Archiv für das Tag 'Fulham'

Der HSV – ein Scherbenhaufen

30. April 2010

Wie begossene Pudel saßen sie in ihren Taxen, als sie in den Volkspark fuhren. Die HSV-Spieler trugen schwarze Anzüge – der Stimmung angemessen. Ohlsdorf ist nichts dagegen. Die Großraumtaxen fuhren fast alle in die Arena, damit die Profis nichts sehen, nichts hören und nichts sagen müssen. Draußen vor dem Stadiontoren hatten sich etwa 80 Fans versammelt, sie schwiegen sich in den meisten Fällen an, aber einige pöbelten auch über ihren Klub, schimpften auf Spieler und die Vereins-Führung. Schlimme Tage in Hamburg.

Um 13.45 Uhr war die Mannschaft an der Arena angekommen, um 14.40 Uhr brachen Tomas Rincon, David Rozehnal und Paolo Guerrero mit den Ersatz- und Regionalliga-Spielern zu einem Lauf durch den Volkspark auf, anschließend gingen sie auf den Trainingsplatz, wo sie von Ricardo Moniz und Torwarttrainer Claus Reitmaier in Empfang genommen wurden. Am Rande liefen Eljero Elia, Romeo Castelen (der später mit den Kollegen ganz normal trainierte!) und Collin Benjamin mit Reha-Trainer Markus Günther, die Stammspieler blieben in den Katakomben. Regenerieren ist jetzt erste Profi-Pflicht, denn bereits am Sonnabend um 15.30 Uhr steht das letzte Heimspiel der Saison auf dem Programm, es geht gegen Abstiegskandidat 1. FC Nürnberg. Ob sich der HSV noch einmal zu einem Kraftakt wird aufraffen können? Es gab an diesem Nachmittag nicht wenige, die davon überzeugt sind, dass den Hamburgern eine erneute Enttäuschung präsentiert wird – denn so kurz nach einem Europa-League-Halbfinale, das dazu noch mit einem Misserfolg endete, ist kaum zu erwarten, dass sich die Spieler noch einmal gen 100 Prozent bewegen können. Die Fans sind auf das Schlimmste gefasst.

So endet eine verkorkste Saison in einem Scherbenhaufen. Noch einmal kurz zu Fulham: Wer über ein schlechtes Spiel des HSV schimpft, der sollte sich einmal an die zuletzt gezeigten Auftritte in der Bundesliga erinnern. Das war schlecht, das war sogar grottig. Dagegen war Fulham Spitzen-Fußball. Und dennoch hat es nicht gereicht.

Die Frage ist, warum? Ich bin mir absolut sicher, dass des Rätsels Lösung in der Trainer-Frage zu finden ist. Meines Erachtens hätte Bruno Labbadia schon vor Monaten entlassen werden müssen. Wobei ich nichts, absolut nichts gegen den Menschen Labbadia sagen möchte. Ein netter Kerl. Aber mit vielen Defiziten als Trainer. Natürlich verstehe ich auch die Zwänge des Vorstands. Da kommt ein Coach mit seinem (?) Team stets eine Runde weiter in Europa. Entlässt man dann einen solchen Trainer? Ich meine nein. Aber dennoch sage ich: Es wäre nötig gewesen – und sicher auch besser für den HSV. Ich bekam heute mehrere Anrufe zum HSV, ist doch klar, aber es war auch ein ehemaliger HSV-Profi dabei, und ein namhafter Trainer. Beide hatten sich nicht abgesprochen, beide aber waren restlos davon überzeugt: „Diese Mannschaft ist ganz einfach schlecht trainiert.“ Und das stimmt in meinen Augen. Auch wenn es jetzt sicher jene Leute gibt, die auf das eine oder andere Spiel verweisen, in dem der HSV bis zuletzt alles gegeben hat, nicht schlapp machte, sondern noch zulegen konnte. In meinen Augen alles eine Frage des Willens. Nur in Fulham klappte das nicht mehr – leider. Weil der HSV die Engländer, die eigentlich schon draußen waren, mit dem 1:1 noch einmal aufbaute und zurückkommen ließ. Briten, die immer vorwärts gehen und stürmen, darf man nicht den kleinen Finger reichen, dann nehmen sie die ganze Hand. Der HSV aber gab den kleinen Finger, weil er sich wieder einmal fast amateurhafte Fehler leistete.

Ich will aber nicht auf die Fulham-Partie schimpfen. Mir machen die Begegnungen in der Bundesliga viel mehr Sorgen. Da spielte der HSV zuletzt wie ein Absteiger. Die Frage, die ich mir nun stelle: Wie geht es weiter, wo soll diese Krise enden, wer rettet diesen HSV vor dem Sturz? Urs Siegenthaler ist ja meine Hoffnung, aber er allein wird es nicht schaffen können. Er braucht Hilfe, dringend sogar. Und mehr denn je.

Hier bei „Matz ab“ wird ja immer stärker auf Bernd Hoffmann (und den Vorstand) geschossen. Natürlich sind einige Vorwürfe berechtigt, aber es ist doch lange nicht alles schlecht, was seit 2000 von Hoffmann auf die Beine gestellt wurde. Der HSV-Chef hat nur einen großen Fehler, und daran wird er für die Zukunft arbeiten müssen: Er darf nicht der Alleinherrscher über den HSV sein, er sollte sich professionelle Mitarbeiter, die eine eigene Meinung haben (und diese auch kundtun) mit ins Boot holen. Vier Augen sehen mehr als zwei. . . Hoffmann ist nicht der Erfinder des Fußballs, er ist ein Wirtschafts-Fachmann, sollte sich aber auch fußballerischen Rat ins Haus holen – und darauf hören. Das Alpha-Tier Hoffmann muss, um es auf einen Nenner zu bringen, endlich lernen, dass zum harten Fußball-Geschäft auch exzellente Fußball-Fachleute gehören. Schluss mit der Selbstüberschätzung, dass ein (Hoff-)Mann alles allein bewältigen und schaffen kann. Nur dann kann der HSV wieder auf einen guten Weg kommen, nur dann und erst dann.

Und schnell noch einmal zum Aufsichtsrat des HSV. Nette Männer tummeln sich dort. Laien und Ja-Sager, konsequente Abnicker. Mein Gott, was sind dass für Kontrolleure? Hat jemals einer von ihnen ein Labbadia-Training gesehen? Ach was, warum auch, es wäre ja niemanden aufgefallen, was da falsch läuft. So lange der Aufsichtsrat zu allem ja und Amen sagt, ist das Schiff HSV ohnehin nicht zu retten. Wo sind die Querdenker, die Mahner, die Männer, die auch mal den Mund aufmachen wenn es anderen wehtut? Wo? In diesem Aufsichtsrat auf jeden Fall nicht! Sonst wäre es nicht so gekommen, wie es sich jetzt darstellt.

Ganz klar: Ich habe Angst um diesen HSV. Sage ich ganz deutlich. Und ich hoffe, dass der Klub nicht an dieser verkorksten Saison zerbrechen wird. In einem Europa-League-Halbfinale kann man ausscheiden, überhaupt keine Frage, aber man darf sich mit dem zweit- oder drittgrößten Etat der Bundesliga keine solche niveauarme Punktspiel-Saison erlauben. Verletzte hin, Verletzte her.

Ich hoffe trotz dieser erkennbar schlimmen Misere immer noch auf Besserung. Und ich setze auch Bernd Hoffmann, dass er seine Fehler nicht nur erkennt, sondern sie auch abstellen wird. Dazu gehört auch, dass der HSV einen Trainer verpflichtet, der kein Befehlsempfänger des Vorstands ist, sondern seinen eigenen Kopf hat, der Durchsetzungsvermögen mitbringt und sich auch gegen den Klub-Boss behaupten will und kann. Wenn ein solcher Mann den Weg nach Hamburg finden würde, wenn Bernd Hoffmann ihn dann auch noch gewähren ließe – dann wäre mir wohler. Dazu dann auch noch ein Aufsichtsrat, der sich nicht nur seine Freikarten abholt, sondern wirklich kontrolliert – das hätte schon was. Aber wahrscheinlich ist das auch schon wieder zuviel auf einmal.

16.11 Uhr

Ende, aus, vorbei!

29. April 2010

Es hat nicht sollen sein. Der HSV hat alles gegeben, hat eine Stunde lang wie der sichere Finalteilnehmer vom 12. Mai ausgesehen, aber dann brach das Unheil doch noch über ihn herein. Zwei ganz dumme Tore machten aus einer herrlichen HSV-Führung eine 1:2-Niederlage, das Aus in der Europa League, das Ende aller Träume vom Endspiel in der eigenen Arena. Der HSV hat diesmal nicht enttäuscht, der HSV hat mit Herz und Leidenschaft um diese historische Chance gekämpft und gespielt, aber am Ende reichte es dennoch nicht. Diese Niederlage passt zum gesamten Jahr 2010, in dem nichts so richtig laufen will. Es tut weh, es ist wahnsinnig traurig, es ist tragisch. Und es ist müßig, jetzt noch darüber zu reden, ob eine Trainerwechsel vor Wochen noch viel mehr aus dieser nun verkorksten Saison gemacht hätte. Kopf hoch, Hamburg, es geht weiter. In der Saison 2010/11. Dann mit frischem Mut, mit neuem, passenden Trainer und einer Mannschaft, die in jedem Spiel als Einheit auftritt – und nicht erst nach einem Trainerwechsel.

Am 29. April 1910 wurde Erwin Seeler geboren. Zum 100. von „Old Erwin“ gab es aber leider keinen Grund zum Feiern für Hamburg. Obwohl es lange Zeit so ausgesehen hatte.

Dabei begann es nicht gerade vielversprechend. Bereits nach zwei Minuten stand bei etlichen HSV-Fans das Herz fast still: Zamora kreuzte im Hamburger Strafraum allein vor Frank Rost aus. Ein simpler Doppelpass hatte die Abwehr ausgehebelt, wobei Jeroma Boateng auch ein wenig zu lässig, besser noch nachlässig in das Duell mit dem Fulham-Torjäger ging, Rost aber reagierte gleich zweimal sensationell. Er blieb stehen, bewahrte beim ersten Schuss die Ruhe und hechtete dann die Kugel zum ersten Eckstoß für die Engländer. Rost, der Held! Was wäre gewesen, wenn es nach nur 120 Sekunden schon 1:0 für Fulham gestanden hätte? Was?

Nach nur 58 Sekunden hatte sich Boateng schon den Hoch-und-weit-Preis des Abends abgeholt. Am Strafraum stehend drosch er den Ball nur wenig nach vorne, dafür aber in die Höhe. Motto: Nach oben ist keinem Platz eine Grenze gesetzt. So 30 Meter stieg der Ball in die Luft, kam aber ohne Schnee wieder herunter. Offenbarte aber eines: Boateng schien ein wenig nervös zu sein.

Was auch auf einige Kollegen zutraf. Aber nach dem Schock der Anfangsphase legte sich die Nervosität, der HSV kam, der HSV spielte clever, der HSV war leicht Spiel bestimmend. Großartig! Wie hat Ricardo Moniz das nur so schnell hinbekommen? Zwischen Sinsheim (Hoffenheim) und London liegen wahrlich Welten. Alles eine Sache des Kopfes? Ganz sicher auch. Es stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, die sich zerriss, die sich untereinander half, die mit Köpfchen spielte.

Überragend für mich David Jarolim, der nicht nur viele Bälle erkämpfte und erlief, sondern die Kugel unglaublich sicher hielt. Hier ein Haken, dort ein Haken, dann den Ball immer (zu 100 Prozent) an den eigenen Mann gebracht – das war eine absolute Klasse-Partie des Kapitäns. Ihm am nächsten kam Jonathan Pitroipa, der immer wieder viel versuchte, der sich ein Herz für Alleingänge fasste, der auf links für Wirbel sorgte. Großartig. Einmal grätschte „Piet“ nach dem Ball und erkämpfte ihn sich in der Manier eines Linksverteidigers. Sogar schießen schien das „Eichhörnchen“ über Nacht gelernt zu haben, denn in der 39. Minute zog er aus halblinker Position aus 20 Metern ab – knapp daneben. Und dann kam die neue Stimmung beim HSV zum Vorschein: Moniz rief Pitroipa ein Lob zu und hielt den Daumen hoch. So baut man Leute auf, so sorgt man für Selbstvertrauen, so sorgt ein Trainer dafür, dass es auch beim nächsten Schussversuch den nötigen Mut dazu gibt. Bravo, Ricardo Moniz, ganz eindeutig dafür von mir ein absolut verdientes Bravo!

Vor diesem Schuss gab es schon jene Szene, die die Herzen der HSV-Fans höher schlagen ließ. Murphy hatte Ze Roberto 29 Meter vor dem Fulham-Tor gefoult, Freistoß. Boateng und Mladen Petric stand am Ball, der Kraote schoss schließlich. Und was für ein englisches Pfund! Sensationell getroffen die Kugel, ein Hammer des Monats, genau in den oberen linken Winkel – einfach nur traumhaft. Von diesem Tor hatte ganz Hamburg vorher geträumt, nun war es da. Die ganze Mannschaft (außer Rost) fiel über den Torschützen her, das war eine Freude, und es war auch eine riesige Freude, es zu sehen.

Danach aber ließ sich der HSV zurückfallen. Mit der „Inter-Taktik“ zum Erfolg? Die Räume wurden dicht gemacht, kein Zentimeter Rasen wurde verschenkt, es ging konzentriert zur Sache. Eine so große Tormöglichkeit, wie es sie nach 120 Sekunden gegeben hatte, wurde Fulham bis zum Seitenwechsel nicht mehr gestattet.

Übrigens: Nach 25 Minuten fragte mich Frau M., ob denn Ruud van Nistelrooy mitspielen würde? Das war nicht böse gemeint, sie hatte ihn nur noch nicht gesehen. Das blieb bis zum Halbzeitpfiff auch so. Etwas fiel auch Dennis Aogo ab, der nicht eine (!) vernünftige Flanke in den Strafraum der Engländer schlug. Aber: Der Verteidiger war erst am Spieltag aus Hamburg nach London geflogen, hatte den Tag zuvor wegen einer Magen-und-Darm-Grippe noch im Krankhaus verbracht. Das ist es aller Ehren wert, dass sich Aogo doch noch aufmachte und mitspielte – denn wer sonst hätte hinten links spielen sollen? Dass ihm vieles misslang – Schwamm drüber. Wir alle wissen, dass er es besser kann.

Ganz hervorragend, das muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, wieder einmal die HSV-Fans. 1400 waren sicher dabei, 600 dürften sich noch auf dem Schwarzmarkt ihre Karte ergattert haben. Was sie in Craven Cottage abzogen, war reif für die Champions League. Sie waren immer zu hören, sie gaben in diesem „historischen Spiel“ wieder einmal alles – und mehr. So muss es sein, von Sinsheim ist nichts hängen geblieben, jedenfalls beim harten Kern nicht.

Und wo ich gerade beim Loben bin: Der türkische Schiedsrichter Cakir behielt bewundernswert die Ruhe und zeigte eine Klasse-Leistung. Wo hat die Uefa den so lange versteckt? Er war für diese Partie, in diesem kleinen Hexenkessel genau der richtige Mann.

In der zweiten Halbzeit zwei schnelle Wechsel. Beim HSV ging Robert Tesche, der mir durchaus gefallen hatte, wenn er auch nach vorne kaum zum Zuge gekommen war. Für ihn schickte Moniz den wackeren Kämpfer Tomas Rincon auf den Rasen (56.) – die etwas defensivere Variante. Und Fulham musste den gefährlichen Zamora vom Platz nehmen (58.), der sich trotz einer Achillessehnenverletzung fast eine Stunde durchgebissen hatte. Für ihn kam Dempsey, und mir war ein wenig wohler zu Mute, denn Zamora ist eigentlich immer für ein Tor gut. Diesmal nicht.

Als sich Boateng in der 62. Minute mit einer Harakiri-Aktion an der Eckfahne eine überflüssige Gelbe Karte abgeholt hatte (eingesprungene Beinschere), geriet die Volksseele vollends ins Kochen – und Fulham kam. Und wie. Der HSV wackelte. Und er kassierte den Ausgleich. Wieder einmal ein Pass durch die Mitte. Dort erlief sich Davies den Ball vor Guy Demel, der Engländer ließ den HSV-Abwehrspieler aussteigen und schoss unhaltbar ein (69.). Wieso tut sich in der Abwehrmitte, im Zentrum eine so große Lücke auf, wieso? Zum wiederholten Male. Aus gehabtem Schaden nichts gelernt.

Wahnsinn. Und es kam noch schlimmer. Eckstoß für Fulham, die Kugel segelt in der Mitte an allen vorbei – an fast allen. Der Ball prallt an das linke Bein von Demel, es wird daraus eine Mustervorlage für Gera. Der Ungar schießt mühelos ein – 2:1.

Das Ende? Moniz will es nicht wahrhaben, riskiert alles. Er bringt elf Minuten vor Schluss Paolo Guerrero und nimmt Rincon wieder vom Platz. Eine harte Aktion, aber in einem solchen Spiel absolut richtig. Nun war die offensivere Hamburger Variante wieder auf dem Rasen.

Aber es half alles nichts mehr. Die historische Chance ist verpasst worden. Und eine chaotische Saison wird nun im Tal der Tränen enden. Wieder einmal beste Voraussetzungen gehabt, wieder einmal zum Schluss abgebrochen. Die Hoffnung stirbt zuletzt . . .

23.05 Uhr

Schweißnasse Hände . . .

29. April 2010

Schnell noch ein paar Zeilen vor dem Spiel der Spiele. War schon einmal eines wichtiger? Ich lege mich fest (ein Scherz) – in diesem Jahr noch nicht . . . Ich kann Eure Aufregung und die steigende Nervosität sehr gut verstehen, mir geht es nicht anders. Um es genau zu schildern: Ich bin davon überzeugt, dass es heute gut für den HSV enden wird. Und dann kommt von links ein innerer Einwand dazwischen: „Wieso glaubst du Trottel eigentlich, dass auf einmal alles gut wird? Nur weil Ricardo Moniz nun zwei Tage lang seine heilenden Hände auf die Häupter der Spieler gelegt hat? Träum schön weiter, mein lieber Dieter . . .“ Und Sekunden danach bekommt der Optimismus wieder die Oberhand: „Mach mal halblang, Digger, alles wird gut, es gibt ein wunderschönes und maßgeschneidertes 1:1.“ Nun bin ich gespannt, wer von den Beiden in mir gegen 22.50 Uhr – oder auch eine Verlängerung und ein eventuelles Elfmeterschießen später – richtig liegt. Mensch, meine Hände sind schon wieder schweißnass. . .

Um kurz auf andere Gedanken zu kommen. Nur ein „alter Sack“ wird sich daran erinnern können (natürlich!), was um das erste Europapokal-Spiel des HSV herum geschah. Einen tag vor dem 2. November 1960, dem Spiel im Landesmeister-Wettbewerb bei Young Boys Bern, war keine Aschewolke aus Richtung Island unterwegs, und dennoch flog der HSV nicht in die Schweiz, es ging mit dem zug. Genauer: Es ging mit dem super-modernen TEE nach Bern. Und es ging auch so, denn der HSV siegte beim Meister der Schweiz, der fast identisch war mit der Nationalmannschaft der Eidgenossen, mit 5:0. Es wurde gejubelt. Aber es wurde in Hamburg auch böse gemosert, denn: Der HSV spielet unter Flutlicht zum ersten Mal mit weißen Stutzen. Die blauen Socken mit der schwarz-weißen Krempe blieben im Mannschaftskoffer, was zu Folge hatte, dass an der Elbe die HSV-Oberen total entsetzt waren. Es wurde gemeckert und getadelt, fast hätte es eine Abmahnung für die Mannschaft um Uwe Seeler gegeben, so groß wurde dieses Vergehen bewertet. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Nie wieder weiße Stutzen. Was allerdings nicht lange eingehalten wurde, denn die Öffentlichkeit hatte nichts gegen dieses Weiß, ganz im Gegenteil. Es gab danach Jahre, in denen dieses Weiß ganz einfach zum HSV gehörte.

Ja, Sorgen hatten die damals . . . Andere Zeiten, andere Stutzen. Dann, Jahre später, auch eine kuriose Geschichte. Es gab in der Saison 1968/69 noch den Messepokal. In diesem erreichte der HSV nach Spielen gegen den FC Metz, Slavia Prag und Hibernian Edinburgh (es waren damals genau 6 721 Zuschauer im Volksparkstadion!) das Viertelfinale, trat aber gegen den kommenden Gegner Göztepe Izmir aufgrund von Terminschwierigkeiten nicht mehr an. Wenn so etwas heute passieren würde . . . Nein, natürlich kann so etwas heute nicht mehr passieren, aber dass es damals passiert ist, das ist noch heute ein Hammer. Schließlich spielten in der damaligen HSV-Mannschaft Uwe Seeler, Charly Dörfel, Arkoc Özcan, Willi Schulz, Jürgen Kurbjuhn und „Bubi“ Hönig, um nur einige zu nennen. Dass diese Spieler nicht auf die Barrikaden gegangen sind, wundert mich noch heute. Sehr sogar. Aber: Andere Zeiten, andere Prioritäten.

Noch einmal kurz zu den Zuschauer-Zahlen. In die Geschichte ging auch ein Intertoto-Spiel gegen IFK Göteborg ein. Am Rothenbaum hatten sich am 13. Juni 1970 gerade einmal 2 500 Zuschauer versammelt, die sahen einen 1:0-Sieg des HSV. Noch weniger gab es 1974. Der HSV war in der Intertotorunde über „die Dörfer gezogen“ und gastierte zum Spiel gegen Xamax Neuchatel in Oldenburg. Da verliefen sich dann beim 5:2-Sieg gerade einmal 1 700 Fans. Was allerdings eine riesige Steigerung gegenüber dem Hinspiel war, denn in der Schweiz wollten nur 500 Zuschauer diese Partie sehen.

Wunderschöne Erinnerungen habe ich auch an ein UI-Cup-Spiel auf Island (damals noch ohne Asche-Wolke!). Am Abend vor dem Spiel wurde auf der Insel Mitsommernacht gefeiert – traumhaft. Um 24 Uhr ging hinter den Bergen von Akureyri die Sonne auf, ein solches Schauspiel hatte ich zuvor noch nie gesehen. Tags darauf ging es gegen IF Leiftur Olafsfjördur, 1000 Zuschauer wurden offiziell angegeben, aber es waren vielleicht gerade mal 500. Vielleicht wurden auch die vielen Ziegen, die auf den Bergen und Hängen standen und das Spiel Spiel sein ließen, mitgezählt. Egal: De HSV hat wohl zuvor und auch nie wieder danach so schön gespielt – von der Botanik her. Umgeben von herrlichen und eisbedeckten Gletschern lag malerisch in einer Talsohle der unebene und schräge abfallende Dorfplatz, der lediglich ein Klubheim mit Umkleidekabinen zu bieten hatte. Das eigentliche Dorf Olafsfjördur lag jenseits (und war damit unsichtbar) eines Gletschers. Ein wunderschöner und zugleich skurriler Anblick, denn unter solchen Bedingungen hatte der HSV wohl noch nie ein internationales Pflichtspiel absolvieren dürfen und müssen – aber es gab einen mühevollen 2:1-Sieg. Tore: Dirk Weetendorf und Markus Schopp. Ende gut, alles gut.

Ein 2:1 wäre heute ja auch absolut herrlich, traumhaft, sensationell. Vor ausverkauftem Haus! Die Zeiten haben sich zum Glück geändert. Und während ich doch erneut an ein 1:1 denke, kommt von links wieder der . . . Nein, lassen wir das. 1:1. Alles Gute für den HSV und für Euch, dass Ihr einen wunderschönen Abend haben werdet.

PS: Ich habe eben mit Jörn Wolf (auf der Insel)  kurz vor dem Abendessen um 17.45 Uhr telefoniert, es sind alle Spieler fit – auch Dennis Aogo. Es kann also losgehen – packt es an, Männer!

17.49 Uhr

Geben Sie alles, Dr. Krohn!

28. April 2010

Vom Chaos ins Europa-League-Finale. Davon träumt ganz Hamburg. Und im Rest der Republik wird dazu geschmunzelt, gescherzt und gelacht. Über den HSV. Folgende Falschmeldung landete in meinem Computer, ich möchte sie Euch nicht vorenthalten. Bitte schmunzeln, auf keinen Fall aber ärgern:

Hamburg (dpa) – Sensationelle Neubesetzung beim HSV: Wie HSV-Chef Hoffmann auf einer Pressekonferenz heute Mittag mitteilte, werden die beiden Trainer-Urgesteine Dettmar Cramer und Udo Lattek bis zum Saisonende das Training leiten. Der 85-jährige Cramer und der 75-jährige Udo Lattek führten u. a. Bayern München in den 70er und 80er Jahren zu mehreren Meisterschaften und Europapokalsiegen. HSV-Vorstands-Chef Bernd Hoffmann: „Wir stehen mit Dettmar Cramer und Udo Lattek bereits seit Wochen in engstem Kontakt. Beide haben die nötige Lebenserfahrung, die wir jetzt beim HSV brauchen. Ich bin überzeugt, dass wir mit dieser Verpflichtung eine zukunftsfähige Entscheidung getroffen haben. Mit Dettmar und Udo werden wir in das Europa-League-Finale kommen und auch den sechsten Platz in der Liga erreichen.“ Hoffmann betonte vor zahlreichen Medienvertretern, dass er sich auch eine längerfristige Verpflichtung für die kommenden Jahre vorstellen könne. Dettmar Cramer und Udo Lattek werden bereits am Donnerstag in Fulham auf der Bank sitzen. dpa hal yyzz n1 aer

Nehmt es bitte mit Humor, die Lage ist ernst genug. Um schnell auf mein vom „Athener“ kritisiertes Video hinzuweisen: Es sollte keine Beschwerde sein, ich wollte lediglich mein Erstaunen zum Ausdruck bringen, dass mehr über den neuen Trainer als über Fulham philosophiert wird. Und ich wollte Eure blick für die Realität schärfen: Der HSV steht auf Rang sieben in der Bundesliga, der HSV kämpft am Donnerstag um das Überleben in Europa, der HSV ist im Vergleich zu vielen wirklichen Top-Klubs arm wie eine Kirchenmaus. Da dürfte eigentlich jeder und jedem klar sein, dass hier kein Wenger, kein Mourinho und auch kein Hiddink anheuern wird. Und kein Ronaldo, kein Ballack und kein Rooney.

Natürlich habe ich auch einen Trainer-Namen eingebracht: Terim. Weil ich aus vielen Ecken gehört hatte, auch von einigen „Matz-abbern“, dass Terim erstens nach Hamburg geflogen, und zweitens schon in der Stadt sein soll. Und da ich von einigen „Informanten“ dringend ermahnt worden bin, das nicht als lächerlich abzutun, habe ich mich an Ruud van Nistelrooy erinnert. Damals, Ihr erinnert Euch, rief mich „Eiche Nogly“ an und sagte: „Was läuft da mit van Nistelrooy? Erkundige dich mal beim HSV.“ Ich musste innerlich lachen, raffte mich dann aber doch auf – und es kam tatsächlich zu diesem Sensations-Transfer. Deswegen nun mein „Fall Terim“.

Ich habe ja auch absolut nichts gegen Spekulationen, aber eben nicht nur. Denn Fulham halte ich für absolut „überlebensnotwendig“. Zumal das Thema Trainer noch gar keines sein kann. Kann! Denn welcher Könner bindet sich jetzt an den HSV, obwohl noch gar nicht feststeht, ob es in der nächsten Saison wieder nach Europa geht? Jeder Coach, der einen guten und großen Ruf hat, der will international dabei sein. Und wenn schon nicht in der Champions League, dann bitte in der Europa League.

Übrigens: Ein guter, nein, einer meiner besten Freund (kein Kollege!) behauptet felsenfest, am Dienstag Markus Babbel auf dem Hamburger Flughafen gesehen zu haben. Abends. Er flog ab aus dem B-Bereich, also ins Ausland. Nun reimte sich mein Freund folgende Geschichte zusammen: „Babbel war hier, um mal auszuloten, ob er nicht mit seinem Lehrmeister Gerard Houllier, bei dem er einst in Liverpool kickte, zum HSV kommen können. Babbel als Assi von Chef Houllier.“ Schöne Geschichte, aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass da auch nur ein Hauch von Wahrheit dran ist.

Zum Spiel: Ich, der Pessimist, bin durchaus optimistisch. Dank Ricardo Moniz. Der ist Vollblut-Fußballer und Vollblut-Trainer. Und er kommt, das ist immer noch ganz erstaunlich für mich, sehr gut bei allen (!) Spielern an. Er wird ihnen den Hintern aufreißen. Vorher, währenddessen, nachher. Ganz sicher. Da gibt es keine Komplimente für NICHTS. Der Mann spricht die Wahrheit, und zwar schonungslos. Und sie alle, egal wer es ist und wie sie heißen, werden parieren. Und laufen, kämpfen, reinhauen!

Was mich auch optimistisch stimmt: Der HSV ist mit einer großen Delegation in London, die Stimmung ist heiter-optimistisch und locker-flockig. Dazu diese großartige moralische Unterstützung: Viele Aufsichtsräte sind dabei, dazu der Vorstand und sogar die diesmal nicht spielberechtigten Profis Bastian Reinhardt und Piotr Trochowski (Er wird mir in dieser so schweren Partie sehr fehlen! Gebe ich zu). Und außerdem zwei, nein, drei große Altmeister: Caspar Memering, Peter „Eiche“ Nogly (der wahre!) und Dr. Peter Krohn, der unvergleichliche HSV-Präsident. Der sagte bei der Ankunft in England (Wetter heiter bis wolkig) voller Vorfreude: „Dass ich mit dabei bin, bringt der Mannschaft vielleicht Glück, ich war zuletzt im Jahre 2000 mit dem HSV auf Reisen – damals siegte das Team überraschend 3.1 bei Juventus Turin.“ Lieber Dr. Krohn, ein 2:1 würde mir, würde uns allen schon reichen, sogar ein 1:1 – wenn dann die Engländer erst in der Nachspielzeit den Ausgleich erzielt hätten – und Abpfiff. Wegen der Herzinfarkt-Gefahr.
Geben Sie alles, Dr. Krohn!

Übrigens: Ich sprach am Vormittag mit Lotto King Karl. Der äußerte sich auch in Sachen „neuer Trainer“. Lotto sagte: „Wir alle sollten erst einmal abwarten, wie diese Saison endet. Endet sie noch versöhnlich mit vier HSV-Siegen, dann sollten alle bedenken, auch Ricardo Moniz eine Chance auf den Posten des Chef-Trainers einzuräumen.“ Ganz egal, ob der HSV dann den Coach aus dem Vertrag bei Red Bull Salzburg herauskaufen müsste – oder auch nicht. Da sind doch schon ganz andere Trainer aus ihren Verträgen herausgekauft worden, oder?

18.51 Uhr

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr

Keine Panik!

22. April 2010

Schade. Gut gespielt, bravourös gekämpft, alles gegeben bis zum Schlusspfiff, aber nicht gewonnen. Der HSV trennt sich im Halbfinal-Hinspiel der Europa League vom FC Fulham 0:0. Das hört sich nicht besonders gut an, aber es ist nicht unbedingt schlecht. Im Rückspiel würde ein 1:1 genügen. Und warum sollte der HSV gegen diese Engländer, die gewiss keine Spitzen-Mannschaft sind, nicht ein Auswärtstor schaffen? Ich sehe den HSV noch lange nicht draußen, auch wenn es nun natürlich sehr, sehr schwer werden dürfte. Dennoch: Die Operation Rathausmarkt darf weiter vom 12. und vom 13. Mai träumen, keine Panik. Es ist noch alles drin.

Mladen Petric dabei. Nachmittags sprach es sich herum, und alle, wirklich alle waren Feuer und Flamme. Und die, die dann in die Arena kamen, die sahen beim Aufwärmen der Mannschaften einen Mladen Petric, der allein auf dem Rasen „herumturnte“. Der Gag mit Petric? Sollten die Engländer dadurch geschockt sein? Ganz offensichtlich war, dass sich der Kroate nicht „richtig“ erwärmte. Er „daddelte“ mit dem Ball am Fuß, während die anderen Reservisten „ordentlich“ arbeiteten. Aber irgendwie war den Fans auf den Tribünen klar: Eine solche „Wunderheilung“ gibt es eben höchst selten, auch in Hamburg ist das so. Obwohl: Petric kam später tatsächlich (72.). Wie „Kai aus der Kiste“ . . .

Erfreulich für den HSV: Jonathan Pitroipa (statt Robert Tesche) war wieder dabei. Und wie! Wenn es einmal Richtung Fulham-Strafraum „brannte“, dann war er daran beteiligt. Es ist schon kurios: „Piet“ hatten um die Jahreswende in Hamburg niemand mehr auf der Rechnung, und nun hat er sich plötzlich in die Herzen vieler HSV-Fans gedribbelt und gelaufen – so kann es gehen. Und wenn dieser Mann nun noch (über Nacht) schießen lernen würde . . . Dann würde er beim FC Barcelona spielen, oder bei ManU. Schade ist es trotzdem. Ganz grausam wird es immer dann, wenn er nach einem Spurt mit links zum Schuss ansetzt. Achtung Querschläger. Eine größere Streuung gibt es ja gar nicht. Obwohl: In der 71. Minute schoss Pitroipa aus spitzem Winkel, da musste sich Torwart Schwarzer dann schon mächtig strecken – Eckstoß.

Und wo ich gerade beim „mosern“ bin. Immer wenn „Giiiiiieeeeee“ Demel am ball ist, gibt es auch „Giiiieeeeee“-Rufe. Ich frage mich noch immer (und immer wieder): warum? Ein Nachbar klärte mich auf: „Giiiiiieeeeee rufen sie immer dann, wenn sie etwas anfügen wollen. Derart: Giiiiiiieeee- der lernt es niiiiiiiieeeeeee.“ Nämlich das Flanken. Unglaublich, was der „Kerl von einem Baum“ für Bälle zur Mitte bringt! Es ist, ich wiederhole mich gerne: UNGLAUBLICH! Aber gut, auch das gibt es. So wie der gute „Piet“ das Schießen nie lernen wird . . .
Die Engländer standen hinten unheimlich tief. Und sehr diszipliniert. 4:4:2. Das wurde strikt eingehalten. Und die meisten englischen Abwehrspieler so um die zwei Meter. Und der lange Hangeland, der in seinem ersten Leben kanadischer Waldbrandaustreter gewesen sein muss, war sogar drüber. Also über zwei Meter. Sah auf jeden Fall so aus.

Vor der Westtribüne prangte ein riesiges Plakat: „Die beste Möglichkeit, Träume zu verwirklichen, ist aufzuwachen!“ Wie wahr. Die HSV-Profis liefen beim Betreten der Arena genau darauf zu. Sie schienen es begriffen zu haben, denn diesmal zeigten sie Leben. Hinten standen sie sicher, im Mittelfeld gab es viel Bewegung, ganz stark wieder einmal David Jarolim. Und auch Ze Roberto war okay. Bestes Beispiel für seine kleine „Auferstehung“: In der 21. Minute vertändelte er den Ball auf Höhe Mittellinie, setzte aber nach, grätschte sogar gegen gleich zwei Engländer – und holte sich den Ball zurück. Bravo! Und als kleines Sahnehäubchen gab es dazu für den „großen Ze“ ein Abklatschen von Dennis Aogo. Apropos: Aogo spielte für mich sehr, sehr lässig. Er war zweifellos einer der besten Hamburger, wenn nicht sogar der beste, aber er übertrieb es meiner Meinung nach ein wenig mit seiner Lässigkeit. Höhepunkt: In der 28. Minute gab es einen Eckball für den HSV von links. Aogo ging zur Fahne, legte sich den Ball mit seinem linken Fuß (!) zurecht. Mit dem Fuß. Erinnert Ihr Euch (die, die schon so alt sind!) an Günter Netzer? Wenn der einst eine Ecke schoss, dann ging er in die Knie, streichelte die Kugel liebevoll und brachte sie dann zentimetergenau zur Mitte. Das machte Aogo dann allerdings auch, seine Eckstöße waren in Ordnung.

Vielleicht lag seine Lässigkeit ja auch nur darin begründet, dass der Bundestrainer auf der Tribüne saß. Joachim Löw hatte seinen Assi Hansi Flick und auch Torwarttrainer Andreas Köpke mitgebracht. Köpke? Wieso denn Köpke? Für Frank Rost? Falls Rene Adler (Rippenbruch) nicht rechtzeitig bis zur WM fit werden sollte? Ein – wie ich finde – sehr interessantes Gedankenspielchen.

Übrigens: In der 44. Minute gab es sie trotz allem wieder, die Pfiffe. Sie kamen, weil der HSV wieder einmal den Ball wandern ließ. Von links nach rechts und zurück. In der Abwehrreihe. Das dauerte einfach zu lange. Und sah hilflos aus. Und ist auch kein probates Mittel, eine sehr eng stehende Abwehr unter Druck zu setzen, denn dadurch, dass der HSV sich so viel Zeit ließ, konnten sich die beiden Viererketten von Fulham in aller Ruhe wieder formieren. Gut aber war, dass die meisten Fans die Pfeifer durch „HSV“-Rufe überdröhnten. Kompliment an die Ecke im Nord-Westen, Ihr wart tatsächlich hervorragend – echter in „Europapokal“-Form.

Überhaupt: Die zweite Halbzeit wurde von Minute zu Minute stimmungsvoller. Der HSV kam. Und hatte auch Chancen. Nichts Zwingendes, aber immerhin so, dass auch mal einer hätte „reinrutschen“ können. Auffällig dabei Piotr Trochowski, der sich zwar drei haarsträubende Abspielfehler erlaubte, ansonsten sich aber von der besten Seite zeigte. Und seine Schüsse hatten es in sich. Zwar kamen nicht alle auf das Tor, aber da saß schon etwas dahinter. Mein Resümee bei „Troche“: Wenn einer geglaubt hätte, dass der Billstedter nicht mit zur WM fahren würde – mit dieser Partie vor den Augen von Löw hat er alle Unklarheiten beseitigt. Pech nur: Trochowski fällt im Rückspiel aus, er sah in der Nachspielzeit seine dritte Gelbe Karte – Sperre.

Auch wenn es kein HSV-Tor mehr gab, die druckvolle Schlussphase war absolut okay. Oder sogar mehr als das. Der Kampfgeist hat mir imponiert. Nur der Abschluss fehlte. Wieder einmal. Vorne war der HSV einfach zu harmlos. Daran konnte auch Petric nichts ändern. Er war natürlich nicht in bester Verfassung, aber es ehrt ihn, dass er dabei war und es versuchte.

Und zur Sturmflaute: Ich will nicht päpstlicher sein als der Papst, aber Ruud van Nistelrooy ist eben noch lange nicht bei 100 Prozent. Glaubt es mir, ich kenne das aus eigener Erfahrung. Ich hatte auch Beinbruch, Knöchelbruch, Bänderrisse. Nach einer langen Pause war ich zwar in den ersten beiden Spielen „voll“ da, aber fiel danach in ein ganz tiefes Loch. Alles ganz normal, wird jeder, der einmal schwer verletzt war, bestätigen und auch wissen. Sicher hat van Nistelrooy seine „Killer“-Qualitäten, auch gewiss noch bessere als Petric, aber der Niederländer hat sie eben im Moment nicht. Weil er körperlich noch viel, viel aufzuholen hat.

23.01 Uhr

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr!

20. April 2010

Fast hätte er sich verpieselt. Mein Kollege Christian Pletz war heute wieder beim Training. Seine Ankunft beschrieb er mir so: „Ich kam etwas zu spät auf dem Parkplatz an und ging in Richtung Trainingsplätze, als mir plötzlich Jerome Boateng entgegen kam, allerdings in Richtung Kabine. Da habe ich gedacht: Oh nein, nicht schon wieder ein Ausfall, dann setzen mich die Matz-abber wegen meines Seuchenvogeldaseins bald in einen Flieger nach Neuseeland – ohne Rückflugticket.“ Glücklicherweise entpuppte sich Boatengs Ausflug gen Kabine um fünf nach zehn als Leibchen-Hol-Aktion, so dass sich auch die Sorgenfalten meines Kollegen in Wohlgefallen auflösen durften und er sich eben nicht verpieselte.

Draußen war es heute mal richtig ungemütlich. Das galt zum einen für die Witterungsbedingungen (fünf bis acht Grad, Nieselregen, kalte Windböen), zum anderen auch für das wirklich beherzte Treiben auf dem Rasen. Mein Kollege schilderte mir, dass er so eine leidenschaftlich und engagiert geführte Einheit seit Monaten nicht gesehen habe. Das macht doch Mut für Donnerstag. Beim Multi-Tor-Spiel, bei dem zwei Mannschaften mit schnellen Ballkontakten auf relativ engem Feld in viele Zweikämpfe und knifflige Situationen geraten, gab es bereits einiges auf die Stöcker. David Jarolim schien heute der Dauerleidtragende zu sein. So oft wie er unsanft zu Boden ging, dürfte er den Greenkeepern wertvolle Tipps zum Zustand des Grüns geben können. Trainer Bruno Labbadia, der ja in den vergangenen Wochen in Sachen Körpersprache auch nicht unbedingt immer die beste Figur abgab, wirkte ebenso konzentriert wie entflammt. Nur Zé Roberto schien sich nicht gänzlich von seinem Trance-Zustand der jüngsten Vergangenheit erholt zu haben – aber noch sind ja zwei Tage!

Einen Spieler soll ich heute besonders hervorheben, weil er im Fortlauf der Einheit – auch beim Abschlussspiel ging es sehr, sehr hart und energisch zu – eine Bewerbung in eigener Sache abgab: Tunay Torun. Vielleicht ist es sogar so, dass dem Nachwuchsmann so intensiv geführte Spiele gelegener kommen als technisch hochklassige der Marke „körperfrei“ oder „zweikampffrei“. Für mich ist Torun nur dann konkurrenzfähig in dieser Mannschaft, wenn er als – entschuldigt den Ausdruck – „Kampfschwein“ ackert und läuft und arbeitet und tut. Heute gab es für ihn auch einen Mini-Rückschlag in Form eines lupenreinen Tunnels von David Jarolim. Torun schickte einen Fluch in den wolkenverhangenen Aschehimmel und legte fortan noch einen Gang zu. Zur eigenen Belohnung schoss er ein Tor und dürfte in Labbadias Planspielen wieder eine Rolle spielen. Anders als Jonathan Pitroipa, der doch sehr unauffällig war, hinterließ Torun nämlich Spuren.

Ich bin wirklich gespannt, wie der Trainer den Angriff am Donnerstag besetzen wird. Wen schickt er neben seinem gesetzten Torjäger Ruud van Nistelrooy ein? Marcus Berg oder Paolo Guerrero? Nimmt man die jüngste Leistung Bergs als Maßstab, dürfte der in der Liga gesperrte Peruaner den Vorzug erhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Labbadia selbst noch nicht genau weiß, welche Maßnahme er ergreifen wird. Ich bin übrigens genauso gespannt, wie die Fans Guerrero empfangen werden. Schließlich wäre es sein erster Heimauftritt nach dem Büchsen- bzw. Trinkflaschenwurf.

Guerrero und seine Kollegen hoffen auf einen Zusammenhalt, untereinander, miteinander, füreinander. Co-Trainer Eddy Sözer formulierte heute sogar einen entsprechenden Appell: „Wir haben alle das gleiche Ziel. Keiner muss sich unterordnen, aber alle sollten sich einordnen!“ So sehe ich das auch. Ungeachtet aller Probleme, Sorgen und Kritikpunkte müssen nun alle an einem Strang ziehen. Klar, denn jetzt geht es ans Eingemachte, da müssen die Streitigkeiten, die internen Scharmützel und Intrigen, die Kinderkabbeleien und mitunter peinlichen Geschehnisse mal für ein paar Tage aus den Gedanken und Gesprächen gestrichen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, müssten sie danach so schnell auch gar nicht wieder hervorgekramt werden. Dafür ist in der Schlussabrechnung dieser Saison noch genügend Zeit. Und warum sollte der HSV nach einem guten Hinspiel gegen Reise-strapazierte Engländer in der neuen „Jägerrolle“ in der Liga nicht auch noch einmal angreifen. Nicht für einen Trainer, nicht für einzelne Spieler, sondern für einen Verein und für treue (und leider ziemlich Frust-geplagte) Fans.

Ich hoffe, dass sich auch die Anhänger am Donnerstag noch einmal „hochfahren“ können, wie Thomas Doll es einst immer so treffend formuliert hat. Ihr werdet selbst merken, wie schwer es ist, die negativen Erinnerungen und Ergebnisse der vergangenen Wochen auszublenden, den Tunnelblick zu aktivieren und dieses eine Europa-League-Spiel so zu behandeln, als wäre es DAS Finale. So und nur so kann Fulham angegangen werden.

Ein Bekannter, der viele Kontakte nach England pflegt, sagte mir, er habe gehört, dass Fulham beim HSV die rechte Abwehrseite als Schwachpunkt erkannt habe und entsprechend darauf ausgerichtet sei. Guy Demels Position also. Wer den Rechtsverteidiger in den vergangenen Partien, nein, eigentlich sogar Monaten genau beobachtet hat, der kann diesen Eindruck wohl bestätigen. Ich weiß gar nicht so richtig, woran es bei Demel liegt. Er bringt körperlich alles mit, konnte auch schon mal flanken (übt dies aber viel zu selten nach den normalen Einheiten für sich), strotzte vor Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit (über seine Seite), aber momentan fällt er nur durch Stellungsfehler, halbherziges Tempo in der Rückwärtsbewegung in entscheidenden Situationen und durch klägliche Angriffsaktionen auf.

Ich denke, dass Labbadia gegen Fulham sogar mit dem Gedanken spielt, Tomas Rincon rechts hinten einzusetzen, auch wenn der Venezolaner mindestens ebenso viele Defizite als Rechtsverteidiger mitbringt, weil das einfach nicht seine angestammte Rolle ist. Dafür ist Rincon bissiger, hartnäckiger in der Zweikampfführung und offenbar auch robuster in Sachen Psyche.

So, das soll es erst einmal mit den Analysen, Deutungen und Prognosen gewesen sein. Ich muss gestehen, dass auch bei mir das Kribbeln eingesetzt hat. Halbfinale (und nicht gegen Werder oder Wolfsburg!) – da kommt Vorfreude gepaart mit Sorgen, Hoffnungen und allerlei Wunschdenken auf. Wem geht es nicht so…?

14:25 Uhr

Im falschen Film

19. April 2010

Sport, Spiel, Spannung – Spaß. Unter diesem Motto stand beim HSV das Training am Montag. Kräfte sammeln war einmal mehr angesagt. Während der Aufwärmphase der Spieler gab es ein Vier-Augen-Gespräch zwischen Bruno Labbadia und Eljero Elia, der zuvor schon leicht mit dem ball trainiert hatte. 20 Minuten dauerte die Trainer-Spieler-Unterhaltung. Als dabei die Mannschaft ihre Runden drehten, rief ein aufgeregter Fan den Profis zu: „Schickt den Labbadia in die Wüste . . .“ Bastian Reinhardt hörte es und entgegnete: „Ruhig da.“ Und dann legte der Abwehrspieler seinen Zeigefinger auf die Lippen. Ruhe ist wohl in der jetzigen Situation der HSV das beste Rezept, um wieder Grund unter die Füße zu bekommen. Es brennt überall. Es brennt so gewaltig, dass es schon Wahnsinn ist. Diese Brände können in meinen Augen ur gelöscht oder eingedämmt werden, wenn es wieder Siege gibt. Ein Erfolg am Donnerstag über den FC Fulham wäre Gold wert und würde auf jeden Fall kurzfristig so manches Defizit übertünchen. Erst einmal jedenfalls.

Gedehnt, gelaufen, gespielt. Fußballtennis stand für 45 Minuten auf dem Programmplan – die Trainer spielten mit. Zum Abschluss der Einheit folgten Torschüsse und Abschlüsse nach Flanken. Wobei Bruno Labbadia sich durch sehr schöne Rechtsflanke für einen Einsatz empfahl (Achtung, nur ein Scherz!). In Sachen Torabschluss konnten Piotr Trochowski, Tunay Torun und Marcus berg besonders gefallen. Jerome Boateng glänzte durch seine Kopfballstärke, lag aber mit seinen Schüssen oft sehr weit daneben – oder, wie „Devildino“ (vielen Dank) es sagte: „Boa hatte eine große Streuung.“

Ruud van Nistelrooy, David Jarolim und Ze Roberto waren nicht auf dem Trainingsplatz, sie trainierten im Kraftraum. Mladen Petric, der mit dem Auto (alles Asche) nach München fuhr, holt sich bei Bayern-Doc Müller-Wohlfahrt eine Spritzenkur für die lädierten Adduktoren ab, und Marcell Jansen ließ in Hamburg Aufnahmen vom Heilungsprozess des Syndesmoseband-Risses machen, um sie zur Analyse nach München zu schicken. So geht es derzeit zu im Lazarett des HSV. Es gibt allerdings auch etwas Erfreuliches: Jonathan Pitroipa war im Training (etwas verspätet) dabei und scheint für das Fulham-Spiel fit zu werden. Er schien auf jeden Fall keine Schmerzen mehr zu verspüren.

Training ist ein Ding, ein anderes ist das fußballerische Chaos, das derzeit herrscht beim HSV. Man könnte denken, dass man im falschen Film ist. Kinoreif, dieser HSV. Da passt fußballerisch nur in geschätzt jedem vierten oder fünften Spiel noch etwas zusammen, aber es wird ein Fass aufgemacht, weil einige Spieler (nur einige?) ein Kino besucht haben. Vor der Saison hatte Bruno Labbadia explizit zum Thema Nachtruhe im Trainingslager oder im Hotel vor dem Spiel gesagt, dass er das nicht kontrollieren würde, denn dazu seien die Spieler alt genug und erfahren genug. Und: Sie müssten selbst wissen, was sie sich zumuten wollen und was sie verantworten können. Zudem haben auch HSV-Profis (jetzt) bestätigt, dass es keine Pflicht (für einen jeden Spieler) ist, sich bei einem Gang vor das Hotel abzumelden. Wozu dann eigentlich dieser Aufstand? Weil es besser gewesen wäre, mit der gesamten Mannschaft zu gehen? Wenn das das Thema wäre, dann kann ich nur sagen: ganz, ganz bitter. Wer hätte dann auf eine solche Idee kommen können, kommen sollen? Frank Rost?

Es ist mir echt zu albern, darüber zu philosophieren. Ihr erinnert Euch an den „Fall Lotto“, zu dem ich hier schon geschrieben habe, dass der HSV eigentlich ganz andere Sorgen haben müsste (und damit auch die Fans des HSV), als sich über ein „es kotzt mich an“ aufzuregen. Genauso verhält es sich mit diesem Kino-Besuch. Lächerlich. Wenn es um Alkohol-Exzesse gegangen wäre, okay, darüber könnte man sich aufregen, aber Kino? Und dann auch noch, wenn Frank Rost mit von der Partie ist? Unglaublich. Wenn einer auf die nötige Disziplin (vor einem Spiel, aber auch sonst) achtet, dann ist es wohl doch Rost, oder?
Aber dieses Kino-Theater passt natürlich auch so wunderbar in die Szenerie. Lenkt es doch von der Hauptsache ab: Fußball. Von jener Sportart, die der HSV im Sommer 2009 noch so wundervoll beherrschte, die er jetzt aber verlernt zu haben scheint. Ich saß heute mit einigen Hamburger Fußball-Größen (überwiegend aus dem Amateurbereich) zusammen, hoffentlich darf ich dabei die Namen Eugen Igel, Horst Kracht, Bernd Kleingarn, Holger Zippel, Bert Ehm, Ingo Heindorf und Jürgen Wähling nennen, die alle über eine riesige Erfahrung verfügen. Die meisten sind auch HSV-Fans, und sie sind total entsetzt darüber, dass der HSV 2010 ein so katastrophales fußballerisches Bild abgibt.

Was mir dabei immer noch nicht in den Kopf will, ist dieses umständliche, zögerliche, stümperhafte und konzeptlose „Aufbauspiel“. Das wird nun Woche für Woche immer und immer wieder geübt, und dann kommt nur ein planloses, hilfloses Ballgeschiebe vor dem eigenen Strafraum dabei heraus. Es ist für mich unerträglich. Mein rat an die Verantwortlichen: Bitte nicht mehr üben oder einstudieren lassen, sondern ansehen. Setzt Euch vor dem Bildschirm, lasst parallel Euer Gestümper laufen – und zeigt nebenan einen x-beliebigen englischen Erst- oder Zweitliga-Verein, wie der rasant und ohne Zeitverlust seinen Angriff vorträgt. Vom Bildschirm könnten, das ist meine Meinung, viel, viel mehr lernen, als diese elenden und nichts bringenden Trockenübungen im Volkspark. Wenn ich nur daran denke, überkommt mich wieder das Grauen.

Aber: Wo will man da anfangen, wo will man da aufhören? Dieser nicht vorhandene Spielaufbau ist ja nur eine von so vielen Baustellen des HSV 2010. Es fehlt offenbar auch am Selbstvertrauen, denn viele Spieler wirken verunsichert. Oft scheint es so, als wollten sie gar nicht erst an den Ball kommen. Und Verantwortung? Sollten doch besser zuerst einmal die Nebenleute übernehmen.

Über den FC Fulham könnte eine fußballerische Trendwende eingeläutet werden – aber dazu müsste der HSV schon mit einem Heimsieg aufwarten. Nur so gewinnt man Selbstbewusstsein zurück. Was mir Hoffnung macht? In Europa hui, in der Liga pfui.

20.37 Uhr

Nächste Einträge »