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Bitte den Weg frei machen! Und: Noch keine Entscheidung bei Lasogga

9. Juni 2014

Und schon geht’s wieder los. Eine Woche Urlaub – und der war gefühlt nach anderthalb Tagen schon wieder vorbei. Vor allem, weil ich noch immer nicht abschalten kann. Diese Saison hat so viele kleine und vor allem auch größere Narben hinterlassen, dass die Pflege selbiger noch Wochen, Monate und schlimmstenfalls sogar noch Jahre dauern wird. Vor allem aber kam ich selbst auf Lanzarote nicht umhin, mir jeden Tag die verschiedenen Zeitungen und Online-Medien durchzulesen. Denn dafür ist die aktuelle Phase zu brisant. Gerade jetzt, unmittelbar nach der Wahl von 25. Mai sortiert sich der HSV neu. JETZT ist die Zeit, die für die nächsten Jahre (mit)entscheidend wird. Denn jetzt geht es darum, das Personal zu bestimmen, das diesen heruntergewirtschafteten HSV wieder in erfolgreichere, erfreulichere Gefilde führen muss.

Auch auf der Fanseite. Und es fiel mir wirklich gerade in diesem Beritt sehr schwer (und war nur durch Dieters Veto möglich), mich im Urlaub nicht in Blog-Form zu Wort zu melden, als ich las, dass die SC-Führung überlegt, sich aufzulösen.


 

Auflösen?? Bitte?? Wer ist denn der SC, wer darf etwas so weitreichendes entscheiden?

In den letzten Jahren bin ich von den führenden Supporters immer wieder dafür sensibilisiert worden, bei Pyro-Aktionen oder sonstigen Verfehlungen von HSV-Fans nicht pauschal vom SC zu sprechen. Es seien ja nur einige wenige und die seien sicher nicht stellvertretend für den gesamten Supporters Club. Und das habe ich genauso gesehen, das stimmte sicherlich auch. Warum aber die gleichen Leute heute meinen, sie seien stellvertretend für den SC und könnten anfangen, eine Schließung des SC zu diskutieren – das erschließt sich mir nicht, um es mal ganz, ganz lieb zu formulieren.

Nein. Der Supporters Club an sich ist eine gute Institution – er wurde in den letzten Jahren schlichtweg immer weiter an seinen Mitgliedern vorbei geführt. Bis er selbige verloren hatte. „Dieser SC ist eine Allegorie auf das gesamte Miteinander beim HSV, eine Allegorie auf das größte Dilemma des HSV“, formuliert es Axel Formeseyn, der sich zuletzt immer wieder darum bemüht hatte, zwischen den Fronten der „HSVPLusser“ und der aus etlichen Supporters bestehenden Opposition zu vermitteln. Das allerdings noch erfolglos, wie er selbst findet. „Ich kann verstehen, dass viele der Gründungsmitglieder des SC aus 1993 heute sagen, sie können und wollen den Supporters Club so nicht guten Gewissens führen. Sie wollen nicht nur noch Konsument sein. Und das will ich auch nicht. Aber ich will wieder mal einfach nur Fan sein. Ich will als Supporter nicht automatisch ein Fan-Politiker sein und würde mir sehr wünschen, dass der SC eine vernünftige Übergabe hinbekommt. Denn dieser Verein braucht eine gute Fan-Organisation mehr denn je. Auch, wenn es sicherlich nicht falsch sein muss, dem Kind einen neuen Namen zu geben.“

Zumal die Chancen definitiv nicht so schlecht stehen, wie es die niederschmetternde Wahl am 25. Mai auszusagen scheint. Gerade, weil mit Dietmar Beiersdorfer ein Vorstandsvorsitzender inthronisiert werden soll (und wird), der für beide Seiten unverdächtig ist. Schon bei seinem ersten Amtsantritt 2004 hatte sich der damalige Vorstand Sport immer wieder intensiv mit den Supporters (damals auch mit Formeseyn) ausgetauscht und ihren Wünschen im Vorstand zu Gehör verholfen. „Didi Beiersdorfer, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, interessiert sich für die Fans, für die Mitglieder des HSV. Er will eine gemeinsame Philosophie aller HSVer im Verein, auch in der Rechtsform einer AG, weil er ein gutes Gespür für die Bedürfnisse innerhalb des Klubs hat. Deshalb ist dieser Neustart seine – aber eben auch unsere Kardinalsaufgabe. Eine Vereinsphilosophie funktioniert nicht ohne Fans. Aber auch innerhalb der Fangruppierungen darf ich nicht so tun, als sei der so genannte inner circle entscheidend. Und das wurde in den letzten Jahren einfach zu oft falsch gemacht“, so Formeseyn.

Stimmt!

Und genau das ist es, was ich meinte, als ich HSVPlus als alternativlos bezeichnet hatte. Ich nenne es mal „Die Opposition“, weil nicht alle Gegner von HSVPlus Supporters waren und sind, aber gerade die Opposition hätte im Sommer 2013 die Zeichen der Zeit erkennen müssen. Damals stand Otto Rieckhoff auf und formulierte den Gedanken, dass sich alles ändern müsse – und erntete massiven Applaus. Gleiches im Januar mit dem ersten Wahlsieg für HSVPlus. Formeseyn fragte im Sommer 2013 übrigens sogar einen führenden Aufsichtsrat in einem persönlichen Brief, ob ein Rücktritt nicht sinnvoll sei, wenn er sich dem Wunsch der Mehrheit entgegenstellen wolle. Formeseyn wollte so zusätzlichen Schaden vom SC abzuwenden. Erfolglos. „Damals auf der MV war durch die Reaktion der anwesenden Mitglieder schon erkennbar, dass sich auch der SC verändern muss. Dass ein Konzept her musste, wie es besser wird. Und anstatt sich hinzustellen und zu schreien, dass sich mit Rieckhoff ausgerechnet derjenige meldete, der den Karren als Aufsichtsratsboss selbst in den Dreck gefahren habe, hätte man auf seine Leute zugehen müssen. Man hätte eingestehen müssen, dass man in zu vielen Bereichen an der eigenen Masse vorbeiagiert.“

Leider blieb Formeseyn hier erfolglos.

Und so ist Formeseyn plötzlich ein ganz wichtiger Faktor auf dem Erfolgsweg von HSVPlus geworden. Nicht, weil er bedingungslos hinter dem Konzept steht oder die Art der Neuen huldigen will. Im Gegenteil: „Die offensiven Ansagen von Herrn Gernandt lange vor seinem Amtsantritt bestätigen leider Kritiker.“ Nein, Formeseyn geht es um den HSV, wie er betont. Es sei wünschenswert, wenn sich alle Verantwortlichen eine Zeitlang verbal zurückhielten und stattdessen Taten sprechen lassen würden. Er äußert sich auch nur, weil er die Mitte zwischen zwei Radikalen suche und sich der SC weiter selbst bombardieren würde.

Denn weiterhin würde weniger mit eigenen Inhalten denn mit Kritik am gegnerischen Modell agiert. Anstatt das klare Votum der Mitglieder zu erkennen und zurückzutreten, schwangen sich Ertel und andere SC-Führende wie Christian Reichert sogar zu großen Reden auf. „Es wären niemals 75 Prozent im Januar geworden, wenn es vorher einige Rücktritte gegeben und das Signal ausgesendet worden wäre, dass man aufeinander zugehen wollen würde. Es fehlte das Zeichen, dass man seine Leute versteht. Dabei war der Sommer 2013 die perfekte Vorlage und die Supporters hatten alle Trümpfe in der Hand. Aber: Stattdessen wurde Misstrauen propagiert und weniger mit eigenen Inhalten geglänzt. Und: Bei 60000 von insgesamt 70000 Mitgliedern in den eigenen Reihen nicht einmal 25 Prozent für sich und seine Überzeugung gewinnen zu können ist ebenso armselig wie ein klares Zeichen, dass hier nicht HSVPlus gewählt, sondern Verantwortungsträger abgewählt wurden.“

Stimmt. Eigentlich könnte ich an dieser Stelle einen Punkt machen. Aber das kann es nicht sein. Denn dieser SC verfügt weiterhin über das Potenzial der Mitte. Vielleicht nicht bei den Biebersteins, Ertels und Reicherts. Vielleicht nicht in der SC-Führung. Aber dafür sollten andere nachrücken und das fortführen, was den SC so wichtig macht. Denn eines ist mal ganz klar: die Fans sind und bleiben das größte Kapital des HSV. Das wissen alle. Auch die Damen und Herren von HSVPlus…

Apropos Wissen, in dieser Hinsicht hat auch ein so erfolgreicher Geschäftsmann wie Karl Gernandt in den letzten Tagen und Wochen dazugelernt. Nachdem er im Zuge des Wahlkampfes den Namen Dietmar Beiersdorfer sehr offensiv angekündigt hatte, bekommt er jetzt die Reaktion der Russen zu spüren, die sich noch immer zieren, den Auflösungsvertrag final zu unterschreiben. Aktuell weilt Beiersdorfer in Russland, führt dort die Gespräche mit seinem Noch-Arbeitsgeber. Und die Tatsache, dass russische Medien die Aussagen Gernandts aufgegriffen haben und sie so interpretiert haben, dass eine Einigung zwischen dem HSV und dem neuen Aufsichtsrat bereits besteht, erleichtert es dem designierten neuen Vorstandsboss in St. Petersburg nicht unbedingt. Dennoch, nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: Ich zweifle nicht daran, dass Beiersdorfer kommt. Ich glaube nur, man hätte es sich deutlich leichter machen können, wenn man etwas vorsichtiger bei der Wortwahl geblieben wäre.

Aber, und auch da bin ich mir sicher, Karl Gernandt wird diesen Fehler, der zu Teilen wohl auch bewusst gemacht wurde, weil er wahlkampffördernd war, nicht wiederholen. Und damit hat er vielen Aktuellen HSVern ganz offensichtlich und hör- sowie lesbar schon einiges voraus…

Den Blick voraus gerichtet, sollte am morgigen Dienstag eine Entscheidung in Sachen Pierre Michel Lasogga fallen. Darauf angesprochen, reagierte Sportchef Oliver Kreuzer verwundert. „Ich glaube nicht, dass der Dienstag alles entscheiden wird. Es ist vielmehr ein laufender Prozess. Ich bin ständig im Austausch mit Pierre und seiner Mutter“, so Kreuzer, der weiterhin Hoffnung hat, den Publikumsliebling in Hamburg zu halten. „Pierre kommt es nicht allein aufs Geld an, er schätzt Werte sehr hoch. Und auch wenn es sicherlich schwer wird für uns, gebe ich die Hoffnung nicht auf, solange er uns nicht absagt und woanders unterschrieben hat. Pierre weiß schon sehr genau, was er an Hamburg hat.“ Zudem hegt auch Kreuzer große Hoffnungen, dass auch Lasogga die Strukturreform als Argument für einen Verbleib ansieht. Lasogga sprach vergangene Woche mit Beiersdorfer, Kreuzer tauscht sich schon seit längerer Zeit mit seinem künftigen Vorgesetzten aus. Er informiert Beiersdorfer über alles, was in Sachen Kaderplanung passiert. „Wir kommen weiter“, widerspricht Kreuzer der Meldung, ihm sei ein Transferstopp auferlegt worden, obgleich es in Sachen Matthias Ostrzolek noch keine Annäherung mit dem FC Augsburg gibt.

Und ganz ehrlich, solange es den Austausch zwischen dem aktuellen Sportchef und seinen designierten Vorgesetzten gibt, habe ich kaum bis keine Bedenken. Denn sowas wie bei Stieber darf nicht mehr vorkommen. In doppelter Hinsicht. Zum einen muss die Kaderplanung, schon um massive Spannungen mit dem neuen Vorstand zu vermeiden, mit den neuen Verantwortungsträgern abgestimmt werden. Zum anderen darf aber der neue Verantwortliche – schon gar kein Aufsichtsrat – nicht anfangen, irgendeinen Kaderspieler schlechtzureden. Nie. Oder besser noch: nie mehr. Warum auch? Denn wie viel totes Kapital man riskiert, wenn man unter Vertrag stehende Spieler kleinredet, das hat der HSV in den letzten Jahren mit Rajkovic, Tesche, Kacar usw. schmerzlich erfahren…

Fazit: Es geht darum, die großen Chancen im Neuanfang zu sehen und gemeinsam zu nutzen. Wobei die Betonung auf gemeinsam liegt. Und das auf allen Ebenen. Und bitte, wer da nicht mitmachen kann oder will – der soll doch bitte endlich und einfach den Weg freimachen. Im Sinne des HSV.

Bis morgen.
Scholle

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