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Tah wird geschont – nur nicht von Beister

19. Februar 2013

Natürlich ist er gut drauf. Warum auch nicht. Immerhin steht Thorsten Fink mit dem HSV aktuell besser da, als es vor (und vor allem zu) Saisonbeginn erwartet wurde. Da fällt das Flachsen schon mal etwas leichter. Wobei, und das ist dann eigentlich viel auffälliger – der Trainer ist um Contenance bemüht. Jedem kleinen Flachs folgen zwei, drei Warnungen vor verfrühter Euphorie. Insbesondere im Bezug auf den bevorstehenden Auswärtsgegner Hannover 96 ist Fink um Zurückhaltung bemüht. „Hannover ist sehr variabel – gerade offensiv sind sie sehr stark.“ Abdellaoue, Diouf, Ya Konan, Sobiech und Schlaudraff bringen es zusammen auf 22 Buden – mehr als 50 Prozent aller Hannoveraner Bundesligatreffer. „Allerdings haben sie auch schon 41 Gegentreffer“, weiß Fink um eine schwäche der Niedersachsen, „und da gilt es für uns anzusetzen.“ Und das in fast identischer Besetzung. Einzig Rene Adler wird Jaroslav Drobny ersetzen, „ansonsten gibt es für mich nach Siegen in Dortmund und gegen Mönchengladbach nichts zu verändern“, sagt Fink.

Zumal er selbst über den formstarken 19-Tore-Angriff Son/Rudnevs verfügt. Und beide Angreifer wirbelten auch heute im Training munter weiter, trafen nach Belieben. Zwar in gegenüberstehenden Mannschaften – aber mehrfach. Rudnevs vergab zwar auch zwei so genannte „Hundertprozentige“, allerdings wusste der Lette zu gefallen. Immer wieder ließ der Rechtsfuß den Ball im Mittelfeld angespielt schnell prallen und startete in die Tiefe. Ein probates Mittel im Training, das hoffentlich in Hannover zur Waffe wird.

Klar ist, dass sich der große HSV beim kleinen HSV auf schnelle Konter aber eben auch eine behäbig wirkende Abwehr gefasst machen muss. „Wir wollen in Hannover, wie zuletzt gegen alle Gegner, unser Spiel machen. Ganz klar“, sagt Fink und wirkt überzeigt. Ähnlich überzeugt, wie die Mannschaft im Moment von sich ist und von sich auch sein kann. „Wir fahren mit großem Selbstvertrauen nach Hannover. Die 96er wittern zwar die große Chance, noch mal an uns ranzukommen – aber sie haben mehr zu verlieren als zu gewinnen, während wir eben die Chance haben, sie auf längere Sicht auf Distanz zu halten“, sagt Fink.

Vier Punkte Vorsprung sind es momentan – sieben sollen es werden. Dafür reist Fink auch am Donnerstag nach Hannover, schaut sich dort das Rückspiel der Niedersachsen gegen Anschi Machatschkala. 96 muss dabei ein 1:3 aus dem Hinspiel aufholen. Ob Fink auf einen schweren Gang mit Verlängerung hofft? „Ich hoffe, dass Hannover gewinnt. Zumal es eh keinen Unterscheid macht. Mannschaften, die im internationalen Rhythmus spielen, rotieren zwangsläufig. Gladbach hat gleich fünf Wechsel vorgenommen und mit einem komplett frischen Mittelfeld gegen uns gespielt. Und Hannover hat eine gute zweite Reihe, die werden gegen uns frisch sein.“

Insgesamt scheint sich Fink derzeit tatsächlich wenig mit den Gegnern zu beschäftigen. „Noch mal: Wir machen unser Spiel. Die Gegner müssen unsere Ausstrahlung spüren. Sie müssen wie zuletzt spüren, dass wir nicht verzweifeln, auch wenn mal etwas nicht so gelingt. Ich sehe darin bei uns einen richtigen Reifeprozess. Früher sind wir nervös geworden, haben den Faden verloren. Heute wissen wir, dass ein einziger Schuss alles drehen kann. Und genau das hat meine Mannschaft gut gemacht.“

Stimmt. Ein wichtiger Baustein dabei war und ist Per Skjelbred, der heute nicht mittrainieren konnte, weil er zur Berufungsverhandlung von Dortmunds Robert Lewandowski zum DFB nach Frankfurt reisen musste. Warum er seine Aussage persönlich vor Ort machen musste anstatt sie schriftlich einzureichen – es wird das Geheimnis des eh extrem bürokratischen und in seinen Abläufen oft antik wirkenden DFB bleiben. So musste der gefoulte selbst noch ein Handicap in kauf nehmen, auch wenn Fink es nicht so dramatisch formulieren wollte. „Per ist am Mittwoch wieder dabei und wird spielen“, sagt Fink. Vorausgesetzt, der Norweger verletzt sich nicht – was insgesamt seltener vorkommt als noch in der vergangenen Saison. Woran das liegt, werden jetzt einige fragen – und ich werde keine Antwort nennen können. Es ist reine Spekulation. Aber ich kann sagen, dass es mich nach zuletzt vielen Jahren mit oft kritischen Personalsituationen freut. Ebenso wie Fink. „Bis jetzt hatten wir personell noch keine Not. Und ich hoffe, es bleibt so“, sagt Fink und ich klopfe dreimal auf Holz, „aber selbst wenn sich einer verletzt, haben wir sehr gute Leute in der Hinterhand.“

Nicht dazu zu zählen ist Jonathan Tah, der am Dienstag seine erste Einheit bei den Profis absolviert und ab kommender Saison zu den Profis stoßen soll. Dem 192 Zentimeter großen U-17-Nationalmannschaftskapitän hatte der DFB jüngst eine Sonderspielgenehmigung ausgeschlagen – und Fink ist nur bedingt traurig. „Den Jungen müssen und werden wir noch schützen“, so der HSV-Trainer, „da bricht etwas über ihn ein, womit er in dem Alter noch gar nicht umzugehen weiß.“ Interviews laufen über die Pressestelle, und auch sportlich wird Tah noch nicht überfordert. „Er macht nächstes Jahr in dem Umfang mit, der schulisch vertretbar ist. Jonathan macht schon einen extrem präsenten Eindruck, ist auch physisch schon sehr stark. Aber ob er was wird, werden wir eh erst in zwei, drei Jahren sehen können. Und das habe ich ihm auch so gesagt. So lange ich hier bin, wird er die Zeit bekommen, die er braucht.“

Und Tah wird noch Zeit brauchen. Natürlich. Und das wurde ihm auch gleich in Person von Maximilian Beister deutlich gemacht. Der HSV-Angreifer wirbelte insgesamt sehr ordentlich, traf dreimal. Und er ließ Tah mit seinen jungen 17 Jahren oft alt aussehen. „Ich war ein bisschen aufgeregt“, gestand Tah, der nach einer kurzen Auswechslung zum Ende der ersten Halbzeit des Testspiels in der zweiten Hälfte wieder kam und sich steigerte. Zur Freude der Zuschauer, unter die sich auch DFB-Sportdirektor Robin Dutt – er gastierte am Montag bei der Zweitligatrainertagung und nutzte seinen Hamburg-Abstecher zum kurzen Besuch – mischte. Aber auch Tah selbst wirkte anschließend nicht unzufrieden. „Ich bin sehr freundlich aufgenommen worden. Einige kannten sogar schon meinen Namen. Darüber war ich sehr überrascht.“ Tah wird wiederkommen. Das ist klar – und das macht mir Freude. Immerhin wusste Tah optisch ebenso zu überzeugen, wie in den unbedrängten Situationen. Der junge Mann, der mich in seinen Bewegungen an Jerome Boateng erinnert, ist spielerisch gut. Passsicher ist der Ball auf jeden Fall sein Freund. Und das konnten wir in den letzten Monaten und Jahren nicht von allen Innenverteidigern behaupten…

Womit ich nicht auf Slobodan Rajkovic anspielen will. Der Serbe pausierte am Dienstag, laboriert an einer leichten Knieprellung und absolvierte eine individuelle Einheit im Kraftraum. Rajkovic, der trotz der extremen Drucksituation im Spiel gegen Gladbach insgesamt ein starkes Spiel ablieferte, soll aber schon am Mittwoch wieder voll mittrainieren. „Wenn alles glatt läuft und sich keiner verletzt, gehen wir genau so wie gegen Gladbach auch in Hannover an den Start“, sagte Fink – die Ausnahme Adler/Drobny ergänzend.

Stattdessen trainierte am Dienstag der 19-jährige Münchner Niklas Kreuzer mit. Der rechte Verteidiger vom FC Basel II soll noch einige Tage getestet werden. Am Mittwoch noch mal bei den Profis, anschließend in der U23 bei Rodolfo Cardoso, Soner Uysal und Richard Golz. Interessant: Niklas Kreuzer ist der Sohn von Oliver Kreuzer, der vor einigen Jahren als Kandidat für die Nachfolge Dietmar Beiersdorfers galt und unter etwas seltsamen Bedingungen sein Vorstellungsgespräch beim Aufsichtsrat kurzfristig absagte.

Aber egal, das ist Vergangenheit. Aktuell passt vieles gut zusammen und so soll es auch bleiben. Zumindest sportlich. Denn nach Hannover kommt Fürth, ehe es nach Stuttgart geht und daraufhin Augsburg in der Imtech-Arena zu Gast ist. Spiele, die es zu gewinnen gilt. Natürlich erst nach dem in Hannover. „Und nur darauf schauen wir jetzt“, verspricht Kapitän Heiko Westermann. Gut so.

Bis morgen,
Scholle

Morgen wird um zehn Uhr an der Imtech-Arena trainiert.

Veh gibt zum Saisonende auf – AKTUALISIERT!

8. März 2011

++++++++++++++AKTUALISIERUNG unter dem Video+++++++++++++++






Ich bin Hamburger. Und ich bin dem HSV seit meiner frühesten Kindheit verbunden. Meine HSV-Historie hatte ich Euch ja bereits erzählt. Und als ich im Jahr 2000 nach einem Praktikum beim Hamburger Abendblatt eine Festanstellung als HSV-Reporter angeboten bekam, war mein Glück vollkommen. Das dachte ich zumindest. Denn je mehr Einblick ich in die internen Abläufe bekam, desto weniger romantisch wurde mein Verhältnis zum Klub. Zumindest, was die Spieler und die Offiziellen betraf. Denn in den persönlichen Gesprächen fand ich nur zu schnell heraus, wie wenig Leidenschaft und wie viel monetäre Dinge sie mit dem Klub verbunden hatte. Eine Beschreibung, die nicht auf jeden zutraf und zutrifft, aber ganz sicher auf einen Großteil. Dennoch hatte ich bei aller Desillusionierung nicht gedacht, in welche Sphären sich meine Abneigung noch steigern könnte.

Den vorläufigen Höhepunkt haben wir aktuell erreicht. Leider.

Und damit meine ich nicht die Tatsache, dass Armin Veh seinen Vertrag nicht verlängert. Auch nicht die Tatsache, dass Bernd Hoffmanns Vertrag nicht über den 31. Dezember 2011 hinaus verlängert wurde. Das alles sind vereinspolitische Entscheidungen, die diskutabel sind, die aber vorkommen. Immer wieder. Auch bei anderen Klubs. Allerdings stellt sich mir mehr denn je die Frage, weshalb ein Verein wie der HSV, der sich auf dem Weg in die Europäische Elite wähnte, so gar keine Antworten parat hat. Schlimmer noch, die letzten Entscheidungsträger im Klub sind gar die, die statt Antworten zu liefern immer nur neue Fragen aufwerfen: Der Aufsichtsrat. Und ganz ehrlich, dabei wirken sie so hilflos, dass sich jeder Fan Gedanken machen muss.

Trainer Armin Veh nannte es heute bei seiner Rücktrittsrede (ich nenne das so, weil ich glaube, dass Veh am Seitenrand schon bald ersetzt wird) eine „große Gefahr, in der sich der tolle Klub befindet“. Und dem ist so. Wenn das aktuelle Führungschaos nicht in den nächsten Tagen schon behoben wird, droht dem HSV Schlimmes. Und damit meine ich nicht nur das aktuelle Verpassen des internationalen Wettbewerbes…

Der HSV ist führungslos. Und die, die führen, führen den HSV orientierungslos. Heute morgen war es der Ratsvorsitzende Ernst Otto Rieckhoff, der diesen Eindruck bei einer internen Ansprache vor den Mitarbeitern ungewollt unterstrich. Nachdem Katja Kraus und vor allem Bernd Hoffmann in sehr emotionalen Ausführungen den Mitarbeitern ihren Dank ausgesprochen hatten und dafür Applaus erhielten, schnappte sich Rieckhoff das Mikrofon. Er erklärte das Verhalten des Aufsichtsrates allerdings nicht wirklich, sondern klagte sein eigenes Gremium erneut an. Auf die Frage, weshalb das Kontrollgremium sich gegen Bernd Hoffmann und Katja Kraus entschieden hatte, ohne sich vorher das aktuelle Konzept erläutern zu lassen, antwortete Rieckhoff, das sei leider so. Ein Teil des Gremiums habe den Wechsel „unbedingt gewollt, unabhängig von einer inhaltlich sachlichen Auseinandersetzung. Leider“. Worte, die seine Gremiumskollegen nicht erfreuen werden – im Gegenteil. Ich glaube, Ernst Otto Rieckhoff hat sich, zumal in seiner Rolle als Ratsvorsitzender, weder bei den Geschäftsstellenmitarbeitern noch bei Aufsichtsratskollegen einen Gefallen getan.

Am schlimmsten aber finde ich, dass es bei dem eh schon vorherrschenden Chaos der letzte (Scheel und Reinhardt lasse ich raus) Entscheidungsträger nicht hinbekommt, eine klare Aussage zu treffen. Nicht einmal zur Personalie Bernd Hoffmann, die Rieckhoff gestern noch mit „wer weiß schon, was in den nächsten sechs Monaten alles passiert?“ offengelassen hatte. Heute legte er noch mal nach. In der Hoffnung, die Pro-Hoffmann-Mitarbeiter etwas beruhigen zu können, verunsicherte er sie nur noch mehr. Bei dem aktuellen Wesen seines Gremiums sei sicher nicht ausgeschlossen, dass auch noch mal mit Kraus und Hoffmann verhandelt würde.

Nun denn. Weniger Klarheit kann man nicht schaffen.

Das aktuelle Trauerspiel findet seine Fortsetzung auch im sportlichen Bereich. Armin Veh trat zurück (s. dazu das komplette Statement im Video), weil er sich mit der katastrophalen Vereinspolitik nicht mehr identifizieren kann und will. „Dieser Verein ist führungslos“, klagt er, „was hier passiert, habe ich noch nie erlebt. Das ist extrem gefährlich für den ganzen Klub. Wer jetzt glaubt, hier sei alles in Ordnung, der verkennt die Tatsachen.“ Sein Rücktritt zum Saisonende ist als direkte Reaktion auf die Demission Hoffmanns zu verstehen. Selbst das noch ausstehende Gespräch mit dem neuen Sportchef Frank Arnesen könne ihn jetzt nicht mehr umstimmen, sagt Veh. „Ich wollte das Gespräch abwarten, um mir anzuhören, was hier passieren soll. Aber jetzt weiß ich nicht mal mehr, mit wem ich zusammenarbeiten würde. Das Telefonat mit Arnesen wurde durch die jüngsten Ereignisse leider schnell eingeholt.“

Eigentlich wollte Veh erst in zwei Wochen etwas verkünden – der Aufsichtsrat hat seine Entscheidung allerdings forciert. Und was er von dem Gremium hält, zeigt schon sein Verweis auf eine Aussage von Willi Schulz, der den Aufsichtsrat als Gefahr für den Verein hinstellte und erklärte, es müsse wahrscheinlich erst einmal richtig was passieren, bis alle wach werden. „Dem kann ich nur zustimmen“, so Veh, „auch wenn ich mich eigentlich in die Vereinspolitik nicht einmischen darf – in dem Fall muss ich mal anecken, damit endlich mal was passiert.“

Was genau passieren muss, sagte Veh nicht. Musste er auch nicht. Alle hatten verstanden.

Auch die Mannschaft sei betroffen, so Veh. „Wir alle wollen in den internationalen Wettbewerb. Aber wie kommen wir dahin“, fragt Veh rhetorisch, „dazu gehört doch letztlich immer alles. Auch das Drumherum. Wir brauchen hier doch eine klare Ordnung. In der Mannschaft. Und im Klub. Aber was davon haben wir jetzt?“

Nichts. Nicht einmal den sportlichen Erfolg.

Weniger noch, der Verein steht mal wieder vor einer inneren Zerreißprobe. Einer hausgemachten natürlich. Via Internet werden Petitionen angestimmt, via SC-Forum (www.hsv-supporters.de) wurde ein Antrag auf Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung eingereicht. Selbst per Email an den Vorstand Oliver Scheel kamen zwei derartige Anträge. Allerdings eine von einem 16-Jährigen, der seit dem 1. März Vereinsmitglied ist. So wirkt sich die selbst herbeigeführte Führungslosigkeit im Klub aus. Plötzlich wollen alle etwas zu sagen haben. Vom kleinen Vereinsmitglied bis zum „großen Aufsichtsrat“. Aktionismus schlägt mal wieder Sachlichkeit. Ich glaube, so sieht Chaos aus.

Sportliches steht mal wieder im Hintergrund. Es tut mir leid, ich habe es bei den heutigen Entwicklungen tatsächlich nicht aus dem Presseraum geschafft. Ich hätte Euch gern mehr über Fußball geschrieben. Aber ich habe mir zumindest berichten lassen, dass Guy Demel und Joris Mathijsen heute nicht mittrainiert haben – trotzdem sollen beide am Wochenende in München einsetzbar sein. Selbst das Comeback von Dennis Diekmeier, der heute erstmals wieder auf dem Trainingsplatz stand und mit der Mannschaft mittrainierte, ging irgendwie unter. Stattdessen stellen sich jetzt alle, ihr wie wir, die Frage, ob Veh weiter Trainer bleibt oder abgelöst wird.

Kann ein Trainer, dessen Abschied feststeht, die Mannschaft noch erreichen?

Er kann. Das sieht zumindest ein Teil der Mannschaft so (und ich meine damit auch Spieler, die ob ihrer eigenen Situation sauer sein dürften…). Aber ich glaube es nicht. Von vielen Seiten ist zu hören, dass Michael Oenning schon bereitstehen soll, dass sich der Aufsichtsrat zumindest mit einer solchen Lösung vorsorglich beschäftigt hat. Veh war bei den Räten nicht mehr gut gelitten, seit er im Winter eine gewisse Amtsmüdigkeit suggeriert hatte. Dass Veh bis heute im Amt ist, ist allein dem überraschend guten Rückrundenstart geschuldet. Und das, obwohl Veh früh seinen Entschluss getroffen hatte, unter den gegebenen Voraussetzungen – das galt schon VOR der Entmachtung Hoffmanns – nicht weitermachen zu wollen. Einer der immer zahlreicher werdenden Gründe war auch das schlechte Verhältnis Veh/Aufsichtsrat. Der Trainer hatte nicht einmal heute den Aufsichtsrat vorher über seine Entscheidung informiert, bevor er sie uns mitteilte. „Ich habe vom Aufsichtsrat auch nie etwas gehört. Zumindest nicht direkt.“

Stattdessen haben sich einige Aufsichtsräte in der Zwischenzeit auch anderweitig nach Trainerkandidaten umgesehen und umgehört. Zwar sagte Rieckhoff auch heute wieder, das sei nicht sein beritt sondern ganz klar die Aufgabe des Vorstandes. Allerdings dürfte auch ihm nicht entgangen sein, dass es einen entscheidungsfähigen Vorstand in der Form seit Sonntag nicht mehr gibt.

Ergo: Der Aufsichtsrat sucht. Wie schon damals beim Sportchef…

Aber lassen wir das. Selbst Felix Magath ist bereits kontaktiert worden. Wobei ich weiß, dass der aktuelle Schalke-Trainer grundsätzlich großes Interesse an einer Rückkehr nach Hamburg gehabt hatte, als er vor der Inthronisierung von Huub Stevens zum Gespräch nach Hamburg bestellt worden war – und den ganzen Tag über sitzen gelassen wurde, bis er drohte abzureisen. Anschließend soll der verärgerte Magath eine Rückkehr nach Hamburg ausgeschlossen haben, solange Bernd Hoffmann in Hamburg im Amt ist.

Allerdings, das an dieser Stelle auch mal zur Ehrrettung der Kontrolleure in diesem Zusammenhang, sie haben vorgeplant. Frank Arnesen ist bereits seit der Vertragsunterschrift damit beauftragt, den Trainerposten jetzt und für die Zukunft zu besetzen. Kandidaten hierfür sind in Stale Solbakken, Ralf Rangick, Michael Laudrup und Robin Dutt bereits gefunden. Auch Mainz-Trainer Thomas Tuchel soll inzwischen auf dem Wunschzettel stehen. Aber wie ich schon vergangene Woche angekündigt hatte, werden hier noch etliche Namen genannt – und am Ende wird es doch nur einer. Veh soll in diesen Planungen allerdings von vornherein keine Rolle gespielt haben.

Eine große Rolle spielt indes weiterhin Björn Gulden als Nachfolger von Bernd Hoffmann als Vorstandsvorsitzender des HSV. Und das obwohl uns heute folgende email seines Arbeitgebers „Deichmann“ erreichte:

„Ich beziehe mich auf die Berichterstattung im Hamburger Abendblatt zum Thema HSV. Darin wird seit Samstag über einen möglichen Wechsel von Herrn Gulden aus unserem Hause zum HSV spekuliert.
Ich weise Sie darauf hin, dass an diesem Thema nichts dran ist. Für Herrn Gulden steht ein Wechsel zum HSV nicht zur Debatte. Ich bitte Sie, das bei der weiteren Berichterstattung zu berücksichtigen.

Vielen Dank.

Mit freundlichen Grüßen/With kind regards

Ulrich Effing
Leiter Unternehmenskommunikation/Head of Corporate Communications“

Ein Dementi, dessen Halbwertszeit direkt von den Verhandlungen abhängt, die der Aufsichtsrat mit dem Norweger aufgenommen hat. Denn auch wenn Rieckhoff heute wieder einen Hoffnungsschimmer für alle Hoffmann-Freunde in den mit 120 Mitarbeitern gut gefüllten Presseraum der Imtech-Arena warf, soll der Ex-Profi des 1. FC Nürnberg weiter ein ganz heißer Kandidat sein, Hoffmann schon vor dem Vertragsende im Dezember abzulösen.

Womit Gulden zumindest ein kleines, vielleicht ja neben Arnesen DAS kleine Lichtlein am Ende des offenbar immer länger werdenden dunklen Tunnels ist.

In diesem Sinne,
auf deutlich mehr erhellende Momente,

Euer Scholle

19.45 Uhr

P.S.: ETWAS Fußball gibt es dann doch noch: Training ist morgen um 10 Uhr an der Imtech-Arena.

Rieckhoffs gewagte These: “Der Druck ist weg”

7. März 2011

Wären doch alle wie die Spieler. Das meine ich tatsächlich, auch wenn es sich nach dem erneuten Rückschlag beim 2:4 gegen Mainz ironisch anhören mag. Denn die haben keinen Hehl daraus gemacht, dass sie mit ihrer Leistung gegen den selbst ernannten „Karnevalsverein“ nicht zufrieden sind. Trainer Armin Veh lobte den Gegner sogar erfrischend ehrlich als „klar besser“ und nahm seine eigene Mannschaft betreffend kein Blatt vor den Mund. Warum ich das, was eigentlich selbstverständlich sein sollte, erwähne? Ganz einfach: in anderen Gremien werden Fehler weniger zugegeben, dafür aber in aller Regelmäßigkeit wieder und wieder gemacht. Wie sonst ist es zu erklären, dass sich der HSV nach Sportchefsuche auch bei seinem Ersten Vorsitzenden in eine – vorsichtig formuliert – eingeschränkte Handlungsfähigkeit begibt?

Gestern stimmten die zwölf Aufsichtsräte nach langem Hickhack über die Zukunft von Klubboss Bernd Hoffmann und dessen rechte Hand Katja Kraus ab. Sieben Räte votierten pro, fünf contra Hoffmann/Kraus. In einer offenen Abstimmung zuhause bei Jürgen Hunke. Das ist bekannt. Wie es allerdings zu einem derartigen Stimmungswandel kommen konnte wusste niemand so recht. Hintergrund: eine Woche zuvor stimmten noch neun (!) Räte gegen Hoffmann/Kraus. Meine einzig logische Erklärung: Diesmal waren die notwendigen fünf Contra-Stimmen so schnell gefunden, dass sich der eine oder andere Hoffmann-Gegner nicht zusätzlich die Finger verbrennen wollte/musste und seinen Arm unten ließ.

Auch Chefkontrolleur Ernst Otto Rieckhoff wusste das veränderte und täuschende Stimmungsbild von 7:5 Stimmen pro Hoffmann nicht zu erklären. Oder besser gesagt, er wollte es wohl eher nicht. „Es ist nicht meine Aufgabe, eine Meinung zu haben, sondern die Meinungen im Aufsichtsrat zu einen.“

Aha.

Doch der Aufsichtsrat würde sich eh untreu, würde er nicht auch die neuerlich selbst geschaffene und unvorteilhafte Situation versuchen positiv darzustellen. „Wir wollten Klarheit. Jetzt haben wir sie“, erkennt Rieckhoff und verkennt: „Der Druck ist erst mal weg.“

Der Druck ist weg? Der HSV hat keinen Druck mehr? Gerade jetzt wo der HSV fünf Punkte Rückstand auf einen internationalen Wettbewerb hat? Jetzt, wo der HSV einen für den 1. Juli designierten, aber in London noch im Arbeitsverhältnis stehenden Sportchef, einen auf Raten ausscheidenden Trainer Armin Veh sowie einen frisch abgesägten Ersten Vorsitzenden hat? Jetzt, wo der HSV noch 20 offene Spielerverträge und den selbst angekündigt „großen Umbruch“ vor sich hat? Das verstehe wer will. Ich verstehe es nicht.

Passend hierzu auch die Erklärung, wie es denn jetzt auf der Trainerposition weiterginge. Rieckhoff: „Das ist Sache des Vorstandes.“ Klar. Das stimmt. So sieht es die interne Verantwortungsverteilung vor. Aber wer ist momentan eigentlich dieser „Vorstand“? Arnesen ist es offiziell noch nicht. Hoffmann und Kraus sind es dagegen nur noch offiziell. Gleiches gilt für Bastian Reinhardt, der gerade für Arnesen zum 1. Juli aus dem Vorstand komplimentiert wurde. De facto bleibt tatsächlich nur noch Oliver Scheel als unbeschadeter Vorstand übrig…

Nein, der werte Ernst Otto Rieckhoff versuchte die mit Sicherheit auch im Aufsichtsrat erkannt schwierige Situation nach außen hin schöner darzustellen, als sie ist. Das muss er als Vereinsrepräsentant auch, was bleibt ihm sonst übrig. Er versucht, etwas Ruhe in den intern mehr als aufgewühlten Klub zu bringen. Selbst wenn dafür einige Halbwahrheiten herhalten müssen. So sei bislang nicht über neue Kandidaten abgestimmt bzw. mit ihnen verhandelt worden. Dass sich der Aufsichtsrat zuvor mit Joachim Hilke getroffen und sich die Räte untereinander sogar ein Stimmungsbild eingeholt hatten, bleibt unerwähnt. Immerhin ist Hilke, der nicht mehrheitsfähig war, inzwischen abgehakt. Da wird schon mal verdrängt, frei nach dem Motto: aus den Augen – aus dem Sinn. Das allerdings darf nicht für Björn Gulden gelten. Der Norweger ist und bleibt ein heißer Kandidat auf die Hoffmann-Nachfolge. Und er bleibt vom Aufsichtsrat offiziell unbestätigt. Ebenso wurden Interimslösungen wie beispielsweise die mit dem ehemaligen Chefkontrolleur Udo Bandow als Obersten erfolglos angedacht.

Nein, optimale Lösungen gibt es derzeit auf keiner Entscheidungsebene des HSV.

Zwar gehen die Kontrolleure davon aus, dass Bernd Hoffmann und Katja Kraus ihre Verträge bis zum Jahresende erfüllen und ihre Aufgaben mit unverändertem Engagement ausfüllen. Immerhin „hochprofessionell“ seien beide mit der Entscheidung umgegangen. Und sie würden ebenso auch weiter arbeiten, prognostiziert Rieckhoff wider besseres Wissen. Dennoch, da lege ich mich fest und dafür habe ich auf menschlicher Ebene auch volles Verständnis, niemand kann ernsthaft von seinem Angestellten verlangen, dass dieser zu 100 Prozent loyal und mit unveränderter Passion für seinen Arbeitgeber weiterarbeitet, nachdem er gerade ein Misstrauensvotum gegen sich und zugleich seine Entlassungspapiere auf den Tisch gelegt bekommen hat. Auch nicht der HSV, der via Rieckhoff ein kleines Hintertürchen für Hoffmann und Kraus offen ließ. „Im Moment gehen wir davon aus, dass die Verträge zum Jahresende enden. Aber wer weiß, was in einem halben Jahr alles passiert.“

Das weiß tatsächlich niemand. Zumindest nicht bei diesem HSV.

Aber bei aller Kritik an den Aufsichtsräten, bzw. an deren Vorgehensweise, muss ich heute auch loben. So bezog Ernst Otto Rieckhoff heute klar Stellung, was den Aufsichtsrat als solchen betrifft. Und wie. „Ich kann nur sagen, dass mir nach den wiederholten Indiskretionen der Kragen geplatzt ist. Dieser Sonnabend hat meine Welt verändert. So geht man nicht mit Menschen um“, klagte Rieckhoff, „das belastete den gesamten Aufsichtsrat, sogar den gesamten Verein. Da wurde mit Indiskretionen regelrecht Politik gemacht. Und nachdem es derartige Indiskretionen gab, habe ich für Sonntag eine Aufsichtsratssitzung einberufen und den Antrag auf Abstimmung bezüglich eines Einjahresvertrages gestellt.“ Die Satzung sieht vor, dass nach Eingang eines solchen Antrages auch abgestimmt werden muss. Warum es über einen Ein- statt des normalen Dreijahresvertrages für Hoffmann ging? Rieckhoff: „Es war ein Kompromiss für mich.“ Mit dem bekannten Ergebnis.

Ein Ergebnis, das auf der Geschäftsstelle für Verunsicherung sorgt, sogar für eine gewisse Endzeitstimmung. Schließlich haben Hoffmann und Kraus etliche Leute neu eingestellt und niemand weiß, was die neue Führung auch an neuem Personal installieren wird. Noch heute vor seiner Abreise in den Skiurlaub mit der Familie will sich Bernd Hoffmann vor seine Angestellten stellen und die aktuelle Lage erläutern.

Die Trainerfrage wird darin nicht vorkommen. Zumal sie für alle Insider entschieden ist. Heute in 17 Tagen, so hatte es Trainer Armin Veh angekündigt, wird er selbst seine Entscheidung bekanntgeben. Bis dahin wartet der Coach noch ab, ob und in welcher Form sich Arnesen mit ihm unterhält. Allerdings rechnet tatsächlich nicht mal mehr Veh selbst damit, dass er bleibt.

Nur wer für ihn kommt ist – natürlich – offen. Zuletzt wurde der Däne Michael Laudrup gehandelt, ebenso Robin Dutt vom SC Freiburg und der aktuell vereinslose Ralf Rangnick. Weitere Namen werden folgen. Namen, über die der Vorstand zu entscheiden hat – ergo: Arnesen. Zumindest, wenn bis dahin kein neuer Erster Vorsitzender gefunden und mit der nötigen Zweidrittelmehrheit eingestellt wurde. Womit wir wieder beim Aufsichtsrat wären…

Ich hätte diesen Blog gern mit etwas sportlich Wertvollem beendet, kann Euch aber nach dem Regenerationstag mit Auslauftraining und einer kurzen Einheit für die Reservisten heute nur berichten, dass alle Spieler soweit gesund geblieben sind. Wobei, was heißt hier „nur“? Das ist doch auch schon was! Und dass wieder und trotz aller Umstände bis zu 7000 Fans mit zum Spiel in die Münchner Allianz-Arena reisen werden zeigt mir, dass es noch Dinge gibt, auf die man sich beim HSV verlassen kann. Vielleicht passen sich die Spieler wie Entscheidungsträger ja irgendwann dem Niveau ihrer Anhänger an…

In der (ist mir egal, ob es naiv ist oder nicht…) Hoffnung, dass in diesem Verein in hoffentlich naher Zukunft weniger persönliche Interessen und Differenzen denn das Gesamtwohl des Vereines im Vordergrund stehen und die fehlende Einheitlichkeit widergefunden wird, halte ich es mit den Worten Rieckhoffs. Der verurteilte die Unehrlichkeit und Indiskretion seiner Ratskollegen scharf und hofft auf einen Lerneffekt: „Ich kann nur an alle Räte appellieren: wer dem Verein schaden will, der macht es genau so…“

LG,
Scholle

19.45 Uhr

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