Archiv für das Tag 'Gräfe'

Sensationell! Wahnsinn! Der HSV bleibt oben!

1. Juni 2015

Der HSV muss nicht runter! Hurra, er lebt immer noch! Das war Dramatik pur, das ist alles der helle Wahnsinn, das war nur Wahnsinn. Mit 2:1 nach Verlängerung gewinnt der HSV das Relegations-Rückspiel in Karlsruhe und bleibt damit in der Ersten Bundesliga. Gratulation, HSV! Auch wenn er wieder einmal bis zur letzten Sekunde mit den Nerven seiner Anhänger gespielt hat. Gekämpft haben sie, gut gespielt haben sie nach langer Zeit auch mal wieder, aber in der 90. Minute sah es dennoch nach der Zweiten Liga aus. Der KSC führte 1:0, als es doch noch einen Freistoß für den HSV gab. Ein Freistoß, der wohl nicht berechtigt war, aber Marcelo Diaz traf aus 20 Metern – Verlängerung. Und da nutzten zwei Eingewechselte für die Entscheidung: Cleber legte von links in den Fünfmeterraum, Nicolai Müller war zur Stelle und schoss das 2:1 – die Entscheidung, die erste Liga! Glückwunsch, HSV! Aus einer grottigen, aus einer total verkorksten Saison wurde dann doch noch das Beste gemacht. Glückwunsch auch Trainer Bruno Labbadia, der sicher nicht alles richtig gemacht hat, aber der letztlich dafür gesorgt hatte, dass diese eigentlich „tote Truppe“ doch wieder ein bisschen Leben zeigte. Aufgeräumt werden muss trotz allem, beim HSV, aber das hat jetzt Zeit. Erst einmal darf gefeiert werden – Glück, Glück, Glück. Aber der HSV hat anscheinend die Dame Fortuna auf seine Seite gebracht. Dass der KSC in der Schlussminute noch einen Handelfmeter verschoss, Rene Adler hielt gegen Hennings, war nicht mehr entscheidend, denn selbst bei einem 2:2 wäre der HSV oben geblieben.


 

Der HSV begann in Karlsruhe diesmal ganz anders, als noch am Sonnabend im Volkspark. Das sah nach Fußball aus. Der „Dino“ übernahm die Spielführung, er drückte, er spielte nach vorne – wann immer es gegen die beiden Viererketten des KSC ging. Der HSV, bei dem doch Lewis Holtby wieder die Chance erhalten hatte (und nicht Zoltan Stieber), war Chef im Ring und diktierte über weite Strecken das Tempo. So muss ein Erstliga-Verein gegen einen klassentieferen Gegner spielen. Das sah gut aus. Bis auf die Tatsache, dass der HSV nicht nur schön spielen durfte, sondern auch ein Tor machen musste. 0:0 wäre der Tod.

 

Ivo Ilicevic riskierte bereits in der fünften Minute eine Fernschuss, doch der Ball, aus 24 Metern abgefeuert, verfehlte um die, vier Meter das KSC-Tor. Immerhin, es war mal ein Schuss des HSV. Und nur 60 Sekunden noch eine Hamburger Möglichkeit: Ivica Olic umkurvte die KSC-Abwehr von rechts (wie einst Helmut Rahn – oha, sehr hoch gegriffen, ich weiß!) und schoss aus 18 Metern mit links, aber Torwart Orlishausen hielt die Kugel, indem er sie ins Feld zurückfaustete. Aber das war doch mal etwas, was für Optimismus sorgen könnte. Und es wurde noch besser: Marcelo Diaz schickte Dennis Diekmeier in den KSC-Strafraum, ein kluger Rückpass – aber leider war kein HSV-Kollege zur Stelle. Aber immerhin mal ein Ball, der hinter die Abwehr gespielt wurde – und der Gefahr brachte (17.). Und wiederum nur Sekunden später gab Rafael van der Vaart, für den gesperrten Gojko Kacar im Team, den Ball hoch an den Elfmeterpunkt, Olic legte per Kopf ab auf Pierre-Michel Lasogga, und der schoss, so kennt man ihn, sofort. Voller Wucht, aber der Ball wurde von seinem Gegenspieler abgeblockt, Gefahr gebannt.

 

Immerhin, das fiel mir während dieser Drangphase des HSV ein, machte der HSV schön Druck. Und ich musste an den vergangenen „Doppelpass“ (Sport1) denken, in dem der frühere HSV-Manager Heribert Bruchhagen gesagt hatte: „Der HSV ist zu Hause nicht in der Lage, das Spiel zu machen . . .“ Das stimmt. Aber anscheinend klappt das auswärts besser, denn hier bestimmte der HSV die Szenerie und machte das Spiel. Eindeutig. Der KSC kam kaum einmal gefährlich in die Nähe des Hamburger Strafraums. Der HSV auf der Gegenseite aber sehr wohl: van der Vaart versuchte sich aus 18 Metern mit seinem schwächeren rechten Fuß, aber Orlishausen hielt mühelos. Wie sehr der HSV drückte, das drückte nach einer halben Stunde auch das Eckenverhältnis aus, der HSV führte 6:0. Aber leider weiterhin torlos. Das änderte sich auch in der 39. Minute nicht, als Lewis Holtby von links flankte, Lasogga köpfte aus neun Metern, aber zu lasch und zu unplatziert, wieder war Orlishausen mühelos auf dem Posten.
Halbzeit, 0:0.

 

Unverändert ging es in den zweiten Spielabschnitt. Und der HSV kam. Er machte das, was angesagt war – es musste ein Tor her. Und das lag in der 52. Minute in der Luft: Eckstoß von links von van der Vaart, am Fünfmeterraum steigt Diekmeier hoch und verlängert zu Mitte, der Ball kam am Elfmeterpunkt runter, da stand Lasogga – doch der traf den Ball nicht richtig. Was ihm bescheinigt werden muss: war auch schwer. Dennoch, mit Glück macht man auch ein solches Ding mal, aber eben auch nur mit Glück.

 

Dann drückte der HSV etwas weniger, und es wurde dafür bunter. Drei Gelbe Karten gab es für den HSV: Diaz, Slobodan Rajkovic und van der Vaart hatten zu sehr mit den Ellenbogen gearbeitet. Und der KSC wurde stärker . . . Nach einem Eckstoß, dem ersten des KSC, musste der am Pfosten stehende Diaz auf der Torlinie retten (69.). Der HSV am Ende seiner Kräfte? Das hatten die Hamburger Anhänger genau umgekehrt erhofft – so wie im Hinspiel. Da ließ der KSC zuletzt auch etwas nach. Trainer Bruno Labbadia wechselte Frische ein: Für den agilen und immer noch sehr aktiven Lewis Holtby kam Zoltan Stieber (67.). Warum Holtby? Das wird der Coach sicherlich in den nächsten Tagen noch erklären. Oder auch nicht. Ich hätte Holtby an diesem Tag jedenfalls nie ausgewechselt . . . Doch so etwas ist ja auch ganz klar Sache des Cheftrainers.


 

Karlsruhe hatte dann die beste Chance des zweiten Durchgangs, als zweimal Nazarov (völlig blank am langen Pfosten!) die Möglichkeit zum 1:0 auf dem Fuß hatte. Zum Glück traf der KSC-Mann nicht richtig . . . Aber es wurde enger und enger. Karlsruhe kam immer besser ins Spiel, der HSV musste dem hohen Anfangstempo Tribut zollen. Doch plötzlich ein Lebenszeichen: Flanke von Matthias Ostrzolek, am Elfmeterpunkt steigt hoch und köpft auf das Tor – doch Orlishausen hält prächtig.

 

Das Tor fällt aber auf der Gegenseite. Der eingewechselte Nicolai Müller verdaddelt (im Zusammenspiel mit van der Vaart) den Ball kurz vor dem Strafraum, Hennings bedient Yabo mit einem großartigen Heber – und Tor. 1:0 für den Zweitliga-Club (78.). Aber noch war nichts verloren.

 

Der HSV gab alles. Er reaktivierte die letzten Kraftreserven – er hatte Chancen. Er köpfte Lasogga an den Pfosten (81.), den Nachschuss vergab Diekmeier, der völlig freistehend am Fünfmeterraum den Ball nicht traf! Wahnsinn! Welch ein Wahnsinn! Sekunden später klärte der KSC-Mann Gulde nach einem Kopfball von Johan Djourou auf der Linie, Orlishausen war geschlagen. Und in der 83. Minute versuchte sich Ivo Ilicevic mit einem Seitfallzieher, als er den Ball volley aus acht Metern ins Tor fetzen wollte – aber leider den Ball nicht traf. Wahnsinn in Vollendung! In der 86. Minute köpfte der eingewechselte Cleber (spielte Brechstangen-Mittelstürmer!) nach Eckball um Zentimeter vorbei – es sollte nicht sein. Oder doch? In der 90. Minute Freistoß für den HSV. Es soll ein Handspiel gewesen sein. War es wohl nicht. Schiedsrichter Manuel Gräfe aber gab den Freistoß, und den schoss Marcelo Diaz aus 20 Metern in den linken oberen Winkel. Der HSV lebte noch. Ein Kunstschuss, aber ein sehr, sehr wichtiger. Das war noch mehr Wahnsinn. Aber toll, einfach nur toll, toll, toll.
Verlängerung, doch noch Verlängerung. Es war ja eigentlich schon vorbei – mehr Spannung, mehr Dramatik geht gar nicht. Es geht nicht. Das ist Herzkasper-Fußball in Vollendung! Das ist alles unglaublich – aber das ist Fußball. Der HSV war doch noch einmal aufgestanden, obwohl er schon fast in Liga zwei war.

 

Nur der HSV!

 

In der Verlängerung zog die Polizei vor dem HSV-Block auf. Das sah gefährlich aus. Und so ganz und gar nicht nach Fußball. Gespielt wurde aber dennoch. Die einzige Möglichkeit der ersten 15 Minuten hatte der KSC (als Diekmeier noch mit dem Schiedsrichter debattierte!), aber die Kugel flog am langen Eck vorbei. Zum letzten Mal Halbzeit.

 

Und als alles auf ein Elfmeterschießen deutete, schoss Nicolai Müller auf Vorarbeit von Cleber doch noch das 2:1. Dass Rene Adler in der Schlussphase noch einen Elfmeter hielt, war unerheblich, der HSV bleibt oben, oben, oben, oben, oben, oben – Jubel, Trubel, Heiterkeit.

 

Der HSV spielte mit: Adler; Diekmeier, Djourou, Rajkovic, Ostrzolek; Diaz, van der Vaart; Olic (77. Min. Müller), Holtby (67. Min. Stieber), Ilicevic (86. Min. Cleber); Lasogga.

 

Die Einzelkritik

 

Rene Adler wurde kaum gefordert, war die Ruhe selbst – nur den Ball, den hielt er wieder viel zu lange. Manuel Neuer lässt schön grüßen . . . In der Verlängerung hielt er allerdings zweimal sensationell, so auch den Elfmeter von Hennings. Da schickt der Adler dann auch schöne Grüße an Manuel Neuer . . .

 

Dennis Diekmeier machte vieles richtig, hinten war das absolut okay, aber vorne macht er es sich dann immer wieder kaputt, wenn er nicht den Abschluss (Flanke) sucht, sondern zu 95 Prozent zurückspielt. Schade, schade, schade.

 


Johan Djourou
hatte keine Probleme mit Hennings, spielte souverän, war kopfballstark. Das war stark.

 

Slobodan Rajkovic erledigte seine Defensivaufgaben ordentlich, hinten ohne Schwierigkeiten, nach vorne war er aber schnell am Ende mit seinem Latein.

 

Matthias Ostrzolek spielt zu oft zu harmlos nach vorne, er sucht auch zu 90 Prozent immer wieder nur den Rückpass. Wenn er doch nur mal den Kampf eins gegen eins suchen würde, aber er bevorzugt das körperlose Spiel – schade, schade, schade.

 

Marcelo Diaz gehörte zu den effektiveren Hamburgern, bot sich immer wieder an, ging weite Wege – auch nach vorne, das sah gut aus. Auch wenn er nie zum Abschluss kam.

 


Rafael van der Vaart
gehörte, ganz, ganz sicher, zu den Aktivposten des HSV, der Niederländer spielte eine sehr gute erste Halbzeit, was er machte, das hatte Hand und Fuß. Dass er dann, mit zunehmender Spieldauer, etwas nachlässt, ist ganz normal (er ist nicht im Rhythmus) – aber dafür sitzen draußen ja noch einige auf der Bank.

 

Ivo Ilicevic war in Halbzeit eins der beste Hamburger, er riskierte Dribblings, war um Tempo bemüht – warum erst jetzt, am Ende der Saison, warum erst jetzt, wo schon lange feststeht, dass er Hamburg verlassen muss?

 

Lewis Holtby spielte deutlich besser als im Hinspiel, sehr engagiert, laufstark, einsatzfreudig. Warum nicht immer so?

 

Ivica Olic blieb blass und schwach, so wie schon im Hinspiel. Leider nur Note sechs, auch wenn er sich angeschlagen durchquälte.

 

Pierre-Michel Lasogga konnte sich einige Male besser in Szene setzen als noch am Sonnabend, aber insgesamt erwarten alle von ihm viel, viel mehr.

 

Zoltan Stieber (ab 67. Min. für Holtby) drückte sofort auf die Tube, Tempo, Tempo, Tempo. Gut so.

 

Nicolai Müller (ab 77. Min. für Olic) sorgte gleich für ein Tor – leider für den KSC. Welch ein unfassbarer Einstand! Aber er schlug noch zurück, auf der richtigen Seite – denn er schoss das 2:1 und geht damit in die Geschichte des HSV ein. Glückwunsch!

 

Cleber (ab 86. Min. für Ilicevic) sollte für das Tor sorgen, köpfte gleich knapp vorbei – und sorgte für Unruhe in der KSC-Defensive. Das war sehr, sehr gut – und auch deshalb, weil er das 2:1 vorlegte. Glückwunsch!

 

Gleich werden wir wieder mit „Matz ab live“ zur Stelle sein, um über dieses unfassbare, wahnsinnige Relegationsspiel in Karlsruhe zu sprechen. Zwei große ehemalige HSVer sind dann bei „Scholle“ und mir zu Gast: Frank Mackerodt, das ehemalige Aufsichtsrats-Mitglied, und ein letztes Mal vor der Sommerpause Stefan Schnoor, früher bekannt als eisenharter HSV-Stopper und heute als Sport1-Experte, der die klare Sprache liebt. Frank Mackerodt, das sei noch kurz erwähnt, immer wieder ein sehr gern gesehener Gast bei uns, wurde als Glücksbote „eingekauft“, denn er war auch vor einem Jahr unser Gast, als der HSV mit dem 1:1 in Fürth die Klasse gehalten hatte.
Mach’s noch einmal, Frank, so das Motto!!!
Das HA-TV, „Scholle“ und ich würden uns wieder sehr freuen, wenn Ihr uns per Bildschirm bei diesem Vierer-Gespräch begleiten würdet. Bis gleich also.

 

Dann noch, auch wenn es keinem helfen sollte, die Zeit vor dem Anpfiff. Ich schrieb das, was jetzt hier folgt, rund 30 Minuten vor dem Anstoß im Karlsruher Wildpark:

 

Laut Hamburger Abendblatt vom heutigen Tag glaubte die Mehrheit (vor dem Spiel) nicht mehr an die Rettung des HSV. In meiner näheren Umgebung war das ein wenig anders, denn Freunde, Bekannte und auch Familie waren durchaus noch optimistisch – und hofften zumindest auf ein höheres Unentschieden. Ich sprach aber am Vormittag auch mit einem langjährigen Bundesliga-Schiedsrichter, der mir wenig Hoffnung machte – weil er das Hinspiel aufmerksam beobachtet hatte und zu dem Schluss kam: „Das reicht nicht für die Erste Liga.“
Egal aber wie, ob nun Sieg oder Unentschieden, es ging ja nicht um Schönheit, sondern nur ums Drinbleiben. Und dafür war die Anteilnahme in diesen Tagen (seit dem 1:1 im Hinspiel) riesig. Unglaubliche viele Anrufe, Mails und SMS erhielt ich, die Glück wünschten, die noch an den HSV glaubten. Vielen Dank dafür – das ist einmalig! Aus der Ferne drückte der ehemalige HSV-Abwehrspieler Andrej Panadic per SMS die Daumen, und aus Budapest meldete sich Ferencvaros-Trainer und HSV-Legende Thomas Doll (Pokalsieger und Vizemeister Ungarns) und schrieb ebenfalls, wie sehr er dem HSV die Daumen drücken wird.
Vom „Dithmarscher_Jung“ kam dagegen heute eine traurige Mail, denn er schrieb an „Matz ab“: „Meine Frau ist gerade ausgerutscht, Oberschenkelhalsbruch. Ich hoffe doch sehr, dass dieses kein schlechtes Zeichen für heute Abend ist.“
Ich habe mich für Hals- und Beinbruch entschieden, das wünscht man doch vor einem wichtigen Ereignis – also bedeutet das etwas Gutes. Auf jeden Fall wünschen wir Deiner Frau schnelle und gute Besserung!

Ein ehemaliger St.-Pauli-Kapitän schrieb mir seine etwas außergewöhnliche Unterstützung eine halbe Stunde vor dem Anpfiff: „Bleibe ruhig, ich sonne mich noch 30 Minuten, und dann bin ich 90 Minuten ein Roter – und HSV gewinnt!“ Auf dem Weg zum Public Viewing in der Arena meldeten sich „el presidente“ Benno Hafas und „Lars49“ und drückten alle in freudiger Erwartung – und in der Hoffnung, dass es auch helfen würde. Aus Berlin meldete sich unsere „Hope/Eva“ und wünschte allen viel, viel Glück und natürlich den Klassenverbleib, und aus Prag hatte ja schon gestern David Jarolim gesagt, dass er für den HSV beten wird. Das musste doch etwas werden mit dem Dino. Ich hoffe es jetzt, um 18.30 Uhr (also eine halbe Stunde vor Anpfiff), ganz einfach mal, dass das alles, auch die vielen Wünsche die jetzt nicht namentlich genannt werden konnten – hilft.
Ihr werdet es schon wissen – ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht . . .

 

21.43 Uhr

Die Hoffnung des HSV? Der liebe Gott und ein Wunder

17. Mai 2015

Das, was keiner will, ist eingetreten. Der HSV hat sein Schicksal nicht mehr in der eigenen Hand. Ebenso wie das eigene 1:2 beim VfB Stuttgart waren die Siege des SC Freiburg und Hannover 96 für diese Konstellation verantwortlich. Vielleicht wirft die Haltung der Bayern im Breisgau Fragen auf, aber am Ende bekommt der HSV, was er verdient. Und das ist nach diesem desaströsen Spiel in der Mercedes-Benz-Arena der vorletzte Tabellenplatz und die Gewissheit, dass nicht einmal ein Sieg am letzten Spieltag gegen Schalke den Klassenerhalt – oder wenigstens die Relegation – aus eigener Kraft sichern würde.

Umfrage: Hält der HSV die Klasse, und was, wenn nicht?

„Wir haben eine Ausgangslage, die sich drastisch verschlechtert hat“, stellte Trainer Bruno Labbadia klar. „Dabei war uns ja von Beginn an klar, dass wir bis zum letzten Spieltag um den Klassenerhalt spielen würden. Allerdings haben wir uns die gute Position, die wir uns erarbeitet haben, kaputt gemacht.“ Und wie sie das gemacht haben. Gegen 15.45 Uhr stand der HSV mit eineinhalb Beinen in der Bundesliga, am Ende steht die Mannschaft mit eineinhalb Beinen im Unterhaus. „Es war ein Matchball, den wir vergeben haben“, setzte Vereinsboss Dietmar Beiersdorfer drauf. „Die Leistung war enttäuschend. Das war schwach und zu wenig.“ Weitere Analysen über die Hintergründe dieses Auftritts lieferten die Verantwortlichen nicht. Im Grunde war das auch schnell zu erkennen. Ich will mich auf wenige Dinge beschränken, die alle miteinander zu tun haben.

Das erste Mal hatte ich an diesem Nachmittag in Stuttgart ein ungutes Gefühl, als die HSV-Profis mit den T-Shirts zum Warmlaufen auf den Rasen marschierten. „Wir schaffen es!“ stand darauf. Allzu große Sicherheit, die Bekanntgabe einer Hoffnung als Tatsache, die die Spieler am Ende eingeholt hat. Ein Ergebnis sollte man erst nach vollbrachter Arbeit verkünden – nicht schon vorher. Besser haben es die Stuttgarter Fans gemacht, die ihre Mannschaft mit einem großen „Niemals-aufgeben“-Plakat begrüßt haben. DAS war das eigentliche Motto. Und der VfB hat es deutlich besser umgesetzt als der HSV.

Es war beängstigend mit anzusehen, wie der HSV nach 25 Minuten aufgehört hat, an dieser Partie teilzunehmen. Mit dem Stuttgarter Ausgleich, dessen Zustandekommen vielleicht glücklich war, erlahmte alles bei den Hamburgern. Rajkovic und Djourou fanden keine Anspielstationen mehr, weil sich alle Mittelfeldspieler verkrümelten. Wo war van der Vaart? Wo war Kacar? Was war mit den Flügeln Jansen und Ilicevic, die nicht zu sehen waren? Es war so viel Angst im Spiel, dass alle nur noch weggerannt sind.

Einige Spieler verdienen besondere Beachtung. Rafael van der Vaart zum Beispiel hat 90 Minuten nach einer Gelbe Karte gebettelt. Fouls, Geschimpfe, Nicklichkeiten. Immer wieder sprach Schiedsrichter Manuel Gräfe beschwichtigend mit ihm – aber in der Nachspielzeit konnte er nicht mehr anders. Nach einer weiteren Meckerei gab’s endlich die 10. Gelbe Karte und damit die Sperre gegen Schalke. Van der Vaart hat sich dazu gestern nicht mehr geäußert, aber das hatte schon schwer den Anschein, als ob er diese Verwarnung provoziert hätte. Ein schlimmes Verhalten.

Pierre Michel Lasogga durfte nach dem frühen Zusammenprall mit seinem Kollegen Ivica Olic bis zur 59. Minute weiterwurschteln. Der Bursche gehörte aber sofort ausgewechselt, er torkelte nur über den Rasen. Es war keine Kopfverletzung, sondern eine Schulterprellung, wie heute diagnostiziert wurde. Trotzdem: Bei Lasogga ging gar nichts, der HSV auch aus diesem Grund quasi eine Stunde lang nur zu zehnt. Bruno Labbadia versicherte heute nochmals, dass er seinen Angreifer immer wieder gefragt habe, ob es weitergehe. Lasogga sagte ja – eine Fehleinschätzung.

Am Ende fehlte der gesamten Mannschaft Spannkraft. Nichts war zu spüren von dem Willen, sich gegen den Abstieg zu stemmen. Die meisten Zweikämpfe gingen flöten, es war eine Selbstaufgabe. Das, was Bruno Labbadia mühsam an Streichhölzchen aufgebaut hatte in den vergangenen Wochen zu einem ansehnlichen Türmchen, fiel durch einen Windhauch zusammen. Es war nicht mehr als ein Windhauch, denn natürlich war auch Stuttgart zunächst total unsicher. Zwar stürmten sie in den ersten fünf Minuten, aber nach dem 0:1 durch Kacar schossen die Schwaben die einfachen Pässe ins Seitenaus oder die steilen Schläge ins Nirvana. Bis sie merkten, dass sie vom HSV nichts zu befürchten hatten. 10:1 Schüsse aufs Tor – so sah es am Ende aus. Die Partie hätte 5:1 ausgehen müssen, wenn Rene Adler nicht so viel gehalten hätte.

„Als wir gekommen sind, waren wir Tabellenletzter“, so Bruno Labbadia heute. „Da hätte niemand mehr einen Pfifferling auf uns gesetzt. Natürlich hatten wir nicht gedacht, dass wir diesen Rückschlag erleiden würden. Aber trotzdem haben wir noch eine Möglichkeit. Wir müssen nicht jammern, sondern an uns glauben. Wir müssen Schalke schlagen, und dann werden wir sehen, was passiert.“

Dietmar Beiersdorfer wurde heute mehrfach gefragt nach seinen Fehlern in dieser Saison. Die Ernennung von Peter Knäbel zum Cheftrainer zum Beispiel. Beiersdorfer wehrte all diese Fragen ab und verwies auf die nächste Woche, wenn die Saison vorbei ist. „Es ist unsere Aufgabe, im Management intern über alle Szenarien zu sprechen. Das tun wir schon länger. Aber unsere Aufgabe und unser Ziel ist es vorher, das Spiel gegen Schalke zu gewinnen und die Möglichkeiten zu haben, drin zu bleiben.“ Dies kann ich im Moment nachvollziehen. Beiersdorfer bringt es heute nichts, Selbstzerfleischung zu betreiben oder auch nur den nachvollziehbaren Wunsch der Öffentlichkeit nach Benennung der Schuldigen zu befriedigen. In den kommenden sechs Tagen geht es nur um das Schalke-Spiel.

Vielleicht geht es danach noch um die Relegationsspiele – das weiß der Fußballgott. Auf den wird es übrigens auch wieder ankommen. Dessen ist sich Zoltan Stieber sicher, der beim Blick auf die Konstellation keine anderen Ratschläge mehr hat: „Wir müssen alles geben gegen Schalke und gewinnen. Hoffen wir, dass der liebe Gott auch mit uns ist.“ Ähnlich formulierte es Rene Adler: „Wir haben jetzt noch ein Spiel und können die Tabelle auch lesen. Die Situation ist beschissen. Aber wir können es noch schaffen. Ich glaube, dass wir Schalke schlagen, und mit ein bisschen Hoffen und Bangen – vielleicht gibt es noch ein Wunder.“ Oder hat der HSV im vergangenen Jahr alles Glück der Welt aufgebraucht?

Und wie soll diese Truppe, die in Stuttgart offenkundig unter dem Druck zusammen gebrochen ist, den noch viel größeren Druck des kommenden Spiels meistern? Diese Frage ist nicht zu beantworten. Hoffnung gibt es nur, weil es in dieser Saison ab und an geklappt hat. Dietmar Beiersdorfer: „Wir haben schon mal ähnlichen Druck gehabt gegen Augsburg. Das war auch ‚letzte Ausfahrt Klassenerhalt‘. Das hat die Mannschaft hervorragend gemacht. Man muss das Positive sehen. Wenn man nicht dran glaubt, wird es auch nichts. Wir werden bis zum Schlusspfiff kämpfen. Das ist unsere Pflicht und unsere Leidenschaft.“ Na ja….

Als besondere Maßnahme prüft der Verein nun ein erneutes Trainingslager. Die Entscheidung, ob das kurzfristig zu realisieren ist, steht zur Stunde noch aus. Jedenfalls würde Labbadia nach dem trainingsfreien Montag ab Dienstag gern mit seinen Profis eine Luftveränderung vornehmen. Klar ist, dass es nicht erneut nach Rotenburg gehen wird, wo er den HSV bereits nach seinem Amtsantritt zusammengesammelt hatte.

Hoffnung hat übrigens auch Peter Knäbel – das sagte er gestern im ZDF-Sportstudio: „Die Relegation zu gewinnen, wäre für uns wahrscheinlich auch schon ein Erfolg. Wir haben es fast in eigener Hand. Bei den ganzen Entwicklungen dieses Spieltages sehen wir, dass es auch schnell mal in die andere Richtung gehen kann.“ Knäbel war heute übrigens zur Spielbeobachtung in Braunschweig, wo der mögliche Hamburger Relegationsgegner Karlsruher SC mit 2:0 gewann.

Und nun noch ein Wort mehr oder weniger in eigener Sache. Am vergangenen Mittwoch habe ich ein paar Absätze zu Carl Jarchow geschrieben, der aus dem HSV-Vorstand ausgeschieden ist. Die Pawlowsche Reaktion bei einigen Kommentaren hätte ich mir denken können. „Gefälligkeitsjournalismus“ hier – „die Presse ist Teil des Problems“ da.

Habe ich geschrieben, dass Jarchows Vertragsverlängerung 2012 ein Fehler war? Ja, das habe ich geschrieben. Habe ich geschrieben, dass Jarchow viele sportliche und wirtschaftliche Fehler begangen hat? Ja, das habe ich geschrieben. Habe ich geschrieben, dass der Verein nach seiner Amtszeit schlechter dastand als vorher? Komisch, das habe ich ja auch geschrieben.

Ich lasse mir ungern das Wort im Mund herum drehen und insofern waren einige der Kommentare aus meiner Sicht reichlich daneben. Ich habe hier schon vor einigen Wochen ausführlich zur Campus-Peinlichkeit Stellung bezogen. Dieses Projekt wurde damals von Jarchow/Hilke angeschoben, und dass es primär eine Geld-Beschaffungsmaßnahme war – dieser Eindruck ist wohl kaum zu leugnen. Gut verpackt mit einem neuen Nachwuchsprojekt, zugegeben, aber die Umplanungsmaßnahmen, die durch Bernhard Peters und Co. vorgenommen wurden, zeigen, dass das ursprüngliche Konzept auch inhaltlich nicht durchgetaktet war. Inhaltlich – das war nicht die Priorität. Aber: Jarchow und alle anderen im HSV waren und sind dafür rechtlich nicht zu belangen gewesen. Das ist Stand heute Tatsache.

Diese Zusammenhänge, und dass Alexander Otto den Granden den Allerwertesten gerettet hat mit seiner 10-Millionen-Euro-Zuwendung, das wurde auch hier von Scholle, Dieter und mir thematisiert. Als ich geschrieben habe, dass Jarchow gut aus seiner HSV-Vorstands-Zeit herausgekommen ist, wurde das hier ebenfalls als Medien-Problem dargestellt. Nach der Devise: Ihr habt ihn aber auch schön in Frieden gelassen.

Wer bitteschön hat Carl Jarchow, der jahrelange Minus-Zahlen als Vorstands-Vorsitzender zu verantworten hatte, denn vor allem in Frieden gelassen? Das waren die HSV-Mitglieder selbst, von denen einige mich nun hier kritisiert haben. Jarchow hat nicht eine einzige kritische Nachfrage erhalten auf der Mitgliederversammlung im Januar. Da war nicht die Rede davon, dass der Verein reihenweise Rote Zahlen geschrieben hat und die Campus-Millionen versickert sind. Von der Frage, ob die einzelnen Vorstände denn überhaupt entlastet werden – auch Joachim Hilke hätte diese Frage treffen können – war ebenfalls nichts zu hören. Gar nichts.

Was mir wichtig ist und war bei der Betrachtung Jarchows und vieler anderen, deren Wirken für den HSV am Ende in einem negativen Licht stand: Sie alle wurden auch von bestimmten Leuten, namentlich vom Aufsichtsrat, eingesetzt. Wenn Jarchow gescheitert ist, dann ist auch der alte Aufsichtsrat gescheitert. Führungskräfte in Unternehmen haben EIN wesentliches Instrument zur Steuerung der ganzen Firma, und das ist die Personalauswahl. Ist also Jarchow gescheitert, dann spricht das gegen diejenigen, die ihn ins Amt gehoben haben. Analog heute: Zeigt sich, dass Dietmar Beiersdorfer, wie von Scholle am Montag geschrieben, eigentlich kein Vorstands-Vorsitzender ist, dann geht diese Kritik in erster Linie an das Gremium, das Beiersdorfer bestellt hat. Und schon wären wir bei Karl Gernandt und seinem Team.

Zurück zu Jarchow. Zu guter letzt wurde nämlich angezweifelt, dass Jarchow für die Ausgliederung war. War er aber. Nicht als jemand, der sie initiiert hätte oder angeschoben. Das waren andere – das war die Gruppe HSV-Plus um Otto Rieckhoff. Aber dass Jarchow dessen ungeachtet dafür war, ist einfach Fakt. Das haben mir alle möglichen Menschen aus dem Verein bestätigt. Vermutlich wird mir nun auch noch weiter vorgehalten, ich habe HSV-Plus nicht gewollt. Ich verweise höflich auf eine „Matz-ab-live“-Sendung vom September 2013. Hier habe ich deutlich gesagt, die Ausgliederung muss kommen. Zu diesem Zeitpunkt war HSV-Plus gerade ein paar Tage auf dem Markt. Dass ich diese Haltung anschließend nicht marktschreierisch vor mir hergetragen habe wie andere, liegt wohl daran, dass ich Journalist bin. Aber egal, ob jemand aus meiner Sicht schlechte Arbeit geleistet hat – Kritik unter der Gürtellinie wird es von mir nicht geben.

Im übrigen: Welche Gefälligkeit sollte ich wohl von Carl Jarchow erwarten, wenn er Vize-Präsident des Hamburger Fußball Verbandes ist? VIP-Karte fürs Oddset-Pokal-Endspiel?

Noch sechs Tage bis zum Schalke-Spiel.

Lars
18.00 Uhr

Die “Affen” tanzen, der HSV liegt am Boden!

16. Mai 2015

Stuttgart bezwingt den HSV im Abstiegs-Endspiel 2:1 – die „Affen“ tanzen, der HSV liegt am Boden. Nun muss es sich am letzten Spieltag zeigen, ob der HSV tatsächlich immer wieder aufstehen kann. Am Sonnabend geht es im Volkspark gegen Schalke 04 um alles – jetzt ist der HSV erst einmal auf den vorletzten Tabellenplatz zurückgefallen. Es scheint, als müsste auch in diesem Jahr wieder ein Wunder helfen, um den Dino vor der Zweiten Liga zu bewahren. Der HSV bot auch im Ländle eine erschütternde Leistung, der Tabellenletzte war klar und deutlich das bessere Team und gewann verdient. Die Hamburger hatten deutlich mehr Unzulänglichkeiten zu bieten, als der VfB, HSV-Trainer Bruno Labbadia schlug sich mehrfach entsetzt die Hände vor das Gesicht. So wird das kaum noch etwas. Und für das Schalke-Spiel fällt nun auch tatsächlich noch Kapitän Rafael van der Vaart aus, der sich in der Nachspielzeit die zehnte Gelbe Karte der Saison erbettelte – Schiedsrichter Manuel Gräfe erhörte den Niederländer! Jetzt hat es der HSV schon nicht al mehr in eigener Hand, den Abstieg noch zu vermeiden. So sieht die Realität im Mai 2015 aus. Gute Nacht!

 

Mit der Aufstellung überraschte Trainer Bruno Labbadia auch diesmal wieder. Es scheint ein Hobby von allen Fußball-Lehrern zu sein, die den HSV coachen. Diesmal kam Marcell Jansen wie Kai aus der Kiste, und Ivo Ilicevic musste wohl deswegen ins Team, weil er ein Rechtsfuß ist. Obwohl der frühere Lauterer mal gesagt hatte, dass er rechts eigentlich nicht spielen möchte. Nun gut, in der allergrößten Abstiegs-Not frisst der Teufel wohl doch Fliegen . . .

 

Die „Affen“, wie VfB-Trainer Huub Stevens seine Spieler in der Woche tituliert hatte, traten mit der stimmgewaltigen Unterstützung von 54 000 Zuschauern an – aber der HSV hielt tapfer dagegen. Und ging sogar mit 1:0 in Führung. Freistoß von halbrechts, den gab Rafael van der Vaart mustergültig (diesmal mustergültig!) vor das Stuttgarter Tor, und dort stieg am Elfmeterpunkt Gojko Kacar in die Luft und köpfte ein. Der Wahnsinn! Kacars drittes Tor in Folge! Das ist unfassbar! Und die Teamkollegen erdrückten den Serben fast vor Freude. Der HSV auf dem Weg zum rettenden Ufer?

 

Leider nein. Und ausgerechnet Kacar bereitete den Ausgleich der Schwaben vor. Der HSV-Torschütze hätte einen Ball weit und hoch aus dem Strafraum herausschlagen können, nein müssen, aber er traf den Ball nicht gut. Stuttgarts Serey Die fing den Ball leichtfüßig ab, und postwendend flog die Kugel wieder zurück in den HSV-Strafraum, weil Marcell Jansen die Flanke nicht verhindern konnte, im Gegenteil, er fälschte die Kugel noch leicht ab. Am Fünfmeterraum-Eck kam Gentner an den Ball, und der schoss, bedrängt von Slobodan Rajkovic, aus der Drehung den Ball durch die Beine von Rene Adler ins Tor (27.). Wie bitter. Plötzlich war Stuttgart hellwach.

 

Und legte nach. In der 35. Minute hieß es 2:1 für den Tabellenletzten. Eckstoß von links, am kurzen Pfosten verlängerte Gentner (setzte sich gegen Ivica Olic durch) den Ball auf das lange Eck, und dort schien die gesamte HSV-Defensive irgendwie eingenickt. Marcell Jansen ließ den aus Hamburg stammenden Martin Harnik (Vier- und Marschlande) gewähren, der auf der Torlinie (am Pfosten) stehende Ilicevic zog schnell mal den Kopf zwischen die Schultern – Tor. Wie bitter war das denn bitte? So kann man im Abstiegskampf, jedenfalls den in der Ersten Bundesliga, nicht agieren. Das ist ein ganz schlimmes Abwehrverhalten, spricht aber Bände für diesen HSV. Und wenn es ganz schlecht gekommen wäre, dann hätte Harnik kurz vor der Pause noch das 3:1 erzielt, nachdem er sich gegen Rajkovic und Johan Djourou durchgesetzt hatte, aber der Österreicher schoss dann doch zwei, drei Meter am HSV-Tor vorbei.

 

Halbzeit. Und Stuttgart jubelte. Weil der VfB dann ganz klar Chef im Ring war. Die „Affen“, die nach dem 2:1 auch wie die Affen getanzt hatten, waren deutlich besser. Der HSV leistete sich viele und in der Entstehung ganz amateurhafte Fehlpässe, Stuttgart war schneller, wirkte frischer, zeigte viele Ideen – und waren schlicht williger, auch viel hungriger auf den Erfolg. Die HSV-Spieler zeigten dazu einige ungewöhnliche technische Fehler. So „paddelte“ Ivica Olic gleich zweimal bei VfB-Eckstößen am Ball vorbei, als er an erster Stelle stand. So etwas darf ganz einfach nicht passieren – aber beim HSV ist das leider an der Tagesordnung.

 

Die Überlegenheit des Schlusslichtes, das längst am HSV vorbeigezogen war, wurde im zweiten Durchgang noch eklatanter. Der VfB stürmte mit Mann und Maus, und der HSV hatte kaum bis nichts dagegen zu setzen. In der 62. Minute schien das 3:1 fällig, überfällig sogar, als Harnik an Rajkovic vorbeigezogen war und quer legte, aber Djourou rettete in allerhöchster Not vor Ginczek – nur Eckball für den VfB. Und als kurz darauf Adler unter einer Flanke durchlief, hätte Didavi eigentlich nur köpfen müssen, dann hätte es 3:1 gestanden – aber der Stuttgarter zögerte zu lange, Chance vorbei. Glück für den HSV. Aber was hilft es?

 

Adler wehrte noch bravourös gegen den frei vor ihm auftauchenden Kostic ab, der Ball prallte danach gegen die Latte (83.). Und noch einmal Adler in der 88. Minute, als er super gegen den durchlaufenden Werner hält. Zum Schluss war das 1:2 für den HSV noch glücklich, weil es nur so knapp war.

 

Niemals Zweite Liga.
???? Das wird noch enger als 2014!

 

Der HSV spielte mit: Adler; Westermann,
Rajkovic, Djourou, Ostrzolek; Kacar, van der Vaart; Ilicevic, Jansen (64. Min. Jansen); Olic; Lasogga (58. Min. Rudnevs).

 

Die Einzelkritik

 

Rene Adler leistete sich eine Schwäche, ansonsten bewahrte er den HSV vor einer höheren Niederlage. Das war eine Weltklasse-Leistung, Note eins mit Sternchen. Aber was hilft es, wenn eine solche Benotung nur auf den Torwart zutrifft?

 

Heiko Westermann hatte gegen den pfeilschnellen Kostic einen ganz schweren Stand, zweimal wurde er regelrecht „nass“ gemacht, ansonsten war das halbwegs in Ordnung.

 

Slobodan Rajkovic wirkte hölzern und langsam, im Moment scheint er mehr und mehr an Form zu verlieren.

 

Johan Djourou war der einzige Lichtblick in der Viererkette, der Schweizer warf sich immer wieder in die Angriffe der Schwaben – das war okay.

 

Matthias Ostrzolek schwamm mit, und zwar tüchtig, da war von Souveränität und Erstliga-Niveau nicht allzu viel zu erkennen.

 

Gojko Kacar markierte „sein“ Tor, da sah alles noch rosig aus, aber dann ging es bergab mit dem HSV – leider auch für den Serben.

 

Rafael van der Vaart ging leider nach dem 1:1 stetig mit unter.

 

Ivo Ilicevic war nie zu sehen. Warum er das so lange zeigen durfte? Ich weiß es nicht! Null Zweikampfverhalten, das mal nur so nebenbei.

 

Marcell Jansen blieb fast alles schuldig, leider, leider.

 

Ivica Olic das war überhaupt nichts. Und zwar 90 Minuten lang.

 

Pierre-Michel Lasogga tauchte von der ersten Minuten an ab und spielte viel zu lange.

 

Artjoms Rudnevs (ab 58. Min. für Lasogga) wollte bestimmt, konnte aber nichts mehr bewegen. Weil sein Umfeld es auch nicht mehr konnte.

 

Zoltan Stieber (ab 64. Min. für Jansen) ist nicht der Typ, der reinkommt und alles durcheinanderwirbelt. Das bewies er auch in Stuttgart.

 

Das war es zunächst vom Spiel gegen Stuttgart. Wir sind dann gleich wieder mit „Matz ab live“ zur Stelle, um über die Partie gegen die Schwaben zu sprechen. Unsere Gäste sind heute der ehemalige HSV-Abwehrspieler Detlef Spincke sowie Hamburgs erfolgreichster Amateurtrainer, Bert Ehm, zurzeit Manager des TSV Sasel. Wir vom Abendblatt-TV würden uns sehr freuen, wenn Ihr wieder zahlreich „einschalten“ würdet.

 

PS: Die Zweite hat heute ihr Regionalliga-Spiel in Lübeck gegen den VfB mit 2:0 gewonnen. Ahmet Arslan, der ehemalige Lübecker, erzielte das 1:0, Matti Steinmann den 2:0-Endstand – schon vor dem Seitenwechsel. Glückwunsch!

 

PSPS: Wer immer noch mehr HSV und Fußball will, der sollte morgen den „Sportclub live“ im Dritten Programm (NDR) einschalten. Da sind der frühere HSV-Trainer Frank Pagelsdorf und der ehemalige Volleyball-Bundestrainer, heutige Mental-Coach und immer noch HSV-Ehrenmitglied Olaf Kortmann (auch bei uns schon mehrfach zu sehen) zu Gast. Viel Spaß.

 

17.27 Uhr

Heese: “Es ist jetzt ein anderer Geist drin!”

15. Mai 2015

Zursicher

Mal sehen, was die Affen morgen so machen. Mit Affen sind die Spieler des VfB Stuttgart bezeichnet worden – von ihrem Trainer, ging ja auch Land auf, Land ab in den Zeitungen rauf und runter. So ist Huub Stevens eben. Was er auf der Zunge hat, muss raus. Und er hat es diesmal bestimmt auch deshalb rausgelassen, weil er mit dieser Beleidigung auch noch seinem letzten Spieler sagen will, dass hier allerhöchste Konzentration angesagt ist. Niemand darf auch nur einen Millimeter nach lassen, das wollte Stevens erreichen. Und er hatte auch deshalb die ganz Aufmerksamkeit, weil beim VfB Stuttgart, der ansonsten oft abgeschottet (also ohne Fans) trainiert, am Vatertag jeder Fan willkommen war. Stevens wollte mit seiner Härte auch demonstrieren, dass der Fokus nur auf diesem Abstiegs-Endspiel zu liegen hat. Ganz Stuttgart redet seit Tagen nur noch von dem Spiel gegen den HSV, das Stadion ist mit 60 000 Zuschauer seit Wochen ausverkauft – und 6000 Hamburger werden versuchen, sich in diesem Hexenkessel Gehör zu verschaffen. Und obwohl die Schwaben ja noch immer Tabellenschlusslicht sind, herrscht am Neckar große Zuversicht, dass der VfB an diesem Sonnabend gegen 17.20 Uhr den HSV um einen Punkt hinter sich gelassen hat. Es ist für das Ländle das Spiel der Spiele, und der Optimismus ist deswegen so groß, weil der VfB zuletzt stets gute oder sogar beste Leistungen gezeigt hat.

 
Was die meisten VfB-Fans aber in dieser Situation oft verschweigen: Der Tabellenletzte hat seit September 2013 (!) kein zweites Spiel in Folge mehr gewonnen. Seit September 2013! Und zuletzt siegte der VfB bekanntlich 2:0 gegen Mainz 05. Hält diese Negativserie an? Oder schafft es der HSV, so wie er es leider schon so oft geschafft hat, diese Serie zu durchbrechen – und das Schlusslicht so wieder aufzubauen? Was für Stuttgart außerdem ein Horror-Szenario ist, das ist die Tatsache, dass ausgerechnet Bruno Labbadia dem VfB den Gnadenstoß versetzen könnte. Jener Labbadia, der einst sehr wohl Erfolge mit dem VfB vorweisen konnte, der dann aber trotz allem, da gibt es sicher Parallelen zum HSV, vor die Tür gesetzt worden war, weil sich die Verantwortlichen und die Fans mehr erhofft hatten. Heute gibt es in Stuttgart nicht wenige, die meinen, dass die Labbadia-Gegner von damals heute sehr wohl Abbitte leisten müssten, denn nach dem damaligen Abgang des Trainers ist beim VfB nichts besser geworden. Im Gegenteil.

 

Im Ländle regnete es heute, am Sonnabend aber soll die Sonne scheinen. In Hamburg ist es genau umgekehrt. Mal sehen, wie sehr die Punkteverteilung dafür sorgt, dass in einem Fan-Lager so oder so die Sonne scheinen wird. Wir hoffen natürlich, dass es hier trotz des Regens reichlich Sonnenschein geben wird . . .
Beim VfB Stuttgart sind, um mal die sportliche Seite zu beleuchten, alle Mann an Bord. Diejenigen Spieler, die leicht angeschlagen in die Woche gegangen waren, wurden oftmals geschont, mussten nicht immer alle Einheiten mitmachen. Morgen aber wird jeder von ihnen bei 100 Prozent sein. Und besonders auf die Offensive hoffen die Schwaben. Die behaupten, dass es noch nie einen Tabellenletzten in der Bundesliga gegeben hat, der auf eine solche Super-Offensive setzen und bauen und hoffen kann. Vorne sind drei blitzgefährliche Angreifer unterwegs: In der Mitte der ehemalige Millerntor-Bomber Ginczek, links der Sprinter Kostic, rechts der unberechenbare Harnik, und dahinter der schnelle und technisch versierte Didavi, der nach einer längeren Verletzungspause jetzt wieder zur alten Form zurückkehren will – und schon auf dem besten Wege ist. Er wird der HSV-Defensive extrem viele Kopfschmerzen bereiten – neben den Stürmern.

 

Beim HSV herrschte heute nicht nur wegen des guten Wetters beste Stimmung. Bis auf Valon Behrami und Nicolai Müller konnten alle Spieler trainieren. Eine Stunde gab es Programm. Nach dem Aufwärmen folgte ein Spiel fünf gegen fünf gegen fünf. Und danach gab es reichlich Standards. Eckstöße, Freistöße, von links und von rechts zur Mitte gebracht. Meistens von Rafael van der Vaart geschlagen, aber auch Lewis Holtby und Ivo Ilicevic versuchten sich. Mit den Standards wurde ein wirklich lange Zeit verbracht. Zum Schluss folgte Spaß-Training. Die Spieler durften, so sah es aus, das machen, wozu sie Lust hatten. Lange Pässe, kurze Pässe, Torabschlüsse – Flanken. Wobei auch Bruno Labbadia tüchtig mitmischte. Der Coach schlug die Bälle aus dem Anstoßkreis heraus auf die linke Seite, wo Matthias Ostrzolek die Kugel meistens mit der Brust stoppte – um dann aus dem Lauf heraus zu flanken. In der Mitte hatte dann die Angreifer ein Spielchen mit Torwart Jaroslav Drobny zu laufen. Vorher wurde angesagt, wie viele Tore sie aus acht Flanken machen – und der oder die Verlierer mussten danach Liegestütze absolvieren. Da es ein nicht-öffentliches Training war, sah ich nicht alles, gefühlt würde ich sagen, dass die Angreifer mehr Liegestütze machen mussten. Und um ehrlich zu sein, ich habe Drobny nicht am Boden gesehen. Wer Rene Adler dabei vermisst: Der Stammkeeper war nach einer Stunde in die Kabine gegangen, nur mal so, es sah nicht danach aus, als drücke Adler auch nur ein kleiner Schmerz.
Übrigens sah Club-Chef Dietmar Beiersdorfer heute dem Training zu, nach dem Ende der Einheit ging er dann mit einer asiatischen Delegation (sah nach einem jungen Spieler aus) in das Umkleidehaus im Volkspark.

 

Aus dem Kader, der heute trainiert hat, blieben der Brasilianer Cleber, Julian Green und auch Maximilian Beister zu Hause.
Schiedsrichter der Partie in Stuttgart wird der Berliner Manuel Gräfe sein, in meinen Augen eine sehr gute Ansetzung, er ist mit dem Münchner Dr. Felix Brych der zurzeit beste deutsche Unparteiische. Aber – man soll den Tag nie vor dem Abend loben. Habe ich zuletzt wahrscheinlich das eine oder andere Mal zu viel gemacht. Deswegen halte ich jetzt mal den Ball flach. Obwohl ich, wenn ich bei Schiedsrichter bin, gleich an Rafael van der Vaart denke, denn der hat bislang neun Gelbe Karten „eingefahren“. Sieht er in Stuttgart noch einmal Gelb, dann fand am Neckar das Abschiedsspiel des „kleinen Engels“ statt. Das wäre doch auch dramatisch. Nicht für jeden HSV-Fan, aber auf jeden Fall für van der Vaart selbst.

 

Aber der Niederländer könnte sich ja auch in Sachen Härte oder auch mit verbalen Entgleisungen zurückhalten, dann passiert eben nichts. Hoffentlich. Ich sprach heute noch mit einem ehemaligen HSV-Spieler, der sich in Sachen Zurückhaltung nie besonders zurückhielt. Sein damaliger Trainer Klaus Ochs hat über ihn einst gesagt: „Auf dem Platz ist er ein Ekel.“ Es geht, einige haben es schon erraten, um Horst Heese. Der heute 71-Jährige lebt schon seit Jahrzehnten in Belgien, verfolgt den HSV, für den er einst „nur“ 41 Spiele bestritt, aber immer noch ganz genau – über das Bezahlfernsehen. Heese wurde damals im Winter 1972 verpflichtet und absolvierte sein erstes Spiel für den HSV am 16. Dezember 1972, bei seinem Debüt gab es eine 0:1-Niederlage – und der HSV stand damals auf dem letzten Tabellenplatz. Trotzdem gab es ein Happy end, dank Heese, der in der HSV-Geschichte den Platz eins als HSV-Retter einnimmt. Er riss die gesamte Mannschaft damals mit, und das waren immerhin Spieler wie Rudi Kargus, Peter Hidien, Manfred Kaltz, Peter Nogly, Klaus Zaczyk, Georg Volkert, Ole Björnmose, Willi Schulz, „Bubi“ Hönig, Caspar Memering, und, und, und.

 

Horst Heese hat in der jüngeren Vergangenheit schon oft um und mit dem HSV gezittert. Diesmal aber schien er mir optimistischer zu sein, denn er sagte: „Das sieht doch jetzt schon wieder viel besser aus, als noch vor ein paar Wochen. Das ist ja jetzt eine ganz andere HSV-Truppe, die kämpfen und hängen sich voll rein – das sieht gut aus, in meinen Augen.“ Den Umschwung hat Bruno Labbadia gebracht, das sieht auch Heese so, denn er befindet: „Sicher hat Bruno viel bewirkt, aber wenn man auf einen schwachen Trainer folgt, dann muss man kein Super-Trainer sein. Da hätte kommen können, wer will, es waren vorher zu viele schwache Trainer da. Wenn die Jungs merken, da vorne steht einer, der versteht sein Handwerk, der hat selbst gespeilt, der weiß wie es geht, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber wenn du da vorne ein paar Flaschen vor der Mannschaft stehen hast, in kurzen Sprinterhosen, dazu mit fünf Handys durch die Luft wirbeln, dann wissen die Spieler doch gleich Bescheid. Der kann denen doch gar nichts erzählen, und wie soll das denn funktionieren?“ Heese: „Wenn wir damals gemerkt haben, dass wir eine Flasche vor uns haben, dann haben wir den sofort auf die Rolle genommen. Wenn der in kurzen Hosen vor uns stand, haben wir schon gegrinst, wenn der dann noch seine Stutzen irgendwie schief angezogen hatten, dann war die Sache für uns gleich klar, was wir da für einen vor uns hatten . . . Wenn du aber einen Trainer hast, der selbst an der Front war, dem nimmst du doch eher ab, was er da erzählt. Und von den schwachen Trainern hatte der HSV zuletzt leider einfach zu viele.“

 

Horst Heese sagt über die heutige HSV-Truppe, und das ist aus seinem Munde gewiss ein riesiges Kompliment: „Jetzt ist wieder ein anderer Geist drin. Und wenn du den Bruno Labbadia siehst, das ist echt, das ist authentisch, er lebt das vor, was da jetzt passieren muss. Die anderen Trainer haben, wenn die Kameras auf sie zukamen, ein verzweifeltes Gesicht gemacht, haben ein wissenschaftliches Gesicht gemacht, oder sie haben ihre Notizblöcke vollgeschrieben. Da waren viele Schauspieler am Werk. Aber Gott sei Dank, sie tanzten nur einen Sommer. In Hamburg jedenfalls.“

 

Horst Heese appelliert – auch für die Zukunft des HSV – an die Ehemaligen des HSV: „Da sind doch so viele Pragmatiker, die müssten mal den Mund aufmachen. Damit die Knalltüten ausgespielt haben, damit der HSV endlich mal einen vernünftigen Trainer bekommt. Diejenigen, die noch den engen Draht zum HSV haben, sollten schon mal häufiger den Mund aufmachen.“ Aber, das vermute ich, es haben in der Vergangenheit vielleicht schon oft den Mund aufgemacht, doch es passierte nichts, ihre Tipps verhallten mehr oder weniger ungehört im Volkspark.

 

Und wie ist Horst Heese mit dem Punkt „Härte“ zurzeit mit den HSV-Spielern zufrieden? Heese: „Das könnte ruhig noch etwas mehr sein, ganz klar. Wobei man Härte nicht mit Unfairness verwechseln darfst. Aber es geht doch jetzt um alles. Man darf nicht von hinten zutreten, du kannst ja auch einen Gegner von vorne stören. Aber du musst fit sein, immer eisern und hart am Mann sein. Heute sieht man auch keine Schnitte, wenn man nicht hundertprozentig fit ist. Dann bist du im heutigen Tempo-Fußball total daneben. Und man muss auch immer schön aufpassen, dass man nicht zu viele Freistöße vor dem eigenen Strafraum verursacht, das kann sich dann auch schnell rächen, wenn der Gegner da Spezialisten hat, die solche Standards zu nutzen verstehen. Also, mehr Härte ja, aber keine Fouls.“
Mal sehen, wie das denn morgen in Stuttgart so laufen wird – in der HSV-Defensive.

 

Ich habe übrigens in die Programm-Zeitschrift „Hör zu“ geblickt, wie der Prominente (jede Woche ein anderer) den Spieltag, besonders den HSV getippt hat. Diesmal ist das Joscha Kiefer (Soko 5113) gewesen, und der tipp Stuttgart – HSV auf 4:0. Oha, ein dickes Ding! Und eine Woche weiter tippt Lukas Hundt (Akte Ex) den HSV gegen Schalke 04 auf 1:0. Mal abwarten, wie sich das alles (schon an diesem Spieltag) da unten entwickelt.

 

So, zwei Personalien habe ich noch:

Lotto King Karl eröffnet an diesem Sonnabend im Stadtpark die Open-Air-Saison – und ich wünsche dem Kult-Sänger und seiner Band alles Gute, viel Glück – und gutes Wetter. Und Euch, die Ihr dabei seid, viel Spaß.

Dann hat sich heute Joe Zinnbauer bei NDR2 zu Wort gemeldet. Der Trainer, der im Moment nicht groß arbeitet, kann sich durchaus vorstellen, dass er in der nächsten Spielzeit wieder die U23 (spielt am Sonnabend um 14 Uhr in Lübeck um Punkte) trainieren wird. Mich würde das sehr freuen, gebe ich zu, denn der „Joe“ hatte diese Truppe doch märchenhaft ins Laufen gebracht. Vielleicht schafft er das denn ja noch einmal, ich glaube, dass die meisten Spieler nichts dagegen hätten. Ich drücke ihm die Daumen, dass es noch einmal weitergehen wird mit ihm – beim HSV.

 

Und wie es dann in der Bundesliga weitergehen wird, das kann man dann wahrscheinlich schon morgen von 17.20 Uhr an etwas klarer sehen, auch wenn bestimmt noch nicht alles restlos geklärt sein wird. Davon gehen ich mal verstärkt aus Drückt dem HSV tüchtig die Daumen, dass auch diesmal das Abstiegsgespenst in andere Städte abzischt. Hat doch 2014 bestens geklappt – oder?

 

In diesem Sinne, kommt gut rein in den 33. Spieltag – und bleibt positiv!

Dieter.

 

18.46 Uhr

Drobny der große Held beim 2:1-Sieg!

7. Februar 2015

War das ein Jubel! Wenn es nach der Lautstärke gehen würde, dann wäre der HSV nun gerettet. 2:1 gegen Hannover 96 gewonnen, es geht weiter bergauf, auch wenn es spielerisch noch lange nicht rund läuft. Es durfte gegen die Niedersachsen mächtig gezittert werden, ehe dieser Dreier perfekt gemacht worden war. „Oh, wie ist das schön“, sangen nach dem Schlusspfiff die HSV-Fans und feierten den Helden dieser Abwehrschlacht: Jaroslav Drobny. Der Tscheche hatte eine fantastische Leistung geboten und rettet dem HSV mit vielen Prachtparaden den Sieg. Der mit zwei sehr glücklichen weil abgefälschten Treffer zustande gekommen war. Aber das nimmt der HSV und sein Anhang auch einmal gerne und dankbar an. Oft genug war es umgekehrt – oder? Dieser Sieg war auf jeden Faqll wieder einmal unheimlich wichtig, denn nun geht es am nächsten Wochenende zu den Bayern, und dort dürfte der HSV dann keinen allzu hohen Sieg einfahren . . . Obwohl die Fans im Norden Mut machten: „Zieht den Bayern die Lederhosen aus . . .“ Versuch macht klug.

Für Abendblatt-Blogs


 

Vor dem Spiel hatte Artjoms Rudnevs Schwerstarbeit zu verrichten. Er stand vor der Kabine „seiner“ Hannoveraner und begrüßte jeden Spieler und Funktionär per Hand, mit den meisten lag er sich in den Armen. Ja, alte Liebe rostet nicht, der Lette scheint sich offenbar an der Leine sehr wohl gefühlt zu haben . . . Und sitzt beim HSV nur auf der Ersatzbank, wie zuletzt zu seiner Ausleih-Zeit bei den Niedersachsen. Das ist Fußballer-Schicksal.

 

Der HSV brachte dann in den ersten 45 Minuten ein wahres Kunststück zustande. Ohne einmal auf das Hannoversche Tor geschossen zu haben, stand es zur Pause 1:0. Sensationell. Dabei hatte der HSV im ersten Durchgang oft das Nachsehen, er stand hinten drin, boölzte die Kugel oftmals in höchster Not nur nach vorne oder ins Aus –und hoffte vergeblich auf den einen oder anderen Konter. Da kam so gut wie kaum etwas nach vorne. Und nicht selten stand der HSV mit allen elf Spielern am und im Strafraum, um so 96-Tore zu verhindern. Das sah teilweise aber nicht schön aus, das war wie beim Hase-und-Igel-Spiel. Oder: So spielt man mit Studenten . . . Der HSV lief hinterher, Hannover machte die Musik. Aber, das zum Trost, so muss Hannover wohl auch bei der 0:1-Niederlage am vorletzten Spieltag auf Schalke gespielt haben. Und: Es ist ja nicht verboten, so zu spielen, wie es der HSV macht. Wenn es anders nicht geht, dann muss man zurück zu den Wurzeln – hau wech das Ding, denn vorne geht einer mal rein, aus Versehen.

 

Zunächst hatte aber 96 die Chance zum Führungstreffer. Heiko Westermann leistete sich einen seiner etlichen Abspielfehler, das kurz vor dem Strafraum, dann ging es schnell, Hannover kombinierte etwas zu schnell für den HSV- und Rafael van der Vaart war gedanklich auch etwas zu langsam, als es für ihn galt, Sane zu stoppen. Das gelang nur mit einem Foul – Strafstoß in der 22. Minute. In der 23. Minute meisterte dann Jaroslav Drobny den Schuss von Joselu, und der HSV behielt seine weiße Weste. Westermann wusste sofort, bei wem ich sich zu bedanken hatten, er drückte Drobny einen Kuss auf die Wange – wenn ich es richtig gesehen habe. Auf jeden Fall nahm er ihn in den Arm, um so einmal ein Dankeschön loszuwerden. War angebracht.

 

Drei Minuten später hieß es dann 1:0 – wie der Zufall es will. Marcell Jansen fing an der Mittellinie einen Ball ab, lang auf Ivica Olic –der köpfte in den Lauf auf den links nach vorne kommenden Zoltan Stieber, dem bis dahin kaum mal etwas Produktives gelungen war. Der Ungar flankte in den Strafraum, dort wäre kaum einer seiner Mitspieler gewesen, aber Marcelo, der Hannoveraner, lenkte den Ball unglücklich für 96 – und glücklich für den HSV auf und ins eigene Tor. Welch ein Traumtor! Slapstick pur. Aber im Moment scheint die Dame Fortuna ein wenig auf den HSV zu stehen. Hoffentlich bleibt es so, wo doch alle im Sommer gesagt haben, dass mit dem 0:0 und 1:1 gegen Greuther Fürth der HSV sein Glück auf Jahre hinaus aufgebraucht hat. Offenbar stimmte das nicht ganz.

 

Es gab bis zum Halbzeitpfiff des wieder einmal guten Schiedsrichters Manuel Gräfe (Berlin) unheimlich viele kleine Fouls des HSV, Fehlpässe von beiden Mannschaften und diverse technische Unzulänglichkeiten. Abstiegsangst macht Abstiegskrampf – und lähmt.

 

Kurios kurz vor dem Seitenwechsel: Der Stadionsprecher mahnt die Fans, nicht mit der Trillerpfeife zu pfeifen – aber dann natürlich gerade. Selbstverständlich muss dann gepfiffen werden, dann doch erst recht. Hätte der Stadionsprecher gesagt, dass nun mal alle pfeifen sollen, es hätte doch keiner gepfiffen. Der eine, der dann aber pfiff, der bremste einen HSV-Konter. Der Ball lief in der Nachspielzeit mal über rechts, als Stieber plötzlich die Kugel in die Hand nahm. Weil er den Pfiff gehört hatte. Chance dahin. Aber der gute Fan, der den Konter verhindert hatte, der wird ganz sicher sagen: „Wer weiß, der HSV wäre doch ohnehin nicht bis zum Strafraum oder sogar noch weiter gekommen!“ Riiiiiiiichtig! Und der Pfiff war doch auch richtig geil – und hat Spaß gebracht.

 

In der Halbzeitpause muss was los gewesen sein – in der HSV-Kabine. Joe Zinnbauer jedenfalls griff durch und „erlöste“ Westermann auf der Position des Rechtsverteidigers. Das ging an diesem Abend gar nicht. Für ihn kam Ashton Götz. Und auch van der Vaart blieb in der Kabine, wohl weil sich seine Muskelverhärtung aus dem Paderborn-Spiel wieder bemerkbar machte – so vermuteten wir auf der Tribüne. Für den Kapitän kam Petr Jiracek. Und der HSV bekam im Mittelfeld sofort mehr Zugriff. Man musste nicht mehr bei jedem Angriff der Niedersachen Angst vor einem Gegentreffer haben. Gut gemacht, Herr Zinnbauer!

 

Und Glück hat, das wissen wir auch alle, auf Dauer nur der Tüchtige. So geschah auch das 2:0. Jiracek eroberte an der Mittellinie den Ball, der kam 25 Meter vor dem 96-Tor zu Jansen, der lief noch einige Schritte und schoss dann aus 22 Metern einfach mal drauf. Und weil das so gut beim 1:0 geklappt hatte, fälschte 96-Abwehrmann Marcelo die Kugel noch einmal ab – und drin das Ding! Die Vorentscheidung in der 50. Minute? Hannover schien auf jeden Fall leicht geschockt. Ein toller 22-Meter-Freistoß von Marcelo Diaz (dem Neu-Hamburger) hätte fast das 3:0 gebracht, der Ball aber flog um Zentimeter vorbei – Torwart Zieler stand wie entgeistert und hoffte nur noch. Glück für ihn, diesmal war es anders herum (56.).

 

Aber Hannover gab nicht auf. Und schaffte in der 67. Minute de Anschluss. Marcelo köpfte gegen die Querlatte, Sobiech staubte ab. Und die Zitterpartie für den HSV nahm ihren Lauf. Joselu scheiterte nur Sekunden danach mit einem Seitfallzieher an Drobny, der den Ball aus dem Winkel kratzte. Es spielte nur noch Hannover, obwohl einmal auch Ivica Olic noch allein auf das Tor der Niedersachsen zulief, aber von Sane noch eingeholt wurde (80.). In der Nachspielzeit dann 20-Meter-Freistoß für Hannover, doch Stindl schoss um Zentimeter vorbei. Das Glück aber war an diesem Abend für Hamburg – Sieg, und zwar ein ganz, ganz wichtiger.

 

Der HSV spielte mit: Drobny; Westermann (46. Götz), Djourou, Rajkovic, Marcos (78. Kacar); Diaz, van der Vaart (Jiracek); Müller, Stieber, Jansen; Olic.

 

Die Einzelkritik:

 

Jaroslav Drobny bot ein großartiges Spiel, wurde von den Fans gefeiert. Beim 1:2 aber schien er sicher schon zu sicher zu sein, den Ball fangen zu können – und schon war er weg. Aber Drobny bekommt trotzdem die Note eins.

 

Heiko Westermann bekommt diesmal die Note fünf minus, das war wirklich nur schlecht. Zu unsicher, zu schwach in der Defensive, auch im Mann-gegen-Mann-Duell.

 

Johan Djourou erhält eine glatte Zwei, er sorgte für Ruhe, wenn es mal wieder hoch her ging im HSV-Strafraum.

 

Slobodan Rajkovic hing wie eine Klette an Joselu und erledigte seine Defensivaufgaben prächtig. Guter Kopfballspieler.

 

Ronny Marcos begann etwas zerfahren, fand sich aber schnell und bot hinten links eine solide und teilweise sehr gute (Abwehr-)Leistung. Musste in der 78. Minute verletzt raus.

 

Marcelo Diaz ist ein ganz feiner Fußballer, der viele, viele Dinge richtig macht, der ein großartiges Passspiel hat und auch mit dem Auge spielt und abräumt.

 

Rafael van der Vaart fand nicht so richtig viel und oft statt. Es war wohl seine Verletzung.

 

Nicolai Müller fand auch nicht so richtig statt, aber man muss wohl Geduld haben mit ihm – Zinnbauer hat sie ja, scheinbar ohne Ende. Lieder auch nicht der Zweikämpfer vor dem Herrn, wenn es galt, mal dagegen zu halten.

 

Zoltan Stieber brauchte eine halbe Stunde, vielleicht auch eine ganze Halbzeit, dann war er präsenter und unternehmungslustiger.

 

Marcell Jansen war diesmal auch nicht von Beginn an wach, aber er legte ständig zu, rieb sich auf, gab für die Mannschaft alles – gut so.

 

Ivica Olic lief sich vorne einen Wolf, aber das ist nun mal das „Schicksal 2015“ einer jeden HSV-Spitze.

 

Ashton Götz (ab 46. Für Westermann) fügte sich sehr gut ein und bot hinten rechts eine solide Vorstellung.

 

Petr Jiracek (ab 46. Für van der Vaart) biss sich gleich in dieses Spiel und wurde eine Stütze für den HSV. Schien aber schon nach einigen Minute zu „pumpen“- zu viel gewollt und überzogen? Er ging weite Wege.

 

Gojko Kacar (ab 78.für Marcos) zeigte, dass auf ihn Verlass ist, wenn er kommt.

 

Das war es zunächst vom Spiel gegen Hannover 96 – aber es geht gleich noch. Dann sind wir mit „Matz ab live“zur Stelle und werden über die eben erlebten 90 Minuten sprechen. Zu Gast bei uns sind dann die früheren HSV-Profis Bastian Reinhardt und Klaus Fock. „Scholle“ und ich würden uns freuen, wenn er wieder bei uns sein würdet – bis gleich.

 

20.33 Uhr

Ein HSV-Tag zum Einrahmen!

10. Februar 2013

„Aufwachen ist der erste Schritt, seine Träume wahr zu machen.“
Hat einst die amerikanische Schauspielerin Diane Keaton gesagt. Schön gesagt. Und so treffend. Es blieb auf jeden Fall der Nachwelt erhalten, und genau dieser Spruch prangte auf dem Blatt des 9. Februars des (begehrten) Springer-Kalenders. Als ich das morgens beim Frühstück las, da keimte dann doch ein wenig Hoffnung auf. Sollte in Dortmund doch etwas gehen? Und dann wachte der HSV tatsächlich auf, und es wurde dieser 9. Februar ein so wunderbarer Tag. Auch wenn das Dortmunds Trainer Jürgen Klopp nach der 1:4-Heimpüleite natürlich völlig anders sah, denn er sprach von einem „Scheiß-Tag“, den niemand braucht. Einspruch, Euer Ehren, ich brauchte den. Darauf haben wir, genau auf einen solchen Tag, doch schon seit Jahren gewartet. Ich kann nur hoffen, dass HSV-Trainer Thorsten Fink sein kleine Geheimnis jetzt für immer in der Tasche behalten wird: den Glücks-Cent. Ihr erinnert euch? Am Freitag, nach dem Abschlusstraining, fand der Coach, kurz bevor er die Treppen in Richtung Kabine betrat, diesen Cent. Er hob ihn auf, bevor es ein anderer machen konnte, und sagte: „Der bringt Glück.“ Tat er tatsächlich. 4:1 in Dortmund ist ein Traum! Jetzt sollte mit diesem glitzernden Cent eine Sieges-Serie gestartet werden. Und dazu muss die Mannschaft nun auch stets hellwach bleiben – aufgewacht ist sie ja jetzt schon.


Am Tag danach war trainingsfrei. Das hatten sich die Helden auch verdient. Umso erstaunlicher, dass der Doppelpack-Torschütze Son an diesem Sonntag um 14 Uhr einen Fitness-Club in Eppendorf betrat, um dort nach allen Regeln der Kunst kräftig zu arbeiten. Wer rastet der rostet, und von nichts kommt nichts. Zur Nachahmung empfohlen. Auch wenn Per Ciljan Skjelbred nach dem grandiosen Erfolg im Westen ganz nüchtern festgestellt hatte: „Wenn man 4:1 gegen Dortmund gewinnt, dann hat man vieles richtig gemacht.“ So ist es. Und Marcell Jansen dachte schon an die nächsten Aufgaben: „Wir haben gezeigt, dass wir als Mannschaft funktionieren, dieser Sieg war so wichtig für uns.“ Unheimlich wichtig. Denn mit diesem Dreier, auch mit diesem Spiel, hat sich der HSV zurückgemeldet und sich wieder einmal Respekt erspielt. Das war ein HSV-Tag zum Einrahmen.

„Wir haben diesen 4:1-Erfolg gefeiert wie eine Meisterschaft, wir waren an diesem Tag die bessere Mannschaft“, meinte Rafael van der Vaart. Und Dennis Aogo befand: „Dass wir gewonnen haben, das ist kaum zu glauben, weil der BVB normalerweise zu Hause eine Macht ist. Das sollte uns Auftrieb geben.“ Natürlich. Heung Min Son stammelte auch weit nach dem Schlusspfiff immer wieder: „Das ist ein Traum. Ich kann es nicht glauben, ich kann es nicht glauben . . .“ Und dazu gehört wahrscheinlich auch die Tatsache, dass der HSV den Meister gleich zweimal in einer Saison besiegt hat. Thorsten Fink gab zu: „Mit diesem Sieg konnte keiner rechnen – nach der Heimniederlage gegen Frankfurt. Ich habe den Jungs aber gesagt, sie sollen nach vorn spielen. Das ist ein Teil meiner Philosophie, so stelle ich mir Fußball vor: Freude am Spiel zu haben und mutig nach vorn. Diesmal haben wir von Beginn an mutig gespielt.“

Europapokal, Europapokal, Eu-ro-pa-pokal . . . Platz fünf am Sonnabend sah doch schon mal super aus. Und träumen, das hat Armin Veh (der Eintracht-Trainer) im ZDF-Sportstudio gesagt, träumen ist erlaubt. Sonst macht das ganz Leben ja keinen Spaß.

Dortmunds Coach Jürgen Klopp, die sonstige Frohnatur, war natürlich bedient: „Das ist nicht leicht zu erklären. Das Spiel hat so viele Geschichten geschrieben. Ich habe nach dem Schlusspfiff gemerkt, das Leben geht weiter und endet nicht mit so einem Dreck. Leider gehören solche Scheißtage zum Leben eines Fußballers dazu. Das war für uns ein gebrauchter Tag gegen einen starken HSV.“ Und noch ein Lob in Richtung Hamburg hatte „Kloppo“ parat: „Das 2:1 war ein Weltklassetor von Son.“

Ja, der HSV-Angriff. Wer hätte das zu Beginn der Saison gedacht, dass Artjoms Rudnevs und Heung Min So mal das Prunkstück des HSV werden? Beide haben jetzt zusammen 19 der 26 HSV-Tore erzielt. Rudnevs zehn, Son, neun. Und mal unabhängig von diesen Treffern – wie sich beide bemühen, wie sich beide voll reinhängen, wie sie beide spielen und Torgefahr ausstrahlen, das ist schon klasse. Und wenn man Rudnevs immer daran festmacht, dass er ein „Grob-Techniker“ sei, dann konnte und kann das nicht für die Partie in Dortmund gelten. Da hatte der Lette nämlich auch viele gute und erstaunliche Szenen am Ball. Das Einzel- oder Sonder-Training macht sich bezahlt, keine Frage.

Natürlich kam dem HSV entgegen, dass BVB-Torjäger Robert Lewandowski in der 24. Minute (nach einem bösen Foul an Per Ciljan Skjelbred) vom Platz gestellt worden war. Eine völlig richtige Entscheidung. Schiedsrichter Manuel Gräfe (Berlin) hat ohnehin in diesem Spiel eine ganz starke Leistung gezeigt, hat sich auch von den 80 645 Zuschauern nie beeindrucken lassen und seine Linie konsequent beibehalten. Dass Rafael van der Vaart dem Unparteiischen eine kleine Nachhilfe-Minute in Sachen Platzverweis gegeben hat – Schwamm drüber. Das war aber in meinen Augen überflüssig. Auch wenn der Niederländer eine Befürchtung hatte: „Der Schiedsrichter wollte keine Rote geben. Da habe ich ein wenig Theater gemacht.“ Wie der „kleine Engel“ bemerkt haben will, dass Gräfe kein Rot ziehen wollte, bleibt mir schleierhaft, denn der HSV-Star lief ja sofort und total aufgebracht auf Lewandowski zu, um dem Polen schnell mal die Meinung zu „geigen“. Wie hat der gute „Raffa“ dabei noch den Schiedsrichter im Auge gehabt? Na gut, es muss ja ohnehin immer für alles im Fußball eine Erklärung geben, sonst sind wir wohl nicht zufrieden . . .

Dass van der Vaart nur wenige Minuten später vor der mit BVB-Fans („die Wand“) besetzten Südtribüne von einem Gegenstand am Körper getroffen wurde, wollte van der Vaart nach dem Schlusspfiff nicht an die große Glocke hängen. Und auch schon während des Spiels zog er keine große Show ab. Das war absolut okay, das war fair und hochanständig, so verhält sich in der heutigen Zeit (und in einer so hitzigen Atmosphäre!) absolut nicht jeder Profi. Leider, leider.

Pech hat der HSV jetzt allerdings mit seinen Innenverteidigern. Michael Mancienne verletzt, Paul Scharner verliehen, Jeffrey Bruma (60.) vom Platz gestellt und nun gesperrt. Jetzt schlägt die Stunde von Slobodan Rajkovic und wohl auch die von Gojko Kacar. Beide werden nun ganz dringend benötigt – so schnell kann es gehen. Für beide Spieler hat es mich aber auch gefreut, dass sie bei diesem Sieg dabei sein konnten (und durften). Es war ohnehin ein großartiger Tag für den Gemeinschaftssinn des HSV, denn es haben sich in Dortmund ja alle von ihrer besten Seite gezeigt. Skjelbred zum Beispiel spielte hervorragend mit und gewann vor dem 3:1 ein ganz wichtiges Kopfballduell (!) am Dortmunder Strafraumeck, danach flankte dann van der Vaart auf den Kopf von Rudnevs. Und dann erst das 4:1. Eine grandiose Einzelleistung von Jansen, der sich erst den Ball an der Eckfahne energisch erkämpfte (Super-Einsatz!), dann Slalom lief und den Ball anschließend zur Mitte passte, wo Son zur Stelle war – 4:1.

Ja, Jansen, er hatte in Dortmund einen unglaublichen Schokoladen-Tag, endlich einmal wieder, und er hatte ja auch schon das 1:1 traumhaft vorbereitet, als er einen millimetergenauen Pass auf Aogo gespielt hatte, der den Ball zur Mitte gab – Tor Rudnevs. Und den Pass auf Son, als der das 2:1 machte, hatte Bruma gespielt – was auch höchst selten vorkommt, dass der Niederländer mal als „Vorlagengeber“ glänzt. Nein, diesmal passte wirklich alles, diesmal griff tatsächlich ein Rädchen in das nächste.

Zum Abschluss möchte ich mich noch einmal (und an dieser Stelle) kurz bei Thomas Doll und Torsten Walter bedanken, dass sie gestern im „Grand Elysee“ unsere Gäste bei „Matz ab live“ waren. Es ist ganz sicher keine Selbstverständlichkeit, dass da ein Publikumsliebling wie Doll aufläuft, wir (und ich) wissen das zu schätzen – es hat Spaß gemacht. Und wir waren hinterher erleichtert: Weder „Scholle“ noch ich haben auch nur ein einziges Mal „Dolli“ gesagt. Weil er ja auch Thomas Doll heißt.

So von einem „Altmeister“ zum nächsten „Altmeister“, ein älterer „Altmeister“ sogar, der aber auch ein ganz großes Stück HSV-Geschichte mitgeschrieben hat. Morgen, am Montag, ist der große Flügelflitzer Gert „Charly“ Dörfel in der Sendung Rasant zu Gast, der Live-Auftritt beginnt um 20.15 Uhr – natürlich bei „HH1“. Ein paar “Matz-abber”, so wurde mir geflüstert, sind als Zuschauer auch mit von der Partie.

PS: An diesem Montag wird im Volkspark nicht trainiert.

17.58 Uhr

Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung – mehr aber noch nicht

28. November 2012

Der Tag danach – bis auf Tolgay Arslan, der sich langsam der Bedeutung seiner Sperre bewusst, freute er alle komplett und uneingeschränkt. „Das war ein wichtiger Sieg für die Fans, den Verein, für die Mannschaft“, so sich Per Skjelbred, „und für mich. Ich habe vier Monate warten müssen und dann die Chance bekommen, die ich genutzt habe. Der Trainer meinte: ‚Gut gemacht, Junge.’ Und das fand ich auch. Ich bin mit meiner Rolle in diesem Spiel sehr zufrieden.“ Und das darf er absolut auch sein.

Skjelbred, der auf der von ihm eher ungeliebten rechten Mittelfeldseite ein extremes Laufpensum an den Tag legen musste, wird auch am Sonntag in Wolfsburg beginnen. Darauf legte sich Trainer Thorsten Fink („Per hat seine Aufgabe hervorragend gelöst“) bereits fest. Denn auch bei den Niedersachsen will Fink mit einem spielerisch starken Mittelfeld punkten. „Wir haben gewonnen, weil wir guten Fußball gespielt und dabei einen großen Fight geliefert haben“, fasste Milan Badelj nach dem Spiel zusammen. Und der Kroate hatte Recht. Der HSV lief 114,4 Kilometer, die Schalker hingegen nur 110,4 Kilometer. „So haben wir Druck gemacht“, freute sich Fink und Badelj ergänzte: „In Düsseldorf haben wir versucht, mit nur nett anzusehenem Fußball zu gewinnen. Aber spätestens jetzt wissen wir, dass wir gut spielen müssen UND immer kämpfen. Dann werden wir vielleicht bald wieder sagen können: Das war unser bisher bestes Spiel.“

Der beste Mann auf dem Platz neben – wie eigentlich immer – Adler, war für mich Badelj. So sehr ich mich über Skjelbred, Beisters ersten Treffer und natürlich über die starke Rückkehr Aogos auf seiner neuen Position gefreut habe, der Kroate machte auf der Sechs alles. Er war das Gehirn des HSV – und das funktionierte besser als das Starensemble aus Gelsenkirchen. „Bei Milan hat einfach alles geklappt. Er hat die Rolle als einziger Sechser angenommen und war der dominante Mann auf dem Platz. Er war die Schaltzentrale zwischen Abwehr und Mittelfeld. Und meistens auch noch zwischen Mittelfeld und Angriff“, lobt Arnesen den Rechtsfuß mit dem Ball-Magneten im Schuh. Nur fünf seiner 68 Pässe (Topwert aller Spieler) verfehlten den Mitspieler. Nur der ebenfalls bärenstarke Heiko Westermann (92) hatte mehr Ballkontakte als Badelj (87), der mit 11,58 Kilometern nach Aogo (12,12 Kilometer) auch noch der laufstärkste Spieler war. Mit 12 gewonnen Zweikämpfen schon sich Badelj zudem zwischen die vier Abwehrspieler. „Bei Milan fängt unser guter Fußball an, weil er für unsere Abwehr immer als Anspielpunkt dient. Egal, wer um ihn herum steht, Milan will den Ball und behauptet ihn auch. Er ist eine Lösung für alle Mitspieler und der Chef auf dem Platz“, so Arnesen. Und dass der Kroate den Elfer schießen durfte („Normalerweise hätten die Stürmer schießen müssen, ich wollte aber unbedingt“), spricht für Badeljs Akzeptanz bei den Kollegen.

Und wenn wir schon mal ein so gutes Spiel des HSV im Rücken haben, will ich nicht aufhören, das Positive hervorzuheben. Immerhin hatte ich bei Maximilian Beister lange das Gefühl, dass ihm die Härte fehlt. Auch gegen Schalke. Immer wieder verlor Maxi leichte Bälle, er verlor die Zweikämpfe, weil ihn seine Gegenspieler schier mühelos zur Seite schoben. Und das, obwohl Maxi durchaus robust gebaut ist. Und dann traf er. Mit 116 Kmh schlug der Ball direkt über Unnerstall ein. Dass der Ball haltbar war, ist für mich in diesem Fall ebenso unstrittig wie unwichtig. Denn entscheidend war, dass Beister sich endlich etwas zutraut. „Das war ein besonderer Moment für mich, mein erstes Bundesligator. Das pusht, das gibt mir neues Selbstvertrauen – und plötzlich klappen auch solche Hackentricks. Mit dem Tor ist eine Menge Druck von mir abgefallen, weil die Leute auch Erwartungen haben und ich natürlich auch an Toren gemessen werde.“

Dennoch, Beister braucht noch Zeit. Noch fehlen dem sympathischen und talentierten Linksfuß einige Bausteine, um komplett als Erstligaspieler anzukommen. Das weiß er auch selbst: „Ich weiß, dass ich immer noch in der Entwicklungsphase bin. Ich werde jetzt auch ganz sicher nicht ungeduldig. Der Rest kommt von allein.“

Auch wenn der letzte Satz eher eine Floskel als eine Wahrheit ist, so ist Beister deutlich anzumerken, dass er Fortschritte macht. Immer wieder musste er unmittelbar nach seinem ersten Treffer die Frage beantworten, ob er jetzt endlich „angekommen“ sei. Eine Frage, die dem intelligenten Offensivmann zu plump war. Er umschiffte die Frage gekonnt und formulierte wie ein alter Hase: „Diesmal kam viel zusammen. Die Position passte, weil ich sehr viel Raum hatte, meine Schnelligkeit nutzen konnte. Ich genieße einfach, dass ich von Spiel zu Spiel mehr Selbstvertrauen bekomme und der Trainer mir immer mehr Vertrauen entgegenbringt. Angekommen bin ich vor Monaten. Ich wusste damals aber auch, dass ich geduldig sein muss. Deshalb war und bin ich nicht unruhig.“

Muss er auch nicht sein. Im Gegenteil, die Richtung stimmt ja nachweislich. In Freiburg war er kurz vor seinem ersten Treffer, in Düsseldorf war er einer der wenigen Spieler mit positiven Ansätzen. Und jetzt hat er nicht nur getroffen sondern zudem auch das 2:0 mit initiiert. „Ich war mit ihm am Vortag noch essen, da haben wir schon viel gesprochen. Er ist mein Freund und ich habe mich über sein Tor so gefreut, als hätte ich es selbst geschossen“, freut sich Arslan für Beister, der ergänzt: „Wir haben gezeigt, dass wir trotz schwerwiegender Ausfälle gewinnen können. Das war die wichtige Lehre dieses Spiels.“

Leider keine Lehre gezogen hatte indes Arslan vor dem Spiel aus dem persönlichen Gespräch mit Fink. „Der Trainer hat mich extra zur Seite genommen und gewarnt. Er meinte, ich sei als halber Türke vom Temperament her gefährdet und müsse mich besonders gut im Griff haben. Aber das hatte ich nicht. Ich konnte einfach nicht ruhig bleiben“, so Arslan zur fatalen Szene. Der Ersatz von Rafael van der Vaart ist zudem selbstkritisch genug, um zu wissen, dass er einen Fehler gemacht hat. „Der Schiedsrichter Gräfe war ein sehr guter Leiter der Partie. Er hat immer mit uns gesprochen, hat mich auch ruhig ermahnt. Aber ich konnte irgendwie nicht anders. Ich hätte mir die Gelbe auch gegeben. Und so dumm die fünfte Gelbe von mir war, die Mannschaft wird mich in Wolfsburg ersetzen können. Das haben wir gezeigt.“

Auch, weil sich alte Stammkräfte stark zurückmeldeten wie Dennis Aogo. „Die Position war überraschend und neu für mich, zudem haben wir im Mittelfeld taktisch umgestellt, das hat es nicht leichter gemacht. Aber wir hatten den Willen, die Laufbereitschaft und den Einsatzwillen, dieses Spiel egal wie zu gewinnen“, freut sich Aogo, der selbst für das Beschriebene ein Paradebeispiel darstellte. Bis zur völligen Erschöpfung („Ich hatte schon fast Krämpfe, die Beine wurden schwerer. Ab der 80. Minute war es richtig hart“) ackerte Aogo und lieferte ein bemerkenswert starkes Spiel ab. Zumindest erinnere ich mich nicht an ein Spiel, das ähnlich auffällig gut von ihm war. Warum das in Düsseldorf nicht abrufbar war? „Keine Ahnung“, so Aogo ehrlich, „es ist tatsächlich schon komisch. Wir das schaffen das nicht, wenn wir mal einen wichtigen Schritt nach vorn gehen können. Aber solche Spiele gewinnen wir.“ Dennoch sei er sich sicher, dass es in Wolfsburg die Fortsetzung geben wird. „Wir wissen, was nie fehlen darf…“

Nicht mehr fehlen wird bei den Niedersachsen am Sonntag (17.30 VW-Arena) voraussichtlich Heung Min Son, der nach seiner Verletzungspause davon profitieren könnte, dass Arslan gesperrt ausfällt. Heute absolvierte der bisherige Toptorschütze bereits wieder Lauftraining und könnte morgen schon wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, das von zehn auf 13 Uhr verlegt wurde. Allerdings dürfte auch Son klar geworden sein, wie wenig unverzichtbar er ist. „Es ist toll für die Mannschaft, dass sie auch ohne Sonni und Rafa gewinnt“, fasst Sportchef Frank Arnesen zusammen. „Zudem ist es auch gut für Rafa, weil es Druck von ihm nimmt. Auf jeden Fall war es das beste Spiel von uns, seitdem ich hier bin.“

Dennoch, bei aller Freude über das gute Spiel war Arnesen schnell wieder zurück im Alltag. Immerhin muss der Däne im Winter versuchen, 6,4 Millionen Euro Kosten einzusparen, indem er Spieler verkauft und von der Gehaltsliste bringt. Dazu zählt neben Drobny, Tesche und Rajkovic („Am kommenden Montag will ich wieder mit der Mannschaft trainieren“) auch weiterhin Per Skjelbred. Arnesen zu Skjelbred: „Wir haben viel gesprochen und sprechen noch immer sehr viel miteinander. Er wollte sich durchsetzen und ist geblieben – das ist legitim. Er hat auch Pech gehabt, als er gegen den KSC aufgestellt wurde und lange der beste Mann von uns war, bis die gesamte Mannschaft samt ihm abgestürzt ist. Aber er hat sich im Training immer reingehauen, lässt nie den Kopf hängen und will unbedingt zeigen, dass er es kann. Gegen Schalke hat er schon mal seine Visitenkarte abgegeben. Das freute mich sehr für ihn, denn per ist ein guter Fußballer und ein absoluter Teamplayer. Wir schauen uns das jetzt alles die nächsten Wochen an und werden dann sehen, was am besten ist. Denn klar ist: Per will spielen. Das ist das Wichtigste.“

So sieht es auch Ju’s Lieblingsspieler, der einen weniger anschaulichen, dafür aber sehr sinnvollen Oberlippenbart trägt. „Movember“ heißt die November-Aktion, bei der sich weltweit hunderttausende Männer einen Oberlippenbart stehen lassen, um so für Spenden zur Krebsforschung aufzurufen. Auch Skjelbred nimmt daran teil. Zu seiner HSV-Zukunft sagt er: „Ich denke jetzt nur an den HSV und habe keine Kontakte zu irgendwelchen anderen Vereinen. Entscheidend ist, was der Chef (zeigt auf Geschäftsstelle) da oben sagt. Ich habe immer gesagt, dass ich mich hier genauso wie meine Frau und meine Kinder sehr wohl fühle. Im Winter schauen wir dann, wie es weitergeht.“

Sollte er bis dahin noch drei Spiele wie gestern machen, wird er sich seine Zukunft wahrscheinlich selbst aussuchen können. Ich würde es dem sympathischen Blondschopf allemal gönnen.

In diesem Sinne, ich gönne mir heute Abend die Diskussion in der Raute. Fans und Verein diskutieren über das neue DFL-Sicherheitspapier, das am 12.12 (daher der Name 12.12 für die 12 Minuten und 12 Sekunden langen Protest-Schweigeaktionen in den Stadien an den Spieltagen 14 bis 16) in Frankfurt verabschiedet werden soll. Hitzige Diskussionen sind programmiert. Aber vielleicht zeigen die Verantwortlich und die Fans heute Abend ja mal eine ähnlich starke Leistung wie die Mannschaft gestern.

Bis morgen!

Scholle

P.S.: Damit niemand denkt, ich hätte ihn vergessen: Ganz stark war auch Dennis Diekmeier, der immer konstanter wird. Am Freitag haben wir den Rechtsverteidiger bei uns in der Runde. Dann kann und soll er uns erzählen, woran es liegt, dass er immer besser in Fahrt kommt.

Feuer im Stadion – bitte nur auf dem Rasen!

12. Dezember 2011

Heute einmal, weil es ein Ruhetag beim HSV gibt, die etwas andere Eröffnung.
Der Sport-Informations-Dienst berichtet (auch) über einige Fußball-Fans, die es nicht lassen können:

Das Entzünden von Bengalos beim Ostderby gegen Energie Cottbus könnte Fußball-Drittligist Dynamo Dresden im Kampf gegen den Pokalausschluss um die letzte Chance bringen. Der DFB ermittelt. Dunkler Qualm stieg im Dresdner Block auf. Vermummte Anhänger wedelten freudig erregt mit brennenden Bengalos umher. Sicherheitskräfte versuchten vom Rasen aus, mit Wasserwerfern zu löschen – doch der Eklat war nicht mehr zu stoppen. Der Einsatz von Pyrotechnik einiger unverbesserlicher Rowdys kurz vor dem Ostderby gegen Energie Cottbus sorgte bei Dynamo Dresden trotz des 2:1-Sieges für Entsetzen. „Der DFB-Kontrollausschuss ist informiert“, bestätigte Sprecher Jens Grittner.

„Da haben uns wieder einige einen Bärendienst erwiesen“, sagte Dresdens Präsident Andreas Ritter und ergänzte ziemlich verbittert: „Jeder, der normalen Menschenverstand besitzt, weiß doch, wie sehr uns diese Vorfälle jetzt schaden. Sollten wir wegen dieser Vorfälle eine Geldstrafe erhalten, werden wir uns das Geld von den Verursachern zurückholen.“ Der Klub-Boss befürchtet – wohl zu Recht – einen negativen Einfluss auf das Berufungsverfahren, mit dem sich der Klub derzeit gegen den Pokalausschluss für die kommende Saison wehrt.

Warum ich das veröffentliche? In Mainz waren einige HSV-Fans auch mit viel Feuer bei der Sache. Wie immer. Aber, und das sollte sich jeder jetzt einmal vor Augen führen: Dresden ist hart bestraft worden. Und deswegen geht Dresden auf die Barrikaden. Ost und West wird ungleich behandelt – so das Motto der Dynamos. Und weil es dafür auch Unterstützung aus dem Osten gibt, wird es nicht lange dauern, bis der erste West-Klub nicht zur zur Kasse gebeten wird (das wird er ohnehin schon immer), sondern auch aus irgendeinem Wettbewerb ausgeschlossen wird. Oder, wie jetzt Hansa Rostock, vor leeren Rängen ein Heimspiel austragen muss.
Alles kein Problem?
Okay, dann weiter so!
Der Verein, in diesem Fall der HSV, muss doch kaputt zu kriegen sein . . . Indem ihm ein klein wenig Feuer gemacht wird. Ich sage aber: Feuer im Stadion? Bitte nur auf dem Rasen!

Um noch einmal auf den morgigen Dienstag zu kommen. Fußballgrößen wie Zinedine Zidane, Ronaldo und Luis Figo sind die Topstars beim neunten „Spiel gegen die Armut“ im Volkspark. Bei dieser von den Vereinten Nationen unterstützten Partie soll Geld für hungernde Menschen am Horn von Afrika gesammelt werden. Das Spiel beginnt um 19.05 Uhr, wird live auf „Sport 1“ übertragen – aber sollte auch immer noch – einige Zuschauer in die Arena ziehen. Der HSV tritt gegen „Ronaldo, Zidane und Friends“ mit seinen Nationalspielern an – und dazu kommen einige Altstars zum Einsatz.

Das „Spiel gegen die Armut“ ist für Zidane, mittlerweile Sportdirektor bei Real Madrid und ehrenamtlich UNO-Goodwillbotschafter, eine echte Herzensangelegenheit. „Wir wollen nicht nur Geld sammeln, sondern auch sensibilisieren für die Not der Menschen in dieser Region. Die Botschaft muss heißen, dass wir uns um bedürftige Menschen kümmern müssen“, sagt der Franzose voller Engagement.

Nach UNO-Schätzungen leben rund 13 Millionen Menschen in Dschibuti, Somalia, Äthiopien und Kenia in bitterster Armut und sind vom Hungertod bedroht. Und so kommen auch noch aktive Fußballstars wie Didier Drogba in die Hansestadt, um zu helfen. Der Torjäger des FC Chelsea ist selbst in der Elfenbeinküste in schwierigen Verhältnissen aufgewachsen: „Deshalb ist es mir eine Ehre, diese Menschen zu unterstützen.“

Das Publikum erwartet eine Fußballshow der Extraklasse, denn die „Freunde“ von Ronaldo und Zidane sind durchaus prominent. Jens Lehmann wird das Tor hüten, die Fußballschuhe schnüren werden weiterhin Fabio Cannavaro, Fernando Hierro und Gheorghe Hagi. Zum Team der HSV-Allstars gehören unter anderem die Ex-Rothosen Ze Roberto, Mehdi Mahdavikia, Sergej Barbarez, Stefan Beinlich und Jörg Albertz. Und selbst die „Pfeife“ ist ein Star: Pierluigi Collina, zwischen 1998 und 2003 sechsmal in Folge Welt-Schiedsrichter des Jahres, leitet die Partie. Als Trainer der Gäste fungieren Marcello Lippi und Bora Milutinovic. Und damit auch Deutschlands Tennisheld Boris Beck in offizieller Funktion irgendwie dazugehört, hat man den „Bobbele“ zum Team-Manager gemacht.

Und nicht vergessen: Es geht hier ums Helfen.

Noch nicht vergessen ist, jedenfalls bei mir, dass sich unmittelbar vor der Erstansetzung des Bundesliga-Spiels 1. FC Köln gegen Mainz 05 der angesetzte Unparteiische Babak Rafati in einem Kölner Hotel das Leben nehmen wollte (19. November). Der ehemalige Berliner Bundesliga-Schiedsrichter Lutz Michael Fröhlich, Abteilungsleiter Schiedsrichter beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), nimmt nun wegen exakt dieses Suizidversuchs den eigenen Verband in die Pflicht. „Ein kleines Trainer- und Coaching-Team, ergänzt um den Rat und die individuelle Unterstützung von Fachexperten, das ist wohl der richtige Weg auch für unsere Schiedsrichter. Da brauchen wir in der Schiedsrichterführung auch mehr Ruhe für den Blick und das Ohr für den Schiedsrichter als Menschen“, sagte Fröhlich.

Morgen wird das Bundesligaspiel zwischen dem 1. FC Köln und dem FSV Mainz 05 nachgeholt. Fröhlich untermauerte, dass auch die medizinische und sportliche Betreuung der Schiedsrichter besser werden müsse. „Wir müssen dranbleiben, können an internationalen Vorgaben nicht einfach vorbeigucken. Das Thema Support und Impulse zur Verbesserung der Fitness werden wir kurzfristig aufgreifen. Dazu gehören auch die Themen Regeneration und medizinische Betreuung“, sagte Fröhlich.

Zu abstrakt ist für Fröhlich auch die Forderung von Fifa-Präsident Joseph S. Blatter angestoßene Diskussion über Profi-Schiedsrichter: „Das ist in dieser Form nur eine leere Hülle, die manchmal etwas zu populistisch auf den Markt geworfen wird. Inhalte sind wichtig, wie zum Beispiel: Welche Einstellungen haben die Schiedsrichter zu ihrer Tätigkeit? Wie arbeiten Schiedsrichter, und wie wird mit Schiedsrichtern gearbeitet? Und: Wie sind die Rahmenbedingungen ausgestaltet?“, sagte Fröhlich.

Bei der Gelegenheit ist mir am Wochenende eine Szene übel aufgestoßen. Es war beim Spiel Köln gegen Freiburg. Vor dem 1:0 wurde Lukas Podolski steil geschickt. In der Fernseh-Wiederholung, nur eine von unzähligen an diesem Tag, wurde der Fuß des Kölners farbig eingekreist – weil der Fuß im Abseits stand. Ich frage mich aber, ob es wirklich der Fuß war, oder nur der große Zeh? Oder nur der Fußnagel des großen Zehs? Nein, nein, das ist schon pervers. Wird in dieser Szene auf eine Abseitsstellung entschieden, wird im Fernsehen sicher gesagt: „Schade, ursprünglich sollte es ja so ausgelegt werden: Im Zweifel für den Stürmer.“ Und wenn nicht so entschieden wird, dann heißt es: „Abseits, dieser Treffer hätte eigentlich nicht zählen dürfen.“

Welche Chance haben da eigentlich noch die Schiedsrichter? Die können doch gar nicht gegen 30 Kameras und mehr (?) anpfeifen, die müssten doch Woche für Woche wahre Wunder vollbringen, wenn sie ohne große Fehlentscheidungen über die 90 Minuten kommen wollten. Und trotzdem, fast unglaublich, schaffen es immer viele – oder welche. So wie am Sonntag Manuel Gräfe aus Berlin, der Stuttgart gegen Bayern wieder einmal super geleitet hat. Auch wenn die Schwaben noch immer Gift und Galle spucken. Ich sage: Kompliment, Herr Gräfe!

So, ich möchte auch noch einmal explizit auf den HSV kommen. Ich denke mit einem leicht mulmigen Gefühl an das letzte Heimspiel des Jahres, am Sonnabend, tatsächlich noch einmal um 15.30 Uhr (womit hat der HSV das verdient?), gegen den zuletzt sehr aufmüpfigen Aufsteiger FC Augsburg. Dazu hat HSV-Nationalspieler Dennis Aogo nach dem 0:0 in Mainz einiges gesagt, und das möchte ich Euch nicht vorenthalten: „Es wäre sehr wichtig für uns, wenn wir mit einem Heimsieg in die Winterpause gehen könnten, es wäre der krönende Abschluss der letzten Wochen, wir wollen uns unbedingt belohnen für die gute Arbeit. Es wäre für jeden Spieler ideal, mit einem guten Gefühl in die Winterpause zu gehen, und es wäre zudem auch in der Tabelle ein entscheidender Schritt.“

Generell befand Aogo zum letzten halben Jahr: „Der Knackpunkt für uns war der Trainerwechsel, Thorsten Fink hat der Mannschaft Selbstvertrauen, Sicherheit und eine Spielidee gegeben, die wir umsetzen. Man hat in Mainz deutlich gesehen, dass sich die Mainzer in dieser Woche sehr viele Gedanken um uns gemacht haben. Sie waren auf der Suche nach Lösungen, um unser Konzept zu stören, das ist ihnen sicherlich auch ganz gut gelungen, aber es zeigt mir auch, dass wir uns den Respekt der Liga zurück erarbeitet haben.“

Um noch einmal auf das Feuer im Spiel zurück zu kommen. Dazu gab es zahlreiche Beiträge bei „Matz ab“, hier nur einige wenige Ausschnitte:

„UnsUwe“: „Ich bin einfach gegen Bengalos in Stadien und denke auch, dass man dies auch ohne „Schande” vertreten kann. Ich habe noch bei keinem Stadionbesuch erlebt, dass es Pyros die Stimmung verbessern, sondern eher negativ anheizen und wirklich gesund ist es auch nicht. Wenn wenigstens nur die „Zünder” von dem Rauch betroffen wären, ok, aber solche „intelligenten Pyros”, welche keine Kollateralschäden verursachen, wurden vermutlich noch nicht erfunden… Schwieriges Thema, aber wenn man sagt, dass man solche Dinge in “allen Stadien” nicht sehen möchte, dann kann man wohl kaum von einer heuchlerischen Debatte sprechen. Finde ich.
.
Noch etwas: Ich wundere mich etwas über den so plötzlich sachlichen und umgänglichen Ton hier im Blog, nein, eigentlich ich freue mich drüber. Weiter so.“

„Mladenhüter“: „Ich habe mich in über zwanzig Jahren bei keinem meiner zahlreichen Stadionbesuche durch Pyrotechnik belästigt gefühlt.“

„PeVo“: „Ich werde auf jeden Fall am 15.01.12 zur Mitgliederversammlung gehen. Und wenn Oliver Scheel sich nicht klar und deutlich gegen diesen Unsinn ausspricht, ist er für mich nicht wählbar.“

„Kollauer“: „Ich sehe immer noch alle Vereine in der Pflicht, diese objektiv potenzielle Gefahr für die Stadionbesucher nicht mehr zuzulassen.“

So, ich bin am Ende. Für heute. Und bitte an morgen denken: 19.05 Uhr in der Arena, der HSV gegen den Rest der Welt – für einen guten, guten Zweck.

16.59 Uhr

PS: Morgen (Dienstag) Training um 10 Uhr im Volkspark.

Und noch eine Ergänzung. Ich sprach eben mit Supporters-Chef Ralf Bednarek, der gestern in einem Beitrag bei “Matz ab” genannt wurde. Weil er die Bengalos legalisieren möchte. Bednarek sagte mir: “Ich setze mich für die Legalisierung ein, nicht dafür, wie damit im Moment umgegangen wird. So wie es jetzt gehändelt wird, so ist es natürlich sehr gefährlich. Ich möchte aber extra freie Zonen dafür, ungefährlichere Materialien, die sich nicht so sehr erhitzen, ich möchte, dass dann mindestens ein Feuerwehrmann dabei ist – und derjenige, der die Bengalos abbrennt, der müsste als Bühnen-Pyrotechniker ausgebildet sein. Ich kenne einige Fans, die sich dazu ausbilden lassen würden.” Ralf Bednarek weiter: “Mit Verboten werden wir, davon bin ich überzeugt, das Problem kaum lösen können. Zum Beispiel Mainz. Da waren die Kontrollen so scharf wie nie. Und trotzdem ist es gelungen, diese Sachen einzuschleusen. Wenn aber Bengalos genehmigt sind, dann wissen alle, DFB, Verein und die Behörden, wer damit am Werk ist.” Zum Schluss sagt der Supporters-Chef noch: “Ganz klar sage ich: Wir wollen keine Böller im Stadion, keine Rauchbomben, die auf die Augen gehen, die auch die Atemwege reizen. Leute, die damit erwischt werden, wenn sie so etwas abbrennen, die müssen mit Strafen rechnen. So wie schon in der Vergangenheit immer.”
Ergänzt um 17.41 Uhr

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