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Startet Reinhardt das große Aufräumen?

18. Dezember 2010

Mein Appell ist verhallt. Glaube ich. Denn wie ich gehört habe, ist das für heute geplante Treffen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat abgesagt worden. Obwohl, wirklich geplant soll das klärende Gespräch ja auch gar nicht gewesen sein, wie plötzlich alle bemüht sind, zu betonen. Das Treffen soll demnach nur als Option im Falle einer Niederlage in Gladbach „locker angedacht“ gewesen sein. Nun ja. Wozu auch? Wir sind ja immerhin Neunter. Vor Werder Bremen, die mal wieder verloren haben. Auch vor Wolfsburg, die gerade noch ihren Trainer Steve McClaren in der 90. Minute per Ausgleichstreffer gegen Hoffenheim retten konnten (ein Remis, das auch gut für den HSV ist). Und wir sind immerhin noch weit vor unserem Ortsnachbarn FC St. Pauli – das ist doch was…

Aber im Ernst. Dass die Runde nach einem Sieg beim Tabellenletzten abgesagt wurde, das mag jeder für sich beurteilen. Aber Gesprächsbedarf haben die Verantwortlichen um Klubboss Bernd Hoffmann dennoch, und dafür nutzen sie das Wochenende, wie ich gehört habe. Gut so. Mal sehen, ob sie auch die richtigen Schlüsse ziehen, beziehungsweise: mal sehen, ob sie die richtigen Baustellen erkennen und angehen.
Ich werde heute mal ein paar Vorschläge machen. Im Grunde führe ich dabei nur das etwas epischer aus, was Frank Rost gestern nach dem Spiel bereits zum Besten gab. Deshalb hier noch mal (wie von einigen von Euch gewünscht) das gesamte Interview auf Sky. Ich habe die Fragen des Reporters etwas zusammengefasst, der Rest ist Wortlaut:

Sky: Wie haben Sie insbesondere die erste Halbzeit gesehen aus Sicht des HSV?
Frank Rost: Man hat gesehen, glaube ich, dass die Mannschaft wollte aber doch schon ein bisschen Verunsicherung da ist – aufgrund der ganzen Situation, die so entstanden ist. Und trotzdem, so einen Sieg braucht man auch mal. Um einfach wieder Kraft zu sammeln für die Rückrunde. Mit allen Schwierigkeiten. Ich denke, heute haben wir das gemacht und verdient gewinnen.

Sky: Es gab Turbulenzen außerhalb des Vereins. Glauben Sie, dass es durch diesen Sieg etwas ruhiger wird?
Rost: Ich wünsche mir, dass wir uns kritisch auseinandersetzen, aber intern. Das müssen wir beibehalten, wenn wir besser werden wollen. Da müssen wir uns den Dingen auch annehmen und nicht beleidigt sein, wenn mal irgendwie was gesagt ist. Aber sie haben gesehen, dass dann Leute angesprochen werden mit Namen und Adresse und wirklich bloßgestellt werden.

Sky: Wen meinen Sie jetzt?
Rost: Das ist ja wurscht. Es sind ja genug Namen gefallen. Das ist schade. Wenn man Basti sieht, wie der hingestellt wird. Der Junge ist ganz neu im Geschäft, der gibt alles für den HSV und hat sich immer den Arsch aufgerissen. Das macht er auch jetzt.

Sky: Sie meinen die Kritik aus dem Aufsichtsrat?
Rost: Das müssen wir vermeiden, wir sind alle HSVer – und dann müssen wir uns nicht noch kaputtmachen. Wir können uns intern kritisch Dinge an den Kopp hauen, das müssen wir ertragen. Und alles andere bringt uns nicht nach vorn. Wir müssen an uns arbeiten und ich hoffe, dass wir näher zusammenrücken und bei allen Schwierigkeiten eine bessere Rückrunde spielen.

Sky: Klären Sie uns noch mal auf, Sie haben den Zauberlehrling zitiert. War das wirklich in Anlehnung an Goethe gedacht? Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so belesen sind, bei allem Respekt…
Rost: Das ist Schulliteratur. Bei uns konnte man sich aussuchen, ob man den Zauberlehrling lernt oder den Handschuh. Ich hab den Handschuh gelernt, aber den Zauberlehrling kenne ich trotzdem.

Sky: Wer ist denn der Zauberlehrling gewesen, den Sie meinten letzte Woche?
Rost: Das ist so der Vergleich, da bringt ja jemand immer mehr Wasser, Wasser – und man kann es nicht mehr aufhalten. Das ist so der Grundtenor. Und so war es gegen Leverkusen, dass wir uns in eine Situation gebracht haben, die wir ALLE mit dem HSV verursacht haben und die wir schnellstens wieder auf die richtige Bahn schieben müssen. Alle gemeinsam. Vom Präsidenten angefangen über den Aufsichtsrat bis hin zu den Spielern. Und ich würde mir wünschen, dass wir intern kritisch miteinander umgehen, und wie heute einer für den anderen die Wege machen, dann wird es auch laufen.

Wahre Worte, gute Worte. Aber ob es dann auch wirklich alles automatisch laufen würde, wie Rost schlussfolgert? Ich glaube nicht. Denn dafür sind zu viele Verhältnisse kaputt. Und dafür bringt die Jahreshauptversammlung im Januar zu viel Wahlkampf mit sich, der (leider wäre das für diesen HSV nur typisch) noch viel schmutzige Wäsche ans Tageslicht bringen wird. Intern habe es zwischen Vorstand und Trainerteam auch in der vergangenen Woche beim HSV keine Probleme gegeben. Sagte Armin Veh gestern nach dem Spiel. Das glaube ich ihm auch. Aber auch der erfahrene HSV-Coach weiß, was die Uhr geschlagen hat und dass weitere Unruhen drohen. „Normal“, so Veh, „wenn der Erfolg ausbleibt, meldet sich immer jemand zu Wort.“ Dass er selbst mit den Vorwürfen des Aufsichtsrates Peter Beckers gen Bastian Reinhardt nicht einverstanden sei, wollte er nicht öffentlich kommentieren. Aber es war ihm anzusehen, dass er so denkt.

Klar geäußert hat sich der Trainer indes zu seiner persönlichen Situation. Sportlich wie perspektivisch. „Es gibt keine Mannschaft, die so viele Verletzte hat wie wir“, sagte Veh gestern und forderte Verstärkungen für die Abwehr: „Wir brauchen noch einen Innenverteidiger.“ Und wenn ich meinen Informationen trauen darf, soll dieser schon sehr bald, noch vor der Wintervorbereitung in Hamburg präsentiert werden.

Ebenfalls vor Wiederaufnahme des Trainingsbetriebes soll Vehs Zukunft als HSV-Trainer geklärt sein. „Wir werden darüber noch vor dem 2. Januar sprechen“, kündigte Veh gestern an. Gut möglich, dass dies sogar schon an diesem Wochenende passiert. Und zwar mit offenem Ausgang, wie auch Veh betonte. Er sei zwar alles andere als amtsmüde, aber „wenn man das 20 Jahre gemacht hat, dann kommt irgendwann der Moment, wo man aufhört“. Somit sei er grundsätzlich im Klaren darüber, nicht ewig Bundesligatrainer zu bleiben. Allerdings, und das betonte Veh zugleich, sei er in Hamburg noch nicht am Ende. Im Gegenteil. „Wenn wir in der Rückrunde wieder komplett sind, ist alles wieder drin.“ Auch die Champions League? „Nein“, so Veh realistisch, „uns darf es im Moment maximal um die Europa League gehen, um Platz fünf.“

Auf dem Weg dahin müssen aber etliche Baustellen abgearbeitet werden. Eine war zuletzt der gekränkte Zé Roberto. Dem Brasilianer wurden die schwachen Leistungen als Linksverteidiger sowie der üble Auftritt gegen Leverkusen angelastet. Intern wie extern. Das gefiel dem HSV-Oldie nicht. Zudem erkrankte er direkt im Anschluss an seine Auswechslung (das steht für mich nicht im Zusammenhang) und fehlte gegen Gladbach. Er fehlte und der HSV gewann. Woraufhin (auch hier im Blog) Stimmen laut wurden, der Brasilianer sei eh zu alt und absolut verzichtbar. Eine These, die ich nur bedingt teile.

Denn, und diese Diskussion wurde schon ermüdend oft geführt, wenn sich der HSV einen Spieler wie Zé Roberto holt, muss er mit den Konsequenzen vertraut sein. Es war von vornherein klar, dass Zé mit seinen 36 Jahren einen eigenen Trainingsplan hat. Zumal er unbestritten zu den fittesten aller HSV-Spieler gehört. Es war auch klar, dass Zé Roberto ein sehr stolzer Spieler ist, einer, der Unterstützung und das komplette Vertrauen des Trainers braucht. Nichts ist schlimmer für ihn, als öffentlich in Frage gestellt zu werden. Das führte bei Bruno Labbadia zum offenen Streit, und das könnte jetzt zur Trennung führen. Ob Zé Roberto abgegeben wird? Veh überlegt und zögert, ehe er ausweichend antwortet: „Es ist nicht angedacht, dass wir noch einen Spieler abgeben.“ Eine Antwort, die genauso lange gültig ist, wie es dauert, sie auszusprechen. Einzig Zé Roberto selbst ließ heute via HSV-Homepage (www.hsv.de) klar verlauten, dass er seinen Vertrag in Hamburg erfüllen wolle und im Januar mit ins Trainingslager reisen würde.

Klar ist aber, es muss etwas passieren. Den Kader so belassen und auf die Rückkehrer zu hoffen wäre fahrlässig. Dafür hat diese Mannschaft in der Hinrunde zu oft zu deutlich gemacht, dass sie nicht funktioniert. Da wurden in der Krise Spieler wie Mladen Petric, David Jarolim und auch Frank Rost zu Heilsbringern erkoren. Drei Spieler, die der HSV-Vorstand in der Sommerpause noch bereit war, an andere Vereine abzugeben. Da wurden junge Spieler wie Heung Min Son, Muhamed Besic und Tunay Torun als Beginn eines notwendigen Umbruchs gefeiert und somit die Altgranden wie Zé Roberto und Ruud van Nistelrooy (nach zweifellos sehr durchwachsenen Leistungen) abgewatscht. Und dann sollten die Alten zuletzt gegen Leverkusen doch wieder die Kohlen aus dem Feuer holen sollten. All das kann nicht funktionieren. Armin Veh wäre gut beraten, sich die Spieler, denen er vertraut, genau auszusuchen und an ihnen länger festzuhalten. Was sonst bleibt ihm? Nichts! Was natürlich bedeutet, dass er scheitern wird, sofern die Mannschaft (weiterhin so) scheitert.

Nicht vergessen möchte ich hierbei aber auch die Rolle der Vereinsführung. Dieses ständige „wir gewinnen“ und „die Mannschaft hat verloren“ ist der Anfang vom Ende. Das ist eines der Übel, die diese Hinrunde so schlecht haben aussehen lassen. Im Aufsichtsrat bin ich über derart dilettantisches Verhalten gar nicht mehr verwundert, da sitzt einfach zu wenig Fußballsachverstand. Aber dem Vorstand darf das nicht passieren. Immer auf die Mannschaft einzudreschen, das ist kein probates Mittel. Öffentliche Kritik wird nur dann akzeptiert, wenn sie vorher intern geäußert wurde. Und während sich Bernd Hoffmann angeblich ob der Kritik, er würde sich zu sehr ins Sportliche einmischen, plötzlich fast komplett zurückgezogen hat, soll auch Bastian Reinhardt eine nicht immer glückliche Figur abgeben. Zuletzt war es der Mannschaft übel aufgestoßen, dass der Sportchef-Novize lieber einen Spatenstich für einen Neubau vornahm, als an der Mannschaftssitzung nach dem bitteren 2:4 gegen Leverkusen teilzunehmen. Besser, bzw. schlimmer noch: Reinhardt soll bislang an noch keiner Sitzung teilgenommen haben, weshalb ihm einige Spieler mangelnden Einblick ins Mannschaftsgeschehen vorwerfen.

Dabei bin ich mir sicher, dass Reinhardt genau diese Rolle gut einnehmen kann. Basti zählt definitiv zu den hellen Köpfen, zu denjenigen, die Strömungen in einer Mannschaft erkennen können und sich über alles und jeden ausreichend Gedanken machen. Deshalb hoffe ich, dass er das auch jetzt erkennt, denn genau darin lag die große Stärke eines Dietmar Beiersdorfers. Der ehemalige Sportchef äußerte sich weniger öffentlich als intern. Das brachte ihm öffentlich nicht den besten Ruf ein, dafür wurde er aber intern geachtet. Und er war nah dran. Nah an den Problemen, die es zu beheben galt. Deshalb hoffe ich, dass Reinhardts gestriger Kuschelkurs nach Spielschluss ein Anfang ist. Da sprach er davon, dass er stolz auf diese Mannschaft sei, „wie sie sich gegen diese Widrigkeiten“ der Vorwoche gewehrt habe. Auch Rosts verteidigende Worte wertete er explizit: „Das bedeutet mir schon sehr viel. Gerade von ihm.“ Vielleicht können wir ja hier schon bald die erste nötige Baustelle zuschütten – und endlich einmal einen ersten Schulterschluss in diesem momentan so zerrüttet wirkenden Verein schließen.

Ein kleiner Anfang wäre es.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

18.02 Uhr

Ein Sieg – und viel Zeit zum Nachdenken

17. Dezember 2010

Ein Sieg, drei Punkte. Und endlich Winterpause. Mit diesem 2:1 durch die Treffer von Elia und Trochowski in der zweiten Halbzeit bei Borussia Mönchengladbach kann der HSV den Anschluss an die internationalen (zumindest die Europa-League-)Plätze halten. Und er kann jetzt endlich anfangen, die etlichen Missstände der Hinrunde aufzuarbeiten. „Ich spreche für mich und weiß es auch von einigen anderen“, hatte mir vorher ein absoluter Führungsspieler gesagt, „wir sind absolut auf, wir haben keine Kraft mehr.“ Ständig würde auf die Mannschaft eingekloppt, dabei nie auf die wahren Missstände hingewiesen, so der aus gegebenem Anlass Unbenannte. „Wir müssen in Gladbach durchmarschieren, egal wie hässlich der Fußball auch wird. Es zählen nur drei Punkte.“

Auch deshalb fand Trainer Armin Veh schon vor dem Spiel klare Worte. Ausreden gab es heute keine. Darauf legte sich Veh trotz der strapaziösen Anreise durch das deutschlandweite Schneechaos schon vor dem Spiel fest. Und trotzdem muss es einen Grund für diese Vorstellung geben, die der HSV beim abgeschlagenen Tabellenletzten ablieferte. Soooo schlecht wie in der ersten Halbzeit kann keine Mannschaft spielen, ohne dass es einen triftigen Grund dafür gibt. Meine Ahnung habe ich Euch schon mitgeteilt – und mir dafür von dem einen oder anderen HSV-Offiziellen Häme eingehandelt. Aber spätestens jetzt, wo wir die gesamte Hinrunde hinter uns haben, wir analysieren können und müssen, da lege ich mich fest: diese Mannschaft ist tot. In sich. Von außen so nicht wiederzubeleben. Es gilt zu handeln. Auch wenn das beim HSV so keiner sehen will.

Anfangen könnten wir bei Eric Maxim Choupo-Moting. Bei dem Kameruner platzt mir langsam der Kragen. Nicht nur, dass er gegen einen Gladbacher Amateur kaum eine Schnitte sah, er legte sogar gleich zweimal am eigenen Sechzehner quer – auf einen Gladbacher! Was bitte war da los? Wo war Choupo? Noch im Bus? Noch bei der WM? Oder schon weg? Letzteres würde ich sofort absegnen – aber den nimmt so niemand.

Ähnlich begeistert war ich von der Entscheidung, Jonathan Pitroipa (was hätte der anstelle von Choupo-Moting bitte über rechts reißen können?!?) auf der Zehn zu bringen. Da hat sich Veh einer Stärke (mit Pitroipa über rechts) beraubt und zudem eine Position (die Zehn) unterdurchschnittlich besetzt. Und auch wenn jetzt viele sagen, Pitroipa hätte ja das 1:0 vorbereitet – ansonsten fand der Burkinabe nicht statt.

Ebenso wie das Offensivspiel des HSV. Von Veh defensiv eingestellt, brachte es der HSV in der ersten Hälfte auf genau zwei Torschüsse. Ausgerechnet Choupo-Moting gab einen davon ab. Mehr als eine Ecke sprang aber nicht heraus. Im Gegenteil. Ohne Frank Rost hätte es auch 0:2 oder 0:3 stehen können. Weil der HSV über die Außenpositionen katastrophal spielte. Weil der HSV zu viele Fehler im Aufbauspiel produzierte. Und weil der HSV in der Innenverteidigung – wie beim 1:1 – fast kein Kopfballduell gewann. Di Camargo (4.) konnte nur durch Rost gestoppt werden, ebenso wie der Schuss von Marco Reus (8.), den Rost zur Ecke abwehren konnte. Bradley (19. Und 25.) scheiterte gleich doppelt an Rost. Wir mussten schon bis zur 40. Minute warten, bis der HSV das erste Mal so etwas wie Torgefahr versprühte. Gemeint war der harmlose Torschuss von Choupo-Moting. Westermanns Kopfball in der 45. Minute sollte dennoch, trotz dieser mich erschütternden Minusleistung der ersten Hälfte nicht vergessen werden.

Und dann ging es doch. Dachte ich. Es waren keine 60 Sekunden gespielt in der zweiten Halbzeit, da traf Elia nach Vorarbeit von Pitroipa aus zehn Metern zum 1:0. Überraschend. Weniger überraschend war dagegen, was wieder nur eine Minute später passierte. Bradley setzte sich über die rechte Seite des HSV durch, flankte, und in der Mitte deckten Westermann und Aogo nur im Raum. Ein fataler Fehler. Das Ergebnis: Di Camargo kommt frei aus fünf Metern zum Kopfball und markiert das 1:1.

Nun gut. Bis zur 60. Minute passierte nicht viel. Auch danach nicht, werden viele sagen. Aber zumindest sah Veh jetzt ein, dass er mit Choupo über rechts komplett danebengelegen hatte. Ruud van Nistelrooy kam für den Kameruner, der wirkungslose Guerrero rückte auf die zehn, Pitroipa besetzte die Rechtsaußenposition. Zumindest die Aufstellung stimmte also.

Der HSV kam jetzt besser ins Spiel – und lief fast wieder ins offene Messer. Ein Hackentrick und Gladbachs Marx war freigespielt. Wieder war es Rost, der sich mit seinem gesamten (Ober-)Körper dem drohenden Rückstand entgegenwarf und rettete. Eine Rettungstat, die dem HSV wahrscheinlich das gesamte Spiel rettete. Denn statt einem Rückstand hinterherzulaufen war es Piotr Trochowski, der zwei Minuten später mit einem scharf auf den kurzen Pfosten getretenen Freistoß das 2:1 besorgte. Weshalb sich bei dieser Aktion Paolo Guerrero als Torschütze feiern ließ, blieb mir verborgen. Aber vielleicht dachte der Peruaner, sich so einen Treffer mehr auf das Konto schummeln zu können. Woher soll er auch wissen, dass die heutige TV-Generation Bilder aus fast jeder Perspektive liefert und ihn eh überführt…?

Na ja. Nebensächlichkeiten dürfen uns ín der aktuell so schwierigen Situation nicht aufhalten. Zumal der HSV kurz vor und fast die gesamte Spielzeit nach dem 2:1 das Spiel kontrollierte. Selbst die in der ersten Hälfte erschütternd lauf- und zweikampfschwachen Außenverteidiger Rincon und Aogo fanden ins Spiel. Pitroipa sorgte über rechts für Wirbel, während Elia, von dem sich beim HSV viele sehr viel versprochen hatten, aktiver wurde. In der 83. Minute bereitete der Niederländer die Entscheidung vor. Allein Guerrero (am Pfosten) und van Nistelrooy per Nachschuss (an Gladbach-Keeper Heimeroth) verpassten den K.O-Schlag.

Dennoch reichte es. Dank einer vernünftigen zweiten Halbzeit. Und vor allem dank eines alle überragenden Frankl Rost. Was der an Bällen hielt, und wie er sich selbst trotz dilettantischster Fehler seiner Vorderleute verbal zurückhielt – das nötigt mir höchsten Respekt ab. Selbst der zuletzt nicht gut auf Rost zu sprechende Sportchef Bastian Reinhardt lobte den Keeper als „Verlässlichkeit in Person“. So schnell geht es manchmal vom Buhmann zum Helden – wenn man die nötige Leistung abliefert.

Ein Kompliment verdient hat sich auch wieder der zuletzt schwache David Jarolim. Der Tscheche spielte endlich wieder den Ballschlepper, den Vorarbeiter und den defensiven Part, den man von ihm lange gewohnt war. Neben ihm agierte Trochowski oft unauffällig – aber mannschaftsdienlich. Choupo-Moting outete sich, ebenso wie die Viererkette in der ersten Hälfte. Guerrero kann nicht besser als mit ausreichend bewertet werden, während Elia zumindest an den gefährlichsten Aktionen beteiligt war und für etwas Torgefahr sorgte.

„Es war eine vernünftige Reaktion“ fasste Heiko Westermann anschließend zusammen, ehe er sich wie auch Trainer Veh bei Rost als Matchwinner bedankte. Zwei Dinge, die man so stehen lassen kann. Mit einem Sieg in die Winterpause zu gehen gilt als psychologisch sehr wertvoll. Das lasse ich auch so stehen. Es werden auch einige verletzte Spieler in der Rückrunde zurückkehren. „Ein Sieg, drei Punkte. Das haben wir geschafft. Jetzt ist wichtig, dass wir endlich mal etwas Ruhe reinkriegen“, so Westermann. Was er anfügte ist allerdings bezeichnend. „Seit ich hier bin ist es im Verein sehr unruhig.“ Auch Rost, auch nach dem Spiel noch in seiner Retterrolle, wollte den Sieg nicht überbewerten und setzte sich für konstruktive Kritik ein. Und für Bastian Reinhardt. „Was der hier bloßgestellt wird, ist schon un-glaublich. Wir sollten uns überlegen, wo das hinführt. Hier werden immer wieder Leute mit namen und Adresse angeprangert. Das geht nicht. Schließlich sind wir alle HSVer.“

Punkt. Oder besser: drei Punkte und wahre Worte zum Abschluss. Allein ich zweifele, dass es damit getan ist. Denn bei allem Respekt und aller Freude über diesen wichtigen Sieg darf nicht vergessen werden, dass die Mannschaft den Anspruch hat, international zu spielen, leistungsmäßig allerdings nicht besser agiert, als es der Tabellenplatz aussagt. Denn Baustellen gibt es mehr als genug. Im Aufsichtsrat, im Vorstand, im Trainerstab, in der Mannschaft und vor allem im Zusammenwirken aller im HSV. Denn da liegt – das hat schon Uwe Seeler vor der Saison erkannt – ein großes Übel. Vielleicht das Größte. Es fehlt die Harmonie, die den einen für den anderen arbeiten lässt. Das trifft ganz sicher auf die Spieler zu – aber auch andere entscheidende Figuren im Klub dürfen sich hier angesprochen fühlen. Aber mehr dazu in den nächsten Tagen. Heute dürfen wir uns zur Abwechslung mal wieder über einen Sieg freuen.

Das mache ich. In diesem Sinne: Nur der HSV!

22.53 Uhr

Rätsel um die Viererkette

27. März 2010

Ich bin gerade mit Frau M. unterwegs und habe daher meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Was er mir vom Trainingsgeschehen übermittelt hat, war alles andere als erfreulich. Ich formuliere es mal so: Das Beste am Abschlusstraining war das Treffen mehrerer Matz-abber, die fleißig über Probleme, Chancen und Stärken ihres, unseres HSV sprachen und sich zudem ärgerten, dass der HSV es (mal wieder) nicht für nötig hielt, trotz etwa 200-300 anwesender Fans das Eingangstor zum Zuschauerbereich aufzuschließen. So blieben die Trainingsgäste also alle hinter Gittern.

Nun gut, das sind Nebensächlichkeiten, wenn man die Misere im Personalbereich vor dem morgigen Duell in Mönchengladbach betrachtet. Marcell Jansens Bänderriss hat ja schon für ziemlich verkaterte Stimmung gesorgt. Und heute kommt es noch dicker. Joris Mathijsen trat die Reise gen Borussen-Park wegen seines Magen-Darm-Infekts auch nicht an. Das heißt, dass die Innenverteidigung gegen die „Fohlen“ ein neues Gesicht bekommen wird. David Rozehnal plus – ja, plus wen eigentlich. Das Abschlusstraining gab da keinen eindeutigen Aufschluss. Im Gegenteil. Da Jerome Boateng die Einheit auch noch frühzeitig abbrach (er führte ein längeres Gespräch mit Trainer Bruno Labbadia und zeigte auf seinen Oberschenkel, zuvor wirkte er bei den Sprintübungen auch etwas eingeschränkt), stehen mit Guy Demel, Bastian Reinhardt (ja, Basti steht nach einer problemfreien Trainingswoche wirklich im Kader!) und eventuell Boateng zwar drei potenzielle Partner für den Tschechen bereit, aber dann wäre ja immer noch nicht die Besetzung der Außenverteidigerposten geklärt. Und da steht mit Tomas Rincon auch nur eine „Notlösung“ sicher parat. Dennis Aogo flog zwar mit, soll morgen nach einer trainingsfreien Woche aber erst noch einen Belastungstest machen. Und zur Sicherheit nahm Labbadia auch noch Sören Bertram mit.

Was soll man dazu sagen? Frau M. konnte ich das Dilemma jedenfalls nur unzureichend erklären. Als mir mein Kollege dann auch noch sagte, dass Zé Roberto mit einem dick bandagierten Knöchel vom Platz ging, zudem David Jarolim wegen seiner Wadenprobleme nicht komplett fit ist, habe ich spontan zu ihm gesagt: „Das reicht jetzt aber!“ Er stimmte mir zu. Es reicht wirklich. Ich kann diese unheimliche Serie von Hiobsbotschaften nicht mehr ertragen. Wie wäre es denn mal, wenn die Bundesliga aus Hamburg eine positive Schlagzeile bekäme? Und wie könnte diese lauten?

Für das Spiel in Gladbach habe ich jedenfalls nur eine echte Hoffnung, nein zwei: Erstens könnten die Rothosen offensiv überraschen, wo es dank Ruud van Nistelrooy, Marcus Berg, Mladen Petric, Jonathan Pitroipa und Paolo Guerrero erstaunlich viele Alternativen gibt; zweitens könnte es mit der Restformation eine bockige Trotzreaktion geben. Ja, das hätte etwas.

Ich mag zwar noch keine Euphoriewelle in Sachen Guerrero auslösen, aber auch beim heutigen Training soll der Peruaner wieder einen guten Eindruck hinterlassen haben. Im Abschlussspiel traf er doppelt (er war übrigens in einer Mannschaft mit Petric und van Nistelrooy – bastelt Labbadia vielleicht an einer neuen Überraschungstaktik?), ließ spielerische Finessen einfließen und strotzte vor Spielwitz.

Ganz im Gegenteil übrigens zu Mladen Petric. Ich habe in den vergangenen Wochen ja mehrfach in Beiträgen von Euch gelesen, dass Ihr den Kroaten in einem Formtief seht. Und daran ist bestimmt etwas Wahres dran. Irgendwie ist ihm sein Vollstreckerinstinkt abhanden gekommen. Das ist auch in den Übungseinheiten zu sehen. Petric hadert mit sich, seinen Abschlüssen fehlen oft nur ein paar Millimeter, um im Netz zu zappeln.

Aber, und das gibt Anlass zur Hoffnung auf eine Wende: Petric dramatisiert seine Lage nicht. Er weiß, dass er üben, üben und noch mehr üben muss, um endlich mal wieder eine Trefferserie hinzulegen. Und wie macht man das? Mit Extraschichten. Heute übte er nach dem normalen Trainingsprogramm mit einigen Kollegen Torschüsse. Co-Trainer Ricardo Moniz legte auf, fungierte mal als Passgeber, dann als Verteidiger und schließlich am Ende ganz alleine mit Petric als Flankengeber. Und siehe da: Einige Male versenkte der Torjäger die Kugel wieder in berühmt-berüchtigter Manier. Nun fehlt nur noch der Jubel-„Liebespfeil“, den er auf die Strecke bringen muss – das wäre doch was für den Borussen-Park.

Ich melde mich morgen wieder bei Euch. Vielleicht lichtet sich das Lazarett bis dahin ja noch etwas.

17:35 Uhr

Optimistische Ansätze trotz Jansens Aus

26. März 2010

Schöne Bescherung. Da hatte ich Euch gerade gestern einen voller Optimismus strotzenden Beitrag geschrieben, der mir im Hinblick auf Sonntag eine gehörige Portion Optimismus verschafft hat, und nun müsste ich heute schon wieder wild zurückrudern. Die Personallage des HSV liest sich mal wieder grausam: Zwar stehen Jerome Boateng und Paolo Guerrero wieder im Kader (letzteres hatte ich ja schon geschrieben), aber dafür drohen mit David Jarolim (Wadenprobleme), Dennis Aogo (Zerrung) und Joris Mathijsen (Magen-Darm-Infekt) wichtige andere Stützen wegzubrechen. Ganz ehrlich: Ich finde es zum Aus-der-Haut-Fahren, wenn ich jedes Mal solche schlechten Nachrichten überbringen soll und muss. Dass Frank Rost die heutige Einheit vorsichtshalber auch etwas früher abbrach, ignoriere ich lieber absichtlich. Denn wenn ich mir diese Mannschaft jetzt auch noch ohne „Fäustel“ vorstellen soll, dann dreht sich bei mir alles um…

Schlimm genug, dass es in Sachen Marcell Jansen eine Hiobsbotschaft gibt. Gestern beim Training war der Linksallrounder noch mehr oder weniger harmlos umgeknickt. Und was höre ich heute: Ausfall bis zum Saisonende, Syndesmosebandriss! Das gibt es doch nicht. Ausgerechnet Jansen, der als einer der wenigen Hamburger Profis auch in 2010 eine hervorragende Rolle gespielt hat, der sich aus dem Niemandsland zurück auf Joachim Löws WM-Zettel gespielt hat, der sich mit Toren und seinem eigenartigen Skorpion-Jubel in die Herzen der Fans manövriert hat. Nun droht ihm auch das Aus im Rennen um die letzten WM-Plätze. Oder seien wir mal realistisch: Diese Verletzung müsste eigentlich ganz sicher sein WM-Aus sein. Jansen tut mir leid. Der Junge muss sich angesichts seines Pechs mit Verletzungen und Erkrankungen echt mal in die Hände eines Teufelsaustreibers begeben – so einen Negativlauf kann es nämlich gar nicht geben. Geht es Euch eigentlich auch so wie mir, dass Ihr diese Misere nicht mehr sehen, hören und lesen mögt? Wie soll es da wieder bergauf gehen?

Ich möchte mich trotz all dieser deprimierenden Meldungen – wobei ich fest davon ausgehe, dass Jarolim („Die Chancen stehen 50:50!“) und Mathijsen dabei sein werden – mit einigen positiven Ansätzen versuchen, um den Auftakt der sechs fußballerischen Superwochen bis zum Saisonende erträglich zu gestalten. Fangen wir also beim heutigen Training an. Erst gab es verschiedene Passübungen, bei denen die beteiligten zwei Gruppen mit zunehmender Zeit immer besser in Fahrt kamen und sich offensichtlich steigerten, was die betreuenden Co-Trainer Eddy Sözer und Ricardo Moniz („Mehr Präzision, bitte! Härtere Pässe!“) mit Wohlwollen registrierten. Vor allem der Rückkehrer Guerrero zeigte erstaunliche Ball- und Annahmefähigkeit. Mein Kollege Christian Pletz hat Sözer genau beobachtet und festgestellt, dass er den Peruaner besonders intensiv unter die Lupe genommen hat. Wahrscheinlich kam das Grüne Licht in Sachen Kadernominierung daher auch von Sözer – er hält den Stürmer für einsetzbar, wenn auch vorerst nur für kurze Zeit.

Weiter mit den positiven Aspekten. Nach den Passübungen ohne Abschluss folgten welche mit verschiedenen Schussmöglichkeiten. Dabei zeigten sich zwei Dinge ganz besonders: Erstens waren Guerreros Versuche mit links an Harmlosigkeit nicht zu überbieten, aber das tut in diesem positiv getränkten Beitrag ja nichts zur Sache, und zweitens zeigte Piotr Trochowski mehrere grandiose Schüsse aus 15 bis 20 Metern, die Rost einige Male passierten und im Netz landeten. Na, es geht doch! Solche Schüsse sind im Borussen-Park dringend em(p)fohlen!

Mein letzter Zuversicht-schürender Punkt spielte sich erst nach dem offiziellen Trainingsende ab. Ruud van Nistelrooy war längst in der Kabine (Was ist eigentlich mit ihm los? Er wirkte gestern und heute ziemlich zerknirscht.), als ein paar Spieler noch eine intensive Pass-Flanken-und-Abschluss-Einheit dranhängten: Rincon, Trochowski, Reinhardt, Guerrero und Torun waren unter anderem dabei – als Verteidiger fungierte Technik-Trainer Moniz. Ich denke, dass solche Zusatzgeschichten der Mannschaft gerade in dieser Phase der Saison nur gut tun können. Übung macht den Meister – naja, wenigstens den Europa-League-Qualifikanten.

Was erwartet Ihr in Gladbach? Ich behaupte: Wenn sich die Mannschaft mental „hochfahren“ kann, wenn die Spieler die Personalmisere verdrängen, sich auf ihr Spiel konzentrieren, fußballerisch endlich wieder zulegen und dank eines frühen Gegentreffers nicht gleich wieder in Rückstand geraten, können sie was holen. Trainer Bruno Labbadia muss nur eine Frage beantworten, die entscheidend sein kann: Wie gestaltet er die Abwehrreihe, falls Aogo und Mathijsen ausfallen. Die Innenverteidigung wäre dann mit David Rozehnal und Jerome Boateng besetzt, für rechts und links stünden mit Guy Demel und Rincon eigentlich nur „Notbesetzungen“ parat. Oder gibt es diesbezüglich eine Überraschung?

18:25 Uhr

Guerrero löst Jubel aus – auch intern!

25. März 2010

Der HSV zieht. Und wie. Jedenfalls gilt das für Kinder und Familien aus Norddeutschland. Ich war auch heute wieder überrascht, wie viele „Lütte“ die Einheiten neben der Nordbank-Arena besuchten und genau beobachteten, wer welche Tricks vollbringt, wer tolle Abschlüsse aufs Tor macht und wer mit wem besonders gut kann. Eljero Elia (OP), Dennis Aogo, Collin Benjamin (beide Zerrung) fehlten ebenso wie David Jarolim, der wegen muskulärer Probleme in der Wade erst morgen wieder voll mitmischen soll. Marcell Jansen bekam während der Einheit auch eines auf die Wade, sank zu Boden und löste bei vielen Trainingskiebitzen sorgenvolle Mienen aus. Doch nach der Einheit gab es weitgehend Entwarnung: Er und „Jaro“ werden am Wochenende in Gladbach auf jeden Fall dabei sein. Bei Aogo und Jerome Boateng (Pferdekuss, trainierte aber beschwerdefrei mit) heißt es noch: Abwarten.

Ein Hamburger Spieler löste unter den Zuschauern mitunter Verzückung aus. Und das war nicht etwa Frank Rost, auch wenn dieser dank einiger „Kamikaze“-Rettungstaten Tore verhinderte und mit einem gekonnten Hackenpass mehrere spektakuläre Aktionen hatte. Nein, die Rede ist von Paolo Guerrero. Nach dem Aufwärmprogramm sollten die Profis Drei-gegen-Zwei- und Vier-gegen-Drei-Überzahlsituationen mit gezielten Torabschlüssen üben. Guerrero fasste sich gleich bei der ersten Runde ein Herz, setzte dank enger Ballführung zum überraschenden Sprint zwischen den beiden Verteidigern an und versenkte den Ball an Wolfgang Hesl vorbei ins Tor. Dafür gab es nicht nur von den Kollegen ein anerkennendes Lob, auch Trainer Bruno Labbadia, der ansonsten eher schweigend beobachtete und sich einen Eindruck vom Gesamtzustand seines Teams verschaffte, nickte zufrieden.

Guerrero gehörte heute eindeutig zu den Aktivposten. Man konnte fast den Eindruck gewinnen, dass der Peruaner mit jedem Plusgrad in Sachen Außentemperatur körperlich und fußballerisch zulegt. „Ich weiß, dass ich noch nicht bei 100 Prozent bin, aber ich fühle mich schon fit und empfinde jede Ballberührung als Fortschritt“, sagte er nach der Einheit. Während beim HSV nach den diversen Veröffentlichungen der vergangenen Tage (von Trainerkritik über Elias Verstimmung bis hin zu Gerüchten um potenzielle Abgänge – dazu später mehr) die Gesamtstimmung eher durchwachsen bis brodelnd ist, kann man Guerrero als wohltuende Ausnahme betrachten. Man merkt dem Offensivmann einfach an, dass er vor Tatendrang nur so strotzt. Und nach den merklich zurückhaltenden Einheiten der vergangenen Tage (nach dem Motto: Ganz geht es eben doch noch nicht) drängt er nun in den Kader. Mein Gefühl müsste mich schon sehr täuschen, wenn er am Sonntag in Mönchengladbach nicht auf der Ersatzbank sitzen sollte. Natürlich nur, wenn er sich in den verbleibenden drei Trainingseinheiten bis dahin ebenso tadellos verhalten sollte wie heute.

Der hörbare Jubel der Teamkollegen treibt den „kleinen Krieger“ übrigens auch an, das konnte man beim Training auch merken. Anschließend gab Guerrero zu: „Das ist wirklich toll, dass sich die Jungs mit mir freuen. Für mich ist dieses spürbare Vertrauen sehr wichtig!“

Um die eine oder andere Portion Mannschaftsflachs kommt Guerrero natürlich nicht herum. Dass er sich wie einst Dennis Bergkamp schon mal auf den Weg zu einem Auswärtsspiel machen müsse, damit er auch ohne Flugzeug pünktlich ankommt, musste sich der Flugangst-besessene Kicker dann doch schon ein paarmal anhören. „Dabei sind nur längere Strecken ein echtes Problem“, sagt Guerrero, der die Reisen stets mit seinen Kollegen und im Flieger antreten möchte. Ob und wie der Stürmer, dessen Vertrag im Sommer ausläuft und bislang nicht verlängert wurde, nach dem Riss seines hinteren Kreuzbandes noch einmal absolute Topform auf internationalem Niveau abrufen können wird, weiß noch keiner der Beteiligten. Guerrero glaubt natürlich fest daran, seine Berater und Freunde auch, aber eine definitive Antwort wird es erst nach seinen ersten Spielen geben können. Immerhin machen Guerreros Trainingsleistungen Hoffnung. „Meine Motivation in der ganzen Zeit meiner Verletzungspause war der Ball“, sagt er. Kein Widerspruch, denn diese Motivation war und ist auch auf dem Platz erkennbar. Und der Peruaner, der die letzten Wochen seiner Rehazeit in seiner Heimat mit der peruanischen U-17-Auswahl verbrachte, mit den Junioren trainierte und Übungsspiele absolvierte, genießt in Hamburg derzeit nicht nur das Wetter und die Zustimmung seiner Weggefährten, sondern auch den Zuspruch der Fans. In Scharen stürmten sie heute nach der Vormittagseinheit auf ihn zu und baten um Autogramme und Fotos. Guerrero strahlte und kam den Wünschen geduldig nach.

Auch wenn ich das Verhalten Guerreros zuletzt nicht immer positiv bewerten konnte (vor allem in Bezug auf seine lange Abwesenheit während der Genesungsphase), so betrachte ich ihn jetzt noch einmal als kleinen Lichtblick und auch als Chance. Viele Mitspieler wünschen sich den Peruaner bestimmt auch deshalb zurück in ihre Mitte, weil sie dann eine spielerisch starke Komponente zurück wissen, die ihnen als eine DER fußballerischen Stützen der Hinserie, vor allem der starken Anfangsphase, in Erinnerung ist. Dass sich der Peruaner für einen neuen Vertrag empfehlen will und empfehlen muss (auch international wird seine Entwicklung wegen des Kreuzbandrisses skeptisch beäugt), kann dabei nur von Vorteil sein. Guerrero wird 100 Prozent geben, sobald er die Chance zur Präsentation bekommt – denn mit jedem Spiel ohne Einsatz und damit „ohne Bewerbungschance“ sinken seine Möglichkeiten, einen hoch dotierten Kontrakt zu ergattern – wo auch immer!

Nun noch einmal kurz zum abgesprochenen Thema „potenzielle Abgänge“. Nun wird also Elia als möglicher Ribery-Nachfolger gehandelt, und auch aus England habe ich bereits diverse Interessenten forschen hören, was eine Verpflichtung des Niederländers betrifft. Ich hätte da einen Tipp für den HSV: Stellt einfach mal 90-Minuten-Videobilder der Elia-Einsätze in den vergangenen Matches zum kostenlosen Download auf hsv.de und schickt gezielt entsprechende Mitteilungen an die vermeintlichen Interessenten heraus. Die werden es sich dreimal überlegen, ob sie Elia als Kandidaten auf ihre Wunschliste setzen. Die Bilder könnten abschreckende Wirkung haben.

So, nun reicht es erst einmal wieder. Ich melde mich morgen nach dem Training.

15:55 Uhr

Gegen eine HSV-Einheit hat Celtic keine Chance

3. November 2009

Die Beschwerden mehren sich, dass dieser Blog zu einem Forum verkomme. Ich möchte mich in die Diskussion auch einschalten, nachdem ich gerade mehr als eine Stunde mit dem Lesen Eurer Kommentare verbracht habe. Damit will ich nicht sagen, dass es aus meiner Sicht zu viele Einträge sind. An der Anzahl habe ich nichts zu bemängeln. Aber jeder sollte sich an die Grundregeln der sportlichen Fairness im Blog halten. Und das heißt eben auch, dass „Foulspieler“, deren Kritik untereinander ins Persönliche abdriftet, nicht mit brutalen Revanchefouls bedacht werden, sondern nüchtern ermahnt und gegebenenfalls ignoriert werden.

Außerdem sollten wir alle den Blog als Plattform für sachliche Themenkommentare nutzen und ruhig auch persönliche Erfahrungen, Erlebnisse und ähnliches im Zusammenhang mit dem HSV schildern dürfen. Ich denke, dass wir alle reif genug sind, um aus dieser Bühne kein Sammelbecken für zwischenmenschliche Scharmützel oder gar Beleidigungen werden zu lassen. Wir brauchen jetzt auch keine Blog-Regeln aufzustellen, sondern sollten uns einfach gegenseitig in die Schranken weisen – so wie es in einer gesunden und guten Fußballmannschaft auch der Fall ist.

So, nun aber wieder zu den wirklich wichtigen Themen: dem HSV. Mein Kollege Christian Pletz hat mir heute von Taktikschulungen im Training (heute) und von ausgiebigen Torschuss- und Laufwegübungen (gestern) erzählt. Im Abschlussspiel heute hat Bruno Labbadia auf sein prominentes „Verletzungsopfer“ Jerome Boateng, der erst morgen wieder ins Mannschaftstraining einsteigen soll, reagiert. Es dürfte kaum überraschen, dass David Rozehnal gegen Celtic Glasgow wohl den Innenverteidigerposten neben Joris Mathijsen übernehmen wird. Im Training hinterließ der Tscheche zuletzt einen soliden Eindruck, und heute hat er Ersatztorwart Tom Mickel nach der normalen Einheit einige gut platzierte 16-Meter-Schüsse ins Netz gelegt.

Einer, der ebenfalls immer wieder Sonderschichten einlegt, bevorzugt um an seiner Schusstechnik und –Genauigkeit zu feilen, ist Marcell Jansen. Die meisten von Euch waren ja überrascht, dass er gegen Gladbach nicht zur Anfangsformation zählte, sondern erneut nur auf der Ersatzbank Platz nehmen durfte. Ich muss gestehen, dass ich auch etwas überrascht war. Aber angesichts seiner langen Leidenszeit mit Verletzungen und Krankheiten ist gerade Jansen gefragt sehr viel Geduld aufzubringen. Und wenn die jüngsten Trainingseindrücke einen Trend zeigen, dann ist der Links-Allrounder diesbezüglich auf einem guten Weg. Gegen Celtic erwarte ich ihn nun gar nicht unbedingt in der Startelf, in Hannover aber auf jeden Fall.

Gegen die Schotten wird es darauf ankommen, dass die Grundordnung des HSV stimmt, dass die Abstände zwischen den Spielern und Mannschaftsteilen nicht so groß wie teilweise gegen Mönchengladbach sind, dass das Stellungsspiel vor allem in der Rückwärtsbewegung verbessert wird, dass teamintern kommuniziert wird und die Konzentration konstant hoch gehalten wird. Stimmen all diese Komponenten, sehe ich für Celtic keinerlei Chancen, einen „Dreier“ aus Hamburg zu entführen. Stimmen sie nicht, ist selbst so ein in seinen diesjährigen Mitteln beschränkter Klub wie Celtic in der Lage, dem HSV nachhaltige Probleme zu bereiten.

In Sachen Personalbesetzung hat Trainer Labbadia am Donnerstag kaum Veränderungsbedarf. Ich halte es sogar für wahrscheinlich, dass er der insgesamt enttäuschenden Mannschaft des Gladbach-Spiels (mit Rozehnal statt Boateng) eine neue Bewährungschance geben wird. Sollte Jonathan Pitroipa dabei ähnlich viel Wirbel verursachen wie am vergangenen Sonnabend, wird es gegen Celtics schwerfällige und gelegentlich sogar komplett überforderte Abwehrspieler einige Chancen und Freistöße zuhauf geben.

Marcus Berg, der meines Erachtens in den vergangenen Spielen ganz und gar nicht mit Kritiken und Kommentaren „abgewatscht“ wurde (habe in den Kommentaren von solchen Behauptungen gelesen), sondern sich mehr und mehr in seine Stammspielerrolle hinein fuchst, lässt sich durch das 2:3 gegen Gladbach jedenfalls nicht aus dem Tritt bringen.

Grundsätzlich möchte ich anmerken, dass die Mannschaft nach meinen Recherchen, Gesprächen und Beobachtungen (durch den Kollegen) nach wie vor einen gefestigten Eindruck macht. Die Profis wissen um die verpasste Chance gegen Gladbach, sie wissen aber auch um ihre Stärken und nach wie vor vorhandenen Potenziale. Und die gilt es nun bis zum Winter umzusetzen.

Bruno Labbadia hat sich nach einigen Einzelgesprächen heute nach dem Training lange mit Frank Rost, Joris Mathijsen, David Jarolim, Ze Roberto und Guy Demel unterhalten. Worum es in der Unterhaltung mit dem Mannschaftsrat ging, mochte niemand verraten. Aber es soll sich nicht um sportliche Dinge gehandelt haben. Vielleicht ging es ja um den internen Umgang mit Kritik, Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Labbadia ist ein ausgesprochener Teamplayer, der weiß, dass öffentlich ausgetragene Konflikte oder auch nur Konfliktpotenziale, Missverständnisse und Fehlinterpretationen eine Mannschaft nachhaltig auf ihrem Erfolgsweg stören können. Und darum schreitet er vorsorglich ein und spricht mit seinen Führungskräften. Das ist richtig und gut so. Mir ist jedenfalls nicht bange um den Zustand der Mannschaft.

16:52 Uhr

Von Frust auf Lust umschalten

2. November 2009

Heute Morgen rief mich ein guter Freund aus Nordrhein-Westfalen an, der mit zwei „wichtige Dinge“ zu besprechen hatte. Er ist HSV-Fan, das muss ich vorweg erwähnen. Erstens sollte ich sofort meinen Urlaub beenden, zweitens sollte ich die mitunter deftigen Kritiken im Blog gegen den HSV-Trainer und auch gegen einige Spieler etwas bremsen. Ihn ziehe dieses ganze Leid, das dort durch die Beiträge fließt, jeden Tag auf der Arbeit runter, sagte er. Er wolle aber seine bevorzugte Informations- und Austauschquelle zum HSV weiter mit Lust und Leidenschaft lesen. Ich habe ein paar Minuten kommentarlos zugehört, was mir aufgrund seiner selbstmitleidigen Stimmlage wirklich schwer fiel, und dann habe ich ihm zwei klare Absagen zu seinen Anliegen erteilt. Erstens dauert mein Urlaub noch ein paar Tage an, und ich habe noch viele Dinge zu erledigen, die im Arbeitsalltag meist auf der Strecke bleiben. Und zweitens folgt auf die vielen Lobgesänge der vergangenen Wochen und Monate eben auch mal deftige Kritik, wenn sie angebracht ist. Und das war und ist sie nach den leichtfertig vergebenen Punkten gegen gute (aber nicht überragende) Gladbacher allemal.

Entscheidend ist doch, und das beruhigte meinen Freund dann etwas, dass jetzt der richtige Zeitpunkt zum Umschalten gefunden wird. Gladbach war gestern (ja, ich weiß: in Wirklichkeit vorgestern), morgen (in Wirklichkeit Donnerstag) ist Celtic Glasgow. Da bleibt keine Zeit zum Trübsal blasen, da ist nur wenig Raum für intensive Nachbetrachtungen und Aufarbeitungen. Da heißt es eigentlich schon ab heute wieder: nach vorne gucken und umschalten von Frust auf Lust.

Ich habe vor ein paar Jahren mal mit einem erfolgreichen und ambitionierten HSV-Profi zusammen gesessen, dessen Namen ich hier nicht nennen möchte, weil er nach wie vor aktiv ist und seinerzeit im Vertrauen mit mir geredet hat. Wir haben über Spielsysteme, Trainer und Frusterlebnisse gesprochen. Er wirkte auf mich trotz seiner jungen Jahre erstaunlich reif. Dann habe ich ihn gefragt, wie er denn große sportliche Enttäuschungen, Frusterlebnisse und Pleiten verarbeite. Er schaute mich fast vorwurfsvoll an und sagte: „Na, Dieter, ist doch klar, dann trinke ich mal einen, genehmige mir anschließend Ruhe und fang wieder bei null an!“ So einfach ist das also…

Nein, bitte nicht missverstehen, ich möchte Bruno Labbadia und seinem Team schon aus gesundheitlichen Gründen keinesfalls raten, mit einem Frustbesäufnis auf Negativerlebnisse der Gladbacher Art zu reagieren. Ich hoffe nur, dass die Mannschaft und ihre Trainer sich nicht zu lange gedanklich an den Fehlern und Schwächen der ersten Ligaheimpleite festhalten. Von den vielen „Baustellen“, die ich in Euren Kommentaren gefunden habe und die manchmal wie grundsätzliche HSV-Probleme klangen, würde ich einige, nein, sogar mehrere in den Bereich der seltenen Auffälligkeiten verweisen. Eine kleine Anmerkung sei hier erlaubt, auch weil es die Nachfrage gab: Natürlich lese ich alle Kommentare (hat mich zuletzt einiges an Zeit gekostet…).

Ich glaube zum Beispiel nicht, dass wir ein grundsätzliches Problem auf der rechten Abwehrseite haben. Guy Demel, der nach dem Spiel gegen die Borussia zu Recht gescholten wurde, ist normalerweise eine feste Größe. Er macht momentan eben ein kleines Formtief durch, und angesichts der Innenverteidiger-Personalprobleme (Boateng, Rozehnal) gibt es auch keine Alternativen. Doch, werden jetzt wieder viele von Euch denken: Tomas Rincon. Dem möchte ich widersprechen. Ich habe ihn ja schon oft nach Trainingseindrücken gelobt, allerdings hat er diese Eindrücke in Trainingsspielen als Rechtsverteidiger selten bis nie bestätigt. Seine Vorzüge kommen eher auf der „Sechs“, also im defensiven Mittelfeld zur Geltung. Und dass er da nicht so ohne weiteres an Ze Roberto und David Jarolim vorbeiprescht, ist wohl keine Überraschung.

Ich hoffe für den HSV, dass Demel seine kleine Leistungskrise schnell überwinden kann. Bei Dennis Aogo habe ich trotz des eklatanten Abwehrfehlers gegen Gladbach (beim 1:1) das Gefühl, dass er seine echte Schwächephase schon hinter sich hat. Er gewinnt im Training wieder mehr und mehr an Sicherheit, spielt bessere Flanken, spielt genauere Pässe. Er muss aus meiner Sicht vor allem an seiner defensiven Konsequenz und den Laufwegen arbeiten, da offenbart er häufiger die größten Schwächen.

Zur Kritik an Bruno Labbadia möchte ich auch noch etwas loswerden, obwohl dazu ja eigentlich schon mehr als genug gesagt wurde. Unabhängig vom Fehler, Jerome Boateng nicht ausgewechselt zu haben, sollte man meines Erachtens nun nicht jedes Wort Labbadias auf die Goldwaage legen. Wenn ich mir manchen Kommentar zu diesem Thema durchlese (nicht nur in diesem Blog), könnte man meinen, der Trainer sei mit einem Werder-Trikot unter seinem Anzug erwischt worden…

Auch in diesem Fall gilt das zu Beginn beschriebene, magische Wort: Umschalten. Labbadia, der auch aus meiner Sicht eine 100-prozentige Identifikationsfigur darstellt, darf sich nun auch selbst nicht verrückt machen (lassen) und muss sich auf seine Stärken besinnen. Das heißt nach absolvierter Fehler- und Problemanalyse (die der Trainer längst hinter sich gebracht hat), dass er seine Spieler mit gezielten Trainingsinhalten und persönlichen Ansprachen optimal auf die nächsten Kontrahenten Celtic und Hannover 96 einstimmt.

Ich gehe fest davon aus, dass Labbadia diesen Schritt meistern wird, auch wenn ich mich nicht persönlich vor Ort davon überzeugen kann. Mein Freund aus Nordrhein-Westfalen rechnet in dieser Woche mit vier Punkten. Ich kann mir sogar zwei mehr vorstellen – sofern die jüngste Pleite keine tiefen (mentalen) Narben hinterlassen hat.

13:45 Uhr

Völlig von der Rolle

31. Oktober 2009

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wirklich nicht. Vielleicht liegt das an der ersten Bundesliganiederlage in dieser Saison. Vielleicht liegt es aber noch mehr an der Art und Weise, wie dieses 2:3 gegen Mönchengladbach zustande gekommen ist. Das war ein echter Rückschlag im Kampf um die Spitzenpositionen in der Liga. Das war aber auch ein selbst verschuldetes Erlebnis der verzichtbaren Sorte, über das es noch sehr, sehr viel zu reden geben wird. Auch intern, wie ich denke. Dazu später mehr.

Eigentlich hatte das Spiel gegen die Borussen doch recht verheißungsvoll begonnen. Obwohl das Hamburger Offensivspiel nicht überragend flüssig lief, ging Bruno Labbadias Mannschaft nach 13 Minuten in Führung. Wie im Training flankte Dennis Aogo von links, den hohen Ball köpfte Marcus Berg von der Strafraumgrenze zu Jonathan Pitroipa, und der Mann mit der Rückennummer 21 legte gezielt auf Piotr Trochowski zurück, der gnadenlos aus 14 Metern ins kurze Eck zielte und traf.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Treffer als eine Art Weckruf verstanden hatte. Denn bis zu diesem Tor hatte ich beim Spiel des HSV immer das leichte Gefühl einer etwas zu lässigen Art. Da wurden ein paar Bälle leichtfertig vergeben, immer mal wieder ein Laufweg oder Zweikampf nicht mit letzter Konsequenz durchgesetzt. Von Harmonie war da wenig zu sehen, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen passten nicht. Dass Labbadia schon nach zwei Minuten Berg ein Zeichen gab, er solle die Bälle doch erst einmal sichern und nicht voreilige Direktpässe in den Raum versuchen, passte ins Bild. Irgendwie passte nichts so richtig.

Dass es neben der Führung auch positive Aspekte gab, ist klar. Bester Mann der ersten Hälfte beim HSV war für mich Jonathan Pitroipa. Beweglich, immer anspielbar und in gewohnter Art und Weise unberechenbar wuselte er über den Rasen. „Piet“ ließ sich auch hier und da ins Mittelfeld fallen, um Räume für seinen Sturmkollegen Marcus Berg zu reißen. Dabei muss man allerdings anmerken, dass Berg mit Ausnahme der ersten zehn Minuten von Gladbachs überragendem Innenverteidiger Dante sehr gut an die Kette gelegt wurde und im Strafraum wenige bis keine echten Torchancen verzeichnete.

Gladbach mauerte sich auch nicht wie von vielen befürchtet komplett ein, sondern agierte aus einer kompakten Defensive heraus zielsicher und schnell im Konterspiel, präsentierte sich dabei aus meiner Sicht spielerisch erstaunlich gut und wirkte bestens organisiert. Michael Frontzecks Mannschaft suchte auch aus der Bedrängnis heraus immer wieder passgenaue Lösungen. Nur der „letzte Pass“ fehlte den Borussen bei ihren meist rasant vorgetragenen Kontern, um Frank Rosts ernsthaft zu gefährden. Aus Hamburger Sicht muss ich allerdings auch anmerken, dass die Borussen-Profis viel zu viele Freiräume hatten. Wie oft ich es in Hälfte eins und zwei gesehen habe, dass ein Gladbacher Offensivspieler zwischen HSV-Abwehr und defensivem Mittelfeld einen Ball annehmen und sich weitgehend unbedrängt in Richtung Tor drehen konnte, konnte ich am Ende gar nicht mehr zählen. Da hat erstmals in dieser Saison auch die Abstimmung zwischen Abwehrkette und „Sechsern“ (Jarolim, Ze Roberto) nicht funktioniert.

Apropos Jarolim. Der Kapitän konnte in seinem 250. Bundesligaspiel froh sein, dass er vom insgesamt schwachen Schiedsrichter Dennis Aytekin nach 37 Minuten nicht vom Platz gestellt wurde. Als er nach einem armbetonten Zweikampf gegen Levels als letzter HSV-Mann (bei einem Gladbacher Konter natürlich) zu Boden ging und einen Freistoß zugesprochen bekam, stürmten die Borussen verständlicherweise erbost auf den Schiedsrichter zu und protestierten. Jarolim hätte das Laufduell gegen Levels möglicherweise verloren und hatte den Gladbacher mit einem hohen Arm gegen dessen Hals gestoppt – das hätte auch als Notbremse interpretiert werden können.
Es war aber auch wieder ein Zeichen für Hamburger Fehlorganisation. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Schneller Konter von Gladbach über drei, vier Stationen, dann ein langer Pass auf den sehr agilen Marco Reus, der Rost keine Chance ließ – das 1:1 (39.). Anschließend faltete Joris Mathijsen Dennis Aogo dermaßen zusammen, dass er mit seinen entgleisenden Gesichtszügen bei jedem Halloween-Rummeln mit Süßigkeiten wahrscheinlich überhäuft worden wäre. Aogos Abwehrverhalten in dieser Szene war aber auch gruselig. Anstatt Tempo mit dem Gladbacher aufzunehmen, reduzierte sich Aogo auf staunend zuschauendes Begleitjogging – und versuchte anschließend auch noch eine Entschuldigung zu finden. Nach dem Motto: Ja, aber…

Hälfte zwei begann wieder mit einer positiven Überraschung. Ze Robertos Freistoßtor (48.) versöhnte für viele Defizite des bisherigen Spielverlaufs, aber eine wirklich deutlich erkennbare Besserung im Gesamtauftritt war auch nach diesem Tor nicht auszumachen. Piotr Trochowski (der zu meiner Überraschung den Vorzug vor Marcell Jansen in der Startelf bekommen hatte) trat kaum in Erscheinung, Berg war weiter abgemeldet, und vom Rest kam auch nicht viel.

Eljero Elia, von dem ich ja eigentlich große Dinge und viele Impulse erwartet hatte, war zwar oft in Aktion, aber im Gegensatz zu Pitroipa traf er fast immer im letzten Schritt die falsche Entscheidung, spielte einen Fehlpass, wurde geblockt oder verhaspelte sich. Gelegentlich fand ich seine Vorstöße mit Ball am Fuß auch zu umständlich, wobei er die meisten seiner Ballverluste durch seine extreme Laufstärke und auch sehr viele Wege zurück in die eigene Hälfte wenigstens ausglich. Von einer möglichen Bestform war er aber meilenweit entfernt.

Arangos Kopfball aufs Tornetz (62.) deutete schon an, wie die Gladbacher die HSV-Defensive aus den Angeln heben wollten: mit hohen Bällen. Zwar hätte Schiedsrichter Aytekin nach Bradleys Foul an Pitroipa einen Elfmeter geben müssen (74.), doch er pfiff eben nicht – und auf der gegenüberliegenden Seite nutzte Dante die Hamburger Schlafmützigkeit nach einem schnell ausgeführten Gladbacher Eckball und köpfte, nein: wuchtete den Ball aus kurzer Distanz zum Ausgleich ins Netz.

Zu diesem Zeitpunkt humpelte der in dieser Szene ebenfalls beteiligte Jerome Boateng bereits seit knapp 20 Minuten (nach einem unglücklichen Arango-Foul) über das Feld. Die Diskussion des morgigen Tages ist doch klar: Ist Trainer Labbadia ein unnötiges Sicherheitsrisiko eingegangen, weil er den Nationalspieler nicht vom Platz genommen hat? Ich persönlich bin da geteilter Meinung: Einerseits war schon fünf Minuten nach Boatengs Verletzung deutlich erkennbar, dass der Innenverteidiger in seinem Wirken gehemmt war, dass er unrund lief und sein Verhaltensmuster auf dem Rasen veränderte (er nahm fast eine Libero-Rolle ein und mied harte Zweikämpfe mit Tempo). Demnach hätte Labbadia eingreifen müssen, den ebenfalls enttäuschenden (weil schwächelnden) Guy Demel in die Mitte und einen anderen Akteur (Rincon?) nach rechts hinten beordern müssen. Andererseits können Trainer und auch Mannschaftsärzte nicht in die Spieler hineingucken, jedenfalls nicht während des Spiels. Und da gilt ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Trainern aller Spielklassen und Aktiven: Geht es körperlich nicht mehr, müssen Spieler ein entsprechendes Zeichen geben, und dann folgt der Wechsel. Sind es „nur“ Schmerzen, die das Spiel erschweren, kann auch mal auf die Zähne gebissen werden.

Bei Boateng klappte die Einschätzung aller Beteiligten offensichtlich nicht. Und darüber werden sie intern bestimmt noch mehrfach reden. Symptomatisch war Boatengs folgender Rückpass auf Frank Rost, der zur Direktvorlage für Gladbach wurde, aber noch unbestraft blieb (78.). Die komplette Hamburger Hintermannschaft wirkte aufgescheucht, total verunsichert. Und Gladbach nutzte das eiskalt. Arangos traumhaftes Zuspiel nutzte der eingewechselte Rob Friend vor dem herangrätschenden Mathijsen zum 3:2-Siegtor (82.). Ob Frank Rost den Ball hätte halten können, kann ich beim besten Willen selbst nach zwei Zeitlupen nicht sagen. Es sah fast so aus, als habe ihn die Rollrichtung des Balles total überrascht.

Letztlich ist es auch egal, denn diese angesichts des Spielverlaufs nicht unverdiente Niederlage ist das Produkt vieler Fehlerketten, Defizite und Nachlässigkeiten. Ich möchte jetzt keine Grundsatz- oder Pauschalkritiken und –Urteile fällen, denn das ist angesichts des bisherigen Saisonverlaufs nicht angebracht. Ich bewerte dieses 2:3 als gehörigen Schuss vor den Bug. Als neuerliche Warnung, dass nur ein HSV mit 100 Prozent Leistungsfähigkeit, -Bereitschaft und Kampfkraft in der Lage sein wird, sich auf Dauer ganz oben unter den Top drei oder Top fünf der Bundesliga zu behaupten. Jetzt kommt es darauf an, welche Schlüsse die Spieler und Trainer aus diesem Spiel ziehen. Und vor allem, wie das Team psychisch damit umgeht.

Ach ja, einen Hamburger Gewinner gibt es heute doch noch: Wicht hat sich das van-der-Vaart-Trikot als 5000. Kommentarschreiber gesichert. Herzlichen Glückwunsch. Mein Kollege Christian Pletz wird sich bei Dir melden.

19:04 Uhr