0:1 gegen Freiburg – es geht weiter bergab!
6. April 2013
Das war es wohl mit einem internationalen Starplatz für den HSV – und wer weiß, wofür das gut ist. Vor 53 021 Zuschauern gab es gegen den SC Freiburg eine weitere Heimniederlage, wie schon gegen den FC Augsburg hieß es nach 90 Minuten 0:1. Es ist, da führt kein Weg dran vorbei, im Moment kein Staat mit dem HSV zu machen, die Spieler strotzen eben nicht vor Selbstvertrauen – es läuft nicht mehr viel zusammen. Zum Glück, das darf man vielleicht mal erwähnen, hat dieser HSV schon 38 Punkte, sodass der Abstiegskampf kein Thema mehr wird, aber die 50. Bundesliga-Saison wird wohl nur im Mittelmaß enden. Und damit werden die Sorgen des Clubs und der verantwortlichen ganz gewiss nicht kleiner, eher dürfte das Gegenteil der Fall sein. Der HSV geht in dieser Verfassung noch einigen schweren Tagen entgegen, bevor es in die Sommerpause geht. Vielversprechend sieht das nicht mehr aus, nachdem es vor einigen Wochen noch ganz brauchbar ausgesehen hatte. Die Mannschaft wurde mit Pfiffen verabschiedet.
Quo vadis, HSV?
Gewollt haben sie. Es war ihnen jedenfalls anzumerken. Sie rannte, sie kämpften, sie gaben Gas. Aber ein 2:9 von der Vorwoche schüttelt man eben auch nicht so einfach aus seinen Klamotten. Das spielt mit, das macht sich bei jedem Fehlpass bemerkbar, bei jedem Ding, was in die Hose geht. War ein Fußballfeuerwerk vom HSV erwartet hatte, der war auf jeden Fall falsch gewickelt. Und trotz allem muss anerkannt werden, dass der Wille von Beginn an da war. Und das fast jeder Hamburger auch gewillt war, sich körperlich einzusetzen, einfach mal dagegen zu halten – und sich nicht so mir nichts dir nichts, wie in München, umpusten zu lassen.
Und mit dem SC Freiburg kam natürlich auch ein denkbar schlechter Partner zur Aufbauhilfe nach Hamburg, wie die „Streicher“ höchst unbequem zur Sache gehen, sich 90 Minuten lang die Lunge aus dem Hals rennen. Und nebenbei können die Freiburger auch noch gut Fußball spielen, sie würden sonst wohl kaum vor dem HSV platziert sein. Nichts kommt von nichts. Und in der siebten Minute hatten die Freiburger schon mal locker in Führung gehen können – fast sogar müssen. Erst köpfte Rosenthal an die Querlatte, Rene Adler war noch dran, dann schoss Ginter den Nachschuss an den Pfosten, bevor sich Adler der Kugel bemächtigen konnte. Eine heiße Szene, die glücklich für den HSV ausging.
Auch die nächste gefährliche Situation hatten die Freiburger auf dem Fuß: Tolgay Arslan, der auf der Sechs nur sehr mäßig ins Spiel fand (dann aber durchaus auch gute Szenen hatte), hüpfte wie ein Jugendspieler unter einem Ball durch (Timing!), Rosenthal ging mit dem Ball auf und davon, an Michael Mancienne vorbei – aber Adler nahm dem ehemaligen Hannoveraner gerade noch den Ball vom Fuß (16.). Noch einmal Glück. Aber ein Torwart gehört ja auch dazu – und darf so etwas ja machen . . .
Symptomatisch für die derzeitige HSV-Atmosphäre: In der 20. Minute spielte Heiko Westermann, der bis dahin alles richtig gemacht hatte, seinen ersten Fehlpass. Zugegeben, es war ein haarsträubender Fehlpass (auf Mancienne), aber dass dann sofort einige Pfiffe kommen – ich verstehe es nicht. Aber das gehört wohl heutzutage zum guten Ton (eines Fans!). Auf jeden Fall stärken solche Pfiffe nicht, sondern sie verunsichern. Was Westermann danach sehr wohl anzumerken war, denn der Kapitän spielte danach noch eine Reihe von Fehlpässen. Schade, schade. Aber die Beziehung zwischen Mannschaft und Anhang ist zurzeit eben sehr fragil.
Die größte Tormöglichkeit für den HSV in Halbzeit eins hatte Heung Min Son, der herrlich von Arslan freigespielt worden war. Der Südkoreaner lief ein paar Schritte mit dem Ball, zog dann mit links ab – aber das kann er besser. Krmas und Baumann, die beiden Freiburger, retteten im Verbund – und mit viel Glück. Da war weit mehr drin gewesen für den HSV, als der anschließende Eckstoß (20.).
Wenn etwas nach vorne ging, dann war Son daran beteiligt. So holte er sich zwei Minuten später einen schier aussichtslosen Ball, zog von rechts in die Mitte – und zog mit links ab, aber genau auf Torwart Baumann, der mühelos hielt. Sekunden später pfiffen die HSV-Fans mal gegen den Schiedsrichter, denn nach einem Freistoß von Rafael van der Vaart zog der Freiburger Krmas Heiko Westermann zu Boden. Der HSV-Abwehrspieler reklamierte Elfmeter für sich, und in der Zeitlupe, die uns auf der Tribüne zur Verfügung steht, sah es tatsächlich nach Strafstoß aus. Dr. Felix Brych aus München aber ermahnte Westermann, nicht zu reklamieren. Vielleicht denkt der Unparteiische ja etwas anderes, wenn er die Szene heute Nacht im Fernsehen sehen wird. Nur dann hätte, wenn der Schiedsrichter dann anders denken würde, der HSV nichts mehr davon.
Und wenn ich gerade mal beim 23. Mann bin: Dr. Brych pfiff, so etwas habe ich seit Jahr und Tag nicht mehr erlebt, zwei falsche Einwürfe in Folge ab. Erst war Dennis Diekmeier „falsch“, dann der Freiburger. Dabei kann man heute doch gar nicht mehr falsch werfen, es wird doch geworfen wie jeder es will . . . Nun gut, Dr. Brych wollte es nicht. Nicht so jedenfalls. Ob er das auch in der Champions League als „falsch“ pfeifen würde? Mit Sicherheit nicht.
Der HSV gestaltete den zweiten Teil der ersten Halbzeit – in meinen Augen – etwas überlegen. Ein klein wenig jedenfalls. Was mich überraschte: Westermann marschierte auch aus dem Spielverlauf immer wieder mit nach vorne. Das habe ich sonst nur bei Standards gesehen, aber es war diesmal eine durchaus gute und auch belebende Variante. Mehr davon. Obwohl es nichts gebracht hat. Nichts Zählbares. Und von der 40. Minute an gab es dann auch vereinzelte Pfiffe gegen den doch insgesamt harmlosen HSV. Beim Halbzeitpfiff steigerten sich diese Pfiffe noch zu einem kleinen Konzert. Wobei diese Pfiffe aus allen Richtungen kamen . . .
Auch der zweite Durchgang begann mit Chancen. Rosenthal stand vier Minuten nach dem Wiederanpfiff frei vor Rene Adler, traf aber aus sechs Metern nur das Außennetz. Glück für den HSV! Auf der Gegenseite nur drei Minuten später ein großartiger HSV-Angriff! Endlich einmal! Artjoms Rudnevs per Hacke rechts aus Per Ciljan Skjelbred, der Norweger super in den Lauf von Son – das musste das 1:0 sein. Der Südkoreaner aber drosch die Kugel aus sieben Metern knapp vorbei. Unfassbar, aber wahr.
Unter diesem Motto lief dann auch die erste Auswechslung des HSV: Gojko Kacar kam für Skjelbred. War der Norweger verletzt? Er machte mir nicht den Eindruck. Warum nicht Petr Jiracek? Ich weiß es nicht, an Stelle des Tschechen würde ich mich fragen, was ich noch machen soll, um in eine solche schwache und verunsicherte Mannschaft doch noch einmal hinein zu kommen. Ganz bitter für Jiracek, wirklich ganz bitter. Und Kacar hatte einen „großartigen“ Einstand. Obwohl er keine Schuld am 0:1 trug. Freiburg kam über rechts, Kruse, der ehemalige Hamburger, zu Mujdza, der flach zur Mitte, und dort wirkten die HSV-Defensivkünstler in diesem Moment leider etwas unsortiert. Schmid stand ganz allein vor Adler und ließ dem Schlussmann aus sechs Metern keine Abwehrmöglichkeit (69.). Ganz, ganz bitter. Wieso konnte der Torschütze so frei stehen? Wieso?
Thorsten Fink brachte in dieser Minute Milan Badelj für Arslan, aber auch das bewirkte nicht den Umschwung. Die letzte Möglichkeit für den HSV vergab Rafael van der Vaart mit einem Schlenzer in der Nachspielzeit – Ende. Trostlos.
Quo vadis, HSV?
Die Einzelkritik:
Rene Adler war wenig beschäftigt, hielt das, was er halten konnte, am 0:1 völlig schuldlos.
Dennis Diekmeier engagiert, das ist ihm nicht abzusprechen, aber er müsste im Vorwärtsgang dynamischer und mutiger werden, er bricht zu oft noch ab – und spielt dann nur zurück.
Michael Mancienne verrichtete seine Defnensivarbeit solide, was aufregte, das waren seine vielen, vielen Rückpässe. Aber das war vielleicht auch mangelnde Spielpraxis.
Heiko Westermann ist immer einer, der will, der beißt – auch wenn das nicht jeder HSV-Anhänger sieht (oder anerkennt). Natürlich gab es wieder einige Fehlpässe, aber der Mann haut sich rein und will nur das Beste für seine Mannschaft. Note drei für den Kapitän.
Marcell Jansen spielte gut, begann sehr gut, ließ dann etwas nach, ohne abzufallen. Das war okay.
Tolgay Arslan leistete sich zu beginn einige „dicker Dinger“, fand dann in die Partie, ohne allerdings dominant zu sein (oder zu werden). Ihm war die Verunsicherung der vergangenen Wochen anzumerken. Spielet nur bis zur 69. Minute.
Per Ciljan Skjelbred wirkte auf mich unternehmungslustig, wollte viel, nicht alles gelang – aber er war für mich einer derjenigen, die etwas versuchen wollten. Durfte das nur bis zur 67. Minute.
Dennis Aogo war wieder überall zu finden, hatte aber nicht immer Glück mit seinem Abspiel und seinen Aktionen. Er kann es deutlich besser.
Rafael van der Vaart wollte, aber er konnte über 90 Minuten gesehen nicht immer (wie er wollte). Dennoch würde ich ihm eine Leistungssteigerung attestieren – Note drei.
Heung Min Son hätte den HSV nach vorne schießen können, fast sogar müssen, aber diesmal kam wieder der Jugendspieler in ihm zum Vorschein.
Artjoms Rudnevs war bemüht, fand aber nicht statt. Oder nicht so oft.
Gojko Kacar (ab 67. Min. für Skjelbred) durfte mal wieder ran, bewirken konnte er nichts mehr.
Milan Badelj (ab 69. Min. für Arslan) konnte keinerlei Impulse mehr geben, er scheint ein wenig (mehr9 von der Rolle zu sein.
Slobodan Rajkovic (ab 88. Min. für Aogo) sollte vorne etwas reißen, so wie der St.-Pauli-Keeper Tschauner kürzlich – wurde nichts
So, und dann noch ein Hinweis in eigener Sache: Gleich wollen wir, trotz der Niederlage, wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung sein, unsere Gäste sind heute Ernst-Otto Rieckhoff (ehemaliger Aufsichtsrats-Chef) und Carsten Kober, „Master of Grätsche“ und früherer HSV-Bundesliga-Profi.
20.30 Uhr