Archiv für das Tag 'Europa League'

Kein April-Scherz: Guerrero vorläufig suspendiert!

1. April 2011

Als ich das Training heute beobachtete, war mir sofort klar: Meine Wette verliere ich. In der Form wird Paolo Guerrero niemals von Beginn an spielen. Als er dann bei den Standards schon ins B-Team gesteckt wurde und dies auch im Abschlussspiel blieb, war klar: der Peruaner bleibt draußen. An seiner Stelle spielte Heung Min Son neben dem zum Glück wieder genesenen Mladen Petric. Dass es am Ende aber noch härter für Guerrero kommen sollte, hatte ich nicht gedacht. Schließlich strich Cheftrainer Michael Oenning den Peruaner aus dem Kader.

Ein Grund dafür dürfte ein Radio-Interview mit dem peruanischen Sender „CPN Radio“ gewesen sein, das Guerrero während seiner Länderspielreise gegeben hatte. Darin wird er nach seiner Form gefragt und beantwortet die Frage mit: „Ich denke, langsam erreiche ich mein bestes Niveau. Ich wog 84 Kilo, jetzt 79. Ich fühle mich viel leichter. Wenn ich mein bestes Niveau erreicht habe, werde ich wohl den Verein wechseln. Das wird in den nächsten Monaten passieren.“ Paolo selbst stellte die Antwort heute etwas anders dar: „Ich habe gesagt, dass ich mich darauf konzentrieren muss, mein bestes Niveau zu erreichen. Dann kämen sicher auch große Klubs. Daraufhin fragte man mich, wann das passieren würde und ich habe geantwortet: ‚Das kann immer passieren, sogar in den nächsten Monaten‘. Aber ich habe auch gesagt, dass ich mich beim HSV sehr wohl fühle, und dass ich bleiben will. Und jetzt habe ich richtig Probleme.“ Mehr als das. Er ist für das Spiel in Hoffenheim suspendiert. Eine Aufhebung der Strafe ist längst nicht garantiert.

Eine Dummheit des in den letzten Jahren immer wieder mit derartigen Schlagzeilen aufwartenden Angreifers. Und so hoch ich seine sportliche Qualität einschätze, so schwach ist er im sozialen Umgang. Er lernt es einfach nicht. Nachdem er nun schon für gravierende Dinge wie den Flaschenwurf, aber auch für die albernsten Dinge öffentlich aufgeknüpft worden war, muss er wissen, dass er unter einer ganz besonderen Beobachtung steht. Und gerade in Peru hatten ihm die Medien (Zeitung, Fernsehen und Radio) in den letzten Jahren das Leben schwer gemacht. Ihm wurden Liebesaffären zugeschrieben, während er hier eine Freundin hatte. Ihm wurden überzogen lange Disco-Nächte nachgesagt – wofür eine Journalistin wegen Falschaussage sogar verurteilt wurde. Ergo: dort wird es mit der Wahrheit nicht so genau genommen. „Die schreiben ganze Interviews, ohne jemals mit mir gesprochen zu haben“, hatte mir Guerrero mal erzählt. Damals hatte er mir auch gesagt, er würde aus Prinzip nicht mehr mit peruanischen Journalisten reden.

Was ich gut fand. Es klang einfach logisch und richtig. Bis er alles selbst mit diesem dummen Radio-Interview über den Haufen schmiss.

Und was die ganze Sache noch schlimmer macht: das Interview war wohl nur der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht haben soll. Es sei eine Marginalie im Gegensatz zu den anderen Gründen, die zur Suspendierung geführt hätten. So soll sich Paolo in den letzten Tagen und Wochen intern undiszipliniert verhalten haben. Wie genau, darüber gab es keine Auskunft. Vielleicht auch, um die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Immerhin hat der Peruaner in Hamburg noch einen Vertrag bis 2014, und soll dem Vernehmen nach im Sommer trotzdem abgegeben werden. Das allerdings möglichst teuer. Großes Theater – und ganz sicher Kadersuspendierungen – würden den Marktpreis von aktuell 6,5 Millionen Euro (Quelle: Transfermarkt.de) unnötig senken. Schon deshalb dürfte Guerrero in den nächsten Wochen noch auf seine Einsätze kommen.

Das gilt auch für Dennis Diekmeier. Zum Glück nur das mit den Einsätzen. Denn der Rechtsverteidiger gilt als gesetzt. Trainer Michael Oenning hatte zuletzt die Qualitäten seines Schützlings aus Nürnberg immer wieder betont. Worte, die Diekmeier nicht wundern. „Er weiß, was er an mir hat, er kennt mich schon länger“, so Diekmeier, der gegen Hoffenheim zum zweiten Mal in Folge und demnach zum zweiten Mal in dieser Saison in der Startelf steht. Und das, obwohl er erst seit Anfang März wieder im Mannschaftstraining ist, davor die gesamte Saison ausgefallen war. „Gegen Köln ging es 55 Minuten lang schon sehr gut“, sagt Diekmeier, der in den zwei Wochen Länderspielpause viel Kraft gesammelt hat: „Die Einheiten waren gut für mich. Ich bin bereit für 90 Minuten.“

Diekmeier beginnt hinten rechts und soll mit seiner überdurchschnittlichen Geschwindigkeit immer wieder für gefährliche Vorstöße über die rechte Seite sorgen. Vor ihm startet Änis Ben-Hatira, der dem pfeilschnellen Außenverteidiger Vorstößer ermöglichen soll: „Änis ist sehr laufstark“, lobt Diekmeier seinen Kompagnon auf rechts, „wenn ich mit nach vorne gehe, ist er immer in der Lage, mich defensiv abzusichern.“

Apropos Laufstärke, die wurde in der Länderspielpause hart trainiert. Härter als sonst. Kraft- und Ausdauerübungen gaben sich die Hand. „Da waren drei Tage so hart wie sonst sieben Tage“, sagt Kapitän Heiko Westermann, der gegen Hoffenheim wieder zentral-defensiv im Mittelfeld beginnen wird. In der Innenverteidigung erhielt heute Gojko Kacar wieder den Vorzug. Dafür muss David Jarolim wieder auf die Bank.

„Mir ist egal, ob auf der Sechs oder in der Innenverteidigung – Hauptsache eine zentrale Position“, sagt Westermann, der dann noch ehrlich nachlegt, dass gerade im Hinblick auf die Nationalmannschaft, für die er nicht nominiert worden war, dauerhafte Einsätze in der Innenverteidigung, seiner eigentlichen Position, hilfreich wären. „Das stimmt. Das wäre sicher schön und hilfreich“, so Westermann, der sich allerdings nicht zum Inhalt von Personaldiskussionen machen will. „Das ist nicht angebracht“, so der Kapitän, „wir müssen jetzt zwei, drei Spiele in Folge gewinnen, um überhaupt wieder in die Nähe unseres Zieles zu kommen.“ Und das heißt weiterhin Europa League.

Da dies nur mit Zusammenhalt innerhalb des Vereines zu schaffen ist, hat sich Michael Oenning als Ziel auf die Fahnen geschrieben, jegliche Unruhe im Keim zu ersticken. So geschehen bei Rost/Aogo, jetzt bei Guerrero – und mit Sicherheit auch bei jeder weiteren Verfehlung. Und das ist gut so.

Gut ist auch, dass in Hoffenheim offensiv agiert werden soll. Aus dem Auswärtsspiel ein Heimspiel machen – so ähnlich hatte schon Ernst Happel gedacht und den HSV einst zu einer Serie von 36 Spielen ohne Niederlage geführt. Wobei, um mal wieder etwas ernster zu werden, mir vorerst ein Sieg gegen Hoffenheim reichen würde. Mit den drei Punkten würde der HSV den Anschluss an den fünften Rang halten oder gar verkürzen können. Und das soll in der von Tobias Welz (Wiesbaden) geleiteten Partie mit folgender Aufstellung gelingen: Rost – Diekmeier, Kacar, Mathijsen, Aogo – Ben-Hatira, Westermann, Zé Roberto, Elia – Son, Petric. Ebenfalls noch im Kader sind: Tom Mickel, Marcell Jansen, Robert Tesche, David Jarolim, Guy Demel, Piotr Trochowski, Tunay Torun.

Klingt gut. Wird gut! Hoffentlich.

In diesem Sinne,

Scholle

P.S.: Die per Petition angestrebte außerordentliche Mitgliederversammlung ist jetzt nach intensiven Gesprächen zwischen Verein und der Initiative „Pro HSV“ zu einer Info-Veranstaltung umfunktioniert und auf den 22. Mai gelegt worden.

P.P.S.: Ruud van Nistelrooy absolvierte heute nach Trainingsende als einziger noch 400-Meter-Runden auf Zeit bei Fitnesstrainer Günter Kern.

P.P.P.S: Weil es hier gefragt wurde, möchte ich kurz antworten: Ich halte nicht viel davon, dass hier in der Darstellung des Blogs viel verändert wird. Ich bin der Meinung, dass mein Name als Autor am Ende des Blogs absolut ausreicht, um den Leser über den Verfasser des Artikels zu informieren. Ich hoffe, Euch reicht das auch.

Ende, aus, vorbei!

29. April 2010

Es hat nicht sollen sein. Der HSV hat alles gegeben, hat eine Stunde lang wie der sichere Finalteilnehmer vom 12. Mai ausgesehen, aber dann brach das Unheil doch noch über ihn herein. Zwei ganz dumme Tore machten aus einer herrlichen HSV-Führung eine 1:2-Niederlage, das Aus in der Europa League, das Ende aller Träume vom Endspiel in der eigenen Arena. Der HSV hat diesmal nicht enttäuscht, der HSV hat mit Herz und Leidenschaft um diese historische Chance gekämpft und gespielt, aber am Ende reichte es dennoch nicht. Diese Niederlage passt zum gesamten Jahr 2010, in dem nichts so richtig laufen will. Es tut weh, es ist wahnsinnig traurig, es ist tragisch. Und es ist müßig, jetzt noch darüber zu reden, ob eine Trainerwechsel vor Wochen noch viel mehr aus dieser nun verkorksten Saison gemacht hätte. Kopf hoch, Hamburg, es geht weiter. In der Saison 2010/11. Dann mit frischem Mut, mit neuem, passenden Trainer und einer Mannschaft, die in jedem Spiel als Einheit auftritt – und nicht erst nach einem Trainerwechsel.

Am 29. April 1910 wurde Erwin Seeler geboren. Zum 100. von „Old Erwin“ gab es aber leider keinen Grund zum Feiern für Hamburg. Obwohl es lange Zeit so ausgesehen hatte.

Dabei begann es nicht gerade vielversprechend. Bereits nach zwei Minuten stand bei etlichen HSV-Fans das Herz fast still: Zamora kreuzte im Hamburger Strafraum allein vor Frank Rost aus. Ein simpler Doppelpass hatte die Abwehr ausgehebelt, wobei Jeroma Boateng auch ein wenig zu lässig, besser noch nachlässig in das Duell mit dem Fulham-Torjäger ging, Rost aber reagierte gleich zweimal sensationell. Er blieb stehen, bewahrte beim ersten Schuss die Ruhe und hechtete dann die Kugel zum ersten Eckstoß für die Engländer. Rost, der Held! Was wäre gewesen, wenn es nach nur 120 Sekunden schon 1:0 für Fulham gestanden hätte? Was?

Nach nur 58 Sekunden hatte sich Boateng schon den Hoch-und-weit-Preis des Abends abgeholt. Am Strafraum stehend drosch er den Ball nur wenig nach vorne, dafür aber in die Höhe. Motto: Nach oben ist keinem Platz eine Grenze gesetzt. So 30 Meter stieg der Ball in die Luft, kam aber ohne Schnee wieder herunter. Offenbarte aber eines: Boateng schien ein wenig nervös zu sein.

Was auch auf einige Kollegen zutraf. Aber nach dem Schock der Anfangsphase legte sich die Nervosität, der HSV kam, der HSV spielte clever, der HSV war leicht Spiel bestimmend. Großartig! Wie hat Ricardo Moniz das nur so schnell hinbekommen? Zwischen Sinsheim (Hoffenheim) und London liegen wahrlich Welten. Alles eine Sache des Kopfes? Ganz sicher auch. Es stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Platz, die sich zerriss, die sich untereinander half, die mit Köpfchen spielte.

Überragend für mich David Jarolim, der nicht nur viele Bälle erkämpfte und erlief, sondern die Kugel unglaublich sicher hielt. Hier ein Haken, dort ein Haken, dann den Ball immer (zu 100 Prozent) an den eigenen Mann gebracht – das war eine absolute Klasse-Partie des Kapitäns. Ihm am nächsten kam Jonathan Pitroipa, der immer wieder viel versuchte, der sich ein Herz für Alleingänge fasste, der auf links für Wirbel sorgte. Großartig. Einmal grätschte „Piet“ nach dem Ball und erkämpfte ihn sich in der Manier eines Linksverteidigers. Sogar schießen schien das „Eichhörnchen“ über Nacht gelernt zu haben, denn in der 39. Minute zog er aus halblinker Position aus 20 Metern ab – knapp daneben. Und dann kam die neue Stimmung beim HSV zum Vorschein: Moniz rief Pitroipa ein Lob zu und hielt den Daumen hoch. So baut man Leute auf, so sorgt man für Selbstvertrauen, so sorgt ein Trainer dafür, dass es auch beim nächsten Schussversuch den nötigen Mut dazu gibt. Bravo, Ricardo Moniz, ganz eindeutig dafür von mir ein absolut verdientes Bravo!

Vor diesem Schuss gab es schon jene Szene, die die Herzen der HSV-Fans höher schlagen ließ. Murphy hatte Ze Roberto 29 Meter vor dem Fulham-Tor gefoult, Freistoß. Boateng und Mladen Petric stand am Ball, der Kraote schoss schließlich. Und was für ein englisches Pfund! Sensationell getroffen die Kugel, ein Hammer des Monats, genau in den oberen linken Winkel – einfach nur traumhaft. Von diesem Tor hatte ganz Hamburg vorher geträumt, nun war es da. Die ganze Mannschaft (außer Rost) fiel über den Torschützen her, das war eine Freude, und es war auch eine riesige Freude, es zu sehen.

Danach aber ließ sich der HSV zurückfallen. Mit der „Inter-Taktik“ zum Erfolg? Die Räume wurden dicht gemacht, kein Zentimeter Rasen wurde verschenkt, es ging konzentriert zur Sache. Eine so große Tormöglichkeit, wie es sie nach 120 Sekunden gegeben hatte, wurde Fulham bis zum Seitenwechsel nicht mehr gestattet.

Übrigens: Nach 25 Minuten fragte mich Frau M., ob denn Ruud van Nistelrooy mitspielen würde? Das war nicht böse gemeint, sie hatte ihn nur noch nicht gesehen. Das blieb bis zum Halbzeitpfiff auch so. Etwas fiel auch Dennis Aogo ab, der nicht eine (!) vernünftige Flanke in den Strafraum der Engländer schlug. Aber: Der Verteidiger war erst am Spieltag aus Hamburg nach London geflogen, hatte den Tag zuvor wegen einer Magen-und-Darm-Grippe noch im Krankhaus verbracht. Das ist es aller Ehren wert, dass sich Aogo doch noch aufmachte und mitspielte – denn wer sonst hätte hinten links spielen sollen? Dass ihm vieles misslang – Schwamm drüber. Wir alle wissen, dass er es besser kann.

Ganz hervorragend, das muss an dieser Stelle auch festgehalten werden, wieder einmal die HSV-Fans. 1400 waren sicher dabei, 600 dürften sich noch auf dem Schwarzmarkt ihre Karte ergattert haben. Was sie in Craven Cottage abzogen, war reif für die Champions League. Sie waren immer zu hören, sie gaben in diesem „historischen Spiel“ wieder einmal alles – und mehr. So muss es sein, von Sinsheim ist nichts hängen geblieben, jedenfalls beim harten Kern nicht.

Und wo ich gerade beim Loben bin: Der türkische Schiedsrichter Cakir behielt bewundernswert die Ruhe und zeigte eine Klasse-Leistung. Wo hat die Uefa den so lange versteckt? Er war für diese Partie, in diesem kleinen Hexenkessel genau der richtige Mann.

In der zweiten Halbzeit zwei schnelle Wechsel. Beim HSV ging Robert Tesche, der mir durchaus gefallen hatte, wenn er auch nach vorne kaum zum Zuge gekommen war. Für ihn schickte Moniz den wackeren Kämpfer Tomas Rincon auf den Rasen (56.) – die etwas defensivere Variante. Und Fulham musste den gefährlichen Zamora vom Platz nehmen (58.), der sich trotz einer Achillessehnenverletzung fast eine Stunde durchgebissen hatte. Für ihn kam Dempsey, und mir war ein wenig wohler zu Mute, denn Zamora ist eigentlich immer für ein Tor gut. Diesmal nicht.

Als sich Boateng in der 62. Minute mit einer Harakiri-Aktion an der Eckfahne eine überflüssige Gelbe Karte abgeholt hatte (eingesprungene Beinschere), geriet die Volksseele vollends ins Kochen – und Fulham kam. Und wie. Der HSV wackelte. Und er kassierte den Ausgleich. Wieder einmal ein Pass durch die Mitte. Dort erlief sich Davies den Ball vor Guy Demel, der Engländer ließ den HSV-Abwehrspieler aussteigen und schoss unhaltbar ein (69.). Wieso tut sich in der Abwehrmitte, im Zentrum eine so große Lücke auf, wieso? Zum wiederholten Male. Aus gehabtem Schaden nichts gelernt.

Wahnsinn. Und es kam noch schlimmer. Eckstoß für Fulham, die Kugel segelt in der Mitte an allen vorbei – an fast allen. Der Ball prallt an das linke Bein von Demel, es wird daraus eine Mustervorlage für Gera. Der Ungar schießt mühelos ein – 2:1.

Das Ende? Moniz will es nicht wahrhaben, riskiert alles. Er bringt elf Minuten vor Schluss Paolo Guerrero und nimmt Rincon wieder vom Platz. Eine harte Aktion, aber in einem solchen Spiel absolut richtig. Nun war die offensivere Hamburger Variante wieder auf dem Rasen.

Aber es half alles nichts mehr. Die historische Chance ist verpasst worden. Und eine chaotische Saison wird nun im Tal der Tränen enden. Wieder einmal beste Voraussetzungen gehabt, wieder einmal zum Schluss abgebrochen. Die Hoffnung stirbt zuletzt . . .

23.05 Uhr

Läuft da etwas mit Fatih Terim?

27. April 2010

Ein neuer Trainer ist auch ein neues Training. So ging es mir durch den Kopf, als ich von meinem Kollegen Christian Pletz die Eindrücke der ersten „echten“ Einheit unter Interimscoach Ricardo Moniz übermittelt bekam. Warum? Ganz einfach: Weil sich dort neben der Nordbank-Arena 23 Mann tummelten. 23, ja, Ihr lest richtig: Mit Ausnahme der verletzten Eljero Elia, Collin Benjamin, Tunay Torun und Romeo Castelen (lief aber seine Runden, will nächste Woche wieder voll einsteigen) waren wirklich alle dabei. Niemand musste zum Mitmachen überredet oder gedrängt werden, alle waren gespannt auf Moniz‘ Auftreten und wollten sich für das Europa-League-Rückspiel am Donnerstag in London empfehlen.

Um die Einheit und das Abschlussspiel möglichst wettkampfgetreu zu gestalten, hatte Moniz aus der Regionalligamannschaft Unterstützung angefordert. Offensivmann Kazior mimte Fulhams Angriffskanten, Groß, Dettmann, Pressel und Co. brachten sich ebenfalls engagiert ein.

Manch ein Fan empfand diese knapp 75-minütige Einheit als „intensivste seit Monaten“. Zu so einem Superlativ, da verlasse ich mich mal auf den Bericht meines Kollegen, möchte ich mich noch nicht hinreißen lassen. Aber dass es strikter und leidenschaftlicher zuging als zuletzt unter Bruno Labbadia, das erklärte auch er mir. Und seitdem ich gestern mit einigen Spielern und Verantwortlichen gesprochen habe, muss ich sagen, dass mir wesentlich wohler ums Herz ist, was den Rest dieser nicht mehr allzu langen Saison betrifft. Der Grund: Moniz ist in der Mannschaft akzeptierter und respektierter, als ich es erwartet hätte. Die Spieler erkennen, dass sie einen vor sich haben, der für den Erfolg dieser Mannschaft alles tut, der Fußball denkt, lebt und auch vorlebt, was auf dem Platz angesagt ist. Lautstark, präzise, manchmal auch etwas flapsig (wie heute nach einem Fehlpass: „Das war einfach nur doof, doof, doof!“).

Unter den Fans, das war auch heute zu erkennen (draußen und in Euren Beiträgen), herrscht nach wie vor eine geteilte Meinung zur Trainerbeurlaubung. Die Mannschaft hat bei vielen Anhängern, auch bei den treuen, jeglichen Kredit verspielt. Joris Mathijsen und Dennis Aogo wurden heute beispielsweise von einem Anhänger verbal attackiert, als sie nach der Einheit für HSV-PR-Zwecke ein Foto in einem neu angelegten Blumenbeet machen ließen. Pressesprecher Jörn Wolf beruhigte die Lage schließlich.

Für den Endspurt dieser Saison müssen sich die Spieler aufgrund vieler ihrer letzten Auftritte auf eine gehörige Portion Skepsis und Kritik ihrer Anhängerschaft einstellen. Im Europapokal wird noch Ausnahmezustand herrschen, weil ALLE das Finale so sehr herbeisehnen, dass selbst einige Hardcorefans ihre Wut und Enttäuschung auf die Herren Profis verdrängen. Wie es aber in der Bundesliga werden soll, falls das Endspiel nicht erreicht wird, mag ich mir atmosphärisch gar nicht vorstellen. Dagegen wäre ein „Trauermarsch“ wohl noch ein freudenerfüllter Festakt.

Aber eines ist doch klar. Nach diesem Frustwochenende und der folgenden Konsequenz in Sachen Trainerwechsel sehe ich keinen Grund, schwarz zu malen. Die Chancen am Donnerstag stehen bei 50:50. Und eines Umstands können sich alle Verantwortlichen sicher sein: Die Profis werden 100 Prozent mehr Leidenschaft an den Tag legen als beim Auftritt in Hoffenheim. Und ihr unvorbelasteter Trainer wird an der Seitenlinie und in der Kabine alles dafür tun, um die Minibruchteile äußerer Eingriffsmöglichkeiten gewinnbringend zu nutzen.

Zu Moniz habe ich heute übrigens einiges gelesen. Auch, dass er angeblich lieber länger in Hamburg bleiben wolle und eventuell bei Red Bull seine Zusage noch einmal zurückziehen möchte. Meine Informationen sind anders. Demnach hat Moniz in Salzburg sehr wohl schon einen Vertrag unterzeichnet und wird dort zur nächsten Saison sein Amt antreten. Wer den 46-Jährigen aber kennt, der weiß, dass das nichts an seiner Einstellung oder an seiner Arbeitsweise in dieser Spielzeit ändern wird. Wer Moniz im Team hat, zählt auf einen 100-Prozentigen. Ganz oder gar nicht – so lautet sein Motto.

Wer nun einen kompletten Personalwechsel in Fulham erwartet, den muss ich an dieser Stelle enttäuschen. Nimmt man das heutige Training als Maßstab, dürften Frank Rost, Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen, Dennis Aogo, David Jarolim, Zé Roberto, Robert Tesche, Jonathan Pitroipa und ein Duo des Trios Ruud van Nistelrooy/Mladen Petric/Paolo Guerrero die besten Chancen zur Nominierung für die Startelf haben. Piotr Trochowski fehlt Gelb-gesperrt – der Rest muss sich wohl mit einem Platz auf der Tribüne oder Ersatzbank anfreunden.

Nach welchen Bewertungskriterien Moniz für die Startelf aus dem Sturmtrio zwei Profis herauspicken will, ließ sich heute noch nicht erkennen. Mal ließ er Guerrero mit van Nistelrooy üben, mal van Nistelrooy mit Petric und dann wieder Petric mit Guerrero. Mir persönlich gefällt die Version van Nistelrooy/Guerrero am besten. Allerdings weiß ich auch, dass Petric als „Mr. Europa-League“ gefürchtet ist und nicht sonderlich für eine Jokerrolle taugt. Und Guerreros Leistung im Hinspiel war wirklich unterirdisch schlecht, so dass er möglicherweise zunächst zuschauen müssen wird. Van Nistelrooy wird gesetzt sein, sofern sein Körper „grünes Licht“ gibt.

Nach der Rückbetrachtung des Hinspiels gegen passive Londoner könnte es meiner Meinung nach vier offensive Schlüsselfiguren im Duell gegen Fulham geben:

1. Guy Demel. Schafft er es diesmal, wenigstens 30 Prozent seiner Vorstöße sinnvoll zu beenden (das heißt: mit einer brauchbaren Flanke), erhöht sich die Torgefahr immens. Defensiv wird Moniz ihn mit Sicherheit noch verbal „aufmöbeln“.

2. Jonathan Pitroipa. Das Eichhörnchen war schon im Hinspiel einer der Aktivposten. Er ist unbequem als Gegenspieler, muss noch häufiger den Weg in den Strafraum suchen und dort notfalls auch mal fallen, wenn er unsanft angegangen wird. Den Engländern behagt er jedenfalls gar nicht.

3. Ze Roberto: Auch wenn er von der „Sechser-Position“ kommt, so können seine Pässe in die Tiefe den Unterschied ausmachen. Zuletzt wirkte er sehr wechselhaft, war nun sogar angeschlagen. Mit seiner spielerischen Eleganz kommen Engländer auch nur schwerlich zurecht.

4. Ruud van Nistelrooy: Im Hinspiel hing er meist in der Luft, bekam allerdings auch nahezu keinen Ball im Strafraum, sondern ackerte außerhalb der „Box“. Der Niederländer kann sich zielgerichtet für Spiele hochfahren und braucht erfahrungsgemäß wenige Chancen für einen Torerfolg. In England ist er nach wie vor gefürchtet – das kann er mit Argumenten unterfüttern.

Derweil setzen sich hier in Hamburg natürlich die Trainerdiskussionen fort. Wer übernimmt Moniz‘ Rolle zur nächsten Saison. Bernd Hoffmann soll sich mit Jürgen Klinsmann getroffen haben. Bernd Schuster ist im Gespräch. Marcel Koller auch, Jögi Löw nicht zu vergessen. Und – es war vor zwei Wochen schon mal in den Medien – nun wurde mir von drei unabhängigen Quellen zugetragen, dass der ehemalige türkische Nationaltrainer Fatih Terim in der Hansestadt sein soll um mit den Verantwortlichen des HSV zu verhandeln.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich zu wenig über Terim weiß, um mir ein abschließendes Urteil über ihn erlauben zu können. Er gilt als hart und kompromisslos, als gradlinig und taktisch clever. Ich weiß aber nicht, ob der HSV tatsächlich schon so weit ist, um einen neuen Coach innerhalb von wenigen Tagen nach Labbadias Abschied fest für die kommende Spielzeit zu verpflichten. Spricht Terim überhaupt deutsch? Ich warte die nächsten Tage mal gespannt ab.

14:30 Uhr

Das Alibi der Mannschaft ist jetzt weg

26. April 2010

Es war 10.14 Uhr, als sich die Tür vom Mannschaftstrakt in Richtung Parkplatz noch einmal öffnete und ein Lockenkopf namens Ricardo Moniz heraustrat und in Richtung Trainingsrasen joggte. Die meisten Fans vor der Nordbank-Arena wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie soeben den neuen Coach der Profis an sich vorbeiflitzen sehen hatten. Die Spieler wussten es. Sie hatten die Nachricht vom Vorstand zuvor in der Umkleide übermittelt bekommen.

Während sich also ein Großteil der Reporterschar mit Kameras und Mikros vor dem Eingang zur Buseinfahrt versammelte, hielt der Hoffentlich-Vier-Spiele-Trainer seine erste Einheit mit acht Reservisten und Ergänzungen fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit ab. Moniz, der auch in diesem Blog schon wegen seiner Leidenschaft, seines mitunter sehr harten Umgangstons und seiner fachlichen Qualität thematisiert wurde, machte alles wie immer. Nein, das stimmt doch nicht ganz: FAST wie immer. Er stellte Hütchen auf, ließ Paolo Guerrero, David Rozehnal, Marcus Berg, Tolgay Arslan, Bastian Reinhardt, Henrik Dettmann, Tom Mickel und Miroslav Stepanek Passübungen machen, während sich Frank Rost und Wolfgang Hesl mit Torwart-Trainer Claus Reitmaier aufwärmten. Anschließend folgten Passübungen in Spielform – mit lauten und unmissverständlichen Anweisungen des Vollblutfußballers Moniz -, Abschlussübungen und ein intensives Fünf-gegen-Fünf-Abschlussspiel, bei dem der neue Interimscheftrainer (er wechselt nach der Saison zu Red Bull Salzburg) immer wieder als verbaler Antreiber und Korrektor auftrat. Anschließend sammelte er die Hütchen wieder allesamt ein und wurde mit seinen Spielern durch den Nebeneingang des Stadions in die Kabine „geschleust“.

Was nun anders war im Vergleich zu sonst? Ganz einfach: Moniz machte beim Abschlussspiel nicht mit. Unter Bruno Labbadia hatte er fast täglich mitgekickt, war immer als einer der emotionalsten, lautstärksten und aggressivsten Zweikämpfer aufgetreten. Diesmal beobachtete er seine sonstigen „Mitspieler“ nur, lobte und kritisierte sie. Und war beim abschließenden Elfmeterschießen auch für das eine oder andere Lächeln zu begeistern. Bis Donnerstag, das weiß Moniz genau, gilt es noch einiges aufholen – vor allem im Bereich Spaß und Leidenschaft.

Dass es überhaupt zur Inthronisierung Moniz‘ gekommen war, hatte sich in der Nacht von Sonntag auf Montag entwickelt. Vorstandschef Bernd Hoffmann war mit seinen Mitstreitern alle Wenn und Abers, Hättes und Könntes durchgegangen. Oberste Priorität aller Überlegungen: Wie kann die Wahrscheinlichkeit erhöht werden, im Halbfinalrückspiel in Fulham zu bestehen und es als Sieger zu beenden? „Nach einem Gespräch mit den Trainern sind wir dann heute Morgen zur Entscheidung gelangt“, sagte Hoffmann. Er sprach von einem „alternativlosen Weg“, von einem „einstimmigen Ergebnis bei der Vorstandsentscheidung“.

Kurz und stark verkürzt zusammengefasst lässt sich die Entscheidung der sofortigen Beurlaubung Labbadias so beschreiben: Labbadias Abgang war das i-Tüpfelchen eines in sich komplett zerstörten Verhältnisses zwischen Team und Coach. Mit der Beurlaubung wurde den Profis das große Alibi genommen, das einige von ihnen zuletzt immer wieder bemüht hatten, extern und intern. Moniz gilt als optimales Mittel zum Zweck. Er kennt die Mannschaft, die Probleme, kennt Fulham und ist intern anerkannt. Er strotzt vor „Feuer“ und Tatendrang, ließ sich trotz seines seit mehreren Wochen feststehenden Wechsels nach Österreich nie hängen. „Er soll die paar Prozentpunkte wecken, die zuletzt etwas verschüttgegangen sind“, sagte Hoffmann mit sorgenvoller Miene.

Die Bundesligasaison ist gelaufen, nun setzen alle Beteiligten alle Hoffnungen in das Rückspiel in London. Danach, beziehungsweise nach dieser Saison, wird es eine schonungslose Analyse der Bosse geben. Und mancher aktueller Stammspieler wird sich möglicherweise einer Verabschiedung aus charakterlichen Gründen ausgesetzt sehen. Abwarten.

Moniz selbst präsentierte sich am ersten Tag seines 16-Tage-Cheftrainer-Engagements nach 71 Trainingsminuten konzentriert. Er sprach von einem „dramatischen Tag“ und führte weiter aus: „Ich bin mit Bruno und Eddy Sözer emotional sehr verbunden und schätze sie als Mensch und Trainer.“ Einen Vorwurf Labbadias habe es für Moniz‘ Amtsübernahme nicht gegeben. „Ich bin überzeugt von dieser Lösung, sonst hätte ich es nicht gemacht“, sagte der Niederländer, der es als seine Pflicht sieht, „den Spielern Leidenschaft zu vermitteln und nun mit ihnen gemeinsam den Knopf zu drücken“. Auf geht’s, kann man da nur sagen.

Zu Bruno Labbadia ist eigentlich schon alles gesagt worden. Ich habe mir trotzdem noch einmal die Mühe gemacht, wie früher nach Trainerentlassungen einen abschließenden Kommentar zu schreiben, um das Kapitel endgültig abzuhaken:

Es musste so kommen, keine Frage. Diese Trainer-Entlassung war überfällig, denn der HSV hat sich unter der Regie von Bruno Labbadia zurückentwickelt. Trotz der Tatsache, dass erneut das Halbfinale der Europa League erreicht worden ist. Fakt ist: Der HSV stürzt in der Tabelle im Gegensatz zum Vorjahr, als Platz fünf erreicht wurde, dramatisch ab.

Dabei war der Start des HSV mit seinem neuen Trainer im Sommer 2009 grandios. Hamburg stürmte die Tabellenspitze. Und weckte Begehrlichkeiten, sorgte für große Träume der Fans. Dann gab es die vielen Verletzten, die den HSV dramatisch schwächten, und dennoch: Als es in die Winterpause ging, sah alles noch gut aus. Nicht mehr so blendend wie im Herbst, aber alle hatten das Gefühl: Hier geht noch etwas.
Ging ja auch. Nur in die falsche Richtung. Vier Siege in der Bundesliga-Rückrunde, das ist blamabel, peinlich, für jeden Fan entsetzlich. Der HSV hat die zweit- oder drittteuerste Mannschaft der Liga, trotz aller Verletzungen hätte mit dieser namentlich super besetzten Truppe mehr erreicht werden können – vielleicht sogar müssen?

Bruno Labbadia hat sich in diesem Jahr immer hinter den Widrigkeiten des Herbstes versteckt: „Wir wissen ja, woran es liegt, wir wussten, dass es 2010 schwer für uns werden würde.“ Die Frage aber hat niemand gestellt: Wieso wusste es der HSV, dass es schlechter laufen würde?
Es lief vor allen Dingen deswegen schlecht, weil das Verhältnis Mannschaft/Trainer schon Richtung Jahresende immer schlechter geworden war, weil das Verhältnis schließlich total zerrüttet war. Wer es als Trainer im Laufe eines Dreivierteljahres schafft, sich mit Spielern wie Ze Roberto, Frank Rost, Mladen Petric, David Jarolim, Dennis Aogo, Piotr Trochowski, Jerome Boateng „auseinander zu leben“ (oder besser: zu verkrachen), der darf sich nicht beschweren, dass eine solche Mannschaft nicht mehr funktioniert, dass dermaßen vor den Kopf gestoßene Spieler nicht mehr für ihren Vorgesetzten durchs Feuer gehen.

Bruno Labbadia wollte sich stets korrekt verhalten, er ist unbeirrt seinen Weg gegangen. Das mag in den meisten Fällen klug sein (besonders im Profi-Sport) – zum HSV hat es nicht gepasst. Der Trainer hat es nicht mitbekommen, wie sehr er sich Tag für Tag von der Mannschaft entfernt hat. Das war keine Einheit mehr, das waren zwei Gruppen: hier Labbadia, dort die Mannschaft. Ein solches Gebilde kann in der Wirtschaft eventuell funktionieren, im Sport muss das zum Misserfolg führen. Ich habe menschliche Gesten des Trainers vermisst, dass er einmal einen Spieler in den Arm nimmt, um ein Einzelgespräch zu führen – so etwas gab es nicht. Ich jedenfalls habe es nie gesehen.

Dabei hat der Trainer viel gesprochen. Unendlich viel sogar. So viel, dass es den Spielern zu den Ohren heraus kam (Tatsache, nicht erfunden!). Was andere Trainer in Jahrzehnten zu wenig gesprochen haben, hat Bruno Labbadia alles in ein, zwei Monaten aufgeholt. Und er hat für die nächsten Jahre vorgelegt. Für mich sein Kardinalfehler. Über das Trainingsprogramm ließe sich vortrefflich streiten – aber jeder Coach hat seine eigene Philosophie. Für mich, und ich weiß, dass es viele, viele Kollegen gab, die es ganz genauso sahen, war dieses Training viel zu lasch. Ich kann es vergleichen, denn seit dem Stabwechsel von Ristic auf Happel habe ich das HSV-Training verfolgt – weicher war es nie. Und ich werde niemals den Tag vergessen, als „Benno Hafas“, ein eifriger Trainingsbesucher, hier bei „Matz ab“ die Frage stellte: „Wann übt der HSV eigentlich mal Kondition? Laufen die ganz geheim durch den Volkspark? Oder was und wann machen die etwas, ohne dass wir Fans es sehen?“ Treffender hätte es niemand formulieren können.

Pech für den HSV: Er steht nun vor einem riesigen Scherbenhaufen. Und er muss nun wieder einmal von vorne beginnen, etwas Vernünftiges und Erfolgsversprechendes aufzubauen. Das kann wieder dauern. Meine große Hoffnung aber heißt Urs Siegenthaler. Dieser Mann ist ein absoluter Fachmann, ihm vertraue ich, dass er in Hamburg in Bestzeit etwas auf die Beine stellt. Alle HSV-Fans sollten diese Hoffnung übernehmen – mehr bleibt im Moment nicht.

PS: Eine personelle Hiobsbotschaft gab es heute übrigens auch noch. Tunay Toruns Knieverletzung aus dem Freitagtraining entpuppte sich als Kreuzbandriss. Damit fällt der Offensivspieler mindestens ein halbes Jahr lang aus. Bitter. Ich wünsche auf diesem Wege gute Besserung!

15:22 Uhr

Profis wollen Taten sprechen lassen

21. April 2010

So ein Europa-League-Spiel hat echt etwas Gutes, etwas sehr Gutes sogar. Die Marketing-Experten der Uefa haben wieder ganze Arbeit geleistet. Das Stadion, das „oben ohne“ (ohne Buchstaben aufm Dach) ja eh nicht mehr als Nordbank-Arena zu identifizieren ist, hat gemäß der Vermarktungs-Richtlinien des Wettbewerbs keinerlei HSV-Sponsoringflächen mehr. Das „Stadion Hamburg“ wirkt so auf den ersten Blick zwar etwas steriler und kühler (kann auch an den 6 Grad Außentemperatur liegen), aber im Hinblick auf das morgige Duell gegen den FC Fulham verblassen die üblen Erinnerungen an das klägliche 0:1 gegen Mainz dafür umso besser. Ich möchte es jetzt mal so formulieren: Die Tafel – mit herrlichem Rasen (O-Ton Bernd Hoffmann: „Der sieht aus wie in Wimbledon am ersten Tag!“) – ist angerichtet, jetzt liegt es in den Köpfen, Herzen, Beinen und Füßen der Profis, den großen Traum vom Finale in die Realität umzusetzen.

Die Vorzeichen stehen gar nicht so schlecht. Seit Dienstag weht irgendwie ein anderer Wind rund um und durch den Volkspark. „Halbfinalhinspiel – auf solche Momente wartet jeder Fußballer, manche vergeblich ein ganzes Leben lang“, hat Bruno Labbadia kürzlich gesagt. So ein Finalziel vor Augen schweißt zusammen. Naja, vielleicht formuliere ich es doch noch einmal um. Bei einer solchen Chance vor Augen werden alle negativen Aspekte der Vergangenheit eben doch mal kurz aus dem Alltag und aus den Gedanken vertrieben. „Die meisten aus unserer Mannschaft erinnern sich noch an das vergangene Jahr und das damalige Halbfinale gegen Werder, das nach wie vor Schmerzen und Wut im Bauch verursacht. Solche Erinnerungen spornen uns zusätzlich an. Wir wissen um die Bedeutung dieser zwei Spiele und bereiten uns gezielt darauf vor“, sagte Dennis Aogo auf der heutigen Pressekonferenz.

Dass diese Presskonferenzen mit Trainer UND Spieler ein Pflichttermin sind, die die Vereine laut Uefa-Richtlinien abhalten müssen, ist gut für die Sportjournalisten, denn ansonsten wären sie heute womöglich leer ausgegangen, was die Suche nach Spielerkommentaren betrifft. „Nein“, „nein“ und nochmals „nein“ entgegneten die Herren Profis meinen Kollegen auf dem Weg zum Abschlusstraining, als sie um ein paar Statements gebeten wurden.

Nun könnte ich an dieser Stelle den aufgebrachten Journalisten spielen und mich aufregen, dass die Spieler erst über Wochen so einen Mist zusammenspielen und Theater veranstalten, dann aber plötzlich verstummen, wenn die Berichterstattung geradezu nach Zitaten lechzt. Mache ich aber nicht, denn im Grunde genommen gefällt mir diese offenbar eigens aufgelegte Haltung. Geredet und diskutiert wurde halt schon lange genug (ohne Erfolg), warum also jetzt nicht erst einmal Taten für sich sprechen lassen!? Auf geht’s.

Ein paar kleine „Störfeuer“ gab es auf der Pressekonferenz natürlich trotzdem, die einige von Euch ja auch schon kommentiert haben. Ein Radio-Hamburg-Mann fragte nach einem vermeintlichen Gespräch von Noch-Bundestrainer Joachim Löw mit Bernd Hoffmann. Bruno Labbadia wirkte irritiert: „Geht die Frage an mich?“ „Nein, an den Verein!“, sagte der Reporter. Nun war also Pressesprecher Jörn Wolf gefragt, der ehrlich antwortete: „Ich weiß davon gar nichts!“ Und da Jörn eigentlich immer alles weiß, was seinen Arbeitgeber betrifft, war dieses Thema auch schnell abgehakt. Ich möchte denjenigen von Euch, die diese Frage deplatziert und ungeheuerlich störend fanden, aber eines erwidern: Der Radiomann hat nur seinen Job gemacht. Falls ihm jemand das Löw-Gerücht erzählt hat, im Zweifel vielleicht sogar einer seiner Chefs, dann muss er diese Frage stellen. Das ist sein Job. Und er wird nicht vom HSV bezahlt. Aber ich fand, dass alle Beteiligten damit professionell umgegangen sind.

Eine Portion humorvoller war die Frage meines NDR-90,3-Kollegen Lars Pegelow, der Dennis Aogo in Anlehnung an den jüngsten Kinozoff kess fragte: „Was machen Sie denn heute Abend?“ Aogo wusste sofort, um was es geht, er überlegte erstaunlich lange, als ob er überlegte, den Spaß mitzumachen, es dann aber doch ließ. Aogo: „Ich gehe mit einem Freund Essen und lasse den Abend dann entspannt mit meiner Freundin zusammen ausklingen.“ Zur Erklärung: Die Spieler treffen sich wegen des späten Anstoßzeitpunktes morgen erst am Morgen im Tageshotel, sie können also zuhause schlafen.

Ich wurde heute von einigen Freunden und Bekannten gefragt, was ich für das morgige Duell erwarte. Die Antwort fiel mir ziemlich leicht. Ich erwarte defensiv ausgerichtete Engländer, die wie in den vergangenen Runden gut organisiert sein werden und den HSV überraschen wollen. Bruno Labbadia hat es heute ganz treffend formuliert: „Es kommt auf Kleinigkeiten, auf Details an.“ Das können Tagesform, Standards, individuelle Aussetzer aber eben auch atmosphärische Dinge sein. Labbadia: „Auch unsere Fans können einen fünfprozentigen Unterschied im Hinspiel ausmachen!“ Das sehe ich auch so. Im Optimalfall startet die Mannschaft furios mit einem Torerfolg, zerlegt damit Fulhams Grundausrichtung (bloß kein Gegentor) und entfacht eine Rieseneuphorie auf den Rängen. In einem „Rauschzustand“, der daraus resultieren würde, könnte der HSV dann über sich hinauswachsen. Und genau das ist es, was diese Mannschaft braucht.

Personell hat Bruno Labbadia dank Paolo Guerrero und der Genesung des „Eichhörnchens“ Jonathan Pitroipa wieder etwas mehr Handlungsspielraum. Nach aktuellem Stand erwarte ich beide in der morgigen Anfangself. Pitroipa kann ebenso wie Piotr Trochowski links und rechts offensiv spielen, Guerrero dürfte neben Ruud van Nistelrooy im Angriff starten. Im Abschlusstraining im Stadion wirkte der Holländer zwar wie in den Trainingstagen zuvor etwas zappelig und ballunsicher, aber im Abschluss ist und bleibt er eine Augenweide, eine stetige Torgefahr. Und die wird sich der Coach nicht nehmen lassen.

Genug gesabbelt. Taten und Tore müssen her. Ich lege mich schon mal fest: Es gibt einen 2:0-Sieg. Und „Pit“ wird treffen oder einen Strafstoß herausholen.

17:35 Uhr

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr!

20. April 2010

Fast hätte er sich verpieselt. Mein Kollege Christian Pletz war heute wieder beim Training. Seine Ankunft beschrieb er mir so: „Ich kam etwas zu spät auf dem Parkplatz an und ging in Richtung Trainingsplätze, als mir plötzlich Jerome Boateng entgegen kam, allerdings in Richtung Kabine. Da habe ich gedacht: Oh nein, nicht schon wieder ein Ausfall, dann setzen mich die Matz-abber wegen meines Seuchenvogeldaseins bald in einen Flieger nach Neuseeland – ohne Rückflugticket.“ Glücklicherweise entpuppte sich Boatengs Ausflug gen Kabine um fünf nach zehn als Leibchen-Hol-Aktion, so dass sich auch die Sorgenfalten meines Kollegen in Wohlgefallen auflösen durften und er sich eben nicht verpieselte.

Draußen war es heute mal richtig ungemütlich. Das galt zum einen für die Witterungsbedingungen (fünf bis acht Grad, Nieselregen, kalte Windböen), zum anderen auch für das wirklich beherzte Treiben auf dem Rasen. Mein Kollege schilderte mir, dass er so eine leidenschaftlich und engagiert geführte Einheit seit Monaten nicht gesehen habe. Das macht doch Mut für Donnerstag. Beim Multi-Tor-Spiel, bei dem zwei Mannschaften mit schnellen Ballkontakten auf relativ engem Feld in viele Zweikämpfe und knifflige Situationen geraten, gab es bereits einiges auf die Stöcker. David Jarolim schien heute der Dauerleidtragende zu sein. So oft wie er unsanft zu Boden ging, dürfte er den Greenkeepern wertvolle Tipps zum Zustand des Grüns geben können. Trainer Bruno Labbadia, der ja in den vergangenen Wochen in Sachen Körpersprache auch nicht unbedingt immer die beste Figur abgab, wirkte ebenso konzentriert wie entflammt. Nur Zé Roberto schien sich nicht gänzlich von seinem Trance-Zustand der jüngsten Vergangenheit erholt zu haben – aber noch sind ja zwei Tage!

Einen Spieler soll ich heute besonders hervorheben, weil er im Fortlauf der Einheit – auch beim Abschlussspiel ging es sehr, sehr hart und energisch zu – eine Bewerbung in eigener Sache abgab: Tunay Torun. Vielleicht ist es sogar so, dass dem Nachwuchsmann so intensiv geführte Spiele gelegener kommen als technisch hochklassige der Marke „körperfrei“ oder „zweikampffrei“. Für mich ist Torun nur dann konkurrenzfähig in dieser Mannschaft, wenn er als – entschuldigt den Ausdruck – „Kampfschwein“ ackert und läuft und arbeitet und tut. Heute gab es für ihn auch einen Mini-Rückschlag in Form eines lupenreinen Tunnels von David Jarolim. Torun schickte einen Fluch in den wolkenverhangenen Aschehimmel und legte fortan noch einen Gang zu. Zur eigenen Belohnung schoss er ein Tor und dürfte in Labbadias Planspielen wieder eine Rolle spielen. Anders als Jonathan Pitroipa, der doch sehr unauffällig war, hinterließ Torun nämlich Spuren.

Ich bin wirklich gespannt, wie der Trainer den Angriff am Donnerstag besetzen wird. Wen schickt er neben seinem gesetzten Torjäger Ruud van Nistelrooy ein? Marcus Berg oder Paolo Guerrero? Nimmt man die jüngste Leistung Bergs als Maßstab, dürfte der in der Liga gesperrte Peruaner den Vorzug erhalten. Ich kann mir vorstellen, dass Labbadia selbst noch nicht genau weiß, welche Maßnahme er ergreifen wird. Ich bin übrigens genauso gespannt, wie die Fans Guerrero empfangen werden. Schließlich wäre es sein erster Heimauftritt nach dem Büchsen- bzw. Trinkflaschenwurf.

Guerrero und seine Kollegen hoffen auf einen Zusammenhalt, untereinander, miteinander, füreinander. Co-Trainer Eddy Sözer formulierte heute sogar einen entsprechenden Appell: „Wir haben alle das gleiche Ziel. Keiner muss sich unterordnen, aber alle sollten sich einordnen!“ So sehe ich das auch. Ungeachtet aller Probleme, Sorgen und Kritikpunkte müssen nun alle an einem Strang ziehen. Klar, denn jetzt geht es ans Eingemachte, da müssen die Streitigkeiten, die internen Scharmützel und Intrigen, die Kinderkabbeleien und mitunter peinlichen Geschehnisse mal für ein paar Tage aus den Gedanken und Gesprächen gestrichen werden. Und wenn ich ganz ehrlich bin, müssten sie danach so schnell auch gar nicht wieder hervorgekramt werden. Dafür ist in der Schlussabrechnung dieser Saison noch genügend Zeit. Und warum sollte der HSV nach einem guten Hinspiel gegen Reise-strapazierte Engländer in der neuen „Jägerrolle“ in der Liga nicht auch noch einmal angreifen. Nicht für einen Trainer, nicht für einzelne Spieler, sondern für einen Verein und für treue (und leider ziemlich Frust-geplagte) Fans.

Ich hoffe, dass sich auch die Anhänger am Donnerstag noch einmal „hochfahren“ können, wie Thomas Doll es einst immer so treffend formuliert hat. Ihr werdet selbst merken, wie schwer es ist, die negativen Erinnerungen und Ergebnisse der vergangenen Wochen auszublenden, den Tunnelblick zu aktivieren und dieses eine Europa-League-Spiel so zu behandeln, als wäre es DAS Finale. So und nur so kann Fulham angegangen werden.

Ein Bekannter, der viele Kontakte nach England pflegt, sagte mir, er habe gehört, dass Fulham beim HSV die rechte Abwehrseite als Schwachpunkt erkannt habe und entsprechend darauf ausgerichtet sei. Guy Demels Position also. Wer den Rechtsverteidiger in den vergangenen Partien, nein, eigentlich sogar Monaten genau beobachtet hat, der kann diesen Eindruck wohl bestätigen. Ich weiß gar nicht so richtig, woran es bei Demel liegt. Er bringt körperlich alles mit, konnte auch schon mal flanken (übt dies aber viel zu selten nach den normalen Einheiten für sich), strotzte vor Selbstvertrauen und Zielstrebigkeit (über seine Seite), aber momentan fällt er nur durch Stellungsfehler, halbherziges Tempo in der Rückwärtsbewegung in entscheidenden Situationen und durch klägliche Angriffsaktionen auf.

Ich denke, dass Labbadia gegen Fulham sogar mit dem Gedanken spielt, Tomas Rincon rechts hinten einzusetzen, auch wenn der Venezolaner mindestens ebenso viele Defizite als Rechtsverteidiger mitbringt, weil das einfach nicht seine angestammte Rolle ist. Dafür ist Rincon bissiger, hartnäckiger in der Zweikampfführung und offenbar auch robuster in Sachen Psyche.

So, das soll es erst einmal mit den Analysen, Deutungen und Prognosen gewesen sein. Ich muss gestehen, dass auch bei mir das Kribbeln eingesetzt hat. Halbfinale (und nicht gegen Werder oder Wolfsburg!) – da kommt Vorfreude gepaart mit Sorgen, Hoffnungen und allerlei Wunschdenken auf. Wem geht es nicht so…?

14:25 Uhr

Petric gibt mir Rätsel auf

15. April 2010

Ich muss ehrlich sagen, dass ich heute Morgen etwas gestutzt habe, nachdem ich alle Zeitungen gelesen hatte. Da las ich nun die „Nebengeräusche“ zu Mladen Petrics Verletzung und bekam das Gefühl vermittelt, als sei Trainer Bruno Labbadia nun auch noch für den Ausfall des Kroaten verantwortlich. Ganz ehrlich: Das geht mir dann doch einen Schritt zu weit. Dass sich Petrics Blessur jetzt auch noch als Muskelfaserriss herausgestellt hat, dass der Stürmer damit zwei bis drei Wochen lang ausfallen wird, ist bitter, aber ganz bestimmt nicht mit Labbadia zu begründen. Ich halte es da ganz einfach mit der Logik: Ist ein Spieler verletzt oder angeschlagen oder fühlt sich nicht gut (das deutete Petric in seinen verschlüsselten Äußerungen ja an), dann kann er auch nicht in der Übungseinheit auflaufen. Und wir reden hier ja nicht über einen 18-jährigen Jungspund, der seinen Körper vielleicht noch nicht kennt und aus Angst vor dem Verlust um einen Platz im Kader an jeder Einheit teilnehmen will, also falschen Ehrgeiz hat. Wir reden über einen erfahrenen Kicker mit großen Ambitionen und großem Leistungspotenzial, der sich – leider, leider – nun verletzt hat.

Ich kann Petrics Äußerungen vor allem vor einem Hintergrund nicht nachvollziehen: Sie schüren erneut Unruhe, obwohl diese das Letzte ist, was der HSV in den letzten Wochen der Saison und den spannenden Aufgaben in der Liga und in der Europa League gebrauchen kann. Und ich unterstelle einem Spieler wie dem Kroaten einfach mal, dass er sich der Konsequenzen seiner Worte bewusst ist. Warum also macht er so schwammige Aussagen in Sachen Trainingsteilnahme? Das wird wohl vorerst Petrics Geheimnis bleiben.

Jedenfalls sorgte er auch heute nach der Trainingseinheit nicht für Aufklärung. Er beschrieb die Szene von gestern als „doofe Situation“, die Entscheidung seiner Trainingsteilnahme sei „im Team“ entstanden. Und er habe jetzt das Gefühl, es habe sich um ein „Kommunikationsproblem“ gehandelt. Ja, was denn jetzt? Trainer Bruno Labbadia sagte fast zeitgleich auf der Pressekonferenz: „Ich habe ihn gefragt, ob es geht, und er hat gesagt, er möchte auf den Platz.“

Ganz ehrlich: Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen Kinderkram. Können sich erwachsene Männer nicht mal für vier Wochen zusammenreißen und alles nur Erdenkliche für den gemeinsamen Erfolg tun? Es geht hier um mehr als Eitelkeiten, stille Post oder beleidigte Leberwürste. Es geht auch um mehr als Abschiedsgedanken oder zwischenmenschliche Konflikte. Es geht um den HSV und eine fast historische Chance, das langjährige Titeltrauma zu verbannen. Darum richte ich jetzt mal einen Appell an alle Beteiligten: Reißt Euch mal zusammen!

Ich weiß selbst, dass diese Worte im Zirkus Profifußball niemanden wirklich interessieren. Aber ich finde, dass die aktuelle Personallage ernst genug ist, um sich mit 100 Prozent Zuwendung und Konzentration auf sie zu stürzen. Was den Angriff betrifft, ist die Lage jedenfalls eindeutig. In der Bundesliga, in der Paolo Guerrero ja wegen seines Trinkflaschenwurfs gesperrt ist, dürften Ruud van Nistelrooy und Marcus Berg erste Wahl sein, in der Europa League kämen dann die Duos van Nistelrooy/Berg oder van Nistelrooy/Guerrero in Frage. Berg und Guerrero natürlich auch – aber das dürfte eher die Lösung C sein.
Heute ließ Labbadia schon einmal seine wahrscheinliche A-Elf für das Heimspiel gegen Mainz probieren. Mit Rost im Tor, der Viererkette Demel, Boateng, Mathijsen, Aogo, dem Mittelfeld Tesche, Zé Roberto, Jarolim, Trochowski und dem Angriff van Nistelrooy/Berg . Da ich selbst wieder nicht beim Training sein konnte – Ihr werdet es kaum glauben, ich habe mir einen Muskelbündelriss beim Fußball zugezogen -, hat mir Christian Pletz geschildert, dass die fußballerische Harmonie der Spieler auf dem Rasen recht gut war. Allerdings sagte er mir auch, dass sich die Abwehrspieler bei der Spieleröffnung doch zum Teil haarsträubende Abspielfehler erlaubt haben. Erst 30-35 Metern vor dem Tor klappte es besser. Und er sagte mir zudem, dass er eine fast gespenstische Ruhe während der Einheit festgestellt hätte. Ist das Team etwa auch geschockt vom Petric-Ausfall?

Meines Erachtens tut Labbadia gut daran, wenn er Tunay Torun einmal eine Pause gönnt und ihn bei Bedarf nur von der Bank einsetzt. Irgendwie ist dem Nachwuchsmann die Leichtigkeit und Unbekümmertheit abhanden gekommen, die ihn einst in dieses Team gebracht haben.

Sollte Labbadia gegen die Mainzer doch noch etwas verändern (im Vergleich zum heutigen Training), gehe ich von einer Aufstellung Jonathan Pitroipas aus (statt „Troche“ oder Tesche). Allerdings hat der Mann aus Burkina Faso ja ein Rippenproblem (angebrochen) und wird einen Spezialschutz tragen. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass er ich erst einmal draußen lässt und schont. Das Eichhörnchen wird gegen Fulham noch ganz wichtig werden, da bin ich mir sicher.

Ansonsten gibt es nicht viel Neues. Marcell Jansen läuft wieder ohne Gips und fliegt am Montag zur finalen Untersuchung nach München. Insgeheim hofft er immer noch auf seine WM-Teilnahme und ist entsprechend motiviert beim Krafttraining. Ich selbst arbeite ebenfalls an meiner Genesung, um wieder voll einsatzfähig für und mit Euch am HSV dran zu bleiben.

PS: Falls Ihr Euch wundert, dass ich das Thema Michael Ballack hier noch nicht behandelt habe, kann ich Euch nur sagen: Ich glaube nicht daran, dass er zum HSV kommt. Er will noch ein, zwei Jahre auf allerhöchstem europäischen Niveau, also in der Champions League spielen. Und das ist beim HSV leider nicht möglich. Noch nicht.

17:55 Uhr

Zwei offene Personalfragen

31. März 2010

Tomas Rincon war wirklich nicht zu beneiden. Im Abschlusstraining in der Nordbank-Arena war der Defensivallrounder offenbar nicht wohl gelitten. Erst wurde er per „Blattschuss“ zwischen die Beine ausgeknockt, eine Viertelstunde später von Joris Mathijsen mit einer Fünf-Meter-Grätsche unsanft zu Boden gebracht. Doch der Mann aus Venezuela ist hart im Nehmen und stand schnell wieder. Weitermachen – das soll ja auch das Motto für den morgigen Abend sein.

Die Wogen in Sachen Trainerdiskussion haben sich ein wenig geglättet. Stand jetzt. Labbadia wurde auf der Pressekonferenz gefragt, was er zum Gerede um seine Person und Position sagt. Seine Antwort: „Ich kann es nicht ändern. Meine Aufgabe ist es, Analysen vorzunehmen und Lösungen zu finden, was den Sportlichen Bereich betrifft. Darauf konzentriere ich mich. Wir glauben, dass wir uns von anderen Dingen nicht von unserem Weg abbringen lassen.“

Durchhalteparole oder Aufbruchappell? Die Antwort fällt mir diesmal leichter als je zuvor: Im Falle eines guten Ergebnisses im Hinspiel gegen Lüttich war es ein verbaler Startschuss zur Besserung, vor allem im Hinblick auf die mögliche Runde der letzten vier in Europa (Champions League ausgeschlossen), im Falle einer Enttäuschung, an die ich gar nicht denken möchte, wird es in der Stadt hoch hergehen. Und dann sind die Aussagen vom heutigen Mittwoch eh Schnee von vorgestern.

Ehe ich es vergesse: Einige der treuesten Fans des HSV sind vor dem Anpfiff nicht nur wegen der heiklen Lage in Aufregung, sondern auch wegen ihrer Tickets. Ich habe von zwei Dauerkarteninhabern gehört, deren Plätze trotz Reservierung an andere Zuschauer verkauft wurden. Und mehrere Nutzer des Vorkaufsrechts für Tickets warteten auch heute vergeblich auf die Zusendung ihrer Karten. Ein Anruf, eine Frage: Was ist zu tun? Antwort: „Können Sie nicht morgen noch einmal kurz checken, ob die Karten in der Post liegen? Falls nicht, werden sie Ihnen am Stadion ausgedruckt!“ Da mancher Fan den Stadionbesuch an einen längeren Arbeitstag anschließen wollte, fragt er sich nun, ob ihn im Falle eines Ausdrucks am Stadion das blanke Chaos erwartet. Nach geordneten Abläufen klingt das Ganze jedenfalls nicht.

Also lieber zurück zum sportlichen Treiben. Ich habe Bruno Labbadia heute während der Trainingseinheit genau beobachtet. Es wirkte für mich fast so, als habe der Trainer die Scheuklappen angelegt. Und das ist gut so, denn jede Beschäftigung mit Wenns und Abers und Eventualitäten wäre pure Ablenkung von DEM einen Hauptziel dieser Woche: dem Erreichen einer optimalen Ausgangslage für das Rückspiel in Lüttich. „Zu null spielen ist das Wichtigste“, sagt Guy Demel. Noch Fragen? Wer die Hamburger Hintermannschaft zuletzt häufiger gesehen hat, der weiß, wie schwer das werden wird.

Aber, und das ist eben auch eine Folge der vergangenen Wochen, es wird ja einige personelle Veränderungen geben. Nun können sich auch die ärgsten Nörgler und Experten unter den Spielern und Fans nicht mehr beschweren, was die Formationswahl in der Defensive betrifft. Joris Mathijsen wird neben Jerome Boateng die Innenverteidigung bilden, rechts ackert Guy Demel (hatte im Abschlusstraining mit einem Flankenverhältnis von 1:3 – eine starke, drei erschütternde – immerhin eine erkennbare Aufwärtstendenz), links Dennis Aogo. Das steht. Und Bruno Labbadia, von vielen der französisch sprechenden Kollegen aus Belgien übrigens „Brüno“ ausgesprochen, legt zudem extrem viel Wert darauf, dass im defensiven Mittelfeld stets eine zentrale Figur in „Staubsaugerstellung“ verharrt, um ja keinen der gefährlichen Standard-Konter zuzulassen. Wenn „Jaro“ und Zé diese Vorgabe morgen Abend über die gesamte Spielzeit beherzigen, ist mir beim Gedanken an Drucksituationen des Gegners viel wohler als zuletzt.

Was die offenen Positionen im Spiel angeht, herrscht auch nach dem Abschlussspiel auf dem wirklich meisterlichen neuen Rollrasen weiterhin Rätselraten. Vieles spricht für ein Mittelfeld mit Jonathan Pitroipa (links) und Tunay Torun (rechts), aber Labbadia probierte auch das Duo Piotr Trochowski (links) und Robert Tesche (rechts) aus. Nimmt man die letzten Eindrücke der Einheit heute als Maßstab, dürfte es eine Mischung aus Torun und Trochowski werden. Pitropia brachte es in weniger als 20 Minuten auf mindestens drei verstolperte Bälle und ebenso viele Abseitspositionen, Torun allerdings erlaubte sich einen gravierenden Fehler in der Defensivbewegung. Mal sehen, vielleicht entscheidet sich der Trainer bei diesen zwei Fragen auch intuitiv.

Vorne probte der Coach auch zwei Sturmpärchen: Mladen Petric und Ruud van Nistelrooy (der Niederländer wirkt seit Montag wirklich etwas befreiter) sowie Paolo Guerrero und Marcus Berg. Letztere beide werden als Notfallalternativen parat stehen. Und mein Gefühl sagt mir, dass einer der beiden Joker diesmal auch zuschlagen wird.

Labbadias Redeanteil bei der heutigen Einheit war übrigens sehr hoch, was einige von Euch und ja auch einige Spieler intern schon hier und da mal angemerkt haben. Heute allerdings hatte alles Hand und Fuß, was der Trainer seinen Spielern erzählte. Er zeigte ihnen Lösungen auf, um Standard unter Druck zu setzen (wie, wird hier natürlich nicht verraten), er sprach Fehlverhalten und Variantenreichtum direkt und unverblümt an. Und nachdem Ricardo Moniz im B-Team einen Treffer Tesches mustergültig vorbereitet hatte, musste sich Torun für sein lasches Defensivverhalten eine Standpauke anhören, die fast sogar die neun anwesenden Matz-Abber im Restaurant Raute hätten mithören können.

Meinen heutigen Beitrag möchte ich mit den Worten abschließen, die HSV-Pressesprecher Jörn Wolf zur Eröffnung der Pressekonferenz wählte. Es ist Europa-League-Zeit, es kribbelt wieder. Ist dem etwas hinzuzufügen?

18.40 Uhr

Guerrero will mitmischen

16. März 2010

Ich habe heute meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Er hat mir berichtet, dass er zu Beginn der Trainingseinheit einen kleinen Schrecken bekommen hat im Hinblick auf das Europapokalrückspiel in Anderlecht. Erst vermisste er nur Ruud van Nistelrooy, dann auch noch Joris Mathijsen und zu guter Letzt David Jarolim – das trieb ihm dann doch ein paar Sorgenfalten ins Gesicht. Aber nach einiger Zeit konnte er dann wenigstens Entwarnung geben. Van Nistelrooy absolvierte ein wohl dosiertes Kraft- und Cardio-Training drinnen, Jarolim joggte ebenso wie der leider mal wieder leicht angeschlagene Bastian Reinhardt und Rekonvaleszent Romeo Castelen im Volkspark, und Mathijsen drehte ein paar Runden mit Techniktrainer Ricardo Moniz auf dem Trainingsplatz. Für das Duell in Belgien sind die besagten Drei aus der Stamm-Mannschaft weder fraglich noch gefährdet. Sie fliegen am morgigen Mittwoch mit und werden mindestens im Kader, eventuell sogar in der Startelf stehen.

Momentan, und das liegt natürlich auch an der jüngsten Niederlage in Leverkusen, muss man als Trainer des HSV ein „dickes Fell“ oder schlechte Ohren haben. Warum? Weil die Kritik am Coach, gelegentlich auch Hohn und Spott, natürlich sprießt wie Krokusse. Ein älterer Herr war heute offenbar erstaunt, dass so viele Trainingszuschauer (200-300) die Ränge am Trainingsplatz füllten – es sind ja Ferien, und die Anzahl der Kinder war wirklich enorm hoch. Und wie kommentierte der Mann das? So: „Ist Bruno schon weg und ein Neuer da, oder warum ist hier so ein Trubel?“

Das Gelächter der Umherstehenden hielt sich arg in Grenzen. Und Labbadia selbst stand in 30 Meter Luftlinie entfernt und konnte wegen des eisigen Windes eh nichts verstehen. Aber er weiß es ja selbst. Der Druck wächst, die Kritiker an seiner Person werden auch immer mehr, und Recht machen kann er es sowieso nicht allen.

Wer nun nach der gestrigen Kabinenpredigt des Coaches erwartet hatte, er würde seine mit Wut, Frust und Trotzgedanken getankte Mannschaft auf den Rasen schicken und dabei die gewünschte Reaktion hautnah miterleben, der wurde enttäuscht. Fußball-Tennis am laufenden Band – so lautete das Programm in den 70 Trainingsminuten. Nun werden wieder einige von Euch aufjaulen und schimpfen: „ Ja, so kann es ja auch nichts werden! Felix Magath würde seine Truppe nach so einer zweiten Halbzeit wie in Leverkusen mit Medizinbällen aufm Kopf, in den Armen und zwischen den Beinen den Süllberg rauf und runter jagen.“ Ja, das stimmt vielleicht sogar. Aber Magath hat mit seinem Team unter der Woche auch jede Menge Zeit, und der HSV spielt eben noch international, was ja auch nicht zu verachten ist.
Im Klartext heißt das: Die Mannschaft soll Kraft tanken, auch oder vor allem mental. Sie hat die Kritik des Trainers offenbar gut verdaut. Die Profis sollen sich gedanklich auf das Rückspiel in Anderlecht einstimmen. Morgen findet in Belgien das Abschlusstraining statt – und dann liegt die Wahrheit einzig und allein auf dem Platz. Über fehlende Regenerationszeit nach dem Leverkusen-Spiel wird sich jedenfalls keiner der Spieler beschweren können.

Eine Beschwere pro forma bahnt sich ebenfalls schon an. Ich betrachte es mal als lustige Anekdote. Paolo Guerrero, früher „der kleine Krieger“, heute vielen schon besser bekannt als „der kleine Flieger“, erzählt immer und immer wieder, dass er auf seinen Einsatz in Anderlecht hofft. Trainer Labbadia hat sich zuletzt ja einen Überblick über den körperlichen Zustand seines Stürmers gemacht und hält dessen Nominierungsdrang für stark verfrüht. Na gut, äußerte sich Guerrero angesprochen auf diesen Umstand, falls es nichts mit Anderlecht werden sollte, dann doch bitteschön gegen Schalke – am Sonntag. Ob Labbadia darüber auch noch lächeln kann. Ich kann es…

Wahrscheinlich wäre Guerrero auch gar nicht so erpicht auf eine Expressrückkehr nach seinem Kreuzbandriss, wenn sein Vertrag nicht im Sommer auslaufen würde. Momentan gilt der Peruaner ob seiner Verletzung auf dem internationalen Markt als „heikle Ware“. Grund: Keiner weiß so recht, ob der Stürmer noch einmal richtig in Form kommt. Und das will er natürlich beweisen. Die Zeit wird knapp. Ich bin mal gespannt, wie diese Geschichte ausgehen wird.

Denjenigen, die Guerrero bei einer seiner wenigen Einheiten mit dem Team gesehen haben und ihn lachend und fit wirkend für einsatztauglich halten, sei an dieser Stelle entgegnet, dass zwischen leichter Übungseinheiten (mehr hat Guerrero im Team noch nicht absolviert) und Pflichtspielen gerade im Profibereich noch Welten liegen. Immerhin machte der Angreifer am Montag ein paar längere Läufe mit Tempo, bei denen er einen guten Eindruck hinterließ. Und die Eindrücke in Hamburg untermauern zudem den Eindruck, dass sich der Offensivmann in seiner Heimat entgegen einiger hiesiger Befürchtungen nicht ausgeruht hat, sondern intensiv an seinem Comeback gefeilt hat. Nun muss der Trainer entscheiden, wann Guerrero seine erste Kaderberücksichtigung findet.

So, jetzt lasse ich Euch vorerst wieder alleine. Ich bin echt gespannt, wie die Reaktion der Mannschaft in Anderlecht aussehen wird. Es geht immerhin ums Viertelfinale. Und um eine neue Auslosung, bei der der HSV auf einen der vielen attraktiven Kontrahenten treffen könnte. Ganz ehrlich: Ich freue mich schon auf Donnerstag, auch wenn das Spiel erst um 21 Uhr beginnt.

PS: Ich werde mich erst morgen ausführlich zum Thema Zé Robero auslassen. Ich bin aber schon jetzt gespannt, was Ihr von der Sache haltet. Für diejenigen, die noch nicht im Bilde sind, sei kurz erklärt: Zé soll ein lukratives Angebot von Red Bull New York vorliegen haben, gültig ab Sommer, und soll nicht abgeneigt sein dieser Offerte zu folgen.

17:40 Uhr

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