Archiv für das Tag 'Drobny'

“Jeder muss sein Duell gewinnen wollen!”

3. Mai 2013

„In diesem Sinne, bis morgen. Da wird wieder um zehn Uhr trainiert und es sollen alle Feldspieler bis auf Marcus Berg dabei sein können. Dieter wird ebenfalls dort sein und Euch an gewohnter Stelle berichten.“

So endete „Scholle“ gestern. Aber so schön, wie er es angedacht hat, wurde es dann doch nicht. Gleich zwei HSV-Profis fehlten heute beim „Kurkonzert“. Marcell Jansen hat sich nun noch eine Magen- und Darm-Grippe zugelegt, Ende offen. Ich meine damit, dass sein Einsatz am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg, im vorletzten Heimspiel der Saison, doch fraglich ist. Und zudem hat sich Michael Mancienne Oberschenkel-Probleme eingefangen, er setzte deswegen heute aus – und wir auch beim nicht-öffentlichen Abschlusstraining am Sonnabend fehlen – und damit auf gegen die „Wölfe“ am Sonntag. Ich lasse mir da keine Hintertür offen, Mancienne wird ausfallen – Ende. Für ihn kommt Slobodan Rajkovic in die Mannschaft, und wenn ich Trainer Thorsten Fink richtig interpretiere, dann hatte er das ohnehin so geplant. Weil der Coach einen rustikalen Abräumer braucht. Und das war Mancienne zuletzt nicht, der Engländer war eher genau das Gegenteil eines Abräumers. Wobei ich jedem User, der nun genau dieses Gegenteil suchen wird, selbst überlasse, wo er mit dieser Suche endet . . .

Thorsten Fink sagte in Sachen Innenverteidigung: „Ich hatte schon in dieser Woche überlegt, ob ich Slobo spielen lassen werde – von der Aggressivität her.“ Sollte Jansen auch nicht spielen können, so wäre Zhi Gin Lam sein Ersatzmann – und nicht Dennis Aogo. Der ehemalige Linksverteidiger der deutschen Nationalmannschaft wird so oder so (diesmal) Nur auf der Bank sitzen. Erklärung von Fink, warum er Aogo nicht als Linksverteidiger bringen wird: „Dennis hat es in seinem letzten Spiel als Linksverteidiger, das war das Spiel gegen die Bayern, nicht so angenommen – finde ich. Von der Ausstrahlung her.“

Das wird nicht die einzige Änderung sein, die Thorsten Fink vornehmen wird – gegenüber dem mageren 1:4-Auftritt in Gelsenkirchen. Petr Jiracek wird im rechten Mittelfeld auflaufen Heung Min Son links. Vorne wird Artjoms Rudnevs einzige Spitze sein, und auf der „Doppel-Sechs“ werden sich Tolgay Arslan und der wieder genesene Milan Badelj (trainierte heute ohne Pause und ohne Beschwerden mit) versuchen. Auf geht’s, Buam.
Jiracek soll deswegen rechts spielen, weil er sich so besser um Wolfsburgs Diego kümmern kann, denn der kommt vorzugsweise über links und zeiht dann zur Mitte – das könnte Jiracek als Linksfuß dann bestens „begleiten“.

Vom heutigen Training nur zwei Dinge. Beim abschließenden Schießen auf die „Hütte“ von (abwechselnd) Rene Adler und Sven Neuhaus schoss Rafael van der Vaart das schönste (Traum-)Tor – der Niederländer hob danach beide Arme gen Himmel und sucht mit seinen Augen dort oben jenen Herrn, der ihm bei diesem Schuss so trefflich half. Gleich am Anfang war aber die Szene, die mich am meisten begeistert hat: Beim Kreisspiel (fünf gegen zwei) wurden Jacopo Sala (er gleich zweimal) und Jaroslav Drobny getunnelt. Nach dem dritten Tunnel brachen alle Spieler in ein wahres Indianergeheul aus, alle lachten. Drobny (als „Geschädigter“) und Jeffrey Bruma hielt es nicht mehr auf den Beinen, beide kippten vor Freude aus den Latschen und wälzten sich vor Lachen auf dem Boden herum. Welch eine Szenerie! Und nicht auszudenken, wenn die Stimmung auch noch am Sonntag um 19.25 Uhr so herrlich ungezwungen und toll wäre. Jetzt sind alle Hamburger gefordert.

Von der Ausgangsposition her könnte es ein heißes Spiel geben. Ohnehin gibt es gegen Wolfsburg immer ein schwer und hart umkämpftes Match. Und oft genug haben die „Wölfe“ dem HSV schon (auch in Hamburg) ganz kräftig in die Suppe gespuckt. Ich sprach heute mit einem Mann, der beide Seiten schon erlebt hat, der sowohl in Hamburg als auch in Wolfsburg Publikumsliebling war (und ist): Roy Präger. Der frühere Wirbelwind wird nicht beim Spiel sein, er ist mit der Jugend-Fußballschule des VfL beschäftigt. Präger über seine Erwartungen für Sonntag: „Es wird sicher ein packendes Derby, wie immer, wenn der HSV und der VfL aufeinanderprallen. Die Voraussetzungen für ein intensives und spannendes Spiel sind gegeben, denn der HSV muss gewinnen, und der VfL, der in meinen Augen auch noch eine Minimal-Chance auf Europa hat, auch. Beide müssen Gas geben, und das kann und wird nur zum Wohle aller Fans sein. Auf einen Tipp möchte ich mich nicht festlegen, aber der VfL ist ja bekanntlich sehr auswärtsstark – es wird nicht leicht für den HSV.“

Das weiß auch Frank Arnesen. Der Sportchef: Wir stehen vor drei Finals, Wolfsburg ist das erste davon. Wir spielen zu Hause, wir müssen auch zeigen, dass wir zu Hause spielen – gegen Düsseldorf zuletzt ist es uns gelungen, denn wir haben gewonnen. Gegen den VfL müssen wir dieselbe Einstellung auf den Platz bringen, wie in der ersten halben Stunde gegen Düsseldorf.“ Der Däne war gestern Gast beim Training, war auch heute dabei und unterhielt sich lange Zeit mit Thorsten Fink. Über die Lage sagte Arnesen: „Zwei Tage vor einem Spiel ging es heute recht locker zu, es wurde viel gelacht – so muss es auch sein. Man muss entspannt sein, und ab Sonnabend wird sich dann konzentriert, dann kommt die Spannung bei den Spielern. Erst die Freude, und dann alle Energie für diese 90 Minuten. Ich will eine HSV-Mannschaft sehen, die diszipliniert spielt, die konzentriert spielt, und in der jeder Spieler seine Duelle gewinnen will. Jeder muss jedes Duell gewinnen wollen, das will ich sehen.“

Das HSV-Team wird am Sonntag nicht nur körperlich gefordert sein, sondern auch mental. Immerhin geht es um – wahrscheinlich – die letzte Chance, das Ticket nach Europa zu lösen. Es ist also auch eine Frage des Kopfes. Frank Arnesen ist davor nicht bange: „Die Mannschaft hat es im vergangenen Jahr, als es gegen den Abstieg ging, gezeigt, dass sie dass kann, dass sie damit umgehen kann. Sie ist damals damit sehr gut umgegangen, deswegen sehe ich diesbezüglich keinerlei Probleme.“ So sehen es wahrscheinlich auch die meisten HSV-Fans. Die lagen am vergangenen Wochenende, nach dem 1:4-Debakel auf Schalke, alle am Boden, die meisten davon sind auch erst am Mittwoch oder Donnerstag erst wieder aufgestanden – aber nun sind sie auch wieder da. Voll da. Sieg gegen Wolfsburg, davon waren heute so viele Trainingskiebitze überzeugt – restlos überzeugt.

Ist es nicht phänomenal, wie schnell die HSV-Fans doch vergessen können? Spätestens am Freitag ist alles wieder gut, dann ist selbst ie größte Wunde wieder verheilt – dann beginnt die Zeit der Träume. „HSV-Sieg“ – es gibt ja gar nichts anderes. Arnesen lacht: „Solche Einstellung ist auch genau die richtige, solche Einstellung muss es auch bei jedem unserer Spieler geben. Die müssen auch sagen, dass sie Wolfsburg weghauen, ganz klar – wir spielen zu Hause, wir haben noch etwas aufzuholen. Natürlich wissen wir, dass Wolfsburg die drittbeste Auswärtsmannschaft ist, dass der VfL jetzt schon lange nicht mehr verloren hat, aber wir müssen auf uns selbst gucken. Wir haben in dieser Saison schon gute Spiele zu Hause angeliefert, weitaus bessere als in der Spielzeit davor, und deswegen gilt es für uns nun, diese Reihe der guten Spiele fortzusetzen.“

Die hat es, um ein wenig Wasser in den Wein zu kippen, sicherlich gegeben. Aber es gab auch Spiele wie die gegen Fürth, Augsburg und Freiburg, die waren dann doch nicht ganz so geglückt. Daran sollten sich die HSV-Spieler dann doch besser nicht orientieren. Ich wollte wissen, ob auch Frank Arnesen vorher noch mit der Mannschaft sprechen wird, aber er sagt: „Ich spreche mit dem Trainer, der Trainer spricht mit der Mannschaft. Ich habe viel Vertrauen zu Thorsten Fink. Wir haben nach dem Schalke-Spiel gesprochen, das ist jetzt aber abgehakt, es geht weiter – und jetzt sind die Spieler wieder gefragt. Jeder weiß, um was es geht.“

Ein anderes Thema schwebt in diesen Tagen und Wochen stets über dem Sportchef: Spielerverkäufe. Erst muss verkauft werden, bevor eingekauft werden kann. Wie weit sind die Verkäufe gediehen? Arnesen: „Da ist noch nichts passiert. Das ist auch völlig normal, denn das Geschäft fängt im Juni an, nachdem die Saison beendet worden ist. Aber trotz allem rede ich jetzt schon viel, ich rede mit Beratern und auch mit Spielern, die zu uns kommen wollen. Aber meine Hauptaufgabe ist erst einmal die, zu verkaufen. Das wissen wir. Und wir wollen die Spieler behalten, die uns weiterbringen sollen.“ So war die Situation ja auch schon vor einem Jahr. Arnesen erinnert sich: „Damals musste ich auch verkaufen, um dann Rene Adler, Artjoms Rudnevs und Milan Badelj holen zu können, und ich habe verkauft. Gökhan Töre und Paolo Guerrero waren das. Im Winter aber war das sehr schwer denn jeder weiß, dass die Ein- und Verkäufe zu 90 Prozent im Sommer stattfinden.“

Immerhin wissen die Verantwortlichen des HSV, dass sie etwas tun müssen – bezüglich der kommenden Saison. Frank Arnesen: „Ich rede viel mit Thorsten Fink, wir sind uns einige darüber, dass wir Verstärkungen brauchen. Aber wir werden darüber erst offensiv werden, wenn die Saison beendet ist. Erst kommen die drei letzten Spiele, und wenn die absolviert worden sind, dann reden wir mit den Spielern. So oder so.“ Der HSV sucht, das ist ja schon durchgesickert, einen Innenverteidiger und einen großen Stürmer. Mindestens.

Spieler, die beim HSV bleiben – oder auch gehen müssen – die werden im Moment von Frank Arnesen bearbeitet. Jaroslav Drobny gehört dazu. Arnesen: „Ich bin ganz positiv, aber leicht wird es nicht. Denn Drobo, der gemeinsam mit seinem Berater mit mir ganz offen spricht, hat einige gute Angebote von Clubs, bei denen er als Nummer eins spielen könnte.“ Es geht auch um Dennis Diekmeier, der wohl bleiben dürfte, und es geht im Tomas Rincon, der noch ein Jahr Vertrag hätte. Beste Voraussetzung, um den HSV in diesem Sommer zu verlassen denn dann kassiert der Club noch Ablöse. Arnesen: „Tomas ist ein hervorragender Junge.“ Stimmt. Aber das zeigt er regelmäßig nur in seiner Nationalmannschaft, nicht so sehr beim HSV. Weil er so konstant ja auch selten einmal spielen durfte. Es geht auch um Sven Neuhaus. Das wurde ja zuletzt schon als fast perfekt gemeldet, und da ist es wohl auch. Es sollen nur noch Nuancen fehlen – und dann die beiden Unterschriften. Arnesen: „Es sieht in diesem Fall sehr gut aus, wir sind uns zu 99 Prozent einig.“

Klingt gut. Neuhaus ist ein Super-Typ, der bestens zum HSV passt. Und zu allen anderen „Patienten“: Gut Ding will Weile haben.

Zunächst aber geht es ja auch nur um die drei letzten Bundesliga-Spiele: Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen. Und dann wird ein Schlussstrich gezogen und abgerechnet. Aber auch erst dann.

PS: Schnell mal wieder in eigener Sache. Wir sind am Sonntag unmittelbar nach dem Schlusspfiff wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung, unsere Gäste werden diesmal das HSV-Vorstandsmitglied Oliver Scheel und der frühere HSV-Profi Tobias Homp sein – ich freue mich schon sehr auf die beiden Herren. Und ihr seid hoffentlich wieder bei und mit uns, es würde uns auf jeden Fall freudig stimmen. Ein schönes Wochenende für euch und eure Lieben.

PSPS: Das HSV-Abschlusstraining am Sonnabend ist nicht öffentlich.

17.53 Uhr

Fink outet sich: “Mein Ziel ist die Europa League”

30. April 2013

Der Typ ist witzig, da lege ich mich fest. Und das sage ich gern auch gegen den Widerstand meiner Kollegen, nachdem Jaroslav Drobny noch immer aus nur ihm bekannten Gründen Gespräche mit der Presse boykottiert. Was aber noch viel wichtiger als sein Sympathiefaktor ist, ist seine Leistungsstärke. Und die hat der Tscheche zuletzt beim 1:0-Erfolg gegen Mönchengladbach unter Beweis gestellt. „Er ist da, wenn man ihn braucht“, hatte der damals noch als Kapitän fungierende Heiko Westermann gesagt – und er hat echt. Hoffentlich. Denn auch am Sonntag beim Spiel gegen den wieder erstarkten VfL Wolfsburg steht Drobny zwischen den Pfosten. Was er dazu sagt? Uns natürlich weiterhin nichts…

Muss er aber auch nicht. Besser ist eh, er lässt Taten sprechen. Und davon gehen beim HSV alle aus. Allen voran Trainer Thorsten Fink.“ Drobo ist ein richtig guter Keeper, dass wir dem voll vertrauen, muss ich gar nicht sagen. Wir haben mit ihm eine zweite Nummer eins, der sich als Teamplayer hervorgetan hat und der für genau diese Momente arbeitet.“ Für die Spiele. Wobei es fast widersprüchlich klingt, immerhin scheint sich Drobny mit der Rolle des Ersatzmannes abgefunden zu haben. Sagt ebenfalls Fink. „Drobo ist die Nummer zwei, ohne, dass er Ansprüche stellt. Er ist für diesen Fall da.“ Eben als Ersatz für den am Sonntag gelbgesperrten René Adler. „Wenn der Verein es finanziell schafft, soll er Drobo behalten. Ganz klar.“ Und Fink verrät auch gleich, warum er dem Verein dazu geraten hat, den Vertrag mit dem 33-Jährigen zu verlängern: „Drobo ist ein Keeper, der auch die Nummer eins sein könnte. Und ich habe mit ihm gesprochen – er hat auch Bock zu bleiben. Obwohl er weiß, dass wir mit René eine andere Eins vor ihm haben.“

Warum sich aber ein Keeper, der zumindest noch immer zum erweiterten Kader der tschechischen Nationalmannschaft gehört, mit dieser Rolle zufrieden gibt? Dafür gibt es nach meinen Informationen mehrere Gründe: Erstens, weil er hier sehr gut bezahlt wird. Zweitens, weil sich seine Familie und er in Hamburg sehr wohl fühlen. Drittens, weil er mit 33 Jahren nirgendwo mehr einen langfristigen Vertrag bekommt und sich für ein Jahr nicht mehr den ganz großen Umzugsstress antun will. Und viertens, weil seine alles andere als jugendlichen Knie und Knorpel ihm sehr dankbar sind, wenn sie nicht wöchentlich der Wettkampfbelastung ausgesetzt sind. Wobei viertens auch der Grund ist, weswegen er (drittens!) nirgendwo mehr langfristige Verträge bekommt.

Egal wie, am Sonntag steht Drobny im Tor und wird versuchen, seinen Teil dazu beizutragen, das heute – man höre und staune – von Trainer Thorsten Fink erstmals offiziell und öffentlich ausgegebene Ziel Europa League zu schaffen (siehe auch im Video: www.facebook.com/groups/matzab). Es sei in der Summe immer noch eine Überraschung, dennoch sei drei Spieltage vor Schluss bei einem Punkt (plus ein nicht mehr aufzuholendes Torverhältnis) Rückstand nichts anderes mehr auszugeben. „Den Gedanken hatte ich schon lange. Aber es hat keinen Sinn gemacht, ihn öffentlich zu formulieren. Weder nach den drei Niederlagen in Folge, noch nach den zwei Siegen. Und klar ist auch: unser Ziel hat sich im Laufe der Saison verändert. Daher gilt ab jetzt: offenes Visier und los!“

Klingt doch gut. Wie so oft. Die Frage ist nur, inwieweit die Mannschaft diesem Druck gewachsen ist. Bislang war sie s nicht. Sie unterlag regelmäßig in den so genannten Big-Point-Spielen. Das letzte Mal deutlich am vergangenen Sonntag mit 1:4 in Gelsenkirchen. Das wiederum war Anlass genug für Fink, auch mal laut die Qualitätsfrage zu stellen. Denn, das ist unverkennbar, dieser Mannschaft fehlt es an Qualität. Fußballerisch – und mental. Und während sich der junge Fußballprofi, wie er beim HSV aktuell vielfach vorzufinden ist, eine gewisse Reife dank der vielen Erfahrungen im Laufe der Zeit aneignen kann, lernt von den aktuellen HSV-Profis wohl keiner mehr den Fußball neu. Soll heißen: Es muss nachgebessert werden, wenn man seinem Ziel entsprechend auch fußballerisch international-tauglich aufgestellt sein will. Auch deshalb hat Fink dies jetzt – noch – leise formuliert. „Ich habe keine 20 neuen Profis gefordert“, relativierte er heute, „aber wir müssen punktuell nachbessern. Zuletzt Schalke hat gezeigt, dass uns noch etwas fehlt. Für ganz oben reicht es nicht.“

Wobei hier eines nicht missverstanden werden darf: Mit ganz oben meint Fink einen der Champions-League-Ränge, die paradoxerweise bis zum 1:4 tatsächlich aus eigener Kraft machbar waren für den HSV.

Nein, Fink spricht offen an, was alle wussten: diesem HSV fehlt fußballerische Qualität. Da dem Klub gleichzeitig auch das nötige Kapital fehlt, um noch mal nachzubessern, hat Fink sich gedacht, mache ich doch eine Win-Win-Situation daraus. Also formulierte er seine Forderungen, entzog sich selbst ein wenig der Verantwortung („Es fehlt Qualität für oben“) und vermittelte seinen Kickern eine Portion Zusatzmotivation, indem er sie so unter den Druck setzte, sich zeigen zu müssen. Denn, und das halte ich für absolut legitim und auch notwendig, Fink will sich bis Saisonende alle Spieler genau ansehen und dann entscheiden, wer bleiben soll und wer gehen kann. Dass der Klub etliche Akteure verkaufen muss, wissen alle. Wer also bleiben will, muss Gas geben.

Zumindest im Optimalfall. Denn, dass Druck auch negative Auswirkungen haben kann, zeigt das Beispiel Heung Min Son. Der Südkoreaner steht seit Wochen im Mittelpunkt diverser Transfergerüchte und Vertragsverhandlungen mit dem HSV. „Das ist Stress und sicher nicht optimal für mein Spiel“, sagte der Angreifer in der vergangenen Woche und fügte optimistisch hinzu: „Aber ich versuche es nicht an mich heranzulassen.“ Auf Schalke schien dieser Versuch bei ihm wie bei fast allen Mitspielern – Jansen, Adler und mit Abstrichen Westermann nehme ich mal raus – gescheitert. Und für das Wolfsburg-Spiel könnte das auch bedeuten, dass Son aus der Sturmmitte rausrückt. „Es ist sehr gut möglich, dass ich Artjoms Rudnevs wieder beginnen lasse“, sagt Fink. Das würde allerdings nicht zwangsläufig eine Rotation Sons auf die Bank nach sich ziehen. Immerhin könne der auch auf der Außenbahn spielen. Zudem werden Dennis Diekmeier nach abgesessener Gelbsperre und Milan Badelj wieder ins Team rücken. Sofern der Kroate fit bleibt. „In der Abwehr werde ich ansonsten nichts verändern. Wer für Milan weichen muss, ist noch nicht klar.“ Allerdings deutet vieles darauf hin, dass es Dennis Aogo treffen wird, nachdem Fink zuletzt Arslan immer wieder positiv hervorgehoben hatte.

Abwarten. Es sind noch vier Trainingseinheiten bis zum Spiel eins nach Finks Outing. „Drei Spiele, die schwierig sind“, so der Coach heute, „aber eben auch absolut machbar. Wir haben allen Grund, optimistisch nach vorn zu schauen. Zumal wir meistens nach einem schlechten Spiel ein sehr gutes haben folgen lassen. Deshalb noch mal deutlich: wir wollen unsere letzten Spiele gewinnen und unser Ziel erreichen: die Europa League.“

Wir auch. Ich auch.

Also, dreimal noch Augen zu und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durch. Und am Ende rechnen wir ab. Denn, bei allem Verständnis für die Kritiker unter uns, sollte es die Europa League werden, hätte es die Mannschaft trotz aller Mängel verdient. Weil die Konkurrenz nicht besser ist.

In diesem Sinne, bis morgen, da wird übrigens um zehn Uhr an der Arena trainiert. Mit Dieter als Beobachter. Euch allen einen schönen Tanz in den Mai garniert mit einem Fußballfest aus Madrid.

Scholle

P.S.: Manfred Ertels unüberlegter Post auf seiner Facebook-Seite hat inzwischen auch die Münchner erreicht. Wie mir mein Münchener Kollege heute aus Barcelona mitteilte, ist die Geschäftsführung der Bayern AG ziemlich verstimmt über den schlechten Scherz des HSV-Aufsichtsratsvorsitzenden. Im Moment soll das Champions-League-Halbfinale nicht gestört werden – allerdings soll es nach der Partie in Barcelona am Mittwoch einen Brief an den HSV geschickt werden, in dem Ertel, den ich heute nicht erreichen konnte, aufgefordert wird, sein Handeln zu erklären. Sofern er dies bis dahin nicht bereits gemacht hat. Fortsetzung folgt…

Das große Zittern um van der Vaart

27. April 2013

Die Aufregung war zunächst riesig. Um 14.31 Uhr verließ Rafael van der Vaart das Trainingsgelände neben der Arena. Bei ihm Mannschaftsarzt Dr. Wolfgang Schillings. Beide machten ernste Gesichter, „Rafa“ fasste sich immer wieder an den hinteren rechten Oberschenkel. Zerrung? Muskelfaserriss? Alles war denkbar. „Ich habe ein Ziehen verspürt“, sagt der „kleine Engel“ und machte sich auf den Weg in die Kabine. Als Trainer Thorsten Fink folgte, machte der eine noch ernstere Miene. Und sagte dabei: „Das sieht nicht gut aus.“ Und während sich der Coach auf den Weg in die Kabine machte, um sich näher um den Oberschenkel des Niederländers zu kümmern, schossen die verbleibenden HSV-Profis auf das Tor, in dem sich abwechselnd Rene Adler und Jaroslav Drobny versuchten. Um 16.14 Uhr gab es dann aber in Sachen van der Vaart so etwas wie eine kleine Entwarnung. Es ist wohl nichts gezerrt, nichts gerissen, es ist wohl nur „etwas“ gereizt. Rafael van der Vaart ist mit auf die Reise nach Gelsenkirchen gegangen, er wird heute noch reichlich behandelt – und dann wird er morgen am Vormittag versuchen, was möglich ist. Es darf, das trifft es aber in jedem Fall, bis kurz vor dem Anpfiff in der Schalke-„Halle“ gezittert werden. Kurz-Kommentar“ von HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf: „Rafa sitzt hier frohen Mutes neben mir, er hofft auf die intensiven Behandlungen – und dass er dann auch gegen Schalke spielen kann . . .“

Nebenbei tat sich in Sachen Personal an diesem Sonnabend doch noch einiges. Auch Dennis Aogo verließ etwas eher den Trainingsrasen, aber er gab mir Entwarnung: „Es ist nichts, was ich nicht schon vorher hatte und wusste, ich kann spielen und werde nicht ausfallen.“ Definitiv nicht dabei ist allerdings Jeffrey Bruma, der sich heute wegen einer Magen- und Darm-Grippe abmeldete und gar nicht erst in den Volkspark gekommen war. Fest steht zudem, dass auch Milan Badelj den Weg Richtung Gelsenkirchen nicht mit angetreten hat, der „Sechser“ muss passen und auf den nächsten Sonntag, auf die Partie gegen den VfL Wolfsburg hoffen.

Apropos Wolfsburg. Die „Zweite“ des HSV spielte heute gegen die Kollegen der Wölfe, die mit dem „Star“ Patrick Helmes angetreten waren. Der frühere Nationalspieler, der sich bei den Profis „zu wenig bewegt“ (so Trainer Dieter Hecking) blieb aber absolut blass, bewegte sich eher so wie ein „parkender Geldschrank“ und musste so mit ansehen, dass der HSV 1:0 gewann. Das entscheidende Tor zum 1:0-Sieg erzielte Stürmer George Kelbel in der 76. Minute per (umstrittenen) Foulelfmeter. Bis zur 65. Minute hatte beim HSV auch Ivo Ilicevic mitgespielt, dann wurde der frühere Lauterer ausgewechselt, da er mit den Profis nach Gelsenkirchen musste.

Im Tor der „Zweiten“ spielte Sven Neuhaus, der einen souveränen Job machte und ein stets sicherer Rückhalt war. Neuhaus bleibt dem HSV übrigens auch weiterhin erhalten, denn der Vertrag des Torhüters Nummer drei wurde jetzt um ein Jahr verlängert. „Weil er nicht nur ein guter Torwart ist, sondern ein hervorragender Teamplayer. Sven ist ein intelligenter Mann, der seine Intelligenz nicht für sich, sondern für die Mannschaft einsetzt. Er passt wunderbar zu uns, deswegen haben wir ihn gehalten“, sagt Sportchef Frank Arnesen – und ich habe ihm zu dieser Entscheidung spontan gratuliert. Und gratuliere nun auch Neuhaus. Der Mann ist ein Vorbild-Profi, gibt im Training immer alles, legt stets eine Super-Einstellung auf den Platz. Gut ist ferner, dass der HSV Neuhaus nicht nur als Keeper weiter beschäftigt, sondern ihn auch in irgendeiner Form auf der Geschäftsstelle arbeiten lassen wird. Auch das ist eine großartige Entscheidung. Dieser Mann hat es einfach drauf.

Kurz noch einmal zurück zur „Zweiten“. Die siegte völlig verdient mit 1:0 gegen Wolfsburg, denn der VfL-Nachwuchs war – etwas überraschend – die schwächere Mannschaft vor 170 Zuschauern in Norderstedt. Beim HSV, der trotz des Sieges Tabellenletzter bleibt (abgesehen vom bereits ausgemusterten VfB Lübeck), spielten auch die talentierten Christian Norgaard und Valmir Nafiu mit, beide boten eine engagierte und gute Leistung. Gut gefielen mir ebenfalls Janek Sternberg und Kapitän Henrik Dettmann. Am Rande aufgefallen: Die Partie wurde geleitet von Schiedsrichterin (!) Imke Lohmeyer, und die junge Frau hatte keinerlei Schwierigkeiten und pfiff ausgezeichnet – Kompliment. Und das beobachteten von der Tribüne aus auch der frühere St.-Pauli-Trainer Andreas Bergmann (zuletzt VfL Bochum) und St.-Pauli-Sportchef Rachid Azzouzi. Letzterer, obwohl der St.-Pauli-Nachwuchs fast zeitgleich in der Oberliga bei Weiche Flensburg spielte. Dazu passend auch der Spielausgang in der A-Jugend-Bundesliga: St. Pauli besiegte heute in den Mittagsstunden den abstiegsgefährdeten HSV mit 1:0.

So, zurück zu den Profis. Da stand heute – für mich – auch Torwart Nummer zwei im Brennpunkt, denn Drobny hielt nicht nur gut, er war auch glänzend gelaunt und sorgte für beste Stimmung auf dem Platz, unter den Kollegen. Der Tscheche hat es drauf, auf jeden Fall lässt er sich nie hängen, sondern zeigt sich als ausgezeichneter Teamplayer. Und so einer ist wichtig für die Mannschaft. Das weiß auch Sportchef Arnesen, der sagt: „Wir sind im Gespräch mit Jaro, wir würden seinen Vertrag gerne verlängern, aber das ist nicht so einfach. Jaro hat einige Angebote, und zudem ist eine Vertragsverlängerung auch für uns natürlich eine Frage des Geldes.“ Der HSV will nicht mehr so viel zahlen, wie bisher – und ob Drobny diese Abstriche hinnehmen wird, das darf doch bezweifelt werden.

Vielleicht hilft ja das Spiel auf Schalke. Sollte der HSV gewinnen, dann winkt eventuell doch ein internationaler Startplatz – und somit etwas mehr, etwas mehr Geld in der Kasse. Sollte van der Vaart morgen aber tatsächlich passen müssen, dann würde Tolgay Arslan auf die vordere Position im Mittelfeld wechseln (müssen), und Tomas Rincon würde neben Dennis Aogo auf die „Sechs“ gehen (müssen). Und wo ich gerade dabei bin: Gespannt bin ich wirklich sehr, wie sich Jacopo Sala hinten rechts aus der Affäre ziehen wird. In meinen Augen ist es ja ein kleines Risiko, das der HSV (und Thorsten Fink) da eingeht, denn der Italiener dort hinten, das ist Neuland für ihn. Beim Training heute hat Sala allerdings einen guten Eindruck hinterlassen, schoss sogar zweimal gefährlich auf (und über) das Tor, das von Drobny gehütet wurde.

Morgen gegen 19.20 Uhr werden wir wissen, was Sala gemacht hat – und der HSV ebenfalls. Geht es nach oben, oder bleibt es doch eher bei und um Platz acht? Vieles hängt jetzt auch von Rafael van der Vaart ab, würde er ausfallen, wäre das eine gravierende Schwächung – aber das weiß jeder.

So, nun noch schnell in eigener Sache: Morgen sind „Scholle“ und ich wieder im Block House Eidelstedt, um von dort „Matz ab live“ zu senden. Gäste sind herzlich willkommen, unsere eingeladenen Gäste sind diesmal der frühere HSV-Profi (und Nationalspieler) Klaus Zaczyk sowie der ehemalige HSV-Torwart Jürgen Stars. Wäre toll, wenn ihr wieder mit von der Partie sein würdet.

17.11 Uhr

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