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Der letzte Strohhalm: Mirko Slomka ist da !

17. Februar 2014

Der Aufwand ist schon riesig. Finanziell für den HSV sowieso, aber auch der Andrang für „den Retter“, wie Mirko Slomka (aus dem Polnischen Übersetzt „der Strohhalm“) in Hamburg von Optimisten genannt wird war riesig. 16 Kamerateam, rund 80 Journalisten und mehr als 15 Fotografen wollten sich den Auftakt Slomkas als HSV-Trainer nicht nehmen lassen und kämpften mit teilweise harten Bandagen um die besten Plätze in dem Presseraum der Imtech-Arena. „Wir haben genug Zeit“, beruhigte Mediendirektor Jörn Wolf die Massen – und meinte damit lediglich die Präsentation des Trainers um 13 Uhr. Denn für alles andere ist es nicht mehr nur kurz vor zwölf.

Aber das weiß auch Slomka selbst. Unter anderem auch deshalb dauerten die Verhandlungen nicht mal einen Tag, bis Slomka den Vertrag bis 2016 – ohne Ausstiegsklausel für den Fall des Abstiegs – unterschrieb. „Ich beschäftige mich noch überhaupt nicht. Auf sportlicher Ebene und von Vorstandsseite muss man daran denken. Aber sollten wir es nicht schaffen, dann bin ich auch bereit, die Mannschaft aus der Zweiten Liga wieder hochzuführen.“


Der studierte Mathe- und Sportlehrer machte bei seinem ersten Auftritt als HSV-Trainer eine gute Figur. Seine Worte waren geschliffen, er brachte auf den Punkt, was zu tun ist: „Die Mannschaft braucht Vertrauen in sich selbst.“ Und das fehlt. Ebenso wie die Fitness, wie ich glaubte. Allerdings sieht Slomka das anders: „Ich habe gegen Braunschweig eine Mannschaft gesehen, die leidenschaftlich gekämpft und gefightet hat. Vielleicht ist die fußballerische Klasse dabei ein wenig auf der Strecke geblieben.“ Eine Einschätzung, die streitbar ist. Aber wie so vieles, wenn man unmittelbar vor dem Abgrund steht, ist dafür keine Zeit. Wir haben keine Wahl, als dem neuen Trainer zu folgen – und deshalb mache ich das gern. Slomka gab sich entsprechend auch große Mühe, nur Positives hervorzuheben – auch bei der Mannschaft. Er hofft: „Wir werden die Qualität jedes einzelnen Spielers in unser Spiel einfließen lassen.“

Als Slomka das Team von Hannover 96 einst in Abstiegsnot übernahm war es noch die Fitness, bei der er zuerst ansetzte, heute glaubt Slomka wie zuvor van Marwijk an die Fitness der Mannschaft. Trotz der katastrophalen statistischen Laufwerte: „Ich hatte nicht den Eindruck, dass die Mannschaft nicht fit ist, ganzen im Gegenteil. Glauben sie mir, jede Bundesliga-Mannschaft ist dazu in der Lage, über 120 Kilometer pro Partie gemeinsam zu laufen. Wir werden an kleinen Stellschrauben drehen, um das Ruder herumzureißen.“ Eine davon ist, mehr zu trainieren. Zum einen natürlich, um alle Spieler so in der Kürze der Zeit besser kennenzulernen – der andere Grund aber wird sein, dass diese Mannschaften es nötig hat. Auch, wenn Slomka das nicht sagt…

Für Abendblatt-Blogs


Und während van Marwijk heute noch mal von fehlender Qualität in der Mannschaft sprach, wollte Slomka das nicht gelten lassen: „Die Mannschaft ist toll zusammengestellt und hat Qualität. Jetzt müssen wir alle gemeinsam an einem Strang ziehen und positiv denken!“ Schon am Sonnabend gegen niemand geringeres als den BVB, die zweitbeste Mannschaft Deutschlands. „Jetzt gilt es für uns, gut in die Woche zu kommen. Ich freue mich auf das Spiel gegen Dortmund und glaube, dass es genau richtig kommt, um gleich zu zeigen, dass Leben in der Mannschaft und im Verein ist.“

Na dann. Los geht’s!

Das Training selbst heute war unspektakulär. Trotz der außergewöhnlich vielen, rund 500 Zuschauer. Slomka stand mit der Pfeife im Mund an der Mittellinie, während seine Spieler zuerst Passübungen und dann ein Abschlussspiel (mit den U23-Leihgaben Götz und Jordan) absolvierten. Er unterbrach bei Fehlern und Foulspielen, ließ aber das meiste durchgehen und beobachtete. Dabei wirkte er sehr motiviert, obgleich er eigentlich eine längere Pause machen wollte nach vier Jahren Hannover. „Wenn ein Verein wie der HSV anruft, ist das anders. Es war für mich nie eine Diskussion, diesen Job nicht anzunehmen. Ganz im Gegenteil.“

Sehr zur Freude von Heiko Westermann, den Slomka einst als Wunschspieler von Bielefeld zu Schalke lotste. Und für Johan Djourou, dessen Fehlleistungen in Hamburg für Verwunderung sorgten und der sich in einem massiven Formtief befindet: „Ich kenne ihn aus Hannover und muss zugeben, dass es für mich positiv ist, das er jetzt hier ist. Ich hatte unter ihm in Hannover – wie die gesamte Mannschaft – eine sehr gute, erfolgreiche Zeit. Ich hoffe, dass wir das hier wiederholen.“

Es ist die Zusammenführung Slomkas mit seiner alten Flamme – womit ich nicht einen der Spieler meine. Denn Slomka hat auch früher kein Geheimnis daraus gemacht, den HSV sehr attraktiv zu finden. Im Januar 2009 habe ich zusammen mit meinem Kollegen Rainer Grünberg ein Interview mit Slomka in Hannover geführt. Wir saßen in einem Café gute zweieinhalb Stunden zusammen. Kurz danach, im Sommer 2009, ging HSV-Trainer Jol überraschend zu Ajax Amsterdam und der HSV suchte. Slomka sagte mir damals schon, dass er sich Hamburg sehr gut vorstellen können. Jetzt ist es soweit. Spät – aber hoffentlich nicht zu spät. Vor allem nicht für den HSV.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um 10 und um 15 Uhr trainiert. Im Abspann noch ein Thema, das ich heute aus bewussten Gründen nicht zu hoch hängen wollte, da es überhaupt nichts mit dem Sportlichen zu tun hat. Und wer sich jetzt noch mal mit Ratsintrigen und Unfähigkeiten einzelner Verantwortlicher auseinandersetzen will, kann das im Abspann machen. Ich gebe zu, hier und heute noch nicht vor Euphorie platzen zu können – aber ich sehe es als alternativlos an, jetzt die sportlich Verantwortlichen zu stützen und allem eine Chance zu geben. Zumal alles das, was anders ist als vorher. Denn das ist im Zweifel zunächst einmal besser.

Bis morgen. Da wird um zehn und um 15 Uhr trainiert. Und ich bin an dieser Stelle raus. Also, noch einmal von hier aus ein herzliches Willkommen Mirko Slomka! Und uns allen zusammen viel Glück sowie jetzt einen schönen Abend!
Scholle

ABSPANN:
Und zum Schluss noch mal zum Dauerthema: Aufsichtsrat. Bis jetzt sind fünf Mitglieder zurückgetreten. Sechs sind noch übrig, was auch für die Handlungsfähigkeit innerhalb des Aufsichtsrates nötig ist, da mit Wulff und Westphalen zwei verbliebene Räte nicht von der Mitgliederversammlung gewählt sondern delegiert wurden. Das erklärt auch die am häufigsten gestellte Frage („Warum tritt der Ratsvorsitzende nicht zurück?“) von selbst. Wäre auch Meier zurückgetreten, hätte es eine außerordentliche Mitgliederversammlung geben müssen, auf der ein neuer Aufsichtsrat hätte gewählt werden müssen. Zurückgetreten sind somit bislang nur Floberg, Eghbal, Klüver, Erhardt und Ertel. Wobei letztere mit einem Knall abtreten wollte. Via „Facebook“ teilte er mit, warum er zurücktritt und greift dabei etliche Offizielle des HSV offen an. Auch im Vorstand. Aber lest selbst:

Liebe Freunde, (werte Mitleser,)
es ist vorbei. Ich habe mit Wirkung von heute, 8.02 Uhr (Zustimmung zur Personalie Mirko Slomka) meinen Rücktritt aus dem Aufsichtsrat erklärt und mein Amt mit sofortiger Wirkung niedergelegt. IHR habt einen Anspruch darauf, die Gründe zu erfahren, MIR ist es wichtig, üblen Legenbildungen in manchen Blättern mit großen Überschriften vorzubeugen.

Ich habe mich in den letzten Tagen manipuliert, instrumentalisiert und genötigt gefühlt. Ich bin unter Vortäuschung falscher Tatsachen in eine Personaldebatte über eine mögliche Zusammenarbeit mit Felix Magath getrieben und anschließend durch gezielte Indiskretionen über Medien, durch die Verbreitung von Halbwahrheiten und auch Fehlinformationen genötigt worden, der Personalie um jeden Preis zuzustimmen.

Ich hätte mir eine Zusammenarbeit mit Felix Magath als Trainer und „Retter“ unter Umständen sogar vorstellen können, aber nicht um jeden Preis. Und vor allem nicht um den Preis, dafür mitten im existenziellen Abstiegskampf unseres HSV gleich die halbe Vereinsführung (oder mehr) zu entlassen. Zumindest jetzt ist Ruhe und Geschlossenheit erste HSV-Pflicht.

Mein Vertrauen wurde in der vergangenen Woche zum wiederholten Male gröblichst missbraucht. Meine Loyalität gegenüber dem HSV und einem seiner Gremien wurde auf eine harte Probe gestellt. Verantwortlich dafür sind (kleine) Teile im Aufsichtsrat und Vorstand in Zusammenarbeit mit Kräften außerhalb des Vereins.

Das war nicht das erste Mal. Meine Loyalität gegenüber Verein und dem Vorstand wurde schon in den vergangenen Monaten mehrfach, viel zu oft, überstrapaziert. Durch Kampagnen gegen den Ex-Sportchef Frank Arnesen zum Beispiel, durch gezielte Indiskretionen wie im Sommer an die Adresse der BILD und durch vorsätzliche Obstruktion gegen einzelne Vorstandsmitglieder oder vereinspolitische Entscheidungen.
Ich bin nicht länger bereit, die Machenschaften von zwei oder drei Kollegen im Aufsichtsrat und einem Vorstand weiter auf meinen Schultern austragen zu lassen. Ich bin nicht länger bereit für wirre Alleingänge oder eitle Karriereplanungen Einzelner in Haftung genommen zu werden. Ich bin nicht länger bereit, meine persönliche Glaubwürdigkeit durch solche Manöver in Frage stellen zu lassen und meine Reputation innerhalb des Vereins und nach außen endgültig aufs Spiel zu setzen.
Und ich bin nicht bereit, mich dem Hass und den persönlichen Angriffen, die zuletzt in gewalttätigen Bedrohungen und Lynchaufrufen gipfelten, auszusetzen.
Ich bin auch nicht bereit, den HSV solchen Machenschaften zu unterwerfen. Also gehe ich, das bin ich meinem Anspruch an mich und meinem Verhältnis zum HSV aber auch der Fürsorgepflicht für meine Familie schuldig.

Ich bedanke mich ausdrücklich für eine überaus vertrauensvolle und enge Zusammenarbeit mit Teilen des Aufsichtsrates, vor allem bei den Kollegen Jens Meier, Eckart Westphalen, Björn Floberg und Hans-Ulrich Klüver. Ähnliches gilt auch für die eine oder den anderen Kollegen.
Ich bedanke mich außerdem für eine enge, vertrauensvolle und konstruktive Zusammenarbeit bei Oliver Kreuzer aber auch bei Oliver Scheel und Carl Jarchow. Und einigen Kolleginnen der Geschäftsstelle.
Ich bedanke mich vor allem aber auch für das Vertrauen großer Teile der Mitgliedschaft und für den engen, freundschaftlichen und immer erfrischenden Austausch mit Euch und vielen anderen Fans.
Ich werde meine ganze Kraft weiter für einen erfolgreichen Kampf gegen den Abstieg und eine erfolgreiche Zukunft meines HSV aufwenden. In Zukunft aber wieder ausschließlich aus der Kurve.

Nur der HSV

Ganz deutlich: Ertel attackiert namentlich niemanden, lässt aber auch keine Zweifel daran aufkommen, wer gemeint ist. So zum Beispiel Vorstand Joachim Hilke. Und völlig losgelöst von einer eventuellen Richtigkeit seiner Behauptungen macht Ertel damit ein Fass auf, das ich mir an einem Tag wie heute nicht näher ansehen kann – und vor allem gar nicht will. Ich weiß um Lancierungen über Ertel. Aber heute ist kein Aufsichtsrat das Thema Nummer eins, egal, was ihm passiert ist, sondern der letzte Versuch, diesen HSV vor dem Abstieg zu retten. Daher das Ganze auch erst im Abspann.

Aber es ist letztlich auch ein weiterer von vielen – vor allem auch selbstverschuldeten – Gründen für Ertel, endgültig zurückzutreten. „Der Aufsichtsrat besteht aus ausreichend vielen Mitgliedern und ist handlungsfähig“, antwortete Klubboss Carl Jarchow heute auf die Frage nach der Gesamtlage im Verein durch die Rücktritte. Und er liegt damit falsch. Denn dieser Aufsichtsrat war und ist noch nicht handlungsfähig gewesen – außer auf dem Papier. Das Beispiel heute beweist das nur noch einmal…

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