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Fink: “Marcell redet manchmal etwas schnell – und etwas viel”

27. September 2012

Ich gebe es zu: Ich bin enttäuscht, dass es nur zu einem Punkt in Mönchengladbach gereicht hat. Ich habe selten so überlegen geführte Partien des HSV gesehen. Und ich habe selten so viele potenzielle Großchancen. Denn neben den beiden Toren und dem Elfmeter hatte der HSV gefühlte 100 Konterchancen gegen überfordert wirkenden Gladbacher. Es fehlte leider immer der finale Pass. Arslan versuchte sein ansonsten sehr gutes Spiel mit einem Traumpass in die Tiefe zu vergolden und scheiterte mehrfach. Am schlimmsten erwischte es letztlich Ivo Ilicevic, der offensiv viele gute Szenen hatte und auch bei den Kontern bis zum letzten Pass alles richtig machte. „Wir haben gekontert wie die Amateure“, schimpfte Marcell Jansen direkt nach der Partie. Wobei Jansen einfach nur anprangern wollte, wie fahrlässig der HSV mit potenziell guten Chancen gerade bei Kontern umgegangen war. Und damit hatte er Recht, wie ich finde, auch wenn Fink alles ein wenig relativierte: „Wir haben unsere Konter nicht zum Abschluss gebracht. Aber ich teile nicht, dass das amateurhaft war. Auch wenn wir die Möglichkeiten noch mehr nutzen müssen – ich glaube, nach dem Spiel rutscht es einem Spieler schon mal raus.“ Vor allem Marcell Jansen, der sogar von einer gefühlten 0:6-Niederlage sprach. Fink über die Äußerungen seines wortstarken Linksverteidigers mit einem Schmunzeln: „Marcell redet manchmal etwas viel – und etwas schnell…“

Dass es nicht zum Tor reichte, wäre allerdings auch nicht so schlimm gewesen, hätte der HSV das 2:1 über die Zeit gerettet. So aber fingen sich Rafael van der Vaart und Co. trotz eines fast durchgehend souverän geführten Spiels nach einem völlig überflüssigen Foul von Ilicevic noch das 2:2 und verschenkten damit zwei sicher geglaubte und eigentlich auch verdiente Punkte. Wobei dieses Tor leicht zu verhindern gewesen wäre, ohne Ilicevic-Foul – und von Marcus Berg. Der Schwede, der für mich unverständlicherweise für den gestern guten Rudnevs (dazu später mehr) gekommen war, ließ seinem Gegenspieler im Sechzehner mehr Raum als mir in meiner eigenen Wohnung zur Verfügung steht. „Ich verstehe nicht, wie man seinen Mann so laufen lassen kann“, schimpfte Kapitän Heiko Westermann nach dem Spiel eindeutig in Richtung Berg, der sich schon unmittelbar nach der kritisierten Szene einige sehr harte Worte von Torhüter Rene Adler gefallen lassen musste. „Beim zweiten Standard muss jemand dabei sein. Es gab eine klare Einteilung und derjenige muss eigentlich beim Mann bleiben“, bemängelte Fink das fehlende Stören Bergs, ohne dessen Namen auszusprechen. „Ich mache hier keine Einzelkritik, sondern werde mit ihm sprechen.”

Berg ist vielleicht der einzige – zumindest aber der größte Verlierer. Und ganz ehrlich, ich will Berg hier auch nicht in Schutz nehmen. Dafür hatte er einfach schon zu viele Chancen. Allerdings halte ich dem sensiblen Angreifer zugute, dass er unmittelbar vor Saisonbeginn noch mal gesagt bekommen hatte, dass er gehen könne bei einem passenden Angebot. Das ist für jeden Profi hart. Zumal auch Berg mitbekommen haben dürfte, dass der HSV gern noch einen Angreifer holen wollte und weiterhin holen will. Alles das dürfte an ihm nagen, ihn ablenken und seine unmotiviert wirkende Körpersprache erklären – allerdings nicht entschuldigen. Denn, und da lege ich mich fest, Berg hätte ebenso wie der HSV die Reißleine ziehen können. Oder besser: Er hätte sie ziehen müssen. Genau so, wie er sich jetzt zusammenreißen und in den Dienst der Mannschaft stellen muss, ohne sich selbst sowie sein eigenes Schicksal zu bedauern.

Ein gutes Beispiel, wie man sich an den eigenen Haaren aus dem Negativsog ziehen kann, ist Artjoms Rudnevs. Der erste lettische Bundesliga-Torschütze belohnte sich gegen Gladbach für ein mal wieder sehr laufintensives Spiel. 10,11 Kilometer lief der bullige HSV-Angreifer – in 77 Minuten. Ich bin mir sicher, dass die Nummer Zehn des HSV in den verbliebenen 13 Minuten noch mindestens zwei Kilometer gemacht hätte und sich somit in die Top-Drei des HSV in Sachen „zurückgelegte Distanz“ katapultiert hätte. Das wiederum ist besonders beachtenswert, weil Rudnevs seine Kilometer in einem durchschnittlich deutlich höheren Tempo als ein Mittelfeldspieler zurücklegt. Aber okay, genug Statistik. Das nächste Spiel steht an. Mit Rudnevs, den Fink lobte: „Dass er sich viele Chancen erarbeitet, ist seine Stärke. Er ist schnell und unbequem, verfügt über einen tollen Teamgeist und hat ein schönes Tor gemacht. Und es ist ja oft so, dass Stürmer nach ihrem ersten Treffer im nächsten Spiel wieder treffen…“

Schon deshalb will Fink mal wieder versuchen, wenig zu verändern. Am besten nichts. „Ich werde nur umstellen, wenn einer nicht 100 Prozent fit ist“, so der Trainer, dem am Sonnabend gegen Hannover sicher wieder Petr Jiracek und eventuell wieder Jeffrey Bruma zur Verfügung stehen. Insbesondere Erstgenannter hatte überzeugt, bis Schiri Stark eine Idee hatte und ihn in Frankfurt für ein gelbwürdiges Foul überhart mit Rot (was bitte hätte denn dann Xhaka gestern bei seinem gestreckten Bein gegen Adler bekommen sollen???) abstrafte. „Jiracek ist ein guter Fußballer“, lobt Arslan, der die Position des Tschechen in Gladbach gut (für sehr gut fehlte der finale Pass) vertrat und seinerseits Ansprüche anmeldet: „Ich kann viele Positionen spielen – aber Jiracek kann auch außen spielen“, so Arslan, „ich glaube auch nicht, dass ich gegen Hannover wieder auf die Bank muss.“

Ganz sicher dabei sein dürfte Milan Badelj. Der Dauerläufer (12,95 Kilometer waren der absolute Topwert des Spiels), der zusammen mit Ivo Ilicevic für die beiden Qualifikationsspiele der kroatischen Nationalmannschaft zur WM 2014 gegen Mazedonien (12.10.) und auf Wales (16.10) nominiert wurde, ist aus der Mannschaft nicht mehr wegzudenken. Mit einer Bärenruhe reißt der technisch versierte Mittelfeldmann seine Kilometer mit maximal 26,4 Kmh (unterer Durchschnitt) ab. Und das so passsicher wie lange keiner mehr beim HSV! Sagenhafte 60 von 61 Pässen des Neuzugangs kamen an. Das sind 98,33 Prozent „angekommene Pässe“. Unfassbar, da es auch nicht nur Dreimeterpässe waren, sondern unter anderen auch die schöne Flanke zum 2:1 von Rudnevs. „Man sieht, dass wir da einen guten Mann gekauft haben“, sagt Fink, „Milan kann das Spiel lesen und sein Puls geht scheinbar nie hoch.“ Stimmt. Und das ist auch gut so. Badelj ist das Gehirn im Mittelfeld. Wie sagte Dietmar Beiersdorfer einst so treffend (damals über Atouba): „Er versteckt sich nie und stellt so immer eine Lösung für seine Mitspieler dar.“

In diesem Sinne, bis morgen. Dann wird Dieter Euch darüber informieren, wer am Sonnabend im Vorfeld der 125-Jahr-Gala (es gibt noch rund 1000 Tickets) gegen den kleinen (aber stetig wachsenden) HSV aus Niedersachsen von Beginn an aufläuft. Und dass wir hier wieder darüber diskutieren können, wer am besten helfen kann ist sehr, sehr positiv. Denn das Schlimmste an der vergangenen Saison war doch, dass wir beim Zusammenstellen unserer Wunschstartelf danach entschieden haben, wer der Mannschaft am wenigsten schadet… Ergo: es geht aufwärts. Fink nannte das Spiel in Gladbach „das beste Spiel, seit ich da bin“. Und ich stimme dem zu. Auch wenn das alles sehr relativ ist. Denn bei aller Freude über den Sieg gegen Dortmund und das gute Spiel in Gladbach – der Weg ist noch weit. Und hoffentlich gerade erst beschritten worden…

Scholle

P.S.: Aus gegebenem Anlass wollte ich noch mal ganz kurz eine Diskussion widergeben, die ich mitbekommen habe. Hauptdarsteller ist ein sehr guter Bekannter von mir (St.-Pauli-Fan) und sein Arbeitskollege (HSV-Fan). Mein Bekannter erwehrte sich dabei der Forderung des Kollegen, dass Ilicevic zum Schiedsrichter hätte gehen müssen, um zu sagen, dass es kein Foul und somit kein Elfer war. Denn so wäre Stranzl (wurde für ein Spiel gesperrt) nicht mit Rot vom Platz gegangen.

Soweit so gut. Fair wäre es. Insofern bislang keine Einwände.

Aber als der Kollege auch noch Stranzl als gutes Beispiel zitierte, da dieser ja nach dem Spiel auch zugegeben hätte, dass sein Treffer irregulär war, musste ich einschreiten. Denn: was bringt es der Welt NACH dem Spiel? Hätte Stranzl wirklich diesen außergewöhnlichen Drang zur Ehrlichkeit, hätte er es im Spiel machen müssen. Und, damit Ihr mich nicht falsch versteht: ich fordere nicht, dass jedes Aufstützen, jedes Zupfen etc. beim Schiri per Selbstanzeige gemeldet wird. Es ist auch gut, dass er es zugibt. Aber in dem Moment zählt das Tor schon – da ist es auch leicht und hält dem eben erwähnten Vergleich leider absolut nicht Stand. Anders gestaltet sich das Beispiel Miroslav Klose, der für Lazio beim Stand von 0:0 seinen Handtreffer beim Schiedsrichter anmeldete, obwohl der das Tor gegeben hatte. Dabei hatte der Schiedsrichter nicht einmal gefragt. Bitter dabei nur: Lazio verlor letztlich mit 0:3 – aber die Römer feierten Klose als kleinen Helden…

Jetzt sollte erstmal nur noch Fußball zählen…

14. September 2012

Oha. Da hat der werte Herr Kühne mal wieder einen rausgehauen. Warum genau jetzt? Keine Ahnung. Allerdings ist der Speditionsmilliardär augenscheinlich und offenkundig ein Mann, der sagt, was er will und denkt. Ohne Rücksicht auf Personen und Momente. So geschehen bei seiner Generalkritik am HSV vor einigen Wochen. Und so geschehen auch heute. Diesmal nimmt Kühne insbesondere Sportchef Frank Arnesen und Klubboss Carl Jarchow aufs Korn. „Die Sportdirektion macht dort keinen guten Job, der Vorstandschef schaut mir zu sehr auf die Zahlen. Deshalb habe ich mich eingeschaltet“, sagte Kühne der „Welt am Sonntag“. Kühne erklärte zudem, weshalb er seinen ersten Beitrag zur Rückholung van der Vaarts erhöht hatte. „Es hat mich furchtbar geärgert, dass der HSV zur grauen Maus in der Bundesliga geworden ist. Es fehlte eindeutig eine Leitfigur“, sagte Kühne.

Die hat der HSV jetzt. Und bei aller Freude über den Transfer von Rafael van der Vaart und den wiederkehrenden Aussagen Kühnes, er wolle sich nicht beim HSV einmischen – mit solchen Aussagen macht er es. Sogar massiv. Und obwohl auch ich die Transfers von Frank Arnesen bislang sehr kritisch sehe, so geht man nicht mit einem Sportchef um. Herr Kühne äußert Kritik, die ihm maximal intern zusteht. Nicht aber öffentlich. Denn, und diesen Sachverstand unterstelle ich einem derart erfolgreichen Geschäftsmann dann einfach, mit seinen Worten macht er Politik. Politik, die in diesem Fall Arnesen und Jarchow schadet. „Ich werde mich beim HSV nicht einmischen“, sagt Kühne der „WamS“ – dabei hat er es längst getan.

Ihr seht, es ist zweischneidig. Auf der einen Seite nehme auch ich gern einen van der Vaart dank der Millionen Kühnes – auf der anderen Seite droht die Gefahr der Einflussnahme. Direkt – oder eben indirekt wie in diesem Fall. Zu allem Überfluss ist Arnesen bereits mächtig angeschlagen. Seit den Vorwürfen der unkorrekten Transferabwicklungen hat sich der Däne beim HSV intern nicht mehr erholt. Ich weiß nicht, wie es bei Euch ist, aber in meinem Bekanntenkreis werden immer mehr Stimmen laut, die Arnesen Vorwürfe machen und sogar dessen Demission erwarten oder gar fordern. Und allemal diejenigen dürften sich jetzt durch Herrn Kühnes Kritik bestätigt fühlen. Und für Arnesen und Jarchow dürfte es intern und vor allem öffentlich noch ungemütlicher werden als jetzt schon.

Wobei Ihr mich bitte nicht falsch verstehen dürft, ich will niemanden vor berechtigter Kritik schützen. Im Gegenteil. Arnesen hatte bis zuletzt, bis Jiracek und van der Vaart kamen, zweifellos mehr Qualität verkauft als eingekauft – was teuer (und qualitativ hochwertig) in der letzten Transferwoche korrigiert wurde. Ein Kritikpunkt, dem sich Arnesen intern zurecht ausgesetzt sieht. Allerdings ist Arnesen in Hamburg angetreten mit der Vorgabe, rund 15 Millionen Euro für Neue ausgeben zu können. Das bewahrheitete sich nicht. Im Gegenteil. Immer wieder war der Däne dazu verdonnert, erst Spieler zu verkaufen, ehe er Neue holen konnte – was zum einen an der Finanzpolitik von Vorstandsboss Jarchow und zum anderen auch am Aufsichtsrat lag, die diese Marschroute vorgegeben hatten.

Ihr seht, alles hat seine zwei Seiten. Und ich hoffe, dass sich der HSV ein wenig mehr an das hält, was nach etlichen anderen zuletzt auch Ex-Trainer Armin Veh riet: Mehr Einheitlichkeit. „Wenn dieser tolle Klub es irgendwann schafft, dass alle – oder zumindest der größte Teil der Verantwortlichen – an einem Strang ziehen, kann aus dem HSV schnell wieder zu einem richtigen Topklub werden.“ Meinem Frankfurter Kollegen sagt Veh zudem, was er Dieter und mir einmal in einem Sechs-Augen-Gespräch erklärt hatte: „In Hamburg war es irgendwann sogar so weit, dass der Vorstand unmittelbar in meine Belange einwirken wollte – und das geht nicht. Nur, wenn alle ihre Verantwortlichkeiten kennen und sich daran halten, ist Ruhe möglich.“

Und wenn es schon der HSV samt Investor nicht schafft – fangen wir hier doch damit an. Denn einig sind wir uns allein darin schon, dass dieser HSV sportlich hoffen lässt. Vielleicht ärgere ich mich deshalb auch so über den Zeitpunkt der Aussagen Kühnes. Denn vor dem Spiel in Frankfurt dürfen wir endlich wieder optimistisch sein. Endlich und nach einer gefühlten Ewigkeit wieder begründet. Dass dennoch wieder nur über Kühne und dessen harte Worte gesprochen wird – bitter! Dabei dürfte das doch auch nicht in dessen Sinn sein. Er ist doch selbst HSV-Fan….

Aber gut, wir hier sollten das Thema abhaken oder zumindest vorerst ruhen lassen und uns dem Spiel eins mit van der Vaart widmen. Ein Spiel, das wie gesagt hoffen lässt. Petr Jiracek und Milan Badelj beweisen im Training, dass mit ihnen deutlich mehr Spielwitz auf dem Platz zu erwarten ist, Heiko Westermann indes, dass er in der Innenverteidigung seinen Platz gefunden hat. Und auch im Tor ist der HSV weiter top besetzt, während Marcell Jansen links im Mittelfeld formstark auftritt und Rafael van der Vaart eh über jeden Zweifel erhaben scheint. So schnell und selbstverständlich wie der Niederländer ist beim HSV lange kein Spieler mehr zum absoluten Leader aufgestiegen. Wobei ich diesbezüglich noch einen Geheimtipp abgeben würde: Milan Badelj.

Der Kroate besticht im Training mit Ballsicherheit. Und er dirigiert. „Auf Englisch können wir uns super verständigen“, verriet uns Badelj in nahezu perfektem Englisch heute. Der Kroate, der seine fehlenden Sprinterqualitäten mit gutem Stellungs- und Passspiel vergessen macht, kennt die Rolle des „Gehirns auf dem Platz“, er weiß, wie Mannschaften zu führen sind. „In der Nationalmannschaft und bei Dynamo Zagreb habe ich immer Verantwortung gehabt – und diese Rolle mag ich. Ich will den Ball haben, ich will meinen Teil beitragen. Wenn jeder seine Aufgabe mit seinen besten Eigenschaften erfüllt, wird die Mannschaft stark.“ Wenn er dafür van der Vaart 90 Minuten den Rücken freihalten soll – „dann mache ich das. Kein Problem. Wenn wir es schaffen, dass jeder seine besten Eigenschaften gezielt einbringt, werden wir stark.“

Badelj, der heute kurz bei uns in der Runde saß, macht trotz seiner jungen 23 Jahre einen extrem aufgeräumten Eindruck. Er ist devot der stärkeren Bundesliga gegenüber („Ich weiß, dass ich hier weniger Zeit habe und alles schneller, härter und intensiver ist“) aber ehrgeizig („Ich will immer gewinnen. Und das immer ein wenig mehr als alle anderen“). Zudem ist Badelj bemüht, sich einzubringen, lernt bereits seit vergangenem Sonnabend Deutsch. „Ich will mich mit allen perfekt verständigen können, da ist die Sprache sehr wichtig.“

Badelj ist bescheiden, lobt sich nicht selbst und wirkt fast ein wenig verlegen, wenn man ihm verschiedene Qualitäten auf dem Platz bescheinigt. Er zusammen mit dem nicht minder bescheidenen und ehrgeizigen Jiracek sowie dem genialen van der Vaart – das kann was werden. Ich glaube, dass von den Dreien die zuletzt wackelige Defensive ebenso wie die zu harmlose Offensive profitieren wird. In Frankfurt soll es Artjoms Rudnevs werden, der im Training heute wieder so spielte wie vor Werder. Auffällig waren da nur technische Stockfehler. Allerdings habe ich das auch vor dem Bremen-Spiel gesagt und im Weserstadion zeigte Rudnevs völlig unerwartet seine bislang beste Leistung, seit er für den HSV spielt. Sollte er diese bei den Hessen noch einmal steigern können und vielleicht sogar treffen – ich würde mich freuen. Ebenso wie Arnesen, der für den Transfer des ersten Letten zum HSV verantwortlich ist.

In diesem Sinne, lasst uns die Stunden bis zum Abpfiff in Frankfurt so optimistisch wie möglich angehen. Vereinspolitik muss jetzt in den Hintergrund rücken, damit die sportliche Euphorie seit dem van-der-Vaart-Wechsel weitergelebt werden kann. Dabei sollte auch egal sein, ob vorn ein Berg oder Rudnevs oder auch ein Son oder Beister aufläuft. Sein wir doch froh, dass wir endlich wieder etwas Auswahl haben… „Schritt für Schritt nach oben“ – hatte Badelj als sein Ziel für die nächsten Wochen ausgegeben – und damit alles gesagt, was es zu sagen gibt. Der Rest muss auf dem Platz gezeigt werden.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter. Ich freue mich währenddessen auf Frankfurt.

Scholle

Der HSV wird besser. Langsam. Aber stetig.

13. September 2012

Ein Neuanfang ist nötig. Alle wollen ihn. Genau genommen schon seit dem ersten Umbruch in der vergangenen Saison. Und geht es nach Trainer Thorsten Fink samt Klubführung, wird selbiger am Sonntag in Frankfurt begangen. „Für uns beginnt die Saison am Sonntag“, sagt Fink und verweist zurecht auf den inzwischen stark veränderten und deutlich verbesserten Kader. Zwar konnte der HSV-Trainer gegen Werder Bremen am zweiten Spieltag bereits auf Petr Jiracek und Milan Badlj zurückgreifen, allerdings verletzten sich beide Neuzugänge bereits in der ersten Halbzeit so, dass Jiracek angeschlagen weiterspielte und Badelj zur Halbzeit sogar ausgewechselt wurde. „Wir hatten davor nur drei Tage Training zusammen“, so Fink. Eine echte Eingewöhnung habe da eh nicht stattfinden können. Jetzt, zwei Wochen später, ist der HSV weiter. „Wenn man gerade einen lauf hat, kommt so eine Länderspielpause ungelegen. Uns hat sie wahrscheinlich ganz gut getan.“

Zumal Königstransfer Rafael van der Vaart die kompletten zwei Wochen mit der Mannschaft trainieren konnte. „Rafael ist voll integriert“, freut sich Fink über das für mich wenig überraschende. Immerhin hat van der Vaart keine Gelegenheit ausgelassen, seine Freude über die Rückkehr in seine Heimat, wie er Hamburg nennt, zu betonen. „Es kann jetzt bei uns einen Turnaround geben“, so Finks Hoffnung, „Rafael nimmt Druck von den Kollegen und kann selbst damit umgehen. Das macht ihm nichts.“ Und das hat spürbar Auswirkungen auf die Qualität im HSV-Spiel: „Rafael ist kein Fremdkörper, er bekommt jeden Ball.“ Und eine Videoeinweisung in Sachen Taktik.

Fakt aber ist, dass der HSV zumindest im Vorfeld der Frankfurt-Partie Hoffnung macht. „Alle sind aggressiv im Training“, sagt Fink, „alle wollen spielen.“ Das sei eine gute Situation, ergänzt van der Vaart, der nach eigener Aussage „zwei sehr gute Trainingswochen“ hatte und die Mannschaft „topfit“ sieht. „Wir machen in Frankfurt unseren Neuanfang. Wir brauchen schnell Punkte – aber wir fahren mit viel Selbstvertrauen nach Frankfurt.“

Bislang sind das alles nur Worte. Wie so oft, nein: wie zu oft in letzter Zeit. Aber es ist bereits sichtbar besser geworden, diese Mannschaft ist mit der Mannschaft gegen Nürnberg beim Grottenkick am ersten Spieltag nicht mehr zu vergleichen. „Es ist eine Entwicklung zu erkennen. Die Mannschaft hat in den letzten Tests schon deutlich mehr Spielfreude gezeigt“, freut sich Fink über den Torhunger und die Spielwut seiner Mannschaft in den letzten 14 Tagen – Schwarzenbek (0:12) und Niendorf (2:11) können ein Lied davon singen. Und auch insgesamt seien die Vorzeichen vor dem Spiel beim Tabellenzweiten in Frankfurt gut. „Die Nationalspieler sind gesund zurück“, so Fink, der nur auf Dennis Aogo (schlechte Blutwerte) verzichten muss und seine Startelf für Sonntag schon im Kopf hat. „Ich weiß, wie ich spielen will – gebe es nur noch nicht preis“, so der HSV-Trainer, der allerdings hinzufügt, am Sonntag gegenüber dem Auftritt in Bremen nicht zu viel verändern zu wollen.

Klar ist, dass van der Vaart beginnen wird, ebenso wie Petr Jiracek, dessen Bluterguss auf dem Spann „schon wieder richtig gut“ ist. Sagt der beinharte Tscheche zumindest selbst. Klar ist auch, dass Milan Badelj von Beginn an spielt, sollte er seine Zerrung auskuriert haben – wonach es heute im Training aussah. „Milan hatte vor dem Training bereits den Härtetest bestanden und wird am Freitag und Sonnabend voll mittrainieren und dementsprechend in Frankfurt auch spielen“, sagt Fink. Die zehn Tage Pause hätten dem Kroaten nichts ausgemacht.

Und dem scheint so. Irgendwie macht Badelj, mit dem wir am Freitag sprechen werden, auf mich einen extrem coolen Eindruck. Er ist ein wenig das Gegenteil vom sehr agilen und aktiven Jiracek. Dazu die Genialität van der Varts – ich glaube, der HSV hat im zentralen Mittelfeld die richtige Mischung. Auch wenn sowohl van der Vaart als auch Fink meine Frage nach der genauen Arbeitsaufteilung im Zentrum nicht beantworten konnten (oder wollten), mit Badelj hat der HSV einen sehr intelligenten, ballsicheren Taktgeber gefunden. Der Kroate ist der Stratege aus der Tiefe, der die Direktion des leider manchmal überfordert wirkenden Heiko Westermann übernehmen wird. Was den Kapitän sichtlich freut: „Für mich ist es gut, wenn ich mich noch mehr auf mein eigenes Spiel konzentrieren kann“, so Westermann gestern wohltuend ehrlich. „Und das Gleiche gilt für einige andere auch.“

Stimmt. Auch Jiracek tut es gut, wenn er sich einzig um sein kraftraubendes Spiel kümmern kann. Das allein ist schon anstrengend genug, da tut etwas Führung von außen sicher gut und dürfte sich positiv auswirken. Der Tscheche ist im Übrigen für mich der Sechser im Lotto in dieser Transferzeit – betrachtet man mal dessen Spielstärke und das Zustandekommen des Transfers. So viel Qualität abzugeben – da hat sich auch Dietmar Beiersdorfer gewundert. Der ehemalige HSV- und heutige St.-Petersburg-Sportchef hatte sich auch für Jiracek interessiert. „Ich war sehr überrascht, dass Felix Magath Jiracek abgibt“, so Beiersdorfer, „aber es gab keine ernsthaften Gespräche.“ Schließlich war ziemlich früh klar, dass der offensivstarke defensive Mittelfeldspieler nach Hamburg geht. Ehrensache für Beiersdorfer, da nicht dazwischen zu funken.

Der HSV hat sein neues Dreieck. 4-2-3-1 wird gespielt, im Mittelfeld gesellen sich zu den drei neuen Hoffnungsträgern am Sonntag voraussichtlich noch der formstärkste Hamburger (neben Adler) Marcell Jansen auf links und Heung Min Son auf rechts dazu. Ich habe die Diskussionen hier im Blog mitverfolgt und kann nachvollziehen, dass viele von Euch Maxi Beister nur zu gern spielen sehen würden. Aber ich glaube, dass bei einigen von Euch die Neugier ausschlaggebend für diesen Wunsch ist. Immerhin galt (und gilt für mich noch immer) Beister als Toptalent und wurde in Hamburg über Wochen hoch angepriesen. Allerdings muss selbst ich als Beister-Befürworter zugeben, dass der Junge noch etwas Zeit braucht. Und die sollten wir ihm geben. Manchmal ist der halbe Schritt rückwärts wichtig, um letztlich den entscheidenden Schritt vorwärts zu machen. Denn klar ist: Noch macht Maxi defensiv zu viele taktische Fehler und verliert offensiv zu viele Zweikämpfe. Immer wieder blitzt sein Können und seine enorme Torgefahr auf.

Dennoch glaube ich, dass eine langsame Herangehensweise in diesem Fall hilfreich sein kann. Beister ist einfach noch nicht bereit für die Startelf. Allerdings, das muss ich dazu sagen, sobald die Mannschaft in sich stabiler ist, sobald das neue Dreick Badelj/Jiracek/van der Vaart greift, gehört auch ein Beister auf den Platz. In dem Moment spätestens gehört ein Son – eigentlich gehört er meines Erachtens immer dahin – in den Sturm. Für Rudnevs. Neben Rudnevs. Neben Berg. Oder eben auch mal auf die Bank. Wobei wir aktuell nicht verkennen dürfen, dass Son gut drauf ist. In den Testspielen hat er getroffen und im Training überzeugt er. Im Gegensatz zum bemühten aber eben oft glücklosen Beister. Dessen Zeit wird auf sicher noch kommen. Denn wenn der Junge vom Rest der Mannschaft getragen, kann er genau die Entwicklung nehmen, auf die alle hoffen. Erst dann kann er ausreichend frech sein Spiel spielen in der Sicherheit, dass seine Fehler vom Rest der Mannschaft ausgebügelt werden.

In diesem Sinne, es ist gar nicht so lange her, da musste man beim HSV noch im Ausschlussverfahren aufstellen. Da wurde gefragt, wer dem HSV am wenigsten schaden würde auf dem Platz. Inzwischen streiten wir darüber, wer besser ist, wer ob seiner Qualität auf den Platz gehört. Und das ist mir persönlich deutlich lieber. Immerhin zeigt es, dass sich Dinge beim HSV verbessern. Langsam. Aber stetig.

Bis morgen.
Scholle

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