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Das alte Spiel beginnt – und die größten Fehler werden nicht behoben

28. Januar 2014

Es ist wie immer: der HSV spielt schlecht und alle fordern mehr Einsatz, mehr Leidenschaft und weniger individuelle Fehler. Was beim Sieg gegen Nürnberg und Freiburg noch gut war unter van Marwijk, ist jetzt schlecht.

Weil es nicht läuft.

„Business as usual“, so nennen es die Trainer, die der Reihe nach in Hamburg verschlissen werden. „Nicht an der richtigen Stelle hinterfragen“ nennen es dagegen Insider, die selbst nicht die Traute haben, Misstände anzuprangern. Sie wollen schlichtweg nicht zum HSV-Snowden werden – obgleich vielen damit geholfen wäre.


Und beide Seiten haben Recht. Denn dieser HSV bietet fast die gesamte Bandbreite verfehlter Fußballpolitik inklusive derer Auswirkungen auf dem Platz. Denn dass der HSV keinen Führungsspieler hat, wussten alle schon vor zwei Jahren, als Thorsten Fink den HSV vor dem Abstieg rettete. Geändert wurde dieser Zustand nicht. Im Gegenteil: Fink wurde gefeiert, weil er (ob der Dusseligkeit Hertha BSCs) die Klasse hielt. Und er wurde gefeuert, als es nicht mehr lief. Damit hatten die Offiziellen nicht mehr und nicht weniger getan als das, was in der Regel jeder Fußballklub macht, der in Not gerät. Und ich will diese Entscheidung auch gar nicht grundsätzlich in Frage stellen. Aber was alle dabei zu vergessen scheinen: die Probleme an der Basis sind geblieben. Sie wurden totgeschwiegen und mit dem Trainer als Bauernopfer übertüncht. Es gab keine Rücktritte. Weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat. Und die Folge ist, dass die Leute, die um die Mannschaft herum falsche Entscheidungen getroffen haben, Entscheidungsgewalt behalten haben. Teilweise bis heute.

Wie soll es da besser werden?

Und heute wiederholt sich das Trauerspiel, das in Hamburg häufiger zu sehen ist als gute Spiele: Der Trainer wird in die Pflicht genommen, steht nicht nur in der Kritik sondern gar auf der Kippe. Weil er keinen Erfolg hat. Ein Punkt im Schnitt und ein Relegationsplatz – da muss sich tatsächlich auch jeder Trainer hinterfragen. Zumindest muss er seine Entscheidung sich diesen HSV anzutun. Und wie man hört, macht van Marwijk das.

Dass Bert van Marwijk sich bei so einer Bilanz Kritik gefallen lassen muss, ist klar. Er weiß genau, dass er jetzt in den Fokus rückt. Und lieferte er anfangs zumindest in der Theorie noch Lösungsansätze, sind die längst verpufft. Van Marwijk erscheint diesmal tatsächlich ratlos. „Das war von allem zu wenig“, so die Kernaussage über das Schalke-Spiel, die ebenso richtig wie resignierend klingt.

Was folgt ist das Spiel, das in Hamburg Hochkonjunktur hat: Von außen wird genau das vom Trainer gefordert, was er intern gerade nicht gemacht hat. Erschwerend hinzukommt, dass der Trainer Fehler macht, die vermeidbar wären. Immerhin hatte Fink es vorgemacht und hatte Heimatausflüge der Präsenz hier vorgezogen, als es nicht so lief – was das Fass am Ende überlaufen ließ. Eben das macht jetzt auch van Marwijk, der trotz der Ansage des Sportchefs, dass am Mittwoch eine zusätzliche Trainingseinheit am Vormittag wichtig wäre, in die Heimat fuhr – wissend, dass er sich so angreifbar macht.

„Ich bin lang genug dabei und kenne das Spiel“, sagte van Marwijk anfangs beim HSV und niemand würde ihm da widersprechen. Auch ich nicht. Aber genau deshalb frage ich mich, warum er den Kritikern freiwillig Nahrung zuwirft? Hätten ihn die paar Stunden weniger in der Heimat wirklich umgebracht?

Nein, die Kritik an van Marwijk verwundert wirklich nicht. Weder ihn noch irgendwen sonst. In einer Phase wie jetzt muss jeder genau aufpassen, was er macht. Denn es wird alles hinterfragt. Und jeder. Von A wie Aufsichtsrat bis Z wie Zeugwart oder auch Zweikampfverhalten. Irgendwo dazwischen ist dabei eben auch das T wie Trainer(-team). Nicht mal van Marwijk selbst wundert sich. Ganz sicher nicht. „Wenn es hier mal nicht so laufen sollte, wird nicht mehr gefeiert – dann wird selbst das kritisiert, was vorher gut war. Und das ist okay“, hatte van Marwijk immer wieder gesagt und so erklärt, weshalb er den großen Lobeshymnen zu Beginn nicht trauen mochte. Er sei ja kein Träumer, sagte er damals. Er wusste vielleicht schon, was kommen würde…

Nun muss man wissen, dass van Marwijk ein sehr von sich überzeugter Trainer ist, der nur wenige Ratgeber zulässt. In Dortmund beispielsweise gab es davon fast keinen. Van Marwijk kam, sah und entschied – was ihm im Gegenzug nicht viele Freunde einbrachte. Aber er hatte zunächst Erfolg und alle blieben ruhig. Erst, als der Motor stotterte, kamen die ersten Kritiker hervor. Unter ihnen auch der wortgewaltige Klubboss Joachim Watzke, der sich nach eigener Aussage aus Selbstschutz heute lieber gar nicht mehr über van Marwijk äußert.

Auch beim BVB durchlebten Verein und Trainer jene Situation, die dem Niederländer hier gerade angelastet wird. Es lief nicht und der Trainer gab weiter frei. So, wie vorher. In Dortmund war es sogar der identische Rhythmus: Spiel, früh auslaufen, Ruhetag und dann am Nachmittag das nächste Training. Und das wurde stillschweigend geduldet – so lange es lief. Aber irgendwann lief es nicht mehr und Klubboss Joachim Watzke machte den Trainer darauf aufmerksam, dass es taktisch unklug wäre, weiter den Heimaturlaub durchzudrücken. Dass es besser wäre, mal etwas zu verändern, als Trainer voranzugehen und mehr zu arbeiten, um so ein Zeichen zu setzen. Worte, die bei van Marwijk damals ebenso verhallten wie aktuell von Oliver Kreuzer. Es waren aber auch Worte, die van Marwijk klarmachten, was ihm bevorstünde. Van Marwijk sieht seine Fehler nicht ein. Daher wird er sich auch jetzt nicht über die Schärfe der öffentlichen Kritik wundern.

Nein, ich befürchte sogar, dass der Trainer das ganze Theater hier billigend in Kauf nimmt. Dass hier alles früher als vertraglich vereinbart zu Ende geht und es ihn nicht mal stört. Warum sonst ist der Trainer tatsächlich nicht bereit, der Situation geschuldet eigene Opfer zu bringen? Warum lernt er aus der Vergangenheit nicht?

Wobei, eines ist ebenso klar wie abstrus: Gewinnt van Marwijk mit dem HSV in Hoffenheim, hat er erst mal wieder Recht. Aber das bereits eingeläutet, unschöne Spiel würde nur um ein Kapitel erweitert. Oder zwei, wenn gegen Hertha gewonnen wird. Vielleicht sogar um drei Kapitel, wenn eine kleine Serie gestartet werden kann. Allein, wer glaubt daran, wenn es die Spieler nicht tun, der Sportchef nicht kann und der Trainer nicht mehr zu wollen scheint?

Letztlich verliert ein Trainer, der sich über alles im Verein hinwegsetzt fast immer. Selbst Double-Gewinner und Autoritätsperson Felix Magath machte in München diese Erfahrung. Ebenso „der General“ van Gaal. Zumal dann, wenn zudem der Erfolg ausbleibt wie jetzt beim HSV. Womit wir wieder zum Kernproblem kommen: Denn Erfolg, da lege ich mich fest, den bekommt hier in Hamburg mit dieser Mannschaft keiner auf Dauer hin. Dafür wurden im Vorfeld zu viele Fehler gemacht, ein falscher Kader zusammengestellt und die falschen Entscheidungen von den falschen Entscheidungsträgern getroffen. Und ich befürchte, dass van Marwijk genau das erkannt hat und sein Ende in Hamburg unter diesen Voraussetzungen nicht bedauern würde. Dass er damit nur ein weiteres Opfer vererbter Fehler würde wie Fink und zu viele Trainer zuvor beim HSV – einfach nur traurig.

Wie es zu erklären ist, dass sich mehr als 80 Prozent auf HSVPlus stürzen, werde ich immer wieder gefragt. Meine Antwort: Weil van Marwijk mit seiner Erkenntnis offensichtlich nicht allein ist. Neben ihm haben offenbar zigtausende HSV-Fans erkannt, dass die Voraussetzungen für erfolgreichen Fußball beim HSV nicht mehr gegeben sind. Es muss sich etwas ändern.
Wobei, „etwas“ ändern reicht nicht – es muss alles und jeder hinterfragt werden. Sicherlich auch der Trainer. Aber eben längst nicht nur er…

Scholle

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