Archiv für das Tag 'Europapokal'

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr!

20. April 2010

Fast hätte er sich verpieselt. Mein Kollege Christian Pletz war heute wieder beim Training. Seine Ankunft beschrieb er mir so: „Ich kam etwas zu spät auf dem Parkplatz an und ging in Richtung Trainingsplätze, als mir plötzlich Jerome Boateng entgegen kam, allerdings in Richtung Kabine. Da habe ich gedacht: Oh nein, nicht schon wieder ein Ausfall, dann setzen mich die Matz-abber wegen meines Seuchenvogeldaseins bald in einen Flieger nach Neuseeland – ohne Rückflugticket.“ Glücklicherweise entpuppte sich Boatengs Ausflug gen Kabine um fünf nach zehn als Leibchen-Hol-Aktion, so dass sich auch die Sorgenfalten meines Kollegen in Wohlgefallen auflösen durften und er sich eben nicht verpieselte.

Draußen war es heute mal richtig ungemütlich. Das galt zum einen für die Witterungsbedingungen (fünf bis acht Grad, Nieselregen, kalte Windböen), zum anderen auch für das wirklich beherzte Treiben auf dem Rasen. Mein Kollege schilderte mir, dass er so eine leidenschaftlich und engagiert geführte Einheit seit Monaten nicht gesehen habe. Das macht doch Mut für Donnerstag. Beim Multi-Tor-Spiel, bei dem zwei Mannschaften mit schnellen Ballkontakten auf relativ engem Feld in viele Zweikämpfe und knifflige Situationen geraten, gab es bereits einiges auf die Stöcker. David Jarolim schien heute der Dauerleidtragende zu sein. So oft wie er unsanft zu Boden ging, dürfte er den Greenkeepern wertvolle Tipps zum Zustand des Grüns geben können. Trainer Bruno Labbadia, der ja in den vergangenen Wochen in Sachen Körpersprache auch nicht unbedingt immer die beste Figur abgab, wirkte ebenso konzentriert wie entflammt. Nur Zé Roberto schien sich nicht gänzlich von seinem Trance-Zustand der jüngsten Vergangenheit erholt zu haben – aber noch sind ja zwei Tage!

Einen Spieler soll ich heute besonders hervorheben, weil er im Fortlauf der Einheit – auch beim Abschlussspiel ging es sehr, sehr hart und energisch zu – eine Bewerbung in eigener Sache abgab: Tunay Torun. Vielleicht ist es sogar so, dass dem Nachwuchsmann so intensiv geführte Spiele gelegener kommen als technisch hochklassige der Marke „körperfrei“ oder „zweikampffrei“. Für mich ist Torun nur dann konkurrenzfähig in dieser Mannschaft, wenn er als – entschuldigt den Ausdruck – „Kampfschwein“ ackert und läuft und arbeitet und tut. Heute gab es für ihn auch einen Mini-Rückschlag in Form eines lupenreinen Tunnels von David Jarolim. Torun schickte einen Fluch in den wolkenverhangenen Aschehimmel und legte fortan noch einen Gang zu. Zur eigenen Belohnung schoss er ein Tor und dürfte in Labbadias Planspielen wieder eine Rolle spielen. Anders als Jonathan Pitroipa, der doch sehr unauffällig war, hinterließ Torun nämlich Spuren.

Ich bin wirklich gespannt, wie der Trainer den Angriff am Donnerstag besetzen wird. Wen schickt er neben seinem gesetzten Torjäger Ruud van Nistelrooy ein? Marcus Berg oder Paolo Guerrero? Nimmt man die jüngste Leistung Bergs als Maßstab, dürfte der in der Liga gesperrte Peruaner den Vorzug erhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Labbadia selbst noch nicht genau weiß, welche Maßnahme er ergreifen wird. Ich bin übrigens genauso gespannt, wie die Fans Guerrero empfangen werden. Schließlich wäre es sein erster Heimauftritt nach dem Büchsen- bzw. Trinkflaschenwurf.

Guerrero und seine Kollegen hoffen auf einen Zusammenhalt, untereinander, miteinander, füreinander. Co-Trainer Eddy Sözer formulierte heute sogar einen entsprechenden Appell: „Wir haben alle das gleiche Ziel. Keiner muss sich unterordnen, aber alle sollten sich einordnen!“ So sehe ich das auch. Ungeachtet aller Probleme, Sorgen und Kritikpunkte müssen nun alle an einem Strang ziehen. Klar, denn jetzt geht es ans Eingemachte, da müssen die Streitigkeiten, die internen Scharmützel und Intrigen, die Kinderkabbeleien und mitunter peinlichen Geschehnisse mal für ein paar Tage aus den Gedanken und Gesprächen gestrichen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, müssten sie danach so schnell auch gar nicht wieder hervorgekramt werden. Dafür ist in der Schlussabrechnung dieser Saison noch genügend Zeit. Und warum sollte der HSV nach einem guten Hinspiel gegen Reise-strapazierte Engländer in der neuen „Jägerrolle“ in der Liga nicht auch noch einmal angreifen. Nicht für einen Trainer, nicht für einzelne Spieler, sondern für einen Verein und für treue (und leider ziemlich Frust-geplagte) Fans.

Ich hoffe, dass sich auch die Anhänger am Donnerstag noch einmal „hochfahren“ können, wie Thomas Doll es einst immer so treffend formuliert hat. Ihr werdet selbst merken, wie schwer es ist, die negativen Erinnerungen und Ergebnisse der vergangenen Wochen auszublenden, den Tunnelblick zu aktivieren und dieses eine Europa-League-Spiel so zu behandeln, als wäre es DAS Finale. So und nur so kann Fulham angegangen werden.

Ein Bekannter, der viele Kontakte nach England pflegt, sagte mir, er habe gehört, dass Fulham beim HSV die rechte Abwehrseite als Schwachpunkt erkannt habe und entsprechend darauf ausgerichtet sei. Guy Demels Position also. Wer den Rechtsverteidiger in den vergangenen Partien, nein, eigentlich sogar Monaten genau beobachtet hat, der kann diesen Eindruck wohl bestätigen. Ich weiß gar nicht so richtig, woran es bei Demel liegt. Er bringt körperlich alles mit, konnte auch schon mal flanken (übt dies aber viel zu selten nach den normalen Einheiten für sich), strotzte vor Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit (über seine Seite), aber momentan fällt er nur durch Stellungsfehler, halbherziges Tempo in der Rückwärtsbewegung in entscheidenden Situationen und durch klägliche Angriffsaktionen auf.

Ich denke, dass Labbadia gegen Fulham sogar mit dem Gedanken spielt, Tomas Rincon rechts hinten einzusetzen, auch wenn der Venezolaner mindestens ebenso viele Defizite als Rechtsverteidiger mitbringt, weil das einfach nicht seine angestammte Rolle ist. Dafür ist Rincon bissiger, hartnäckiger in der Zweikampfführung und offenbar auch robuster in Sachen Psyche.

So, das soll es erst einmal mit den Analysen, Deutungen und Prognosen gewesen sein. Ich muss gestehen, dass auch bei mir das Kribbeln eingesetzt hat. Halbfinale (und nicht gegen Werder oder Wolfsburg!) – da kommt Vorfreude gepaart mit Sorgen, Hoffnungen und allerlei Wunschdenken auf. Wem geht es nicht so…?

14:25 Uhr

Labbadia redet Tacheles

15. März 2010

David Jarolim war heute der Erste, der aus der HSV-Kabine kam. Der Kapitän machte gar kein Geplänkel oder Rumgeeiere aus der Niederlage in Leverkusen. „Wir haben den Anschluss nach oben verloren“, befand er geknickt und legte noch drei Worte machen, die ich ihm zu 100 Prozent abnehme: „Das tut weh!“ Erklärungen für den Auftritt in Hälfte zwei, in der sich der HSV nicht mehr richtig gewehrt hatte, vermochte der Tscheche nicht zu vermelden. „Keiner hat das gespielt, was er kann. Wir waren nicht aggressiv genug.“ Als ich diesen „Jaro“ da so reden hörte und ihn betrachtete, wirkte er fast ein bisschen so, als resigniere er. Doch die Frage eines TV-Kollegen nach den Rechenkünsten, welcher Platz denn nun für die Europa-League der kommenden Saison reiche, weckte dann doch seine Bissigkeit: „Wir wollen nicht spekulieren oder rechnen oder so, wir wollen wenigstens noch Platz vier erreichen und sichern. Dafür sind wir stark genug!“

Klar, dass Jarolim so denkt. Er weiß – wie wir wahrscheinlich alle -, dass diese Mannschaft des HSV große Qualitäten hat. Dass sie es besser kann, als sie es zuletzt häufiger gezeigt hat. Dass sie momentan vielfach unter ihren Möglichkeiten bleibt, weil sie mehrere vermeintliche Führungskräfte „durchschleppt“ bzw. einige Leistungsträger in regelmäßigen Abständen durchhängen. Aber welches Indiz soll ich nehmen, um wirklich optimistisch in den Saisonendspurt zu gehen? Schließlich stehen in den kommenden Wochen weiterhin jede Menge Spiele an, die physisch und mental Kraft kosten, es wird bestimmt noch die eine oder andere Verletzung geben – und die ehemals Langzeitverletzten und Hoffnungsträger wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Eljero Elia werden bestimmt nicht durchstarten wie Raketen.
Halt, stopp. Bevor mir wieder jemand unterstellt, ich mutiere zum Nörgler oder Berufspessimisten, habe ich mich heute mal gezielt nach Optimismuspotenzial umgesehen. Dazu gleich mehr.

Wisst Ihr, was „Jaro“ in seiner treffenden Situationsbeschreibung gesagt hat? Er sagte: „Jetzt geht es nicht darum zu zaubern, jetzt müssen wir nicht Barcelona spielen, sondern kämpfen und Zweikämpfe gewinnen!“ Jawoll. Auch wenn hier in Hamburg jetzt nicht der Abstiegskampf eingeläutet wird, sondern der Endspurt im Kampf um eine direkte Qualifikation für den Europapokal, sind mal Trotzreaktionen gefragt. Das Gegentor zum 3:1 für Leverkusen war so ein Treffer, der in dieser Form einfach nicht fallen darf und dieses Manko des letzten Willens bestens repräsentiert: Renato Augusto wird von Dennis Aogo nicht aggressiv und konstant genug am Flanken gehindert, und in der Mitte hatte Guy Demel den Weg zum Ball schon aufgegeben, bevor er den möglichen Zweikampf mit Stefan Kießling überhaupt gesucht hatte. Bei einem Stürmer, der in dieser Form potenzielle Abschlüsse verpasst, würde man wohl von fehlendem „ultimativen Tordrang“ oder neudeutsch von mangelnder „Torgeilheit“ sprechen. Defensiv machen solche Defizite eben den Unterschied zwischen Remis und Niederlage aus. So einfach ist das.

Ich habe ja gelesen, dass einige von Euch kein gutes Haar am Trainer lassen. Ich habe ja vor einiger Zeit schon geschrieben, dass ich eine Bewertung der Labbadiaschen Tätigkeit erst nach Saisonende vollziehen möchte. Dennoch werden er und seine Maßnahmen natürlich auch weiterhin Einzug in meine Berichte haben. Heute beispielsweise hat er das gemacht, was man in so einer Situation einfach mal machen muss: Er hat intern Tacheles geredet.

Der Coach wollte trotz mehrfacher Nachfragen zwar nicht auf Details eingehen („So etwas gehört in die Kabine und nicht showmäßig in die Öffentlichkeit!“), aber meine Informationen besagen, dass die Fehler des Duells gegen Leverkusen alle beim Namen angesprochen wurden. Das heißt: Die Herren Profis haben diesmal richtig „Peitsche“ bekommen, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten oder mögliche mentale Ungleichgewichte. Aus dieser Aktion ziehe ich meinen Optimismus für diese Woche. Ernsthaft. Ich hoffe, dass die Spieler mal so richtig attackiert wurden. Ausreden haben schließlich immer viele parat, und die sind ja auch leicht gefunden (Müdigkeit, Mehrfachbelastung, Eingewöhnungsphase nach Verletzungen usw.). Warum ich das hoffe? Weil das möglicherweise bei dem einen oder anderen eine Trotzreaktion hervorruft. Die Zeit der Jammertage (auch für die, die immer nur hinter vorgehaltener Hand nörgeln und leiden) muss vorbei sein, wenn der HSV im Endspurt nicht noch eine eigentlich ganz gute Saison verdaddeln will.

Zé Roberto sagte nach der „Kopfwäsche“, in der auch er nicht kommentarlos davon gekommen sein dürfte angesichts zu vieler Passivphasen, dass nun „jeder in die Pflicht genommen werden müsse“, er eingeschlossen – vor allem in Anbetracht des Auswärtsspiels am Donnerstag in Anderlecht. Jetzt ist eben auch mal Kämpfen, Beißen, Kratzen angesagt. Schönwetterfußball steht erst wieder an, wenn die unübersehbare fußballerische Mini-Krise mit zwei, drei guten Resultaten in Folge ad acta gelegt wurde.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass Bruno Labbadia seinen gesamten Kader „unter Beobachtung“ gestellt hat. Das heißt: Er wird sich die Einstellung aller Spieler, auch die gestandener Stammkräfte, genauestens betrachten und auch nicht vor unpopulären Maßnahmen zurückschrecken, wenn er das Gefühl hat, einer verlässt sich auf sein spielerisches Können. Die defensive Anfälligkeit ist schließlich so etwas der Anfang des sportlichen Abstiegs in der Tabelle – und den gilt es mit aller Macht aufzuhalten.

Ein Schlusswort noch kurz zu Paolo Guerrero. Der Peruaner liebäugelt ja öffentlich kurz nach seiner Rückkehr aus der Langzeitpause nach dem Kreuzbandriss mit seiner Nominierung. Auch er dürfte sich demnächst auf ein paar deutliche Worte seines Trainers gefasst machen, der den körperlichen Zustand seines „Flugspezis“ etwas anders einschätzt. Guerrero müsse erst einmal ein paar Trainingseinheiten mehr unter voller Belastung machen, sagt Labbadia: „Für das Spiel in Anderlecht steht er nicht zur Debatte.“

18:10 Uhr

Achtelfinale löst Kribbeln aus

10. März 2010

Wer stapft so forsch durch Schnee und Eis und schimpft so laut: „Was für ein Sch…!“ Na, was denkt Ihr, auf wen diese Zeile nach dem Abschlusstraining gemünzt ist. Auf Frank Rost, den man nach den Schilderungen meines Kollegen Christian Pletz heute eher als Frank Frost bezeichnen könnte. Das, was Bruno Labbadia zuvor bei der Pressekonferenz erklärte, dass seine Profis dieses „Europacup-Kribbeln“ verspüren, das konnte man bei der abschließenden Einheit neben der Nordbank-Arena vor allem dem Schlussmann anmerken. Weil einige seiner Vorderleute beim schnellen und intensiven „Fünf gegen Fünf“ mit Anspielstationen Außen auf 30 Meter Spielfeldlänge die Defensivarbeit nicht ganz so enthusiastisch verfolgten wie die Offensive, platzte dem Torwart schon während des Spiels mehrfach der Kragen. Die direkt angesprochenen Spieler wichen seinen Blicken und Worten ähnlich geschickt aus wie den Schussversuchen des Gegners. Hätten Rost nicht zwischenzeitlich die Treffer seiner Mitspieler Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric (beide in einer Mannschaft – ob das ein Zeichen für morgen Abend ist?) besänftigt, hätte es lauter „knallen“ können als bei einer der zwei leidenschaftlichen Rettungsaktionen des Torhüters gegen Piotr Trochowski. Bei der ersten zog „Troche“ gerade noch rechtzeitig seinen Fuß weg, bei der zweiten erwischte es ausgerechnet Techniktrainer Ricardo Moniz – der als Rosts Teamkollege klären wollte.

Frank Rost, der im Umgang bestimmt nicht immer ein einfacher Typ ist (ein Torwart eben), weiß, was die Stunde vorm Achtelfinalhinspiel geschlagen hat. Kapitän David Jarolim ist sich dessen auch bewusst, das verkündete er auch bei der Pressekonferenz: „Wir haben das erste Spiel gegen Anderlecht zuhause, da kann man rechnen, wie es funktioniert. Das Wichtigste, das hat schon unser Duell gegen Eindhoven gezeigt, ist es, kein Gegentor zu kassieren.“

Trainer Bruno Labbadia will sich gegen die unbequemen Belgier aber keinesfalls darauf beschränken, Beton anzurühren. „Wir müssen uns gut organisieren und brauchen Geduld. Wir betrachten es als große Herausforderung, gegen Anderlecht, das in Belgien eine ähnliche Rolle wie Eindhoven in Holland hat, zu gewinnen“, sagte Labbadia und wehrte alle Versuche der Pressevertreter erfolgreich ab, die einen Hinweis auf die Anfangsformation bekommen wollten. Ruud van Nistelrooy sei immer eine wichtige Person, ob er nun von Beginn an spielt oder reinkommt, sagte Labbadia und konnte sich ein Lächeln nur schwer verkneifen. Im Europacup, das weiß der Coach, kann man die Kontrahenten noch etwas mehr im Dunkeln tappen lassen als in der Bundesliga. Und da mit Marcus Berg (Knieprobleme) und Jerome Boateng (trainierte wegen seiner muskulären Probleme nicht mit und fällt fast sicher aus) nur zwei Spieler bei der letzten Einheit fehlten, herrscht bis heute Abend Rätselraten. Laufen rechts wirklich Tomas Rincon als Verteidiger und Tunay Torun als Mittelfeldleute auf? Bekommt vorne das Duo Mladen Petric/Eljero Elia eine weitere Chance? Oder huschen möglicherweise doch Piotr Trochowski und „Van the man“ in die Startformation?

Die Trainingseinheit gab darüber keinen Aufschluss. Und da Labbadia seine Spieler zuhause schlafen lässt und sich erst morgen früh mit ihnen im Tageshotel zur Vorbereitung und letzten Einstimmung trifft, werden es die Betroffenen wohl auch erst am Spieltag erfahren. Ich lege mich mal gefühlsmäßig fest: Trochowski ersetzt Torun, statt Elia wird van Nistelrooy in der ersten Elf stehen.

Ansonsten soll das Abschlusstraining wenige Neuigkeiten erbracht haben. Wolfgang Hesl wurde zwischenzeitlich mal ausgeknockt, Ruud van Nistelrooy erzielte das erste Tor per Fallrückzieher, und Robert Tesche versuchte unter dem Gelächter der Kollegen ein Handspiel zu vertuschen. Ansonsten bauen die Profis langsam die nötige Spannung auf, um den Belgiern keine „Gastgeschenke“ zu machen. „Langsam wird es ernst, man merkt den fortschreitenden Wettbewerb“, sagte Petric. Mit einem Auge und für ein paar Bruchteile von Sekunden schielen alle Hamburger gen 12. Mai – wenn hier in der Hansestadt das Finale der Europa-League steigt. Ach, was wäre das schön: Mit dem HSV im Endspiel zu stehen. Aber, und jetzt hole ich mich selbst zurück in die Realität, der Weg dorthin ist noch richtig weit, hart und hürdenreich sowieso.

Apropos Realität: Die hat Bruno Labbadia heute auch noch einmal thematisiert. Als der Trainer gefragt wurde, ob er die Kritik nach dem Heimsieg gegen Hertha BSC als ungerecht empfunden habe, sprach er vom „Fluch der guten Taten“. Das Anspruchsdenken habe sich aufgrund der starken Auftritte in der Hinrunde eben gewandelt, es sei erheblich gestiegen, sagte er. Stimmt. „Darum müssen wir uns als Team von der Öffentlichkeit unabhängig machen. Wir müssen uns für unseren Auftritt und den Sieg gegen Berlin nicht entschuldigen. Wichtig ist, dass wir wissen, woran wir noch intensiv arbeiten müssen. Und das wissen wir“, sagte Labbadia. Ich nehme den Trainer beim Wort und hoffe nach den wirklich deprimierenden Wochen mit Verletzungen, Ausfällen und einigen sportlichen Rückschritten auf eine Besserung der kleinen Schritte. Ein Zu-Null-Sieg gegen Anderlecht würde mir schon reichen.

Eine lustige Begebenheit beim Training gab es doch noch. Ihr wisst ja, es ist Ferienzeit, und entsprechend gut besucht war die Einheit mal wieder. Einige diskutierten am Rande des Platzes über den wahrscheinlichen Abschied von Techniktrainer Moniz. Sollte er zu Didi Beiersdorfer nach Salzburg gehen, wäre das ein herber Verlust – vor allem für die vielen Nachwuchshoffnungen, denen sich Moniz täglich auf dem Trainingsplatz widmet.

Und als dann plötzlich während der Einheit ein älterer Herr in brauner Jacke direkt am Spielfeldrand stand und die Einheit beobachtete, machte ein Satz die Runde: „Das muss Urs Siegenthaler sein…“ Entwarnung! Der neue Sportchef, der meines Wissens gar nicht so viel Präsenz bei den Profis haben wird, jedenfalls nicht bei den Spielern, war es nicht, sondern lediglich der HSV-Dolmetscher, der die Zeit zwischen HSV- und RSC-Pressekonferenz mit einem Besuch auf dem Trainingsplatz überbrückte.
PS: Weil einige von Euch ja an meinem Fußballverstand gezweifelt haben, nur weil ich Tunay Torun als potenzielle Alternative für die rechte Verteidigerposition vorgeschlagen (!!!) habe, möchte ich dazu noch anmerken, dass die Platzierung von gelernten Stürmern und Offensivkräften auf den Außenverteidigerpositionen nun wahrlich keine Rarität sind. Auch beim HSV gibt es dafür ein prominentes Beispiel. Bernd Wehmeyer kam einst als Rechtsaußen nach Hamburg und wurde von Trainer Ernst Happel zum linken Verteidiger umfunktioniert. Und er war immerhin der einzige Nicht-Nationalspieler in der Meistermannschaft von 1983. Nicht, dass Ihr jetzt denkt, ich würde Torun mit Wehmeyer vergleichen. Nein, so weit ist der junge HSV-Türke bestimmt noch nicht. Aber er will es ja bestimmt mal werden…

18:00 Uhr

Keine Veränderungen in der Startelf

9. März 2010

Das Trainer-Thema hat jede Menge Reaktionen hervorgerufen. Nicht nur unter den Matz-Abbern, sondern auch draußen beim Training. Kann Labbadia die Mannschaft noch wirklich erreichen? Bekommt er noch die Kurve? Bricht sein Team möglicherweise nach der Saison an entscheidenden Stellen (Zé Roberto, Boateng, Trochowski) auseinander? Ist diese Mannschaft inklusive ihres Coaches überhaupt noch eine Einheit? So viele und noch viele Fragen mehr kursierten nicht nur bei der gut besuchten Trainingseinheit (man merkt deutlich, dass Hamburgs Schüler Ferien haben), sondern begegneten mir auch bei Telefonaten mit Freunden und anderen HSV-Beobachtern. Meine Antworten klangen immer ziemlich ähnlich: abwarten. Ich habe es ja gestern schon ziemlich deutlich geschrieben. Ich habe nur ein paar Fehler des Trainers aufgezählt, weil ich sie als solche wahrgenommen habe. Damit habe ich aber nicht Labbadias „Kopf“ gefordert, und ich denke sogar, dass ein junger Trainer wie er Fehler machen muss, um daraus gestärkt hervorzugehen und den nächsten Schritt in der eigenen Entwicklung zu meistern. Darum sage ich auch hier und jetzt: Lasst uns doch noch mal ein bisschen abwarten. Nach dieser Saison können wir dann gemeinsam ein Fazit des ersten Labbadia-Jahres ziehen, mit allen Defiziten, Problemchen und Hürden, aber ganz sicher auch mit allen positiven Aspekten.

Bis dahin ist es wahrscheinlich so, wie Torwart Frank Rost es heute nach seinem Besuch bei drei Azubis auf der Nordtribüne, die im Rahmen des Hamburger-Weg-Projektes „NeuStart“ aus den Steh- Sitzplätze machten (im Europapokal sind keine Stehränge erlaubt), erklärte: „Entscheidend sind die Ergebnisse. Schön zu spielen, ist zwar toll, aber unterm Strich wird im Profifußball auf die Resultate geschaut.“ Nun stellt Euch mal vor, was demnach in Hamburg los gewesen wäre, wenn der HSV den Tabellenletzten aus Berlin nicht bezwungen hätte…? Kaum auszudenken.

Zeit für großartige Rückblicke, tiefgründige Analysen und entsprechende Trainingsmaßnahmen bleibt den Verantwortlichen in diesen Tagen nicht. Auch wenn ich mit diesem Spruch eigentlich das Phrasenschwein zum Essen einladen müsste, sage ich, wie es ist: Nach dem Spiel ist immer gleich vor dem Spiel. Wen interessiert heute noch der maue Auftritt gegen Hertha mit all den Abspielfehlern, dem Gestochere, dem planlosen Aufbau und Ballverlusten noch und nöcher? Niemanden. Jetzt ist wieder Europa-League angesagt. Am Donnerstag gegen Anderlecht geht es um viel, um sehr viel sogar. Und langsam kommen wir in einen Abschnitt des Wettbewerbs, da auch die Gegner sich verstärkt für ihre Kontrahenten interessieren. Aus Belgien sind seit Wochenbeginn zwei Schreiberlinge, sorry: Journalisten, in Hamburg und begutachten die Einheiten des HSV.

Einer von ihnen war gegen Berlin im Stadion und bannig überrascht, als er die rechte Seite des HSV betrachtete. „Wollen die wirklich auch in dieser Besetzung gegen uns so spielen?“, fragte er. Bis heute hätte ich energisch mit dem Kopf geschüttelt und die Variante mit Tomas Rincon als Rechtsverteidiger und Tunay Torun als Mittelfeldmann zur Kategorie „Notlösung“ gezählt. Bis heute, denn im Training ließ Trainer Labbadia erneut mit der Startelf wie gegen Berlin agieren und clevere Spielzüge ausprobieren. Das heißt: Piotr Trochowski, der immer mal wieder seine enormen Schussqualitäten unter Beweis stellte – im B-Team, versteht sich -, der formschwache Guy Demel (kollidierte heute kurioserweise einmal mit Co-Trainer Eddy Sözer) und Ruud van Nistelrooy zählten erneut nicht zum Stammpersonal.

Eine Finte? Ein Trick? Oder eine Art Trotzreaktion des Trainers nach dem Motto: Ihr werdet schon sehen, diese Formation fährt gute Ergebnisse ein? Ich bin da noch nicht ganz so schlüssig. Sicher ist meines Erachtens nur, dass Jerome Boateng, den nach wie vor leichte muskuläre Probleme plagen, nicht in der Startelf stehen wird. Er will morgen sehen, ob er ins Training einsteigen kann. Tendenz: eher nicht.

Ansonsten hat Labbadia gegen die Belgier, die ich nach einigen gesehenen Ausschnitten ihrer bisherigen Partien und einiger Infos von Kollegen als „unbequem“ bezeichnen möchte, alle Mann an Bord. Demel natürlich ausgeschlossen, dessen Gelb-Rot-Drama in Eindhoven ist den meisten wohl noch bestens in Erinnerung.

Ich hatte bei der heutigen Trainingseinheit übrigens den Eindruck, dass Mladen Petric wieder ansteigende Form hat. Und wenn ich heute schon einen Tipp auf einen Torschützen abgeben müsste, würde ich auf den Kroaten setzen. 1:0 – innerhalb der ersten 15 Minuten nach einer Vorlage von Marcell Jansen.

Und da wir gerade beim Ausmalen schöner Momente sind, nenne ich Euch auch mein Wunschergebnis: 2:0. Sofern Frank Rost und seine Vorderleute, speziell die rechte Seite mit dem zuletzt wieder etwas zu ungestümen Rincon, für eine stabile Defensivabteilung sorgen, die Mittelfeldzentrale in Sachen Kreativität zulegt (speziell Zé Roberto), halte ich dieses Resultat für durchaus machbar.

Eine Frage hätte ich noch in die Runde: Wen haltet Ihr denn für eine ernsthafte Alternative für die Position des Rechtsverteidigers? Ich meine, außer Rincon (den ich auf diesem Posten nicht sehr passend finde) und Boateng. Ich mache Euch mal einen ganz gewagten Vorschlag (zum Diskutieren, versteht sich): Tunay Torun.

17:50 Uhr

Mentale Fitness wieder herstellen

30. November 2009

Die Nachricht aus der Presseabteilung des HSV habe ich erst einmal abgespeichert. Eljero Elia hat nur eine schwere Knöchelprellung in Mainz davongetragen. Ich kann es kaum glauben. Und wenn ich ehrlich bin, habe ich mich bei neu aufgeploppten Mails schon zweimal dabei erwischt, dass ich sie gedanklich schon vorempfunden habe. „Alles doch viel schlimmer“, stand dann da. Oder: „Elia muss doch zwei Monate pausieren!“ So weit ist es schon gekommen. Die „Seuche“ und dauerhafte Lazarett-Befüllung beim HSV hat sich schon nachhaltig auf die Gedankenwelt der ständigen Begleiter ausgewirkt. In meinem Umfeld gibt es mittlerweile nicht wenige HSV-Fans, die bei jedem schmerzverzerrten Gesicht eines Hamburger Profis einen Bänderriss vermuten. Und manche rufen mich nach dem Training an und fragen nur: „Na, wer fällt diesmal aus?“

Damit muss Schluss sein. Ich handhabe es da wie in einem der Kommentare auf die „Sprechstunde“: Der November-Blues findet mit dem Monat sein heutiges Ende, jetzt soll die Feiertagszeit eingeläutet werden. Am Mittwoch gegen Wien könnte mit dem Einzug in die nächste Europapokalrunde der erste Schritt in diese Richtung getan werden. Und die Personalmisere wird auch nicht dadurch besser, dass man sie sich täglich vor Augen hält. Es hilft nichts. Abhaken. Durchbeißen. An sich glauben. Nur so kann es bis Weihnachten funktionieren.

Heute möchte ich mich nicht so sehr mit den immer wieder angesprochenen David Rozehnal und Marcus Berg beschäftigen, sondern mit den Stichwörtern „Glück“ und „Pech“. Im Zusammenhang mit HSV-Spielen und vor allem Gegentoren oder nicht gegebenen Treffern lese ich immer häufiger etwas von „Pech mit Schiedsrichtern“, „Pech im Abschluss“ und ähnliches, dafür haben nun wieder Klubs wie Werder Bremen mit dem Tor in letzter Sekunde Glück oder auch der Mainzer Noveski, dass er für sein Foul an Elia nicht Rot gesehen hat.

Zumindest was den ersten Teil betrifft, nämlich dem so oft zitierten (auch von mir!!!) Pech, möchte ich doch eine kleine Korrektur vornehmen. Wenn man nämlich sieht, wie viele Punkte der HSV in der Endphase schon verschenkt hat (ich meine da in den vergangenen Tagen auch eine Rechnung in einem der Kommentare gelesen zu haben), dann kann man das kaum unter die Rubrik „Pech gehabt“ setzen.

Viel eher stellen sich andere Fragen zu so einer Durchlässigkeit im Defensivverbund: Ist die Mannschaft möglicherweise nicht fit genug, um 90 Minuten plus Nachspielzeit durchzuhalten? Stimmt die taktische Ausrichtung nicht? Wechselt Bruno Labbadia falsch?

Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht und bin zu folgendem Schluss gekommen. Meines Erachtens liegt es nicht an der physischen Fitness, da ist sich die Mannschaft auch nach den immer wieder vorgenommenen Überprüfungsmaßnahmen gut in Schuss. Taktisch sehe ich auch keinen großen Haken. Selbst nach einer Defensivstärkung des Mittelfeldes mit Jerome Boateng gab es in Mainz noch das 1:1, ich habe insgesamt genug HSV-Profis in der Rückwärtsbewegung gesehen. Und über Wechsel lässt sich immer streiten, da sehe ich aber auch kein grundsätzliches Problem.

Wie ist die Schmach der vielen späten Gegentore dann zu erklären? Meine These: mit zunehmender mentaler Müdigkeit – und letztlich auch mit fehlender Qualität.

Ich habe Euch in den vergangenen Wochen ja schon mehrfach geschildert, dass Trainer Bruno Labbadia beim Training immer mal wieder verbal dazwischen geht. Ich habe mich noch einmal erinnert, dass es diesbezüglich eine Entwicklung in der bisherigen Saison gegeben hat. Anfangs hat der Trainer Spielzüge und Spielformen unterbrochen, weil die Akteure seine Vorstellungen nicht umgesetzt haben. Dann war es hier und da mal ein Verhaltensmuster eines Profis, das dem Trainer nicht gefiel und das er schonungslos ansprach.

In jüngster Vergangenheit waren es allerdings meist Konzentrationsschwächen, nicht abgeschlossene Aktionen, Leichtfertigkeiten und Abstimmungsprobleme, die den Coach zum Abbruch einzelner Übungen oder zu intensiven Einzelgesprächen im Anschluss veranlassten. Da regte sich hier mal ein Jerome Boateng lang und breit über ein im Trainingsspiel nicht geahndetes Handspiel auf, da brach Tunay Torun einen Vorstoß ab, weil die gegnerische Mannschaft „Abseits“ rief – was aber gar nicht gepfiffen wurde. Diese mentale Fitness muss jeder Einzelne nun versuchen wieder herzustellen.

Wie das geht, wissen Labbadia und die Spieler selbst bestens: durch Erfolgserlebnisse. Die Mannschaft darf sich nicht im Jammertal (Pech, Schiedsrichterfehler, Verletzungen, Negativserien) einnisten, sondern muss wieder in die aktive, gestaltende Rolle schlüpfen. Wie kann man späte Ausgleichstore verhindern? Ganz einfach: indem man vorher ein zweites eigenes Tor markiert. Es wird allerhöchste Zeit, dass sich der HSV mal wieder selbst beschert – inklusive des eigenen Publikums.

13:25 Uhr

In eigener Sache
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