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Jarolim und Sala die Gewinner von Berlin

29. Januar 2012

In der Schlussphase hielt es ihn nicht mehr auf der Ersatzbank. HSV-Sportchef Frank Arnesen sah eine Sturm-Welle nach der anderen rollte gegen das Tor der Hamburger, der Ausgleich war eine Frage von Minuten – deshalb verließ Frank Arnesen seinen Sitz am Spielfeldrand, ging nervös auf und ab. Das sah der „Vierte Mann“, der beschied: „Setzen Sie sich wieder hin!“ Arnesen aber gehorchte nicht. Im Gegenteil, er antwortete: „Nein, ich setze mich nicht hin – setzen Sie sich da doch hin.“ Ein reines Nervenspiel, dieser Abstiegskampf in Berlin, den der HSV zum Glück mit 2:1 gegen den Aufsteiger Hertha BSC für sich entscheiden konnte. Zum Schluss glücklich, aber lange Zeit hatte es – völlig verdient – nach einem Hamburger Sieg ausgesehen, denn mindestens eine Stunde lang war der HSV eindeutig Chef im Ring gewesen. Dass es in der Endphase noch einmal so spannend werden würde, hätte wohl kaum einer für möglich gehalten, aber der HSV baute eine absolut schwache Hertha plötzlich wieder auf. Weil die Linie verloren ging, weil es viel zu viele Abspielfehler gab, weil die Kraft und die Konzentration nachließen, und weil es zudem unzählige Standards für die Berliner gab. Trainer Thorsten Fink wird, davon bin ich überzeugt, besonders die Schlussphase in Berlin ganz genau analysieren, damit sich ein solcher Abfall nicht so schnell wiederholt.

Unmittelbar nach dem Spiel allerdings hatte Thorsten Fink zu einer umfassenden Analyse verständlicherweise noch keine Lust. Der Coach lobte erst einmal seine Mannen: „Ich bin sehr zufrieden mit dem Spiel, gerade nach diesem 1:5 gegen Dortmund war die Reaktion der Mannschaft sehr gut. Viele Kritiker hatten ja nach dem 1:5 an uns gezweifelt, vieles infrage gestellt, aber wir haben darauf die richtige Antwort gegeben, die Mannschaft hat Charakter bewiesen.“ Dann ging Fink auch noch ins Detail: „Bis zur 80. Minute haben wir gut gestanden, wenig zugelassen, da habe ich ganz ruhig auf der Bank gesessen, da hatte ich nicht das Gefühl, dass da etwas anbrennen könnte. Hinten war das ganz hervorragend, nach vorne haben wir immer wieder Spitzen gesetzt – so habe ich mir das vorgestellt. Ich dachte, da passiert gar nichts mehr.“ Aber er irrte, der Trainer. Der ebenfalls am Rande litt: „Wir hätten uns fast noch um den verdienten Lohn gebracht. Es ist zwar normal, dass wir noch nicht befreit aufspielen können, wir sind noch nicht im gesicherten Mittelfeld, wir stecken noch unten mit drin – das merkt man dann, das setzt sich auch in den Köpfen der Spieler fest. Wir haben keine Super-Leistung geboten, aber wir haben ordentlich gespielt. Und wir haben bewiesen, dass wir keinen Knacks von der Dortmund-Niederlage bekommen haben.“

Auf jeden Fall. Die Reaktion der Mannschaft war klasse. Sie hatte von Beginn an Biss, sie wollte, sie war mit dem Anstoß voll da – zeigte wieder Leben. Genauso wie am Anfang der Fink-Ära, als sich in Hamburg fast alle wunderten, dass diese (in der Oenning-Ära) eigentlich total leblose Mannschaft doch ganz anders kann. Dass Fink zu diesem richtungsweisenden Kick im Olympiastadion einen „alten Mann“ wieder ausgegraben hatte, war vielleicht (ich sage bestimmt) Spiel entscheidend. David Jarolim hatte es zuvor in 90 Minuten allen gezeigt – allen. Hoffe ich auf jeden Fall. Seinem Trainer und vielen mehr hatte es der Tscheche auf jeden Fall eindrucksvoll bewiesen, was er noch drauf hat. Und auch mit Jarolim verbindet Thorsten Fink den steilen Sturz gegen Spielende: „Die Mannschaft hatte gar nicht mitbekommen, dass Jarolim einige Zeit draußen behandelt werden musste. Bis dahin hatte er für die Absicherung gesorgt, vielleicht hatten einige nicht gesehen, dass er draußen lag – deswegen gab es diese Unruhe in unserem Team. Und Unordnung. Da haben wir den Faden verloren, da hatten wir vielleicht auch Angst vor dem Gewinnen.“

Jarolim hatte gegen Ende des Spiels einen Wadenkrampf bekommen. So etwas hatte er noch nie! Der Dauerläufer. Was ich großartig fand, und da geht mein Dank an einen (eigentlich immer ganz frechen Berliner) Hertha-Spieler: Patrick Ebert, mit dem sich „Jaro“ über 90 Minuten viele harte und unerbittliche Duelle geliefert hatte, half dem HSV-Mittelfeldrenner bei dessen Krämpfen und leistete erste Hilfe. Großartig, Herr Ebert, so muss es unter Sportsleuten sein – Sie haben mindestens einen gut bei mir!
Jarolim selbst konnte sich den Krampf (oder die Krämpfe) gar nicht erklären, versuchte es aber dann doch: „Ich weiß nicht, wie das passieren kann, ich habe alles wie immer gemacht; viel getrunken, viel Magnesium gegessen – es muss wohl daran gelegen haben, dass ich lange kein Wettkampfspiel mehr bestritten habe.“ Und: „Natürlich habe ich immer gehofft, dass ich noch einige Spiele für den HSV bestreiten darf, und nun bin ich zunächst einmal sehr glücklich, dass ich wieder dabei gewesen bin.“

Über sein mentales Befinden vor dem Anpfiff sagte „Jaro“: „Es ist natürlich ein ganz anderes Gefühl, zu spielen und zu gewinnen, das hat mir sehr gefehlt. Ich habe nicht gewusst, wie es wird, weil ich diese Situation ja nicht kenne, aber es war recht einfach für mich wieder ins Team zu finden, weil wir in der Abwehr sehr gut organisiert waren. Ich habe immer hart gearbeitet, ich wusste immer, dass mich nichts überraschen könnte, aber dennoch war es eine komische Situation. Bis zum Sommer bleibe ich nun definitiv, ein Wechsel in dieser Transferperiode kommt nicht mehr infrage.“

Und was kam in dieser Beziehung vom Trainer? Thorsten Fink lobte nach dem Comeback des Spieltages: „Jaro hat das sehr gut gemacht, er war sehr lautstark, hat seinen Nebenleuten geholfen, ich bin sehr zufrieden mit seiner Leistung.“ Zum Fast-Vereinswechsel von David Jarolim sagte der Trainer: „Ich habe nie gesagt, dass er weg soll. Ich habe nur gesagt, dass wir ihm keine Steine in den Weg legen werden, wenn er den HSV verlassen will. Jetzt aber lassen wir ihn nicht mehr gehen.“ Auf die Frage eines tschechischen Kollegen, ob Jarolim nun einen Stammplatz hätte, antwortete der HSV-Coach: „Es gibt keine Stammplätze bei uns aber wenn ein Spieler eine gute Leistung zeigt, warum sollte ich ihn dann wieder aus der Mannschaft nehmen?“

Ein dickes Lob für „Jaro“ gab es auch vom Sportchef: „Wir sind letztlich froh, dass er beim HSV geblieben ist, einen Spieler mit einer Erfahrung kann man immer im Kader gebrauchen. Jetzt lassen wir ihn nicht mehr gehen.“

Teamkollege Mladen Petric befand zu Jarolim: „Man kennt ihn ja, er ist unheimlich fleißig. Er trainiert an jedem Tag so, als wenn es der letzte wäre, und das zahlt sich bei ihm immer wieder aus. Er hat der Mannschaft Stabilität verliehen, und das hat ihn so wichtig gemacht.“

Aber dieses Berlin-Spiel hat nicht nur die Jarolim-Geschichte geschrieben. Auf Hamburger Seite gab es noch eine beachtliche Personalie: Jacopo Sala. Der 20-jährige Italiener spielte bei seinem Debüt nicht nur mit, sondern hatte viele gute Szenen und gehörte zu den besten Hamburgern an diesem 28. Januar 2012. Thorsten Fink über diesen „Neuzugang“: „So gut hatte ich ihn eigentlich gar nicht erwartet. Er hat gezeigt, dass wir mit ihm einen guten Einkauf getätigt haben. In der Vorbereitung hat er schon einen hervorragenden Eindruck im Training gemacht, er arbeitet auch defensiv mit, geht weite Wege, behauptet sich stark am Ball, ist sehr ballsicher, behauptet sich auch im Kampf Mann gegen Mann, und er war überhaupt nicht nervös, obwohl es sein erstes Spiel von Anfang an war.“

Jacopo Sala, dessen Eltern extra aus Bergamo gekommen waren, um das erste Bundesliga-Spiel ihres Sohnes von Beginn an zu sehen, war nach dem Spiel (natürlich) überglücklich: „Es ist gut gelaufen für mich. Vor allem deshalb, weil ich ja seit sechs, sieben Monaten nicht mehr über 90 Minuten Fußball gespielt hatte – aber die Kollegen haben mir sehr geholfen. Ich bin sehr selbstbewusst aufgetreten, warum auch nicht, ohne Selbstvertrauen geht es nicht, man muss an sich glauben, ohne dem geht es nicht.“ Sala weiter: „Ich hoffe, dass das jetzt der Startschuss für mich war, auf diese Chance habe ich lange hin gearbeitet, auch um Weihnachten herum, zu Hause in Bergamo. Nach der Hinrunde, in der ich nur verletzt war, war es schwierig für mich, den Kopf oben zu behalten, aber meine Familie und meine Freunde haben mir dabei geholfen, die Situation zu bewältigen.“

Frank Arnesen befand über seine „Entdeckung“: „Ich habe lange Zeit nicht mehr über ihn gesprochen, weil er uns ja verletzt fehlte – aber ich wusste ja, was er kann. Es lag an ihm, das zu beweisen, und das ist ihm gelungen. Jacopo hat ja in Berlin zum ersten Mal ein Spiel im Herrenbereich bestritten, denn wir haben ihn ja aus der Jugend des FC Chelsea geholt. Aber er war sehr gut, er trat so locker und selbstbewusst auf, hat auch taktisch ganz hervorragend gespielt – das war wirklich ein hervorragender Einstand. Bislang war er nicht zu bewerten, aber in Berlin hat er gezeigt, warum ihn der HSV geholt hat, und das er großes Talent hat.“

Zum ersten Dreier in diesem Jahr sagte Frank Arnesen: „Dieser Sieg in Berlin ist so wichtig für uns. Es ist zwar nur ein Sieg, aber er ist viel mehr wert als ein Sieg. Weil die Mannschaft nach dem Dortmund-Spiel eine Reaktion gezeigt hat, auf die wir gewartet haben. Und weil wir nun schon nach zwei Spielen in der Rückrunde mehr Punkte haben, als in der Hinrunde nach sechs Spielen. Und ich freue mich auch für Thorsten Fink. Es war sein zehntes Bundesliga-Spiel als HSV-Trainer, er hat davon nur eines verloren – das zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Wege sind.“

Aber nun kommen die Bayern. Am Sonnabend, Anstoß 18.30 Uhr im Volkspark. Kein ganz so leichtes Spiel. Zumal ja alle unisono sagen: „Mit Mannschaften wie Dortmund und Bayern kann sich der HSV nicht messen . . .“ Muss er aber.

Fink: „Wenn wir so gut stehen, wie in Berlin bis zur 80. Minute, dann haben wir eine Chance. Wir sind natürlich klarer Außenseiter, aber wir schauen dennoch mal, ob wir den Bayern nicht ein Bein stellen können . . .“
Nur was muss in diesem Spiel dann besser als in Berlin gemacht werden? Jarolim wusste es: „Alles.“ Um dann detailliert zu werden: „Da muss jeder über seine Grenzen gehen. Es geht nur über den Kampf, das habe ich auch vor dem Berlin-Spiel schon gesagt. Mit jedem gewonnenen Zweikampf gewinnt man auch an Selbstvertrauen.“

Gut wäre es aber auch, wenn der HSV – vornehmlich Dennis Aogo – bis zum Sonnabend noch den einen oder anderen Freistoß üben würde. Die Standards in Berlin waren überwiegend nicht nur schlecht – so mancher Freistoß leitete dazu auch Herthas Konterspiel ein. Und das muss ja nun wirklich nicht ein. Also: üben, üben, üben. Und nochmals üben. Wenn es sein muss, sogar außerhalb der normalen Trainingszeiten. Aber das muss ganz einfach besser werden.

Und auch im Abwehrverhalten sollte sich der HSV noch verbessern. Es wurden den Berlinern viel zu viele Freistöße „geschenkt“, weil es Fouls gab, die nicht nötig gewesen wären. Lieber statt einmal zu viel grätschen einen Schritt mehr (ab-)laufen.
Aber ansonsten weiter so.

Wobei in dieser Hinsicht auch Thorsten Fink noch einen netten Spruch auf Lager hatte: „Er hatte zwei Tage Infekt – und hatte jetzt zwei Torvorlagen. Das nächste Mal soll er sich drei Tage Infekt nehmen . . .“ Der HSV-Trainer über Verteidiger Dennis Diekmeier, der beide HSV-Tore in Berlin vorbereitet hatte.

PS: An diesem Montag ist trainingsfrei.

17.19 Uhr (gerade hat Mainz 3:1 gegen Freiburg gewonnen)