Archiv für das Tag 'Fink'

Über schnelle Urteile und Unmut

6. Juni 2014

Didi auf Malle mit Gernandt bei Kühne. Didi am Telefon mit Mama Lasogga. Didi am Telefon bei Prinz Hakan. Didi in Kontakt mit dem Schweizerischen Fußball-Verband wegen Peter Knäbel, Didi am Rohr bei Nico Hoogma, eventuell um den Niederländer als Sportchef zu präsentieren. Überall Didi – es wird kräftig gearbeitet hinter den Kulissen, selbst wenn der Auflösungsvertrag von Dietmar Beiersdorfer mit Zenit St. Petersburg offenbar noch immer nicht unterzeichnet ist. Zumindest fehlt bis dato die Bestätigung dafür.


 

Gestern und heute wurde hier im Blog heftig diskutiert und geschimpft. Lasst uns gemeinsam mal versuchen, festen Grund unter die Sache zu bekommen. Ich glaube, dass Pöbelei und Unterstellerei nicht weiterführt. Wie ist die Lage? Auf dem Papier hat der HSV einen handelnden Aufsichtsrat und Vorstand. Die Gremien werden geführt von Carl Jarchow und Jens Meier. Jarchow und zumindest sein Kollege Oliver Kreuzer, der Sportchef, sind allerdings „lame ducks“. Sie sind nur noch pro forma im Amt und hängen in der Luft, denn in wenigen Wochen herrschen neue Leute.

 

Dazu übrigens eine Meldung der dpa:

Der amtierende Vorstandsvorsitzende Carl Jarchow hat ein Transferverbot für Sportchef Oliver Kreuzer beim Fußball-Bundesligisten Hamburger SV dementiert. «Das ist Unsinn. So etwas gibt es nicht», sagte Jarchow der dpa am Freitag. «Wer soll denn das aussprechen? Ich glaube auch nicht, dass Herr Gernandt so etwas formuliert hat.»

In einigen Medien wurde berichtet, der künftige Aufsichtsratsvorsitzende Karl Gernandt habe Kreuzer ein Transferverbot erteilt, weil dieser Zoltan Stieber von der SpVgg Greuther Fürth in Absprache mit dem noch amtierenden Aufsichtsrat verpflichtet hatte. Gernandt wird im «kicker» zitiert, dass der Transfer «von unserer Seite aus so nicht eingefädelt worden wäre».

Die HSV-Gremien befinden sich derzeit in einer Übergangsphase. Weil die neue Fußball-AG erst ab 1. Juli offiziell ihre Tätigkeit aufnimmt, kann der noch nicht amtierende Gernandt Sportchef Kreuzer nicht reglementieren. Jarchow: «Es ist das Interesse aller handelnden Personen, dass der Übergang vernünftig läuft. Natürlich spricht sich Oliver Kreuzer auch mit Dietmar Beiersdorfer ab», sagte Jarchow. Auch vom designierten Vorstandschef der AG, der derzeit noch bei Zenit St. Petersburg unter Vertrag steht, habe es keine Verbote gegeben.

 

Die neuen Leute jedenfalls, der designierte Aufsichtsrats-Vorsitzende der Fußball AG, Karl Gernandt, an der Spitze, und der oben angekündigte Dietmar Beiersdorfer als Chef des Vorstands, sind die eigentlich entscheidenden Figuren. Sie werden spätestens am 1. Juli im Amt sein. Das heißt, bei allen Entscheidungen, die im Moment fallen, haben sie später die Konsequenzen zu tragen. Jens Meier, seit Anfang dieses Jahres Vorsitzender des alten Aufsichtsrates, hält diesbezüglich engen Kontakt mit Karl Gernandt.

So weit, so gut. Dieter wurde hier gestern für seine Darstellungen von Euch ordentlich in die Mangel genommen. Er hatte sich kritisch mit der aktuellen Lage auseinander gesetzt. Dass tatsächlich nicht alles rund läuft in dieser Übergangszeit, das wissen wir inzwischen. Unzufriedenheit bei Pierre Michel Lasogga, Unstimmigkeiten beim Transfer von Zoltan Stieber. Genau um dies zu vermeiden, sind klare Zuständigkeiten nötig. Und dazu müssen aus meiner Sicht schnell folgende Punkte geklärt werden:

  • Dietmar Beiersdorfer erhält seine Freigabe aus St. Petersburg und unterschreibt seinen Vertrag beim HSV. Das ist auch unter den aktuellen Bedingungen, da der HSV noch ein e.V. ist, möglich. Sein Vertrag würde dann in einigen Wochen in die AG übertragen werden.
  • Im selben Atemzug würde der Posten neben Beiersdorfer vergeben – vermutlich an Joachim Hilke.
  • Mit Carl Jarchow muss geklärt werden, ob er weiter den e.V. leiten will oder nicht. Ansonsten: schnell ein neuer Mann / eine neue Frau.
  • Die Ebene unter dem Vorstand muss zügig eingebaut werden. Das gilt insbesondere für den Sportchef-Posten. Es ist für den HSV und für Oliver Kreuzer unerträglich, in diesem Schwebezustand zu sein.
  • Der neue Nachwuchschef muss kommen. Jetzt müssen die ersten Weichen gestellt werden, wie es mit der Jugend weitergeht. Trainer, Spieler, Konzept – eine Mammutaufgabe, die keine schnellen Früchte tragen wird. Aber der Startschuss muss erfolgen.
  • Klarheit über den Campus-Bau. Setzt der HSV weiterhin auf dieses Projekt oder nicht? Auch die Anleger haben ein Recht auf Klärung. Was passiert mit ihrem Geld?
  • Nebenbei braucht die Profi-Mannschaft dringend ein Gerüst. Klar ist: die sportlichen Ziele sollten nach unten geschraubt werden. Schnell die sicheren 27 Punkte erreichen für den Klassenerhalt – das muss das Ziel sein. Mehr vorzugeben, macht keinen Sinn.
  • Eine Idee: Heranrücken an die AG-Skeptiker auf Fan-Seite. Viele von denen, Ultras, engagierte „Supporters“ der letzten Jahre, waren verantwortlich für einen Großteil der Stimmung im Stadion, für die Auswärts-Unterstützung. Wenn sie mitgenommen werden wollen, wenn sie es wirklich wollen (!!!), sollte sie die Fußball-AG mitnehmen zur Befriedung des HSV.

Zum guten Ton gehört übrigens auch die gute Wortwahl. Die genannten Punkte sind in die Zukunft gerichtet. Wohin sonst? Aussagen von Karl Gernandt wie die mit dem „Hautausschlag“, den er beim Blick auf die letzten HSV-Jahre bekomme, sind überflüssig. Gernandt sollte sich hier vielleicht medial beraten lassen, ehe er so etwas sagt, nicht von einer PR-Agentur.

Jarchow genügt unseren Ansprüchen nicht. Fertig. Kreuzer genügt unseren Ansprüchen nicht. Fertig. Mehr ist nicht nötig. Monatelang wurde über die Versäumnisse des aktuellen Vorstands berichtet. Übrigens in großen Teilen auch hier im Blog. Der Blick in die Zukunft ist jetzt wichtiger als die billige Abrechnung mit dem Alten.

Im übrigen: so schön es ist, dass sie weitertickt – braucht der HSV wirklich diese Ewige Bundesligauhr im Stadion? Aus meiner Sicht ist es ein rückwärts-gewandtes Symbol. Ständig wurde diese Uhr in den letzten Monaten eingeblendet im Fernsehen, wie ein Mahnmal des Niedergangs. Die Spieler müssen schon schlecht geträumt haben von dem drohenden Ticken dieser Uhr. Okay, ein paar Groschen spendet ein Sponsor für diese Uhr. Aber ehrlich – ich will sie nicht mehr sehen. Alle wissen auch so, dass der HSV der Dino der Liga ist.

Zurück zum Wesentlichen. Ein großes Thema, im Verein und in Euren Kommentaren, ist die berühmte Außendarstellung des HSV. Schlecht sei sie, logisch. Die Presse ist sowieso Teil, wenn nicht Hauptbestandteil, des Niedergangs. So ist es immer wieder zu lesen. Der Reihe nach:

In der Ebene unter dem Vorstand ist der des Mediendirektors Jörn Wolf angesiedelt. Er regelt seit Klaus Toppmöllers Zeiten die Presse-Arbeit des HSV. In der Bundesliga genießt Wolf einen guten Ruf. Nicht zuletzt deshalb hat er den Führungswechsel 2011 von Hoffmann zu Jarchow überstanden. Wie alle führenden Posten wird nun auch über seinen debattiert nach der Devise: da muss der HSV doch von sich aus dafür sorgen, dass anders über ihn berichtet wird.

Das ist in großen Teilen so gar nicht möglich. Die Zugriffsmöglichkeiten des Mediendirektors sind begrenzt, insbesondere – und hier liegt das Kernproblem – wenn die Unterstützung von oben, die Haltung der Vereinsführung, die Konsequenzen für Zuwiderhandlungen fehlen. Spieler und deren Berater äußern sich über den Kopf des Mediendirektors hinweg in den Zeitungen. Aufsichtsräte, für die Wolf übrigens gar nicht zuständig ist, sind ohnehin nicht in seinem Kompetenzbereich. Außerdem liegt es in der Natur der Sache, das sind die Erfordernisse bei jedem Bundesligisten, dass sich die Vereins-Verantwortlichen selbst den Medien stellen, und sie nicht den Mediendirektor vorschieben, wie es vielleicht in der Wirtschaft der Fall ist.

Und außerdem: verantwortlich für die schlechte Presse der letzten Jahre sind in erster Linie die schlechten Nachrichten, die der Verein ohne Ende produziert. Schlechte Performance auf dem Platz, schlechte Wirtschaftsdaten, schlechte Personalpolitik, Reingequatsche von allen Ebenen, permanenter Wahlkampf für eine Position im Aufsichtsrat und und und. Viel zu viele Angriffsflächen hat dieser HSV geboten, und um diese Angriffsflächen zu minimieren, war gerade die Umwandlung nach HSV-Plus-Modell nötig. Ständig darauf herumzuhacken, wie schlecht doch die Presse ist, geht völlig am Thema vorbei. Es ist Energieverschwendung. Unterstellungen, Zitate seien gefälscht und Gespräche erfunden, sind darüber hinaus beleidigend und absurd. Diejenigen, die das behaupten, haben nicht den blassesten Schimmer – nicht den allerblassesten. Das ist nur mit völliger Ahnungslosigkeit und / oder Böswilligkeit zu erklären. Es gibt auch noch ein Presserecht. Und es gibt Pflichten der Presse. Nebenbei würde man sich strafbar machen.

Aber auch viele von Euch fordern in den Kommentaren hier ständig eine andere Berichterstattung der Medien. Ich bin mir sicher: hat der HSV künftig ein schlüssiges Konzept, tritt er homogen auf und produziert dann auch positive Ergebnisse, dann wird auch die Berichterstattung über den HSV besser. Das ist im Grunde eine einfache Logik. Dass es immer mal wieder im Einzelfall unterschiedliche Auffassungen gibt über die Beurteilung einzelner Personen, ist normal. Wir nehmen uns hier das Recht zu bestimmten Urteilen heraus, genauso könnt Ihr zu anderen Urteilen kommen.

Natürlich verändern sich auch Einschätzungen anhand fortgehender Entwicklungen. Beispiel: Oliver Kreuzer beurlaubt seinen Freund, wie es immer hieß, Thorsten Fink, holt dafür Bert van Marwijk. Mutige, richtige Entscheidung, über eine persönliche Bindung hinweg im Sinn des HSV. Ertrag: es geht zunächst aufwärts mit dem HSV. Zwischenfazit also: Gut gemacht, Kreuzer. Ein halbes Jahr später verblasst der schöne van-Marwijk-Schein. Das Team klappt zusammen, der Trainer ist überfordert und wird wieder abgelöst. Zugleich werden Vertragsdetails bekannt. Schon ist Kreuzers Entscheidung aus dem September in einem ganz anderen Licht.

So oder ähnlich läuft es doch ständig. Mit rasender Geschwindigkeit maßen wir uns an, Urteile zu fällen. Ich gebe zu, auch als Frank Arnesen kam, war ich am Anfang angetan von seiner Arbeit, von seinem Konzept. Warum auch nicht? Vertrauensvorschuss auch von medialer Seite ist Grundvoraussetzung für ruhiges Arbeiten. Wenn derselbe Arnesen etwas später Fehler um Fehler macht, sein Konzept nicht umsetzt – war dann das positive Urteil über ihn aus der Anfangszeit falsch? Oder hätte man Arnesen von Beginn an kritisieren müssen? (Oder hätten sich dann, wie gestern hier bei Dieter geschehen, diejenigen zu Wort gemeldet, die voreilige Kritik bemängeln?)

Am Ende hilft keine Schwarz-Weiß-Malerei. Neue Leute, neue Strukturen beim HSV sind nun am Werk. Jetzt schon, nicht erst am 1. Juli. Deswegen ist es völlig legitim, jetzt auch schon über Gernandt, Beiersdorfer und Co. zu berichten. Wäre ja wohl noch schöner wenn nicht.

Das soll es für heute gewesen sein. Kommen neue Nachrichten, vor allem aus Russland, wird dieser Blog zügig aktualisiert. Was Beiersdorfer angeht, können aber noch einige Tage vergehen.

Auf der Seite der „HSV-Supporters“ ist heute eine Stellungnahme zu lesen zu den möglichen Konsequenzen aus der AG-Abstimmung. Zu diesem Thema soll es dann morgen auch hier noch mehr geben.

Ich wünsche Euch einen schönen Länderspiel-Abend. Lasst uns alle gelassen und konzentriert nach vorn gucken.
Lars

17.50 Uhr

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »