Archiv für das Tag 'Enke'

Der “alte Fritz” und die neue “Zehn”

27. September 2010

Welch ein Echo! Fix was los bei „Matz ab“. Was ein solches 2:3 in Bremen doch nicht alles bewirken kann. Keine Angst, ich werde auf keinen einzelnen Beitrag (mehr) eingehen, ich finde es klasse, dass Ihr Eure Meinung äußert – auch wenn sie oftmals konträr zu meiner ist. So lange es so fair und in den meisten Fällen auch sportlich gehalten ist, ist absolut alles in Ordnung. Bin ich der Fußball-Gott? Schieße ich im Schlaf Tore? Nein. Ich teile Euch meine Auffassung vom Fußball und vom HSV mit – und Ihr mir Eure. So soll es sein. Und so wird es auch bleiben. Dass es darunter auch einige Missverständnisse gibt, liegt in der Natur der Sache, früher hätte ich versucht, sie aufzuklären, aber auch das wird nicht mehr stattfinden, denn inzwischen habe ich den Eindruck, dass ich auch ganz bewusst mal falsch verstehen werde.

So, zum HSV. Es geht um die „Zehn“. Jawoll, um die Nummer, die einst der Spielmacher auf dem Rücken über den Rasen schleppte. Leute wie Fritz Walter, Wolfgang Overath, Günter Netzer. Wenn ich hier von der „Zehn“ schreibe, dann sind nicht Leute wie Walter, Overath oder Netzer gemeint, sondern der Mann, der hinter der einzigen HSV-Spitze spielen soll. Das waren bisher Paolo Guerrero, Piotr Trochowski, Mladen Petric und Eljero Elia. Ihr könnt mir glauben, dass ich inzwischen sehr wohl weiß, dass keiner dieser vier Herren so spielen kann, wie Walter, Overath oder Netzer. Und dennoch sprechen inzwischen alle, sogar die Leute beim HSV, von der „Zehn“. Ich werde das auch beibehalten. Obwohl ich weiß, dass es in diesem modernen Fußball keinen Spielmacher mehr gibt. Alles klar?

Wobei ich bei Elia gelandet wäre. Es enttäuscht mich schon ein wenig, wenn ich einige Kommentare sehe, die den Niederländer regelrecht zum Teufel wünschen. Er wird von einigen Usern hier fast schon vernichtet. Dabei weiß niemand hier, was in Eljero Elia zurzeit vorgeht. Er wirkt beim Training verschlossen, er wirkt bei Spielen in sich gekehrt und keineswegs in jener spaßigen und freudigen Stimmung, in der man Fußball spielen sollte. Was den jungen Mann aber bewegt, womit er sich derzeit beschäftigt, das weiß niemand. Doch genau deswegen sollten sich alle hüten, diesen jungen Menschen derart anzuprangern, wie es hier in den letzten 24 Stunden geschehen ist. Denkt an den „Fall Robert Enke“. Was wurde damals nicht alles gesagt und geschrieben, wer gelobte seinerzeit nicht alles Besserung, sprach von einem menschlicheren und faireren Umgang untereinander?

Alles schon vergessen?

Viele von Euch blicken im Moment ja etwas neidisch nach Dortmund und Mainz. Ich gebe zu, ich auch. Da spielen Fußballer mit Spaß, mit Herz, mit Leidenschaft. Und sie spielen nicht nur, sie rennen auch. 90 Minuten. Ich habe die Aussage eines Bayern-Spielers nach der 1:2-Niederlage gegen das Tuchel-Team gehört: „Wir konnten nie in Ruhe den Ball kontrollieren, 90 Minuten lang stand uns mindestens ein Mainzer auf den Füßen, um zu stören.“ Ein besseres Kompliment kann man einem Underdog wohl kaum machen. Und das ausgerechnet von einem Bayern-Profi! Der den Mainzern zudem bescheinigte, dass sie die vorgegebene taktische Marschroute meisterhaft eingehalten hätten.

Warum klappt das in Mainz, warum auch in Dortmund?

Okay, es sind erst sechs Spieltage absolviert. Kein Experte weiß heute, wie lange die Mainzer oder auch Dortmunder Fußball-Herrlichkeit noch andauern wird. Beide Vereine können noch ihren Einbruch erleben, doch auch das wäre ganz normal, weil ja jeder Klub im Laufe einer Saison mal eine Schwächeperiode durchläuft. Aber im Moment sind Mainz und Dortmund das Tagesgespräch, wenn über die Bundesliga diskutiert wird. Und, das sagen nicht wenige: Das sind zwei Klubs, die offensichtlich weit weniger Geld in der Kasse haben, als der HSV. Deswegen wird dort mit Auge statt mit Millionen eingekauft. Vor allen Dingen junge Leute.

Der HSV hat auch junge Leute. Elf von diesen jungen Burschen sind derzeit ausgeliehen. Und einige trainieren mit den Profis, einige spielen in der „Zweiten“. Aber sie spielen eben nicht in der Mannschaft von Trainer Armin Veh.

Noch nicht, möchte ich sagen. Viele haben es offenbar noch nicht geschnallt, einige haben es ignoriert, andere wiederum wollen erst gar nichts davon hören – aber es ist schon vielfach von kompetenter HSV-Seite prophezeit worden: In der nächsten Saison wird es finanziell noch einmal enger für die drei großen Hamburger Buchstaben. Ohne internationalen Wettbewerb fehlt dem Klub viel Geld, so dass kaum noch einmal große Sprünge in Sachen Neuverpflichtungen getan werden können. Schmalhans ist dann der Küchenmeister. Und das ist auch gut so.

SO, HIER MUSS ICH NUN EINMAL KURZ VOR MITTERNACHT EINGREIFEN, FÜR ALLE, DIE JETZT ODER AM DIENSTAG LESEN: ICH MEINE DEN FINANZIELLEN ENGPASS FÜR DIE NÄCHSTE SAISON – WEIL DER HSV IN DIESER (!) SAISON KEINE ZUSÄTZLICHEN EINNAHMEN DURCH DEN INTERNATIONALEN WETTBEWERB HAT. ICH MÖCHTE ALSO NICHT, WIE VON EINIGEN HIER VERMUTET, BEREITS DIESE SPIELZEIT NACH NUR SECHS SPIELTAGEN ABSCHENKEN. UM GOTTES WILLEN, NEIN, NATÜRLICH NICHT. ABER ETLICHE HSV-OBEREN HABEN ZULETZT DOCH SCHON DURCHBLICKEN LASSEN, DASS 2011 DAS GELD NOCH KNAPPER WIRD, ALS IN DIESEM JAHR. DAS, NUR DAS WAR DAMIT GEMEINT.
(Hinzugefügt am Montag um 23.55 Uhr)

Jetzt geht es weiter im Original-Text:
Natürlich werden die Betriebsblinden nach wie vor Weltstars nach Hamburg fordern. Und selbstverständlich ist nur das Beste gut genug für den HSV, selbst wenn zweistellige Millionensummen gezahlt werden müssten. Und natürlich würde jeder noch so mittelmäßige Einkauf nur milde belächelt werden, denn nicht nur in Bayern sagen sie: „Mia sind mia.“ In Hamburg klingt das ganz ähnlich: „Wir sind schließlich wir.“ Ich höre heute schon das Geschrei jener, die teure Weltstars hier haben wollen – und total enttäuscht werden, ich aber freue mich auf diese Zukunft, denn:

Dann muss der HSV auch mal mit Auge kaufen, und nicht mit Millionen. Das würde für mich heute shcon bedeuten: Junge, hungrige Leute, die sich darauf freuen, mit der Raute auf der Brust um Bundesliga-Punkte kämpfen zu dürfen. Dann ist die Scouting-Abteilung gefragt, dann sind diejenigen Beobachter dran, ihr Können unter Beweis zu stellen. Und wenn dann der HSV solchen jungen, hungrigen und engagierten Spieler in seinen Reihen hat, dann dürfen wir alle auch davon träumen, dass hier endlich einmal jener Fußball gespielt wird, der den Fans zurzeit in Mainz und Dortmund präsentiert wird.

Welch herrliche Perspektive!

Bleibt nur zu hoffen, dass der HSV auch über Leute verfügt, die Fußballsachverstand und das dementsprechende Auge besitzen. Wobei ich dabei auch den Herrn Urs Siegenthaler noch mit einschließe. Er hat schließlich seine (beiden) Leute hier stationiert, die ihre Arbeit in seinem Sinne verrichten (sollen).

Und wenn dann der HSV eine so rollende und begeisterungsfähige Mannschaft besitzen sollte, die wir hier alle schon seit vielen Jahren sehen wollen, dann kann ich dazu nur sagen: Hamburg hat es endlich verdient! Weil doch viel zu lange schon gewartet wurde. Und weil es trotz der vielen, vielen Millionen, die hier in die Hand genommen wurden, immer viele, viele Enttäuschungen gegeben hat.

Hinweisen möchte ich an dieser Stelle noch auf einen lesenswerten Beitrag, den uns (wieder einmal) der Trapper „Doc“ Seitenberg um 13:43 Uhr aus Berlin schickte. Lieber „Doc“, Du hast Dich wieder einmal selbst übertroffen, Dein Bericht, Deine Analyse ist genial, ich hoffe sehr, dass Deine Zeilen auch von kompetenter HSV-Seite gelesen und registriert werden. Du schreibst genau das, was viele HSV-Fans jetzt denken, Du schreibst es sachlich, fair, ohne jede Polemik – das ist einfach nur überragend, vielen Dank, Deine Beiträge schmücken unser „Matz ab“. Sehr sogar.

Ein ganz anderes Thema:

Nie wieder Bremen!“ So sagt es „Benno Hafas“ nach diesem zurückliegenden „Super-Sonnabend“. Ich kann das nachvollziehen. Er bekam, weil er HSV-Fan ist, einen Faustschlag an den Kopf. Das mag ein Bremer ja einem harmlosen Rentner antun, aber so langsam beschleicht mich das Gefühl, als ob es wieder schlimmer und brutaler wird, im deutschen Profi-Fußball. Oder habt Ihr eine andere Meinung dazu? Ich möchte an dieser Stelle gerne einen Brief veröffentlichen, den ich nach dem Hamburger Derby erhalten hatte. Er sollte allen Fußball-Anhängern zu denken geben. Den Absender-Namen schicke ich natürlich nicht mit, ich bitte um Verständnis:

Sehr geehrter Herr Matz,
die Vorkommnisse vor, während und nach dem Derby in Hamburg veranlassen mich, diese Zeilen an Sie zu richten.

Ich habe als „Buttje“ am Rothenbaum erstmals Seeler und Co. gesehen und habe seit dieser Zeit die Raute im Herzen und zeige sie noch heute in der Arena und bei div. Auswärtsspielen sichtbar am Körper.
Durch meine Tätigkeit bei der Polizei habe ich u. a. diverse Jahre tiefe Einblicke in die Fan-Problematik und Fankultur gewinnen können und kann die nicht nur bei den zuständigen Behörden, sondern auch
bei den Vereinen angesiedelten Projekte, die sich mit den Ursachen und Erscheinungsformen von Gewalt von Fußballfans befassen, nur positiv bewerten.

Leider sind Aggressivität und massive Gewalt zu ständigen Begleiterscheinungen bei Fußballspielen geworden. Pöbeleien, Beleidigungen, körperliche Angriffe und Wurfgeschosse jeglicher Art gegenüber den Sicherheitskräften sowie das Werfen und Abbrennen von pyrotechnischer Gegenstände gehören mittlerweile zum Alltag vor und in den Stadien und finden in der medialen Berichterstattung kaum noch Beachtung.

Dass bei den „ Fanmärschen „ wie auf der Reeperbahn aus der Anonymität heraus mittels Wurfgeschosse bewusst und gewollt Sachbeschädigungen und Körperverletzungen vorgenommen werden, ist sicher kein reines Hamburger bzw. HSV-Phänomen.

Der Vorfall bei der Einlasskontrolle am St.-Pauli-Stadion, wo man sich, ohne im Besitz einer Karte zu sein, Zugang in das Stadion verschaffte und dabei billigend Schäden an der Gesundheit unbeteiligter Personen in Kauf nahm, ist für mich eine neue Dimension der Gewalt. Nur dem besonnen Handeln der vor Ort befindlichen Polizeibeamten ist es zu verdanken, dass es zu keinen lebensgefährlichen Verletzungen kam.

Bisher habe ich dazu von den HSV-Verantwortlichen und den Vertretern des SC keine offizielle Stellungnahme vernommen. Hat man von dieser Seite sein Bedauern über die verletzten Beamten zum Ausdruck gebracht?

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen. Übrigens: Ihr Blog wird von vielen Kollegen, die sowohl HSV- als auch Pauli-Fans sind, gelesen.

Ich, Dieter Matz, würde Ihnen gerne eine Antwort auf Ihren Brief geben – wenn ich denn eine hätte. Wie oben bereits skizziert, ich glaube dass es wieder mehr Randale gibt. Ich kenne HSV-Fans, die eigentlich ganz lieb, nett und zurückhaltend sind, die ich nie als gewaltbereit einschätzen würde – die beim Fußball aber ihr zweites Gesicht zeigen. Dann wird randaliert und geprügelt. Warum? Ich weiß es nicht. Ich werde demnächst versuchen, einmal (anonym) mit einem solchen HSV-Anhänger zu sprechen, darüber, was ihn zu dieser Gewalt animiert.

Ich kann an dieser Stelle nur immer wieder darum bitten: Macht den Fußball gewaltfrei, bitte bleibt besonnen, lasst Euch nicht von den Schlägern mitreißen oder provozieren. Man ist ganz sicher kein „Weich-Ei“, wenn man diesen Randalierern aus dem Wege geht.

Ich wünsche allen Verletzten, die in Bremen zu Schaden gekommen sind, weiterhin gute und schnelle Genesung. Alles Gute für Euch.

18.13 Uhr

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