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Jakobs: “Aus der Not eine Tugend machen”

7. März 2014

„Davon lassen wir uns nicht blenden. Der HSV hat ein großes Potenzial, egal ob da nun gegen uns einige Spieler ausfallen sollten. Bei uns fallen auch einige wichtige Spieler aus. Der HSV wollte zu Beginn dieser Saison einen Platz in der Europa League, die wussten schon, warum. Das ist eine Mannschaft, die erstklassig besetzt ist, egal ob da einige fehlen – oder auch nicht. Natürlich haben die Hamburger nicht damit gerechnet, dass sie nun im Abstiegskampf stehen, aber das haben sie in Stuttgart auch nicht. Jetzt ist es so, und sie müssen die Situation annehmen. Wir werden auf jeden Fall hoch konzentriert in dieses Spiel gehen, denn wir wollen etwas aus Hamburg mitnehmen.“ Das hat Armin Veh gesagt, der Frankfurter Trainer, der sich natürlich bestens auskennt mit dem HSV. Immer noch, denn so lange ist es ja noch nicht her, dass er hier tätig war. Genau vom Juli 2010 bis März 2011. Auf die Frage, ob Armin Veh immer bestens informiert sei über die Verletzten-Misere in Hamburg, ob er immer wisse, wer nun noch beim HSV ausfällen würde, antwortete Veh wie es für Veh typisch ist: „Ich habe eine Standleitung zu Mirko, der informiert mich sofort, wenn wieder einer seiner Spieler nicht gegen uns spielen kann . . .“ Gelächter. Auch vom Eintracht-Trainer selbst.

Dabei ist diese Partie alles andere als spaßig. Es geht ja für beide Clubs (!) ums nackte Überleben. Allerdings steht dem HSV das Wasser deutlich höher bis zum Hals, und irgendwie passt es zur derzeitigen Lage, dass es so viele Verletzte gibt wie seit Jahr und Tag nicht mehr. Ich habe kürzlich, vor dem Chile-Länderspiel, von einem Dortmunder Nationalspieler gehört, dass kein anderer Bundesliga-Club in dieser Saison ein so großes Verletzungspech gehabt hat, wie der BVB, und da dachte ich im Stillen schon: „Dann, mein Junge, dann hast du den HSV nicht auf dem Zettel . . .“ Mehr Pech geht doch gar nicht. Der HSV hatte schon oft eine solche schwierige Phase zu durchleben, wenn ich mich recht erinnere, dann war es auch in der Ära Thomas Doll ganz, ganz haarig. Im Herbst 2006 musste er in Moskau mit dem allerletzten Aufgebot spielen – in der Champions League! Mir tat der Trainer damals leid, letztlich denke ich heute noch, dass Doll an dieser Verletzungs-Misere gescheitert ist.

Schlimm war es auch weit vor dieser Zeit. Im September 1989, als Willi Reimann HSV-Trainer war. Am 20. September trat der HSV im Nordderby gegen Werder Bremen an – vor 14 000 (!) Zuschauern im Volkspark. Die meisten Fans werden dieses Spiel allein deswegen in Erinnerung haben, weil sich damals Ditmar Jakobs so schwer verletzte, dass er seine großartige Karriere beenden musste. Vor diesem Werder-Spiel hatten die meisten in Hamburg einen riesigen Bammel, denn beim HSV fehlten Stammspieler wie Dietmar Beiersdorfer, Hans-Werner Moser, Sascha Jusufi, John Jensen, Nando und Oliver Bierhoff. Reimann musste auf Jünglinge wie Jörg Bode und Holger Ballwanz bauen, auf der Bank saßen Ralph Jester und Oliver Geier, die noch kein Bundesliga-Spiel bestritten hatten. Als sich „Jako“ in der 14. Minuten so schwer verletzte (er hing im Karabinerhaken des Tores vor der Ostkurve fest), kam Jester als Ersatzmann – es blieb der einzige Bundesliga-Einsatz des ehemaligen Jugend-Nationalspielers. Und dennoch, trotz des personellen Dilemmas, siegte der HSV am Ende 4:0 gegen die Bremer, die Tore erzielten damals Armin Eck, Ballwanz, Thomas von Heesen und Bode. Ausgerechnet Ballwanz und Bode, die Nobodys, trafen! Zur Nachahmung empfohlen – zum Beispiel morgen, gegen Eintracht Frankfurt.

An das damalige Spiel im September 89, sein letztes überhaupt, kann sich Ditmar Jakobs noch genau erinnern. Auch die prekäre Personal-Situation – vor dem brisanten Derby.

Jakobs sagt rückblickend: „Die Saison 1989/90 war auch, wie heute, sehr schwierig für den Club. Damals ging vieles schief, es gab üble Verletzungen und etliche Ausfälle. Aber wir wussten damals schon recht früh, dass es um die Existenz gehen würde und haben diesen Kampf angenommen. Obwohl wir mit Armin Eck, Thomas von Heesen, Sascha Jusufi und Harald Spörl, um nur einige zu nennen, fußballerisch durchaus Potenzial hatten. Dass ich dann nach dem Spiel gegen Bremen und dem Unfall ausfiel, hat die Mannschaft damals eher noch ein wenig beflügelt, wenn man das so sagen darf. Wir sind dadurch enger zusammengerückt – ansonsten hätten wir die Klasse nicht gehalten.“

Dann fügt der frühere Nationalspieler noch hinzu: „Manchmal sind es die hoffnungslosesten Situationen, in denen große Mannschaften geboren werden.“

Ach, Ditmar, wenn es doch nur wahr werden würde . . .

Zur heutigen Misere sagt der große Kämpfer von einst: „Das Verletzungspech ist momentan schon arg, zugegeben, aber die Mannschaft kann die Situation auch ins Positive verkehren, und daraus eine Tugend machen. Jetzt kann sie sich den nötigen Zusammenhalt für den Abstiegskampf holen, wenn sie die Situation annimmt und fit ist. Ab jetzt gehen alle Spiele nur noch über den Willen. Und Erfolge bringen den Glauben zurück. Eine tolle Mischung, die sich die Mannschaft hart erarbeiten muss.“

Abstiegskampf bis zuletzt. Darauf läuft es hinaus. Hoffentlich. Nicht dass der HSV nun in den kommenden Wochen frühzeitig absackt und ganz ans Tabellenende rutscht und dann vorzeitig abgeschlagen ist. Ditmar Jakobs meint zur Lage der Rothosen: „Das wird eine ganz, ganz harte Saison für uns. Gegen Schalke wurde Jo-jo mit uns gespielt, und auf der Tribüne hatten nicht wenige Fans oder Ehemalige Angst, dass die Mannschaft nicht fit genug ist für den Abstiegskampf. Aber das scheint der Trainer ja ähnlich zu sehen, wenn er nun härter trainieren lässt.“

Diese Angst begleitet den HSV ja schon seit geraumer Zeit. Wobei ich extra das Wort „geraumer“ genommen habe, denn das ist ja relativ. Aber es haben sich eben über lange Strecken viele Altmeister Gedanken über die körperliche Verfassung gemacht – Ditmar Jakobs dazu: „Abstiegskampf ohne Fitness funktioniert ebenso wenig wie allein übers Spielerische den Abstiegskampf meistern zu wollen. Keine Mannschaft darf sich nur auf ihr Talent verlassen. Im Gegenteil: Genau darin steckt die größte Gefahr. Es muss beides da sein. Und die Fitness ist die Basis für alles.“

Fitness ist ein Punkt, Technik ein anderer. Das Spielerische ist ebenso wichtig, das weiß auch Trainer Mirko Slomka, der sicher ist: „Es ist jetzt sicher Kampf gefragt, aber nur Kampf wäre zu wenig, es gehört auch dazu, dass wir Fußball spielen.“ Natürlich. Versucht wurde das ja auch oft genug, aber oft genug hat es ja genau daran gehapert. Ditmar Jakobs sagt: „Diese HSV-Mannschaft hat keinen Vorarbeiter. Aber sie hat einige, die es sein könnten – wenn sie denn körperlich austrainiert und topfit sind.“

Ja, es sind viele Fehler in der Vergangenheit gemacht worden, auch ein ganz großer (oder riesiger) bei der Zusammenstellung dieses Kaders. Gelegentlich höre ich – auch von Ehemaligen – dass „da wohl Ahnungslose am Werk gewesen sein müssen“. Oder solche Leute, die eher an den Geldbeutel gedacht haben, als an eine Mannschaft. Wobei ich auch Geldbeutel einmal so stehen lasse – an welchen Geldbeutel auch immer.

Ditmar Jakobs hat als Mitstreiter bei und für „HSVPlus“ ganz sicher andere Vorstellungen von einem bestens funktionierenden Bundesliga-Verein. Und er sagt mit einem Blick auf die jetzt schon finstere Vergangenheit: „Es ist sicher nicht der Moment, alles laut zu diskutieren, dafür ist die Situation zu ernst. Aber man darf es deshalb nicht vergessen. Es muss zu gegebener Zeit alles analysiert werden. Vielleicht sogar noch detaillierter denn je, damit solche Situationen künftig vermieden werden können.“

Es wäre zu hoffen.

Übrigens: Morgen, nach dem Spiel, sind wir wieder mit „Matz ab live“ auf Sendung, und unsere („Scholles“ und meine) beiden Gäste sind zwei Altmeister: Harry Bähre und Horst Heese, der den HSV einst in einer ganz, ganz schwierigen. Fast hoffnungslosen Lage, gerettet hat. Ditmar Jakobs über den Mann, der seit Jahrzehnten in Belgien lebt: „Einen wie Horst Heese hat die heutige Mannschaft nicht. Horst kam damals und hat alle mit seiner Art angesteckt und mitgezogen. Er war das Vorbild für die vielen Jungen, die damals beim HSV hochgezogen worden waren. Und dieser Horst Heese ist ein Sinnbild für einen erfolgreichen Abstiegskampf.“

Auch deshalb, weil Heese ja nicht nur auf dem Platz den Gegner weggeräumt und weggearbeitet hat, sondern weil er auch in den eigenen Reihen mächtig dazwischengehauen hat. „Weicheier“ hatten nach der Verpflichtung Heeses keine Chance mehr, weder „Weicheier“ noch Stars, die tatsächlich glauben, dass sie Stars sind. Und sich dann dementsprechend benehmen.

Beim heutigen Abschlusstraining fehlte Rafael van der Vaart, er wird also gegen Frankfurt ebenso fehlen wie Petr Jiracek, Pierre-Michel Lasogga, Marcell Jansen, Maximilian Beister, Lasse Sobiech, Zhi Gin Lam, Kerem Demirbay, Slobodan Rajkovic und Torwart Jaroslav Drobny.

Mit von der Partie war wieder Hakan Calhanoglu, und der schoss gleich zu Beginn des Trainings einige Male recht herzhaft auf das Tor, sodass man davon ausgehen kann, dass er morgen auch spielen wird. Auch Ivo Ilicevic war dabei, wirkte auf mich etwas dynamischer als sonst. Einen guten Eindruck, jetzt bitte nicht lachen und nicht wundern, machte auf mich auch Robert Tesche. Jawohl, Robert Tesche. Aber im Training ist das ja immer so, da zeigt er gute und beste Leistungen, aber im Spiel . . .

„Die Stimmung ist angespannt“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer, „aber das muss sie auch sein.“ Zumal wichtige Spiele gegen direkte Konkurrenten in den nächsten Wochen anstehen. Dass eine dezimierte Elf gegen Frankfurt beginnt, will Kreuzer nicht thematisieren. Sehr wohl aber die Bedeutung der nächsten Partien. „Die nächsten Partien sind die Basis für den Endspurt. Viele sprechen von vier wichtigen Spielen – ich sehe eher noch elf wichtige Spiele. Und die beginnen gegen Frankfurt.“

So, um uns mal vorsichtig heranzutasten, „Scholle“ und ich (wir sind heute gemeinsam am Start – „Scholle“ sprach mit Jakobs und Kreuzer) versuchen uns einmal mit einer Aufstellung für morgen:

Adler; Diekmeier, Mancienne, Djourou, Westermann; Badelj, Arslan; Rincon, Calhanoglu, Ilicevic; Zoua.

So, ein ganz anderes Thema noch am Rande, einige werden es vielleicht schon wissen, aber es passt auch ein wenig in diese HSV-Zeit, in der ein Mann wie Günter Netzer die Charakter-Frage bezüglich des aktuellen Teams stellte. Um die Jahrtausendwende gab es beim HSV eine nicht unbedingt gute Mannschaft, aber es war eine verschworene Gemeinschaft, die Spieler verstanden sich prächtig – und deswegen gab es auch Erfolge, die so nicht unbedingt zu erwarten waren. Zu diesem HSV-Team gehörten damals Andrej Panadic und Niko Kovac. Letzterer ist Nationaltrainer Kroatiens geworden, und „Pana“ hat in seiner Heimat den Fußball-Lehrer erworben, als Jahrgangsbester mit der Note eins. Kovac berief nun Panadic in sein WM-Team in Brasilien – als Analytiker und als Scout. „Pana“ musste bei Verbands-Boss Davor Suker „antanzen“ und vorsprechen, dann war die Sache perfekt. Ich finde das ein Parade-Beispiel dafür, dass man sich als ehemaliger Mitspieler durchaus für den anderen verwenden kann. Ob das auch bei diesem heutigen HSV-Team eines Tages der Fall sein wird – da beschleichen mich doch arge Zweifel. Und, auch das noch ergänzend: „Panas“ Sohn Matteo, der auch hier in Hamburg (beim HSV) sein Talent einmal vorstellen durfte (und nicht genommen wurde), ist inzwischen bei Austria Wien gelandet. Ich bin gespannt, wie er sich dort weiterentwickeln wird.

Dann noch etwas ganz, ganz anderes, und das hat unser „dritter Mann“ von „Matz ab“ entdeckt – Lars Pegelow. Er schrieb mir: „Heute ging eine Mail raus an die Anleihen-Zeichner. Da heißt es gegen Ende:

Alle möglichen und nötigen Schritte werden bis zur Entscheidungsreife vorbereitet. In Abhängigkeit von der sportlichen Entwicklung werden diese Entscheidungen zu gegebener Zeit getroffen und der weitere Zeitplan des Projektes HSV-Campus gestaltet.”

Ich (LP) habe mit HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow darüber gesprochen. „In Abhängigkeit von sportlicher Entwicklung” bezieht sich demnach auf den Fall, dass der HSV absteigt. Im Klartext wird es dann wohl zu Verzögerungen beim Campus-Bau kommen (abgesehen davon, dass aktuell auch noch die endgültigen Bau-Genehmigungen fehlen).

So, wir sind am Ende der Gemeinschaftsproduktion, dann drückt bitte dem HSV alle Daumen, damit es nicht noch weiter nach unten geht.

Nur der HSV! Mehr denn je!

17.57 Uhr

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