistert habe”, so der Gelobte sichtlich erfreut.

Bei allem darf man nicht vergessen: Der VfB hat ein starkes Auswärtsspiel gemacht und ist auf eine noch bessere Heimmannschaft getroffen. Van der Vaart wirkte motiviert („Die Stimmung innerhalb der Mannschaft ist top. Alle wissen, was sie machen müssen und fühlen sich sicherer – das motiviert“) und auch die restliche Kreativabteilung war in Form. Arslan mit dem Spiele seiner noch jungen Karriere, Calhanoglu mit Beteiligungen an zwei Toren und auch Milan Badelj ewusste wieder zu gefallen. Dass nach Calhanoglu und Arslan auch der dritte Vorzeige-Youngster des HDSV an zwei Toren beteiligt war, rundet die Sache nur ab. „Die Perspektive ist gut“, freut sich Kreuzer, „diese Mannschaft hat Zukunft.“

Stimmt. Vor allem wenn man bedenkt, dass Calhanoglu noch am Anfang seiner Entwicklung steht – und mit Bert van Marwijk ganz offensichtlich den passenden Förderer gefunden hat „Ich dachte eigentlich immer, dass ich ein guter Fußballer bin“, so der türkische Nationalspieler, „bis van Marwijk kam. Seitdem machen wir Übungen, wo ich wo ich seit langem das erste Mal wieder sehe, wie viele Fehler ich noch mache. Und der Trainer hat immer den passenden Tipp, hilft mir mit seiner Riesenerfahrung tierisch.“ Wo er seiner Meinung nach in seiner Entwicklung steht? „Schwer. Eher am Anfang. Ich habe auf jeden Fall vor, noch viel besser zu werden.“

Besser werden soll es schon in Freiburg. „Wir haben sehr gut gespielt, sind immer wieder zurückgekommen – das hat schon sehr gut ausgesehen“, lobt van der Vaart um gleich zu mahnen: „Aber ein Punkt ist zu wenig. Wir müssen jetzt in Freiburg weitermachen, nachlegen. Unser Fußball ist schon deutlich besser geworden, als noch vor ein paar Wochen“, so der Mann, der selbst maßgeblich daran beteiligt ist und war.

Egal wie, zu sehen, dass die Jungen langsam spielerisch Verantwortung macht Spaß. Da können ein Westermann, ein Adler und ein Djourou zeitgleich überschaubare Formen an den Tag legen – am Ende springt dennoch ein gutes Spiel dabei heraus. Und wenn alle Einwechselspieler so funktionieren, wie Maxi Beister – dann können wir in einem halben Jahr über andere Ziele als das verlassen der Abstiegszone sprechen.

„Das kann der HSV ganz sicher, wenn die Mannschaft jede Woche solche Spiele abruft“, lobt auch der Hamburger im Exil, Martin Harnik. Im Spiel hatte der österreichische Nationalspieler mehr in der Defensive zu tun, als ihm lieb war (“Über links hat der HSV schon eine Menge Qualität”), zudem war das Stuttgarter Spiel sehr linkslastig, „weil wir schnell erkannt hatte, dass der HSV auf der eigenen rechten Seite Probleme hatte.“ Letztlich aber war Harnik zufrieden über den Punktgewinn „zumal wir nach dem 2:2 viele brenzlige Situationen mit Glück überstanden haben, können wir mit dem einen Punkt trotz dreier Tore auswärts gut leben.“

Wir auch. Irgendwie. Zumindest, was die Lehren des Spiels betrifft. Denn die lauten: Moral intakt, Kreativität vorhanden, Torgefahr auch. Nur defensiv muss es etwas stabiler werden. „Aber da mache ich mir keine Sorgen“, so Kreuzer, „der Trainer weiß schon die richtigen Hebel zu betätigen, um auch in Freiburg zu bestehen.“

Ich glaube es auch. Zumindest habe ich bislang in der gesamten Zeit unter van Marwijk noch keinen Anlass geliefert bekommen, daran zu zweifeln. „Die Mannschaft macht noch viele Fehler“, hatte van Marwijk analysiert – „aber sie macht sie wieder gut. Und darauf lässt sich aufbauen.“ In diesem Sinne, morgen ist zwar trainingsfrei, einen Blog wird es aber dennoch geben. Ich freue mich drauf!

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Weil es gestern zu kurz kam, hier noch mal einen Herzlichen Dank an alle, die am Sonnabend im Anno1887 dabei waren. Es hat mir wirklich großen Spaß gemacht zu sehen, wie sehr sich alle mit diesem HSV identifizieren und inhaltlich mit dem Klub beschäftigen. Es war eine sehr kritische Auseinandersetzung mit unseren Gästen Ernst Otto Rieckhoff und vor allem mit Oliver Scheel. Letztgenannten möchte ich hiermit noch mal meinen Respekt dafür zollen, dass er von sich aus die Veranstaltung besucht hat und sich trotz der oft sehr emotionalen Fragen für keine Antwort zu schade war. Alles zusammen hat die Veranstaltung – bis auf das abrupte Ende – zu einer weiteren Erfolgsgeschichte für uns Matzaber gemacht. Und eines ist versprochen: das nächste Treffen ist bereits in die Planung gegangen. Vielen Danke noch einmal!!

P.P.S.: Maxi Beister relativierte unseren Verdacht aus “Matz ab live”, weshalb er so verhalten gejubelt hätte. “Natürlich hätte ich mich gefreut, von Beginn an zu spielen. Aber das war kein Protest.” Zudem darf sich Beister relativ sicher sein, am kommenden Wochenende zu beginnen, nachdem sich auch van Marwijk sehr lobend über Beisters 45 Minuten geäußert hatte…

P.P.P.S.: @ lynxwerter: So oft Du mich auch noch bittest, den Namen so auszusprechen, wie Du es wissenschaftlich für richtig erachtest, so oft werde ich Hakans Wunsch vorziehen, den Namen so auszusprechen, wie er es wünscht. Und Hakan selbst möchte „Tschall-ha-noglu“ ausgesprochen werden. Vielleicht respektierst Du das ebenso wie ich und schaffst es für einen Moment mal, Dein überbordendes Wissen dem Wunsch des Betroffenen unterzuordnen. Dann wissen wir dank Dir zwar beide, wie der Name richtig ausgesprochen wird, sprechen ihn aber trotzdem so aus, wie der Genannte selbst ausgesprochen werden will. Was meinst Du?

Verhandlungen mit Tah haben jetzt schon begonnen

19. Oktober 2013

51.000 Karten sind bisher verkauft worden für das Spiel gegen den VfB Stuttgart am Sonntag um 15.30 Uhr, und nicht viel weniger Fans waren heute wohl beim Abschlusstraining am Stadion dabei. Unglaublich, was da los war! Busse aus der Schweiz und den Niederlanden brachten Fußball-Interessierte. Sie alle haben eine sehr gelöste Einheit erlebt vor dem Kick gegen die Schwaben. Wenige Verletzte, das 5:0 in Nürnberg im Rücken, einige erfreuliche Länderspielerlebnisse für den einen oder anderen HSV-Profi – das sorgt für Vorfreude auf das erste Bundesliga-Heimspiel unter Bert van Marwijk. Der Trainer sah sich das muntere Treiben seiner Spieler entspannt an, nachdem er zuvor allerdings Lehrgeld bezahlen musste. Van Marwijk hat seinen Wagen nämlich wie jeden Tag direkt auf dem Parkplatz vor dem Stadion abgestellt, dabei allerdings vergessen, dass dieser Platz schon einen Tag vor einem Spiel für die Fernseh-Ü-Wagen reserviert ist. Ein Ordner musste rennen und das Fahrzeug umparken. Dieser kleine Fauxpas wird Bert van Marwijk sicher nicht noch einmal unterlaufen…

Wichtiger ist sowieso, wie das Spiel läuft gegen den VfB Stuttgart. Aus dem Interview von Scholle mit Martin Harnik gestern war schon herauszulesen, dass die Gäste durchaus gewarnt sind vor dem „neuen“ HSV. Manager Fredi Bobic beurteilt die Hamburger durchaus zwiespältig. „Natürlich haben wir gesehen, dass die einen Aufwärtstrend haben. Vier Punkte in zwei Auswärtsspielen hintereinander holst du nicht mal eben so nebenbei. Gerade das 5:0 in Nürnberg hat gezeigt, wozu diese Mannschaft in der Lage ist. Aber wir haben auch beobachtet, dass der HSV zuletzt Schwierigkeiten mit seinen Heimspielen hatte. Da wollen wir ansetzen. Und wir wollen den Hattrick: die letzten beiden Auswärtsspiele in Hamburg konnten wir gewinnen, jetzt wollen wir den dritten Erfolg in Serie.“ Soweit also Fredi Bobic.

Beim HSV wird es in der Startelf vermutlich wenige Veränderungen geben. Zoua oder Beister auf der rechten Mittelfeldseite, das scheint die einzige Unbekannte zu sein. Hier wird es davor abhängen, wie Bert van Marwijk die Trainingsleistungen der beiden Spieler in den vergangenen Tagen bewertet hat. Für Beister spricht die größere Durchschlagskraft und Torgefahr. Vielleicht bringt van Marwijk ihn deswegen in dem Heimspiel.

Erst zum zweiten Mal in dieser Saison ist Ivo Ilicevic dabei. Nicht in der Startelf, aber zumindest auf der Bank. „Ich bin froh und fühle mich besser. Ich hoffe, dass dies jetzt mal von Dauer ist“, sagte Ilicevic nach dem Abschlusstraining. Nur beim 4:0 gegen Braunschweig saß der Kroate in dieser Spielzeit schon einmal auf der Bank. Ansonsten haben ihn seine Muskelverletzungen immer wieder gestoppt. „Der Trainer war von seinen Trainingsleistungen überzeugt“, sagte Sportchef Oliver Kreuzer, der sich die komplette Abschlusseinheit bei doch sehr frischen Temperaturen im Volkspark angeguckt hat. Ilicevic mischte munter mit, könnte eine Alternative auf dem Flügel sein, wenn im Laufe des Spiels gegen Stuttgart ein Schuss mehr Unberechenbarkeit gefragt ist.

Seinen Stammplatz sicher hat der 17 Jahre junge Jonathan Tah in der Innenverteidigung. Es gibt eigentlich keinen Grund zu glauben, dass der Bursche dieser Aufgabe nicht gewachsen sein sollte. Selbst wenn er es mit Vedad Ibisevic, einem der aktuell besten Stürmer in der Liga, zu tun bekommt. Erst im Januar hatte Tah seinen Vertrag in Hamburg bis 2016 verlängert. Am vergangenen Donnerstag hatte Tahs Berater Akeem Adewunmi einen Termin bei Sportchef Kreuzer. Klar, dass Tah als ganz junger Spieler keine Unsummen beim HSV verdient. Klar aber auch, dass der HSV im Auge behalten muss, dass sich das Talent und die Spielstärke des Spielers so langsam nicht nur in Deutschland, sondern darüber hinaus herum spricht.

Auf den Stand der Gespräche mit Berater Adewunmi angesprochen sagte Oliver Kreuzer heute nur kurz: „Es ist noch ein Stück Weg zu gehen.“ Auf jeden Fall ist es in hohem Maße im Interesse des HSV, wenn der Vertrag Tahs nicht nur verlängert, sondern schon demnächst echten Profi-Bedingungen angepasst wird. Es lässt sich schon nach wenigen Wochen in der Bundesliga erkennen, dass Tah seinen Weg gehen wird im Profi-Geschäft. Und es wäre sehr erfreulich, wenn der Verteidiger nicht nur seine ersten Schritte in Hamburg nehmen würde, sondern länger bleibt als manch anderer junger Spieler.

Ich schreibe diesen Blog gerade aus dem „Anno 1887“. Um 19 Uhr geht’s los hier an der Ulzburger Straße in Norderstedt mit dem Matz-ab-Treffen, und nur wenige Meter von hier wird in wenigen Minuten sicherlich ein Bus eintreffen mit gutgelaunten Fußballern. Die Männer von Rodolfo Cardoso, die U 23 des HSV also, hat heute einen beachtlichen 6:2-Auswärtssieg bei Weiche Flensburg gefeiert. War auch mal wieder fällig nach langen Wochen ohne Dreier und dem Abrutschen auf einen Abstiegsrang. Von den Profis war nur Robert Tesche dabei, der hat mit dem Treffer zum 1:1 aber gleich ein wichtiges Zeichen gesetzt. Die übrigen Tore für die U 23 haben Josef Shirdel (2), Fabio Morena, Dennis Bergmann und Nils Brüning geschossen. In der Tabelle ist der Nachwuchs immerhin auf den 13. Platz geklettert.

Mein Gruß des Tages geht an den geschätzten Kollegen Babak Milani von der „Bild“. Als wir vorhin, während das HSV-Training lief, vom 0:1-Halbzeitrückstand der Bayern gegen Mainz 05 gehört haben, waren wir uns auf zweierlei Weise einig: wäre super, wenn Mainz gewinnt, denn die Bayern-Serie ohne Niederlage soll doch bitteschön reißen, ehe die 36-Spiele-Marke des HSV aus dem Jahr 1982/83 geknackt wird. Zum Zweiten haben wir aber gemeinsam darauf getippt, dass die Partie heute noch mit 4:1 an den Triple-Gewinner gehen würde. Unser Gespräch muss dann irgendwie Einfluss gehabt haben auf den Verlauf der zweiten Halbzeit in der Allianz Arena….

So könnte der HSV spielen gegen den VfB Stuttgart: Adler – Westermann, Tah, Djourou, Jansen – Arslan, Badelj – Beister, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga

Morgen berichtet Euch Scholle von der Partie gegen den Stuttgart – vielleicht mit den nächsten Toren von Pierre Michel Lasogga, der bei jedem Training sprüht vor Energie und Tatendrang. Ein Sprung auf Tabellenplatz zehn ist möglich. Ganz sicher gibt es hier dann anschließend die Live-Sendung mit Dieter, Scholle und ihrem gemeinsamen Gast Frank Mackerodt, früherer HSV-Volleyballstar und Ex-Aufsichtsrat.

Einen guten, erfolgreichen Fußball-Sonntag wünscht Euch
Lars

Heimkehrer Martin Harnik: “Der HSV hat bessere Zeiten verdient…”

18. Oktober 2013

Danach wusste ich noch weniger, weshalb dieser Mann nie beim HSV gelandet ist. Eine gute Dreiviertelstunde hatte sich Martin Harnik am Telefon Zeit für Matz ab genommen – und herausgekommen ist ein Interview, das zeigt, wie leicht es gewesen wäre, den österreichischen Nationalspieler, der seine fußballerische Ausbildung beim SC Vier- und Marschlande am Rande Hamburgs genossen hat, in Hamburg zu halten, beziehungsweise ihn nach Hamburg zurückzuholen. „Bevor Stuttgart damals angerufen hatte, hätte ein Anruf vom HSV gereicht“, so Harnik, „und ich wäre wieder nach Hamburg gegangen.“ Ist er aber nicht. Er hat gerade seinen Vertrag bis 2016 verlängert. In Stuttgart. Harnik ist VfB-Angreifer – noch. Das Interview:

Matz ab: Herr Harnik, haben Sie das WM-Aus mit Österreich schon verdaut?
Martin Harnik: Nicht ganz. Ich hätte liebend gern die Playoffs erreicht. Jetzt ist wieder Vereinsfußball, Ligaalltag. Und darauf freue ich mich. Das Spiel in Hamburg kommt da genau richtig.

Matz ab: Wie meinen Sie das? Weil Sie von einem Erfolgserlebnis ausgehen?
Harnik: Weil es in die Heimat geht. In Hamburg in dem tollen Stadion zu spielen ist für jeden Bundesligaspieler etwas Besonderes. Für mich als Hamburger noch mehr.

Matz ab: Weil Sie Ihre Familie wiedersehen. Drücken die Ihnen oder dem HSV die Daumen?
Harnik: Meine Familie eher mir. Logisch. Aber ich habe einen Onkel mit HSV-Dauerkarte, der mir zwar Glück wünscht, aber als Kompromiss nicht mehr als ein Unentschieden akzeptieren würde. (lacht) In der Familie meiner Frau sind schon noch ein paar mehr für den HSV. Aber das ist okay. Denn an dem Tag wünschen sie mir mit dem VfB dann auch den Sieg.

Matz ab: Wie viele Harniks kommen am Sonntag ins Stadion?
Harnik (lacht): Ich musste 30 Karten für Freunde und Verwandte besorgen. Es sind also einige Unterstützer da.

Matz ab: Die hatten Sie einst auch beim HSV, der Sie als A-Jugendlicher vom SC Vier- und Marschlande weglotsen wollte. Weshalb hat es nicht geklappt?
Harnik: Das ist bei mir vielleicht etwas unglücklich gelaufen. Ich musste mich damals zwischen Werder Bremen und HSV entscheiden.

Matz ab: Das ist für einen HSV-Fan doch eine leichte Entscheidung…
Harnik: Ja, mag sein. Aber ich war früher kein Fußballfan.

Matz ab: Wie bitte?
Harnik: Ich meine damit, ich hatte nie einen bestimmten Lieblingsverein. Aber ich liebte Fußball natürlich schon immer, ich hatte eher einzelne Spieler als Vorbilder.

Matz ab: Wen?
Harnik: Natürlich Stürmer. Aber nicht die, die eh immer in der ersten Reihe waren. Ich fand Michael Preetz damals bei Hertha super, Ulf Kirsten in Leverkusen oder auch Roy Präger beim VfL Wolfsburg. Ich hatte eine wahnsinnig geile Zeit in der Jugend beim SCVM. Wir sind von der B-Jugend bis in die A-Jugend Bundesliga durchmarschiert. Wir waren das kleine gallische Dorf unter den Großen und haben es allen gezeigt.

Matz ab: Aber die Großen wollten Sie dann haben. Warum wurde es Bremen und nicht der HSV?
Harnik: Weil Bremen mir deutlicher gezeigt hat, dass sie mich wollen. Beim HSV hatte Dietmar Beiersdorfer als Sportchef damals zuerst die Nase vorn. Er war sehr überzeugend, hat mir meine Zukunft beim HSV aufgezeichnet und ich war schon fast so weit, zuzusagen. Aber dann kam das Gespräch mit dem A-Jugendtrainer, der nicht sonderlich motiviert wirkte. Es schien mir damals, als würde der das Gespräch nur führen, weil Beiersdorfer ihn geschickt hatte. Es wirkte nicht so, dass der Trainer auf mich bauen würde. Aber genau das war bei Werder anders. Dort wollte man mich. Unbedingt. Daher bin ich weg, obwohl ich sehr heimatverbunden bin. Ich mache meine längeren Urlaube fast immer bei der Familie in Hamburg. Ich liebe die Stadt. Ich wäre damals nur zu gern in Hamburg geblieben.

Matz ab: Gab es denn nie einen Versuch, Sie nach Hamburg zurückzuholen?
Harnik: Nach Hamburg schon. Aber das waren damals die Nachbarn vom FC St. Pauli, die mich aus Düsseldorf holen wollten. Aber als in dem Moment der große VfB Stuttgart anklopfte, war meine Entscheidung klar.

Matz ab: Also gab es seit Ihrer Jugend beim SC Vier- und Marschlande keine Anfrage vom HSV?
Harnik: Nein. Und jetzt ist das auch nicht denkbar. Ich habe meinen Vertrag beim VfB bewusst bis 2016 verlängert – weil ich mich dort sehr wohlfühle. Auch Stuttgart ist ein Stück Heimat für mich geworden.

Matz ab: Der VfB hat wie der HSV gerade einen Trainerwechsel hinter sich.
Harnik: Und bei beiden hatte es den typischen Trainerwechsel-Effekt, bei beiden stellen sich Erfolge ein.

Matz ab: Warum ist das so?
Harnik: Weil sich alle Spieler zeigen wollen. Jeder fängt gewissermaßen wieder bei Null an. Das ist häufig so. Die Qualität war vorher ebenfalls da, aber jetzt gibt es wieder andere Reize und es ist mit den Ergebnissen auch wieder etwas mehr Freude zurück. Aber ich behaupte auch – zumindest für uns kann ich das sagen -, dass wir auch vorher einen sehr guten Trainer hatten. Bruno Labbadia war fast drei Jahre beim VfB, das ist für Stuttgarter Verhältnisse ebenso wie für Bundesligaverhältnisse heutzutage absolut vorzeigbar.

Matz ab: Wie nimmt man im Süden den HSV als Verein wahr?
Harnik: Es wirkt so, als wäre dort oftmals Unruhe. Jetzt auch beim Trainerwechsel. Man hat irgendwie das Gefühl, dass beim HSV vielen Leuten im Verein Gehör verliehen wird, als ob zu viele mitreden wollen. Dieser Verein verdient einfach mehr. Ich als HSV-Sympathisant muss zugeben, dass ich dem HSV ruhigere Zeiten wünsche.

Matz ab: Weil Sie dann zum HSV kommen könnten? Oder würden Sie eine solche Rückkehr ausschließen?
Harnik (lacht): In dem Geschäft kann man kaum etwas ausschließen. Irgendwann in der Heimat zu spielen, das wäre schon toll.

Matz ab: Sie könnten dann noch Ihren kongenialen Partner aus Jugendzeiten mitbringen, Nationalspieler Max Kruse.
Harnik: Max war immer HSV-Fan. Er hat in HSV-Bettwäsche geschlafen. Und mit ihm nach dem letzten gemeinsamen Spiel in der Regionalliga in Bremen mal wieder zusammenzuspielen, wäre eine geile Geschichte.

Matz ab: Aus Ihrer Zeit bei Düsseldorf kennen Sie noch Maxi Beister. Haben Sie noch Kontakt zu ihm oder anderen Spielern des HSV?
Harnik: Eher weniger. Aber wir kennen uns. Zufälligerweise kennen sich auch unsere Eltern.

Matz ab: Was hat der VfB Stuttgart dem HSV voraus?
Harnik: Neben den drei Punkten? Vor allem eine finanziell gesunde Basis. Ich glaube das ist es in erster Linie.

Matz ab: Und sportlich? Was für ein Spiel erwarten Sie am Sonntag?
Harnik: Eines auf Augenhöhe. Bei beiden ist die Qualität vorhanden, beide steckten in einem Negativstrudel und haben sich da rausgearbeitet. Die Mannschaft, die die bessere Tagesform und etwas mehr Glück hat, gewinnt. Und das sind hoffentlich wir.

Natürlich nicht, wofür sich auch Heiko Westermann verantwortlich fühlt. „Der VfB hat eine starke Offensive, ganz klar. Das wird nicht Mann gegen Mann verteidigt sondern im Verbund.“ Der Rechtsverteidiger wirkte ein wenig enttäuscht, bei seiner Länderspieltour gar nicht eingesetzt worden zu sein. „Ich hätte gern gespielt, klar“, so die kurze Antwort des Mannes, der jetzt auf Spielzeit bei den Tests gegen Italien und England hofft (das Video mit dem Interview habe ich auf unsere Facebookseite www.facebook.com/groups/matzab gestellt).

Sicherlich eingesetzt wird Westermann am Sonntag gegen Stuttgart. Rechts hinten mit Jonathan Tah und Djourou zentral sowie Marcell Jansen links in der Viererkette. Insgesamt scheint Bert van Marwijk nicht viel verändern zu wollen. Einzig offene Frage bietet die rechte Seite, für die sich Maxi Beister und Jacques Zoua bewerben. Eine Trainingseinheit am Sonnabend haben sie dafür noch Zeit. Und da heute Blogger Marcus aus der Nähe von Dortmund (Lieben Gruß!) nicht nur beim Training war, sondern am Sonntag auch seine Frau dabei sein wird – kann gar nichts schief gehen. Denn die Bilanz von Marcus’ Frau ist kaum ausbaufähig: Bislang wurde jedes Spiel, das sie besuchte, vom HSV mit 7:0 gewonnen…

In diesem Sinne, mir würde schon ein einfaches 1:0 reichen. Absolut sogar. Wir sehen uns am Sonnabend um 19 Uhr im „Anno1887“ (HSV-Anlage Ochsenzoll in Norderstedt, Ulzburger Straße 94) zum nächsten Matz-ab-Treffen, zu dem alle Matz-abber herzlich willkommen sind. Gäste sind auch dabei: Otto Rieckhoff (HSVplus) und etwas später auch HSV-Vorstandsmitglied Oliver Scheel.

Ansonsten? Hakan Calhanoglu ist gut drauf – trotz des WM-Aus gegen die Niederlande und Rafael van der Vaart. Und trotz eines kleinen Trainingsunfalls, bei dem er sich eine leichte Prellung am Kopf zuzog. Allerdings gab es schnell Entwarnung – Calhanoglu soll am Sonntag spielen können.

Darüber freue ich mich – ebenso wie auf unser Treffen morgen! Euch erst einmal einen schönen Abend,
Scholle

P.S.: Warum ein Harnik nicht einmal mehr angesprochen wurde, wird auf ewig das Geheimnis der Hamburger Verantwortlichen bleiben. Ich jedenfalls hatte bei dem Interview nicht nur das Gefühl, einen einwandfreien, intelligenten und heimatverbundenen Typen zu sprechen, der sich freuen würde, in seiner Heimat zu spielen. Vielleicht ja mit Max Kruse zusammen, wenn sich die Scouts beim HSV nicht wieder von dessen „Laufschwäche“ täuschen lassen. Denn die war angeblich auschlaggebend, weshalb der Nationalspieler, damals als Topspieler des FC St. Pauli, für den HSV „keine Hilfe“ war…

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