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Lebendiger Konkurrenzkampf – der “Druck von unten” kommt an

25. November 2014

Die Youngster aus der U23 stehen bei Josef Zinnbauer hoch im Kurs. Das ist nicht neu. Und das bewies der HSV-Trainer auch im Nordderby am Sonntag wieder, als er mit Mohamed Gouaida einen erneuten Debütanten aufbot und dafür arrivierte Spieler wie Ivo Ilicevic, Zoltan Stieber und Julian Green nicht einmal für den Kader berücksichtigte und Tolgay Arslan auf die Bank setzte. Eine Menge prominente „Opfer“ für einen Youngster – aber ein Prinzip, das griff. Und eines, das greift. Zumindest scheint es den Effekt zu haben, den sich Zinnbauer mannschaftsintern erhofft: „Niemand kann sich sicher sein, dass er spielt“, so der HSV-Trainer vor ein paar Wochen. Damals kündigte er auch an, seine U23-Spieler problemlos einzubauen, wenn sich irgendein Profi hängen ließe.

Zinnbauer hat eines von vielen Etappenzielen erreicht: Der Konkurrenzkampf ist angekommen – und er wird angenommen. „Das ist eindeutig – der Konkurrenzkampf ist schon deutlich intensiver geworden“, bestätigt Tolgay Arslan, „der selbst zunächst enttäuscht war, gegen Werder Bremen nur auf der Bank zu sitzen. Zu recht, wie sein Trainer bestätigte: „Tolgay hat stark gespielt in den Testspielen zuvor. Er hat auch sonst sehr gut trainiert. Er war tatsächlich schuldlos draußen, weil ich eine andere Idee verfolgen wollte“, so Zinnbauer, der dieses Gespräch auch vor dem Spiel mit Arslan führte. „Er hat mir gesagt, dass ihm das schon leid täte und hat versucht, mich aufzubauen“, so Arslan, der während des Spiels zwar enttäuscht auf der Bank saß oder sich warmlief. Das Tor schien da nur ein gerechter Trost – allerdings wurde ihm der kuriose Treffer letztlich doch aberkannt und als Eigentor von Werder-Keeper Raphael Wolf gewertet. Und das zurecht.


„Aber das war mir dann auch echt schnuppe“, so Arslan, der sich letztlich über den Sieg so sehr freute, dass aller Frust vorweg mit einem Schlag vergessen war. „Wir haben uns als Mannschaft so viel vorgenommen für dieses Spiel, wir wollten es egal wie gewinnen. Diszipliniert spielen und am Ende die drei Punkte hier behalten. Natürlich wäre es toll gewesen, von Beginn an dabei zu sein. Und es wäre noch geiler gewesen, dann noch ein Tor zu erzielen. Aber am Ende ist das nebensächlich. Zumal ich gesehen habe, dass ich den Treffer als Assist gutgeschrieben bekommen habe.“ Womit Arslan statistisch in dieser Saison an jedem dritten HSV-Treffer direkt beteiligt ist. Eine starke Quote. „Relativ betrachtet, ja. Aber auch hier gilt: Ich habe lieber eine schwächere Quote, wenn wir dadurch insgesamt mehr Treffer erzielen und mehr punkten. Denn da müssen wir hinkommen.“ Umso besser, dass ein bereits aussortiert wirkender Artjoms Rudnevs plötzlich wieder mittendrin ist und sogar den Druck auf Heiligtum Pierre Michel Lasogga ausübt…

Druck machen will jetzt auch wieder Arslan. Dafür gönnt er sich wenig bis keine Freizeit. Und das obwohl er gerade Vater eines gesunden Jungen (Kian) geworden ist. Am heutigen freien Tag absolvierte der Deutsch-Türke bereits am frühen Morgen eine Sondereinheit mit seinem persönlichen Fitnesstrainer Moritz Klatten. Arslan orientiert sich anscheinend ein wenig an Fitness-Guru David Jarolim, der als einstiger Sechster angeblich nie frei machte. Selbst dann nicht, wenn der Trainer eine Pause angeordnet hatte. „Dann läuft der eben mit dem Handy in der Tasche, falls tatsächlich mal der Kontrollanruf kommt“, sagte sein ehemaliger Mannschaftskollege und Freund Tomas Ujfalusi seinerzeit. Und auch Arslan gilt als äußerst fleißig, ehrgeizig. „Ich merke, dass mir das zusätzliche Training einfach guttut“, sagt Arslan, der körperlich so gut drauf ist, wie noch nie. Mit knapp 60 Prozent gewonnener Zweikämpfe im Schnitt hat er einen der besten Werte aller Sechser in der Liga. Und er hat läuferisch zugelegt. „Früher wurde mir gern mal gesagt, ich sei zu langsam. Das stimmte leider auch oft. Aber das habe ich inzwischen schon länger nicht mehr hören müssen“, so Arslan, dessen Sprintwerte deutlich besser geworden sind, „und hoffentlich noch ein wenig besser werden“, so der Mittelfeldmann.

Im Sommer 2015 läuft Arslans Vertrag in Hamburg aus und der Mittelfeldmann hat aus der Vergangenheit gelernt. Als es das letzte Mal darum ging, seinen Vertrag zu verlängern, kokettierte er nur allzu offen damit, dass er seinen damals noch vergleichsweise kleinen Vertrag finanziell angehoben haben wolle. Dass jetzt aus England und Spanien Interesse an ihm bestehe hat Arslan zwar registriert. Nur direkt dazu äußern möchte er sich nicht. „Warum sollte ich“, so die Gegenfrage, „ich fühle mich in Hamburg sehr wohl und habe mich hier in den letzten Jahren gut entwickeln dürfen. Wir haben hier wichtigere Themen. Ich glaube, dass der HSV an einer Verlängerung interessiert ist. Und ich bin bereit.“

Erste Gespräche haben bereits stattgefunden. Zuletzt ein Vieraugengespräch mit Sportchef Peter Knäbel. „Aber das ist jetzt nicht mein erstes Thema“, so Arslan, der sich vorrangig darauf besinnen will, wieder in die Startelf zu kommen. „Und da habe ich eine Menge Arbeit vor mir.“ Und dafür hat er den richtigen Trainer. Glaubt Arslan. „Wir hatten als Mannshaft sicher eine Menge Nachholbedarf in taktischen Dingen. Und die versucht Joe Zinnbauer abzuarbeiten. Er gibt uns extrem viel Input und wir lernen jeden Tag dazu“, so Arslan, dem zwei Anfragen aus Spanien, eine aus England und zwei sogar aus Deutschland vorliegen sollen.

Dennoch weiß er, was er dem HSV zu verdanken hat. So lobt er immer wieder gern Thorsten Fink, der ihn aus dem offensiven ins defensive Mittelfeld zurückzog. Und er wird noch nicht müde, Zinnbauer zu loben. „Der Trainer hat eine unfassbare Qualität, uns zu motivieren. Wir denken uns eigentlich jede Woche, dass er uns nicht noch mal überraschen kann. Aber es gelingt ihm jedes Mal. Und das wird nie langweilig – ganz im Gegenteil“, so Arslan, der sich am Montag auch von Trainerseite den einen oder anderen lustigen Spruch ob seines kläglich vergebenen Tores gegen Werder gefallen lassen musste – dies aber mit Fassung trug. Mehr noch, als Entschuldigung lud er gar seine Mannschaftskameraden Cléber, Müller und Ilicevic zum Essen ein.

Am interessantesten aber fand ich an Arslans Schilderungen, dass die Mannschaft tatsächlich den erhöhten „Druck von unten“ aus der U23 spürt. Ebenso wie Pierre Michel Lasogga jetzt den von Rudnevs. Denn bislang deutet nicht allzu viel darauf hin, dass Zinnbauer mit zwei Spitzen spielen lässt. Immer wieder betont der Trainer, dass er für so eine Umstellung mehr Trainingszeit benötige und schiebt das Thema gen Wintervorbereitung. Aber er betonte gestern nicht umsonst, dass Rudnevs Werbung für sich gemacht hat. Leider kann ich die beiden Einheiten morgen nicht verfolgen, da ich frei habe und unterwegs bin. Aber ich bin schon sehr gespannt, wie Zinnbauer die Abschlussspiele am Donnerstag und Freitag gestaltet. Ich tippe mal darauf, dass er sowohl Rudnevs als auch Lasogga bis zum Schluss im Unklaren lässt, wer in Augsburg beginnt.

„Pierre ist eine Maschine“, sagt Arslan und lobt Rudnevs: „Rudy hat in fast jedem Spiel seine Chance. Ob er 90 oder fünf Minuten spielt, ist fast egal.“ Wen er vorn sieht? Arslan: „Dazu werde ich ganz sicher noch weniger sagen als zu irgendwelchen anderen Angeboten. Wichtig ist doch überhaupt nur, dass wir wieder über so eine Personalie diskutieren können…“

Stimmt.

In diesem Sinne, zu diskutieren wird Lars morgen sicher genug haben. Denn er begleitet die Trainingseinheiten und die Spielerrunde (Ostrzolek ist der Gast) für Euch und meldet sich anschließend. Ich bin dann am Donnerstag wieder für Euch da!

Bis dahin,
Scholle

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