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Zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben – nur 1:1

26. März 2014

Der HSV steht immer noch auf dem Relegationsplatz, weil er zwei Tore (!) besser ist als der VfB Stuttgart, aber kein Frage, es bleibt dramatisch, es wird wohl noch dramatischer. Vor 44 629 Zuschauern an diesem Mittwoch im Volkspark konnte der ebenfalls stark abstiegsgefährdete Abstiegskandidat SC Freiburg nicht besiegt werden, es stand nach 90 Minuten ein 1:1 zu Buche. Dieser 27. Spieltag stand wahrlich unter einem ganz schlechten Stern für den Bundesliga-Dino, der beim Abpfiff genau seit 50 Jahren, 214 Tagen, vier Stunden, 49 Minuten und 44 Sekunden in der Ersten Liga spielt, denn die Konkurrenz siegt sich stark und langsam nach oben. Für den HSV gilt weiterhin das Prinzip Hoffnung, am Sonntag, erst nachdem viele der Clubs von unten bereits vorgelegt haben, geht es in Mönchengladbach wieder um alles. Das nächste Abstiegs-Endspiel. Daumen drücken, jetzt hilft nur noch hoffen.

Vor dem Spiel wieder viel Rauch. Im Nord-Westen. Diesmal aber kein Pyro-Theater, sondern hunderte Wunderkerzen. Sah wunderschön aus, sorgte auch für Qualm, aber das ist wohl erlaubt – hoffe ich jedenfalls. Das war schon mal eine gute Einstimmung auf einen netten und aus Hamburger Sicht erfolgreichen Fußball-Abend. Und auch auf dem Rasen sprang der Funke sofort über. Der HSV brannte. Fast sogar ein kleines Feuerwerk ab. Dank Pierre-Michel Lasogga war Leben in der Bude, kam der HSV auch zu guten Chancen, aber die Präzision fehlte. Oder Freiburgs Torwart Baumann stand im Wege. Im Hinspiel hatte der SCF-Keeper dem HSV noch drei wundervolle Geschenke gemacht, darauf verzichtete er diesmal. In der zehnten Minute reagierte der Torwart prächtig und lenkte einen 22-Meter-Freistoß von Lasogga zur Ecke. Super geschossen, leider auch super gehalten.

HSV-Trainer Mirko Slomka hatte für dieses Abstiegs-Endspiel eine neue Taktik gewählt, es ging mit zwei Spitzen zur Sache: Jacques Zoua und Lasogga. Beide waren viel unterwegs und sorgten dafür, dass der HSV feldüberlegen spielte. Freiburg blieb in Halbzeit eins total blass, die Mannschaft aus dem Breisgau war noch etwas harmloser und schwächer, als vor eineinhalb Wochen der 1. FC Nürnberg. Aber wahrscheinlich lähmt der Abstiegskampf doch viel, viel mehr, als die meisten es denken, denn eigentlich sind die Freiburger, die zuletzt sieben Tore in zwei siegreichen Begegnungen erzielt hatten, bestimmt viel besser, als sie es an diesem Abend gezeigt haben. In Bestform aber – immerhin – präsentierte sich SCF-Trainer Streich, der wie ein Stehaufmännchen an der Seitenlinie auf und ab sprang und marschierte, dabei meistens wild mit den Armen rudernd. Ob das seine Mannschaft braucht? Ich habe meine Zweifel, vielmehr denke ich, dass er selbst es braucht. Sonst würde er wohl explodieren . . . Der Mann ist die personifizierte Nervosität.

In der 36. Minute schien das Führungstor des HSV unvermeidlich, die meisten Fans hatten schon den Torschrei auf den Lippen: Freistoß von halbrechts, den Rafael van der Vaart mustergültig zur Mitte gab, Lasogga kam aus fünf Metern zum Kopfball, zirkelte die Kugel aber um Zentimeter daneben. Pech. Lasogga, immer wieder Lasogga. Der Mann ist ja soooo wichtig für den HSV. Das zeigte er auch in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit: Zoua legte den Ball großartig in den Lauf von Lasogga, der schoss aus zehn Metern auch wuchtig auf das Tor der Freiburger, doch Baumann stand goldrichtig. Halbzeit.

Und in dieser gab es durchaus einige bedröppelte Gesichter im HSV-Lager, denn die Zwischenstände von den anderen Stadien verhießen nichts Gutes: Frankfurt führte 1:0 gegen Mönchengladbach, und Nürnberg führte 1:0 gegen Stuttgart. Wahnsinn. Und irgendwie musste ich dabei an Tolgay Arslan denken, der in dieser Woche ja gesagt hatte: „Irgendwie haben wir mehr Pech als die anderen Vereine . . .“

Das schien sich im zweiten Durchgang zu bewahrheiten, denn plötzlich – wie aus dem Nichts – führte Freiburg. Nach einem Einwurf! Unfassbar. Die HSV-Defensive total unsortiert, sodass Klaus völlig frei aus sieben Metern zunächst an den Pfosten schießen durfte, und im Nachschuss war dann Darida zur Stelle, der den Ball mit links flach ins Netz hämmerte. Ein Wort zu Klaus. Ja, Felix Klaus, der Sohn des früheren HSV-Profis Fred Klaus stürmt für Freiburg.

Zum Glück für den HSV aber hielt die 1:0-Führung der Breisgauer nicht zu lange. Genau genommen nur fünf Minuten. Zoua, der Sekunden zuvor nach einem Van-der-Vaart-Eckstoß noch aus fünf Metern daneben geköpft hatte, legte den Ball am SCF-Strafraum gut auf van der Vaart ab, der Niederländer schoss auch aus 20 Metern – abgeblockt. Und diesmal hatte die Dame Fortuna dann doch ein Einsehen: Die Kugel prallte Pierre-Michel Lasogga vor die Füße, und der zog mit links ab und hatte dabei auch das Glück, dass dieser Schuss abgefälscht war – Tor! Welch ein ohrenbetäubender Jubel, welch eine Erlösung! Und der Beginn einer langen Schluss-Offensive des HSV, angefeuert und nach vorn getrieben von einem hervorragenden Publikum, federführend dabei – natürlich – die Fans aus dem Norden und Nord-Westen. Hervorragend! Erstligareif! So muss es ja auch sein, diese Mannschaft benötigt genau diese Unterstützung – Ihr seid der 12. Mann des HSV! Dringender benötigt denn je.

Trotz des unaufhörlichen Anrennens, es blieb beim 1:1. Zum Schluss schien dem HSV auch ein wenig die Kraft zu fehlen. Dieses Unentschieden ist zu wenig zum Leben, aber auch noch zu wenig zum Sterben – sprich Abstieg. Es bleibt verdammt eng. Und es wird auch immer enger, darüber müssen sich alle, wirklich alle im Klaren sein.

Die Einzelkritik kommt heute von „Scholle“:

Adler: Er wurde im Spiel nicht ein einziges Mal wirklich gefordert – und trotzdem stand’s plötzlich 0:1. Und das, ohne, dass er irgendwas machen konnte. Bitter für ihn. Dafür parierte er in der 83. einen gefährlichen Schmid-Schuss – Note 3.

Diekmeier: Gegen Nürnberg war das sicherlich deutlich effektiver. Aber der Trend beim Rechtsverteidiger ist nicht verkehrt. Immer wieder im Volltempo über die Außen kommen, flanken – alles ausbaufähig.

Mancienne: Er ist der perfekte Vorstopper. Er versucht immer vor dem Gegner am Ball zu sein und schafft das in aller Regel auch. Inzwischen wird der Engländer auch nach vorn mutiger. Auch wenn er das Kopfballduell vor dem 0:1 verlor war das ansonsten gut. Nein, das war sogar richtig gut!

Djourou: Er verlor kaum einen Zweikampf. Allein wenn er zum Aufbauspiel gezwungen wird, leidet seine Leistung. Und den einen oder anderen Bock (85.) muss man immer einkalkulieren. Insgesamt erfüllte er seinen Job dennoch gut.

Westermann: Er macht das, was er kann gut. Und er versucht, seine Position auch offensiv auszubauen. Mitunter sieht das tatsächlich seltsam unbeholfen aus – aber zwischendurch funktioniert’s sogar.

Badelj: Egal, ob er wieder einen Bock dabei hat oder nicht – ohne ihn würde das HSV-Mittelfeld überhaupt nicht funktionieren. Er ist der Mann, der sich nie versteckt. Auch wenn ihm noch immer die Idee nach vorn fehlt, heute war er der wertvollste Mann des HSV auf dem Platz. Dass er sich selbst wegen eines dummen Fehlpasses zum taktischen Foul und somit zur fünften Gelben (dadurch fehlt er Sonntag in Gladbach) zwang – umso bitterer.

Arslan: Wie immer bemüht – am Ball, in den Zweikämpfen und den Nickligkeiten. Er wehrt sich, obgleich von ihm offensiv noch deutlich mehr kommen muss.

Jiracek (bis 62.): Er ackert immer .- aber er läuft auch völlig wild durch die Gegend. Sich auf einer Seite mit ihm zu arrangieren ist schwer. Und dann noch eines, was mich schwer nervt: Er muss endlich diese unfassbar plumpen Foulspiele unterlassen.

Tesche (ab 62.): Kam gut rein und hatte ein paar gute Szenen defensiv wie offensiv. Okay.

Van der Vaart: Er bewegt sich viel – aber zu oft im gleichbleibenden Tempo und mit zu viel Alibi-Zweikämpfen. Defensiv arbeitete er null (soll er wohl auch nicht), offensiv war er bei Standard am gefährlichsten, ansonsten weitgehend unbeteiligt. Seine Rückkehr zum Führungsspieler war das heute noch nicht. Aber vielleicht hat er sich das für Gladbach aufbewahrt. Zumal, da war doch mal was…

Zoua: Er brauchte 20 Minuten bis zum ersten echten Ballkontakt, aber danach kam er langsam ins Spiel. Bei ihm weiß man, was man nie bekommen wird – aber er macht das, was er kann: Bälle verlängern, festmachen und ablegen. Und dafür hat dieser Kader keinen besseren parat.

Lasogga: Wie er gefehlt hat!! Mit ihm wurde es endlich wieder gefährlich. Sogar NUR mit ihm. Folgerichtig traf er zum 12. Mal und wahrte die kleine Hoffnung auf den direkten Klassenerhalt. Er ist offensiv existenziell für diesen HSV.

Und dann zum Schluss noch ein Hinweis: Es gibt heute kein „Matz ab live“, da diese Sendung dann doch zu spät gekommen wäre. Am Sonntag, nach dem Spiel in Mönchengladbach, sind wir dann wieder voll dabei. Versprochen.

22.02 Uhr

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