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Fink: “Wir hissen keine weiße Fahne”

31. Januar 2012

Im Westen der Arena liegt schon ein etwa 20 Meter breiter Rasenstreifen – über die gesamte Länge des Spielfeldes. Bald soll hier überall Rasen liegen, aber die Frage, die sich viele stellen, ist die: wächst das Grün auch bei minus neun Grad noch rechtzeitig bis zum Sonnabend um 18.30 Uhr, wenn die Partie gegen den FC Bayern angestoßen werden soll, noch an? „Das werden wir sehen“, sagt HSV-Trainer Thorsten Fink ganz gelassen und fügt hinzu: „Der Rasen war zu schlecht, der musste einfach ausgewechselt werden.“ Nun gut, wir werden es in der Tat alle erleben, ob da anwächst, was auch zusammengehört. Und wenn nicht? „Dann müssen ja ohnehin beide Mannschaften damit zurechtkommen“, sagt Fink. Er ist ja ein klarer Verfechter eines schönen Rasens, damit auch vernünftiger Fußball gespielt werden kann. Ob es aber gut war, dieses Wagnis noch so kurzfristig einzugehen – abwarten. Zur Not muss auf dem geheizten Trainingsplatz gespielt werden . . . Nein, natürlich ein Scherz. Weil der HSV da heute am Nachmittag ein kleines Trainingsspielchen gegen die eigene U 23 gewagt hat. Mit jenen Spielern, die in Berlin am Sonnabend nicht zum Zuge gekommen sind. Der Ausgang dieser HSV-gegen-HSV-Partie stand jetzt noch nicht fest.
Am Ende des Berichtes folgt die Ergänzung.

Für alle, die auf Nachrichten des HSV im Fernsehen lauern, für diese Fans hat Sport 1 heute etwas. Thorsten Fink ist im Audi Star Talk. In der Sport-Personality-Show hat sich der HSV-Cheftrainer im Gespräch mit Moderator Klaus Gronewald zu vielen Themenkomplexen geäußert. Die Sendung wird heute, Dienstag, um 21 Uhr auf Sport 1 ausgestrahlt.

Thorsten Fink über das Duell gegen den FC Bayern – Teil eins:
„Wir werden weder die weiße Fahne hissen noch schon vorher das Handtuch werfen. Wir fighten um unsere Punkte. Wir geben richtig Gas! Das ist das Einzige, was ich von meiner Mannschaft sehen will. Wir müssen kratzen, kämpfen und beißen. Das sind zwar die alten Sprüche von früher, aber das ist nun einmal so. Wir können im Moment spielerisch mit Bayern nicht mithalten. Aber wir können es schaffen, Bayern zu schlagen. Wir geben uns nie geschlagen! Gladbach hat gegen Bayern zu Hause auch gewonnen. Auch wenn Gladbach natürlich ein bisschen besser ist als wir. Aber ich glaube, dass unsere Mannschaft immer eine Chance hat!”

Thorsten Fink über das Duell gegen den FC Bayern – Teil zwei:
„In Berlin hat meine Mannschaft gezeigt, wie man gewinnen kann – auch wie man gegen den FC Bayern München gewinnen kann! Nämlich mit Disziplin, Einstellung und wenn man die Zweikämpfe gewinnt. Natürlich wissen wir, dass wir mit der Hinspiel-Leistung (0:5) und mit der letzten Leistung gegen Dortmund keine Chance haben. Aber meine Mannschaft hat gezeigt, dass sie den Schalter schnell wieder umlegen kann und auch das Selbstvertrauen hat. Das 1:5 gegen den BVB hat sie vielleicht beeindruckt, aber im letzten Spiel gegen Berlin haben sie gezeigt, dass sie einfach da und charakterstark sind. “

Thorsten Fink über die Zukunftsaussichten des HSV:
„Ich glaube, dass das Potenzial hier in Hamburg, in diesem Klub und in dieser Stadt steckt. Ich meine, wenn man sieht, wie viele Zuschauer da sind, was alles dahinter steckt. Das ist eigentlich schon ein Verein – Größe FC Bayern München. Aber natürlich sind wir aktuell noch weit, weit weg von den Bayern. Wir haben aber diese Träume, da einmal wieder hin zu kommen. Alles ist möglich! Auch Borussia Dortmund stand vor vier Jahren nicht da, wo sie heute stehen.“

Thorsten Fink über seine Zukunft beim HSV:
„Ich stelle mir einen Nationaltrainer immer so vor: Älter und schon alles als Klubtrainer erreicht – erst dann wird man Nationaltrainer. Aber schaun mer mal! Ich habe noch – hoffe ich – viele lange Jahre hier beim HSV.“

Thorsten Fink über das angebliche Interesse des FCB an Xherdan Shaqiri:
„Er ist halt ein frecher Hund, war schon mit 17 Jahren bei einer Weltmeisterschaft. Er ist frech, spielstark und dribbelstark! Er weiß, wo man hinlaufen muss. Er hat eine Figur wie Bixente Lizarazu. Wenn er dorthin (FC Bayern) gehen würde, ist das jemand, der Publikumsliebling werden kann. Allein schon von seiner Figur her. Er ist ganz klein und sieht aus wie ein Ninja Hero Turtle. Sehr sympathischer Junge, sehr offen!“

War ja auch mal beim HSV im Gespräch – jedenfalls hier bei Matz ab. Aber der gute Mann dürfte inzwischen für Hamburger Verhältnisse unbezahlbar geworden sein. Zumal Thorsten Fink auch in dieser Sport1-Sendung zweimal darauf hinwies, dass der HSV kaum Geld hat (für neue Spieler). Aber wenn Fink erst einmal die Bilanzen richtig lesen kann, wird er wohl vom Gegenteil überzeugt sein . . .

Fink ist ja inzwischen ein begehrter Partner der Medien, fast überall taucht der HSV-Trainer auf. Obwohl Medien-Direktor Jörn Wolf sagt: „Ich lehne pro Tag um die 50 Interview-Wünsche für Thorsten Fink ab . . .“ Die 50 ist natürlich übertrieben, aber es sollen schon unheimlich viele sein. Der Coach, der kürzlich ein sehr gutes Interview mit dem DFL-Bundesliga-Magazin hatte, der heute auch mit der „Süddeutschen“ und dem „Kicker“ sprach, aber erträgt es mit Gelassenheit: „Das gehört zu meinem Job, ich denke mal, dass es meine Aufgabe ist, den Verein nach außen hin zu vertreten. Ich fühle mich nicht damit überfordert. Und wenn ich mal eine Pause bräuchte, so werde ich mich mit Jörn Wolf schon in Verbindung setzen.“

Der ehemalige Bayern-Spieler Fink trifft nun auf „seine“ Bayern. Und da ist, ganz normal, das Interesse der Medien natürlich ein wenig größer, als vor zum Beispiel einem Spiel gegen den MSV Duisburg. Fink aber ist noch die Ruhe selbst: „Noch bin ich ganz relaxt. Wir haben heute erst einmal mit der Mannschaft das Berlin-Spiel aufgearbeitet. Was können wir besser machen, warum wir zum Schluss noch das 2:2 hätten bekommen können – obwohl das ungerecht gewesen wäre, denn wir haben 80 Minuten lang das Spiel kontrolliert und waren da die bessere Mannschaft.“

Zum Spiel am Sonnabend befand Fink: „Das ist natürlich immer ein besonderes Spiel, HSV gegen Bayern, das ist ein Klassiker. Ich werde aber nun vom HSV bezahlt, möchte auch noch lange in Hamburg bleiben, von daher sehe ich zu, dass wir mit dem HSV dem FC Bayern ein Bein stellen können. Das ist auch klar. Und ich weiß, dass es beim FC Bayern noch nicht so richtig rund läuft, wie sich die Herren das dort vorstellen, der FC Bayern spielt noch nicht hundertprozentig so, wie er es eigentlich könnte – und deswegen werden wir das im Auge haben. Wir wollen uns besser präsentieren, als gegen Borussia Dortmund, wollen gleich aggressiv ins Spiel gehen.“

Apropos Dortmund. Fink bemängelte rückblickend: „Die Dortmunder kommen hier nach Hamburg, und man hatte das Gefühl, dass es für sie um alles ging. Dabei sollte es doch so sein, dass es für uns um alles ging. Das hätte man sehen müssen, aber man sah es nicht.“ Fink weiter: „Wir sind gegen die Bayern Außenseiter, aber man gewinnt als Außenseiter gegen einen großen Verein nur, wenn man auch Zweikämpfe gewinnt. Das habe ich gegen Dortmund nicht gesehen. Und so geht es nicht. Wir können nicht mit einem so starken Gegner locker mitspielen, wir müssen uns alles hart erarbeiten. Das haben wir in der Hinrunde auch schon gezeigt. Wir haben uns da die Siege erkämpft. Das waren keine tollen Siege, sondern das war Kampf. Und das müssen wir auch in Zukunft machen. Wichtig ist, dass wir hinten sicher stehen.“ Und das war in Berlin lange Zeit der Fall. Für Thorsten Fink sind übrigens Dortmund und die Bayern die Meisterschafts-Favoriten, Schalke und Mönchengladbach sieht er am Ende nicht vorn.

Über den FC Bayern generell befindet der HSV-Trainer: „Der Klub hat auf der ganzen Welt seine Fans, er ist trotz seiner Größe stets familiär geblieben, hat ein gewisses Flair, und das wird eisern gepflegt. Das ist wichtig. Und das haben wir im Moment auch, denke ich. Wir sind ein großer Klub, haben zwar im Moment nicht die sportlichen Erfolge, aber wir wollen in Zukunft da wieder hinkommen. Das muss auf jeden Fall unser Ziel sein. Und da sind wir auf dem richtigen Wege. Aber jeder Schritt, wenn man etwas Vernünftiges aufbauen will, geht langsam. Wenn man von null auf 100 gehen will, dann geht man meistens auch so wieder ab. Schön langsam aufbauen, das sollte das Ziel sein.“

Auch das Thema Standards wurde heute noch in der Kabine angesprochen. Fink: „Wir haben in der 89. Minute einen Freistoß vorne, den muss man ja nicht in den Strafraum der Berliner hauen, um so einen Konter einzufangen. Den kann man auch quer spielen, dann bleibt man im Ballbesitz. Aber das sind so Kleinigkeiten, die wir noch besser machen müssen. Mit dem Einsatz meiner Mannschaft aber war ich zufrieden, so stelle ich mir das vor: Räume eng machen, konzentriert bei der Sache sein, diszipliniert spielen –und das haben wir in Berlin schon gut gemacht.“

Noch kurz zu den Standards des HSV. Während des Trainings erhielt ich einen Anruf eines „Matz-abbers“, und da wurde mir gesagt, dass der HSV mit seinen Standards und den daraufhin erzielten Toren in der Bundesliga-Statistik an erster Stelle rangieren soll. Toll. Wenn dem so ist, ist es mir eigentlich egal. Denn bei noch besserer Ausnutzung der Standards wäre der HSV wohl auf lange Zeit uneinholbar. Ich bin ja nicht der einzige Hamburger, der Tomaten auf den Augen hat (um es einmal scherzhaft zu sagen), ich sehe doch, was ich sehe – und da sehe ich ganz klar noch deutliche Verbesserungsmöglichkeiten. Statistik hin, Statistik her.

So, wie es jetzt aussieht, wird jene Mannschaft gegen den FC Bayern auflaufen, die auch gegen Hertha BSC gewann. „Es gibt wenig Grund, jetzt etwas zu ändern“, sagt Fink.
Zur Verletzten-Lage: Zhi Gin Lam hat einen kleinen Muskelfaserriss in der Wade, muss noch pausieren, Markus Berg soll nach seinem Schlüsselbeinbruch am Montag wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, und Per Ciljan Skjelbred könnte nach seiner schweren Schienbeinprellung bereits morgen wieder dabei sein. Es geht also bergauf.

Zum Trainings-Programm am Vormittag: Warmlaufen, Passen in gewissen Spielzügen, dann zum Abschluss zwei Stationen mit dem inzwischen schon bekannten „Vier-gegen-vier-Spiel“ – mit jeweils zwei Spielern am Rande, die auf ein Zuspiel warten müssen. Das war er schon, der Vormittag.

Am Nachmittag dann ein Novum: Um 15 Uhr trainierte die „Hertha-Mannschaft“ unter sich, und um 16 Uhr beginnt gleich das Trainingsspielchen Reservisten gegen U 23.

Kurz noch zu Heung Min Son, mit dem es am Montag ein intensives Gespräch (mit Trainer und Sportchef) gab. Thorsten Fink sagt über den Koreaner: „Es gibt kaum einen 19-jährigen Spieler in der Bundesliga, der so weit ist wie Son. Es gibt Götze, aber auch Özil hat zwei Jahre gebraucht, um nach oben zu kommen, Son hat eine große Zukunft bei uns, Er hat alle Qualitäten, aber er darf nicht vergessen, dass bei ihm zu Beginn seiner Zeit beim HSV alles geklappt hat. Er war noch viel jünger, er war unbekümmert, er hat nicht nachgedacht während eines Spiels – nun denkt er aber nach. Im Moment sehe ich aber unsere Situation, und in der muss ich auf Erfahrung setzen. Son wird sich bei uns durchsetzen, weiterentwickeln – wir haben mit ihm einen Spieler mit großem Potenzial, mit großer Zukunft, aber er muss wissen, dass man mit 19 nicht jedes Spiel machen kann. Und das weiß er auch.“

So, zwei kleine Dinge noch:
Heute um 21 Uhr Sport1 Thorsten Fink sehen, morgen ist um 15 Uhr Training im Volkspark.

Nun werde ich zum Training gehen, werde mir auch das Trainingsspielchen ansehen – und es hier hinterher noch ergänzend reinstellen.

So, nun noch das Spielchen. Nachdem meine Hände wieder aufgetaut sind (trotz aller Handschuhe waren sie kurzfristig eingefroren) und meine Ohren wieder dran sind (waren wegen der Kälte kurzzeitig abgefallen) kann ich von einem 4:1-Sieg der B-Mannschaft über die U 23 berichten. Die meisten Spieler waren mit langen Hosen angetreten (darüber aber die kurzen), es war ein kurzweiliger Kick. Heung Min Son (2), Tolgay Arslan und Slobodan Rajkovic schossen die Tore für die Profis, den Ehrentreffer markierte Sören Bertram.
Fragt mich bitte nicht, wer dabei geglänzt hat – ich war kurzzeitig mit zwei Matz-abbern in einem Kiosk, um einen heißen Kakao zu trinken (es wurden zwei Tees darauf – mangels Kakao-Masse). Das musste sein, um nicht zu erfrieren.

Bei der U 23 mischte erstmalig der 17-jährige Däne Christian Norgaard mit. Eher unauffällig. In meinen Augen, aber ich habe ja auch nicht alles gesehen. Deswegen sprach ich nach dem Spiel noch mit Co-Trainer Richard Golz (U 23). Der ehemalige HSV-Keeper befand über den Neuzugang: “Er hat gut gespielt, zeigte ein gutes Spielverständnis und ging gute Laufwege. Mehr konnte niemand von ihm erwarten, denn er hatte ja erst am Vormittag erstmalig bei uns trainiert. Und er hatte vorher schon lange kein Training und kein Spiel mehr gehabt. Alles war gut.” Und, Richard, alle heil geblieben? Golz – und dafür liebe ich ihn wirklich, in seiner bekannten trockenen Art: “Alle diejenigen, die mal angeschlagen am Boden liegen geblieben waren, sind auch wieder aufgestanden. Bis auf die, die erfroren sind . . .” Herrlich, “Richie”, einfach herrlich.

Bei den Profis lagen erst einmal Heung Min Son am Boden und musste behandelte werden, später lag auch Ivo Ilicevic auf Höhe Mittellinie draußen – aber sie kamen alle wieder, niemand ist erfroren.
Auch ich nicht.
Einen schönen Abend noch auf Sport 1.
Aktualisiert um 19.04 Uhr