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Marcelo Diaz ist da – und mit ihm neue Spielkultur? ***Lasogga fällt aus***

2. Februar 2015

***Wieder einmal wird aus “einer reinen Vorsichtsmaßnahme” eine ausgedehnte Verletzung. Und wieder ist es Pierre Michel Lasogga, der diesmal mit einer Zerrung im Oberschenkel ausfällt. Vereinsangaben zufolge sicher für die nächsten beiden Spiele gegen Paderborn und Hannover.****

Marcelo Diaz ist da. „Aber er ist kein Heilsbringer“, schiebt der Direktor Profifußball, Peter Knäbel, hohen Erwartungen gleich einen Riegel vor. Vielleicht, um genau dem Problem vorzubeugen, das immer wieder angesprochen wird. Oder besser gesagt, was immer gefragt wird: „Wieso werden gute Spieler beim HSV schlechter und nicht die Mannschaft besser?“

Bestand den Medizincheck problemlos:  Marcelo Diaz

Bestand den Medizincheck problemlos: Marcelo Diaz

Knäbel beugt damit dem Fall vor, dass der HSV auch mit seinem neuen Chilenen so unterirdisch schlecht spielt, wie gegen Köln. Denn, und das muss man so klar sagen, dass sich der HSV nicht einen Schritt nach vorn entwickelt hat. Im Gegenteil, das vermeintlich schlechteste HSV-Spiel der jüngeren Gegenwart gegen den VfB Stuttgart war nicht schlimmer als die „letzten 75 Minuten“ gegen Köln. Maxi Beister war derjenige, der es noch am deutlichsten und korrektesten formuliert hat. Alle anderen haben das Spiel nur eingeschränkt schlecht gesehen. Und so gern und leidenschaftlich ich auch Partei für den HSV ergreife, dieser HSV hat das (noch) nicht verdient. Aus verschiedenen Gründen.

Aber zurück zu der vielleicht am häufigsten gestellten Frage: Wieso werden die Spieler beim HSV in aller Regelmäßigkeit seit Jahren schlechter? Dazu muss man eigentlich nur die Gegenfrage stellen: Warum sollten die Spieler besser werden? Oder um es bildlich zu sprechen: Wird ein Abrisshaus sofort gut bewohnbar, nur weil man einen von zehn Fensterrahmen erneuert hat?

Nein. Es muss komplett saniert oder abgerissen und neu gebaut werden. Und so ist es auch hier. Dieser HSV ist ein über die letzten Jahre ziemlich erfolglos geflickter Pflegefall. Jede noch so hoch einzustufende neue Kraft (diese Saison Behrami, Holtby, Müller, Olic etc.) verliert ein Stück weit Wirkung, weil das Gesamte nicht funktioniert. Andererseits ist der einzelne Neue auch nicht stark genug, um das Ganze funktionieren zu lassen. Benötigt würde eine Kernsanierung der Achse – wie sie vor Saisonbeginn angekündigt wurde und wie es rein nominell auch gemacht wurde. Allein der Grad der Qualität ist noch nicht abzuschätzen – und wird auch noch eine ganze Weile auf sich warten lassen, da Behrami nun schon bis Mitte März ausfallen soll.


Jetzt also Diaz. Der technisch starke 166-Zentimeter-Mann gilt als außergewöhnlich passsicher und spielintelligent. Zwei Attribute, die dem HSV-Mittelfeld (auch mit Behrami) zuletzt fehlten. Der Versuch mit Petr Jiracek neben van der Vaart ist gescheitert. Nachhaltig, wie ich hoffe. Denn Jiracek ist weder ein außergewöhnlich guter Passgeber, noch lenkt er ein Spiel – und defensive Ordnung hält er auch nicht. Weniger noch: Jiracek sucht noch nach seiner besten Position – und bekommt er sie, hält er sie nicht. Zumindest blieb mir im Köln-Spiel bis zu seiner Auswechslung unklar blieb. Ich war fast geneigt, dem sympathischen Tschechen das Verständnis für dieses 4-1-4-1-System abzusprechen, so vogelwild lief er von links nach rechts, von vorn nach hinten und andersrum. Oder war es die Motivation, die unverhoffte Chance mit aller Macht nutzen zu wollen, die sich in diesem Überfluss kontraproduktiv auswirkte?

Egal wie, die Mannschaft aus dem Köln-Spiel hat keine Perspektive. Weniger Spielaufbau als bei dem 0:2 habe ich selbst im Amateurfußball lange nicht gesehen. Der 1. FC Köln musste sich nicht einmal anstrengen, um einen sicheren Auswärtssieg zu landen. Es reichte mal wieder, auf den einen oder anderen kapitalen Bock im HSV-Spiel zu warten. Und wenn ich als Gegner die Sicherheit habe, dass der HSV nicht in der Lage ist, offensiv gefährlich zu werden, kann ich dafür abwarten. Mit aller Geduld – und Effektivität. Zwei nahezu identische Konter offenbarten das HSV-Dilemma. Es ist auch nach der oft als intensiv und gut betitelten Vorbereitung keine Verbesserung zur Hinserie erkennbar gewesen. Und – so schade das auch ist – das Problem wird auch ein Diaz allein nicht ändern.

Nein, in diesem Fall muss Zinnbauer sich etwas einfallen lassen. Er muss die Aufstellung gegen Köln hinterfragen und entsprechende Konsequenzen für die Startelf gegen Paderborn ziehen. Westermann einen weiter zurückzuziehen wäre dabei nur ein kleiner Schritt von vielen – und sicher längst noch keine Lösung. Dem HSV fehlt es weiter an Kreativität. Diaz soll davon einiges mitbringen, aber er braucht über die Außen Anspielpunkte – wenn man nicht wieder mit langen Bällen ins Zentrum scheitern will. Nur, wenn der HSV es schafft, das Spiel über die Außenbahnen zu forcieren, macht eine einzige Spitze Sinn. Und die muss dann nicht einmal zwangsläufig Olic heißen – das könnte unter Umständen – ich weiß schlichtweg nicht, wie fit er ist – auch ein Lasogga sein. Der trainierte heute aber wieder nicht bis zum Schluss, was von Zinnbauer jedoch als „abgesprochene Dosierung“ betitelte. Oder eben ein Rudnevs, der heute im Trainingsspiel zunächst zusammen mit Olic in der A-Elf beim 4-4-2-System als zweite Spitze agierte, ehe Zinnbauer wieder auf einen Stürmer umstellte.

Dennoch, wenn man beim HSV von einem Kopf-Problem spricht, ist das wahr – aber es ist leider auch nicht mehr, als nur die halbe Wahrheit. Denn die lähmende Skepsis, ein Spiel eben nicht lenken und dominieren zu können, ist in der aktuellen Verfassung und Formation bei den Spielern berechtigt vorhanden. Wie heißt es so schön: Was Du nach vorn nicht machst, bekommst du hinten zu tun. Und dieser Problematik sieht sich der HSV seit Monaten ausgesetzt. Bis heute auch ohne brauchbaren Lösungsansatz. Weder Fink, Slomka noch Zinnbauer haben bisher ein Mittel gefunden. Und die Frage, die sich jetzt stellt, ist die, ob wenigstens die neue Führung mit den beiden Transfers von Olic und Diaz einen Schritt in die richtige Richtung gegangen ist. Ich hoffe es.

Fakt ist auf jeden Fall, zumal jetzt nach Ende der Transferfrist, dass Zinnbauer sein Material für den bevorstehenden Abstiegskampf beisammen hat. Mehr kommt nicht. Der HSV-Coach muss jetzt eine Lösung mit dem vorhandenen Kader finden. Dass das nicht mit der Elf gegen Köln klappt – augenscheinlich. Ein Mohamed Gouaida ist dabei noch der geringste Vorwurf zu machen. Dass er irgendwann ein Tief durchleben würde, war zu erwarten. Genauso wenig übersteigern darf man die Erwartung bei Ashton Götz. Der 21-Jährige spielt solide. Nicht weniger – aber eben auch nicht mehr. Er tastet sich weiterhin vorsichtig an den Bundesligafußball heran und vermeidet mit aller Macht Fehler, was ihn auch davon abhält, mehr Mut nach vorn zu haben. Flankenläufe, wie sie in dem aktuellen System mit einem zentralen Angreifer nötig wären, kommen kaum bis gar nicht. Und da auf der rechten Seite Nicolai Müller kaum mehr nach vorn kreiert, ist die rechte Seite wirkungslos.

Im Zentrum ist Rafael van der Vaart weiter nicht der Kreative Pol alter Zeiten. Nicht mal im Ansatz. Nun kann man philosophieren, ob er es nicht sein kann oder das Spiel leidet, weil er seine erhoffte Form nicht abruft. Letztlich aber ist das egal. Das HSV-Spiel leidet so. Und so schwer es mir fällt, das zu schreiben, aber es verdeutlicht: Rafael van der Vaart scheint leider nicht mehr in der Lage, dem HSV-Spiel seinen Stempel dauerhaft aufzudrücken. Bis zum Sommer ist er ein Bestandteil des aktuellen Kaders und besser (vor allem gesunder) als seine direkte Konkurrenz. Wobei, eigentlich ist er nach Holtbys Ausfall nahezu konkurrenzlos auf der Zehn. Leider.

In solchen Momenten wird gern nach frischen Spielern gerufen. In diesem Fall nach Spielern wie Ahmet Arslan, Philipp Müller etc., die in der ersten Halbzeit beim Test gegen Frankfurt in Dubai eine gute Leistung zeigten. Und ich stimme da gern mit ein. Allerdings nur bedingt, weil ich weiß, dass die in dem Moment in sie gesetzten Hoffnungen zu schwer wiegen. Nicht wenige fordern diese Namen zudem nur, weil sie im Vergleich zu den anderen eben noch nicht gescheitert sind. Auf jeden Fall sind die Bedingungen für einen Start in eine große Bundesligakarriere selten schlechter gewesen für unsere Youngster als jetzt unter diesem außergewöhnlichen Druck in einer nicht funktionierenden Mannschaft. Vielmehr, und damit schließt sich der Kreis zu meiner Einstiegsfrage, ist alles gegeben, um aus einem hoffnungsvollen Talent ein (zumindest in Hamburg) scheiterndes Talent zu machen.

Nein, der Moment schreit nach Erfahrung. Das haben auch Knäbel und Beiersdorfer so erkannt und entsprechend nachgerüstet. Olic für den Angriff und Diaz zentral defensiv. Denn Erfahrung bringt Diaz zweifellos mit. Der chilenische Nationalspieler absolvierte heute seinen Medizincheck und unterschrieb anschließend bis 2017. Wie Ihr im Video sehen und hören könnt, wirkt er sehr motiviert. Im Nachklapp erzählte er uns Printjournalisten noch, dass er sich unbedingt wieder auf der großen Bühne zeigen will. Und die Bundesliga sei für ihn die beste Liga der Welt, das Stadion eines der schönsten Schmuckkästchen der Welt. Sollte zudem das, was die Kollegen aus der Schweiz über ihn sagen, nur ansatzweise stimmen, können wir uns große Hoffnungen machen.

Quirlig, ballsicher, technisch gut: Marcelo Diaz macht Hoffnung

Quirlig, ballsicher, technisch gut: Marcelo Diaz macht Hoffnung

Denn Diaz gilt als sehr geradliniger Typ, der sehr zielorientiert arbeitet. Und er ist hart im Nehmen. Was heute abgeklärt wirkt, hat allerdings einen tragischen Hintergrund. So fand der Rechtsfuß im Alter von 17 Jahren seinen Bruder tot im Garten vor. Er hatte sich aufgehängt. „Es ist das eine, einen geliebten Menschen zu verlieren. Und etwas ganz anderes, ihn an ¬einem Baum hinter dem eigenen Haus hängen zu sehen“, sagt Diaz im Buch „Leones“ der beiden Journalisten Rodrigo Fluxá und Gazi Jalil.

In Hamburg ist Diaz bislang noch allein, seine Frau und sein sechsjähriger Sohn sollen möglichst zeitnah aus der Schweiz nachkommen. Ob er schon gegen Paderborn in der Startelf steht, ließ Zinnbauer noch offen. Dafür wolle er sich die beiden Trainingseinheiten heute und morgen noch ansehen. Und nach einer kurzen Phase im B-Team agierte Diaz neben van der Vaart im A-Team. Gouaida blieb zentral davor. Viel zeigen konnte er in dem unspektakulären, torlosen Spiel nicht. Außer die Ansätze, ein gutes Auge zu haben und stets anspielbar zu sein. Und ehrlich gesagt würden diese beiden Attribute allein schon helfen.

 


 

Zinnbauer probierte heute alles mal durch. Westermann als Rechtsverteidiger und in der Innenverteidigung, ein 4-1-4-1-System sowie anschließend ein 4-4-2-System. Rajkovic agierte zuerst im A-Team, wich dann aber für Westermann und Götz (als RV), während Ostrzolek links Marcos ersetzte und Jansen davor spielte. Und ich kann nur hoffen, dass Zinnbauer seine Startelf schnell findet. Am besten noch vor Paderborn…

In diesem Sinne, morgen wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Bis dahin,
Scholle

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