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Mentale Fitness wieder herstellen

30. November 2009

Die Nachricht aus der Presseabteilung des HSV habe ich erst einmal abgespeichert. Eljero Elia hat nur eine schwere Knöchelprellung in Mainz davongetragen. Ich kann es kaum glauben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bei neu aufgeploppten Mails schon zweimal dabei erwischt, dass ich sie gedanklich schon vorempfunden habe. „Alles doch viel schlimmer“, stand dann da. Oder: „Elia muss doch zwei Monate pausieren!“ So weit ist es schon gekommen. Die „Seuche“ und dauerhafte Lazarett-Befüllung beim HSV hat sich schon nachhaltig auf die Gedankenwelt der ständigen Begleiter ausgewirkt. In meinem Umfeld gibt es mittlerweile nicht wenige HSV-Fans, die bei jedem schmerzverzerrten Gesicht eines Hamburger Profis einen Bänderriss vermuten. Und manche rufen mich nach dem Training an und fragen nur: „Na, wer fällt diesmal aus?“

Damit muss Schluss sein. Ich handhabe es da wie in einem der Kommentare auf die „Sprechstunde“: Der November-Blues findet mit dem Monat sein heutiges Ende, jetzt soll die Feiertagszeit eingeläutet werden. Am Mittwoch gegen Wien könnte mit dem Einzug in die nächste Europapokalrunde der erste Schritt in diese Richtung getan werden. Und die Personalmisere wird auch nicht dadurch besser, dass man sie sich täglich vor Augen hält. Es hilft nichts. Abhaken. Durchbeißen. An sich glauben. Nur so kann es bis Weihnachten funktionieren.

Heute möchte ich mich nicht so sehr mit den immer wieder angesprochenen David Rozehnal und Marcus Berg beschäftigen, sondern mit den Stichwörtern „Glück“ und „Pech“. Im Zusammenhang mit HSV-Spielen und vor allem Gegentoren oder nicht gegebenen Treffern lese ich immer häufiger etwas von „Pech mit Schiedsrichtern“, „Pech im Abschluss“ und ähnliches, dafür haben nun wieder Klubs wie Werder Bremen mit dem Tor in letzter Sekunde Glück oder auch der Mainzer Noveski, dass er für sein Foul an Elia nicht Rot gesehen hat.

Zumindest was den ersten Teil betrifft, nämlich dem so oft zitierten (auch von mir!!!) Pech, möchte ich doch eine kleine Korrektur vornehmen. Wenn man nämlich sieht, wie viele Punkte der HSV in der Endphase schon verschenkt hat (ich meine da in den vergangenen Tagen auch eine Rechnung in einem der Kommentare gelesen zu haben), dann kann man das kaum unter die Rubrik „Pech gehabt“ setzen.

Viel eher stellen sich andere Fragen zu so einer Durchlässigkeit im Defensivverbund: Ist die Mannschaft möglicherweise nicht fit genug, um 90 Minuten plus Nachspielzeit durchzuhalten? Stimmt die taktische Ausrichtung nicht? Wechselt Bruno Labbadia falsch?

Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht und bin zu folgendem Schluss gekommen. Meines Erachtens liegt es nicht an der physischen Fitness, da ist sich die Mannschaft auch nach den immer wieder vorgenommenen Überprüfungsmaßnahmen gut in Schuss. Taktisch sehe ich auch keinen großen Haken. Selbst nach einer Defensivstärkung des Mittelfeldes mit Jerome Boateng gab es in Mainz noch das 1:1, ich habe insgesamt genug HSV-Profis in der Rückwärtsbewegung gesehen. Und über Wechsel lässt sich immer streiten, da sehe ich aber auch kein grundsätzliches Problem.

Wie ist die Schmach der vielen späten Gegentore dann zu erklären? Meine These: mit zunehmender mentaler Müdigkeit – und letztlich auch mit fehlender Qualität.

Ich habe Euch in den vergangenen Wochen ja schon mehrfach geschildert, dass Trainer Bruno Labbadia beim Training immer mal wieder verbal dazwischen geht. Ich habe mich noch einmal erinnert, dass es diesbezüglich eine Entwicklung in der bisherigen Saison gegeben hat. Anfangs hat der Trainer Spielzüge und Spielformen unterbrochen, weil die Akteure seine Vorstellungen nicht umgesetzt haben. Dann war es hier und da mal ein Verhaltensmuster eines Profis, das dem Trainer nicht gefiel und das er schonungslos ansprach.

In jüngster Vergangenheit waren es allerdings meist Konzentrationsschwächen, nicht abgeschlossene Aktionen, Leichtfertigkeiten und Abstimmungsprobleme, die den Coach zum Abbruch einzelner Übungen oder zu intensiven Einzelgesprächen im Anschluss veranlassten. Da regte sich hier mal ein Jerome Boateng lang und breit über ein im Trainingsspiel nicht geahndetes Handspiel auf, da brach Tunay Torun einen Vorstoß ab, weil die gegnerische Mannschaft „Abseits“ rief – was aber gar nicht gepfiffen wurde. Diese mentale Fitness muss jeder Einzelne nun versuchen wieder herzustellen.

Wie das geht, wissen Labbadia und die Spieler selbst bestens: durch Erfolgserlebnisse. Die Mannschaft darf sich nicht im Jammertal (Pech, Schiedsrichterfehler, Verletzungen, Negativserien) einnisten, sondern muss wieder in die aktive, gestaltende Rolle schlüpfen. Wie kann man späte Ausgleichstore verhindern? Ganz einfach: indem man vorher ein zweites eigenes Tor markiert. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich der HSV mal wieder selbst beschert – inklusive des eigenen Publikums.

13:25 Uhr