Archiv für das Tag 'Ertel'

Arslan ist weg, noch kein Neuer da – Guerrero-Comeback unwahrscheinlich

26. Januar 2015

Dietmar Beiersdorfer hatte Grund zum feiern – und auch wieder nicht. Denn während der Vorstandsboss beim Boulevard ob der Millionenspritzen der HSV-Milliardäre Klaus Michael Kühne und Alexander Otto als „Dukaten-Didi“ Renaissance feiert, hat er sportlich noch lange nichts verbessert. Im Gegenteil. Bisher steht nur der Abgang von Tolgay Arslan zu Besiktas Istanbul (500000 Euro Ablöse und Beteiligung am Weiterverkauf) fest, den es nun doch zu Besiktas zieht. Und das, obwohl er bei Trabzonspor (Arsenal London war keine ernsthafte Option) dem Vernehmen nach bis zu drei Millionen Euro netto per annum hätte verdienen können. Via facebook verkündete er: „Ich freue mich, euch berichten zu können, dass ich einen Vertrag bei Besiktas Istanbul unterzeichnet habe. Letzten Endes konnte ich trotz verlockender Angebote nur auf mein Herz hören und das schlägt für Besiktas!!! Ich möchte mich aber vor allem auch bei dem HSV und seinen Fans für die unglaublichen Jahre mit vielen Höhen und Tiefen bedanken. Vielen Dank für eure Unterstützung – Hamburg ist und bleibt mein zu Hause und ich werde euch immer in meinem Herzen behalten!
Euer Tolgay“. Um 16.30 Uhr hob der defensive Mittelfeldspieler dann per Flieger gen Istanbul ab. Alles Gute Tolgay!

 

Arslan musste gehen, nachdem Trainer Joseph „Joe“ Zinnbauer unmissverständlich klar gemacht hatte, dass Arslan bei ihm nicht spielen würde. Einzig die Frage nach dem „Warum?“ wurde nie wirklich erklärt. Und auch Tolgay äußerte sich nicht. Dabei soll der junge Mittelfeldspieler im Zuge der Enttäuschung nur kurz nach Amtsübernahme Zinnbauers gemeckert haben. Dabei schimpfte Arslan dem Vernehmen über das neue System Zinnbauers, das ihn zum Reservisten degradierte. Pech für Arslan war in diesem Fall, dass im Nebenraum Cotrainer Patrick Rahmen saß und alles mit anhören konnte. Seither soll das Verhältnis Arslan/Zinnbauer nachhaltig beeinträchtigt gewesen sein – vorsichtig formuliert…

 

Wobei, glaubt man den schnellen italienischen Medien, hatte der HSV schon Ersatz, als es Arslan per Flieger in die Türkei zog. Gegen Mittag sollen sich demnach der HSV und Inter Mailand auf einen Wechsel des Serben Zdravko Kuzmanovic geeinigt haben. Das aber dementierte der HSV umgehend. Noch.

 

Nicht geleugnet – aber auch betont „nur Alternative“ ist Paolo Guerrero. Bislang zumindest. Wobei ich noch immer ein bekennender Fan seines Fußballs bin und glaube, dass der Peruaner genau der Typ Spieler ist, den der HSV für vorn sucht. Technisch stark kann kaum einer besser den Ball festmachen und verteilen als er. Allerdings würde es mich wundern, wenn Guerrero selbst kann sich vorstellen, wieder nach Deutschland zu wechseln. Allerdings würde ich mich wundern, wenn es der HSV schaffte, den 31-Jährigen finanziell glücklich zu machen, ohne sich zu verheben. Rund drei Millionen Euro im Jahr soll der 31-Jährige bei Corinthians kassieren. Und die Brasilianer wollen den ehemaligen HSVer unbedingt halten.

 

Aber wie dem auch sei, heute passiert eher nichts mehr. Zumindest kommt kein Neuer. Dennoch rechnen beim HSV intern alle fest damit, dass die benötigten Verstärkungen bis zum Transferende am 2. Februar kommen. Dass Dietmar Beiersdorfer den Wunschkandidaten Josip Drmic bereits mehr oder weniger abschreibt („Es würde mich sehr wundern, wenn er zu uns wechselt“) werte ich nicht als Aufgabe. Der HSV will und muss Bayer Leverkusen klar machen, dass sie die Entscheidung des Werksklubs nicht über Wohl und Wehe des HSV entscheidet, und dass der HSV Alternativen hat. Daher wird Guerrero, den Leverkusen übrigens mit der Begründung ablehnte, dass Drmic ja bleiben würde, nicht abgehakt – aber intern eben auch nur als B-Lösung betrachtet.

 

Immer erste Kategorie war David Jarolim. Menschlich wie sportlich war er ein Vorzeigeprofi. Heute war der Tscheche in Hamburg, um sich sportärztlich untersuchen zu lassen. Und der ehemalige Sechser nutzte die Gelegenheit, um noch einmal in eigener Sache für sein Abschiedsspiel am 28. März zu werben – obgleich das kaum nötig ist. Und er freut sich: „Natürlich hast du am Anfang immer Angst, dass die Leute es nicht annehmen. Umso mehr freue ich mich, dass jetzt so viele Tickets abgesetzt wurden. Es wird einer der emotionalsten Augenblicke, die ich je in diesem tollen Stadion erleben durfte.“

Anbei ein Videointerview mit Jarolim im (entschuldigt bitte!) unüblichen Hochformat…

Der Sportdirektor von Mlada Boleslav hat es geschafft, dass bereits mehr als 21000 Tickets abgesetzt sind. Als Fünftbeliebtester HSVer aller Zeiten wählten ihn die Leser der „BILD“ zuletzt. „Das fühlt sich gut an“, so Jarolim, dem der HSV immer wieder nahegelegt hatte, ihn im eigenen Nachwuchs unterbringen zu wollen. Als Trainer. „Ich werde das jetzt auch machen“, so Jarolim, „allerdings erst einmal bei uns im Klub. Ich bleibe Sportdirektor und werde zusätzlich die Woche die U19 von Boleslav trainieren, um erste Erfahrungen zu sammeln. Ich will meine Lizenzen erwerben – dann schaue ich weiter.“

 

 

Allerdings, einmal hier, kam Jaro nicht umhin, sich auch zum HSV zu äußern. „Ich glaube, dass der HSV die richtigen Leute auf den wichtigen Positionen hat und dass sie die Situation erkannt haben. Deshalb bin ich auch optimistisch. Es wird wieder eine schwierige Saison, aber sie wird nicht noch mal so schlimm wie die letzte Saison.“ Dass der HSV noch in dieser Wintertransferphase Verstärkung braucht – auch Jaro sieht es so. Obwohl er überlegt, etwas anderes zu sagen, gibt er zu: „Wenn die Möglichkeit besteht, jemanden zu bekommen, der helfen würde, dann sollte man es machen.“ Ob er Guerrero empfehlen würde? „Das kann ja nicht klappen – der hat doch Flugangst…“, scherzte Jarolim, um dann hinzuzufügen: „Paolo ist ein super Fußballer. Helfen könnte er immer.“

 

Womit ich noch einmal kurz auf die Mitgliederversammlung eingehen will. Die hat gezeigt, was eine Person des Vertrauens bewirken kann. Wobei es sicher mindestens zwei waren, die der Versammlung zu einem friedlichen Verlauf verholfen haben, wie wir ihn schon Ewigkeiten nicht mehr miterleben durften. Immerhin in einer finanziell und sportlich derart angespannten Situation – das war für mich dann doch überraschend. Aber nehmen wir die auf deutlich zu persönlicher Ebene geführten Reden von und gegen Manfred Ertel mal aus, war es letztlich ein sehr erfreulicher Sonntag. Die Verantwortlichen der Campus-Anleihe wurden zwar unter dem Eindruck der Zehn-Millionen-Spende von Alexander Otto unverdient wenig in die Verantwortung genommen – andererseits hätte es mehr als neuen Ärger dadurch auch nicht gegeben. Moralisch verheerend sind die Herren Jarchow, Hilke, Arnesen und Scheel rechtlich abgesichert – das Kleingedruckte macht’s möglich.

 

Dennoch war bei der Veranstaltung ein Hauch von Einigkeit zu spüren, die dieser Verein dringend benötigt. Und Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer ist das Gesicht der Neuausrichtung – zusammen mit Otto. Und Klaus Michael Kühne natürlich. Wobei die beiden Millionen-Unterstützer unterschiedlicher kaum sein könnten. Hier Otto, der bewusst zurückhaltend agiert und keine Anteile zeichnen sondern in letzter Instanz dem Amateursport helfen will. Und auf der anderen Seite Kühne – der Mann, der sein Darlehen lang und hart verhandelte, ehe er es in Anteile umwandelte und der gern öffentlichkeitswirksam sagt, was er denkt. Aber – in diesem Fall sollte man es nur so nehmen, wie es im Moment ist: als unfassbar große Hilfe für die Konsolidierung des HSV. Den Dank haben sich die beiden Milliardäre verdient.

 

In diesem Sinne, der Testspieler Innocent Emeghara wird nicht genommen, Ivo Ilicevic darf vorerst ebenso bei den Profis weiter mittrainieren, wie die U23-Youngster Philipp Müller, Ahmet Arslan und Nils Brüning (Marcos, Götz und Gouaida bleiben natürlich auch). Pierre Michel Lasogga ist wieder einsatzbereit, hat aber morgen frei, da kein Training ist.

 

Bis dahin, Scholle

 

P.S.: Angeblich ist Mpoku (Standard Lüttich) in Deutschland zu Verhandlungen. Und Inter Mailands Trainer Roberto Mancini soll sich nun doch gegen die Abgabe Kuzmanovics entschieden haben. Diese Gerüchte habe ich deshalb ins „P.S.“ gestellt, weil sie in fünf Minuten wieder überholt sein werden. Wetten dass…?

Arslan-Wechsel stockt am Tag vor der Mitgliederversammlung

24. Januar 2015

„Wenn Du über die Mitgliederversammlung schreibst, schreibe doch bitte, dass…“ – ein Satz, den ich in den letzten Tagen zunehmend zu hören bekam. Und das, obwohl es eigentlich niemanden gibt, der für Sonntag mit viel Theater rechnet. Im Gegenteil, fast überall ist zu hören, dass diese Versammlung zum einen unspektakulär und zum anderen schwach besucht sein wird. Und ich frage mich zumindest bei Letzterem: Warum? Immerhin ist es die erste Versammlung in der neuen Struktur, das erste Mal die Möglichkeit, das neue Konstrukt zu formen. Es wird das erste Mal ein Präsident des e.V. gewählt. Kurzum: Ausruhen ist nicht. Oder um es mit Fußball zu beschreiben: Im Sommer hat man sich eine verdiente Führung hart erarbeitet – aber das Spiel ist noch lange nicht abgepfiffen…

 

Es wäre fahrlässig zu glauben, dass alle Weichen gestellt sind. Die neue Vereinsführung verbreitet zwar weiterhin Optimismus, aber sportlich besser geworden ist es noch nicht. Gut, finanziell hat man sich dank des guten Deals mit Klaus Michael Kühne aus einer fast ausweglosen in eine schlechte Situation verbessert. Man kann zumindest wieder handeln. Aber gut ist es auch hier noch nicht. Und jetzt soll der Präsident des e.V. gewählt werden, der zudem Mitglied des Aufsichtsrates wird. Ginge es nach Manfred Ertel, dies sogar als Vorsitzender des Kontrollgremiums. Und da der HSV e.V. immer auch der Mehrheitseigner der AG sein wird, kann Präsident (Jens Meier ist der einzige Kandidat) mit seinem künftigen Vizepräsidenten Henning Kinkhorst und dem neuen Schatzmeister Dr. Ralph Hartmann in der Versammlung der Gesellschafter entscheidenden Einfluss auf die Geschicke der AG nehmen. Addiert man die Wahlen der zwei Beirats-Gesandten aus der Amateur- Abteilung sowie der Fördernden Mitglieder dazu, kann man dieser Mitgliederversammlung das Prädikat „besonders wichtig“ geben. Die noch unsicheren Entlastungen des ehemaligen Aufsichtsrates sowie des alten Vorstandes sind als Zugabe nicht minder interessant.

 

Dass ich dennoch hoffe, eine ruhige Mitgliederversammlung zu erleben – kein Thema. Ganz klar. Ich wäre froh, wenn dieser Verein morgen einheitlich auftritt und konstruktiv diskutiert. Zum Beispiel über das Thema Präsidentschaftswahl. Dass nur ein Präsidentschaftskandidat zugelassen wurde halte ich noch immer für falsch. Und ich bin mir sicher, mit dieser Meinung nicht allein zu sein. Oder besser gesagt: Ich bin mir sogar sicher.

Soll am Sonntag erster Präsident des neuen HSV e.V. werden: Jens Meier

Soll am morgigen Sonntag erster Präsident des neuen HSV e.V. werden: Jens Meier

Denn selbst der einzige Kandidat, Hafenchef Jens Meier, denkt so. Meinem Kollegen Kai-Uwe Hesse sagte er im „Bild“-Interview: „Ich hätte es auch besser gefunden, wenn es eine Auswahl geben würde. Es wird nach der Versammlung eine Diskussion geben. Meine Prognose ist, dass es für künftige Wahlen eine Satzungsänderung geben wird und man dann eine Auswahl hat. Das ist auch mein Demokratie-Verständnis.“ Na dann.

Dass Meier eine gute Wahl ist, will ich damit nicht in Frage stellen. Im Gegenteil, Meier als Bindeglied zwischen e.V. und AG-Tochter ist ein viel versprechender Anfang. Der Tischtennisspieler galt schon im alten Aufsichtsrat als Vernunftsperson. Er war kein Befürworter der HSVPlus-Initiative, aber er nahm das Mandat der Mehrheit aus dem Januar an und setzte es um. Meier gilt als loyal seinem Amt gegenüber und als Demokrat. Und, ganz nebenbei: Selbst wenn ihm als ehemaliger AR die Entlastung versagt bliebe, dürfte er das Amt des Präsidenten antreten.

Meier hat sich selbst zum Ziel gesetzt, der Verein HSV wieder zu vereinen und dabei das Maximum für den e.V. herauszuholen. Von 74000 Mitgliedern soll der Verein unter seiner Führung auf 100000 Mitglieder wachsen. Dass er im Vorfeld in den verschiedene Medien weichgespülte Rhetorik verbreitet – nichts anderes als Wahlkampf. Ein guter sogar. Denn was er sagt, will der gemeine HSV-Fan hören. Via Abendblatt verbreitet er Hoffnung: „Diese Beteiligung ist ein weiterer entscheidender Schritt, um Ruhe in den Verein zu bekommen. Man darf die Hoffnung hegen, dass sich nun weitere Investoren engagieren.“

 

Klar ist indes der Abgang von Tolgay Arslan, den es zu Besiktas Istanbul ziehen sollte. Einige Twitterer und auch die “Bild” vermeldeten bereits Vollzug. Demnach sollte eine Ablösesumme um und bei 500000 fließen, zudem wäre der HSV dem Vernehmen nach mit zehn Prozent am Weiterverkauf beteiligt. Eine gute Nachricht für Peter Knäbel, der aktuell an der Verpflichtung eines neuen Angreifers arbeitet. Dachten alle – bis jetzt ein weiterer Klub auftauchte und seinerseits für Arslan bietet. Plötzlich ist wieder offen, wohin es den defensiven Mittelfeldmann zieht. Ergo: Der Abgang Arslans verzögert sich um ein paar Tage– aber so kann der HSV in Sachen Ablöseforderung vielleicht sogar noch ein wenig nachbessern…

Besiktas? Oder doch ein anderer Klub? Tolgay Arslan steht unmittelbar vor seinem Wechsel.

Besiktas? Oder doch ein anderer Klub? Tolgay Arslan steht unmittelbar vor seinem Wechsel.

 

Warten muss der HSV indes weiterhin auf seinen ersten Neuen. Josip Drmic soll es werden, Ideye Brown von West Bromwich könnte es werden. Jeweils sind Leihgeschäfte mit Kaufoptionen Grundlage der begonnenen Verhandlungen. Ebenso wie bei Inter Mailands Zdravko Kuzmanovic. Neues gibt es hier allerdings leider (noch) nicht. Auch deshalb darf der Schweizer Testspieler Innocent Emeghara beim Test gegen Odense BK morgen um 15.30 unter Ausschluss der Öffentlichkeit ein letztes Mal vorspielen.

 

In diesem Sinne, bis morgen. Hoffentlich dann zahlreich im Saal 2 des CCH. Beginn 11 Uhr. Das nur für die, die es noch nicht wussten… 😉

 

Scholle

 

Die Tagesordnung der Mitgliederversammlung:

 

Vorläufige Tagesordnung:

1. Eröffnung und Begrüßung der Mitglieder
2. Feststellung der ordnungsgemäßen Einberufung und Beschlussfähigkeit
3. Gedenken an die Verstorbenen
4. Feststellung der Anwesenheit
5. Genehmigung des Protokolls der Mitgliederversammlung vom 25.05.2014
6. Bericht des Präsidiums
7. Bericht des Vorstands der HSV Fußball AG
8. Bericht der Rechnungsprüfer
9. Entlastung der Rechnungsprüfer
10. Entlastung des ehemaligen Aufsichtsrates
11. Entlastung des ehemaligen Vorstands
12. Wahl des Präsidiums
a) Wahl des Präsidenten
b) Wahl des Vizepräsidenten
c) Wahl des Schatzmeisters
13.Wahl des Delegierten der Amateure im Beirat
14.Wahl des Delegierten der Fördernden Mitglieder im Beirat
15. Berichte von Amateurvorstand, Ehrenrat, Seniorenrat und Abteilungsleitung Fördernde Mitglieder
16. Entlastungen von Amateurvorstand, Ehrenrat, Seniorenrat und Abteilungsleitung Fördernde Mitglieder
17. Anträge
18. Verschiedenes

 

Die acht eingereichten Anträge sind unter http://www.hsv.de/verein/meldungen/verein/2014/dezember/einladung-mitgliederversammlung-25012015/

einsehbar.

Zu viele Verletzungen – Joe nimmt Tempo raus

17. Januar 2015

HSV-Trainer Joe Zinnbauer staunte heute Mittag hier in Dubai, als ihm jemand sagte, die Einheit habe zwei Stunden und 24 Minuten gedauert. So lange scheuchte der Coach die Profis über den Rasen, immer wieder gab es unterschiedliche Spielformen, in deren Zentrum der Torabschluss stand. Müde schleppten sich die Profis bei mehr als 25 Grad in der Sonne anschließend zum Bus. Die Nachmittagseinheit, die ursprünglich auch für den Trainingsrasen geplant war, wurde kurzerhand ins Luxus-Gym nebenan verlegt. Sauna, Eiskammer, Fitness-Geräte vom Feinsten – all das wird den Hamburger Jungs von den Scheichs zur Verfügung gestellt. Dort gab es auch ein Turnier im Paddle-Tennis und im Tischtennis. Ganz klar: Zinnbauer drosselt in diesen Tagen sein Programm, um weitere Überbelastungen zu verhindern.


Die Dauer des Trainings war das Eine heute, die Intensität das Andere. Immer wieder krachte es, und Arzt und Physios waren im Dauereinsatz. Gideon Jung wurde von Ashton Götz umgehauen und humpelte mit Kniebeschwerden weiter. Cleber streckte Ahmet Arslan, der nach ein paar Durchatmern allerdings weitermachen konnte. Und schließlich erwischte Innocent Emeghara Matthias Ostrzolek am linken Fuß, der umknickte. Ostrzolek musste vom Platz geführt werden – das sah nicht gut aus.

Wahrscheinlich muss der Ex-Augsburger aber nur ein wenig kürzer treten in den nächsten Tagen, denn nach Aussage von Trainer Joe Zinnbauer wurde nur eine leichte Bänderdehnung ohne Einblutung diagnostiziert. Glück im Unglück für Ostrzolek, so scheint es. Ansonsten fehlten vier Profis auf dem Rasen. Pierre Michel Lasogga absolvierte sein Einzel-Programm mit Fitmacher Markus Günther vor dem Mannschaftstraining und drehte anschließend ein paar Runden. Joe Zinnbauer kann die Rückkehr seines Torjägers kaum erwarten. Immerhin gibt es leichte Anzeichen von Besserung beim Ex-Herthaner Lasogga. Zinnbauer über Lasogga: „Natürlich wird ein Trainer ungeduldig, wenn dir einer der wichtigsten Spieler abbricht. Gerade weil wir an der Offensive arbeiten wollen. Aber wir werden kein Risiko eingehen, damit er nicht noch länger ausfällt. Natürlich, Trainingsrückstand ist auch nicht gut, aber was nützt es mir, wenn er anschließend zwei Monate ausfällt? Also, wir sind vorsichtig.“

Ein Individual-Programm absolvierte auch Dennis Diekmeier, der dann aber ein geplantes Läufchen rund um den Trainingsplatz abbrechen musste. Eine Runde hatte er – offenbar unter Schmerzen – gemacht, dann stieg Diekmeier nach Diskussion mit den Verantwortlichen in den Mannschaftsbus zurück. „Gestern hat er einen Test gemacht auf dem Laufband, das ging gut, aber heute musste er abbrechen. Wir müssen warten“, so Joe Zinnbauer. Einzeltraining, und zwar mutmaßlich bis zum Ende des Trainingslagers, ist übrigens auch das Zauberwort bei Valon Behrami.

Und das Quartett der Sorgenkinder komplettierte heute Nicolai Müller, der am rechten hinteren Oberschenkel Beschwerden hat. Müller wurde in die Kernspinröhre geschickt – eine große Verletzung wurde dabei aber nicht festgestellt. Seine Rückkehr ins Mannschaftstraining scheint nur eine Frage der Zeit zu sein. Zusammenfassend gilt aber doch, dass sich die Beschwerden häufen. Aus diesem Grund wurde nicht nur das heutige Nachmittagstraining verlagert, sondern auch die geplante Trainingseinheit morgen am Sonntagvormittag abgesagt. Das Team spielt um 13 Uhr Ortszeit, also um 16 Uhr deutscher Zeit, gegen den FK Astana. Das reicht dann, ehe der Schlussspurt des Trainingslagers beginnt.

Einer, der mit einer Verletzung ins neue Jahr gestartet war, ist Heiko Westermann. Seine Innenbandverletzung im Knie hat ihn aber bislang in Dubai noch keine Trainingseinheit gekostet. Bei 100 Prozent sei er nicht, so der ehemalige Mannschaftskapitän. Trotzdem zieht er mit und steht auch zur Intensität der Einheiten. „Natürlich brauchen wir Feuer. Nicht nur vom Trainer, sondern auch innerhalb der Mannschaft. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen“, so ein erschöpfter Westermann heute Mittag. Im übrigen sind Ronny Marcos und Tolgay Arslan heute ins Training zurückgekehrt.

Rückkehr – das ist auch das Stichwort bei Rene Adler. Die Nummer 1 des HSV – siehe Rückennummer – macht hier in der Wärme einen ausgesprochen aufgeräumten Eindruck. Im Training wirkt er konzentriert und steht Jaroslav Drobny in wenig nach. Den gestrigen freien Nachmittag nutzte Adler ja zu einem Treffen mit seinem Freund, dem Golf-Star Martin Kaymer. Der spielt hier um die Ecke in Abu Dhabi ein großes Turnier und scheint durch das Treffen auch inspiriert worden zu sein. Kaymer liegt nach der 3. Runde mit sechs Schlägen vor seinem ärgsten Verfolger an der Spitze – aber das mal nur nebenbei.

Trotz der personellen Probleme zieht Joe Zinnbauer ein positives Fazit, wie er heute im Mannschaftshotel verriet. „Man muss den Jungs ein Kompliment aussprechen. Sie haben bislang viel gearbeitet, vor allem mit drei Einheiten am Tag. Die Belohnung haben sie sich schon gegen Frankfurt geholt. Trotz Müdigkeit ein ordentliches Spiel, darauf kann man aufbauen.“ Unterfüttert wird dieser Eindruck in den täglichen Einheiten immer wieder von einem enorm engagierten Trainer. Zinnbauer sieht alles, so hat es den Anschein, und er kommentiert alles. „Es ist meine Art, animierend zu sein – vielleicht ein bisschen lauter. Aber ich möchte nur, dass wir immer konzentriert bleiben und den Trainingsinhalt umsetzen. Dazu gehört die Animation. Aber ich schreie die Spieler ja nicht an und es ist im überwiegenden Teil positiv, was ich reincoache“, sagt Joe Zinnbauer.

Ein Sonderlob für seine Arbeit hat in der Zwischenzeit Slobodan Rajkovic von Zinnbauer erhalten, der wegen eines Kreuzbandrisses auch erst in den letzten Wochen voll in den Trainingsbetrieb eingestiegen ist. Zinnbauer: „Wir haben mit Rajkovic für mich einen Neuzugang bekommen. Er ist auf einem guten Weg, fit zu werden. Er braucht sicher noch ein paar Spiele, aber hat mir gegen Frankfurt schon gut gefallen. Er schafft Konkurrenz auf der Position.“ Da hat Matz-abber ‚Wolkelos‘ mit seinem Kommentar heute morgen wohl den richtigen Riecher…

Joe Zinnbauer verriet heute auch, dass er immer gespannter auf Transfer-Nachrichten von Manager Peter Knäbel wartet. „Ich muss bei ihm nicht ständig an die Tür klopfen, weil wir uns ja sowieso oft sehen“, sagt Zinnbauer mit einem Schmunzeln. „Manchmal spreche ich ihn ironisch auf ein paar große Namen an, denn ich weiß, wie viel er hier arbeitet und bis spät in die Nacht telefoniert. Manchmal bis drei Uhr nachts.“ Zur Halbzeit des Dubai-Trainingslagers hat sich aber offiziell immer noch nichts getan. Auch nicht bei Tolgay Arslan, wobei die Hamburger Verantwortlichen mit einem kleinen Angebot von Besiktas Istanbul rechnen dürften.

Vereins-Boss Dietmar Beiersdorfer hat heute den Abflug gemacht. Nachdem er vorgestern zu aktuellen Entwicklungen Stellung bezog, fasste er seine Eindrücke kurz vor dem Abflug noch einmal zusammen. „Mein Eindruck war, dass die Mannschaft sehr intensiv trainiert hat“, so Beiersdorfer. „Optimale Bedingungen, ein gelungenes Trainingslager bis hierhin. Was dann bis Saisonende herauskommt, steht auf einem anderen Blatt. Wir leben im Hier und Jetzt und müssen uns an den Realitäten orientieren. Wir müssen uns einfach gut vorbereiten und für alle Eventualitäten vorbereiten.“ Zur erhofften Verpflichtung von Josip Drmic von Bayer Leverkusen sagte ‚Didi‘: „Wir würden gern unsere Offensive verstärken. Aber da ist noch nichts passiert. Wir haben unser Interesse hinterlegt, arbeiten jedoch auch an verschiedenen Stellen. Wir können aber nichts garantieren.“

Zu einem anderen Thema. Am Sonntag in einer Woche steigt die Mitgliederversammlung des HSV. Zwei Ereignisse stehen dort im Mittelpunkt. Zum einen die Wahl des neuen Vereins-Präsidiums. Jens Meier, der Hafenchef, ist dort der Kandidat für das Präsidenten-Amt. Zum zweiten der Antrag von Ex-Aufsichtsrats-Chef Manfred Ertel, wonach der HSV-e.V.-Präsident automatisch Vorsitzender des Aufsichtsrates in der Fußball-AG werden soll. Die Initiative HSV-Voran, die von verschiedenen Fans und Fan-Clubs mit Leben gefüttert wird, hat nun ihre Aktivität wieder aufgenommen, die sie insbesondere im vergangenen Jahr vor der berühmten Ausgliederungs-Versammlung am 25. Mai aufgenommen hatte. Nun wendet sich HSV-Voran mit einem Aufruf an die Öffentlichkeit, der insbesondere das Ende alter Seilschaften fordert.

Der Aufruf richtet sich gegen den Antrag von Manfred Ertel, und er richtet sich auch gegen eine weitere Person, nämlich den Vorsitzenden des Beirates, Eckart Westphalen, der mit seinem Gremium für die Vorschlagsliste des Präsidiums verantwortlich war. Letztlich mündet der Aufruf in den Forderungen:

Jedes Mitglied kann durch Teilnahme an den Wahlen und Abstimmungen Einfluss und Verantwortung wahrnehmen. Machen wir ALLE Gebrauch davon!
– Gehen wir zur Versammlung am 25.1.2015! Wir verlassen uns NICHT auf die anderen!
– Zeigen wir ihnen, dass wir uns den HSV nicht mehr wegnehmen lassen!
– Lehnen wir Anträge ab, die dem HSV schaden werden, weil sie das Einfallstor alter Machenschaften bei der neuen AG darstellen!
– Leiten wir diesen Aufruf an alle uns bekannten HSV-Mitglieder weiter!

Etwa 1000 HSV-Mitglieder sind auf den ersten Schlag bereits mit dem Schreiben von HSV-Voran versorgt worden.

Zurück nach Dubai. Hier geht es also morgen insbesondere um das Testspiel gegen Astana. Wir freuen uns auf viele HSV-Profis im Einsatz. Ob es an dieser Stelle Bewegtbilder geben wird, muss ich offen lassen. Wir möchten uns hier nicht über Absprachen vor Ort mit dem HSV oder Verantwortlichen aus den Emiraten hinweg setzen.

Dessen ungeachtet wünsche ich Euch einen schönen Sonntag, der am Abend dann wieder frische Infos vom Persischen Golf geben wird.
Lars

18.15 Uhr

Gernandt räumt Fehler ein: “Ich habe Dinge unterschätzt”

6. Januar 2015

Als die Profis heute morgen verschlafen und müde um 7.30 Uhr im neuen Trainingstrakt aufschlugen, war er schon lange wach. Zumal Karl Gernandt heute einen vollen Terminkalender hatte – auch unseretwegen. Um 11 Uhr stand im Nebenraum der “Raute”, dem Stadionrestaurant, eine Presserunde an. “Es gehört zu unseren Absprachen, dass wir uns nicht zu oft öffentlich äußern”, sagt der Aufsichtsratsboss, der sich seit Monaten rar gemacht hatte. er habe diese Absprachen bei Amtsantritt zusammen mit dem Vorstand in drei Bereiche unterteilt. Punkt drei beschreibt dabei die öffentliche Darstellung, die nach einigen Aufsehen erregenden Kühne-Interviews sowie der Darstellung des vorigen Aufsichtsrates arg gelitten hatte. Auch Gernandt hatte mit einigen unbedachten Aussagen für Verwirrung gesorgt – und sich deshalb zuletzt bewusst rar gemacht. “Je stabiler die Vorstandsarbeit, desto rarer kann sich der Aufsichtsrat machen. Zumindest ist das meine Maxime.”

Insgesamt, das kann man so festhalten, gab sich Gernandt heute vergleichsweise selbstkritisch. Aber was bleibt ihm angesichts der aktuellen Veränderungen auch übrig? Gernandt räumte Fehler ein und betonte sein Bedauern darüber, auf dem Weg der Umsetzung von HSVPlus etliche Mitstreiter so verärgert zu haben, dass sie absprangen. Ehemalige HSV-Ikonen wie Jakobs, Hieronymus, Hrubesch sprangen inzwischen ebenso ab wie Werbe-Ikone Rebbe, der Gernandt in einem Artikel im Sommer aufs heftigste kritisierte. “Das ist schmerzhaft”, so Gernandt, “vor allem, weil ich bis heute nicht weiß, weshalb wir diese Mitstreiter verloren haben.” Dass diese den vollmundigen Versprechungen Gernandts gefolgt waren und von der Umsetzung entsprechend enttäuscht sein würden, könnte einer der Gründe gewesen sein. Das räumte Gernandt ein, der auch die Enttäuschung vieler Anhänger verstehen kann.

Selbstkritisch - aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

Selbstkritisch – aber auch zuversichtlich: HSV-AG-Aufsichtsratsboss Karl Gernandt

“Wenn alle nur wegen des schnellen Geldes zur Entschuldung gefolgt sind, dann habe ich mich mit der Darstellung von HSVPlus falsch auseinandergesetzt. Ich gebe zu, ich habe da sicher das eine oder andere unterschätzt”, so Gernandt, der insbesondere auf die versprochenen Investoren einging. Die habe man noch nicht gefunden (“Weil wir noch kein geeignetes Investorenmodell entwickelt haben). Und hier habe man im Sommer vielleicht auch zu viel versprochen. “Die Suche nach Investoren ist ein deutlich komplexeres Thema, als es sich für uns am Anfang darstellte. Das habe ich sicherlich unterschätzt.”

Aber: Gernandt ist ein Verkäufer. Obgleich er noch keine Investoren gewinnen konnte, offenbar sogar sogar ein guter. Er weiß vor allem sich zu verkaufen und seine Fehler charmant zu verpacken. Auch deshalb folgte der Selbstkritik der – natürlich völlig ungewollte – Nebensatz, dass neben Kühne im Sommer noch ein zweiter Darlehensgeber gefunden worden war. Und das, obwohl dieser Geldgeber partout geheimgehalten werden soll(te) und bisher auch noch nicht genannt wurde. Nur ein Fauxpas oder letztlich doch ein kleiner Rettungsanker für einen Bereich, den er noch lange nicht so im Griff hat, wie er es selbst angedkündigt hatte? Man weiß es nicht. Daher: In dubio pro reo. Vorerst. Zumal er versichert: “Wir sind sorgenfrei, was unsere Cash-Situation anbelangt.” Zudem sei geplant, aus dem bis 2019 laufenden Stadionkredit zusammen mit dem Kredit für den Campus-Bau ein Konstrukt zu bilden, das den HSV jährlich weniger belastet. “Dafür stehen wir mit unseren Banken in sehr ehrlichen, guten Gesprächen.”

Wie gesagt, Gernandt verkauft sich gut und er funktioniert entsprechend erfolgreich in der freien Wirtschaft. Seit Jahrzehnten. Als rechte Hand Kühnes ist er für knapp 60000 Angestellte verantwortlich. Und jetzt auch noch für den Umbau des HSV, den er garantieren will. Insbesondere die finanzielle Situation sei seine Aufgabe, nachdem die personelle Struktur “perfekt” sei. “Wir wollten Solidität und Langfristigkeit sichern”, sagt Gernandt, “und dafür haben wir Menschen gefunden, die perfekt zusammenpassen. Mit Didi Beiersdorfer, Peter Knäbel, Joe Zinnbauer und Bernhard Peters haben wir die Organisation abgeschlossen.” Nach einigen lobenden Worten über Zinnbauers Arbeit betonte Gernandt dann noch mal, dass bei aller “auch verständlicher” Ungeduld mehr Zeit vonnöten sei.
Auch Beiersdorfer hatte es zuletzte zeitlich umrissen. So ein Projekt, das Step für Step angegangen werden muss, dauere mindestens zwei Jahre, bis es eine echte Bewertungsgrundlage geben könne. Zumal alle Zahlen, die die neue Vereinsführung vorgefunden habe, “alles andere als ermutigend” gewesen seien, so Gernandt, der von einem schweren Erbe sprach. “Was wir übernommen haben war mauer als gedacht. Wir hatten mit viel gerechnet – aber es war erschreckend, wie leer die Kassen tatsächlich waren.” Dennoch versprach er: “Ich habe noch nie eine schlechte wirtschaftliche Bilanz hinterlassen. Und das werde ich auch diesmal nicht, wobei ich hier die Ruhe ausstrahle, die ich mir in meinem bisherigen beruflichen Wirken erarbeitet habe. Von daher bitte ich ganz offen: Gebt uns noch mehr Zeit. Nach zwei Jahren wird der Zeitpunkt kommen, wo wir abrechnen können, ob wir das in uns gesetzte Vertrauen erfüllt haben.”

Dass es inzwischen Leute gibt, die ihn offiziell seines Postens entheben wollen, stört Gernandt offenbar wenig. Der Antrag von Manfred Ertel, dass der am 25. Januar gewählte Präsident des e.V. auch automatisch neuer Vorsitzender des Aufsichtsrates werden solle, sei eh nicht mit aktuellem AG-Recht vereinbar. “Nicht gesetzeskonform” nannte es Gernandt, der in dem Vorgang einen Rückfall in alte Zeiten wähnt: “Nach einem halben Jahr den Beschluss der 9000 Mitglieder rückgängig zu machen, wäre ein Rückfall in alte Zeiten, in alte Machtkämpfe.”

Dass es bei HSVPlus intern Machtkämpfe gegeben habe, die ihm einiges an Folgschaft gekostet haben, kommentierte Gernandt so nicht. Die Personalie Ernst-Otto Rieckhoff umriss er dennoch kurz. “Ich hatte ihm bei unserem ersten Treffen gesagt, dass ich gern den Frontmann fürs Operative mache. Aber nur unter der Bedingung, dass er für den Vorsitz des Aufsichtsrates kandidiert. Er selbst hat sich letztlich dagegen entschieden und wollte kein Amt mehr bekleiden.” Und dabei bleibt es – weil sich der Beirat gegen die lancierte Bewerbung Rieckhoffs und für Jens Meier als neuen Präsidentschaftskandidaten des e.V. entschied.

Wer anschließend für Meier den Aufsichtsrat verlässt, ist noch offen – aber gut vorbereitet, wie Gernandt versichert. “Wir haben in unserer ersten Sitzung im Sommer zusammen besprochen, dass wir die Kompetenzen im Aufsichtsrat beibehalten wollen.” Soll heißen: Kommt mit Meier ein Wirtschaftsmann, geht ein anderer Wirtschaftsmann aus dem aktuelle Kontrollrat. “Ich habe von einigen meiner Mitstreiter die Zusage, dass sie zurücktreten, wenn ihre Kompetenz dazukommt.” Soll heißen: Sport- und PR-Fachleute wie von Hessen, Nogly sowie Bönthe bleiben. Da Gernandt ebenso bleibt, entscheidet sich der Rücktritt offenbar zwischen Goedhart und Becken. Mit der Tendenz zu Becken. Und das, obgleich es anhaltend Gerüchte gibt, dass von Heesen von sich zurücktreten wolle.

Gernandt wollte seinen Vortrag bei uns heute aber nicht beenden, ohne vorher noch einmal einen positiven Ausblick zu geben. Mit “König Pilsener” sei man den ersten wichtigen Schritt gegangen – weitere sollen folgen. “Wichtig war auch, dass zu erkennen ist: Man reicht uns die Hand. Und das wird in den kommenden Wochen noch häufiger passieren.” Ginge es nach Gernandt, dann schon in den kommenden 14 Tagen. Denn da sollen in Dubai offiziell Gespräche mit Hauptsponsor “Emirates” erfolgen. Dass sich der HSV für seine sportlich miserable Bilanz erklären muss, sei klar. “Aber es wird kein Verteidigungskampf für uns. Es wird eine vernünftige Runde.” Wobei mir das wie wahrscheinlich allen HSVern relativ egal ist – solange das Ergebnis stimmt.

Nicht egal ist den Spielern, dass sie um 7.30 Uhr beginnen müssen und erst gegen 18 Uhr das Stadiongelände verlassen. Eine Umgewöhnung, die öffentlich mit viel Applaus bedacht wurde, die mannschaftsintern aber (naturgemäß?) kritisch gesehen wird. Vor allem der frühe Treffpunkt um 7.30 Uhr für einen gerade mal 20 Minuten andauernden Lauf wird von einigen Spielern mehr als öffentlichkeitswirksame Maßnahme denn als sportlich sinnvoll erachtet. Zumal die Mannschaft ab Sonntag im Trainingslager in Dubai eh schon für elf Tage eng auf eng hockt. Stichwort: Lagerkoller. So heißt es zumindest immer wieder hinter vorgehaltener Hand. Und ganz ehrlich, ohne hier populistisch weden zu wollen: Ich hätte als Spieler mit den sportlichen Ergebnissen im Rücken im Moment auch nicht die Traute, irgendwas gegen mehr Training zu sagen. Egal wie aktionistisch es rüberkommen mag – ich würde mich fügen und arbeiten.

Einer, der dem Lagerkoller entgehen soll und voraussichtlich auch wird ist Tolgay Arslan. Allerdings hat sich hier noch nichts Konktretes ergeben, obgleich dem HSV seit gestern Abend eine offizielle Anfrage aus Istanbul (von welchem der drei Erstligisten weiß ich nicht, es soll aber Galatasaray sein) vorliegen soll. Von daher belasse ich es für heute und verweise auf morgen, wo es wieder um 7.30 Uhr losgeht. Gefolgt von den zwei Einheiten um zehn und um 15 Uhr.

Bis dahin,
Scholle

P.S.: Ein weiteres Thema war heute natürlich auch noch Kühnes nicht wahrgenommene Option, sein Darlehen in Anteile umzuwandeln. “Herr Kühne war der Preis zu hoch”, so Gernandt, der aber zugleich betonte, dass Kühne bislang schlichtweg seine Option habe verstreichen lassen. Eine endgültige Entscheidung sei damit noch nicht gefallen. “Der Kontakt von Vorstand und Herrn Kühne ist weiter gut”, so Gernandt.

P.P.S.: Heiko Westermann und Matti Steinmann konnten heute noch nicht mit der Mannschaft trainieren, arbeiteten aber individuell auf dem Platz. Auch mit Ball. Lediglich Maxi Beister fehlte heute grippebedingt.

P.P.P.S.: Da ich gerade die Ankündigung der SportBild für morgen lesse (“Wer als Adler-Nachfolger beim HSV im Gespräch ist…”) hier noch mal: Tatsächlich soll sich der HSV mit dem Mainzer Loris Karius sowie mit Udineses Keeper Zeljko Brkic beschäftigt haben. Beide Namen würden aber zunächst hinfällig, wenn Adler bleibt – wonach es aussieht.

Neujahr 2015 – der HSV steckt noch immer im Wendemanöver

1. Januar 2015

Ich wünsche Euch allen zunächst ein frohes neues Jahr 2015! Viel Gesundheit und Glück – und dass wir alle mal ganz zufrieden sein können mit unserem HSV.

Aber die Sache mit der Zufriedenheit ist nicht so ganz leicht herzustellen. Der HSV beginnt das Jahr 2015 im Vergleich zum Jahresbeginn 2014 mit einem komplett anderen Gesicht. Statt e.V. ist der Profi-Fußball-Bereich eine AG geworden. Statt Carl Jarchow sitzt nun Dietmar Beiersdorfer dem HSV als Vorstands-Chef vor. Es gibt den alten Aufsichtsrat nicht mehr, um den herum sich so viel Unruhe entwickelt hatte. Manfred Ertel war vor zwölf Monaten dessen Vorsitzender. Nun ist es Karl Gernandt im AG-Aufsichtsrat. Im sportlichen Bereich sind komplett neue Leute an der Führung. Statt Kreuzer/van Marwijk haben wir dort nun Peters/Knäbel/Zinnbauer.

Vom Campus liegt immer noch kein einziges Steinchen, der HSV ist finanziell nackt bis auf die Knochen. Klaus-Michael Kühne fungiert nach wie vor als Kreditgeber – er hat im Laufe des Jahres sein Darlehen von 8 auf 25 Millionen Euro erhöht. Im Sommer ist der HSV recht knapp am Lizenz-Entzug vorbeigeschrammt, und schon jetzt gelten alle wirtschaftlichen Planungen dem Ziel, ein enges Rennen wie zuletzt zu vermeiden. Mit dem Bitburger-Bier-Deal wurde vorab geleistet, was im Vorjahr mit adidas der Rettungsanker war.

Gaaanz langsam angekommen ist der Prozess beim HSV in der Bundesliga-Mannschaft. Das Fußballjahr 2013 beendete der HSV mit einer 2:3-Heimniederlage gegen Mainz (Tore: Calhanoglu, van der Vaart) mit 16 Punkten auf Rang 14. Nun gab es ein 0:0 auf Schalke, was bedeutet: Ebenfalls Platz 14, diesmal mit 17 Punkten. Von den elf Spielern in der Startaufstellung Ende 2013 sind Ende 2014 nur zwei übrig geblieben – Torwart Jaroslav Drobny und Innenverteidiger Johan Djourou.

Viele, viele Veränderungen also – aber der Tanker HSV steckt noch mitten im Wendemanöver und hat noch längst nicht Tempo aufgenommen für eine zügige Weiterfahrt in die richtige Richtung.

Noch immer sind die Verantwortlichen dabei, auf allen möglichen Ebenen Fehler der Vergangenheit zu begradigen, um nicht unnötigen Ballast mitzuschleppen. Dazu gehört der offene Arbeitsgerichts-Prozess mit Ex-Sportchef Oliver Kreuzer, aber dazu gehört in erster Linie die Anpassung des Profi-Kaders an die wirtschaftlichen Möglichkeiten. Dies hinzubekommen ist die Kernaufgabe des Jahres 2015. Kühne-Kredit, Bier-Vertrag – all das ist für die Katz, wenn der HSV Jahr um Jahr Gehälter bezahlt in der Größenordnung von Champions-League-Vereinen. Schon das Winter-Transferfenster, das sich diesmal bis zum 2. Februar erstreckt, soll hier Erfolge bringen. Dummerweise weiß ganz Fußball-Europa um die wirtschaftlichen Zwänge des HSV, was die Preise nachhaltig beeinflusst. Jüngstes Gerücht: Tolgay Arslan soll bei Inter Mailand auf der Beobachtungsliste stehen. Das berichtet der Internet-Dienst calciomercato in einer Silvester-Meldung. Arslan ist demnach eine Option für Trainer Roberto Mancini, wenn die Italiener den gewünschten Transfer von Lassana Diarra (zuletzt Lokomotive Moskau) nicht unter Dach und Fach bekommen.

Ebenfalls aus Italien kam in diesen Tagen die Meldung, der HSV sei am Schweizer Innenverteidiger Timm Klose vom VfL Wolfsburg dran. Wie ich gehört habe, kann diese Meldung allerdings vernachlässigt werden.

Wie auch immer: Arslan, Jansen, Adler, Ilicevic, Rajkovic und ein paar andere – die Liste der HSV-Profis, auf die der Verein bei entsprechendem Angebot reagieren würde, ist nicht ganz kurz. Ähnlich sieht es übrigens beim VfB Stuttgart aus. Auch die Schwaben haben ein halbes Dutzend Profis auf ihrer Liste, die sie gern veräußern würden.

Dass sich die Lage zu Jahresbeginn 2015 noch immer so kritisch darstellen würde, hätten viele HSV-Freunde am 25. Mai, dem Tag der beschlossenen Ausgliederung, nicht für möglich gehalten. Die Gleichung, die aufgemacht wurde, lautete damals: HSVPlus + Kühne + Beiersdorfer = Entschuldung + weitere Investoren.

So ist es nicht gekommen, und bis auf einen Punkt ist das wohl auch nicht überraschend. Die Überraschung im negativen Sinne ist, dass Klaus-Michael Kühne beim HSV nicht als Anteilseigner eingestiegen ist. Hieran bestand eigentlich kein Zweifel, bzw. es wurde insbesondere von Karl Gernandt der Eindruck erweckt, dass kein Zweifel an einem entsprechenden Engagement seines Geldgebers Kühne berechtigt sei. Gernandt hat sich jedoch vertan, und diese Fehleinschätzung schmerzt den HSV. Einerseits.

Andererseits beweist Klaus-Michael Kühne mit seinen Interviews, in diesem Halbjahr erschienen in Abendblatt, Stern und Zeit, dass der HSV froh sein muss, ihn nicht als Anteilseigner zu haben. Was Dietmar Beiersdorfer versucht auszustrahlen – Verlässlichkeit, Geradlinigkeit, Konzepttreue, ruhige Hand, Vertrauen – das konterkariert Kühne immer wieder, auch wenn – und das habe ich hier in verschiedenen Blogs immer wieder betont – Kühne sich als Helfer in der Not (angebotene Bürgschaft in der Lizenzfrage im Mai) auch um den HSV verdient gemacht hat. Umso unverständlicher erscheint immer wieder sein Wankelmut, der offenbar keiner geraden Linie folgen mag. Und darunter leidet natürlich auch die Position von Karl Gernandt, der es „nicht mal“ fertig gebracht hat, „seinen“ Kühne an den HSV zu binden.

Weniger überraschend ist dagegen, dass bislang kein anderer HSV-Anteilseigner gefunden wurde. Die Unternehmensbewertung in Höhe von 330 Millionen Euro wird in der Wirtschaft mit Zweifeln betrachtet – nicht nur bei Klaus-Michael Kühne. Und vor allem: die Unsicherheit in der sportlichen Entwicklung, vielleicht sogar in der Liga-Zugehörigkeit, hält Firmen im Moment von zahlungskräftigem Investment ab. Es bleibt dabei: sportliche Entwicklung ist der Motor für den HSV. Stabilisiert sich die Mannschaft, wird der Club auch wieder attraktiver und der Markenwert wird sichtbar. Die Metropole Hamburg, der Status als letzter Dino, die Größe des Vereins – all das ist eine schlummernde Kraft des HSV, die geweckt werden will.

Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang gar nicht schlecht, wenn die stets aus der Not geborene Zusammenarbeit zwischen dem HSV auf der einen und Kühne auf der anderen Seite nun eine klarere Basis hat. Kein „vielleicht Investor“ mehr. Kein „will einsteigen“ mehr. Die Fakten liegen auf dem Tisch.

Am 25. Januar wird Jens Meier mutmaßlich neuer Präsident des HSV e.V. Sollte zugleich der Antrag von Manfred Ertel angenommen werden, wonach der e.V.-Präsident automatisch Aufsichtsrats-Vorsitzender der HSV-AG werden soll (ein verständliches Bestreben, schließlich ist und bleibt der e.V. Mehrheitseigner der AG), dann steht – wie ich finde – auch die Position von Karl Gernandt auf gesünderen Füßen. Allein schon die theoretische Möglichkeit eines Interessenkonflikts birgt Unruhe-Potenzial. Beim FC Bayern beispielsweise, die einige Verwaltungsrats-Posten mit Vertretern ihrer Investoren besetzt haben, ist der Vorstands-Posten „in den Händen“ des FC Bayern geblieben – durch Karl Hopfner.

Besteht nun beim HSV weitgehende Einigkeit in allen HSV-Gremien, einen ähnlichen Weg einzuschlagen, dann muss damit auch kein Gesichtsverlust einher gehen für Karl Gernandt. Selbst wenn Gernandt, der rhetorisch stark und mit einer breiten Mehrheit ausgestattet starten konnte, an Strahlkraft verloren zu haben scheint. Man könnte eine veränderte Konstruktion jedenfalls als die Linderung einer Kinderkrankheit betrachten.

Ob damit dann am 31. Januar mit dem Heimspiel gegen den 1. FC Köln eine erfolgreiche Rückrunde eingeläutet werden kann, ist offen. Trainer Joe Zinnbauer muss in den vier Trainingswochen bis dahin insbesondere an den Offensiv-Problemen des HSV arbeiten. Er wird dies bis zum Erbrechen tun, ganz sicher. Ein neuer Stürmer könnte dabei helfen, ganz klar, aber ein Allheilmittel ist auf dem Transfermarkt ganz sicher nicht zu bekommen. Ganz sicher nicht! Immerhin: aus den eigenen Reihen drängt der lange verletzte Maximilian Biester nach. Doch bei ihm sind nach dem Kreuzbandriss und den darauf folgenden Problemen in der Reha sowie insgesamt einem Jahr Fußball-Pause keine Wunder erwartet werden.

Wichtig wäre, wenn die Vorbereitungsarbeit schnell von Erfolgserlebnissen untermauert wird. Wird die Bundesliga-Rückrunde angepfiffen, und die Mannschaft fällt automatisch wieder in alte Verhaltensmuster und alte Ängste zurück, dann wird auch diese Rückrunde eine zähe Angelegenheit. 27, 31, 31, 36, 31, 30, 31, 34, 33, 35 – das sind die Punktezahlen des jeweiligen Tabellen-Sechzehnten der vergangenen Dekade. Das muss der HSV übertreffen, damit es nicht erneut zum Herzkasper-Showdown kommt. Ich traue Joe Zinnbauer und dem HSV zu, sich Abstand von den Abstiegsrängen zu erkämpfen, um in diesem Jahr im sicheren hinteren Mittelfeld einzulaufen.

Zinnbauer wird verstärkt darauf achten, welche Spieler er auf seinem Weg mitnehmen kann. Dass nun schon ein Sextett von U-23-Spielern mit ins Trainingslager fährt (Götz, Gouaida, Marcos, Brunst, Mende, A. Arslan), ist auch ein Beleg für seine Unzufriedenheit mit einigen Etablierten. Die Hierarchie wird umgebaut – mannschaftsintern ein komplizierter Prozess. Wie präsentiert sich Königstransfer Lasogga, eine der größten Enttäuschungen der Hinrunde? Gibt es ein Überraschungs-Comeback eines möglicherweise „Aussortierten“? Und dann auch hier: wird Zinnbauers Linie von einem Erfolgserlebnis, etwa schon gegen Köln, getragen?

Der HSV steht vor einem Jahr voller Fragezeichen. Aber er genießt auch Kredit. Nach wie vor schöpft der HSV Kraft aus der Führungsperson Dietmar Beiersdorfer, dessen Maßnahmen überwiegend auf große Akzeptanz stoßen. Dass nichts alle Transfers sitzen konnten, war doch klar. Dass nicht alle HSV-Plus-Hoffnungen sofort wahr werden würden, ist logisch gewesen. Nach einem halben Jahr HSV-AG ist der Verein weiter gekommen. Viel mehr, denke ich, war im Gesamtpaket kaum drin. Und auch heute in einem Jahr kann es sein, dass der HSV noch nicht dort angekommen ist, wo er gerne hin möchte.

Mir haben viele Heimspiele des HSV in der Hinrunde sogar ansatzweise Spaß gemacht. Da war Leben in der Bude. Mal abgesehen vom Stuttgart-Spiel kann ich mich auch an keinen Auftritt unter Joe Zinnbauer erinnern, an dessen Ende die Mannschaft mit Pfiffen verabschiedet wurde. Es werden junge Spieler eingebaut. Der gesamte Trainerstab, auch inklusive Zinnbauer-Vorgänger Mirko Slomka, hat an der katastrophalen Defensiv-Darbietung der Vorsaison gearbeitet. Auch am desolaten körperlichen Zustand vieler Profis. Es sind Veränderungen sichtbar, wenn auch noch längst nicht genügend.

Vielleicht müssen alle HSVer zu Beginn des neuen Jahres auch ein wenig froh sein, dass ihr Verein nicht mehr hinten dran hängt. Er hat den Anschluss an die hinteren Mannschaften hergestellt. Das war im Frühjahr 2014 wahrlich nicht selbstverständlich, als der HSV in allen Bereichen komplett am Boden lag und den unverdientesten Nichtabstieg der Bundesliga-Geschichte perfekt gemacht hat.

Dietmar Beiersdorfer hat vor zwei Wochen von einem „Pioniergeist“ gesprochen, den er im Verein spüre. Diesen Geist gilt es zu bewahren und auch nach außen deutlicher sichtbar zu machen. Es bleibt dabei: einen anderen Weg gibt es nicht, ist er auch noch so steinig und langsam. Es bleibt aber auch dabei: keinesfalls ist es ein Automatismus, dass der Weg am Ende ins Licht führt. Die handelnden Personen dürfen nicht erlahmen, müssen weiter durchgreifen und das Sanieren nicht vernachlässigen.

Lars
18.05 Uhr

Die Feiertage beim HSV fallen sicher kürzer aus

22. Dezember 2014

So, es ist Zeit für einen umfassenden Jahresabschluss. Beim HSV auf der Geschäftsstelle sitzen die Granden zusammen und beraten ihre Möglichkeiten. Mindestens ein neuer Stürmer soll es werden – mindestens drei Abgänge werden erwartet. Wobei, bei dem Neuen soll es sich nach Möglichkeit um einen talentierten Youngster drehen, den man in Hamburg zum großen Stürmer aufbaut. So, wie es dem Vernehmen nach der frisch eingebürgerte Däne Pione Sisto vom FC Midtjylland werden könnte. Oder wie man es sich vor Jahren auch von Levin Öztunali im offensiven Mittelfeld versprach.

Obwohl: Wirklich auch Öztunali?

Ich sage eher nein. Denn der junge Mittelfeldmann hat sich seinerzeit trotz der Bemühungen des HSV gegen seine Heimatstadt entschieden. Dass er sich damit auch gegen den Klub seines Opas entschieden hatte, okay – aber ich finde diesen Umstand ehrlich gesagt unerheblich. Dieser Fakt sollte höchstens familienintern zum Thema werden. Der Rest muss sportlich abgewogen werden. Und deshalb war für mich damals wie heute nur interessant, ob er es schaffen könnte und dann, weshalb sich Öztunali eben nicht für den HSV entschieden hat. Was der ehrenwerte Opa dazu sagt ist mir dabei ebenso wichtig wie die Meinung von Mama Ilicevic, ob ihr Sohn im Winter wechseln oder doch besser bleiben sollte. Und das meine ich absolut nicht despektierlich dem HSV-Idol gegenüber – sondern mal völlig losgelöst von allen unerheblichen Emotionen drumherum.


Nein, Levin Öztunali muss individuell und komplett losgelöst von allen familiären Umständen analysiert werden. Sollte er anschließend sportlich tatsächlich als Hilfe eingestuft werden können, muss der SV aktiv werden. So wie vor dessen Wechsel zu Bayer Leverkusen. Damals wollte der HSV den Youngster halten, musste sich aber dem Familienentscheid und somit dem finanziell sehr verlockenden Angebot Bayer Leverkusens beugen. Der Werksklub hatte damals „intensiv“ nachgeholfen, die Meinung des Vaters in Richtung Bayer zu lenken. Mit Erfolg. Während Sohnemann Levin sportlich den Durchbruch verpasste, ist Vater Mete beim Champions-League-Teilnehmer angestellt. Dass damals Handgelder geflossen sein sollen – so what…?! Bei welchem ablösefreien Wechsel (und selbst bei den meisten anderen) läuft das nicht so?

Nein, damals ist einiges zwischen den Öztunalis und dem HSV kaputtgegangen. Von beiden Seiten. Und dennoch bin ich mir sicher, dass der HSV Levin auf dem Schirm hat und über dessen Leistungsstärke im Klaren ist. Dass man sich aktuell dennoch nicht bemüht hat, sollte man nicht gleich als Versäumnis werten. Das kann sportlich durchaus sehr nachvollziehbar begründet sein. Immerhin hat Levin seinen Durchbruch bei Bayer in 18 Monaten nicht geschafft. Ob es an der übermächtigen Konkurrenz oder seiner mangelnden Entwicklung liegt, weiß ich nicht. Aber sechs Kurzeinsätze waren es für den einstigen HSV-Junioren-Nationalspieler in dieser Saison. Erst. Was nicht für ihn spricht. Ebenfalls ungewöhnlich: Jetzt leiht ihn sein Klub gleich für lange 18 (!) Monate an Werder Bremen aus. So überzeugt ist man bei Bayer von seinem Youngster offenbar doch (noch) nicht.

Trotzdem, natürlich wäre es eine schöne Geschichte gewesen, wenn der Enkel Seelers in Hamburg dessen Erbe angetreten hätte. Er hat es aber nicht, weil er zum einen noch nicht so weit ist und zum anderen, weil ein anderes Angebot schlichtweg interessanter für ihn und seine Familie war. Punkt. Und damit ist das Thema für mich auch schon durch. Mir bleibt diesbezüglich nur noch zu sagen: Levin, ich wünsche Dir auch weiterhin nur das Beste. Vor allem aber wünsche ich Dir, dass Du es irgendwann schaffst, endlich als der Fußballprofi Levin Öztunali und nicht mehr als „Enkel von Uwe Seeler“ wahrgenommen zu werden. Ob bei Bayer, Werder, HSV oder sonstwo auf diesem Erdball…

Wichtiger ist für mich aktuell, dass der HSV seither gelernt hat, sein Konzept, junge Spieler hochzuziehen, auch mit Leben zu füllen. Während früher Talente wie Sam, Ben-Hatira, Meier sowie Kruse (bei Vier- und Marschlande) und vor allem Choupo-Moting aus den verschiedensten und leider oft vermeidbaren Gründen die Hansestadt verließen, setzt Trainer Joseph „Joe“ Zinnbauer heute auf eben jenen Nachwuchs. Das Jugendkonzept ist nicht mehr nur theoretisch, es wird gelebt. Ashton Götz, Ronny Marcos und Mohamed Gouaida haben sich in den Kader gespielt und werden bei der U23 auch für die Rückrunde als „Abgänge nach oben“ bewertet. Sie haben sich durchgesetzt. Ob sie oben bleiben, hängt an ihnen selbst. Und daran, was der HSV im Winter personell umsetzen kann. Mindestens zwei Spieler sollen gehen wollen (Jansen und Arslan), zwei sollen weg (Ilicevic, Nafiu) und weitere Spieler (Rajkovic, Kacar, Jiracek, Adler) sind verhandelbar.

Sicher los ist der HSV seinen ehemaligen Trainer Mirko Slomka. 1,8 Millionen Euro Abfindung kassiert der im September entlassene Trainer. Viel Geld für einen Verein, der sich gerade neu aufstellen muss, nachdem Klaus-Michael Kühne seine Anteilsoption verstreichen ließ und den HSV um 25 Millionen (zzgl. 4% Zinsen/anno) ärmer macht. Und dass die HSV-verantwortlichen dennoch optimistisch sind, die Lizenz in der kommenden Saison zu erhalten, hat einen einfachen Hintergrund: Offenbar rechnen beim HSV alle damit, dass Kühnes Rückzug der Türöffner für andere Investoren/Gönner/strategische Partner) sei. Viele potenziell interessierte Unternehmer seien bislang immer zurückgeschreckt, wenn es hieß, dass Kühne mit an Bord sei. Alexander Otto beispielsweise soll seit Bekanntwerden der Kühne-Absage durchaus überlegen, ob er beim HSV einsteigt. Selbst der HSVPlus-Gegner Eugen Block hat sein Interesse signalisiert, beim HSV einzusteigen. Allerdings, bevor hier jetzt verfrühter Jubel aufkommt: Bei Otto stecken die Gespräche noch in den Kinderschuhen. Und bei Block ist es bislang lediglich ein intern bekannt gemachtes Interesse. Gespräche über Anteilsverkäufe an den Hamburger Geschäftsmann gab es noch nicht. Zumindest aber gibt es Alternativen zu Kühne, dessen Beweggründe ich nach wie vor nicht nachvollziehen kann. Aber ich klammere das Thema weiterführend heute lieber noch mal aus. Das ist ein Thema für einen eigenen Blog. Sicher auch schon in den nächsten Tagen.

Bis dahin könnt Ihr und werden wir diskutieren, inwieweit Manfred Ertels Antrag für die MV im Januar Sinn macht. Der ehemalige AR-Vorsitzende fordert, dass in Zukunft automatisch der Präsident des e.V. auch AR-Vorsitzender der AG. wird. Soll heißen, Jens Meier würde fortan Karl Gernandt ersetzen. Und so sehr ich davon ausgehe, dass in den nächsten Tagen wieder mächtig viel über vereinspolitische Themen diskutiert wird. muss ich zugeben, ich halte den Vorschlag für durchaus sinnvoll. Schon allein, weil ich unter den aktuellen Voraussetzungen den Vorsitz Gernandts weiterhin für unglücklich halte. Aber was meint Ihr?

Auf jeden Fall wird es beim HSV auch über die eigentlich so besinnlichen Feiertage nur sehr bedingt ruhig werden. “Wer braucht schon viel Akku”, hatte Zinnbauer gefragt. Jetzt wissen wir auch, warumm. In diesem Sinne, wir bleiben dran, Ihr hoffentlich auch. Bis morgen,

Scholle

Nicht im P.S., aber thematisch als alleinigen Punkt hinten möchte ich doch noch mal zwei Dinge loswerden. Erstens war ich am Sonntag sehr berührt von der Nachricht, dass Udo Jürgens gegangen ist. Der Mann, den ich auf einer Postkarte im Flurbereich meiner Oma jahrelang sah und bei ihr im Wohnzimmer zuerst hören musste und später dann hören durfte. Heute lief bei mir „Der Mann mit der Mütze geht nach Haus“, als ich von den Mopo-Kollegen erfuhr, dass Fritz Sdunek gestorben ist. Zwei Tage, an denen wir zwei ganz Große ihres Faches gehen lassen mussten – sie aber dennoch nie vergessen werden. Ich zumindest nicht.

Vier Wochen nach dem 25. Mai – jetzt ENDLICH nach vorn gucken!

22. Juni 2014

In den vergangenen Tagen, insbesondere bei der Debatte um die Äußerungen von Klaus-Michael Kühne, waren hier in den Kommentaren heiße Diskussionen entbrannt. Wer ist wofür verantwortlich? Fehlstart von HSV-Plus oder berechtigte Kritik der neuen Macher? Welche Rolle spielen Jarchow und Co. aktuell und behindern sie den Neustart?

 

In ganz großem Maße kommt darüber hinaus immer wieder der Wunsch auf nach Abrechnung mit dem aktuellen Vorstand und Aufsichtsrat. Diese Abrechnung wird hier stark eingefordert, um wirklich einmal Ross und Reiter zu nennen, um mit dem Grundübel aufzuräumen und reinen Tisch zu machen, so dass die Basis gelegt ist und die neuen Leute um Dietmar Beiersdorfer am 1. Juli dann auch offiziell anfangen können.

 

Offensichtlich gibt es ein paar unterschiedliche Wahrnehmungen was die Inhalte des Blogs in den vergangenen Monaten angeht. Man kann es wertfrei auf den vereinfachten Nenner bringen: Wir, die Blogschreiber, sind der Ansicht, die Missstände genannt zu haben und auch die dahinter stehenden Namen; kritische Blog-Kommentierer bestreiten dies und bemängeln zu weichen Umgang mit den Protagonisten. Soweit, mehr oder weniger, der Status Quo.


 

Gerade die momentane Übergangsphase sorgt für Nervosität. Mal abgesehen von den Äußerungen des designierten Aufsichtsrats-Vorsitzenden Karl Gernandt sowie dem Interview von Klaus-Michael Kühne ist wenig an die Öffentlichkeit gedrungen. Dietmar Beiersdorfer beispielsweise hält sich komplett zurück. Ansprechpartner sind nur die alten Macher, in erster Linie der Vereins-Vorsitzende Carl Jarchow und Sportchef Oliver Kreuzer. Von ihnen hören wir, dass sie eng mit Beiersdorfer und Co. in Kontakt sind und alles abgesprochen wird. Aus dem Kühne-Interview ist eine andere Perspektive herauszulesen – demnach kleben die „Alten“ an ihren Sesseln und geben ihre Positionen nicht vorzeitig auf, obwohl sie seit dem 25. Mai faktisch einer aussterbenden Spezies angehören. Wo die Wahrheit genau liegt, enge Absprache oder Dissenz, ist im Moment nicht objektiv zu bewerten.

 

Zurück zum Thema „Abrechnung“. Am Ende haben Carl Jarchow und Oliver Kreuzer die Beinahe-Katastrophe der vergangenen Saison zu verantworten, daran führt kein Weg vorbei. Es ist einfach, sie an den Pranger zu stellen, denn sie haben dafür ja auch eine Menge Angriffsflächen geboten.

 

Aber: Die Probleme des HSV liegen viel tiefer und sind mit der Opferung zweier Verantwortlicher doch nicht behoben. Das wurde in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Positionen immer wieder punktuell versucht.

 

Der Aufsichtsrat war schuld. Also folgte auf Udo Bandow dessen Stellvertreter Horst Becker. Die Wirtschaftsweisen kamen in das Gremium, besser wurde es nicht. Irgendwann übernahm Otto Rieckhoff das Amt, dann Alexander Otto, Manfred Ertel, Jens Meier. Die „Supporters“ schienen in der Mehrheit zu sein. Und jeder war auf seine Weise erfolglos in dem Sinn, den Niedergang des Vereins in den vergangenen Jahren nicht verhindert zu haben.

 

Auch die Vorstands-Personalien, die vom Aufsichtsrat angegangen wurden, haben keine Besserung gebracht. Das Ende von Bernd Hoffmann unter großem Tohuwabohu, der regelmäßige Wechsel auf dem Sportchef-Posten. Nach zu langer Phase der Vakanz, die durch das Ende der Ära Beiersdorfer begann, sowie den Herren Siegenthaler, Reinhardt, Sammer, Arnesen und letztlich Oliver Kreuzer, die teilweise im Amt, teilweise nur Kandidaten waren, steht der HSV immer noch nicht besser da.

 

Im Bemühen, den Verfall zu stoppen, wurde immer nur ein Mann entlassen, an dessen Stelle ein anderer kam, der sich dann wie sein Vorgänger aufrieb und verbrauchte. Natürlich waren es auch immer wieder individuelle Entscheidungen und Fehler, die die Arbeit des einen oder anderen kennzeichneten. Als Quintessenz blieb doch immer nur eins: das Scheitern.

 

Ebenso auf der Trainerposition. Stevens, Jol, Labbadia, Moniz, Veh, Oenning, Fink, van Marwijk, Slomka. Das sind die Namen seit 2007. Der jeweilige Neue würde den Laden in den Griff bekommen – diese Hoffnung blieb bis heute ebenso unsterblich wie unerfüllt. Dazu passt die stete Abwärtsentwicklung im Nachwuchs-Bereich in Norderstedt. Die U-Mannschaften des HSV hinken der Konkurrenz hinterher. Viele gute Trainer haben den Verein in den vergangenen Jahren verlassen, weil die übergeordneten Sportchefs sich diesem Bereich entweder nicht richtig widmen wollten oder konnten.

 

Im Sommer 2014 ist der HSV an einem Punkt angelangt, an dem sich endlich eine Erkenntnis durchgesetzt hat, die sich durch die Ausgliederung in eine Fußball-AG dokumentiert. Es muss ein radikaler Kurswechsel des ganzen Schiffs her, nicht nur diese ständige punktuelle Verändern dieser oder jenen misslichen Personalie. Das alte Modell der Flickschusterei, des Übeltäter-Suchens, des Messias-Verpflichtens, ehe man erkennt, dass sich hinter jedem Messias doch wieder ein gescheiterter Fehlerteufel verbarg, sollte zu einem Ende kommen. Es ging und geht HSV-Plus und sicher auch den 86,9 Prozent, die sich für die Ausgliederung ausgesprochen haben, nicht mehr um den nächsten Trainerwechsel, der die Wende zum Guten nach sich ziehen müsste. Es ging ihnen nicht um die Fortsetzung des personellen Austauschs nach altem Muster, sondern um einen grundlegenden Wandel des HSV.

 

Der alte HSV war lahm und schwach geworden. Er hat sich in inneren Kämpfen aufgerieben und produzierte keine Führungskräfte, die die Kraft und Fähigkeit besaßen, alle Lecks zu schließen. Das lag in dem einen Fall an der Schwäche des Einzelnen, im anderen Fall an der Größe des Lecks, dessen Stopfung manch erfahrenen Kapitän vor eine unlösbare Aufgabe gestellt hätte. Gleichsam gaben schwache Vorstände und Aufsichtsräte gern das Alibi an, in DIESEM HSV nicht besser arbeiten zu können und sowieso vorwiegend an den Altlasten zu leiden. Auch diese Haltung wurde zu einem Teil der Abwärtsspirale.

 

Es gibt wohl keinen anderen Bundesliga-Verein, der in den vergangenen Jahren derart viele Angriffsflächen bot und der auch derart heftig angegriffen wurde. Die Schwäche der Handelnden hat gleichsam dafür gesorgt, dass kleinste Störfeuer aus dem Umfeld für einen Schlingerkurs des gesamten Gebildes sorgen konnten. Ich erinnere mich an eine Mitgliederversammlung Anfang 2010. Der Verein hatte gerade mal wieder Schlagseite und zu diesem Zeitpunkt keinen Sportdirektor. Vereins-Boss Bernd Hoffmann war schwer angeschlagen, als plötzlich Bruno Labbadia im CCH ans Rednerpult ging. Labbadia hat dort in einer Grundsatzrede versucht, den Vereins-Vorstand zu stärken. Ein einmaliger Vorgang, soweit ich weiß. Ein Angestellter versucht seinen Vorsitzenden und damit den ganzen HSV auf Kurs zu halten, weil er die Gefahr des Auseinanderdriftens erkennt. So löblich Labbadias Versuch war, so sehr zeigte er auch damals die Schwäche der Verantwortlichen im Vorstand und Aufsichtsrat, die zu einer solchen Rettungsaktion nicht in der Lage waren.

 

Im Frühjahr dieses Jahres hat Bert van Marwijk nach wenigen Monaten im Amt seine Beobachtung in Worte gefasst: „Dieser Verein ist dabei, sich selbst zu zerstören.“ Van Marwijk erhielt für diesen Satz viel Zustimmung – und es steht auf einem anderen Blatt, dass er in seiner eigentlichen Aufgabe, gelinde gesagt, nicht gerade überzeugen konnte. Die Beobachtung jedenfalls, die saß.

 

Die Idee von den Initiatoren von HSV-Plus, allen voran Otto Rieckhoff, aus dem HSV e.V. eine HSV AG zu machen, ist an sich nicht revolutionär. Ein Dutzend anderer Bundesligisten hat vor den Hamburgern seine Struktur geändert, und sich wahlweise als AG oder KG ins Handelsregister eintragen lassen. Dies ist gewissermaßen der äußere Rahmen, der womöglich klug und zeitgemäß ist, der aber vor allem die innere Neuordnung des HSV in die Wege leitet. Ein anderes Denken, keine Klüngelei mehr, Einigkeit in den Zielen – kurz gesagt alles, was der HSV in den vergangenen Jahren in seiner Gesamtheit hat vermissen lassen. Beim HSV hat all das eine ungeheure Öffentlichkeit nach sich gezogen – viel mehr als anderswo. Oder haben die „Tagesthemen“ von der Ausgliederung bei Werder Bremen berichtet? Hat „Die Zeit“ sich Eintracht Frankfurt gewidmet? Beim HSV, so die bundesweite Einschätzung, hat die gesamte Debatte eine ganz andere Dimension – es ging und geht um das Überleben des Dinos.

 

Dahinter verschwanden Bedenken in Detailfragen. Mitglieder-Rechte, die Nutzung der Raute als Marke, einzelne Paragrafen im Übernahme-Vertrag, über die vor kurzer Zeit noch ausgiebig in der Mitgliederversammlung gestritten worden wäre, wurden von der Minderheit zwar angesprochen. Doch das Bedürfnis, und auch die Notwendigkeit, nach einer Veränderung des großen Ganzen war übermächtig.

 

Jeder Einzelne der in der Vergangenheit handelnden Personen wird übrigens Professionalität, das beste Bemühen für den HSV, personelle Verbesserung für sich beanspruchen und als Ziel gesetzt haben wollen – in seiner Gänze hat sich der Verein allerdings immer mehr zerrissen. Fehlentscheidungen summierten sich und zogen sich wie in einer Todesspirale immer weiter abwärts. Somit war aus meiner Sicht fast jeder Verantwortliche des HSV in den vergangenen Jahren gleichfalls Täter, weil natürlich nicht jeder Fehler mit den Strukturen zu entschuldigen ist, und Opfer, weil dieser gesamte Verein einfach kaum steuerbar war.

 

Welche Rolle Ihr Carl Jarchow, Joachim Hilke, Oliver Kreuzer, Oliver Scheel, Jens Meier und all die anderen in diesem Zusammenhang gebt – bitte bildet Euer eigenes Urteil. Sie alle sind hier und anderswo häufig zu Wort gekommen, ebenso wie ihre Kritiker. Die Karten liegen auf dem Tisch. In diesem Sinne waren auch die Aussagen von Klaus-Michael Kühne aus meiner Sicht „too much“. Was soll diese Ungeduld? In zehn Tagen weht ein anderer Wind, und zwar auch nach Kühnes Vorstellungen. Was die Ungeduld angeht, wird Kühne übrigens ziemlich sicher noch die eine oder andere harte Probe bestehen müssen. Geduld ist nämlich mit Sicherheit gefragt, wenn es um den HSV der Zukunft geht. Rom ist nicht an einem Tag erschaffen worden, und die Aufwärtsentwicklung des HSV, die sich alle erhoffen, ganz sicher nicht. Es wird dauern, ehe tragfähige Ergebnisse zu sehen sein werden. Dietmar Beiersdorfers Eigenschaft, für Nachhaltigkeit sorgen zu können, kann dem HSV dabei helfen. Aber mal eben husch-husch im Vorbeigehen wird hier nix besser – es ist ein langer Weg zurück für den HSV.

 

Inzwischen ist eine andere Zeitrechnung angebrochen. Und zwar die von Dietmar Beiersdorfer und Karl Gernandt. Natürlich ist es irritierend, wenn in den ersten Tagen nach der Entscheidung für die AG eine Reihe diskussionswürdiger Statements Gernandts zu lesen sind und sein Chef, Klaus-Michael Kühne, im Abendblatt vom Leder zieht. Beim Trainingsstart am Mittwoch, als die Berichte über die Krankschreibung Calhanoglus sowie das Kühne-Interview in aller Munde waren, habe ich mich mit einem langjährigen HSV-Mitarbeiter unterhalten. Wir waren uns einig, dass wir darauf keine Lust mehr haben. Dass sich die ständigen Störfeuer, die mit Fußball oder einem Aufbruch nichts zu tun haben, ohne Ende nerven. Gerade dies sollte mit dem 25. Mai beendet sein, umso größer die Verwunderung, dass durch genannte Äußerungen der neuen Macher scheinbar die alte Schablone wieder sichtbar wird.

 

Aber in den kommenden Wochen, beginnend mit dem 1. Juli, werden wir klarer sehen was die Intentionen der neuen starken Männer angeht. Die größten Hoffnungen ruhen dabei natürlich auf Beiersdorfer. Es besteht nach wie vor die große Chance, dass er mit den richtigen Weichenstellungen für den Umschwung sorgt. Und die Äußerungen von Gernandt und Kühne könnten, wenn sie auch nicht vergessen werden, in einem anderen Zusammenhang erscheinen und betrachtet werden.

 

Dass Karl Gernandt sich beispielsweise seit knapp zwei Wochen öffentlich aus dem Verkehr zieht, ist ja schon als erste Reaktion auf das Echo seiner Äußerungen zu werten. Doch halt: eine große Kritik bleibt. Trainer Mirko Slomka infrage zu stellen und dies nicht klarzustellen, ist ein Riesenfehler. Slomka geht angeschlagen in die Vorbereitung, und das ist schlecht. Dass der Coach selbst sich dann noch im ersten Interview vor den Kameras schützend hinter Kühne stellt, ähnelt vom Muster her dem Auftritt Bruno Labbadias. Und dieses Muster ist das falsche. Die HSV-Mannschaft ist nach wie vor instabil, sie hat sich ja auch gegenüber der Vorsaison bislang kaum verändert. Insofern benötigt sie dringend einen starken Trainer, der nicht von oben geschwächt werden darf. Es sei denn, man will ihn wirklich kurzfristig austauschen. Überspitzt formuliert ist Slomka bereits jetzt zum Abschuss freigegeben worden.

Zuletzt hat der ehemalige HSV-Präsident Wolfgang Klein heftige Kritik an Klaus-Michael Kühne geübt. Dessen Äußerungen seien Vereins schädigend, so Klein. Sicher gibt es nicht wenige, die Kühne deswegen am liebsten zum Mond schießen würden. Doch es ist heute wir vor dem 25. Mai: Der HSV befindet sich auch in wirtschaftlicher Abhängigkeit von seinem Gönner. So gesehen herrscht eine gewisse Hassliebe zwischen HSV und Kühne – und zwar von beiden Seiten. Auch diese Hassliebe in die richtige Richtung zu lenken, ist eine Aufgabe von Dietmar Beiersdorfer. Und es wird sicher nicht seine einfachste sein.

 

Heute Mittag ist die HSV-Mannschaft Richtung Schleswig-Holstein aufgebrochen. In Bredstedt hat um 17 Uhr ein erstes Testspiel begonnen – zur Halbzeit steht es 9:0. Nachher gibt es eine sportliche Aktualisierung dieses Fußball-Abends an der Küste.

 

Der HSV jedenfalls fährt später weiter nach Glücksburg, wo eine Woche Station gemacht wird.

 

So, und WM-technisch ruhen nachher alle deutschen Hoffnungen auf Klinsi und den USA.

Sportlicher Gruß von Lars
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Erster Test viele Tore. Das ist die Kurzfassung des HSV-Spiels in Bredstedt in Schleswig-Holstein vor 1.500 Zuschauern gegen eine Nordfriesland-Auswahl. Endergebnis: 16:0.
So spielte der HSV in der 1. Halbzeit: Drobny – Diekmeier, Tah, Westermann, Jansen – Kacar, Demirbay, Jiracek – Stieber, Rudnevs, Ilicevic
Und so in der 2. Halbzeit: Brunst – Westermann, Tah, Mancienne, Jiracek – Steinmann, Arslan – Zoua, Cigerci, Derflinger – Rudnevs
Tore: 1:0 Demirbay (4.), 2:0 Kacar (13.), 3:0 Demirbay (18.), 4:0 Demirbay (20.), 5:0 Demirbay (23.), 6:0 Stieber (29.), 7:0 Demirbay (30.), 8:0 Rudnevs (36.), 9:0 Rudnevs (37.), 10:0 Tah (47.), 11:0 Cigerci (66.), 12:0 Rudnevs (70.), 13:0 Zoua (80.), 14:0 Derflinger (84.), 15:0 Steinmann (88.), 16:0 Arslan (90.)
Trainer Mirko Slomka hat vor dem Spiel kurz sein Programm fürs Trainingslager in Glücksburg in der kommenden Woche erläutert. Zwei Einheiten pro Tag stehen an der Förde an, ehe es am kommenden Sonnabend auf der Rückreise zum zweiten Test kommt gegen den ETSV Weiche Flensburg. Was seine einschneidenden Personalien angeht, berichtete Slomka von vergeblichen Versuchen, Hakan Calhanoglu am Telefon zu erreichen. Mutmaßlich, so Slomka, habe Calhanoglu seine Handynummer gewechselt. Außerdem wusste Slomka davon zu berichten, dass Pierre Michel Lasogga einige Mal das Gespräch mit dem HSV-Trainer gesucht habe. Demnach wollte sich Lasogga erkundigen, was los sei mit seinem endgültigen Wechsel zum HSV. Eine Einigung ist bis dato noch nicht zu vermelden, aber einmal mehr dokumentiert die kleine Anekdote, dass es Lasogga offenbar kaum erwarten kann, zum HSV zurückzukehren.
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Bitte den Weg frei machen! Und: Noch keine Entscheidung bei Lasogga

9. Juni 2014

Und schon geht’s wieder los. Eine Woche Urlaub – und der war gefühlt nach anderthalb Tagen schon wieder vorbei. Vor allem, weil ich noch immer nicht abschalten kann. Diese Saison hat so viele kleine und vor allem auch größere Narben hinterlassen, dass die Pflege selbiger noch Wochen, Monate und schlimmstenfalls sogar noch Jahre dauern wird. Vor allem aber kam ich selbst auf Lanzarote nicht umhin, mir jeden Tag die verschiedenen Zeitungen und Online-Medien durchzulesen. Denn dafür ist die aktuelle Phase zu brisant. Gerade jetzt, unmittelbar nach der Wahl von 25. Mai sortiert sich der HSV neu. JETZT ist die Zeit, die für die nächsten Jahre (mit)entscheidend wird. Denn jetzt geht es darum, das Personal zu bestimmen, das diesen heruntergewirtschafteten HSV wieder in erfolgreichere, erfreulichere Gefilde führen muss.

Auch auf der Fanseite. Und es fiel mir wirklich gerade in diesem Beritt sehr schwer (und war nur durch Dieters Veto möglich), mich im Urlaub nicht in Blog-Form zu Wort zu melden, als ich las, dass die SC-Führung überlegt, sich aufzulösen.


 

Auflösen?? Bitte?? Wer ist denn der SC, wer darf etwas so weitreichendes entscheiden?

In den letzten Jahren bin ich von den führenden Supporters immer wieder dafür sensibilisiert worden, bei Pyro-Aktionen oder sonstigen Verfehlungen von HSV-Fans nicht pauschal vom SC zu sprechen. Es seien ja nur einige wenige und die seien sicher nicht stellvertretend für den gesamten Supporters Club. Und das habe ich genauso gesehen, das stimmte sicherlich auch. Warum aber die gleichen Leute heute meinen, sie seien stellvertretend für den SC und könnten anfangen, eine Schließung des SC zu diskutieren – das erschließt sich mir nicht, um es mal ganz, ganz lieb zu formulieren.

Nein. Der Supporters Club an sich ist eine gute Institution – er wurde in den letzten Jahren schlichtweg immer weiter an seinen Mitgliedern vorbei geführt. Bis er selbige verloren hatte. „Dieser SC ist eine Allegorie auf das gesamte Miteinander beim HSV, eine Allegorie auf das größte Dilemma des HSV“, formuliert es Axel Formeseyn, der sich zuletzt immer wieder darum bemüht hatte, zwischen den Fronten der „HSVPLusser“ und der aus etlichen Supporters bestehenden Opposition zu vermitteln. Das allerdings noch erfolglos, wie er selbst findet. „Ich kann verstehen, dass viele der Gründungsmitglieder des SC aus 1993 heute sagen, sie können und wollen den Supporters Club so nicht guten Gewissens führen. Sie wollen nicht nur noch Konsument sein. Und das will ich auch nicht. Aber ich will wieder mal einfach nur Fan sein. Ich will als Supporter nicht automatisch ein Fan-Politiker sein und würde mir sehr wünschen, dass der SC eine vernünftige Übergabe hinbekommt. Denn dieser Verein braucht eine gute Fan-Organisation mehr denn je. Auch, wenn es sicherlich nicht falsch sein muss, dem Kind einen neuen Namen zu geben.“

Zumal die Chancen definitiv nicht so schlecht stehen, wie es die niederschmetternde Wahl am 25. Mai auszusagen scheint. Gerade, weil mit Dietmar Beiersdorfer ein Vorstandsvorsitzender inthronisiert werden soll (und wird), der für beide Seiten unverdächtig ist. Schon bei seinem ersten Amtsantritt 2004 hatte sich der damalige Vorstand Sport immer wieder intensiv mit den Supporters (damals auch mit Formeseyn) ausgetauscht und ihren Wünschen im Vorstand zu Gehör verholfen. „Didi Beiersdorfer, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, interessiert sich für die Fans, für die Mitglieder des HSV. Er will eine gemeinsame Philosophie aller HSVer im Verein, auch in der Rechtsform einer AG, weil er ein gutes Gespür für die Bedürfnisse innerhalb des Klubs hat. Deshalb ist dieser Neustart seine – aber eben auch unsere Kardinalsaufgabe. Eine Vereinsphilosophie funktioniert nicht ohne Fans. Aber auch innerhalb der Fangruppierungen darf ich nicht so tun, als sei der so genannte inner circle entscheidend. Und das wurde in den letzten Jahren einfach zu oft falsch gemacht“, so Formeseyn.

Stimmt!

Und genau das ist es, was ich meinte, als ich HSVPlus als alternativlos bezeichnet hatte. Ich nenne es mal „Die Opposition“, weil nicht alle Gegner von HSVPlus Supporters waren und sind, aber gerade die Opposition hätte im Sommer 2013 die Zeichen der Zeit erkennen müssen. Damals stand Otto Rieckhoff auf und formulierte den Gedanken, dass sich alles ändern müsse – und erntete massiven Applaus. Gleiches im Januar mit dem ersten Wahlsieg für HSVPlus. Formeseyn fragte im Sommer 2013 übrigens sogar einen führenden Aufsichtsrat in einem persönlichen Brief, ob ein Rücktritt nicht sinnvoll sei, wenn er sich dem Wunsch der Mehrheit entgegenstellen wolle. Formeseyn wollte so zusätzlichen Schaden vom SC abzuwenden. Erfolglos. „Damals auf der MV war durch die Reaktion der anwesenden Mitglieder schon erkennbar, dass sich auch der SC verändern muss. Dass ein Konzept her musste, wie es besser wird. Und anstatt sich hinzustellen und zu schreien, dass sich mit Rieckhoff ausgerechnet derjenige meldete, der den Karren als Aufsichtsratsboss selbst in den Dreck gefahren habe, hätte man auf seine Leute zugehen müssen. Man hätte eingestehen müssen, dass man in zu vielen Bereichen an der eigenen Masse vorbeiagiert.“

Leider blieb Formeseyn hier erfolglos.

Und so ist Formeseyn plötzlich ein ganz wichtiger Faktor auf dem Erfolgsweg von HSVPlus geworden. Nicht, weil er bedingungslos hinter dem Konzept steht oder die Art der Neuen huldigen will. Im Gegenteil: „Die offensiven Ansagen von Herrn Gernandt lange vor seinem Amtsantritt bestätigen leider Kritiker.“ Nein, Formeseyn geht es um den HSV, wie er betont. Es sei wünschenswert, wenn sich alle Verantwortlichen eine Zeitlang verbal zurückhielten und stattdessen Taten sprechen lassen würden. Er äußert sich auch nur, weil er die Mitte zwischen zwei Radikalen suche und sich der SC weiter selbst bombardieren würde.

Denn weiterhin würde weniger mit eigenen Inhalten denn mit Kritik am gegnerischen Modell agiert. Anstatt das klare Votum der Mitglieder zu erkennen und zurückzutreten, schwangen sich Ertel und andere SC-Führende wie Christian Reichert sogar zu großen Reden auf. „Es wären niemals 75 Prozent im Januar geworden, wenn es vorher einige Rücktritte gegeben und das Signal ausgesendet worden wäre, dass man aufeinander zugehen wollen würde. Es fehlte das Zeichen, dass man seine Leute versteht. Dabei war der Sommer 2013 die perfekte Vorlage und die Supporters hatten alle Trümpfe in der Hand. Aber: Stattdessen wurde Misstrauen propagiert und weniger mit eigenen Inhalten geglänzt. Und: Bei 60000 von insgesamt 70000 Mitgliedern in den eigenen Reihen nicht einmal 25 Prozent für sich und seine Überzeugung gewinnen zu können ist ebenso armselig wie ein klares Zeichen, dass hier nicht HSVPlus gewählt, sondern Verantwortungsträger abgewählt wurden.“

Stimmt. Eigentlich könnte ich an dieser Stelle einen Punkt machen. Aber das kann es nicht sein. Denn dieser SC verfügt weiterhin über das Potenzial der Mitte. Vielleicht nicht bei den Biebersteins, Ertels und Reicherts. Vielleicht nicht in der SC-Führung. Aber dafür sollten andere nachrücken und das fortführen, was den SC so wichtig macht. Denn eines ist mal ganz klar: die Fans sind und bleiben das größte Kapital des HSV. Das wissen alle. Auch die Damen und Herren von HSVPlus…

Apropos Wissen, in dieser Hinsicht hat auch ein so erfolgreicher Geschäftsmann wie Karl Gernandt in den letzten Tagen und Wochen dazugelernt. Nachdem er im Zuge des Wahlkampfes den Namen Dietmar Beiersdorfer sehr offensiv angekündigt hatte, bekommt er jetzt die Reaktion der Russen zu spüren, die sich noch immer zieren, den Auflösungsvertrag final zu unterschreiben. Aktuell weilt Beiersdorfer in Russland, führt dort die Gespräche mit seinem Noch-Arbeitsgeber. Und die Tatsache, dass russische Medien die Aussagen Gernandts aufgegriffen haben und sie so interpretiert haben, dass eine Einigung zwischen dem HSV und dem neuen Aufsichtsrat bereits besteht, erleichtert es dem designierten neuen Vorstandsboss in St. Petersburg nicht unbedingt. Dennoch, nur um hier Missverständnissen vorzubeugen: Ich zweifle nicht daran, dass Beiersdorfer kommt. Ich glaube nur, man hätte es sich deutlich leichter machen können, wenn man etwas vorsichtiger bei der Wortwahl geblieben wäre.

Aber, und auch da bin ich mir sicher, Karl Gernandt wird diesen Fehler, der zu Teilen wohl auch bewusst gemacht wurde, weil er wahlkampffördernd war, nicht wiederholen. Und damit hat er vielen Aktuellen HSVern ganz offensichtlich und hör- sowie lesbar schon einiges voraus…

Den Blick voraus gerichtet, sollte am morgigen Dienstag eine Entscheidung in Sachen Pierre Michel Lasogga fallen. Darauf angesprochen, reagierte Sportchef Oliver Kreuzer verwundert. „Ich glaube nicht, dass der Dienstag alles entscheiden wird. Es ist vielmehr ein laufender Prozess. Ich bin ständig im Austausch mit Pierre und seiner Mutter“, so Kreuzer, der weiterhin Hoffnung hat, den Publikumsliebling in Hamburg zu halten. „Pierre kommt es nicht allein aufs Geld an, er schätzt Werte sehr hoch. Und auch wenn es sicherlich schwer wird für uns, gebe ich die Hoffnung nicht auf, solange er uns nicht absagt und woanders unterschrieben hat. Pierre weiß schon sehr genau, was er an Hamburg hat.“ Zudem hegt auch Kreuzer große Hoffnungen, dass auch Lasogga die Strukturreform als Argument für einen Verbleib ansieht. Lasogga sprach vergangene Woche mit Beiersdorfer, Kreuzer tauscht sich schon seit längerer Zeit mit seinem künftigen Vorgesetzten aus. Er informiert Beiersdorfer über alles, was in Sachen Kaderplanung passiert. „Wir kommen weiter“, widerspricht Kreuzer der Meldung, ihm sei ein Transferstopp auferlegt worden, obgleich es in Sachen Matthias Ostrzolek noch keine Annäherung mit dem FC Augsburg gibt.

Und ganz ehrlich, solange es den Austausch zwischen dem aktuellen Sportchef und seinen designierten Vorgesetzten gibt, habe ich kaum bis keine Bedenken. Denn sowas wie bei Stieber darf nicht mehr vorkommen. In doppelter Hinsicht. Zum einen muss die Kaderplanung, schon um massive Spannungen mit dem neuen Vorstand zu vermeiden, mit den neuen Verantwortungsträgern abgestimmt werden. Zum anderen darf aber der neue Verantwortliche – schon gar kein Aufsichtsrat – nicht anfangen, irgendeinen Kaderspieler schlechtzureden. Nie. Oder besser noch: nie mehr. Warum auch? Denn wie viel totes Kapital man riskiert, wenn man unter Vertrag stehende Spieler kleinredet, das hat der HSV in den letzten Jahren mit Rajkovic, Tesche, Kacar usw. schmerzlich erfahren…

Fazit: Es geht darum, die großen Chancen im Neuanfang zu sehen und gemeinsam zu nutzen. Wobei die Betonung auf gemeinsam liegt. Und das auf allen Ebenen. Und bitte, wer da nicht mitmachen kann oder will – der soll doch bitte endlich und einfach den Weg freimachen. Im Sinne des HSV.

Bis morgen.
Scholle

Schlechte(r) Verlierer

27. Mai 2014

Es ist zumeist die Art und Weise sowie der Tonfall, der die Musik macht. Und so waren nicht wenige von den vergleichsweise versöhnlichen Worten Jürgen Hunkes zunächst überrascht. Der Verlierer der Strukturdebatte – so kann man ihn als selbst ernannten Anführer der Opposition in meinen Augen schon nennen – wirkte versöhnlich. Er ist enttäuscht über die Niederlage und das Votum, aber er geht mit der Mehrheitsentscheidung demokratisch um. Das allerdings scheinen noch nicht alle begriffen zu haben. Manfred Ertel ausgerechnet, der ehemalige Aufsichtsratsvorsitzende, veröffentliche nach einigen Austritten von enttäuschten Mitgliedern und Anhängern der alten Struktur gestern am späten Abend folgende Mitteilung auf seiner Facebookseite:

„Ach, Tamara, Danny, Zivi, Christian und all die anderen: Nicht immer ist die erste, emotionale Entscheidung die richtige. Wenn Ihr geht, einfach so, dann haben Kühne und der Sonnenkönig ein zweites Mal gewonnen. Und wir, die wir bleiben, zögern, vielleicht auch kämpfen, mit uns und dem AG-System, haben ein weiteres Mal verloren.
Wir dürfen denen unseren Verein nicht einfach zum Fraß vorwerfen. Den Triumpf kann und will ich denen nicht gönnen. Noch sind wir viele. Lasst uns zusammen halten und zusammen bleiben. Wir sind der HSV. Und wir bleiben es.“

Und weil ich mir sicher bin, dass Ertel die weitreichenden Folgen von Facebookeinträgen nach seinem Hoeneß-Debakel einschätzen kann, glaube ich, auch hier ein gewisses Kalkül zu erkennen, das das Ganze in meinen Augen noch perfider macht. Denn: Dass ausgerechnet der Mann, der in leitender Funktion mehr als maßgeblich am Niedergang dieses HSV in den letzten zwei Jahren beteiligt war, sich jetzt dazu berufen fühlt, zum „Kampf“ gegen den Wunsch von 86,9 Prozent aufzurufen, ist unfassbar. Der zweifelloos sehr intelligente Mann einer hochrangigen Politikerin sollte als Spiegel-Redakteur wissen, wie echte Demokratie funktioniert. Immerhin hat er sie immer als Aushängeschild eines mitgliederbestimmten Vereines hervorgehoben. Dass er sie nun, wo sie ihm und seinen Gleichgesinnten nicht nützt, aushebelt und verflucht – das zeigt, dass er selbst nicht daran glaubt. Und dass er dem Amt des Ratsvorsitzenden nicht gewachsen war, hat er selbst zugegeben und mit seinem mehr als überfälligen Rücktritt auch dokumentiert…

Bleibt nur zu hoffen, dass sich die verbliebenen Räte besser mit der neuen Situation anfreunden. Der Versammlungsleiter und Noch-Aufsichtsratsvorsitzende Jens Meier geht hierbei – auf andere Art Hunke ja auch – mit gutem Beispiel voran und reicht den neuen Räten die Hand. „Wir müssen jetzt das Votum möglichst schnell effizient umsetzen“, so Meier, „was so viel bedeutet, als dass wir schnellstmöglich aufeinander zugehen sollten und versuchen müssen, die Geschicke des Vereines auch im Sinne des selbigen zu leiten.“ Ob er zurücktritt? „Nein“, sagt Meier, wissend, dass der Verein auch bis zum 30. Juni einen Aufsichtsrat braucht, um handlungsfähig zu sein. Und eine vorzeitige Inthronisierung des neuen Rates ist satzungstechnisch nicht möglich.

Zoltan Stieber nach Hamburg folgen soll auch Matthias Ostrzolek. Der in Augsburg bis 2015 unter Vertrag stehende und auch von Hannover 96 umworbene Matthias Ostrzolek. Der Linksverteidiger ist sich dem Vernehmen nach mit dem HSV einig – allerdings auch mit dem kleinen HSV, wie man in Hannover verlauten lässt. Der ehemalige Champions-League-Sieger und Weltmeister Stefan Reuter, seines Zeichens Sportchef des FC Augsburg, sieht das alles anders. „Wir haben einen bis 2015 datierten Vertrag mit Matthias, und auf den pochen wir. Daher ist es herzlich egal, was der HSV will.“

Zuletzt wurde im Zuge der Transferpolitik im Zusammenhang mit dem HSV immer wieder von Doppelmoral gesprochen. Und grundsätzlich ist dieser Vorwurf sicher auch nicht von der Hand zu weisen. Allerdings ist es branchenüblich, an Spieler heranzutreten, die woanders noch Vertrag haben. Da ist der HSV nicht besser als alle anderen Bundesligisten. Der einzige Unterschied zwischen den Transfers ist das Verhalten der Spieler und der Berater. Während die einen (beim HSV z.B. Ostrzolek und Stieber) öffentlich ruhig bleiben und sich nicht einmischen, bis der Transfer entschieden ist, gibt es andere, die den Transfer unumgänglich machen wollen. Sie wollen ihn erzwingen. Calhanoglu ist da sicher das hier bekannteste Beispiel nach Rafael van der Vaart 2007. Und ganz ehrlich: Ich rege mich genauso sehr über Calhanoglus dummen Worte auf wie die meisten hier. Ich habe ihm auch nichts getan. Allerdings muss man auch eingestehen, dass Vereine nicht besser mit ihren Spielern umgehen. Wie sonst ist es zu erklären, das Spieler trotz laufender Verträge plötzlich aussortiert werden? Nein, es ist einfach das Geschäft in seiner hässlichen Form. Aber vollkommen üblich. Der eine will den Spieler loswerden, um einen Besseren zu holen. Der andere will seinen alten Verein loswerden, um zu einem besseren zu wechseln.

Damit müssen wir leben. Klar.

Allerdings dürfen sich die Fans sehr wohl über derartiges Gebaren ihrer Spieler und Offiziellen aufregen. Ganz ohne Doppelmoral. Denn sie sind die einzigen in diesem Business, denen man nichts vorwerfen kann (Pyro mal ausgenommen)…

Zudem, und das bestärkt mich in meiner Hoffnung auf Besserung, geben die neuen Räte schon ein sehr geschlossen starkes Bild ab, bevor sie eigentlich in Amt und Würden sind. Ok, die Traditionalisten sehen darin jetzt einen Widerspruch – der theoretisch auch da ist. Dennoch MÜSSEN die neuen Räte jetzt schon an den Stellschrauben mitdrehen, um die neue Saison nicht jetzt schon zu konterkarieren. Immerhin werden auch sie daran gemessen, inwieweit sich der HSV besser auf- und anstellt.

Von Oliver Kreuzer und Didi Beiersdorfer weiß ich, dass es schon einen inhaltlichen Austausch gab. Beiersdorfer, der (löblicherweise) weiterhin jede Aussage zum Thema HSV vermeidet, soll in den nächsten Tagen nach St. Petersburg fliegen, um vor Ort über seine Zukunft zu sprechen. Vorher wird es von ihm nichts geben. Darauf kann man sich verlassen. Denn Beiersdorfer ist dieses Vorgreifen auf (egal wie wahrscheinliche) Verhandlungsergebnisse suspekt. Zudem weiß ich, dass es abschreckend für Beiersdorfer ist, dass ihm jetzt hier in Hamburg Fotografen vor seiner Haustür auflauern, um ihn zu knipsen. Dabei wissen alle HSV-Reporter eigentlich, dass er seit tagen bereits in Hamburg bei seiner Familie ist und vor allem, wie er aussieht…

Ich hoffe, dass in St. Petersburg schnell Tatsachen geschaffen werden können und wir entsprechend hier in Hamburg einen neuen Ersten Vorsitzenden präsentiert bekommen, der sich in Zusammenarbeit mit den lobenswert kollegialen Noch-Vorständen an die Arbeit machen kann. Denn Zeit in Sachen Kaderumgestaltung ist wahrscheinlich das, was dieser HSV am wenigsten hat.

Scholle

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