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Van Marwijk: “Ich bin mir sicher, dass wir die Mannschaft besser machen”

26. September 2013

Die Hand geben wollte er nicht. Allerdings nicht, weil er unhöflich ist, sondern weil er seit einigen Tagen an einem „Tennisarm“ leidet. „Tut schon richtig weh und dauert leider“, so der Niederländer, der seine Mannschaft heute im Stadion unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte trainieren lassen. Taktiktraining stand an. Und einige Vier-Augen-Gespräche. Viel Zeit hat der neue HSV-Trainer nicht bis zu seinem ersten Pflichtspiel am Sonnabend in Frankfurt. Allerdings nahm er sich die Zeit, uns für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung zu stehen. Das Interview:

Matz ab (MA): Herr van Marwijk, kennen Sie Ihre Mannschaft schon?

Bert van Marwijk (BvM): Natürlich. Aber eben auch nicht. Ich weiß, wie sie spielen, kenne sie auf dem Platz. Aber richtig kennenlernen werde ich sie erst in den nächsten Tagen und Wochen. In Gesprächen und mit jedem Tag der Zusammenarbeit. Ich bin in der Zwickmühle: Ich muss alle kennenlernen, alle müssen mich kennenlernen. Ich muss darauf aufpassen, dass ich nicht versuche, alles, was ich erzählen will, in ein zwei Tagen zu schaffen. Und ich muss aufpassen, dass die Spieler nicht zu viel beweisen wollen. Genau dazwischen bin ich. Und trotzdem wissen wir, wir haben ein wichtiges Spiel, eigentlich keine Vorbereitung – aber wir müssen trotzdem das Spiel machen. Das ist nicht einfach.

MA: Wie sind Ihre ersten Eindrücke von der Mannschaft?
BvM: Gut. Gestern war Auslaufen, kein richtiges Training. Aber ich habe die Reservisten besser kennengelernt. Und heute haben wir im Stadion geschlossen taktisch trainiert. Das sagt nichts über Samstag aus – aber das war gut. Die Spieler haben verstanden, was ich will und das ist ganz wichtig. Es ist keine Garantie, dass wir das Samstag schon sehen.  Ich bin mir aber sicher, dass wir die Mannschaft verbessern. Ich kann nur nicht garantieren, wann das zu sehen ist, obwohl wir alle wollen, dass das schnell geht.

MA: Wollen Sie taktisch und/oder personell viel verändern?
BvM: Viel kann ich nicht verändern. Das würde auch nicht schlau sein.

MA: Das 4-2-3-1-System von Rodolfo Cardoso am Dienstag hatte Ihnen gefallen, obgleich Sie das 4-3-3-System bevorzugen.
BvM: Was bedeuten diese Systeme? 4-1-2-3, 4-2-1-3, 4-3-3 oder 4-2-3-1 – alle lassen sich im Spiel aufeinander umstellen. Alle Systeme ändern sich im Spiel, wenn die Mannschaft sich viel bewegt. Es geht nur um Räume. Kaum eine Mannschaft spielt noch mit statischen Systemen. Ich mag es, wenn die Besetzungen gut sind. Und ich spiele am liebsten das System, das die Qualität der Mannschaft hergibt und lege viel Wert auf viel Bewegung. Ein brasilianischer Trainer hat mal gesagt, das System der Zukunft ist 4-6-System, also mit sechs Mittelfeldspielern. Ich glaube, es wird viele Systemwechsel durch den Spielverlauf geben. Und darin liegt die Zukunft.

MA: Also weg vom Stoßstürmer und hin zu spielerischen Lösung auf der Neun?
BvM: Das geht auch nur, wenn das Spielermaterial dazu passt. Keiner darf das machen müssen, was er nicht kann. Aber grundsätzlich, für die Zukunft, da stimmt das. Barcelona spielt mit Messi im Sturm und der läuft überall rum. Die Spieler sind heute auf dem Platz variabler und mehr in Bewegung als wir früher. Ich war auch ein reiner Außenstürmer. Sowas gibt es heute gar nicht mehr. Heute spielt bei Bayern Linksfuß Robben auf rechts und der Rechtsfuß Ribery auf links. Und es wird sehr viel rochiert – was es fast unmöglich macht, alles zu verteidigen.

MA: Wie steht es mit dem Nervenkostüm der Mannschaft? Spüren Sie noch Verunsicherung?
BvM: Die Verunsicherung hat man gegen Bremen gesehen. Aber gegen Greuther Fürth ist es besser gewesen, gut gewesen. Und wenn man heute das Training sieht, dann ist das eine Mannschaft voller Vertrauen. Aber das ist keine Garantie, denn Samstag ist alles anders. Dann ist wieder Bundesliga, da ist das Stadion voll, da kommt der Druck wieder. Da werden wir sehen, wie tief die Verunsicherung sitzt. Mir ist wichtig, dass die Mannschaft erst einmal taktisch diszipliniert spielt. Das ist die Basis für alles. Ich mag attraktives, offensives Spiel und kreative Spieler – aber ich denke, dass wir mit der Basis beginnen müssen.

MA: Wie viel holländische Fußball-Philosophie wollen Sie auf die Mannschaft übertragen?
BvM: Wir wollen gern ein gutes Positionsspiel. Wir sind aufgewachsen, den Ball haben zu wollen. Ein Beispiel: Früher, jetzt nicht mehr, haben die Belgier immer gedacht, der Gegner hat immer den Ball und sie müssten verteidigen üben. Wir Holländer sind umgekehrt aufgewachsen, wir wollen immer den Ball. Wir trainieren auch immer mit Ball, das hat uns auch stark gemacht. Und das ist auch schon das Wichtigste von der holländischen Fußball-Philosophie.

MA: Passt die Kaderzusammensetzung zu Ihren Vorstellungen?
BvM: Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Aber ich denke, wir haben einige Junge Spieler mit sehr viel Talent. Ich kann aber nicht vorhersehen, ob die das auch in einem vollen Stadion abrufen mit all dem Druck. Ich war heute zufrieden.

MA: Nicht zufrieden waren Sie mit der bisherigen Defensivleistung des HSV. Gibt es dort Änderungen? Beispielsweise an der Viererkette?
BvM (überlegt kurz): Verteidigen hat nicht nur mit der Viererkette zu tun. Als ich Nationaltrainer wurde, haben die Kritiker gesagt, wir hätten bei der WM nichts zu suchen, weil wir nicht verteidigen können. Da habe ich nicht darauf geantwortet sondern nur der Mannschaft gesagt, dass wir als Mannschaft besser defensiv arbeiten müssen. Alle haben ihren Anteil daran, wenn gut verteidigt wird. In Zukunft werden wir mehr Räume verteidigen, nicht einzelnen Spielern hinterherlaufen.  Man muss den Mut finden, vor dem Gegner am Ball zu sein, offensiv zu verteidigen. Dann hat man sogar den Vorteil, beim folgenden Angriff einen Vorsprung zu haben. Mein Schwiegersohn Mark van Bommels hat immer so gespielt. Ich mag das. Bei Ecken und Standards ist das natürlich etwas anderes. Da entscheidet auch der Torwart. Er muss angeben, was er braucht. Aber noch mal zurück zum Mittelfeld, diese Art Verteidigung ist gerade für die Spieler gut, die nicht so gut im Defensivzweikampf sind. Und: So weit sind wir noch nicht. Aber wir arbeiten daran.

MA: Sind Sie trotz Ihrer Erfahrung noch aufgeregt vor Ihrer Premiere mit dem HSV?
BvM: Wenn ich nein sage, lüge ich. Aber es ist nicht so, dass ich schlecht schlafen würde oder nicht mehr weiß, was ich mache.

Haben Sie schon Einzelgespräche geführt?
BvM: Ja, mit fünf, sechs Leuten. Spontan. Ich rufe sie aber nicht nacheinander in mein Büro sondern spreche überall. Heute auch auf dem Platz. Auch mit Rafael van der Vaart.

MA: Welche Rolle haben sie für van der Vaart vorgesehen? Welche Erwartungen haben Sie?
BvM: Ich habe noch keine Erwartungen. Ich kenne ihn als sehr guten Fußballer. Ich mag solche Qualitäten und ich finde, es gibt noch ein paar andere, solche Spielertypen in der Mannschaft.

MA: Ist es ein schwieriger Wechsel vom Weltklasseformat einer niederländischen Nationalmannschaft hin zum Vereinsfußball mit dem HSV?
BvM: Nein, so denke ich nicht. Ich habe auch Feyenoord trainiert. Und Dortmund. Ich kenne das.

MA: Sie wollen einen Psychotest mit Ihren Spielern machen, der 128 persönliche Fragen beinhaltet.
BvM: Ja, aber hängen sie das Thema mal nicht zu hoch. Mein Cotrainer hat damit bei Sittard gute Erfahrungen gemacht. Aber ein Wissenschaftler in Holland hat mal das Thema Fußball und Psycholgie analysiert und kam zu dem Schluss, dass am Ende das Auge des Trainers das Wichtigste ist. Und ich bin auch dieser Meinung. Ich halte nicht zu viel von Psychologie als direkten Einfluss, ich würde nie zwei Spieler in ein Zimmer stecken, nur weil sie sich nicht verstehen und um das zu ändern. Es gab Untersuchungen bei Mannschaften, die sich top verstehen und anderen, bei denen es regelmäßig kracht. Am Ende hat die Mannschaft mehr Erfolg gehabt, wo sich mehr gestritten wurde. Ich habe auch der Mannschaft gesagt, dass sie alle keine Freunde sein müssen. Sie sollen die Qualitäten des anderen respektieren und ihn akzeptieren. Das ist viel wichtiger. Wenn sie merken, dass sie besser werden, wenn sie sich akzeptieren und zusammenarbeiten – dann haben wir Erfolg. Aber noch mal, ich halte es aber nicht für verkehrt, so einen Test zu machen. Es ist doch gut möglich, dass ich einige zusätzliche Schlüsse daraus ziehen kann. Es geht dabei um Details – und das kann ja wichtig sein. Ich bin gespannt.

MA: Sie haben beim HSV nicht zwingend den psychologisch für Sie günstigsten Zeitpunkt getroffen. Trotzdem haben Sie sich sehr schnell für den HSV entscheiden. Warum?
BvM: Das weiß ich nicht. Es war ein Gefühl. Ich kenne auch die Zeit von Seeler und später Kaltz. Gegen Kaltz habe ich mal beim Hitachi-Cup mit Alkmaar gespielt. Ich kenne Horst Hrubesch, Felix Magath, Ernst Happel. Und wenn ich gefragt werde nach guten Vereinen der Bundesliga nenne ich noch immer automatisch den HSV. Der Verein ist attraktiv, da ist der momentane Tabellenstand nicht Hauptkriterium. Ich habe mit vielen Vereinen gesprochen, aber es musste alles passen. Für mich war immer klar, ich wollte nur nach England oder in die Bundesliga. Und da bin ich jetzt – bei einem großen Verein.

Klingt  gut. Und so wenig ein solches Gespräch Aufschlüsse auf das Spiel in Frankfurt zulässt, van Marwijk erfüllt zumindest für den Anfang die Hoffnungen, die man in einen Trainerwechsel setzen konnte. Er stellt sich als erfahrener Trainer als starker Mann vor die Mannschaft, er vermittelt ganz geschickt Lösungswege (offensiver verteidigen, wenn man defensiv zu schwach ist) und er verbreitet Optimismus. Er verbreitet Aufbruchstimmung, obgleich er dabei leiser auftritt als beispielsweise sein Vorgänger Thorsten Fink seinerzeit. Auch deshalb weiß van Marwijk, wie wichtig das extrem schwierige Auswärtsspiel in Frankfurt wird.

Das übrigens sicher ohne Kerem Demirbay, der sich einen Muskelfaserriss im Hüftbereich zugezogen hat und zwei Wochen ausfällt.

 

Bis morgen! Da wird um 12 Uhr trainiert. Nicht geheim…

 

Scholle

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