Arnesens Nachfolge Thema im Aufsichtsrat – der Blog ***Neu: Rettig sagt dem HSV ab***
21. Mai 2013
***Rettig sagt ab: Wunschkandidate Andreas Rettig hat dem HSV abegsagt. Der DFL-Geschäftsführer soll dem Vernehmen nach Zweifel gehabt haben, ob er durch die öffentliche Hängepartie sich und seinem aktuellen Arbeitgeber, für den er erst seit sechs Mopnaten tätig ist, Schaden zufügt. “Ich habe einen bis Ende 2015 laufenden Vertrag beid er DFL, den werde ich erfüllen. Das habe ich auch Liga-Präsident Rauball mnitgeteilt.”***
Es geht in die Vollen. Und das weniger unerwartet als viele meinen. Denn dass der Aufsichtsrat nicht wirklich zufrieden mit der Arbeit des Sportchefs war, hatte ich hier bereits vor einigen Monaten das erste Mal geschrieben. Auch, dass man sich Gedanken darüber machen würde, wie man sich auf der Position optimal besetzen könne. Vor allem: ob mit oder ohne Arnesen. Und in dieser Frage scheint eine Entscheidung gefunden zu sein: es wird wohl ohne den Dänen geplant. Inwieweit das jetzt schon für die aktuelle Kaderplanung zutrifft – offen. Zuletzt hatte sich Arnesen zusammen mit Trainer Thorsten Fink nach Mailand begeben um dort mit Bojan Krkic zu sprechen. Allerdings heißt es intern schon seit längerer Zeit, Arnesen sei nicht mehr alleiniger Entscheider und nicht mehr erster Ansprechpartner. Und der Neue stünde schon vor der Tür.
Dass hier plötzlich Leute die Arnesen-Bilanzen loben ist legitim. Was auch sonst? Stichwort Meinungsfreiheit. Dass sich aber einige hier aufschwingen und einen Manager wie Andreas Rettig als zu kleine Lösung abqualifizieren – Respekt! Der Mann hat schon ein paar Stationen hinter sich, hat Erfahrungen in Leverkusen, Freiburg, Köln und Augsburg gesammelt. Und er arbeitet bei der DFL als Geschäftsführer in einer Position, die nicht wirklich als ABM-Stelle ausgeschrieben wurde… Dem jetzt nachsagen zu wollen, er könne nicht HSV – ohne mich.
Allerdings, über die Eignung darf diskutiert werden. Wobei für mich entscheidend ist, dabei die Relationen im Blick zu behalten. Auf die Frage, warum Arnesen nicht in seinem warmen Nest in Chelsea geblieben ist, gibt es beispielsweise eine klare Antwort: Chelsea hatte Arnesen bereits im Laufe der Saison freigestellt, noch bevor er beim HSV unterschrieben hatte. Die sich daraus ergebende Gegenfrage „warum hat Arnesen seinen Job in Hamburg dann nicht deutlich eher angetreten?“ ist ebenso schnell und klar beantwortet: Er hätte beim FC Chelsea auf viel Geld verzichten müssen. Hat er aber nicht. Auch das ist okay. Wenn er es ehrlich zugeben würde. Was er nicht will. Aber auch damit kann ich leben.
Leben müssen wir alle mit einem Füllhorn neuer Sportchefs in Hamburg. Das gehört in solchen Phasen dazu. Obwohl der eine noch gar nicht gegangen ist, werden schon neue Namen gehandelt. Ob es ihn nachdenklich stimmt, so wenig Wertschätzung zu erfahren? „Nachdenklich nicht“, antwortet Arnesen, „was bedeutet schon Wertschätzung? Ich bin ein Profi und weiß, wie das Geschäft funktioniert.“ In aller Härte.
Und so werden in den nächsten Tagen weitere Namen kommen. Neben Rettig kommen auch Jörg Schmadtke und Oliver Kreuzer wieder aufs Trapez, zudem dürften altbekannte Namen wie Dietmar Beiersdorfer und sogar Martin Jol schnell aufgenommen werden. Bis auf Jol haben alle Kandidaten schon Gespräche mit Vereinsoffiziellen geführt, in denen mal so ganz nebenbei und unverbindlich die grundsätzliche Bereitschaft abgefragt wurde. Und Jol würde sich laut englischen und niederländischen Medien für den Managerposten interessieren. Kurios. Allerdings bringt der “Engländer” den Faktor, ein echter Sympathieträger zu sein, mit. Und dieser Faktor ist im Aufsichtsrat nicht zu unterschätzen.
Wobei die Räte intern gerade gar nicht sympathisch miteinander umgehen und eher mal wieder ein wenig verstimmt sind, ob des eigenwilligen Handelns einiger im Personalausschuss (Ertel, Jens Meier, Christian Strauß, Eckart Westphalen). Die waren nicht offiziell vom Gremium beauftragt worden, mit Kandidaten zu sprechen – taten dies aber nachweislich. „Wir werden nie einen geschlossen auftretenden Verein haben können, wenn wir in unserer Funktion nicht geschlossen und loyal auftreten“, kritisiert ein Aufsichtsrat. Und während dieser Kontrolleur überrascht über den Zeitpunkt der Diskussion ist, sagte mir heute ein anderer am Telefon: „Die Diskussion ist keinem neu. Aber sie gehört normalerweise nicht ins Vorfeld einer Saisonbilanz.“ Und die soll dem Vernehmen nach am 30. Mai stattfinden, wenn sich der Vorstand inklusive Frank Arnesen vor dem Aufsichtsrat verantwortet.
Vor allem aber wird klar: in Hamburg dreht sich das Transferkarussell mal wieder falsch herum. Anstatt jetzt eine ausgewogene Spielersuche und Kaderplanung umzusetzen, wird der Sportchef in Frage gestellt. Zu spät – oder eben zu früh. Eines von beiden ganz sicher. Aber sicher ist auch, dass das jetzt der falsche Zeitpunkt ist. Immerhin ist Arnesen der Mann, dem man bei seiner Vertragsunterschrift in Hamburg alleinige Verantwortung zugesichert hatte. Der Mann, der zum teuersten Sportchef der Vereinsgeschichte aufstieg. Aber vor allem ist der Däne derjenige, der den Kader für die neue Saison plant. Er stellt zusammen mit dem Trainer eine Wunschliste zusammen, anhand derer die Gespräche mit den neuen geführt werden. Und er bringt seine Philosophie ein – bislang. Geht es nach dem Aufsichtsrat soll er dies nicht mehr lange verantworten.
Allerdings ist dieses Vorgehen fragwürdig, will man nicht die kommende Saison mit Nachteilen beginnen. Käme jetzt ein Neuer, ich bin mir ganz sicher, der würde mit vielen Arnesen-Ideen nicht so glücklich, weil er seine eigenen hat. Und der Neue hätte nicht die Zeit und den Vorlauf, alle Problemzonen beim HSV zu erkennen und gegenan zu arbeiten. Dafür aber hätte er immer die Ausreden, eben all die eben genannten Umstände erlebt zu haben. Auch er wäre frühestens ab der Wintertransferperiode wirklich zu beurteilen.
Warum also so spät mit dieser Diskussion begonnen wird? Keine Ahnung. Bislang galt ein Arnesen-Rauswurf als nicht zu realisieren, da eine saftige Abfindung fällig würde. Hintergrund: Arnesens Vertrag mit einem Jahresgehalt von knapp zwei Millionen Euro per annum läuft noch bis 2014. Die Diskussion – das muss hier erwähnt werden – gibt es jedoch schon seit Monaten. Auch hier im Blog geschrieben, wenn Ihr Euch erinnert. Arnesen wurden zu lange Urlaube, zu wenig Transfererlöse im vergangenen Winter und ein unzureichendes Netzwerk vorgeworfen. Dem Mann wohlgemerkt, der bei seinem Einstieg als „Sportchef mit dem dicksten Telefonbuch“ vorgestellt wurde. Daran bestanden bei der Vorstellung neuer Spieler bereits erste Zweifel. Die fehlenden Verkäufe in diesem Winter gaben den meisten Aufsichtsräten den Rest. Die Frage aber ist: Reagiert der Aufsichtsrat zu spät? Oder ist er voreilig? Beides könnte fatale Folgen haben.
Obwohl auch klar ist, dass das Thema jetzt Fahrt aufgenommen hat und bei der heutigen Aufsichtsratssitzung weiter aufnehmen wird. Dort sollte es kurz einberufen eigentlich nur um die Verlängerung des Vertrages von Frank Heinemann gehen, der in sechs Wochen ausläuft – der aber von Arnesen ebenso wenig wie von seinen Vorstandskollegen bearbeitet geschweige denn verhandelt wurde. „Wir werden auch über andere Dinge sprechen, so viel ist klar“, kündigte ein Aufsichtsrat an – verstimmt über die ratsinterne Informationspolitik. Das Thema Ertel/Hoeneß hingegen soll nicht aufgenommen werden.
Eigentlich wollte ich Euch jetzt schon mit der einen oder anderen Neuigkeit aus der AR-Sitzung kommen. Allerdings ist damit heute eher nicht zu rechnen. Wird gemutmaßt. Die Herren tagen aber noch. Die beiden zu verlängernden Verträge werden wohl abgestimmt – und dieses Ergebnis liefere ich Euch dann sofort mit – aber in Sachen Arnesen soll es heute kein offizielles Statement geben. Sollte sich das wider Erwarten ändern, werde ich den Blog ebenfalls noch mal aktualisieren.
Bis dahin Euch allen erst einmal einen schönen Abend. Bis gleich. Oder morgen. Da ist kein Training, da die Mannschaft in Neuruppin weilt und dort dem Vernehmen nach eine Menge Spaß hat. Noch mit Arnesen, der morgen (am Mittwoch) wieder nach Hamburg reist, um sich dort mit der gesamten Scoutingabteilung zusammenzusetzen.
Scholle
*****Ergänzung: Nachdem die AR-Sitzung um kurz nach Mitternacht beendet war, wollten sich die Kontrolleure nicht zum Thema Arnesen äußern. Außer, dass der Däne zusammen mit seinen Vorstandskollegen den Vertrag für Drobny nachverhandeln solle. Soll heißen: der erste Vertragsentwurf für den Ersatzkeeper wurde vom AR abgelehnt. Zu teuer…
Fortsetzung folgt.