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1:2 – der HSV bleibt Tabellenschlusslicht!

28. September 2014

Der HSV hat einen neuen Rekord, über den sich niemand freut, außer eventuell einige Damen und Herren in Bochum – den Torlos-Rekord. Noch nie war ein Bundesliga-Verein so lange ohne eigenes Tor, wie der HSV. Das aber ist nur eine Randnotiz, denn der HSV verlor auch sein Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt mit 1:2 und bleibt weiterhin das Schlusslicht der Bundesliga. Dramatisch! Dabei wäre durchaus mehr möglich gewesen, besonders in der zweiten Halbzeit spielte der HSV gut und mutig und schnell nach vorne, hatte einige Möglichkeiten, aber oft kam der letzte Pass nicht an – oder das Pech verhinderte mehr. „Hast du Scheiße am Bein, hast du Scheiße am Bein“, hat zu einer ähnlichen Situation einst der frühere Hamburger und Weltmeister Andreas Brehme gesagt und ging damit in die Geschichte ein. Aber so wird sich jetzt der HSV fühlen, der zur Pause noch ausgepfiffen worden war, der nach dem Schlusspfiff aber durchaus Beifall für eine dann engagierte Leistung erhalten hatte. Die Zuschauer, diesmal waren 47 463 dabei, erkennen es durchaus an, dass sich die Mannschaft bemüht – aber das allein wird nicht reichen, um sich aus der Abstiegszone zu lösen, es wird nicht reichen. Da muss noch viel mehr kommen – und ich glaube auch immer noch, dass da noch mehr kommen wird. Vielleicht nicht gerade am Sonnabend, wenn es in Dortmund gegen die kriselnden Borussen um weitere Bundesliga-Punkte geht, aber dann. Hoffentlich.

 

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Eine Überraschung gab es schon vor dem Anpfiff. Dennis Diekmeier saß nur auf der Bank, für ihn kam Neuzugang Cleber in die Mannschaft, spielte in der Innenverteidigung, dafür ging Heiko Westermann auf die rechte (Diekmeier-)Seite. Ob der Rechtsverteidiger, der in der Woche einige gesundheitliche Probleme hatte, nicht bei 100 Prozent war, oder ob Trainer Joe Zinnbauer eine neue Viererkette haben will – das blieb noch offen. Aber wir werden es alle noch erfahren. Und das Spiel begann dann auch gleich mit einer Schrecksekunde für die HSV-Defensive, denn fast hätte es nach 19 Sekunden schon ein klassisches Missverständnis gegeben. Cleber ging nicht zum Ball, und wenn nicht Jaroslav Drobny so energisch zum Ball gegangen wäre, hätte es gleich 0:1 gestanden. Cleber machte danach aber seinen Fehler wieder wett, indem e den allein auf Drobny zulaufenden Frankfurter Seferovic noch in letzter Sekunde vom Ball trennte – eine Super-Rettungstat (3.).

 

Der HSV wollte, aber er konnte nicht. Frankfurts Taktik war einfach und wirkungsvoll: Zwei Viereketten, und die beiden Spieler davor attackierten den ballführenden Hamburger und verhinderten somit ein gutes Aufbauspiel. So muss man gegen den HSV spielen, dann kommt man zu was. Weil die Mannschaft nicht in der Lage ist, eine solche massive Deckung auszuspielen, beziehungsweise zu überspielen. Sie können es einfach nicht, da unterscheidet sich dieses Hamburger Team nicht die Bohne von den vorhergehenden HSV-Teams. Es ist niemand in der Lage, einen genauen Pass zu spielen, geschweige denn durch ein gelungenes Dribbling Platz zu schaffen. Das ist brav, bieder, ideen- und einfallslos. Armer HSV! Und wenn es einmal Platz gab, schnell in die Spitze zu spielen, dann wurden Pässe geschlagen (Tolgay Arslan), die niemand, auch wirklich niemand erlaufen kann. Das waren Bälle, die nicht nur in die Tiefe gespielt wurden, das waren Reise-Pässe in die Antarktis. Schuhspanner-Pässe, soll heißen, wenig Fuß, noch weniger Gefühl aber viel Schuhspanner im Buffer. Am Rande verzweifelte Joe Zinnbauer . . .

 

Fast hätte der HSV doch noch eher getroffen als die Hessen, aber auch nur fast. Nach einer Müller-Ecke köpfte Cleber aus fünf Metern, aber genau auf Eintracht-Schlussmann Wiedwald – Pech (27.). Das Tor fiel dann aber doch auf der Gegenseite. Heiko Westermann verstolperte vorne rechts (25 Meter vor dem Eintracht-Tor) den Ball und leitete einen Frankfurter Konter ein. Von rechts flankte Chandler, das heißt, er schlug den Ball flach vor das HSV-Tor, dort schlug der Brasilianer Cleber am Ball vorbei, und aus dem Hintergrund kam Seferovic und schob den Ball ein (44.). Mein Gott, der arme Trainer. So viel Unvermögen auf einen Haufen, dabei kann jeder Coach am Rande nur kaputtgehen. Und mich machen diese Patzer einfach nur fassungslos. Was machen diese Herren beruflich?

 

Sekunden vor dem Halbzeitpfiff hätte es trotzdem fast 1:1 gestanden – fast. Lewis Holtby flankte von links, Valon Behrami stieg in der Mitte hoch und köpfte wuchtig auf das Eintracht-Tor – aber um Zentimeter drüber. Halbzeit. Und der zweite Durchgang begann verheißungsvoll für den HSV, der nun auf die Nordkurve zustürmte – oder spielte. Pass von Westermann auf Holtby, der umkurvte Torwart Wiedwald – und schoss mit rechts (seinem schwachen Fuß) ans Außennetz (53.). Immerhin mal eine sehr gute Aktion.

 

Eine ganz andere Aktion wurde danach sichtbar, denn im Norden hingen zwei Plakate, auf den stand zu lesen:
„Ein Verein, der auf Kühnes Mediendruck reagiert, das wäre mit HSV-Plus nicht passiert.“
Das nur am Rande.
Wo der HSV ohne Kühnes Geld stehen würde? Darf sich jeder selbst beantworten.

 

Zurück zum Sport – und das wurde dann erfreulich. Das erste HSV-Tor der Saison 2014/15. Welch eine riesige Erleichterung! Zenterschwere Steine sind nicht nur mir vom Herzen gefallen. Holtby steckte am Eintracht-Strafraum durch zu Nicolai Müller, er allein vor Wiedwald – und tunnelt den Keeper. Wenn dieser Ball nicht drin gewesen wäre, was hätte dann wohl Pierre-Michel Lasogga gemacht. Der wartete auf einen Querpass und hätte mit dem Ball ins Tor laufen können . . . Zum Glück aber war der Ball drin! Aufatmen. Und dieses Tor steigerte die Stimmung im Stadion noch einmal. Es war bombig. Und der HSV drängte auf den Führungstreffer.

 

Der aber fiel nicht. Trotz guter Ansätze. Dafür gab es in der 90. Minute den „Fangschuss“. Petr Jiracek grätschte wie „ein Wilder“ 26 Meter vor dem HSV-Tor, es gab Freistoß. Und den schoss der eingewechselte Piazon genau in den oberen rechten Winkel – unhaltbar. Drobny konnte überhaupt nicht reagieren. Ende, wieder verloren, immer noch Letzter, aber immerhin ein Tor. Wer sich darüber freuen kann, der soll es tun . . .

 

Der HSV mit: Drobny; Westermann, Djourou, Cleber, Ostrzolek; Behrami, Arslan (86. Jiracek); Müller (90. Diekmeier), Holtby (86. Rudnevs), Stieber; Lasogga.

 

Die Einzelkritik:

Jaroslav Drobny blieb fast beschäftigungslos – und musste dennoch einen Treffer schlucken. Das ist Künstlerpech. Er war fehlerlos, spielte immer gut mit.

 

Heiko Westermann auf rechts – ob das sein Ding ist? Hinten gab er sich kaum mal eine Blöße, er eroberte einige Bälle, aber nach vorne wirkte er gelegentlich ein wenig überfordert, er passte dann sehr oft nur zurück. Defensiv aber war das okay, und das ist ja auch was.

 

Johan Djourou blieb ohne große Fehler, aber sein Spiel sah dennoch nicht souverän aus, da schleicht sich hin und wieder mal ein ganz schlampiger Pass ein, der nur von den Mitspielern in höchster Not korrigiert werden kann. Zudem spielt Djourou oft auch einen Mitspieler an, der eigentlich gedeckt ist – und dann wird es eng.

 

Cleber hatte gute Szenen und weniger in seinem Repertoire. Den Klopfer des Tages aber leistete er sich vor dem 0:1, als er am Ball vorbeischlug – bitter. Auch sonst sah sein Spiel nicht gerade souverän oder auch nur solide aus. Da muss noch mehr kommen.

 

Matthias Ostrzolek macht seine Sache immer besser, das muss festgehalten werden. Da ging einiges nach vorne, und hinten war er meistens im Bilde. Das war alles okay.

 

Valon Behrami kämpfte, ackerte, rieb sich in unzähligen Duellen auf, er dirigierte und stellte, er trieb seine Mannschaft auch immer wieder an – da wächst eine Führungspersönlichkeit heran. Gutes Spiel.

 

Tolgay Arslan begann wieder elanvoll, aber dann leistete er sich einige haarsträubende Pässe, die niemand als Pässe erkennen konnte – bitter. Im zweiten Durchgang riss er sich mächtig zusammen, spielte auch keine 80-Meter-Pässe mehr, sondern fing bei acht Metern an. Der erste Weg zur Besserung.

 

Nicolai Müller war lange nicht zu sehen, aber dann taute er auf – und schoss das Tor! Es wird ihm Auftrieb geben, keine Frage, denn bislang hat Hamburg den „wahren Müller“ noch nicht gesehen – aber er kommt noch.

 

Lewis Holtby benötigte diesmal eine länger Anlaufphase, aber dann machte er viele gute Dinge, dann liefen auch viele gute Dinge über ihn. Er ist schon jetzt aus dieser Mannschaft nicht mehr wegzudenken.

 

Zoltan Stieber legte von Beginn an sehr gut und sogar mächtig los, spurtete viel, bediente die Kollegen – das konnte sich sehenlassen. Sein bestes Spiel bislang für den HSV.

 

Pierre-Michel Lasogga wollte sicherlich, er arbeitete unermüdlich, aber er ist vom Glück verlassen. Erstens bekommt er kaum Vorlagen, zweitens trifft er dann auch den Ball nicht, wenn, wie in der 81. Minute, Ostrzolek flankt und der gute Pierre aus sechs Metern einschießen könnte.

 

Petr Jiracek (ab 86. Min. für Holtby) grätschte einmal noch in höchster Not und verhinderte so erst einmal das 1:2 – bis er dann die Blutgrätsche in der 90. Minute ansetzte. Das war höchst übermotiviert, leider, leider, denn so war er letztlich für die Niederlage mitverantwortlich.

 

Artjoms Rudnevs (ab 86. Min. für Arslan) wurde bei seiner Einwechslung gefeiert, konnte sich aber nicht mehr dafür revanchieren (mit einem Tor zum Beispiel).

 

Dennis Diekmeier (90. Min. für Müller) durfte noch mal, aber was sollte er noch bewegen – gerade war das 1:2 gefallen!

 

PS: Gleich sind wir natürlich wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung. „Scholle“ und ich begrüßen wieder zwei Gäste, diesmal ist es unser Kollege Oliver Wurm (bekannt aus dem Doppelpass) und der DFB-Sicherheits-Beauftragte Eberhard „Eddy“ Münch. Wir würden uns freuen, wenn Ihr wieder zahlreich – wie zuletzt immer – zusehen würdet.

 

19.35 Uhr

Van Marwijk: “Ich bin mir sicher, dass wir die Mannschaft besser machen”

26. September 2013

Die Hand geben wollte er nicht. Allerdings nicht, weil er unhöflich ist, sondern weil er seit einigen Tagen an einem „Tennisarm“ leidet. „Tut schon richtig weh und dauert leider“, so der Niederländer, der seine Mannschaft heute im Stadion unter Ausschluss der Öffentlichkeit hatte trainieren lassen. Taktiktraining stand an. Und einige Vier-Augen-Gespräche. Viel Zeit hat der neue HSV-Trainer nicht bis zu seinem ersten Pflichtspiel am Sonnabend in Frankfurt. Allerdings nahm er sich die Zeit, uns für ein ausführliches Gespräch zur Verfügung zu stehen. Das Interview:

Matz ab (MA): Herr van Marwijk, kennen Sie Ihre Mannschaft schon?

Bert van Marwijk (BvM): Natürlich. Aber eben auch nicht. Ich weiß, wie sie spielen, kenne sie auf dem Platz. Aber richtig kennenlernen werde ich sie erst in den nächsten Tagen und Wochen. In Gesprächen und mit jedem Tag der Zusammenarbeit. Ich bin in der Zwickmühle: Ich muss alle kennenlernen, alle müssen mich kennenlernen. Ich muss darauf aufpassen, dass ich nicht versuche, alles, was ich erzählen will, in ein zwei Tagen zu schaffen. Und ich muss aufpassen, dass die Spieler nicht zu viel beweisen wollen. Genau dazwischen bin ich. Und trotzdem wissen wir, wir haben ein wichtiges Spiel, eigentlich keine Vorbereitung – aber wir müssen trotzdem das Spiel machen. Das ist nicht einfach.

MA: Wie sind Ihre ersten Eindrücke von der Mannschaft?
BvM: Gut. Gestern war Auslaufen, kein richtiges Training. Aber ich habe die Reservisten besser kennengelernt. Und heute haben wir im Stadion geschlossen taktisch trainiert. Das sagt nichts über Samstag aus – aber das war gut. Die Spieler haben verstanden, was ich will und das ist ganz wichtig. Es ist keine Garantie, dass wir das Samstag schon sehen.  Ich bin mir aber sicher, dass wir die Mannschaft verbessern. Ich kann nur nicht garantieren, wann das zu sehen ist, obwohl wir alle wollen, dass das schnell geht.

MA: Wollen Sie taktisch und/oder personell viel verändern?
BvM: Viel kann ich nicht verändern. Das würde auch nicht schlau sein.

MA: Das 4-2-3-1-System von Rodolfo Cardoso am Dienstag hatte Ihnen gefallen, obgleich Sie das 4-3-3-System bevorzugen.
BvM: Was bedeuten diese Systeme? 4-1-2-3, 4-2-1-3, 4-3-3 oder 4-2-3-1 – alle lassen sich im Spiel aufeinander umstellen. Alle Systeme ändern sich im Spiel, wenn die Mannschaft sich viel bewegt. Es geht nur um Räume. Kaum eine Mannschaft spielt noch mit statischen Systemen. Ich mag es, wenn die Besetzungen gut sind. Und ich spiele am liebsten das System, das die Qualität der Mannschaft hergibt und lege viel Wert auf viel Bewegung. Ein brasilianischer Trainer hat mal gesagt, das System der Zukunft ist 4-6-System, also mit sechs Mittelfeldspielern. Ich glaube, es wird viele Systemwechsel durch den Spielverlauf geben. Und darin liegt die Zukunft.

MA: Also weg vom Stoßstürmer und hin zu spielerischen Lösung auf der Neun?
BvM: Das geht auch nur, wenn das Spielermaterial dazu passt. Keiner darf das machen müssen, was er nicht kann. Aber grundsätzlich, für die Zukunft, da stimmt das. Barcelona spielt mit Messi im Sturm und der läuft überall rum. Die Spieler sind heute auf dem Platz variabler und mehr in Bewegung als wir früher. Ich war auch ein reiner Außenstürmer. Sowas gibt es heute gar nicht mehr. Heute spielt bei Bayern Linksfuß Robben auf rechts und der Rechtsfuß Ribery auf links. Und es wird sehr viel rochiert – was es fast unmöglich macht, alles zu verteidigen.

MA: Wie steht es mit dem Nervenkostüm der Mannschaft? Spüren Sie noch Verunsicherung?
BvM: Die Verunsicherung hat man gegen Bremen gesehen. Aber gegen Greuther Fürth ist es besser gewesen, gut gewesen. Und wenn man heute das Training sieht, dann ist das eine Mannschaft voller Vertrauen. Aber das ist keine Garantie, denn Samstag ist alles anders. Dann ist wieder Bundesliga, da ist das Stadion voll, da kommt der Druck wieder. Da werden wir sehen, wie tief die Verunsicherung sitzt. Mir ist wichtig, dass die Mannschaft erst einmal taktisch diszipliniert spielt. Das ist die Basis für alles. Ich mag attraktives, offensives Spiel und kreative Spieler – aber ich denke, dass wir mit der Basis beginnen müssen.

MA: Wie viel holländische Fußball-Philosophie wollen Sie auf die Mannschaft übertragen?
BvM: Wir wollen gern ein gutes Positionsspiel. Wir sind aufgewachsen, den Ball haben zu wollen. Ein Beispiel: Früher, jetzt nicht mehr, haben die Belgier immer gedacht, der Gegner hat immer den Ball und sie müssten verteidigen üben. Wir Holländer sind umgekehrt aufgewachsen, wir wollen immer den Ball. Wir trainieren auch immer mit Ball, das hat uns auch stark gemacht. Und das ist auch schon das Wichtigste von der holländischen Fußball-Philosophie.

MA: Passt die Kaderzusammensetzung zu Ihren Vorstellungen?
BvM: Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Aber ich denke, wir haben einige Junge Spieler mit sehr viel Talent. Ich kann aber nicht vorhersehen, ob die das auch in einem vollen Stadion abrufen mit all dem Druck. Ich war heute zufrieden.

MA: Nicht zufrieden waren Sie mit der bisherigen Defensivleistung des HSV. Gibt es dort Änderungen? Beispielsweise an der Viererkette?
BvM (überlegt kurz): Verteidigen hat nicht nur mit der Viererkette zu tun. Als ich Nationaltrainer wurde, haben die Kritiker gesagt, wir hätten bei der WM nichts zu suchen, weil wir nicht verteidigen können. Da habe ich nicht darauf geantwortet sondern nur der Mannschaft gesagt, dass wir als Mannschaft besser defensiv arbeiten müssen. Alle haben ihren Anteil daran, wenn gut verteidigt wird. In Zukunft werden wir mehr Räume verteidigen, nicht einzelnen Spielern hinterherlaufen.  Man muss den Mut finden, vor dem Gegner am Ball zu sein, offensiv zu verteidigen. Dann hat man sogar den Vorteil, beim folgenden Angriff einen Vorsprung zu haben. Mein Schwiegersohn Mark van Bommels hat immer so gespielt. Ich mag das. Bei Ecken und Standards ist das natürlich etwas anderes. Da entscheidet auch der Torwart. Er muss angeben, was er braucht. Aber noch mal zurück zum Mittelfeld, diese Art Verteidigung ist gerade für die Spieler gut, die nicht so gut im Defensivzweikampf sind. Und: So weit sind wir noch nicht. Aber wir arbeiten daran.

MA: Sind Sie trotz Ihrer Erfahrung noch aufgeregt vor Ihrer Premiere mit dem HSV?
BvM: Wenn ich nein sage, lüge ich. Aber es ist nicht so, dass ich schlecht schlafen würde oder nicht mehr weiß, was ich mache.

Haben Sie schon Einzelgespräche geführt?
BvM: Ja, mit fünf, sechs Leuten. Spontan. Ich rufe sie aber nicht nacheinander in mein Büro sondern spreche überall. Heute auch auf dem Platz. Auch mit Rafael van der Vaart.

MA: Welche Rolle haben sie für van der Vaart vorgesehen? Welche Erwartungen haben Sie?
BvM: Ich habe noch keine Erwartungen. Ich kenne ihn als sehr guten Fußballer. Ich mag solche Qualitäten und ich finde, es gibt noch ein paar andere, solche Spielertypen in der Mannschaft.

MA: Ist es ein schwieriger Wechsel vom Weltklasseformat einer niederländischen Nationalmannschaft hin zum Vereinsfußball mit dem HSV?
BvM: Nein, so denke ich nicht. Ich habe auch Feyenoord trainiert. Und Dortmund. Ich kenne das.

MA: Sie wollen einen Psychotest mit Ihren Spielern machen, der 128 persönliche Fragen beinhaltet.
BvM: Ja, aber hängen sie das Thema mal nicht zu hoch. Mein Cotrainer hat damit bei Sittard gute Erfahrungen gemacht. Aber ein Wissenschaftler in Holland hat mal das Thema Fußball und Psycholgie analysiert und kam zu dem Schluss, dass am Ende das Auge des Trainers das Wichtigste ist. Und ich bin auch dieser Meinung. Ich halte nicht zu viel von Psychologie als direkten Einfluss, ich würde nie zwei Spieler in ein Zimmer stecken, nur weil sie sich nicht verstehen und um das zu ändern. Es gab Untersuchungen bei Mannschaften, die sich top verstehen und anderen, bei denen es regelmäßig kracht. Am Ende hat die Mannschaft mehr Erfolg gehabt, wo sich mehr gestritten wurde. Ich habe auch der Mannschaft gesagt, dass sie alle keine Freunde sein müssen. Sie sollen die Qualitäten des anderen respektieren und ihn akzeptieren. Das ist viel wichtiger. Wenn sie merken, dass sie besser werden, wenn sie sich akzeptieren und zusammenarbeiten – dann haben wir Erfolg. Aber noch mal, ich halte es aber nicht für verkehrt, so einen Test zu machen. Es ist doch gut möglich, dass ich einige zusätzliche Schlüsse daraus ziehen kann. Es geht dabei um Details – und das kann ja wichtig sein. Ich bin gespannt.

MA: Sie haben beim HSV nicht zwingend den psychologisch für Sie günstigsten Zeitpunkt getroffen. Trotzdem haben Sie sich sehr schnell für den HSV entscheiden. Warum?
BvM: Das weiß ich nicht. Es war ein Gefühl. Ich kenne auch die Zeit von Seeler und später Kaltz. Gegen Kaltz habe ich mal beim Hitachi-Cup mit Alkmaar gespielt. Ich kenne Horst Hrubesch, Felix Magath, Ernst Happel. Und wenn ich gefragt werde nach guten Vereinen der Bundesliga nenne ich noch immer automatisch den HSV. Der Verein ist attraktiv, da ist der momentane Tabellenstand nicht Hauptkriterium. Ich habe mit vielen Vereinen gesprochen, aber es musste alles passen. Für mich war immer klar, ich wollte nur nach England oder in die Bundesliga. Und da bin ich jetzt – bei einem großen Verein.

Klingt  gut. Und so wenig ein solches Gespräch Aufschlüsse auf das Spiel in Frankfurt zulässt, van Marwijk erfüllt zumindest für den Anfang die Hoffnungen, die man in einen Trainerwechsel setzen konnte. Er stellt sich als erfahrener Trainer als starker Mann vor die Mannschaft, er vermittelt ganz geschickt Lösungswege (offensiver verteidigen, wenn man defensiv zu schwach ist) und er verbreitet Optimismus. Er verbreitet Aufbruchstimmung, obgleich er dabei leiser auftritt als beispielsweise sein Vorgänger Thorsten Fink seinerzeit. Auch deshalb weiß van Marwijk, wie wichtig das extrem schwierige Auswärtsspiel in Frankfurt wird.

Das übrigens sicher ohne Kerem Demirbay, der sich einen Muskelfaserriss im Hüftbereich zugezogen hat und zwei Wochen ausfällt.

 

Bis morgen! Da wird um 12 Uhr trainiert. Nicht geheim…

 

Scholle

Van Marwijk: “Die Situation ist schlecht”

25. September 2013

Die gute Phase begann für Oliver Kreuzer schon früher. Seit seinem ersten Treffen mit Bert van Marwijk am vergangenen Mittwoch war er sich sicher, dass er den neuen Trainer gefunden hatte. Ebenso van Marwijk, der sich von einer SMS seines Beraters am vergangenen Sonnabend sogar so in die Irre hatte führen lassen, dass er frühzeitig seinen Wechsel nach Hamburg bekanntgab. „Ich habe um 20 Uhr eine SMS bekommen. Er hat mir geschrieben, dass sich der Aufsichtsrat am Mittag vor dem Spiel gegen Werder Bremen getroffen hatte und alles klar ist. Und wenn alles klar ist, ist alles klar – dachte ich“, so der sichtbar gut aufgelegte Bert van Marwijk heute bei seiner Präsentation. Und während der neue HSV-Cheftrainer die Lacher der gefühlt 1000 Journalisten im seit ewiger Zeit mal wieder prall gefüllten HSV-PK-Raum auf seiner Seite hatte, runzelte Kreuzer die Stirn. Mit einem Lächeln im Gesicht sagte er: „Als ich am Sonntag davon gehört habe, habe ich mir schon Gedanken gemacht. Es war ja noch nichts fix. Irgendwie passte das ja rein“, so der Sportchef anschließend.

Rein in die bisherigen Chaos-Tage beim HSV, meinte Kreuzer. Dabei sollen genau die mit der Verpflichtung des knorrigen, erfahrenen, deutsch sprechenden und Bundesliga kennenden Holländers ad acta gelegt werden. „Er wird hier keine Wunder vollbringen“, warnt Kreuzer vor zu hohen Erwartungen. Der Niederländer selbst jedoch freut sich fast darüber, gleich von Beginn an in Hamburg unter Druck zu stehen. „Ich freue mich über Druck. Druck ist gut für die Motivation.“ Allerdings habe er bei diesem HSV zunächst andere Prioritäten. Sein Assistent Roel Coumans (BvM: „Er ist vielseitig, war ein guter Profi, ein Physio, ein Cotrainer und Videoanalyst“) soll in den nächsten Tagen Psychotests mit den Spielern machen, van Marwijk selbst wolle zunächst alles etwas beobachten, ehe es am Donnerstag in einem Geheimtraining um taktische Finessen geht. Welches System er bevorzugt? „Ich spiele das System, das die Qualität der Mannschaft hervorgibt. Ich präferiere das 4-3-3-System, aber ich fand die Aufstellung gegen Fürth gestern schon sehr gut. Kompliment an den Trainer.“

An Cardoso und Otto Addo, die heute schon wieder die U23 trainieren. „Er hat seine Sache richtig gut gemacht“, lobte auch Kreuzer Cardosos zweite Interimsphase in der der einstige Mittelfeldregisseur endlich seinen ersten Heimsieg einfahren konnte. Gegen Fürth habe Kreuzer vor allem die Aufstellung gefallen. Insbesondere, weil Hakan Calhanoglu dabei war. „Ich habe immer gesagt, dass Hakan den Unterschied machen kann.“ Ob er das zuletzt auch gegenüber Fink gesagt hatte? Kreuzer überlegt kurz, zuckt mit den Achseln und legt lieber in Sachen Komplimente nach: „Hakan hat gezeigt, was er kann – und zugleich, was er nicht ist. Er ist kein klassischer Zehner, eher einer, der über die außen kommt, der mit seinen Szenen Spiele verändert. Wie gegen Fürth. Vor dem Tor, das durch seinen Freistoß fiel, hätte er uns fast schon in Führung gebracht mit einem Freistoß an den Pfosten. Hakan kann extrem wichtig für uns werden. Wenn wir ihn richtig einsetzen.“

Zumal ein Rafael van der Vaart nicht jünger wird. Und nicht lauter. Denn einmal dabei, fuhr Kreuzer direkt Wort, Aufklärung zu betreiben: „Rafael ist ein Spieler, der positiv auffällt, wenn eine Mannschaft gut spielt.“ Worte, die van Marwijk eins zu eins bestätigte. Der Niederländer hatte zuletzt 2010 als damaliger Bondscoach van der Vaart in seiner Mannschaft. Einen Disput von damals haben beide inzwischen beigelegt und van Marwijk und van der Vaart freuen sich aufeinander. „Rafael ist ein Liebhaber“, sagt van Marwijk – und wieder hatte der neue HSV-Trainer die Lacher auf seiner Seite – „des Fußballs“, legte der Coach später nach. „Ich mag solche Spieler. Aber wenn es nicht gut läuft in einer Mannschaft ist es schwer für solche Spieler“ Kreuzer ergänzte: „Er ist eben nicht der, der den Hebel umlegt und vorwegmarschert, wenn es nicht läuft. Bei ihm kommt es darauf an, seine Qualitäten herauszukitzeln. Und dafür ist ein Bert van Marwijk sicher nicht falsch bei uns.“

Hoffentlich.

Wobei van Marwijk bei seinem ersten Auftritt einen wirklich guten Eindruck machte. Er wirkte gefasst, nicht zu euphorisch und dabei immer so, als hätte er sich schon etwas länger mit dem HSV beschäftigt. Und er analysierte die Situation deutlich: „Die Situation ist nicht gut. Sie ist sogar schlecht. Wir sind 16. und haben die meisten Gegentore. Das erste Spiel am Sonnabend wird für uns und für mich ganz wichtig sein. Da gewinnen, nur das ist mein kurzfristiges Ziel. Jetzt von Platz eins bis sechs zu reden geht eh nicht.“ Obgleich auch er den HSV mittelfristig dort oben ansiedelt sieht van Marwijk andere Dinge im Vordergrund: „Es kann nur darum gehen: wir müssen da unten weg. Schnell.“

Weg ist per sofort auch Patrick Rahmen. Der Cotrainer von Thorsten Fink wird nicht übernommen von van Marwijk. Dafür aber der Rest des Trainer- und Betreuerteams, zu dem van Marwijk dem Vernehmen nach auch Andy Möller holen wollte. Ob das stimmt? „Ja, ich kenne Andy“, so van Marwijk, „und ich hätte ihn gern dabei gehabt. Aber der Verein hat mir gesagt, dass das im Moment nicht geht.“ Aus finanziellen Gründen, so eine Erklärung, die van Marwijk wenigstens für die fernere Zukunft noch hoffen lassen. Ebenso wie auf seinen Schwiegersohn Mark van Bommel. Warum er den Ex-Bayern-Profi nicht im Schlepptau hat? „Er will noch ein Jahr nichts machen, dann seinen Trainerschein machen. Vielleicht kommt er ja in ein paar Jahren. Dann ja vielleicht schon mit Andy zusammen…“ Wobei die Wahrscheinlichkeit gen null tendiert, dass es so kommt.

Kommen wird der nächste Gegner. Und das etwas schneller als es van Marwijk recht ist. Der Niederländer hätte gern ein paar mehr Tage Zeit gehabt, um sich an die Mannschaft zu gewöhnen, in sie reinzuhören. Auch in die vier Aussortierten. Gut möglich, dass der eine oder andere Verbannte wieder zur Mannschaft stößt. „Es war Berts ausdrücklicher Wunsch, den wir ihm zugestanden haben“, so Kreuzer, der ein Comeback der Geächteten zuvor kategorisch abgelehnt hatte, sogar gegen den Wunsch von Fink. „Es heißt nicht, dass sie wieder dabei sind“, so Kreuzer, „aber es kann passieren.“

Und so sehr ich mich für die Spieler freue, so sehr wundert mich diese Entscheidung. Immerhin war es auch vorher nicht der Trainer, der die Spieler aussortiert hatte sondern Kreuzer, der aus Prinzip auf die Einhaltung seiner Ansage bestanden hatte. „Ein neuer Trainer hat neue Vorstellungen“, so Kreuzers Erklärung, weshalb er von seinem Prinzip abrückt, „und auf die werden wir eingehen.“ Aha.

Nun denn, gut für Rajkovic, Mancienne, Kacar und Tesche. Wobei ich hier eine Wette halten würde, dass van Marwijk lediglich Rajkovic (sobald er fit ist), den er schon aus dessen Zeit in Holland kennt, begnadigen wird. Auch ein Mancienne ist noch im Bereich des Vorstellbaren – die zwei anderen eher nicht.

Interessant auch, weil entscheidend für dessen Verbleib in Hamburg wird sein, wie van Marwijk mit Artjoms Rudnevs umgeht. Der Lette, letzte Serie immerhin mit zwölf Treffern der beste HSV-Schütze neben dem Neu-Leverkusener Heung Min Son, spielte zuletzt weder bei Fink noch bei Cardoso eine große Rolle. Und es steht für ihn fast zu befürchten, dass das zunächst einmal so weitergeht. Immerhin lobte van Marwijk die Startelf-Auswahl Cardosos.

Zurecht, wie ich finde. Denn neben der Hereinnahme Calhanoglus war auch die Kombination des Deutsch-Türken links mit Beister über rechts, Lasogga im Sturm-Zentrum und van der Vaart dahinter belebend, wie ich fand. „Wir haben offensiv schon eine Schritt nach vorn gesehen“, lobte Kreuzer, den das nicht verwundert hatte. Und auch van Marwijk scheint an der Formation nicht viel verändern zu wollen. „Eigentlich spiele ich am liebsten ein 4-3-3-System“, so der Trainer, „ich mag offensiven Fußball, aber ich will eine Ordnung erkennen können.“ Das umzusetzen sei eine besonders große Herausforderung für den Trainer, der unter dem zaghaften Applaus der rund 400 Trainingskiebitze heute um 15.04 Uhr das erste Mal den HSV-Trainingsplatz an der Imtech-Arena betrat. „Gut. Es ist ein gutes Gefühl“, so die Antwort van Marwijks auf die Frage eines Fans, wie er sich gerade fühle.

Ich persönlich fühle mich ganz gut. Endlich mal wieder. Weil van Marwijk einen stabilen Eindruck macht und damit der fragilen HSV-Mannschaft vielleicht genau die Sicherheit verleihen kann, die fehlte. Den gut und verdient herausgespielten Sieg gegen Fürth im Rücken könnte das funktionieren. Besser, als ich es noch in der vergangenen Woche befürchtet hatte…

Nachdem heute 72 Minuten locker mit den Ersatzleuten trainiert wurde, ist morgen Geheimtraining. So geheim, dass auch wir nicht rein dürfen. Das ist ärgerlich für uns – aber ganz ehrlich: Ich find es gut, weil es gut ist für die Mannschaft.

Mehr als Okay ist für mich die Besetzung der „Matz-ab-live-Couch“ im Champs am Sonnabend. Dort treffe ich (leider noch ohne Dieter) auf die beiden Profis Sven Neuhaus und Dennis Diekmeier. Sendebeginn ist um 20.30 Uhr, also 15 Minuten nach dem ersten Auswärtssieg der Saison…

In diesem Sinne, hoffen wir, dass der übliche Effekt bei Trainerwechseln in Hamburg greift, van der Vaart zumindest sportlich wieder Verantwortung übernimmt, Calhanoglu weiter in der Startelf steht und der HSV samt van Marwijk diesen Enthusiasmus in Frankfurt und danach konservieren kann.

Bis morgen!
Scholle

Fink: “Marcell redet manchmal etwas schnell – und etwas viel”

27. September 2012

Ich gebe es zu: Ich bin enttäuscht, dass es nur zu einem Punkt in Mönchengladbach gereicht hat. Ich habe selten so überlegen geführte Partien des HSV gesehen. Und ich habe selten so viele potenzielle Großchancen. Denn neben den beiden Toren und dem Elfmeter hatte der HSV gefühlte 100 Konterchancen gegen überfordert wirkenden Gladbacher. Es fehlte leider immer der finale Pass. Arslan versuchte sein ansonsten sehr gutes Spiel mit einem Traumpass in die Tiefe zu vergolden und scheiterte mehrfach. Am schlimmsten erwischte es letztlich Ivo Ilicevic, der offensiv viele gute Szenen hatte und auch bei den Kontern bis zum letzten Pass alles richtig machte. „Wir haben gekontert wie die Amateure“, schimpfte Marcell Jansen direkt nach der Partie. Wobei Jansen einfach nur anprangern wollte, wie fahrlässig der HSV mit potenziell guten Chancen gerade bei Kontern umgegangen war. Und damit hatte er Recht, wie ich finde, auch wenn Fink alles ein wenig relativierte: „Wir haben unsere Konter nicht zum Abschluss gebracht. Aber ich teile nicht, dass das amateurhaft war. Auch wenn wir die Möglichkeiten noch mehr nutzen müssen – ich glaube, nach dem Spiel rutscht es einem Spieler schon mal raus.“ Vor allem Marcell Jansen, der sogar von einer gefühlten 0:6-Niederlage sprach. Fink über die Äußerungen seines wortstarken Linksverteidigers mit einem Schmunzeln: „Marcell redet manchmal etwas viel – und etwas schnell…“

Dass es nicht zum Tor reichte, wäre allerdings auch nicht so schlimm gewesen, hätte der HSV das 2:1 über die Zeit gerettet. So aber fingen sich Rafael van der Vaart und Co. trotz eines fast durchgehend souverän geführten Spiels nach einem völlig überflüssigen Foul von Ilicevic noch das 2:2 und verschenkten damit zwei sicher geglaubte und eigentlich auch verdiente Punkte. Wobei dieses Tor leicht zu verhindern gewesen wäre, ohne Ilicevic-Foul – und von Marcus Berg. Der Schwede, der für mich unverständlicherweise für den gestern guten Rudnevs (dazu später mehr) gekommen war, ließ seinem Gegenspieler im Sechzehner mehr Raum als mir in meiner eigenen Wohnung zur Verfügung steht. „Ich verstehe nicht, wie man seinen Mann so laufen lassen kann“, schimpfte Kapitän Heiko Westermann nach dem Spiel eindeutig in Richtung Berg, der sich schon unmittelbar nach der kritisierten Szene einige sehr harte Worte von Torhüter Rene Adler gefallen lassen musste. „Beim zweiten Standard muss jemand dabei sein. Es gab eine klare Einteilung und derjenige muss eigentlich beim Mann bleiben“, bemängelte Fink das fehlende Stören Bergs, ohne dessen Namen auszusprechen. „Ich mache hier keine Einzelkritik, sondern werde mit ihm sprechen.”

Berg ist vielleicht der einzige – zumindest aber der größte Verlierer. Und ganz ehrlich, ich will Berg hier auch nicht in Schutz nehmen. Dafür hatte er einfach schon zu viele Chancen. Allerdings halte ich dem sensiblen Angreifer zugute, dass er unmittelbar vor Saisonbeginn noch mal gesagt bekommen hatte, dass er gehen könne bei einem passenden Angebot. Das ist für jeden Profi hart. Zumal auch Berg mitbekommen haben dürfte, dass der HSV gern noch einen Angreifer holen wollte und weiterhin holen will. Alles das dürfte an ihm nagen, ihn ablenken und seine unmotiviert wirkende Körpersprache erklären – allerdings nicht entschuldigen. Denn, und da lege ich mich fest, Berg hätte ebenso wie der HSV die Reißleine ziehen können. Oder besser: Er hätte sie ziehen müssen. Genau so, wie er sich jetzt zusammenreißen und in den Dienst der Mannschaft stellen muss, ohne sich selbst sowie sein eigenes Schicksal zu bedauern.

Ein gutes Beispiel, wie man sich an den eigenen Haaren aus dem Negativsog ziehen kann, ist Artjoms Rudnevs. Der erste lettische Bundesliga-Torschütze belohnte sich gegen Gladbach für ein mal wieder sehr laufintensives Spiel. 10,11 Kilometer lief der bullige HSV-Angreifer – in 77 Minuten. Ich bin mir sicher, dass die Nummer Zehn des HSV in den verbliebenen 13 Minuten noch mindestens zwei Kilometer gemacht hätte und sich somit in die Top-Drei des HSV in Sachen „zurückgelegte Distanz“ katapultiert hätte. Das wiederum ist besonders beachtenswert, weil Rudnevs seine Kilometer in einem durchschnittlich deutlich höheren Tempo als ein Mittelfeldspieler zurücklegt. Aber okay, genug Statistik. Das nächste Spiel steht an. Mit Rudnevs, den Fink lobte: „Dass er sich viele Chancen erarbeitet, ist seine Stärke. Er ist schnell und unbequem, verfügt über einen tollen Teamgeist und hat ein schönes Tor gemacht. Und es ist ja oft so, dass Stürmer nach ihrem ersten Treffer im nächsten Spiel wieder treffen…“

Schon deshalb will Fink mal wieder versuchen, wenig zu verändern. Am besten nichts. „Ich werde nur umstellen, wenn einer nicht 100 Prozent fit ist“, so der Trainer, dem am Sonnabend gegen Hannover sicher wieder Petr Jiracek und eventuell wieder Jeffrey Bruma zur Verfügung stehen. Insbesondere Erstgenannter hatte überzeugt, bis Schiri Stark eine Idee hatte und ihn in Frankfurt für ein gelbwürdiges Foul überhart mit Rot (was bitte hätte denn dann Xhaka gestern bei seinem gestreckten Bein gegen Adler bekommen sollen???) abstrafte. „Jiracek ist ein guter Fußballer“, lobt Arslan, der die Position des Tschechen in Gladbach gut (für sehr gut fehlte der finale Pass) vertrat und seinerseits Ansprüche anmeldet: „Ich kann viele Positionen spielen – aber Jiracek kann auch außen spielen“, so Arslan, „ich glaube auch nicht, dass ich gegen Hannover wieder auf die Bank muss.“

Ganz sicher dabei sein dürfte Milan Badelj. Der Dauerläufer (12,95 Kilometer waren der absolute Topwert des Spiels), der zusammen mit Ivo Ilicevic für die beiden Qualifikationsspiele der kroatischen Nationalmannschaft zur WM 2014 gegen Mazedonien (12.10.) und auf Wales (16.10) nominiert wurde, ist aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Mit einer Bärenruhe reißt der technisch versierte Mittelfeldmann seine Kilometer mit maximal 26,4 Kmh (unterer Durchschnitt) ab. Und das so passsicher wie lange keiner mehr beim HSV! Sagenhafte 60 von 61 Pässen des Neuzugangs kamen an. Das sind 98,33 Prozent „angekommene Pässe“. Unfassbar, da es auch nicht nur Dreimeterpässe waren, sondern unter anderen auch die schöne Flanke zum 2:1 von Rudnevs. „Man sieht, dass wir da einen guten Mann gekauft haben“, sagt Fink, „Milan kann das Spiel lesen und sein Puls geht scheinbar nie hoch.“ Stimmt. Und das ist auch gut so. Badelj ist das Gehirn im Mittelfeld. Wie sagte Dietmar Beiersdorfer einst so treffend (damals über Atouba): „Er versteckt sich nie und stellt so immer eine Lösung für seine Mitspieler dar.“

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wird Dieter Euch darüber informieren, wer am Sonnabend im Vorfeld der 125-Jahr-Gala (es gibt noch rund 1000 Tickets) gegen den kleinen (aber stetig wachsenden) HSV aus Niedersachsen von Beginn an aufläuft. Und dass wir hier wieder darüber diskutieren können, wer am besten helfen kann ist sehr, sehr positiv. Denn das Schlimmste an der vergangenen Saison war doch, dass wir beim Zusammenstellen unserer Wunschstartelf danach entschieden haben, wer der Mannschaft am wenigsten schadet… Ergo: es geht aufwärts. Fink nannte das Spiel in Gladbach „das beste Spiel, seit ich da bin“. Und ich stimme dem zu. Auch wenn das alles sehr relativ ist. Denn bei aller Freude über den Sieg gegen Dortmund und das gute Spiel in Gladbach – der Weg ist noch weit. Und hoffentlich gerade erst beschritten worden…

Scholle

P.S.: Aus gegebenem Anlass wollte ich noch mal ganz kurz eine Diskussion widergeben, die ich mitbekommen habe. Hauptdarsteller ist ein sehr guter Bekannter von mir (St.-Pauli-Fan) und sein Arbeitskollege (HSV-Fan). Mein Bekannter erwehrte sich dabei der Forderung des Kollegen, dass Ilicevic zum Schiedsrichter hätte gehen müssen, um zu sagen, dass es kein Foul und somit kein Elfer war. Denn so wäre Stranzl (wurde für ein Spiel gesperrt) nicht mit Rot vom Platz gegangen.

Soweit so gut. Fair wäre es. Insofern bislang keine Einwände.

Aber als der Kollege auch noch Stranzl als gutes Beispiel zitierte, da dieser ja nach dem Spiel auch zugegeben hätte, dass sein Treffer irregulär war, musste ich einschreiten. Denn: was bringt es der Welt NACH dem Spiel? Hätte Stranzl wirklich diesen außergewöhnlichen Drang zur Ehrlichkeit, hätte er es im Spiel machen müssen. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteht: ich fordere nicht, dass jedes Aufstützen, jedes Zupfen etc. beim Schiri per Selbstanzeige gemeldet wird. Es ist auch gut, dass er es zugibt. Aber in dem Moment zählt das Tor schon – da ist es auch leicht und hält dem eben erwähnten Vergleich leider absolut nicht Stand. Anders gestaltet sich das Beispiel Miroslav Klose, der für Lazio beim Stand von 0:0 seinen Handtreffer beim Schiedsrichter anmeldete, obwohl der das Tor gegeben hatte. Dabei hatte der Schiedsrichter nicht einmal gefragt. Bitter dabei nur: Lazio verlor letztlich mit 0:3 – aber die Römer feierten Klose als kleinen Helden…

Jetzt sollte erstmal nur noch Fußball zählen…

14. September 2012

Oha. Da hat der werte Herr Kühne mal wieder einen rausgehauen. Warum genau jetzt? Keine Ahnung. Allerdings ist der Speditionsmilliardär augenscheinlich und offenkundig ein Mann, der sagt, was er will und denkt. Ohne Rücksicht auf Personen und Momente. So geschehen bei seiner Generalkritik am HSV vor einigen Wochen. Und so geschehen auch heute. Diesmal nimmt Kühne insbesondere Sportchef Frank Arnesen und Klubboss Carl Jarchow aufs Korn. „Die Sportdirektion macht dort keinen guten Job, der Vorstandschef schaut mir zu sehr auf die Zahlen. Deshalb habe ich mich eingeschaltet“, sagte Kühne der „Welt am Sonntag“. Kühne erklärte zudem, weshalb er seinen ersten Beitrag zur Rückholung van der Vaarts erhöht hatte. „Es hat mich furchtbar geärgert, dass der HSV zur grauen Maus in der Bundesliga geworden ist. Es fehlte eindeutig eine Leitfigur“, sagte Kühne.

Die hat der HSV jetzt. Und bei aller Freude über den Transfer von Rafael van der Vaart und den wiederkehrenden Aussagen Kühnes, er wolle sich nicht beim HSV einmischen – mit solchen Aussagen macht er es. Sogar massiv. Und obwohl auch ich die Transfers von Frank Arnesen bislang sehr kritisch sehe, so geht man nicht mit einem Sportchef um. Herr Kühne äußert Kritik, die ihm maximal intern zusteht. Nicht aber öffentlich. Denn, und diesen Sachverstand unterstelle ich einem derart erfolgreichen Geschäftsmann dann einfach, mit seinen Worten macht er Politik. Politik, die in diesem Fall Arnesen und Jarchow schadet. „Ich werde mich beim HSV nicht einmischen“, sagt Kühne der „WamS“ – dabei hat er es längst getan.

Ihr seht, es ist zweischneidig. Auf der einen Seite nehme auch ich gern einen van der Vaart dank der Millionen Kühnes – auf der anderen Seite droht die Gefahr der Einflussnahme. Direkt – oder eben indirekt wie in diesem Fall. Zu allem Überfluss ist Arnesen bereits mächtig angeschlagen. Seit den Vorwürfen der unkorrekten Transferabwicklungen hat sich der Däne beim HSV intern nicht mehr erholt. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber in meinem Bekanntenkreis werden immer mehr Stimmen laut, die Arnesen Vorwürfe machen und sogar dessen Demission erwarten oder gar fordern. Und allemal diejenigen dürften sich jetzt durch Herrn Kühnes Kritik bestätigt fühlen. Und für Arnesen und Jarchow dürfte es intern und vor allem öffentlich noch ungemütlicher werden als jetzt schon.

Wobei Ihr mich bitte nicht falsch verstehen dürft, ich will niemanden vor berechtigter Kritik schützen. Im Gegenteil. Arnesen hatte bis zuletzt, bis Jiracek und van der Vaart kamen, zweifellos mehr Qualität verkauft als eingekauft – was teuer (und qualitativ hochwertig) in der letzten Transferwoche korrigiert wurde. Ein Kritikpunkt, dem sich Arnesen intern zurecht ausgesetzt sieht. Allerdings ist Arnesen in Hamburg angetreten mit der Vorgabe, rund 15 Millionen Euro für Neue ausgeben zu können. Das bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil. Immer wieder war der Däne dazu verdonnert, erst Spieler zu verkaufen, ehe er Neue holen konnte – was zum einen an der Finanzpolitik von Vorstandsboss Jarchow und zum anderen auch am Aufsichtsrat lag, die diese Marschroute vorgegeben hatten.

Ihr seht, alles hat seine zwei Seiten. Und ich hoffe, dass sich der HSV ein wenig mehr an das hält, was nach etlichen anderen zuletzt auch Ex-Trainer Armin Veh riet: Mehr Einheitlichkeit. „Wenn dieser tolle Klub es irgendwann schafft, dass alle – oder zumindest der größte Teil der Verantwortlichen – an einem Strang ziehen, kann aus dem HSV schnell wieder zu einem richtigen Topklub werden.“ Meinem Frankfurter Kollegen sagt Veh zudem, was er Dieter und mir einmal in einem Sechs-Augen-Gespräch erklärt hatte: „In Hamburg war es irgendwann sogar so weit, dass der Vorstand unmittelbar in meine Belange einwirken wollte – und das geht nicht. Nur, wenn alle ihre Verantwortlichkeiten kennen und sich daran halten, ist Ruhe möglich.“

Und wenn es schon der HSV samt Investor nicht schafft – fangen wir hier doch damit an. Denn einig sind wir uns allein darin schon, dass dieser HSV sportlich hoffen lässt. Vielleicht ärgere ich mich deshalb auch so über den Zeitpunkt der Aussagen Kühnes. Denn vor dem Spiel in Frankfurt dürfen wir endlich wieder optimistisch sein. Endlich und nach einer gefühlten Ewigkeit wieder begründet. Dass dennoch wieder nur über Kühne und dessen harte Worte gesprochen wird – bitter! Dabei dürfte das doch auch nicht in dessen Sinn sein. Er ist doch selbst HSV-Fan….

Aber gut, wir hier sollten das Thema abhaken oder zumindest vorerst ruhen lassen und uns dem Spiel eins mit van der Vaart widmen. Ein Spiel, das wie gesagt hoffen lässt. Petr Jiracek und Milan Badelj beweisen im Training, dass mit ihnen deutlich mehr Spielwitz auf dem Platz zu erwarten ist, Heiko Westermann indes, dass er in der Innenverteidigung seinen Platz gefunden hat. Und auch im Tor ist der HSV weiter top besetzt, während Marcell Jansen links im Mittelfeld formstark auftritt und Rafael van der Vaart eh über jeden Zweifel erhaben scheint. So schnell und selbstverständlich wie der Niederländer ist beim HSV lange kein Spieler mehr zum absoluten Leader aufgestiegen. Wobei ich diesbezüglich noch einen Geheimtipp abgeben würde: Milan Badelj.

Der Kroate besticht im Training mit Ballsicherheit. Und er dirigiert. „Auf Englisch können wir uns super verständigen“, verriet uns Badelj in nahezu perfektem Englisch heute. Der Kroate, der seine fehlenden Sprinterqualitäten mit gutem Stellungs- und Passspiel vergessen macht, kennt die Rolle des „Gehirns auf dem Platz“, er weiß, wie Mannschaften zu führen sind. „In der Nationalmannschaft und bei Dynamo Zagreb habe ich immer Verantwortung gehabt – und diese Rolle mag ich. Ich will den Ball haben, ich will meinen Teil beitragen. Wenn jeder seine Aufgabe mit seinen besten Eigenschaften erfüllt, wird die Mannschaft stark.“ Wenn er dafür van der Vaart 90 Minuten den Rücken freihalten soll – „dann mache ich das. Kein Problem. Wenn wir es schaffen, dass jeder seine besten Eigenschaften gezielt einbringt, werden wir stark.“

Badelj, der heute kurz bei uns in der Runde saß, macht trotz seiner jungen 23 Jahre einen extrem aufgeräumten Eindruck. Er ist devot der stärkeren Bundesliga gegenüber („Ich weiß, dass ich hier weniger Zeit habe und alles schneller, härter und intensiver ist“) aber ehrgeizig („Ich will immer gewinnen. Und das immer ein wenig mehr als alle anderen“). Zudem ist Badelj bemüht, sich einzubringen, lernt bereits seit vergangenem Sonnabend Deutsch. „Ich will mich mit allen perfekt verständigen können, da ist die Sprache sehr wichtig.“

Badelj ist bescheiden, lobt sich nicht selbst und wirkt fast ein wenig verlegen, wenn man ihm verschiedene Qualitäten auf dem Platz bescheinigt. Er zusammen mit dem nicht minder bescheidenen und ehrgeizigen Jiracek sowie dem genialen van der Vaart – das kann was werden. Ich glaube, dass von den Dreien die zuletzt wackelige Defensive ebenso wie die zu harmlose Offensive profitieren wird. In Frankfurt soll es Artjoms Rudnevs werden, der im Training heute wieder so spielte wie vor Werder. Auffällig waren da nur technische Stockfehler. Allerdings habe ich das auch vor dem Bremen-Spiel gesagt und im Weserstadion zeigte Rudnevs völlig unerwartet seine bislang beste Leistung, seit er für den HSV spielt. Sollte er diese bei den Hessen noch einmal steigern können und vielleicht sogar treffen – ich würde mich freuen. Ebenso wie Arnesen, der für den Transfer des ersten Letten zum HSV verantwortlich ist.

In diesem Sinne, lasst uns die Stunden bis zum Abpfiff in Frankfurt so optimistisch wie möglich angehen. Vereinspolitik muss jetzt in den Hintergrund rücken, damit die sportliche Euphorie seit dem van-der-Vaart-Wechsel weitergelebt werden kann. Dabei sollte auch egal sein, ob vorn ein Berg oder Rudnevs oder auch ein Son oder Beister aufläuft. Sein wir doch froh, dass wir endlich wieder etwas Auswahl haben… „Schritt für Schritt nach oben“ – hatte Badelj als sein Ziel für die nächsten Wochen ausgegeben – und damit alles gesagt, was es zu sagen gibt. Der Rest muss auf dem Platz gezeigt werden.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Ich freue mich währenddessen auf Frankfurt.

Scholle

Der HSV wird besser. Langsam. Aber stetig.

13. September 2012

Ein Neuanfang ist nötig. Alle wollen ihn. Genau genommen schon seit dem ersten Umbruch in der vergangenen Saison. Und geht es nach Trainer Thorsten Fink samt Klubführung, wird selbiger am Sonntag in Frankfurt begangen. „Für uns beginnt die Saison am Sonntag“, sagt Fink und verweist zurecht auf den inzwischen stark veränderten und deutlich verbesserten Kader. Zwar konnte der HSV-Trainer gegen Werder Bremen am zweiten Spieltag bereits auf Petr Jiracek und Milan Badlj zurückgreifen, allerdings verletzten sich beide Neuzugänge bereits in der ersten Halbzeit so, dass Jiracek angeschlagen weiterspielte und Badelj zur Halbzeit sogar ausgewechselt wurde. „Wir hatten davor nur drei Tage Training zusammen“, so Fink. Eine echte Eingewöhnung habe da eh nicht stattfinden können. Jetzt, zwei Wochen später, ist der HSV weiter. „Wenn man gerade einen lauf hat, kommt so eine Länderspielpause ungelegen. Uns hat sie wahrscheinlich ganz gut getan.“

Zumal Königstransfer Rafael van der Vaart die kompletten zwei Wochen mit der Mannschaft trainieren konnte. „Rafael ist voll integriert“, freut sich Fink über das für mich wenig überraschende. Immerhin hat van der Vaart keine Gelegenheit ausgelassen, seine Freude über die Rückkehr in seine Heimat, wie er Hamburg nennt, zu betonen. „Es kann jetzt bei uns einen Turnaround geben“, so Finks Hoffnung, „Rafael nimmt Druck von den Kollegen und kann selbst damit umgehen. Das macht ihm nichts.“ Und das hat spürbar Auswirkungen auf die Qualität im HSV-Spiel: „Rafael ist kein Fremdkörper, er bekommt jeden Ball.“ Und eine Videoeinweisung in Sachen Taktik.

Fakt aber ist, dass der HSV zumindest im Vorfeld der Frankfurt-Partie Hoffnung macht. „Alle sind aggressiv im Training“, sagt Fink, „alle wollen spielen.“ Das sei eine gute Situation, ergänzt van der Vaart, der nach eigener Aussage „zwei sehr gute Trainingswochen“ hatte und die Mannschaft „topfit“ sieht. „Wir machen in Frankfurt unseren Neuanfang. Wir brauchen schnell Punkte – aber wir fahren mit viel Selbstvertrauen nach Frankfurt.“

Bislang sind das alles nur Worte. Wie so oft, nein: wie zu oft in letzter Zeit. Aber es ist bereits sichtbar besser geworden, diese Mannschaft ist mit der Mannschaft gegen Nürnberg beim Grottenkick am ersten Spieltag nicht mehr zu vergleichen. „Es ist eine Entwicklung zu erkennen. Die Mannschaft hat in den letzten Tests schon deutlich mehr Spielfreude gezeigt“, freut sich Fink über den Torhunger und die Spielwut seiner Mannschaft in den letzten 14 Tagen – Schwarzenbek (0:12) und Niendorf (2:11) können ein Lied davon singen. Und auch insgesamt seien die Vorzeichen vor dem Spiel beim Tabellenzweiten in Frankfurt gut. „Die Nationalspieler sind gesund zurück“, so Fink, der nur auf Dennis Aogo (schlechte Blutwerte) verzichten muss und seine Startelf für Sonntag schon im Kopf hat. „Ich weiß, wie ich spielen will – gebe es nur noch nicht preis“, so der HSV-Trainer, der allerdings hinzufügt, am Sonntag gegenüber dem Auftritt in Bremen nicht zu viel verändern zu wollen.

Klar ist, dass van der Vaart beginnen wird, ebenso wie Petr Jiracek, dessen Bluterguss auf dem Spann „schon wieder richtig gut“ ist. Sagt der beinharte Tscheche zumindest selbst. Klar ist auch, dass Milan Badelj von Beginn an spielt, sollte er seine Zerrung auskuriert haben – wonach es heute im Training aussah. „Milan hatte vor dem Training bereits den Härtetest bestanden und wird am Freitag und Sonnabend voll mittrainieren und dementsprechend in Frankfurt auch spielen“, sagt Fink. Die zehn Tage Pause hätten dem Kroaten nichts ausgemacht.

Und dem scheint so. Irgendwie macht Badelj, mit dem wir am Freitag sprechen werden, auf mich einen extrem coolen Eindruck. Er ist ein wenig das Gegenteil vom sehr agilen und aktiven Jiracek. Dazu die Genialität van der Varts – ich glaube, der HSV hat im zentralen Mittelfeld die richtige Mischung. Auch wenn sowohl van der Vaart als auch Fink meine Frage nach der genauen Arbeitsaufteilung im Zentrum nicht beantworten konnten (oder wollten), mit Badelj hat der HSV einen sehr intelligenten, ballsicheren Taktgeber gefunden. Der Kroate ist der Stratege aus der Tiefe, der die Direktion des leider manchmal überfordert wirkenden Heiko Westermann übernehmen wird. Was den Kapitän sichtlich freut: „Für mich ist es gut, wenn ich mich noch mehr auf mein eigenes Spiel konzentrieren kann“, so Westermann gestern wohltuend ehrlich. „Und das Gleiche gilt für einige andere auch.“

Stimmt. Auch Jiracek tut es gut, wenn er sich einzig um sein kraftraubendes Spiel kümmern kann. Das allein ist schon anstrengend genug, da tut etwas Führung von außen sicher gut und dürfte sich positiv auswirken. Der Tscheche ist im Übrigen für mich der Sechser im Lotto in dieser Transferzeit – betrachtet man mal dessen Spielstärke und das Zustandekommen des Transfers. So viel Qualität abzugeben – da hat sich auch Dietmar Beiersdorfer gewundert. Der ehemalige HSV- und heutige St.-Petersburg-Sportchef hatte sich auch für Jiracek interessiert. „Ich war sehr überrascht, dass Felix Magath Jiracek abgibt“, so Beiersdorfer, „aber es gab keine ernsthaften Gespräche.“ Schließlich war ziemlich früh klar, dass der offensivstarke defensive Mittelfeldspieler nach Hamburg geht. Ehrensache für Beiersdorfer, da nicht dazwischen zu funken.

Der HSV hat sein neues Dreieck. 4-2-3-1 wird gespielt, im Mittelfeld gesellen sich zu den drei neuen Hoffnungsträgern am Sonntag voraussichtlich noch der formstärkste Hamburger (neben Adler) Marcell Jansen auf links und Heung Min Son auf rechts dazu. Ich habe die Diskussionen hier im Blog mitverfolgt und kann nachvollziehen, dass viele von Euch Maxi Beister nur zu gern spielen sehen würden. Aber ich glaube, dass bei einigen von Euch die Neugier ausschlaggebend für diesen Wunsch ist. Immerhin galt (und gilt für mich noch immer) Beister als Toptalent und wurde in Hamburg über Wochen hoch angepriesen. Allerdings muss selbst ich als Beister-Befürworter zugeben, dass der Junge noch etwas Zeit braucht. Und die sollten wir ihm geben. Manchmal ist der halbe Schritt rückwärts wichtig, um letztlich den entscheidenden Schritt vorwärts zu machen. Denn klar ist: Noch macht Maxi defensiv zu viele taktische Fehler und verliert offensiv zu viele Zweikämpfe. Immer wieder blitzt sein Können und seine enorme Torgefahr auf.

Dennoch glaube ich, dass eine langsame Herangehensweise in diesem Fall hilfreich sein kann. Beister ist einfach noch nicht bereit für die Startelf. Allerdings, das muss ich dazu sagen, sobald die Mannschaft in sich stabiler ist, sobald das neue Dreick Badelj/Jiracek/van der Vaart greift, gehört auch ein Beister auf den Platz. In dem Moment spätestens gehört ein Son – eigentlich gehört er meines Erachtens immer dahin – in den Sturm. Für Rudnevs. Neben Rudnevs. Neben Berg. Oder eben auch mal auf die Bank. Wobei wir aktuell nicht verkennen dürfen, dass Son gut drauf ist. In den Testspielen hat er getroffen und im Training überzeugt er. Im Gegensatz zum bemühten aber eben oft glücklosen Beister. Dessen Zeit wird auf sicher noch kommen. Denn wenn der Junge vom Rest der Mannschaft getragen, kann er genau die Entwicklung nehmen, auf die alle hoffen. Erst dann kann er ausreichend frech sein Spiel spielen in der Sicherheit, dass seine Fehler vom Rest der Mannschaft ausgebügelt werden.

In diesem Sinne, es ist gar nicht so lange her, da musste man beim HSV noch im Ausschlussverfahren aufstellen. Da wurde gefragt, wer dem HSV am wenigsten schaden würde auf dem Platz. Inzwischen streiten wir darüber, wer besser ist, wer ob seiner Qualität auf den Platz gehört. Und das ist mir persönlich deutlich lieber. Immerhin zeigt es, dass sich Dinge beim HSV verbessern. Langsam. Aber stetig.

Bis morgen.
Scholle

Zittern um Stars – und das Hoffen auf neue, eigene Stars

25. Oktober 2010

Der Montag ist für die meisten von uns ein eher unbeliebter Tag. Es ist meistens der Auftakt der langen, ungeliebten Arbeitswoche. Das schöne freie Wochenende mit der Familie findet hier oft ein jähes Ende. Das gilt allerdings nicht für mich. Zumindest heute nicht. Zwar ist auch mein Wochenende beendet, aber dafür hat die Arbeitswoche sehr nett begonnen. Gründe dafür waren ein entspannter, zu Scherzen aufgelegter Armin Veh, Frank Rost, das erste längere Gespräch mit dessen Vertreter Jaroslav Drobny seit seinem Wechsel im Sommer. Und Tomas Rincon. Aber der Reihe nach.

Armin Veh, der meiner Meinung nach gestern im Doppelpass bei Sport1 eine hervorragende Figur abgegeben hatte, präsentierte sich auch heute wieder voller Elan. Er lachte viel, er scherzte und er versuchte sich als Wahrsager. Wie der HSV in Frankfurt spielt? „Wenn ich jetzt 2:0 sage, was ich sagen würde, und wir spielen am Ende auch so, dann muss ich das jedes Mal machen. Deshalb lasse ich das lieber gleich ganz.“ Schließlich würde er auch nie Toto spielen. „Da liege ich grundsätzlich falsch. Aber da gewinnen ja eh meist nicht die, die Ahnung haben, sondern die ohne“, so Vehs nicht ganz ernst gemeinte Erklärung.

Der HSV-Trainer hatte auch allen Grund, gut drauf zu sein. Schließlich hatte sich am Vormittag ein möglicher Langzeitverletzter per genauer Diagnose zum doch nur kurzfristig verletzten verbessert: Frank Rost. Bei dem Torwart wurde „nur“ ein Teilabriss des rechten Außenbandes diagnostiziert. Er wird zwei Wochen ausfallen – und trotzdem die Nummer eins bleiben, wie sein Trainer gestern verriet. „Er ist und bleibt die Nummer eins. Zumal, wenn Frank normal fit zurückkommt. Aber wer weiß schon, was morgen ist?“

Morgen ist Dienstag. Und das ebenso sicher wie Drobny die ersatzweise Nummer eins ist. Der sympathische Tscheche wird, sofern nichts dramatisches mehr passieren sollte, am Mittwoch im DFB-Pokal bei Eintracht Frankfurt im Tor stehen. Ebenso wie am Sonnabend in Köln und nächste Woche daheim gegen Hoffenheim. Drei Spiele in Folge. Genau so, wie Armin Veh sie ihm übrigens – auch wenn er sich Zeitpunkt und Umstände sicher anders vorgestellt hatte – vorausgesagt hatte.

Egal wie, für Drobny ist das kein Grund, ein Fass aufzumachen. Der Mann mit der Schuhgröße 50 bleibt bescheiden. Er hatte sich auch nach der Bekanntgabe von Rost als Gewinner auf der Torwartposition vorbildlich sportlich präsentiert. Wie? Er schwieg und trainierte ordentlich. „Mehr konnte ich ja auch nicht machen“, sagt er heute. Er sei „natürlich ein wenig enttäuscht gewesen“, aber er habe die Entscheidung vom Trainer letztlich akzeptiert. Worte, die sicherlich jeder Profi wählen würde, wenn er nichts falsch machen will. Aber Drobny nehme ich sie ab. Dieser 192 Zentimeter große Hüne mit einem Vertrag bis 2013 hat mich überzeugt. Menschlich vor allem. Und das schon seit Wochen.

Im Training, das knapp 20 Minuten später als geplant begann, fehlten dann allerdings einige Spieler. Marcell Jansen musste mit einem Bruch seines kleinen, linken Zehs passen, Ruud van Nistelrooy seine Knieschmerzen auskurieren. Zwar gab Veh bei Jansen Entwarnung („Da gibt es eine schmerzstillende Spritze, dann geht das in Frankfurt schon“), allerdings wird es bei Ruud richtig eng. Sollte er ausfallen, wäre Heung Min Son im Pokal dabei. Zwar nicht von Beginn an, das würden Paolo Guerrero und Mladen Petric machen, dafür aber als echte Alternative. Dass er schon wieder soweit ist, deutete er an, als er im Training beim Abschlussspiel drei Mal einnetzen konnte. Mehr als jeder andere.

Ebenfalls gestern nicht dabei waren erneut David Jarolim sowie Zé Roberto. Und während „Jaro 1“ wohl weder in Frankfurt noch am Wochenende in Köln spielen können wird, soll Zé rechtzeitig zum Pokalspiel fit werden.

„Zittern um die Stars“ könnte daher eine berechtigte Zeile lauten. Dabei setze ich momentan wieder darauf, dass der HSV neue Stars entwickelt. Ich hoffe es wenigstens. Zum einen auf dem Platz bei den Profis, wo sich ein Tomas Rincon gerade in den Fokus spielt. Genauso wie Drobny. Oder bald auch Son wieder. Zum anderen aber in der Jugend, besser gesagt: beim gesamten Nachwuchs. Denn während die A-Jugend weiter schwächelt, scheint sich zumindest die U23 gefangen zu haben. Das Team von Rodolfo Cardoso gewann gestern in Meuselwitz mit 2:1 (doppelter Torschütze war Pressel) und rangiert auf dem siebten Rang.

Hinzu kommt, dass sich der HSV in der Nachwuchsarbeit neu aufgestellt hat. Mit Paul Meier ist ein erfahrener neuer Leiter gefunden worden, der von einem Psychologen, Athletiktrainern sowie von Christofer Clemens als neuen Chefscout unterstützt wird. Letzterer ist übrigens wie auch Meier ein ehemaliger Mitarbeiter von Urs Siegenthaler. Und seine Vita liest sich ebenso viel versprechend wie die Meiers.

Denn der heute 58-Jährige Schweizer kennt sich aus mit Neuaufbauten. In Liechtenstein hatte er sich für den Nationalverband um die U-17- und die U-19-Nationalmannschaften gekümmert. Bei knapp 36 000 Einwohnern insgesamt ein nahezu hoffnungsloses Unterfangen. Aber Meier bewies mit Innovation, Fleiß und „sehr, sehr viel Arbeit“, wie er sagt, Geschick. „Ich habe mir die Spieler angeguckt, ihr Leistungsniveau eingestuft und sie außerhalb Liechtensteins bei Schweizer Vereinen untergebracht.“ So garantierte Meier den Jugendlichen täglich hochqualitative Gegner im Training – und entwickelte die Talente so optimal.

Ähnlich innovativ – zumindest für HSV-Verhältnisse – geht Meier bei seiner neuen Aufgabe in Hamburg vor. Es wurden alle Spieler gesichtet, jeder erhielt ein Leistungszertifikat. Dabei wird unterschieden in Spieler mit der Aussicht, Profi zu werden und in Spieler, die noch nicht so weit sind, im Gegenzug aber einen geordneten Trainingsablauf auf vernünftigem Niveau garantieren. „Die Spieler mit der Perspektive zum Profi sind wie Projekte zu betrachten. Deshalb nennen wir sie ‚Projektspieler’. Diese erhalten zusätzlich zu ihren normalen Einheiten noch zwei oder drei individuelle Trainingseinheiten pro Woche ganz speziell auf ihre Schwächen und Stärken ausgelegt.“

Sollten sich diese Spieler nicht wie gewünscht weiterentwickeln, würden sie allerdings den Status „Projektspieler“ auch wieder verlieren können. Ebenso wie sich Spieler für den Status „Projektspieler“ aufdrängen können. Dafür soll es jährlich oder gar halbjährlich neue Bestandsaufnahmen im gesamten Jugendbereich geben. „Das entwickelt eine Eigendynamik. Die Konkurrenz motiviert“, weiß Meier. Und ich gebe ihm Recht. Wer sich einmal eins der neu eingeführten „Montagspiele“ in Ochsenszoll angeguckt hat, der weiß, wovon Meier spricht. Denn da spielen immer die, die am Wochenende nicht zum Einsatz kamen, getestet werden sollen oder aus sonstigen Gründen unter besonderer Beobachtung stehen – und diese Spiele sind oft hitziger und anspruchsvoller als so manches Punktspiel.

Und auch wenn sich Meiers Philosophie zugegebenermaßen hart anhört, ist sie wahrscheinlich der einzige Weg, damit endlich mal wieder ein Talent von den Paul-Hauenschild-Plätzen in Norderstedt als Stammspieler der Profimannschaft in die Imtech-Arena einläuft. So, wie es in München gerade Badstuber und Müller vorgemacht haben. Und eben so, wie es in Hamburg in den letzten Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen ist (nehmen wir mal so spät zugewanderte wie Hasan Salihamidzic oder auch Collin Benjamin raus).

Auf jeden Fall, und das muss ich aus meiner ersten Begegnung mit Clemens und vor allem Meier resümieren, es ist (mal wieder) ein hoffnungsvoller Neustart. Ob und inwieweit der fruchtet, werden wir sicherlich erst in einigen Jahren abschließend beurteilen können. Aber all denen, die jetzt berechtigt Kritik äußern, dass der HSV seine Zeit hier verschlafen hat, denen sei gesagt: Ihr habt zu großen Teilen Recht. Aber der HSV verschläft zumindest jetzt keine weitere Sekunde mehr. Hoffentlich.

Nur der HSV!

19.40 Uhr.

Der Trend ist positiv!

23. Oktober 2010

Der Tag danach – das klingt irgendwie nach Katerstimmung. Und zumindest beim HSV trifft das zu. Das 0:0 war den Spielern nicht genug, sie trauerten auch heute noch der großen Chance nach, die Bayern zu schlagen und tabellarisch weiter zu distanzieren. Zudem hatte es gestern einige angeschlagene und verletzte Spieler gegeben. Aber der Reihe nach.

Frank Rost, dessen kuriose Auswechslung ich gestern als amateurhaft angeprangert hatte, erklärte uns glaubhaft, er habe anfangs gedacht, die Verletzung sei nicht so schlimm. Die ersten Bewegungen nach der Behandlung in der 15. Minute seien „völlig okay“ gewesen, sagte er. Erst unmittelbar vor der Auswechslung habe er den richtigen Schmerz gespürt. Jetzt, das fügte er hinzu, wartet er erstmal die Kernspintomografie am Montag ab. Rost: „Ich glaube aber, dass ich die nächsten zwei Wochen wohl ausfallen werde.“

Sein Mannschaftskamerad und Konkurrent, Jaroslav Drobny, schwieg gestern. Der Tscheche, der mannschaftsintern ob seines Humors sehr beliebt ist, punktet weiter. Ohne Worte. Denn die hatte er auch in den Momenten nicht verloren, in denen Kritik an Rost laut wurde. Vielmehr entpuppt sich der Zugang von Hertha BSC menschlich wie sportlich als glatte Eins. Auch die spontane Einwechslung nahm er gelassen. „Das war kein Problem. Ich dachte, Frank kann weitermachen“, hatte er nach dem Spiel erklärt, weshalb er sich nicht warm gemacht hatte, nachdem Rost das erste Mal behandelt worden war. „Aber ich hatte in der Halbzeit ja genug Zeit, mich fit zu machen.“

Wie er seinen Einstand beurteilte, zeigt zudem, welch sportsmännischer Natur „Jaro“ ist: „Ich hatte ja nichts zu tun, weil unsere Defensive großartig verteidigt hat. Aber es werden sicher auch noch andere Spiele kommen.“ Ganz sicher sogar. Wohl mit ihm.

Und mit Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der gestern nach einem Schlag aufs Knie raus musste, gab heute Entwarnung. Ebenso wie Marcell Jansen, der einen Schlag auf seinen bereits lädierten Zeh bekommen hatte.

Apropos Jansen. Marcell hatte nach dem Spiel offene Worte gefunden. Zum einen fand er seine Leistung „bärenstark“, zum anderen die Platzverhältnisse „katastrophal“. „Seit ich nach Hamburg gewechselt bin, sage ich immer wieder das Gleich: dieser Rasen ist ein Nachteil für uns.“ Eine Erklärung lieferte er auch gleich mit: „Wir haben die Philosophie, über die spielerische Qualität Partien für uns zu entscheiden. Und je schlechter der Boden, desto schwieriger wird die Umsetzung.“

Dabei, und das muss ich hier unbedingt klarstellen: Die aufopferungsvoll kämpfenden Platzwarte beim HSV sind schuldlos. Es ist und bleibt das Problem der zu geringen Sonnen- und Luftzufuhr in dem für Fans sensationellen, aber für den Rasen katastrophalen Stadion. Wenn jemand das Abschlusstraining, beziehungsweise den Boden nach dem Abschlusstraining gesehen hätte, hätte nie geglaubt, dass der hinzukriegen wäre. Und doch schafften es die Greenkeeper beim HSV. Aber es ist eben ein Kampf gegen Windmühlen für die Jungs. Löcher stopfen in der Gewissheit, am kommenden Wochenende wieder das gleiche Problem zu haben. Die einzige Lösung ist ein kostspieliger, aber eben notwendiger Austausch des Geläufs.

Viel tauschen muss Veh dagegen nicht. Morgen haben seine Profis frei, am Montag geht es in die Vorbereitung auf das DFB-Pokalspiel in Frankfurt am Mittwoch. Und, darüber täuscht ein 0:0 gegen Schalke vielleicht etwas hinweg, die Hessen sind gut drauf. Ich habe mir heute die Partie zu großen Teilen angeguckt, weil ich neugierig war, was auf den HSV zukommt.

Und ich kann Euch sagen, dass es ein ganz, ganz harter Gang wird in Frankfurt. Nicht nur, weil es ein Auswärtsspiel ist. Nein, sondern wegen der spielerischen Klasse der Frankfurter. Gegen Schalke hätten die Jungs von Trainer Michael Skibbe gewinnen müssen. Sie waren über das gesamte Spiel hinweg die bessere Mannschaft.

Aber Angst haben muss der HSV nicht. Wenn das Spiel gegen Bayern eine Lehre hatte, dann die, dass der HSV in der Bundesliga auf Augenhöhe mit den besten ist. Immerhin fehlten nur ein paar Zentimeter, und der HSV hätte den Meister geschlagen. Und er wäre in der Tabelle bis auf den dritten Platz geklettert. Und – nein, ich höre lieber auf, mich zu ärgern. Ich richte meinen Blick lieber nach vorn.

Optimistisch im Übrigen. Denn der Trend der letzten Wochen ist absolut positiv. Gegen Lautern nicht schön und glücklich gewonnen, wurde Mainz in einem sehr ansehnlichen Spiel geschlagen, während Bayern zwar keinen Sieg einbrachte – dafür aber zeigte, wozu unsere Defensive in der Lage ist.

Da scheint Heiko Westermann sich endgültig eingelebt zu haben. Der frisch gebackene Vater – sein zweites Kind wurde Mitte der Woche gesund auf die Welt gebracht – war für mich gestern ganz stark. Zwar hatte er den einen oder anderen Stolperer am Ball dazwischen, aber wie er die Zweikämpfe annahm, antizipierte und gewann – das war eines Nationalspielers würdig. Mein Glückwunsch! Gleiches gilt für Joris Mathijsen. Der Niederländer holte sich gestern schon sehr früh Gelb ab – gegen eine Topmannschaft wie Bayern für einen Innenverteidiger ein schweres Handicap. Trotzdem zog er sich aus keinem Zweikampf. Im Gegenteil, er wirkte „heiß wie Frittenfett“.

Womit ich die Überleitung zu einem der sympathischsten HSVer der letzten 30 Jahre gefunden hätte. Collin Benjamin hatte gestern einen guten Tag. Er konnte sicherlich nicht jeden Angriff von Thomas Müller unterbinden, aber er engte dessen Kreise beachtlich ein. Vor dem Spiel hatte ich insbesondere vor diesem Duell großen Respekt, denn ich bin ein großer Fan von Müllers Spielweise. Der spielt schnörkellos und hat trotzdem eine extreme Effizienz nach vorn. Auch gestern hätte er trotz Collos starkem Spiel eigentlich getroffen – hätte Rost nicht eine genialere Reaktion gezeigt.

Eine schwache Reaktion hatte gestern Paolo Guerrero gezeigt. Der war nicht einverstanden mit seiner – meiner Meinung nach absolut vertretbaren – Auswechslung und hatte wutentbrannt eine Kamerabande weggetreten. Heute hingen hat Paolo gut reagiert und sich bei Trainer Armin Veh entschuldigt. „Ich glaube, die Sache ist damit erledigt“, hofft er.

Ich glaube, das sollte sie auch sein. Schließlich ist Paolo in einer nicht ganz einfachen Situation, die er mit seinem Flaschenwurf zwar selbst eingeläutet hatte. Allerdings sollte der Flaschenwurf irgendwann auch mal Geschichte sein und nicht zu einer Generalverurteilung des Peruaners genutzt werden. Denn was unter der Woche mit ihm passiert war, ist schon grenzwertig. Weil er mit seinem Wagen 20 Zentimeter eines Behindertenparkplatzes eingenommen hatte, wurde er öffentlich als „Parkrambo“ gerüffelt. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteh, ich heiße das keinesfalls gut. Im Gegenteil. Ich finde nur, dass hier etwas maßvoller geurteilt werden sollte. Zumal in diesem speziellen Fall sogar deutlich zu erkennen war, dass der Behindertenparkplatz von einem Autofahrer problemlos genutzt werden konnte.

Egal wie, wir sollten Maß bewahren und Paolo sollte sich wieder nur auf Fußball konzentrieren. Wie schön das sein kann, hat er ja nicht zuletzt in Mainz erfahren. Ein wenig mehr Mainz, ein wenig weniger Sinalco und Kamerabande und alle sind glücklich.

In diesem Sinne: Nur der HSV!

19.20 Uhr

Guerrero drin, “Troche” für Tesche

27. August 2010

Die Würfel sind gefallen. Zumindest wenn man dem Abschlusstraining vertrauen darf. Bei strömendem Regen bat Armin Veh seine Mannschaft vor dem Abflug nach Frankfurt neben der Imtech-Arena auf den Trainingsrasen. Alle warteten nach dem Aufwärmprogramm und einigen Sprintsequenzen auf die Verteilung der Leibchen für die Stammelf. Und dann folgte eine wirklich kuriose Szene. Co-Trainer Reiner Geyer verteilte die roten Hemden. David Jarolim bekam eines, Zé Roberto, Heiko Westermann und so weiter, aber Mladen Petric ging leer aus. Und – zur Überraschung aller – blieb auch Paolo Guerrero ohne Leibchen. Was war da los? Vielleicht doch eine Spontanchance für Piotr Trochowski? Nein, keine Sorge, der Grund war eher lustig: Es gab nur neun rote Leibchen. Also sammelte Geyer sie alle wieder ein und verteilte dann die gelben. Und da bekam Guerrero wie erwartet eines, Petric blieb im B-Team.

Im anschließenden Spielchen über knapp 40 Meter Länge fiel der Kroate dann auch anfangs eher negativ auf. Weil Eric-Maxim Choupo-Moting das Sturmzentrum besetzte, musste Petric auf die ungeliebte rechte Seite ausweichen, auf der er sogleich einen „Riesenbock“ schoss und in der Defensive eine fast perfekte Vorlage für Ruud van Nistelrooy lieferte – dieser spielte allerdings im gegnerischen A-Team. Danach lief das Spielgeschehen meist an Petric vorbei, ehe er dann doch auf sich aufmerksam machte. Mit einem sehenswerten Tempodribbling veräppelte er Marcell Jansen, Joris Mathijsen und auch noch Heiko Westermann, ehe er den Ball flach ins lange Eck versenkte. Gerechtigkeitshalber sei aber auch erwähnt, dass sich Guerrero in der A-Elf als Aktivposten mit vielen Überraschungsmomenten präsentierte und sehr gut mit Jonathan Pitroipa und Ruud van Nistelrooy harmonierte. Veh beobachtete das Treiben zurückhaltend und extrem aufmerksam.

Ich bin, wie im gestrigen Beitrag ja schon erwähnt, sehr gespannt, was der Trainer von Piotr Trochowskis neuer Ausrichtung hält. Der diesmal für Robert Tesche in den Kader gerückte Nationalspieler hat nämlich so etwas wie eine Kampfansage losgelassen, aber nicht etwa, wie man vermuten könnte, an Pitroipa, der seine Stammposition im rechten Mittelfeld belegt, sondern ausgerechnet an das eben so umfangreich beschriebene Duo Petric/Guerrero. „Natürlich sehe ich mich in der ersten Elf“, verdeutlichte der deutsche Nationalspieler sein gehöriges Selbstvertrauen und fügte an, dass er sich „eher im Zentrum sehe, denn da bin ich am stärksten“.

Hört, hört. Trochowski orientiert sich bei seiner spielerischen Ausrichtung an weltmeisterlichen Mittelfeldgrößen wie Iniesta und Xavi. Er will Impulse geben und sieht seine zusätzliche Stärke im Abschluss, der von einer zentralen Position aus natürlich leichter zu bewältigen ist als auf dem Flügel. Trochowski hofft, dass er möglichst rasch die Chance bekommen wird, sich auf dieser Position zu empfehlen. Für ihn wäre das so etwas wie „zurück zu den Wurzeln“, denn in der Jugend und auch in seinen ersten Herrenspielen lief „Troche“ als zentraler Offensivmann hinter den oder hinter der Spitze auf und machte auf sich aufmerksam.

Dass er von Joachim Löw nicht für die Länderspiele gegen Belgien und Aserbaidschan nominiert wurde (vom HSV sind nur Marcell Jansen und Heiko Westermann im Kader), traf Trochowski nicht sonderlich. „Das war mir vorher bewusst, ich trainiere ja auch erst sein anderthalb Wochen wieder richtig“, sagte er. Trotzdem, und das war ein klarer Appell an Trainer Veh, ihn bei allen personellen Planungen mit zu berücksichtigen, sei er „topfit“ und fühle sich frisch: „Alles Weitere kommt mit Spielminuten.“

Spielpraxis und weitere gemeinsame Spielerfahrungen sind auch das Schlüsselwort, was die Harmonie der Viererkette mit Joris Mathijsen und Heiko Westermann in der Innenverteidigung betrifft. Bei den heutigen Tests der Standardsituationen berieten sich die beiden Abwehrgrößen immer und immer wieder, diskutierten über Laufwege und potenzielle Hürden im gesamten Defensivverhalten. Da die Gespräche sehr sachlich und lösungsorientiert wirkten, habe ich ein recht gutes Gefühl, dass der HSV für die Standards der Eintracht in Frankfurt gewappnet ist. Zumal für die Hessen ja erschwerend hinzu kommt, dass sie gar keinen Trochowski mit derartigen Freistoßflanken in ihrem Team haben. Denn „Troches“ Versuche waren mit zwei Ausnahmen wirklich grandios.

Heute Abend, das verriet Joris Mathijsen, steht beim HSV im Mannschaftshotel Videogucken auf dem Programm. Die Herren Profis haben aber keine freie Wahl, was die Vorführung betrifft: Trainer Veh ist der Filmchef – und das heißt: Eintracht scheibchenweise. Stärken und Schwächen, offensive und defensive Standards der Frankfurter werden gezeigt und besprochen. „Es ist gut so vorbereitet zu werden“, sagt Zé Roberto. Mathijsen ergänzt: „Trotzdem müssen wir uns voll auf unser Spiel konzentrieren.“ Er weiß um die große Chance auf einen perfekten Start: „Dafür müssen wir konzentriert zu Werke gehen.“

Bei der Eintracht, deren Defensive durch den Ausfall von Stammtorhüter Oka Nikolov geschwächt sein wird, erwarte ich persönlich eine Hamburger Dominanz gerade in der Anfangsphase. Sollte dem HSV in den ersten 20 Minuten ein Treffer gelingen, steigen die Chancen auf einen „Dreier“ immens. Dann könnte nämlich auch die Kontergefahr dank Pitroipa und Eljero Elia zum Tragen kommen.

Ich hoffe nur, dass es keinen Elfmeter geben wird. Denn wer würde den schießen? Ruud van Nistelrooy eher nicht, nachdem er gestern nach der Einheit viermal in Folge gegen Jaroslav Drobny scheiterte. Vielleicht ja sogar Guerrero, der nur einmal anlief und unaufgeregt traf, als hätte er nie etwas Einfacheres gemacht.

So, zum Schluss noch ein paar Neuigkeiten aus der Gerüchteküche. Solange das Transferfenster noch geöffnet ist (bis 31. August), wird es bestimmt noch die eine oder andere Spekulation geben. Rafael van der Vaart ist seit seinem Abschied ein Dauerthema, der mögliche Abschied von aktuellen HSV-Spielern sowieso. Ich glaube auch, dass noch etwas Bewegung in den Kader kommen wird, weil sich womöglich noch ein bis zwei Kandidaten verabschieden werden. Paolo Guerrero, an dem nach dem Schalke-Spiel Felix Magath Interesse gezeigt haben soll, gehört ganz sicher nicht dazu. Ich habe mit Schalkes sportlichem Chef persönlich gesprochen und mir versichern lassen, dass er kein Angebot für Guerrero unterbreitet habe. Im Klartext: Er will ihn gar nicht haben.

Aber trotzdem sollten wir alle die Augen und Ohren offen halten, denn auch aktuelle Stamm- oder Faststammspieler könnten ja noch zur Debatte stehen. Oder denkt Ihr, dass es ausgeschlossen ist, dass plötzlich ein namhafter Klub ein interessantes Angebot für Trochowski oder auch Petric abgibt? Ich jedenfalls nicht. Und ich bin mir ebenso sicher, dass Sportchef Bastian Reinhardt für so einen unerwarteten Fall X eine Lösung B parat hat, die da heißt: Wenn noch einer geht, holen wir als erstes einen Innenverteidiger. Ich weiß jedenfalls nicht, wie das Dauerthema van der Vaart überhaupt finanziell gewuppt werden könnte. Jedenfalls nicht, wenn alle aktuellen Stammkräfte und Großverdiener da blieben. Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Niederländer bei Real (mal wieder) auf dem Abstellgleis stehen soll.

So, das war es vorerst. Ich bin gespannt auf die Partie morgen und wage mal einen Tipp für die ersten 20 Minuten: starker Beginn des HSV mit einem Torerfolg für Eljero Elia. Was dann kommt, lasse ich erst einmal offen…

PS: Einer ist schon weg. Mickael Tavares wurde für ein Jahr (plus Kaufoption) an den englischen Zweitligaklub FC Middlesbrough verliehen.

16:07 Uhr

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