Archiv für das Tag 'Europa League'

Kein April-Scherz: Guerrero vorläufig suspendiert!

1. April 2011

Als ich das Training heute beobachtete, war mir sofort klar: Meine Wette verliere ich. In der Form wird Paolo Guerrero niemals von Beginn an spielen. Als er dann bei den Standards schon ins B-Team gesteckt wurde und dies auch im Abschlussspiel blieb, war klar: der Peruaner bleibt draußen. An seiner Stelle spielte Heung Min Son neben dem zum Glück wieder genesenen Mladen Petric. Dass es am Ende aber noch härter für Guerrero kommen sollte, hatte ich nicht gedacht. Schließlich strich Cheftrainer Michael Oenning den Peruaner aus dem Kader.

Ein Grund dafür dürfte ein Radio-Interview mit dem peruanischen Sender „CPN Radio“ gewesen sein, das Guerrero während seiner Länderspielreise gegeben hatte. Darin wird er nach seiner Form gefragt und beantwortet die Frage mit: „Ich denke, langsam erreiche ich mein bestes Niveau. Ich wog 84 Kilo, jetzt 79. Ich fühle mich viel leichter. Wenn ich mein bestes Niveau erreicht habe, werde ich wohl den Verein wechseln. Das wird in den nächsten Monaten passieren.“ Paolo selbst stellte die Antwort heute etwas anders dar: „Ich habe gesagt, dass ich mich darauf konzentrieren muss, mein bestes Niveau zu erreichen. Dann kämen sicher auch große Klubs. Daraufhin fragte man mich, wann das passieren würde und ich habe geantwortet: ‚Das kann immer passieren, sogar in den nächsten Monaten‘. Aber ich habe auch gesagt, dass ich mich beim HSV sehr wohl fühle, und dass ich bleiben will. Und jetzt habe ich richtig Probleme.“ Mehr als das. Er ist für das Spiel in Hoffenheim suspendiert. Eine Aufhebung der Strafe ist längst nicht garantiert.

Eine Dummheit des in den letzten Jahren immer wieder mit derartigen Schlagzeilen aufwartenden Angreifers. Und so hoch ich seine sportliche Qualität einschätze, so schwach ist er im sozialen Umgang. Er lernt es einfach nicht. Nachdem er nun schon für gravierende Dinge wie den Flaschenwurf, aber auch für die albernsten Dinge öffentlich aufgeknüpft worden war, muss er wissen, dass er unter einer ganz besonderen Beobachtung steht. Und gerade in Peru hatten ihm die Medien (Zeitung, Fernsehen und Radio) in den letzten Jahren das Leben schwer gemacht. Ihm wurden Liebesaffären zugeschrieben, während er hier eine Freundin hatte. Ihm wurden überzogen lange Disco-Nächte nachgesagt – wofür eine Journalistin wegen Falschaussage sogar verurteilt wurde. Ergo: dort wird es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. „Die schreiben ganze Interviews, ohne jemals mit mir gesprochen zu haben“, hatte mir Guerrero mal erzählt. Damals hatte er mir auch gesagt, er würde aus Prinzip nicht mehr mit peruanischen Journalisten reden.

Was ich gut fand. Es klang einfach logisch und richtig. Bis er alles selbst mit diesem dummen Radio-Interview über den Haufen schmiss.

Und was die ganze Sache noch schlimmer macht: das Interview war wohl nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht haben soll. Es sei eine Marginalie im Gegensatz zu den anderen Gründen, die zur Suspendierung geführt hätten. So soll sich Paolo in den letzten Tagen und Wochen intern undiszipliniert verhalten haben. Wie genau, darüber gab es keine Auskunft. Vielleicht auch, um die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Immerhin hat der Peruaner in Hamburg noch einen Vertrag bis 2014, und soll dem Vernehmen nach im Sommer trotzdem abgegeben werden. Das allerdings möglichst teuer. Großes Theater – und ganz sicher Kadersuspendierungen – würden den Marktpreis von aktuell 6,5 Millionen Euro (Quelle: Transfermarkt.de) unnötig senken. Schon deshalb dürfte Guerrero in den nächsten Wochen noch auf seine Einsätze kommen.

Das gilt auch für Dennis Diekmeier. Zum Glück nur das mit den Einsätzen. Denn der Rechtsverteidiger gilt als gesetzt. Trainer Michael Oenning hatte zuletzt die Qualitäten seines Schützlings aus Nürnberg immer wieder betont. Worte, die Diekmeier nicht wundern. „Er weiß, was er an mir hat, er kennt mich schon länger“, so Diekmeier, der gegen Hoffenheim zum zweiten Mal in Folge und demnach zum zweiten Mal in dieser Saison in der Startelf steht. Und das, obwohl er erst seit Anfang März wieder im Mannschaftstraining ist, davor die gesamte Saison ausgefallen war. „Gegen Köln ging es 55 Minuten lang schon sehr gut“, sagt Diekmeier, der in den zwei Wochen Länderspielpause viel Kraft gesammelt hat: „Die Einheiten waren gut für mich. Ich bin bereit für 90 Minuten.“

Diekmeier beginnt hinten rechts und soll mit seiner überdurchschnittlichen Geschwindigkeit immer wieder für gefährliche Vorstöße über die rechte Seite sorgen. Vor ihm startet Änis Ben-Hatira, der dem pfeilschnellen Außenverteidiger Vorstößer ermöglichen soll: „Änis ist sehr laufstark“, lobt Diekmeier seinen Kompagnon auf rechts, „wenn ich mit nach vorne gehe, ist er immer in der Lage, mich defensiv abzusichern.“

Apropos Laufstärke, die wurde in der Länderspielpause hart trainiert. Härter als sonst. Kraft- und Ausdauerübungen gaben sich die Hand. „Da waren drei Tage so hart wie sonst sieben Tage“, sagt Kapitän Heiko Westermann, der gegen Hoffenheim wieder zentral-defensiv im Mittelfeld beginnen wird. In der Innenverteidigung erhielt heute Gojko Kacar wieder den Vorzug. Dafür muss David Jarolim wieder auf die Bank.

„Mir ist egal, ob auf der Sechs oder in der Innenverteidigung – Hauptsache eine zentrale Position“, sagt Westermann, der dann noch ehrlich nachlegt, dass gerade im Hinblick auf die Nationalmannschaft, für die er nicht nominiert worden war, dauerhafte Einsätze in der Innenverteidigung, seiner eigentlichen Position, hilfreich wären. „Das stimmt. Das wäre sicher schön und hilfreich“, so Westermann, der sich allerdings nicht zum Inhalt von Personaldiskussionen machen will. „Das ist nicht angebracht“, so der Kapitän, „wir müssen jetzt zwei, drei Spiele in Folge gewinnen, um überhaupt wieder in die Nähe unseres Zieles zu kommen.“ Und das heißt weiterhin Europa League.

Da dies nur mit Zusammenhalt innerhalb des Vereines zu schaffen ist, hat sich Michael Oenning als Ziel auf die Fahnen geschrieben, jegliche Unruhe im Keim zu ersticken. So geschehen bei Rost/Aogo, jetzt bei Guerrero – und mit Sicherheit auch bei jeder weiteren Verfehlung. Und das ist gut so.

Gut ist auch, dass in Hoffenheim offensiv agiert werden soll. Aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel machen – so ähnlich hatte schon Ernst Happel gedacht und den HSV einst zu einer Serie von 36 Spielen ohne Niederlage geführt. Wobei, um mal wieder etwas ernster zu werden, mir vorerst ein Sieg gegen Hoffenheim reichen würde. Mit den drei Punkten würde der HSV den Anschluss an den fünften Rang halten oder gar verkürzen können. Und das soll in der von Tobias Welz (Wiesbaden) geleiteten Partie mit folgender Aufstellung gelingen: Rost – Diekmeier, Kacar, Mathijsen, Aogo – Ben-Hatira, Westermann, Zé Roberto, Elia – Son, Petric. Ebenfalls noch im Kader sind: Tom Mickel, Marcell Jansen, Robert Tesche, David Jarolim, Guy Demel, Piotr Trochowski, Tunay Torun.

Klingt gut. Wird gut! Hoffentlich.

In diesem Sinne,

Scholle

P.S.: Die per Petition angestrebte außerordentliche Mitgliederversammlung ist jetzt nach intensiven Gesprächen zwischen Verein und der Initiative „Pro HSV“ zu einer Info-Veranstaltung umfunktioniert und auf den 22. Mai gelegt worden.

P.P.S.: Ruud van Nistelrooy absolvierte heute nach Trainingsende als einziger noch 400-Meter-Runden auf Zeit bei Fitnesstrainer Günter Kern.

P.P.P.S: Weil es hier gefragt wurde, möchte ich kurz antworten: Ich halte nicht viel davon, dass hier in der Darstellung des Blogs viel verändert wird. Ich bin der Meinung, dass mein Name als Autor am Ende des Blogs absolut ausreicht, um den Leser über den Verfasser des Artikels zu informieren. Ich hoffe, Euch reicht das auch.

Ende, aus, vorbei!

29. April 2010

Es hat nicht sollen sein. Der HSV hat alles gegeben, hat eine Stunde lang wie der sichere Finalteilnehmer vom 12. Mai ausgesehen, aber dann brach das Unheil doch noch über ihn herein. Zwei ganz dumme Tore machten aus einer herrlichen HSV-Führung eine 1:2-Niederlage, das Aus in der Europa League, das Ende aller Träume vom Endspiel in der eigenen Arena. Der HSV hat diesmal nicht enttäuscht, der HSV hat mit Herz und Leidenschaft um diese historische Chance gekämpft und gespielt, aber am Ende reichte es dennoch nicht. Diese Niederlage passt zum gesamten Jahr 2010, in dem nichts so richtig laufen will. Es tut weh, es ist wahnsinnig traurig, es ist tragisch. Und es ist müßig, jetzt noch darüber zu reden, ob eine Trainerwechsel vor Wochen noch viel mehr aus dieser nun verkorksten Saison gemacht hätte. Kopf hoch, Hamburg, es geht weiter. In der Saison 2010/11. Dann mit frischem Mut, mit neuem, passenden Trainer und einer Mannschaft, die in jedem Spiel als Einheit auftritt – und nicht erst nach einem Trainerwechsel.

Am 29. April 1910 wurde Erwin Seeler geboren. Zum 100. von „Old Erwin“ gab es aber leider keinen Grund zum Feiern für Hamburg. Obwohl es lange Zeit so ausgesehen hatte.

Dabei begann es nicht gerade vielversprechend. Bereits nach zwei Minuten stand bei etlichen HSV-Fans das Herz fast still: Zamora kreuzte im Hamburger Strafraum allein vor Frank Rost aus. Ein simpler Doppelpass hatte die Abwehr ausgehebelt, wobei Jeroma Boateng auch ein wenig zu lässig, besser noch nachlässig in das Duell mit dem Fulham-Torjäger ging, Rost aber reagierte gleich zweimal sensationell. Er blieb stehen, bewahrte beim ersten Schuss die Ruhe und hechtete dann die Kugel zum ersten Eckstoß für die Engländer. Rost, der Held! Was wäre gewesen, wenn es nach nur 120 Sekunden schon 1:0 für Fulham gestanden hätte? Was?

Nach nur 58 Sekunden hatte sich Boateng schon den Hoch-und-weit-Preis des Abends abgeholt. Am Strafraum stehend drosch er den Ball nur wenig nach vorne, dafür aber in die Höhe. Motto: Nach oben ist keinem Platz eine Grenze gesetzt. So 30 Meter stieg der Ball in die Luft, kam aber ohne Schnee wieder herunter. Offenbarte aber eines: Boateng schien ein wenig nervös zu sein.

Was auch auf einige Kollegen zutraf. Aber nach dem Schock der Anfangsphase legte sich die Nervosität, der HSV kam, der HSV spielte clever, der HSV war leicht Spiel bestimmend. Großartig! Wie hat Ricardo Moniz das nur so schnell hinbekommen? Zwischen Sinsheim (Hoffenheim) und London liegen wahrlich Welten. Alles eine Sache des Kopfes? Ganz sicher auch. Es stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, die sich zerriss, die sich untereinander half, die mit Köpfchen spielte.

Überragend für mich David Jarolim, der nicht nur viele Bälle erkämpfte und erlief, sondern die Kugel unglaublich sicher hielt. Hier ein Haken, dort ein Haken, dann den Ball immer (zu 100 Prozent) an den eigenen Mann gebracht – das war eine absolute Klasse-Partie des Kapitäns. Ihm am nächsten kam Jonathan Pitroipa, der immer wieder viel versuchte, der sich ein Herz für Alleingänge fasste, der auf links für Wirbel sorgte. Großartig. Einmal grätschte „Piet“ nach dem Ball und erkämpfte ihn sich in der Manier eines Linksverteidigers. Sogar schießen schien das „Eichhörnchen“ über Nacht gelernt zu haben, denn in der 39. Minute zog er aus halblinker Position aus 20 Metern ab – knapp daneben. Und dann kam die neue Stimmung beim HSV zum Vorschein: Moniz rief Pitroipa ein Lob zu und hielt den Daumen hoch. So baut man Leute auf, so sorgt man für Selbstvertrauen, so sorgt ein Trainer dafür, dass es auch beim nächsten Schussversuch den nötigen Mut dazu gibt. Bravo, Ricardo Moniz, ganz eindeutig dafür von mir ein absolut verdientes Bravo!

Vor diesem Schuss gab es schon jene Szene, die die Herzen der HSV-Fans höher schlagen ließ. Murphy hatte Ze Roberto 29 Meter vor dem Fulham-Tor gefoult, Freistoß. Boateng und Mladen Petric stand am Ball, der Kraote schoss schließlich. Und was für ein englisches Pfund! Sensationell getroffen die Kugel, ein Hammer des Monats, genau in den oberen linken Winkel – einfach nur traumhaft. Von diesem Tor hatte ganz Hamburg vorher geträumt, nun war es da. Die ganze Mannschaft (außer Rost) fiel über den Torschützen her, das war eine Freude, und es war auch eine riesige Freude, es zu sehen.

Danach aber ließ sich der HSV zurückfallen. Mit der „Inter-Taktik“ zum Erfolg? Die Räume wurden dicht gemacht, kein Zentimeter Rasen wurde verschenkt, es ging konzentriert zur Sache. Eine so große Tormöglichkeit, wie es sie nach 120 Sekunden gegeben hatte, wurde Fulham bis zum Seitenwechsel nicht mehr gestattet.

Übrigens: Nach 25 Minuten fragte mich Frau M., ob denn Ruud van Nistelrooy mitspielen würde? Das war nicht böse gemeint, sie hatte ihn nur noch nicht gesehen. Das blieb bis zum Halbzeitpfiff auch so. Etwas fiel auch Dennis Aogo ab, der nicht eine (!) vernünftige Flanke in den Strafraum der Engländer schlug. Aber: Der Verteidiger war erst am Spieltag aus Hamburg nach London geflogen, hatte den Tag zuvor wegen einer Magen-und-Darm-Grippe noch im Krankhaus verbracht. Das ist es aller Ehren wert, dass sich Aogo doch noch aufmachte und mitspielte – denn wer sonst hätte hinten links spielen sollen? Dass ihm vieles misslang – Schwamm drüber. Wir alle wissen, dass er es besser kann.

Ganz hervorragend, das muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, wieder einmal die HSV-Fans. 1400 waren sicher dabei, 600 dürften sich noch auf dem Schwarzmarkt ihre Karte ergattert haben. Was sie in Craven Cottage abzogen, war reif für die Champions League. Sie waren immer zu hören, sie gaben in diesem „historischen Spiel“ wieder einmal alles – und mehr. So muss es sein, von Sinsheim ist nichts hängen geblieben, jedenfalls beim harten Kern nicht.

Und wo ich gerade beim Loben bin: Der türkische Schiedsrichter Cakir behielt bewundernswert die Ruhe und zeigte eine Klasse-Leistung. Wo hat die Uefa den so lange versteckt? Er war für diese Partie, in diesem kleinen Hexenkessel genau der richtige Mann.

In der zweiten Halbzeit zwei schnelle Wechsel. Beim HSV ging Robert Tesche, der mir durchaus gefallen hatte, wenn er auch nach vorne kaum zum Zuge gekommen war. Für ihn schickte Moniz den wackeren Kämpfer Tomas Rincon auf den Rasen (56.) – die etwas defensivere Variante. Und Fulham musste den gefährlichen Zamora vom Platz nehmen (58.), der sich trotz einer Achillessehnenverletzung fast eine Stunde durchgebissen hatte. Für ihn kam Dempsey, und mir war ein wenig wohler zu Mute, denn Zamora ist eigentlich immer für ein Tor gut. Diesmal nicht.

Als sich Boateng in der 62. Minute mit einer Harakiri-Aktion an der Eckfahne eine überflüssige Gelbe Karte abgeholt hatte (eingesprungene Beinschere), geriet die Volksseele vollends ins Kochen – und Fulham kam. Und wie. Der HSV wackelte. Und er kassierte den Ausgleich. Wieder einmal ein Pass durch die Mitte. Dort erlief sich Davies den Ball vor Guy Demel, der Engländer ließ den HSV-Abwehrspieler aussteigen und schoss unhaltbar ein (69.). Wieso tut sich in der Abwehrmitte, im Zentrum eine so große Lücke auf, wieso? Zum wiederholten Male. Aus gehabtem Schaden nichts gelernt.

Wahnsinn. Und es kam noch schlimmer. Eckstoß für Fulham, die Kugel segelt in der Mitte an allen vorbei – an fast allen. Der Ball prallt an das linke Bein von Demel, es wird daraus eine Mustervorlage für Gera. Der Ungar schießt mühelos ein – 2:1.

Das Ende? Moniz will es nicht wahrhaben, riskiert alles. Er bringt elf Minuten vor Schluss Paolo Guerrero und nimmt Rincon wieder vom Platz. Eine harte Aktion, aber in einem solchen Spiel absolut richtig. Nun war die offensivere Hamburger Variante wieder auf dem Rasen.

Aber es half alles nichts mehr. Die historische Chance ist verpasst worden. Und eine chaotische Saison wird nun im Tal der Tränen enden. Wieder einmal beste Voraussetzungen gehabt, wieder einmal zum Schluss abgebrochen. Die Hoffnung stirbt zuletzt . . .

23.05 Uhr

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr

Nächste Einträge »