Archiv für das Tag 'Drobny'

Noch mal Malente – als Vorbereitung auf den Karlsruher SC

24. Mai 2015

Es ist die Relegation geworden, Fußball-Gott sei Dank. Das führt dazu, dass die meisten HSV-Fans erst einmal für ein, zwei Tage mal kräftig durchzuatmen. Bevor es dann am Donnerstag wieder ans Eingemachte geht. Es gibt nach Abendblatt-Informationen nur noch 7000 Karten für das Spiel gegen den Karlsruher SC, der sich heute durch einen 1:0-Erfolg die Chance auf den nachträglichen Aufstieg sicherte. Wer also noch live dabei sein will, der sollte sich sputen. Das Spiel wird ausverkauft sein, wahrscheinlich hätte der HSV diese 90 Minuten Zusatzzeit zwei- oder dreimal ausverkaufen können. Zum Glück ist es so. Und zum Glück rennen diese Super-Fans dem HSV weiterhin die „Bude“ ein. Und sie sind ein wunderbarer zwölfter Mann für dieses Team geworden, keine Frage. Es ist einfach nur großartig, wie die Hamburger Anhänger ihre Truppe unterstützt – traumhaft.

Stefan Böger, unser Gast bei „Matz ab live“ hatte es uns erzählt: Er beobachtete sogar die Seitenwahl ganz genau, und er schilderte: „Johan Djourou hatte die Wahl gewonnen und suchte sich sehr genau aus, wie er spielen wollte.“ Erst sollte der HSV gen Süden spielen, dann gegen den fantastischen Norden. Und das klappte. Nach der Nullnummer in Halbzeit eins wurde der HSV im zweiten Durchgang noch durchdringlicher nach vorne gepeitscht – und schoss die beiden siegbringenden Tore. Davon sollte es eine Wiederholung geben – an diesem Donnerstag.

Denn eines sollte sich dieser HSV vornehmen – und es somit besser machen als noch vor einem Jahr: Tore im Hinspiel schießen. Vor einem Jahr gab es gegen Greuther Fürth bekanntlich ein 0:0 – zu wenig eigentlich, um überleben zu können. Es gelang trotz allem. Diesmal sollten möglichst genügend Tore erzielt werden, sodass man schon mit einem beruhigenden Vorsprung zum Rückspiel fahren könnte. Ich weiß, ich weiß, keine Panik, das ist natürlich ein ganz frommer Wunsch, und solche Wunschkonzerte werden auch in Relegationsspielen ganz, ganz selten mal erfüllt, aber hoffen darf man doch mal – oder?

Zumal der HSV diesmal doch unter anderen, besseren Voraussetzungen in die Relegation geht. Vor einem Jahr kam der HSV aus einer Niederlagen-Serie heraus in die beiden Spiele, das Selbstvertrauen war total auf der Strecke geblieben. Außerdem war die Mannschaft damals in einem katastrophalen Fitness-Zustand, denn spätestens nach 70 Minuten hatte kein HSV-Spieler mehr die nötigen Körner, um noch eine Normalform abrufen zu können. Ganz eklatant war es im Rückspiel in Fürth, da ging nach 70 Minuten (oder schon eher?) nichts mehr. Nur Jaroslav Drobny hielt die Mannschaft damals in der Ersten Liga. Nur der HSV-Keeper, damals die eigentliche Nummer zwei. Unvergessen, diese Super-Leistung des Tschechen, der diesmal bekanntlich ausfallen wird (Schultereckgelenksprengung).

Diesmal macht Rene Adler den Drobny. Keine Frage. Deutschlands ehemaliger Nationaltorwart ist super drauf, hält seit Wochen die tollsten Dinger – und schwierigsten Sachen. Adler ist super drauf, und er hat ja auch gestanden, dass er Spaß an diesem Abstiegskampf hat. Das möge bis morgen in einer Woche, dann bis möglichst kurz vor Mitternacht, so bleiben. Und wird es wohl auch – wenn nichts mehr Gravierendes dazwischenkommt. Zum Glück für den HSV hat sich Adler wieder ein eine ganz, ganz prächtige Form hineingesteigert, zum Glück. Das macht ihn jetzt besonders wertvoll.

Ähnlich verhält es sich mit Heiko Westermann, der gestern in der 82. Minute ausgewechselt werden musste – der Abwehrrecke war mit seinen Kräften, eigentlich völlig untypisch für ihn, am Ende, und zwar restlos. Westermann war nicht verletzt, er hatte einfach in diesen 82. Minuten alles gegeben, er war rauf und runter gelaufen, half auch fast überall aus, so kennt man ihn – das war eine vorbildliche Vorstellung des ehemaligen Nationalspielers.

„Heiko war k.o., nicht verletzt. Aber genau das habe ich gewollt, das brauchen wir – dafür haben wir ja Dennis Diekmeier draußen sitzen. Der hat sich über das Training wieder sehr gut reingearbeitet, das habe ich schon im Training gesehen – der brennt. Deswegen ist es gut, dass einer, der dann nicht mehr kann, es auch signalisiert – dann können wir auf der Bank reagieren.“

Ein ähnliches Pensum wie Westermann hatte gegen Schalke Ivica Olic absolviert. Und dazu noch das so wichtige 1:0 geschossen. Bruno Labbadia über seinen ältesten Feldspieler: „Ivi hat ein riesiges Laufpensum absolviert – wie alle Spieler. Er hatte aber nach diesen 90 Minuten auch große körperliche Probleme, denn sein Rücken hatte gegen Ende komplett zugemacht – also gestern wirkte er tatsächlich wie ein alter Mann. Es gab auch kleinere Probleme mit den Adduktoren, aber für uns war wichtig, dass das nicht schwerwiegender Art ist.“ Zum 1:0 von Olic befand der Coach: „Für ihn hat mich besonders gefreut, dass er das Tor gemacht hat, denn die Situation ist für ihn jetzt, nach seiner Rückkehr zum HSV, ja nicht besonders einfach. Aber er ist ein erfahrener Mann, und einem Offensivmann tut ein Tor immer ganz besonders gut – deswegen ist jetzt das Allerwichtigste, dass wir seinen Rücken wieder freibekommen, damit er am Donnerstag spielen kann.“
Ganz speziell an diesem Olic-Treffer war ja, dass er den Ball mit rechts in die lange Ecke schoss! Mit rechts. Dieses rechte Bein hat er eigentlich nur, damit er nicht umkippen kann…

Bruno Labbadia sprach heute mit uns, „Scholle“ hat dieses Gespräch aufgezeichnet, dieses Video könnt Ihr Euch hier ansehen. Später, als „Scholle“ nicht mehr aufnahm, gab es noch eine kleine Fortsetzung mit Labbadia, und das Wichtigste davon habe ich geschrieben. Oder schreibe es jetzt noch. Zum Beispiel sprach Bruno Labbadia noch über das Spiel. Für ihn war es ein „riesiges Spiel“ seiner Mannschaft. Wir hatten bei „Matz ab live“ aber über die erste Halbzeit, die ja doch viele Quer- und Rückpässe gebracht hatte (vom HSV), gesprochen und vermutet, dass der Trainer seiner Mannschaft eine gewisse Zurückhaltung in Halbzeit eins auferlegt hatte. So hatte es auch Stefan Böger vage vermutet – oder auch nur in den Bereich einer Möglichkeit gezogen. Labbadia dazu: „Es steht ja auch ein Gegner auf dem Platz. Und Schalke hat definitiv keinen Millimeter abgeschenkt. Wir haben sie dazu gebracht, dass sie irgendwann den Widerstand aufgegeben haben. Aber nur deshalb, weil wir dagegengehalten haben. Deswegen sage ich, dass wir auch in der ersten Halbzeit ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht haben.“

Über die Fehler, die sich in das Spiel seiner Mannschaft im ersten Durchgang eingeschlichen hatten, befand Labbadia: „Das habe ich zur Halbzeit angesprochen, wir die Konter nicht gut ausgefahren haben, und wir sind nicht konsequent in den Strafraum gegangen, obwohl dazu mehrere Möglichkeiten gehabt haben.“ Der HSV-Trainer weiter: „Wenn man zwei Tore in der zweiten Halbzeit schießt, dann ist man schnell dazu geneigt zu sagen, dass die zweite Halbzeit besser war, aber ich finde, dass wir in der ersten Halbzeit die Ruhe bewahrt haben. Wie will man schnell spielen, wenn der Gegner die Räume so geschickt zustellt. Und das hat Schalke gut getan. Die standen kompakt. Das ist die italienische oder englische Schule von Trainer Di Matteo, er achtet darauf, dass die Passwege geschickt zugestellt werden. Darauf warten sie nur, um dann zu kontern. Wir haben ihnen aber diese Möglichkeiten nicht gegeben. Wir haben ruhig gespielt, wir haben variabel gespielt, wir haben den Ball und den Gegner laufen lassen. Und wenn der Gegner viel laufen muss, dann lässt er irgendwann auch mal nach – das war eine Marschroute, unsere Marschroute.“

Eine schöne Erklärung des Trainers. Die aber wahrscheinlich für einen ehemaligen HSV-Profi nicht so richtig zählt. Für. Wer? William „Jimmy“ Hartwig. Den gibt es. Immer noch. Heute ist er Schauspieler, aber ab und an sagt er auch etwas über den Fußball allgemein und den HSV ganz speziell. Bei „Spox“ meinte Hartwig nach dem 2:0-Sieg über Schalke: „Ich ärgere mich über die Wettbewerbsverzerrung von Schalke. Das ist eine Unverschämtheit von einer Mannschaft, die im Europapokal mitspielen will, keine Gegenwehr zu zeigen. Der HSV hat sich Mühe gegeben, aber sie haben ja keine Gegenwehr gehabt. Das ist so traurig für die Freiburger. Dass sich der HSV jetzt wieder auf den 16. Platz gerettet hat, das befriedigt weder mich noch die anderen ehemaligen HSV-Spieler.“ Und auch das noch: „Der HSV hat wieder das Glück, auf dem Relegationsplatz zu stehen, Dann jubeln sie alle, wie toll der Verein ist, dabei ist er marode und von oben kaputt. Das ist das, was mich am meisten ärgert.“ Zudem offenbarte Hartwig: „Auch wenn ich mal mit den ehemaligen Kollegen wie Manni Kaltz oder Felix Magath spreche – ein schöner Ab- und Aufstieg wäre angebracht gewesen.“

Kann man ja mal sagen, wenn einem danach ist. Aber wer will das eigentlich lesen – oder hören? Von Hartwig? Der ist hier bei jedem Heimspiel zu sehen – natürlich nicht. Aber von solchen Herren gibt es eben immer noch so viele. Nie hier, aber über den HSV reden. Aber auch solche muss es geben. Wahrscheinlich. Hartwig ist da nicht allein.

Schnell noch zu etwas Wichtigerem: Petr Jiracek ist verletzt, hat heute auch nicht trainiert. Weil er vor zwei Tagen im Training einen Schlag auf den Knöchel bekommen hatte. Labbadia: „Es war eigentlich zuerst gar nicht so schlimm, aber jetzt ist es plötzlich dick geworden, er hat Schmerzen. Er hat gestern noch auf die Zähne gebissen, aber heute ging es nicht mehr, jetzt müssen wir abwarten, bis die Schwellung zurückgeht, um zu sehen, wie schwer die Verletzung ist.“

Und nun zu Scholles Teil:

Der Karlsruher SC ist es also geworden. Wobei, bevor ich über den KSC schreibe, an dieser Stelle meinen allerherzlichsten Glückwunsch an unseren Stadtrivalen FC St. Pauli, der sich trotz der 0:1-Niederlage in Darmstadt die Klasse rettete! Chapeau, FC St. Pauli, Herzlichen Glückwunsch zur Rettung, Ewald Lienen! Wir nehmen das mal als gutes Omen für den Hamburger Existenzkampf im Fußball…

Und wenn wir schon anderen gratulieren, dann natürlich dem SV Darmstadt 98. Nachdem sich Darmstadt 98 sensationell wie ich finde, den Aufstieg in die Erste Liga verdient hat, mussten sich die heute extrem souverän auftretenden Badener mit der Relegation gegen den HSV zufrieden geben. Und ich sage es vorweg: Der Anspruch des HSV muss der Klassenerhalt bleiben. In der Relegation ist man zweifellos auch gegen den KSC haushoher Favorit. Dennoch muss ich unseren Matz-ab-Live-Gästen Jan-Christian Müller und Stefan Böger Recht geben, ich hätte angesichts der heutigen Leistung tatsächlich am liebsten den FCK genommen, der ohne den nicht einmal für den Kader nominierten Kerem Demirbay („Ich weiß nicht, warum ich gar nicht dabei war“) gegen den 80%-Ingolstädter Zweitligameister trotz der Führung letztlich enttäuschte. Dieser KSC hingegen war 1860 München die gesamten 90 Minuten überlegen und spielte das so wichtige Spiel erstaunlich gelassen und unaufgeregt runter. In dieser Verfassung, da verrate ich kein Geheimnis, ist der KSC ein ganz harter Brocken.
Ein Brocken mit Selbstvertrauen. „Irgendwann ist Hamburg dran. Warum nicht dieses Jahr…“ – das sagte KSC-Keeper Orlishausen und weiß, wovon er spricht. Immerhin schlug er den HSV vor drei Jahren als Nummer eins mit dem KSC im DFB-Pokal als damaliger Drittligist 4:2, nachdem die Hamburger durch Marcus Berg und Maxi Beister sogar zweimal in Führung gegangen waren. Ich war damals live vor Ort und saß bei gefühlten 100 Grad Celsius neben einem KSC-Reporter, der damals vom mitspielenden Hakan Calhanoglu schwärmte und parallel nicht aufhören konnte, über einen zu schimpfen: Rouwen Hennings. Der war damals erst beim HSV dann beim FC St. Pauli gescheitert, ehe er beim landete und sich dort inzwischen zum Führungsspieler gemausert hat. Dass er jetzt gegen seinen Jugendclub antreten muss – es stört ihn nicht. „Egal gegen wen, die Relegation ist eine Riesenchance und wir wollen unsere tolle Saison krönen“, so Hennings.

Und tatsächlich ist die Chance für diesen KSC groß. Nach Meister Ingolstadt hat man das beste Torverhältnis und nicht allein ob des Topwertes von nur 26 gefangenen Gegentreffern auch die beste Abwehr. Mit gewissen Parallelen zum HSV sogar, denn auch die beiden KSC-Innenverteidiger Gordon und Gulde schädeln nahezu jeden hohen Ball raus und spielen eher rustikal denn filigran. Für den HSV, der zuletzt vermehrt auf Standards setzen konnte, dürfte es mit derselben Taktik beim KSC schwer werden.

Fakt ist jedenfalls, dass der HSV auf eine tief stehende, gut verteidigende und bei Kontern gefährliche Zweitligamannschaft trifft. Nicht unbedingt das Profil, das diesem HSV liegt. Allein über die rechte Verteidigerseite geht nach vorn immer wieder mal die Post ab. Während Max auf links zumindest heute verhältnismäßig ruhig spielte, sorgte Rechtsverteidiger Enrico Valentini vor allem im Duett mit dem quirligen Torschützen Manuel Torres immer wieder für Gefahr vor dem gegnerischen Tor. Wobei ich glaube, dass das schnelle, dribbelstarke und kurze Leichtgewicht Torres (1,75 Meter) gut zu unserem nicht minder schnellen Linksverteidiger Matthias Ostrzolek (1,78 Meter) passen dürfte.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Restsonntag und einen hoffentlich schönen, sonnigen Pfingstmontag. An diesem findet allerdings kein Training statt, die Mannschaft startet dafür um 16.30 Uhr ins Trainingslager nach Malente. Aber: bevor ich mich hier verabschiede, erlaubt mir (Scholle) bitte noch ein Wort zu Hartwigs Aussagen:

Dass der eigenwillige Offenbacher gern mal einen raushaut, ist bekannt und mir grundsätzlich auch nicht unsympathisch. Er war immer so und ist es noch immer. Aber jetzt als Ex-HSVer dem Verein mehr oder weniger deutlich den Abstieg zu wünschen, das finde ich daneben. Auch Hartwig weiß um die finanzielle Situation beim HSV und kann sich ausmalen, wie schwer ein Abstieg wiegen würde. Und egal wie berechtigt sich die 83er-Helden als Helfer beim „neuen HSV“ auch übergangen fühlen, in einer solch gefährlichen Situation wie aktuell sollte man mehr Zusammenhalt erwarten können. Alles, was er heute gesagt hat, hätte auch noch diese acht Tage bis zum Klassenerhalt Zeit gehabt.

Bis dahin,
Dieter und Scholle

P.S.: Was ich (Dieter) wieder einmal vergessen habe (Asche auf mein Haupt!) – in der Hektik: „Matz ab live“ von gestern ist natürlich wieder eine Sendung, die vom Abendblatt-TV hergestellt wurde, die beiden Regisseure waren Volker Sarbach und Axel Leonhard. Unterstützt werden wir alle von unserem Premium-Partner Maske, die Auto-Langzeitvermietung.
Und dann möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bei unseren Gästen Jan-Christian Müller (Frankfurter Rundschau) und Stefan Böger (ehemaliger HSV-Profi und DDR-Nationalspieler) bedanken, die wieder einmal ganz hervorragende Analytiker waren. Gerne immer wieder, denn so macht es riesigen Spaß – nicht nur, wenn der HSV gewinnt. Aber natürlich auch, ganz klar.

Heese: “Es ist jetzt ein anderer Geist drin!”

15. Mai 2015

Zursicher

Mal sehen, was die Affen morgen so machen. Mit Affen sind die Spieler des VfB Stuttgart bezeichnet worden – von ihrem Trainer, ging ja auch Land auf, Land ab in den Zeitungen rauf und runter. So ist Huub Stevens eben. Was er auf der Zunge hat, muss raus. Und er hat es diesmal bestimmt auch deshalb rausgelassen, weil er mit dieser Beleidigung auch noch seinem letzten Spieler sagen will, dass hier allerhöchste Konzentration angesagt ist. Niemand darf auch nur einen Millimeter nach lassen, das wollte Stevens erreichen. Und er hatte auch deshalb die ganz Aufmerksamkeit, weil beim VfB Stuttgart, der ansonsten oft abgeschottet (also ohne Fans) trainiert, am Vatertag jeder Fan willkommen war. Stevens wollte mit seiner Härte auch demonstrieren, dass der Fokus nur auf diesem Abstiegs-Endspiel zu liegen hat. Ganz Stuttgart redet seit Tagen nur noch von dem Spiel gegen den HSV, das Stadion ist mit 60 000 Zuschauer seit Wochen ausverkauft – und 6000 Hamburger werden versuchen, sich in diesem Hexenkessel Gehör zu verschaffen. Und obwohl die Schwaben ja noch immer Tabellenschlusslicht sind, herrscht am Neckar große Zuversicht, dass der VfB an diesem Sonnabend gegen 17.20 Uhr den HSV um einen Punkt hinter sich gelassen hat. Es ist für das Ländle das Spiel der Spiele, und der Optimismus ist deswegen so groß, weil der VfB zuletzt stets gute oder sogar beste Leistungen gezeigt hat.

 
Was die meisten VfB-Fans aber in dieser Situation oft verschweigen: Der Tabellenletzte hat seit September 2013 (!) kein zweites Spiel in Folge mehr gewonnen. Seit September 2013! Und zuletzt siegte der VfB bekanntlich 2:0 gegen Mainz 05. Hält diese Negativserie an? Oder schafft es der HSV, so wie er es leider schon so oft geschafft hat, diese Serie zu durchbrechen – und das Schlusslicht so wieder aufzubauen? Was für Stuttgart außerdem ein Horror-Szenario ist, das ist die Tatsache, dass ausgerechnet Bruno Labbadia dem VfB den Gnadenstoß versetzen könnte. Jener Labbadia, der einst sehr wohl Erfolge mit dem VfB vorweisen konnte, der dann aber trotz allem, da gibt es sicher Parallelen zum HSV, vor die Tür gesetzt worden war, weil sich die Verantwortlichen und die Fans mehr erhofft hatten. Heute gibt es in Stuttgart nicht wenige, die meinen, dass die Labbadia-Gegner von damals heute sehr wohl Abbitte leisten müssten, denn nach dem damaligen Abgang des Trainers ist beim VfB nichts besser geworden. Im Gegenteil.

 

Im Ländle regnete es heute, am Sonnabend aber soll die Sonne scheinen. In Hamburg ist es genau umgekehrt. Mal sehen, wie sehr die Punkteverteilung dafür sorgt, dass in einem Fan-Lager so oder so die Sonne scheinen wird. Wir hoffen natürlich, dass es hier trotz des Regens reichlich Sonnenschein geben wird . . .
Beim VfB Stuttgart sind, um mal die sportliche Seite zu beleuchten, alle Mann an Bord. Diejenigen Spieler, die leicht angeschlagen in die Woche gegangen waren, wurden oftmals geschont, mussten nicht immer alle Einheiten mitmachen. Morgen aber wird jeder von ihnen bei 100 Prozent sein. Und besonders auf die Offensive hoffen die Schwaben. Die behaupten, dass es noch nie einen Tabellenletzten in der Bundesliga gegeben hat, der auf eine solche Super-Offensive setzen und bauen und hoffen kann. Vorne sind drei blitzgefährliche Angreifer unterwegs: In der Mitte der ehemalige Millerntor-Bomber Ginczek, links der Sprinter Kostic, rechts der unberechenbare Harnik, und dahinter der schnelle und technisch versierte Didavi, der nach einer längeren Verletzungspause jetzt wieder zur alten Form zurückkehren will – und schon auf dem besten Wege ist. Er wird der HSV-Defensive extrem viele Kopfschmerzen bereiten – neben den Stürmern.

 

Beim HSV herrschte heute nicht nur wegen des guten Wetters beste Stimmung. Bis auf Valon Behrami und Nicolai Müller konnten alle Spieler trainieren. Eine Stunde gab es Programm. Nach dem Aufwärmen folgte ein Spiel fünf gegen fünf gegen fünf. Und danach gab es reichlich Standards. Eckstöße, Freistöße, von links und von rechts zur Mitte gebracht. Meistens von Rafael van der Vaart geschlagen, aber auch Lewis Holtby und Ivo Ilicevic versuchten sich. Mit den Standards wurde ein wirklich lange Zeit verbracht. Zum Schluss folgte Spaß-Training. Die Spieler durften, so sah es aus, das machen, wozu sie Lust hatten. Lange Pässe, kurze Pässe, Torabschlüsse – Flanken. Wobei auch Bruno Labbadia tüchtig mitmischte. Der Coach schlug die Bälle aus dem Anstoßkreis heraus auf die linke Seite, wo Matthias Ostrzolek die Kugel meistens mit der Brust stoppte – um dann aus dem Lauf heraus zu flanken. In der Mitte hatte dann die Angreifer ein Spielchen mit Torwart Jaroslav Drobny zu laufen. Vorher wurde angesagt, wie viele Tore sie aus acht Flanken machen – und der oder die Verlierer mussten danach Liegestütze absolvieren. Da es ein nicht-öffentliches Training war, sah ich nicht alles, gefühlt würde ich sagen, dass die Angreifer mehr Liegestütze machen mussten. Und um ehrlich zu sein, ich habe Drobny nicht am Boden gesehen. Wer Rene Adler dabei vermisst: Der Stammkeeper war nach einer Stunde in die Kabine gegangen, nur mal so, es sah nicht danach aus, als drücke Adler auch nur ein kleiner Schmerz.
Übrigens sah Club-Chef Dietmar Beiersdorfer heute dem Training zu, nach dem Ende der Einheit ging er dann mit einer asiatischen Delegation (sah nach einem jungen Spieler aus) in das Umkleidehaus im Volkspark.

 

Aus dem Kader, der heute trainiert hat, blieben der Brasilianer Cleber, Julian Green und auch Maximilian Beister zu Hause.
Schiedsrichter der Partie in Stuttgart wird der Berliner Manuel Gräfe sein, in meinen Augen eine sehr gute Ansetzung, er ist mit dem Münchner Dr. Felix Brych der zurzeit beste deutsche Unparteiische. Aber – man soll den Tag nie vor dem Abend loben. Habe ich zuletzt wahrscheinlich das eine oder andere Mal zu viel gemacht. Deswegen halte ich jetzt mal den Ball flach. Obwohl ich, wenn ich bei Schiedsrichter bin, gleich an Rafael van der Vaart denke, denn der hat bislang neun Gelbe Karten „eingefahren“. Sieht er in Stuttgart noch einmal Gelb, dann fand am Neckar das Abschiedsspiel des „kleinen Engels“ statt. Das wäre doch auch dramatisch. Nicht für jeden HSV-Fan, aber auf jeden Fall für van der Vaart selbst.

 

Aber der Niederländer könnte sich ja auch in Sachen Härte oder auch mit verbalen Entgleisungen zurückhalten, dann passiert eben nichts. Hoffentlich. Ich sprach heute noch mit einem ehemaligen HSV-Spieler, der sich in Sachen Zurückhaltung nie besonders zurückhielt. Sein damaliger Trainer Klaus Ochs hat über ihn einst gesagt: „Auf dem Platz ist er ein Ekel.“ Es geht, einige haben es schon erraten, um Horst Heese. Der heute 71-Jährige lebt schon seit Jahrzehnten in Belgien, verfolgt den HSV, für den er einst „nur“ 41 Spiele bestritt, aber immer noch ganz genau – über das Bezahlfernsehen. Heese wurde damals im Winter 1972 verpflichtet und absolvierte sein erstes Spiel für den HSV am 16. Dezember 1972, bei seinem Debüt gab es eine 0:1-Niederlage – und der HSV stand damals auf dem letzten Tabellenplatz. Trotzdem gab es ein Happy end, dank Heese, der in der HSV-Geschichte den Platz eins als HSV-Retter einnimmt. Er riss die gesamte Mannschaft damals mit, und das waren immerhin Spieler wie Rudi Kargus, Peter Hidien, Manfred Kaltz, Peter Nogly, Klaus Zaczyk, Georg Volkert, Ole Björnmose, Willi Schulz, „Bubi“ Hönig, Caspar Memering, und, und, und.

 

Horst Heese hat in der jüngeren Vergangenheit schon oft um und mit dem HSV gezittert. Diesmal aber schien er mir optimistischer zu sein, denn er sagte: „Das sieht doch jetzt schon wieder viel besser aus, als noch vor ein paar Wochen. Das ist ja jetzt eine ganz andere HSV-Truppe, die kämpfen und hängen sich voll rein – das sieht gut aus, in meinen Augen.“ Den Umschwung hat Bruno Labbadia gebracht, das sieht auch Heese so, denn er befindet: „Sicher hat Bruno viel bewirkt, aber wenn man auf einen schwachen Trainer folgt, dann muss man kein Super-Trainer sein. Da hätte kommen können, wer will, es waren vorher zu viele schwache Trainer da. Wenn die Jungs merken, da vorne steht einer, der versteht sein Handwerk, der hat selbst gespeilt, der weiß wie es geht, dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Aber wenn du da vorne ein paar Flaschen vor der Mannschaft stehen hast, in kurzen Sprinterhosen, dazu mit fünf Handys durch die Luft wirbeln, dann wissen die Spieler doch gleich Bescheid. Der kann denen doch gar nichts erzählen, und wie soll das denn funktionieren?“ Heese: „Wenn wir damals gemerkt haben, dass wir eine Flasche vor uns haben, dann haben wir den sofort auf die Rolle genommen. Wenn der in kurzen Hosen vor uns stand, haben wir schon gegrinst, wenn der dann noch seine Stutzen irgendwie schief angezogen hatten, dann war die Sache für uns gleich klar, was wir da für einen vor uns hatten . . . Wenn du aber einen Trainer hast, der selbst an der Front war, dem nimmst du doch eher ab, was er da erzählt. Und von den schwachen Trainern hatte der HSV zuletzt leider einfach zu viele.“

 

Horst Heese sagt über die heutige HSV-Truppe, und das ist aus seinem Munde gewiss ein riesiges Kompliment: „Jetzt ist wieder ein anderer Geist drin. Und wenn du den Bruno Labbadia siehst, das ist echt, das ist authentisch, er lebt das vor, was da jetzt passieren muss. Die anderen Trainer haben, wenn die Kameras auf sie zukamen, ein verzweifeltes Gesicht gemacht, haben ein wissenschaftliches Gesicht gemacht, oder sie haben ihre Notizblöcke vollgeschrieben. Da waren viele Schauspieler am Werk. Aber Gott sei Dank, sie tanzten nur einen Sommer. In Hamburg jedenfalls.“

 

Horst Heese appelliert – auch für die Zukunft des HSV – an die Ehemaligen des HSV: „Da sind doch so viele Pragmatiker, die müssten mal den Mund aufmachen. Damit die Knalltüten ausgespielt haben, damit der HSV endlich mal einen vernünftigen Trainer bekommt. Diejenigen, die noch den engen Draht zum HSV haben, sollten schon mal häufiger den Mund aufmachen.“ Aber, das vermute ich, es haben in der Vergangenheit vielleicht schon oft den Mund aufgemacht, doch es passierte nichts, ihre Tipps verhallten mehr oder weniger ungehört im Volkspark.

 

Und wie ist Horst Heese mit dem Punkt „Härte“ zurzeit mit den HSV-Spielern zufrieden? Heese: „Das könnte ruhig noch etwas mehr sein, ganz klar. Wobei man Härte nicht mit Unfairness verwechseln darfst. Aber es geht doch jetzt um alles. Man darf nicht von hinten zutreten, du kannst ja auch einen Gegner von vorne stören. Aber du musst fit sein, immer eisern und hart am Mann sein. Heute sieht man auch keine Schnitte, wenn man nicht hundertprozentig fit ist. Dann bist du im heutigen Tempo-Fußball total daneben. Und man muss auch immer schön aufpassen, dass man nicht zu viele Freistöße vor dem eigenen Strafraum verursacht, das kann sich dann auch schnell rächen, wenn der Gegner da Spezialisten hat, die solche Standards zu nutzen verstehen. Also, mehr Härte ja, aber keine Fouls.“
Mal sehen, wie das denn morgen in Stuttgart so laufen wird – in der HSV-Defensive.

 

Ich habe übrigens in die Programm-Zeitschrift „Hör zu“ geblickt, wie der Prominente (jede Woche ein anderer) den Spieltag, besonders den HSV getippt hat. Diesmal ist das Joscha Kiefer (Soko 5113) gewesen, und der tipp Stuttgart – HSV auf 4:0. Oha, ein dickes Ding! Und eine Woche weiter tippt Lukas Hundt (Akte Ex) den HSV gegen Schalke 04 auf 1:0. Mal abwarten, wie sich das alles (schon an diesem Spieltag) da unten entwickelt.

 

So, zwei Personalien habe ich noch:

Lotto King Karl eröffnet an diesem Sonnabend im Stadtpark die Open-Air-Saison – und ich wünsche dem Kult-Sänger und seiner Band alles Gute, viel Glück – und gutes Wetter. Und Euch, die Ihr dabei seid, viel Spaß.

Dann hat sich heute Joe Zinnbauer bei NDR2 zu Wort gemeldet. Der Trainer, der im Moment nicht groß arbeitet, kann sich durchaus vorstellen, dass er in der nächsten Spielzeit wieder die U23 (spielt am Sonnabend um 14 Uhr in Lübeck um Punkte) trainieren wird. Mich würde das sehr freuen, gebe ich zu, denn der „Joe“ hatte diese Truppe doch märchenhaft ins Laufen gebracht. Vielleicht schafft er das denn ja noch einmal, ich glaube, dass die meisten Spieler nichts dagegen hätten. Ich drücke ihm die Daumen, dass es noch einmal weitergehen wird mit ihm – beim HSV.

 

Und wie es dann in der Bundesliga weitergehen wird, das kann man dann wahrscheinlich schon morgen von 17.20 Uhr an etwas klarer sehen, auch wenn bestimmt noch nicht alles restlos geklärt sein wird. Davon gehen ich mal verstärkt aus Drückt dem HSV tüchtig die Daumen, dass auch diesmal das Abstiegsgespenst in andere Städte abzischt. Hat doch 2014 bestens geklappt – oder?

 

In diesem Sinne, kommt gut rein in den 33. Spieltag – und bleibt positiv!

Dieter.

 

18.46 Uhr

René Adler: „Stuttgart ist kein Endspiel!“

12. Mai 2015

Konzentrieren wir uns auf Stuttgart. Als Sinnbild für die notwendige Haltung für dieses vielleicht entscheidende Spiel im Abstiegskampf präsentierte sich heute Torwart Rene Adler. Der 30 Jahre alte Keeper wird nicht nur von seiner Freundin gefordert, wie wir heute lesen konnten, sondern ist auch als Führungsfigur mit einer extrem klaren Einstellung beim HSV gefragt. Selten war es so überzeugend wie heute, was Adler kurz vor dem Ende dieser Saison sagte.

„Ich glaube, es ist der größte Fehler zu denken: Wir fahren nach Stuttgart und es ist ein Endspiel! Für mich ist das kein Endspiel. Die Situation vor drei, vier Spielen war viel aussichtsloser. Wir können aus eigener Kraft die Liga halten. Das ist viel besser, als auf andere angewiesen zu sein.“

„Wir sind alle überzeugt, dass wir es schaffen!“ Immer wieder betont Rene Adler die eigenen Stärken, die er in einen realistischen Kontext setzt. „Wir haben eine Ausgangssituation, die wir uns mit brutal harter Arbeit geschaffen haben. Vor dem Bremen-Spiel haben selbst die größten Optimisten nicht mehr an uns geglaubt. Jetzt haben wir wieder alles in eigener Hand.“ Es werde unter Bruno Labbadia konsequent an der Taktik gearbeitet – und vor allem der Teamgedanke hoch getragen. Diese Einschätzung hören und lesen wir immer wieder in den vergangenen Tagen. Und selbst, wenn wir uns alle fragen, wo bitteschön dieser Teamgedanke vorher war, und ob es sich jetzt nicht alles ein wenig zu pathetisch und mantramäßig anhört – im Moment benötigt der HSV diese positiven Gedanken.

Noch so eine der Weisheiten, die abgedroschen klingen mögen, die aber den Kern treffen: „Wir beschäftigen uns jetzt nicht mit Stuttgart. Wir sehen unsere eigenen Stärken. Klar, der Gegner wird analysiert, aber unser Ziel ist, mit unserer Stärke nach Stuttgart zu fahren, um dort zu gewinnen.“ Überhaupt müsse sich inzwischen jeder Gegner warm anziehen, wenn er auf den HSV treffe. „Wir sind in den letzten drei Spielen zurückgekommen. Immer gab es Niederschläge, und wir haben dennoch reagiert. Kein Gegner kann sich mehr sicher sein, wenn er gegen uns mit 1:0 führt.“

Warum er all diese positiven Eindrücke hat, konnte Rene Adler auch ganz deutlich benennen. „Es macht wieder Freude, Fußball zu spielen“, so Adler. „Natürlich kann man sich Schöneres vorstellen, als im Abstiegskampf zu stecken. Aber ich fahre mit großer Lust zum Stadion und zum Training. Es macht Spaß, mit der Mannschaft zusammen etwas zu entwickeln, was wir dann gemeinsam am Wochenende zeigen wollen. Das spüre ich wirklich.“ Und das alles durch den Trainerwechsel hin zu Bruno Labbadia.

„Wenn ich jetzt sage, was mir gefällt, dann wird es so ausgelegt, als würde ich etwas gegen die anderen Trainer sagen. So ist das nicht gemeint“, stellt Adler klar. „Aber das der Teamgedanke über allem steht, ist einfach Fakt. Vielleicht“, so der Torwart weiter, „ist es vorher auch menschlich gewesen, dass sich jeder Einzelne angesichts des großen Trubels ein bisschen mehr um sich selbst kümmert. Mittlerweile habe ich diesen Eindruck nicht mehr.“

Adler weiter: „Es ist schon so, dass Bruno Labbadia eine Leidenschaft und eine Entschlossenheit und auch Spaß vorlebt, der es ausmacht. Das ist anders als vor ein paar Monaten – unabhängig von meiner Position. Das ist es, was Mannschaftssport ausmacht.“ Dass dann Einzelne hervorstechen, ist ein normales Phänomen. Beispiel Gojko Kacar. „Wie ich Gojko kennen gelernt habe, hat er sich immer aufgeopfert. Harte Arbeit wird immer belohnt. Jetzt hat er die beiden wichtigsten Tore seiner Karriere geschossen. Mit seinem Charakter ist er eine zentrale Figur für unsere Mannschaft.“

Noch einen Vergleich zieht Adler – diesmal nicht zwischen den Trainern, sondern zum Abstiegskampf in der vergangenen Saison: „Letztes Jahr war es unruhiger im Verein. Es war mehr Tumult da. Ich spüre jetzt Geschlossenheit. Von uns wird viel ferngehalten, das ist entscheidend, warum wir so gepunktet haben. Und das ziehen wir jetzt gnadenlos durch, und dann gehen wir alle davon aus, dass wir in den Urlaub fahren als Erstligisten.“

Auf seine eigene Position angesprochen, hatte Adler heute keine Lust, ins Detail zu gehen. Einzelne Personen seien jetzt nicht wichtig, so der Keeper. Und überhaupt: „Fußball ist ein Tagesgeschäft.“ Vergangene Saison wurde Jaroslav Drobny zum Retter des HSV im Abstiegskampf, nun ruht alles Vertrauen auf Rene Adler.

Wichtig für Adler ist neben der absoluten Konzentration auf die anstehenden Aufgaben eine gesunde Mischung aus An- und Entspannung. „Ich war gestern mit Lewis und Pierre Golf spielen“, sagte Adler. „Wir brauchen einfach den sportlichen Wettkampf.“ Aber eben in ungezwungener Atmosphäre ohne Druck. Sieben Tage in der Woche den Kessel unter Volldampf zu halten – davon hält Rene Adler aus seiner Erfahrung heraus wenig. Er erläuterte, dass er sich die anderen Fußballspiele der Konkurrenz lieber nicht angucke. Da werde er nur noch nervöser und verbrauche Energie, die er für sein eigenes Spiel brauche.

Die Haltung, die bei Rene Adler deutlich wird, schätzt auch der Vereins-Vorsitzende Dietmar Beiersdorfer. Heute hat Beiersdorfer beim SOS-Kinderdorf in Dulsberg einen Scheck über 25.000 Euro überreicht. Ein großartiger Erfolg einer entsprechenden Initiative über den „Hamburger Weg“. „Für uns ist das wie ein Sechser im Lotto“, sagte Stefan Rebbe, der Einrichtungsleiter in Dulsberg. Und auch, wenn das mit Fußball wenig zu tun hat, darf dies mal gesagt und geschrieben werden. Ich habe jetzt einige Aktionen, meist auf PR-Basis, des Hamburger Weges verfolgt in den vergangenen Jahren. Egal wie das jeweilige Konzept gestaltet war oder wie hoch die Spende im Einzelnen ausfiel – es wird viel Gutes getan mithilfe dieser Idee, die unter Vorstands-Mitglied Katja Kraus und durch Unterstützung mit dem damaligen Bürgermeister Ole von Beust ins Leben gerufen worden war.

Beiersdorfer nahm auch eine Einschätzung von Rene Adler vor. Dass dabei nicht viel Negatives herauskam, liegt auf der Hand: „Rene war immer da. Natürlich hat er die eine oder andere Verletzung gehabt, aber jetzt hat er wieder das Vertrauen. Er ist ein toller Rückhalt der Mannschaft. Jeder muss spüren und leben, dass er in den letzten Tagen der Saison alles für den HSV geben muss. Das macht Rene großartig.“

Beiersdorfer schwor dann auch noch die gesamte Mannschaft auf die nächsten beiden Aufgaben ein: „Man muss versuchen, die Spiele zu gewinnen. Das ist gar nicht so schwer – nicht das Gewinnen, sondern dieses Ziel zu definieren. Jetzt kommt das schwere Auswärtsspiel in Stuttgart. Es ist eine Riesenchance für uns, einen weiteren Schritt zu machen. Das wollen wir tun.“

Faktisch Neues, etwa Vertragsfragen („Nach der Saison.“) oder zum Wiedersehen mit Huub Stevens („Huub ist ein großer Trainer, der viel erreicht hat und immer wieder gezeigt hat, was er leisten kann.“), gab es heute von Beiersdorfer nicht.

Im Volkspark wurde derweil gleich zwei Mal trainiert. Ein paar Dutzend Zuschauer freuten sich, dass ein Laster aus Tschechien, auf dem Rollrasen für die neuen Trainingsplätze geliefert worden war, als Tribüne taugte, um über die Planen auf die Übungseinheiten der Profis zu schauen. Dort ging es vormittags und nachmittags ziemlich hart zur Sache. Rudnevs und Holtby wurden erwischt – und Johan Djourou. Der Schweizer Verteidiger musste mit dick bandagiertem rechtem Knöchel sogar vorzeitig in die Kabine gefahren werden. Bruno Labbadia geht nicht davon aus, wie er anschließend sagte, dass etwas Schlimmes passiert sei. „Noch mache ich mir keine Sorgen.“ Aber etwas bedrohlich sah es nach dem Zusammenprall mit Lewis Holtby doch aus.

Morgen wird um 15 Uhr noch einmal in dieser Woche öffentlich trainiert, ehe der HSV vor der Stuttgart-Partie die Zäune hochzieht.

Lars
18.30 Uhr

Das Gefühl der Deutschen Meisterschaft

30. April 2015

Wenn die Stimmung eines Trainers ein Gradmesser ist für die Atmosphäre im gesamten HSV, dann braucht sich niemand Sorgen zu machen um das Abschneiden des Teams von Bruno Labbadia am Sonntag in Mainz. Das 3:2 gegen den FC Augsburg war nicht nur punktemäßig ein Brustlöser, sondern auch atmosphärisch. Der Trainer kommt ungeheuer locker rüber, und vermittelt er seinen Spielern eine ähnliche Gelassenheit, dann sollte es grundsätzlich auch Anlass zu Optimismus geben für einen ordentlichen Auftritt in der Coface-Arena.

Einen Knackpunkt hat Labbadia, dessen Pressekonferenz ihr hier wie gewohnt und komplett sehen könnt, aber auch genannt. Der HSV-Coach erwähnte die Aussage von Rafael van der Vaart mitten in der Jubel-Welle vom vergangenen Sonnabend. „Ein Gefühl wie eine Deutsche Meisterschaft“ hat van der Vaart dort beschrieben. Und mit dieser Aussage kommt gleich zweierlei zum Ausdruck.

Zum einen beschrieb „Rafa“ damit die Bedeutung des Erfolgs, die er gespürt hat. Nach neun sieglosen Spielen muss den Hamburger Kickern ein Dreier in der Bundesliga wie die Erklimmung des Mount Everest, wie das Durchtauchen des Mariannen-Grabens oder die Umsegelung der Erde auf einem Surfbrett vorgekommen sein. Oder eben die Deutsche Meisterschaft. Eine unglaublich hohe Hürde wurde überwunden. Glückwunsch dazu.

Gleichzeitig wohnt in solch ungewöhnlich großen Leistungen, oder auch nur in der Empfindung dessen, auch schon der nächste Misserfolg inne. Dass der HSV in den vergangenen Jahren so unglaublich selten nach einem Sieg nachlegen konnte – ausnahmsweise im Februar mit den Siegen in Paderborn und gegen Hannover -, untermauert die Misserfolgsmentalität in Hamburg. Siege sind gar keine Selbstverständlichkeit mehr beim HSV, wie es Bruno Labbadia heute ausdrückte. Insofern ist in Hamburg nach einem Sieg zuletzt immer wieder eine Niederlage gefolgt. Keine Spannung, kein Druck, keine weitere Sehnsucht nach Erfolg, kein Sauerstoff mehr auf dem Gipfel des Mount Everest. Keiner von Labbadias Vorgängern hat diese Haltung ausmerzen können. Nun ist Labbadia dran. Vielleicht gelingt es ihm.

Ich hatte unter der Woche die Gelegenheit mit Henning Vöpel, dem Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) zu sprechen. Er hat hat eine Theorie genannt, warum der HSV nun schon dauerhaft der Musik hinterher rennt. Seiner Ansicht nach ziehe der HSV seit Jahren seine Motivation aus dem Erhalt des Dino-Images. Also der Vermeidung eines Misserfolgs. Da, so Vöpel, ist überhaupt keine positive Motivation bei, etwa einen Titel zu holen oder wenigstens eine bestimmte Punktzahl zu erreichen. Zwar wird oft genug ein positives Ziel formuliert von der Vereins-Führung, aber gelebt, so Vöpel, werde doch nur der Dino und die Ewige Uhr, die um Gottes Willen nicht aufhören darf zu ticken.

Sicherlich ein guter Ansatz, hiermit müssen sich die Vereins-Vorderen dann am Anfang der nächsten Serie auseinander setzen. Im Moment könnte man zwar versuchen, ein positives Ziel auszugeben (Platz 15), doch im Kern geht’s aktuell leider auch wieder nur um die Vermeidung eines sportlichen GAUs, des Abstiegs in Liga zwei. Immerhin packt Labbadia das Ganze positiv an und vermutlich auch mit der ersten Elf, die auch gegen den FC Augsburg auf dem Rasen stand.

Ob diese Prognose bis zum Sonntag Bestand hat, werden die nächsten Trainingseinheiten zeigen. Valon Behrami und Lewis Holtby stehen nach ihren abgesessenen Sperren jedenfalls wieder zur Verfügung. Ob Labbadia sie berücksichtigt – fraglich. Ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Marcelo Diaz in Mainz zum Einsatz kommt. Nach seiner Adduktorenverletzung deutet doch eher vieles auf ein Comeback im Freiburg-Spiel fünf Tage später hin.

Was die Gerüchteküche angeht, ist heute mal wieder mit dem Namen von Rafael van der Vaart gespielt worden. Und zwar im türkischen Internet-Portal „Fanatik“. Dort werden gleich eine ganze Reihe von angeblichen Interessenten genannt: Besiktas und Fenerbahce, Trabzonspor und Bursaspor. Niederländische Spieler haben durchaus Tradition am Bosporus, und tatsächlich könnte man sich ja einen Wechsel des „kleinen Engels“ zum Ausklang seiner Karriere vorstellen. Wobei bekannt ist, dass van der Vaart durchaus daran liegt, dass wegen seines Sohnes alles familienverträglich läuft. Wie auch immer: türkische Vereins, Clubs aus den USA, Katar oder natürlich Ajax – sie alle werden gespielt, solange der HSV-Kapitän nicht offiziell irgendwo vorgestellt wird.

Gestern hat Peter Knäbel auf Nachfrage ein paar Kommentare abgegeben zu den Planspielen mit den verliehenen Spielern, die im Sommer mutmaßlich zum HSV zurückkehren werden. Gemeinsam mit der unklaren Zukunft der beiden Innenverteidiger Heiko Westermann und Slobodan Rajkovic, deren Verträge Stand heute auslaufen, ergibt sich jetzt schon dieses Kader-Bild des HSV für die kommende Saison. Ganz wichtig: Wir reden hier über den Fall des Verbleibs in der Bundesliga. Bei einem Abstieg würden sich ganz andere Nöte ergeben, die heute nicht ernsthaft vorherzusehen sind. Also, das ist der HSV 2015/2016:

  • Tor: Adler (Vertrag bis 2017), Drobny (2017)
  • Rechter Verteidiger: Diekmeier (2016), Götz (2017)
  • Innenverteidiger: Tah (2018), Djourou (2016), Cleber (2018), Sobiech (2016)
  • Linker Verteidiger: Ostrzolek (2017), Marcos (2017)
  • Defensives/zentrales Mittelfeld: Behrami (2017), Diaz (2017), Demirbay (2017), Holtby (2018), Jiracek (2016)
  • Flügelstürmer: Müller (2018), Gouaida (2018), Stieber (2017), Beister (2016)
  • Angreifer: Lasogga (2019), Rudnevs (2016), Olic (2016), Zoua (2016)

Auf dieser Grundlage operiert Peter Knäbel zur Zeit gemeinsam mit dem Vereins-Vorsitzenden Dietmar Beiersdorfer. 23 Spieler – das geht erst einmal.

Allerdings sind verschiedene Sachen zu bedenken. Einige der 23 werden sicher nicht die allerhöchste Wertschätzung genießen bei Beiersdorfer/Knäbel/Labbadia. Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Verantwortlichen mit den Ausgeliehenen Lasse Sobiech (FC St. Pauli) und Jacques Zoua (Erciyesspor) in die nächste Saison gehen möchten. Was die Innenverteidigerfrage angeht, hat der HSV das Heft des Handelns mehr oder weniger in eigenen Händen, die Optionen liegen auf dem Tisch. Westermann und Rajkovic sind mögliche Alternativen.

Was die Lage im Sturm angeht – und angesichts der Tatsache, dass dort nur Pierre Michel Lasogga einen langfristigen Vertrag besitzt -, sind Veränderungen wahrscheinlich. Lasogga und Olic sind klar, aber wenn Zoua wirklich nicht wiederkommt und der HSV einen Verein finden sollte für Artjoms Rudnevs (letzte Chance, eine Ablöse zu bekommen, in dieser Saison bei allen Trainer nur zweite bis dritte Wahl), dann ist hier noch eine Verstärkung vonnöten.

Mit seinen neun Mittelfeldspielern kann der HSV zunächst ganz gut auskommen. Lediglich Maxi Beister und Petr Jiracek haben Verträge, die bereits 2016 auslaufen. Beim Tschechen Jiracek kann der Verein recht gelassen abwarten, was sich ergibt – bei Beister steht wohl mal ein Grundsatzgespräch an. Seine Fähigkeiten sind unbestritten, ebenso seine Verbundenheit zum HSV. Ob topfit oder nicht – Berater hin oder her – Trainingsleistungen gut oder schlecht – all dies muss auf den Tisch und eine mittelfristige Perspektive besprochen werden. Ich würde mir wünschen, dass Beister länger an den HSV gebunden wird. In jedem Fall kann es sich der Club kaum erlauben, ihn im nächsten Jahr ablösefrei gehen zu lassen. Das wäre Verschwendung.

Johan Djourou ist im Moment der erfahrenste Innenverteidiger, der beim HSV in der kommenden Saison sicher unter Vertrag steht. Die Dominanz und die Klasse eines überdurchschnittlichen Bundesliga-Abwehrspielers hat er sicher nicht unter Beweis gestellt. Dennoch, zumal mit Tah und Cleber gerade zwei recht junge an seiner Seite stehen, müsste der HSV Djourous Zukunft auch demnächst in Angriff nehmen. Es sei denn, Knäbel und Co. entscheiden sich für Heiko Westermann als Stütze, ehe die nächste Generation verlässlich nachrückt.

Bei den Außenverteidigern ist der HSV soweit solide besetzt, wobei Ashton Götz und Ronny Marcos noch nicht die zuverlässigen Backups gewesen sind, die sie sein müssten. Ein flexibler Verteidiger zusätzlich würde dem HSV guttun. Und was die Torhüterfrage angeht, hat der Verein sicher kein Problem.

 

 

All diesen subjektiven Einschätzungen liegt die Frage zugrunde, wie der HSV in der nächsten Saison eine solide Basis legen kann für die Zukunft. Den meisten HSV-Anhängern und auch den Verantwortlichen und Spielern wäre ja schon mal geholfen, wenn eine normale durchschnittliche Spielzeit wie bei Eintracht Frankfurt oder Mainz 05 herausspringen würde. Selbst der 1. FC Köln hat es hinbekommen, ohne allzu große Erschütterungen durch die vergangenen Monate zu kommen.

Entscheidend für den Verlauf ist natürlich auch, was sich auf Führungsebene beim Bundesliga-Dino tut. Eine kritische Analyse für die Zeit nach Saisonende hat Peter Knäbel ja schon angedeutet. Hoffentlich stellen sich alle Verantwortlichen dieser kritischen Analyse.

Morgen und übermorgen trainiert die Mannschaft unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Einige kicken heute noch bei der U 23 mit, die um 19 Uhr in Meppen antritt. Maximilian Beister ist heute nicht in der Regionalliga dabei – er darf sich also wieder Hoffnung machen auf eine Kader-Berücksichtigung bei Bruno Labbadia.

Lars
18.05 Uhr

Labbadia: „Die Hoffnung ist wieder da”

26. April 2015

„Wir werden jetzt keine Purzelbäume schlagen.“
 
Das war ein Kommentar von HSV-Trainer Bruno Labbadia nach dem 3:2-Erfolg über den FC Augsburg.
 
Richtig so. Jetzt gilt es für alle, den Ball schön flach zu halten. Immer schön flach halten. Noch ist nämlich überhaupt nichts erreicht. Dieser Sieg war einfach Pflicht, denn sonst wäre der HSV nicht nur optisch am Ende geblieben. Er war Pflicht – und trotz allem schön. Keiner konnte doch erwarten, dass dieser offensivflaue HSV plötzlich dazu in der Lage ist, gleich drei Treffer zu markieren. Viele hatten es zwar erhofft, denn irgendwann musste der Knoten ja einmal platzen – aber ausgerechnet gegen Angstgegner Augsburg? Der FCA hatte noch kein Bundesliga-Spiel im Volkspark verloren. Die Freude sei jedem gegönnt, auch dass schön gefeiert wurde – am Sonnabend. Nun aber muss damit schon wieder Schluss sein. Am Sonntag steht die schwere Auswärtspartie in Mainz auf dem Programm, und da heißt es natürlich für den HSV: nachlegen! Und das kann mit Sicherheit nur dann funktionieren, wenn jetzt niemand ausrastet oder ausflippt. Immer schön die Ruhe bewahren – und hart arbeiten. Und wie gesagt: Ball flach halten. Und auf keinen Fall Purzelbäume schlagen.

 

 

Die Freude darüber, dass der HSV mit diesem Dreier plötzlich doch wieder lebt, soll natürlich niemandem genommen werden, aber jetzt schon wieder davon zu träumen, dass der HSV nun noch in den letzten vier Spielen das Feld von hinten aufrollen wird, das kann jetzt tatsächlich niemand im Ernst meinen. Es ist „unten“ richtig schön eng, und für den HSV ist es mit Sicherheit auch gut, dass nun mit Hannover 96 ein weiterer heißer Kandidat um den Startplatz in der Zweiten Liga begrüßt werden darf. Ab Tabellenplatz 14 darf wohl kräftig gezittert werden, also beginnt mit dem SC Freiburg (30 Punkte) die aktuelle Abstiegszone. Hannover auf Platz 15 hat 29 Zähler, der HSV auf dem Relegationsplatz 16 liegt mit 28 Punkten hauchdünn dahinter, und dann rangieren der punktgleiche SC Paderborn (heute 2:2 gegen Werder) und Schlusslicht VfB Stuttgart (27 Punkte) auf den roten Rängen – mit denen es dann etwas später direkt runter geht. Es ist also unheimlich eng dort in der kritischen Zone, im Gegensatz zum Vorjahr, als Braunschweig, Nürnberg und der HSV einträchtig nebeneinander verloren. . . War das schön. In diesem Jahr muss der HSV dagegen schon tüchtig ackern, um dem Tod noch von der Schippe zu springen.

„Die Hoffnung ist jetzt wieder da, dieser Sieg war ein kleiner, aber sehr wichtiger Schritt für uns“, sagt Bruno Labbadia und fügte hinzu: „Diesen Sieg haben wir ganz einfach gebraucht. Die Mannschaft hat sich damit die Hoffnung und den Glauben zurückgeholt. Und zwar für sich selbst und für den ganzen Verein und die Stadt. Wir haben uns mit dem 3:2 weitere vier Endspiele gesichert.“ Der Coach fügte an diesem Tag auch noch etwas an, was vielleicht viele Trainer nach einem solchen Erfolg sagen würden, für Labbadia war es bestimmt auch ganz normal, so etwas zu sagen – für Hamburg war es das aber nicht: „Geschlossenheit war unser Faustpfand.“ Was? Geschlossenheit? Geschlossenheit beim HSV? Gibt es doch gar nicht! Gibt es doch seit vielen Monden nicht mehr. Hier doch nicht! Aber Labbadia befand tatsächlich: „Wir haben in den vergangenen Tagen versucht, geschlossen aufzutreten – und das hat die Mannschaft hervorragend umgesetzt. Die Mannschaft ist der Matchwinner.“ Damit lag der Trainer abermals richtig.
 

In der Tat war eine Geschlossenheit zu erkennen. Und die gab es wohl auch erstmalig nach langer, langer Zeit. Viele Experten haben es schon seit Jahren schon erkannt und beim Namen genannt: „Der HSV hat keine Mannschaft, keine Einheit, zeigt bei den Spielen null Geschlossenheit.“ Sogar die Club-Führung wusste von diesem riesigen Manko. Und mit Sicherheit wurde auch einiges unternommen, um Besserung auf diesem Sektor zu erzielen, nur gefruchtet hat eigentlich nichts. Bis Labbadia kam. Das muss man dem Trainer bescheinigen. Er setzte früh auf Einzelgespräche, führte eines nach dem anderen, um die Spieler besser packen zu können, und um ihnen auch Selbstvertrauen zurückzugeben. Und er setzte auf den Punkt Geschlossenheit. Wurde vor dem Spiel in Bremen (wieder einmal) davon gesprochen, dass nun endlich einer für den anderen rennen und kämpfen würde, so war das gegen Augsburg auf jeden Fall deutlich zu erkennen. Da hat der neue Coach schon sehr viel bewegt – Kompliment. Auch wenn für mich natürlich das gilt, was ich eingangs schrieb: Ball flach halten. Denn noch war diese Geschlossenheit erst in diesem einen Spiel so richtig zu erkennen. Während der 90 Minuten, und während der Minuten nach dem Abpfiff. Da konnte man schon erkennen, dass aus einer Truppe doch eventuell noch eine Mannschaft werden könnte. Der Anfang jedenfalls ist gemacht – und das ist für Bruno Labbadia und für die anderen HSV-Verantwortlichen sicherlich eine ganz wichtige Erkenntnis. Das ist nun eine ganz kleine und noch sehr zerbrechliche Pflanze, die gehegt und gepflegt werden muss. Verbunden mit der großen Hoffnung, dass es nun auch der letzte Spieler kapiert hat, dass es nur so gehen kann. Und wird.
 

Die ganz großen Optimisten der HSV-Fangemeinde hatten ja schon vor dem Spiel eine kühne Rechnung aufgestellt: „Gegen Augsburg 1:0 gewinnen, in Mainz 0:0, gegen Freiburg 1:0 gewinnen, in Stuttgart 0:0 – und dann noch einmal 1:0 gegen Schalke 1:0 gewinnen. Das muss und dürfte reichen.“ Tut es wohl auch. Und gelegentlich dürfte der HSV ja auch mal drei Tore erzielen – wie jetzt getan. Wichtig ist dabei, viele werden es erkennt haben: Nach dieser Hochrechnung kassierte der HSV kein Gegentor mehr. Das aber fand schon gegen Augsburg ein schnelles Ende. Denn eines ist sicher: Nur durch die gepredigte und geforderte Geschlossenheit sind die vielen Fehler, die sich in dieser Saison wieder in das HSV-Spiel eingeschlichen haben, nicht sofort abgestellt. Im Gegenteil. Auch am vergangenen Sonnabend wurden die beiden Gegentore wieder viel zu leichtfertig her geschenkt. Beim 1:2 schlief die gesamte Abwehr – einschließlich Torwart Rene Adler. Ich sprach nach dem Spiel mit zwei ehemaligen HSV-Torhütern, unabhängig voneinander (einer ist ein bekennender Adler-Fan!), und beide sagten unisono: „Da muss Adler raus und sich den Ball greifen. Selbst wenn er dabei Freund und Feind erwischt und umhaut. Das ist sein Ding.“

 
Beim 2:2 machte sich dann wieder eine gewisse Nachlässigkeit bemerkbar, die sich beim HSV auch immer wieder sehr schnell einschleicht, nur wenn einige Aktionen mal ganz gut gelungen sind. So diesmal bei Zoltan Stieber, der den Ball lässig zu Gojko Kacar passen wollten – und den Teamkollegen dabei leicht verfehlte. Konter, Tor. Danke.Allein schon deshalb gebietet es sich jetzt, nur den Ball völlig flach zu halten. Zumal ja in der Vergangenheit bekannt war, dass sich der HSV damit schwertut, zwei Spiele in Folge zu gewinnen. Obwohl er es in dieser Saison tatsächlich schon geschafft hat: In Paderborn und dann gegen Hannover. Zur Nachahmung empfohlen.
 

Und vielleicht hilft dabei ja dann doch sehr tatkräftig Pierre-Michel Lasogga wieder mit. Seine zwei Treffer gegen Augsburg waren hoffentlich erst der Anfang (s)eines unbändigen Schlussspurtes. „Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wenn die Leute deinen Namen rufen“, sagte der Doppelpacker nach dem Sieg – und seiner „Wiederauferstehung“. Es könnte ja wie in der vergangenen Saison werden, als Lasogga den HSV rettete. In diesem Jahr schien die Trumpfkarte Lasogga schon ausgespielt zu haben, aber plötzlich ist er wieder da und der Held. „Ihm werden die Tore für die nächsten Spiele weiterhelfen“, sagte Labbadia. Der Trainer hat maßgeblichen Anteil daran, dass der Torjäger wieder funktioniert, denn Ex-Torjäger Labbadia setzte von beginn an auf den HSV-Torjäger a. D. Der Coach päppelte Labbadia wieder mit vielen Gesprächen auf. Er gab ihm das Selbstvertrauen zurück, er gab ihm vor allem das Vertrauen, dass ein „hochsensibler Bär“ wie Lasogga dringend für sein Spiel benötigt.

 

Indem Labbadia voll auf Lasogga, der eigentlich schon im Hamburger Niemandsland verschwunden war, setzte, ging er hohes Risiko, aber es zahlte sich aus. Auf die Frage, ob sich der Trainer dadurch bestätigt fühle, antwortete Labbadia selbstbewusst: „Ich brauche keine Bestätigung. Ich bin kein Zauberer. Ich wusste, dass ich ihn hinkriegen muss. Und bei nur noch sechs Spielen musst du als Trainer einfach Entscheidungen treffen, und zwar mit voller Überzeugung.“ Und weiter führte der Coach aus: „Pierre-Michel hat einen Torriecher, und den verliert man nicht. Er hat sich mit seinen beiden Toren in erster Linie selbst geholfen. Und dazu auch unsere Ärzte und Physios, die viel für ihn getan haben. Und außerdem hat diesmal die Mannschaft viel für ihn getan, er ist ein Stürmer, der mit Vorlagen gefüttert werden muss – und das ist diesmal passiert.“ Der an diesem Wochenende so viel gelobte HSV-Stürmer selbst befand zu seinem Auftritt: „Mit Toren kann ich dem Trainer das Vertrauen, das er mir gibt, zurückzahlen. Wir müssen nun jede Woche den Kampf annehmen, und wenn uns das gelingt, dann, so bin ich mir sicher, werden wir auch die nötigen Punkte zum Klassenerhalt noch sammeln. Der Sieg gegen Augsburg war für uns erst ein Schritt, wir müssen aber noch vier weitere machen.“

 

Wie sehr im Fußball Glück und Pech nebeneinander liegen, das erfuhr Lasogga – ganz nebenbei – an diesem Sonnabend auch. Er drosch den Ball in der 32. Minute voller Wucht hoch und weit über den Ballfangzaun vor der Südtribüne, die Zuschauer ganz oben auf den Rängen mussten in Deckung gehen. Und dennoch riskierte der HSV-Stürmer in der 71. Minute noch einen ähnlichen Schuss. Viele hätten noch überlegt, ob sie überhaupt aus diesem Winkel schießen sollten, Lasogga aber fackelte nicht lange und zog volley ab. Und hatte das Glück auf seiner Seite – wurde so zu einem der Matchwinner an diesem Tag.

 

Etwas kleinere Gewinner gab es aber auch. Gojko Kacar zum Beispiel war einer von ihnen, weil er nach langer Zeit mal wieder ins kalte Wasser geworfen wurde – und auf Anhieb super funktionierte. Der „Aussortierte“ spielte sicher nicht spektakulär, aber er machte seine Sache umsichtig und solide, hatte nicht einen „Aussetzer“ dabei. Ein weiterer Gewinner war Marcell Jansen, der ebenfalls zu den „Aussortierten“ gehört. Obwohl er weiß, dass er am Saisonende gehen muss, gab Jansen nach seiner Einwechslung (in der 67. Minute) sofort Gas. Und traf sogar noch den Pfosten des Augsburger Tores. Sicherlich ist Jansen noch nicht wieder bei 100 Prozent, aber diese Minuten werden ihm dabei helfen, sich seiner besten Fitness weiter zu nähern – und das hilft dann auch dem HSV.

 

Ein anderer Gewinner hat an diesem Sonnabend gar nicht gespielt: Jaroslav Drobny. Der Ersatzkeeper hat in den vergangenen Wochen allein schon dadurch gewonnen, dass er wieder klaglos auf der Ersatzbank Platz nahm. Nach dem Schlusspfiff des Augsburg-Spiels war der Tscheche dann der erste Ersatzmann, der den Rasen enterte, um die Kollegen, die bis dahin so wacker gekämpft hatten, zu feiern. Johan Djourou sprang Drobny um den Hals, danach eilte der Torwart zu Landsmann Petr Jiracek, um ihn zu „knuddeln“. Später sprang Drobny dann noch zu den Fans im Norden, um mit ihnen gemeinsam zu jubeln zu singen und zu feiern. Schließlich gab er beim Verlassen der Tribüne noch sein Torwart-Trikot als Souvenir. Das war einmal mehr ein vorbildlicher Auftritt des HSV-Keepers – einfach nur lobenswert.

 

Und selbst auf die Gefahr hin, dass ich hier wieder von einigen „geschlachtet“ werde, schreibe ich noch von einem anderen Gewinner: HW4. In Halbzeit eins noch mit einigen kleineren Fehlpässen, spielte er dann einen ganz starken zweiten Durchgang, in dem ihm nur eine Flanke hinter das Tor rutschen ließ. Ansonsten: überragend! Schon vor dem Seitenwechsel erhielt Heiko Westermann, so wie es sich anhörte, besonders aus dem Osten und Süden, viel Szenenapplaus, nach dem Wiederanstoß zur zweiten Halbzeit klappten dann alle seine Aktionen, sodass er schon fast von allen HSV-Anhängern gefeiert wurde. Weiter so! Und zwar beide Seiten. Es hilft nämlich der Mannschaft und dem HSV.
Und wo ich gerade bei der Viererkette bin, da darf ich auch Johan Djourou nicht vergessen. Ebenfalls ein Klein-Gewinner. Was der Schweizer dort hinten herausköpfte, was er erahnte und abfing, wo er grätschte und den Kollegen neben und vor sich half, das war schon erste Sahne. Djourou gewann, das sei noch erwähnt, stolze 92 Prozent seiner Zweikämpfe und war damit der beste Mann auf dem Platz – in dieser Disziplin.

 

Aber wie bereits mehrfach geschrieben: Ball flach halten! Bitte, bitte. Sagt auch Heiko Westermann: „Wir dürfen jetzt nicht durchdrehen, sondern müssen weiter fokussiert bleiben.“ Eben. Und Marcell Jansen mahnt: „Wir haben noch einen weiten Weg vor uns.“ Genau.

 

PS: Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal den beiden Gästen von “Matz ab live”, Stefan Böger (ehemaliger HSV-Profi) und Moderator Uli Pingel (HH1 und Sport1), für die es sehr viel Lob gab – auch heute noch den ganzen Tag. Das schreit geradezu nach einer Fortsetzung – mit diesem Sieg im Rücken! Glücksbringer!

 

PSPS: An diesem Montag wird im Volkspark nicht trainiert, am Dienstag geht es um 15.30 Uhr weiter.

 
Einen schönen Rest-Sonntag noch für Euch und Eure Lieben,
Dieter

 

18.38 Uhr

3:2! Jetzt beginnt die Saison erst richtig!

25. April 2015

„Niemals, Zweite Liga, niemals, niemals!“ Die Arena bebte, als dieses Liedchen gesungen wurde. Der HSV lebt wieder, der HSV ist wieder da, der HSV kann doch noch Tore schießen und gewinnen. Mit 3:2 wurde der FC Augsburg abgeschossen – ein überlebensnotwendiger Sieg der Hamburger. Vor dem Spiel hatten fast alle ein Motto auf den Lippen: „Wenn heute kein Sieg, dann war es das wohl.“ Jetzt darf doch wieder gehofft werden. Die HSV-Mannschaft präsentierte sich diesmal von Beginn an als Einheit, diesmal kämpfte jeder für den Nebenmann mit, alle gaben alles. Trainer Bruno Labbadia hat offensichtlich schon in wenigen tagen ganze Arbeit geleistet, das muss erwähnte werden, das darf auch festgehalten werden. Bleibt der HSV dieser Marschroute treu, dann kann durchaus noch der Klassenerhalt drin sein – zurzeit rangiert der HSV schon (wieder) auf dem Relegationsplatz. Nun sollte in Mainz noch einmal so richtig nachgelegt werden – und dann die beiden restlichen Heimspiele gewonnen werden, dann darf ganz Hamburg so feiern, wie es heute schon mal genossen wurde. Wer wird Deutscher Meister? Hahaha-HSV! So muss es von den Feierlichkeiten her gewesen sein, als der HSV einst mehrfach den Gewinn der Schale feiern durfte. Die Saison 2014/15 scheint für den HSV erst mit dem 25. April 2015 begonnen zu haben – noch ist es nicht zu spät. Haut rein, Jungs, nur der HSV!

 

Die Überraschung hieß beim Anstoß Ivo Ilicevic. Wieder einmal. Offenbar kommt an dem ehemaligen Lauterer kein HSV-Trainer vorbei. „Scholle“ sagte zu dieser Nominierung: „Ivo hat wirklich gut trainiert, er hat es sich verdient. Wahrscheinlich will Bruno Labbadia mit ihm ein wenig mehr Tempo im Spiel nach vorne haben.“ Vielleicht. Wobei Ilicevic zu Beginn der Partie auch lebendig wirkte, aber dieser Zustand hielt nicht ganz so lange – dann sah man wieder die „alten Ilicevic“, der zögerte, der zauderte, der nicht richtig zur Sache ging. Für ihn war Petr Jiracek draußen geblieben, Rafael van der Vaart rückte wieder einmal zurück – auf die Doppel-Sechs, neben Gojko Kacar, der gesperrten Valon Behrami vertrat. Oder Lewis Holtby? Egal, Kacar spielte mal wieder von Beginn an, und er zeigte beherzten Einsatz und den Willen, hier etwas zu bewegen. Wenn ich gelegentlich auch darüber überrascht war, wie offensiv er teilweise seinen „Job“ interpretierte.

 

Die Stimmung in der Arena von Beginn an „sensationell“, die Fans waren erneut bereit, alles zu geben. Und das klappte besonders im Norden und Nord-Westen sehr, sehr gut, das war vorbildlich. Trotz allem hatte der FC Augsburg die erste Möglichkeit des Spiels, aber Feulner schoss den ball aus halbrechter Position, 20 Meter vor dem Gehäuse von Rene Adler, vorbei. Interessant danach: Johan Djourou wies Nebenmann Heiko Westermann darauf hin, dass er nicht, wie wahrscheinlich abgesprochen, zur Mitte eingerückt war. Westermann hörte es, zeigte aber keine Reaktion.

 

Das heißt, die Reaktion zeigte er auf dem Rasen, denn bis auf zwei, drei kleinere (?) Fehlpässe spielte er eine sauberer Partie, zerstörte das Augsburger Offensivspiel auf der linken Seite, zeigte vor allem mehrfach sein großartiges Kopfballspiel. Etwas, was sein Kollege auf der linken HSV-Seite der Viererkette oft nicht hat, daran sollte bei und mit Matthias Ostrzolek vielleicht doch einmal besonders geübt werden. Nicht jeder ist in dieser Beziehung ein Naturtalent.

 

Das erste Tor des Spiels fiel dann aber Sekunden nach der FCA-Chance auf der Gegenseite – für den HSV. Westermann gab eine flache Eingabe von der Rechtsaußen-Position zur Mitte, Zoltan Stieber schoss – doch Ivica Olic stand diesem Schuss im Wege. Zum Glück! Von dem kroatischen Linksfuß prallte der Ball unhaltbar für Torwart Hitz ins Netz (11.). Dass Stieber auf der Anzeigentafel als Torschütze genannt wurde, das wurmte Olic zwar ein wenig, aber das kann ja auch noch nach dem Spiel geklärt werden . . .

 

Plötzlich war der HSV da. Alles eine Frage des Kopfes? Es scheint wirklich so zu sein. Mit der Führung im Rücken wirkte der HSV befreiter, traute sich mehr zu. So schoss Pierre-Michel Lasogga einen Freistoß aus 30 Metern direkt auf das Tor. Eigentlich viel zu weit, aber im Eifer des Gefechtes versucht man auch ein solches Kunststück einmal. Und Keeper Hitz hatte Probleme, lenkte die Kugel in höchster Not (und mehr mit der Brust) zur Ecke (15.).

 

Vier Minuten später hieß es dann 2:0. In Worten „zwei-zu-null“. Unfassbar. Der HSV schießt zwei Tore in einer Halbzeit. Ilicevic und Rafael van der Vaart spielten sich links einige Male den Ball hin und her, die Kugel kam zu Ostrzolek, der flankte bilderbuchartig zur Mitte, wo Lasogga völlig unbedrängt aus fünf Metern einköpfen konnte. Mit etwas Glück, das muss festgehalten werden, denn der HSV-Stürmer köpfte genau auf Hitz, der den Ball nur noch durchrutschen lassen konnte.

 

2:0 – eine schöne und beruhigende Führung. Endlich einmal. Aber denkste! Der HSV ist immer und jederzeit in der Lage, auch eine solche Partie wieder spannend werden zu lassen. Freistoß halbrechte Position für Augsburg, Linksfuß Werner schießt. An den Fünfmeterraum, dort sollten eigentlich die Defensivspezialisten des HSV per Kopf in der Lage sein, sich zu behaupten, aber keiner fühlte sich zuständig. Alle ließen den Ball passieren – und Adler konnte sich nicht dazu entschließen, dem Ball entgegenzufliegen. Diesem Umstand verdankte es Bobadilla, dass der das 1:2 köpfen konnte. Zurück blieben viele ratlose Blicke in der HSV-Mannschaft – und Westermann haderte ein wenig mit Adler. Musste der Keeper da rauskommen? Es wäre ratsam gewesen. Und gewiss nicht verkehrt.

 

Und so macht man den Gegner wieder stark, baut ihn auf, holt ihn zurück ins Spiel. Auf diese Art muss das nicht sein, ganz klar. Augsburg wurde danach etwas besser. Aber der HSV versteckte sich nicht. Er hielt dagegen, stürmte mitunter sogar richtig gut und mit einigen schönen Ideen im Repertoire. Nicht ganz so schön aber der Versuch, den sich Lasogga in der 32.Minute leistete, er schoss aus 18 Metern weit über den hohen Zaun, ganz nach oben auf den Oberrang. Zu überhastet, denn neben Lasogga stand Ostrzolek völlig frei, er hätte es besser machen können, oder auch noch einmal ablegen. Aber gut, so sind Torjäger nun einmal, und Lasogga hatte ja immer schon mal wieder getroffen . . .

 

Glück für den HSV dann in der 36. Minute, als Slobodan Rajkovic den Augsburger Esswein im Strafraum zu Fall bringt, aber Schiedsrichter Welz nicht pfeift. Es protestierte aber auch kaum ein Augsburger, jedenfalls nicht so heftig, als dass es den Unparteiischen hätte ins Grübeln bringen können. Die letzte Tormöglichkeit des ersten Durchgangs hatten dann wieder die Süddeutschen, doch Bobadilla köpft auf fünf Metern über das Tor – wobei Adler wohl auch zur Stelle gewesen wäre (39.). Halbzeit. Und auf dem Weg in die Kabinen gab es riesigen Beifall von den Fans für diese lebhafte Darbietung.

 

Die erste Möglichkeit hatte dann nach dem Seitenwechsel wieder der HSV. Rechtsflanke von lasogga, Ivo Ilicevic köpft aus vollem Lauf und aus fünf Metern – genau auf Hitz. Das war eigentlich eine Hundertprozentige (65.). Das nächste Tor aber fiel dann auf der anderen Seite. Ganz, ganz bitter. Stieber wollte – etwas zu lässig – Kacar bedienen, das ging schief, prompt lief der Konter. Und Werner, der Linksfuß, umkurvt im Strafraum Rajokvic, lässt Adler mit einem Schuss aus 13 Metern keine Chance – 2:2 (69.). Geht das heute wieder schief?

 

Nein, denn der HSV kommt noch einmal zurück. Dank Lasogga. Stieber köpfte ihm den Ball zu, der Torjäger zog aus halbrechter Position aus sechs Metern ab – drin der Fisch! Was für ein Jubel!! Karneval in Rio ist nichts dagegen. Der HSV schießt sein drittes Tor in einem Spiel – und darf wieder träumen. Marcel Jansen, für Ilicevic eingewechselt, traf danach noch einmal den Pfosten (73.) – und danach begann die Zeit des Wackelpuddings. Der HSV wackelte, und zwar enorm, und er hatte mit seinen Kräften (die nicht mehr da waren) zu kämpfen. Augsburg kam, Augsburg drückte, aber der HSV stand. Endlich einmal. Und endlich einmal wieder ein Dreier. Vielen Dank für diese Vorstellung!

 

Der Rest war Jubel. Djourou rannte nach dem Schlusspfiff Richtung Bank und umarmte alle – zuerst sprang er Jaroslav Drobny (noch auf dem Rasen) um den Hals. Alle Ersatzspieler kamen zum Gratulieren und feierten mit – das sah richtig gut und endlich mal nach einer Mannschaft aus. Bruno Labbadia hat offenbar innerhalb von wenigen tagen ein Umdenken in dieser Truppe erreicht. Nur gemeinsam ist man stark – der HSV scheint es jetzt doch noch begriffen zu haben. Jubel, Trubel, Heiterkeit – ein schönes Wochenende noch für Euch alle. Aufatmen, jetzt ist die Rettung doch noch möglich. Wunder gibt es immer wieder . . .

 

Der HSV spielte mit: Adler; Westermann, Rajkovic, Djourou, Ostrzolek; Kacar (90.+3 Rudnevs), van der Vaart (75. Jiracek); Stieber, Olic, Ilicevic (67. Jansen); Lasogga.

 

Die Einzelkritik

 

Rene Adler sah beim 1:2 nicht so sehr souverän aus, ansonsten hielt er aber das, was zu halten war. Note drei.

 

Heiko Westermann hatte anfangs einige (zwei, drei) Unsicherheiten auf Lager, vor allem im Abspiel, aber insgesamt eine sehr gute Partie des Rechtsverteidigers (!), der diesmal auch viel, viel Beifall für seine vorbildliche Vorstellung bekam. Note zwei.

 

Slobodan Rajkovic wirkte gelegentlich etwas eckig, aber gegen den „Klotz“ Bobadilla war er genau der richtige Mann. Note drei.

 

Johan Djourou wirkte ruhig und solide, steigerte sich im zweiten Durchgang und überzeugte vor allem durch sein überragendes Kopfballspiel. Note drei.

 

Matthias Ostrzolek biss sich gegen die alten Kollegen mutig in diese Partie, zeigte Esswein wo der Hammer hängt – weiter so. Note drei.

 

Gojko Kacar war da, als er gebraucht wurde. Das war wieder einmal der Beweis dafür, dass auf ihn – trotz des Abschiedes aus Hamburg – stets Verlass ist. Ein Vorbild-Profi, der sich voll reinkniete.

 

Rafael van der Vaart zeigte es seinen Kritikern, indem er eine solide Partie ablieferte. Alles das, was er machte, hatte Hand und Fuß – er war dieser HSV-Mannschaft eine Stütze.

 

Zoltan Stieber lief viel, arbeitete emsig, ohne den ganz großen Einfluss zu nehmen. Schien gegen Ende des Spiel ein wenig kraftlos. Aber das betraf auch etliche seiner Kollegen.

 

Ivica Olic rackerte wie immer, „schoss“ sogar (s)ein Tor – es geht bergauf. Obwohl sein Spiel immer noch nicht das Gelbe vom Ei ist, aber solche Siege stärken bestimmt auch sein Selbstvertrauen.

 

Ivo Ilicevic begann schwungvoll, aber leider nur zehn, 15 Minuten. Dann tauchte er wieder viel zu oft ab, zeigte nicht so richtig viel Leben. Schade, bei dem Talent.

 

Pierre-Michel Lasogga ackerte enorm, er wollte, das war ihm von der ersten Minuten anzumerken – und der Wille versetzt bekanntlich Berge, zwei Tore – und eine Vorstellung, die hoffen lässt.

 

Marcell Jansen (ab 67. Min. für Ilicevic) ist ganz sicher nocvh nicht bei 100 Prozent, aber er kann ja doch Fußball. Und deswegen war es wichtig, dass er gegen Ende doch noch einmal mitmischte.

 

Petr Jiracek (ab 75. Min. für van der Vaart) kann kämpfen, und das zeigte er auch diesmal wieder. Er hängt sich rein, wenn auf ihn gebaut wird, und das ist schön zu sehen. Vor allem auch für den Trainer.

 

Artjoms Rudnevs durfte noch einige Sekunden von der Uhr nehmen – und hatte sogar noch eine Ballberührung.

 

Das war es zunächst vom Spiel gegen Augsburg. Gleich werden wir wieder mit „Matz ab live“ zur Stelle sein, um über diese Partie zu sprechen. Unsere Gäste sind heute der ehemalige HSV-Profi Stefan Böger, einst DFB-Nachwuchstrainer und zuletzt Coach bei Dynamo Dresden, sowie der Sport-Moderator Uli Pingel, u.a. bei „Hamburg 1“ und Sport1“ auf Sendung. Wir alle würden uns sehr freuen, wenn Ihr wieder unsere Zuschauer sein würdet.

 

17.51 Uhr

 

Ohne Beister nach Bremen – zur großen Chance

18. April 2015

Es ist nicht die Saison des HSV. Für keinen Spieler – und für einen noch weniger: Maxi Beister. Ein Jahr pausierte er, Anfang 2015 kämpfte er sich zurück ins Training. Er schaffte das Comeback gleich im ersten Rückrundenspiel, wo er 18 Minuten vor Schluss eingewechselt wurde. Drei weitere Einwechslungen und insgesamt 64 Spielminuten in der Bundesliga stehen seither bei Beister zu Buche. Ein maßlos enttäuschender Wert, den er in Bremen aufbessern wollte – aber nicht wird. Denn Beister ist nicht einmal im Kader. Zusammen mit Ronny Marcos und Mohamed Gouaida soll er Spielpraxis bei der U23 sammeln, die am Sonntag um 14 Uhr gegen Neumünster ran muss. Gut für die U23 – bitter für Beister, der sich von dem Trainerwechsel sicher mehr erhofft hatte.

Auch ich hätte Beister gern in Bremen dabei gehabt. Und ich kann die Begründung, dass der Offensivmann Spielpraxis sammeln soll ebenso verstehen, wie ich sie den HSV-Verantwortlichen vorhalte. Denn dieses ständige, planlose Hin- und Her-Geschiebe zwischen den Mannschaften ist absurd.

Nicht einmal im Kader: Maxi Beister

Nicht einmal im Kader fürs Derby: Maxi Beister

Schlimmer noch: So wurde verpasst, eine zusätzliche Kraft für den Saisonendspurt zu aktivieren. Beister wurde nicht ausreichend gefördert, nicht spielfit bekommen. Ein Fehler sondergleichen, aber eben auch nur ein Versäumnis seiner Vorgänger, das Labbadia am Ende ausbaden muss. Und ich befürchte gar, dass diese Saison und dieser Umgang miteinander am Ende noch schlimmere Folgen haben können. So, wie zuletzt über Abgänge der ausgeliehenen Talente Tah und Demirbay spekuliert wurde und wird, dürfte auch über Beister zu sprechen sein. Zumindest ist Beister, der sich zu seiner Situation nicht äußern will, die Unzufriedenheit anzusehen.

Statt Beister ist am Sonntag Artjoms Rudnevs wieder dabei. Der Lette steht nach zuletzt drei Nichtnominierungen und insgesamt fünf Spielen ohne Einsatzzeit zumindest erst einmal ebenso wie Ivo Ilicevic im vorläufigen 19-Mann-Kader, wo noch ein Spieler gestrichen werden muss. Wer das am Ende sein wird, ist offen. Dabei sind auf jeden Fall Adler, Drobny, Westermann, Götz, Cleber, Rajkovic, Ostrzolek, Jansen, Kacar, Jiracek, Behrami, Holtby, Ilicevic, van der Vaart, Müller, Stieber, Olic, Lasogga, Rudnevs.

Und egal wer am Ende auf dem Platz stehen wird, er hat die große Chance, den HSV wieder an die Konkurrenz heran- und dank der heutigen Ergebnisse sogar vorbeizuschieben. Stuttgart veliert in Augsburg,  Paderborn ist bei starken Dortmundern 3:0 unterlegen gewesen und hat dabei bis auf kurze Strecken der ersten Hälfte nie gezeigt, weshalb sie nicht absteigen werden. Im Gegenteil: Das Spiel der Breitenreiter-Equipe war so hoffnungslos schlecht wie die zweite Halbzeit des HSV gegen Wolfsburg. Dass heute auch Hannover mit 4:0 in Leverkusen unterging – es dürfte zumindest personell Folgen haben. Denn wenn ich meinen Hannover-Kollegen glauben darf, dann wird der bei Mannschaft wie Vorstand geschätzte und beliebte Trainer Tayfun Korkut jetzt doch gehen müssen.

Heute haben bislang alle für den HSV gespielt. Auch der SC Freiburg vergeigt sein Heimspiel gegen Mainz, womit ich nicht gerechnet – worauf ich aber gehofft hatte. Das bedeutet, dass die Mannschaft von neu- und Alt-Trainer Bruno Labbadia morgen die große Chance hat, sich tabellarisch mit einem Sieg wieder bis auf einen Punkt an Platz 14 heranzuspielen und nebenbei in dem prestigeträchtigen Nordderby eine Menge Selbstvertrauen für die letzten fünf Spiele zu tanken.

Wie Labbadia spielen lässt, ist offen. Heute wurde unter Ausschluss der Öffentlichkeit in der Imtech-Arena trainiert. Und ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass Labbadia morgen nicht wenigstens eine überraschende Personalie aufbietet. Im Training deutete bis heute alles auf Adler – Westermann, Cléber, Rajkovic, Ostrzolek – Behrami, Holtby – Stieber, van der Vaart, Olic – Lasogga. Aber ich kann mir auch vorstellen, dass Labbadia versucht hat, Nicolai Müller ein wenig zu ködern und dessen Reaktion auf die vermeintliche Nichtnominierung abgewartet hat. Abetr egal wie, jetzt geht es also darum, dass der HSV die Vorlagen der Konkurrenz nutzt und endlich auch mal selbst für sich spielt. Mit neuem Trainer, altem Personal aber dennoch neuem Elan? Labbadia hofft es. Wir hoffen es.

Mehr gibt es an diesem Sonnabend nicht zu sagen, außer, dass ich nicht nachvollziehen kann, weshalb ich hier dazu aufgefordert wurde, einen Spieler wie Valon Behrami in Ruhe zu lassen. Und das auch noch von den Leuten, die sonst immer so für „schonungslose Analysen und knallharte Kritik“ plädieren. Wahnsinn! Zumal die Personalie Behrami tatsächlich eine ist, die der Mannschaft in sportlicher Topform ganz sicher helfen kann – die sie aber auch runterziehen kann, wenn sich der Schweizer weiterhin so gegenüber seinen Kollegen verhält, wie er es zuletzt tat. Aber okay, dazu muss ich ja nichts mehr schreiben. Es gibt hier ja sogar einen netten Blogger, der im Nachhinein immer schon alles vorher gewusst hat und der sowieso alles weiß und jeden kennt. Er wird Euch dann sicher auch davon berichten können ;-)).

Aber noch mal ohne Spaß und im Ernst: Ich für meinen Teil sehe in der Personalie Behrami einen echten Schlüsselreiz für die ganze Mannschaft. Wenn Labbadia den Schweizer noch mal einfangen konnte – Okay! Dann könnte Behrami tatsächlich mit seinen Defensivqualitäten ein Schlüsselspieler für den Erfolg werden, ganz klar. Dass der Nationalspieler über das dafür nötige Potenzial verfügt habe ich nicht anzweifeln wollen. Und niemand freut sich am Ende mehr als ich, wenn Behrami 100 Prozent bringt und der HSV gewinnt. Aber, und darauf deutete viel hin, sollte Labbadia den Schweizer noch nicht richtig gepackt haben, wird es schwer. Wobei das natürlich auch für zuletzt enttäuschenden van der Vaart, Holtby, Olic und Lasogga sowie noch mehr für Müller im Falle seiner Nominierung gilt.

Und dafür ist das Spiel in Bremen zu wichtig. Dieses Nordderby kann tatsächlich ein unfassbarer Startschuss werden. Per sofort für die Tabelle und auf Sicht natürlich auch fürs Selbstvertrauen. Pierre Michel Lasogga hat im Vorfeld ebenso wie Rafael van der Vaart vom Trainer sprichwörtlich noch einmal die Hand gereicht bekommen. Hinten wird Slobodan Rajkovic wie gewohnt mit 120 Prozent verteidigen, was zu verteidigen ist. Und wenn ich die Worte des Trainers unter der Woche richtig gedeutet habe, wird er den Spielern ihre jeweilige Kernkompetenz klarmachen – und dementsprechend ausschließlich selbige einfordern. Soll heißen: Hinten bekommt Cléber (wie zuletzt übrigens auch ausdrücklich von Knäbel) Daddelverbot. Klare Kante – nicht mehr, nicht weniger. Davor soll Behrami als Abfangjäger alle Energie darauf verschwenden, Werders Mittelfeldspiel zu zerstören und den Ball nach Ballgewinn sofort an einen der versierteren Passgeber (Holtby, van der Vaart, Stieber) abzugeben. „Ich habe den Spielern gesagt, was ich von jedem einzelnen erwarte“, so Labbadia unter der Woche. Hoffen wir mal, dass die Mannschaft es besser verstanden hat als zuletzt gegen den VfL.

Mehr gibt es eigentlich vor so einem wichtigen Derby nicht mehr zu sagen. Jetzt heißt es: Machen – nicht reden. Und ich hoffe darauf, dass die Mannschaft den Forderungen Labbadias nach „Geschlossenheit“ Rechnung trägt und seine Fans mit einer couragierten Leistung und bestenfalls drei Punkten belohnt. Am besten mit einem Ballgewinn Behramis den Konter über Holtby und van der Vaart einleiten, den Ball über Olic auf links zu Lasogga in den 16er bringen, der daraus das entscheidende Tor macht… Obwohl, wie sie gewinnen, ist mir ehrlich gesagt sch…egal. Wenn sie denn gewinnen auch, mit wem sie das schaffen. Hauptsache, sie tun’s.

In diesem Sinne, alle Mann an Bord. Ich bin dabei. Morgen nach dem Spiel sind übrigens Edelfan und HSV-Gönner Andreas Maske, Unternehmer und Erfinder des “Uwe-Seeler-Fußes”, sowie Ex-HSV-Angreifer Andreas Merkle bei „Matz ab live“ zu Gast. Bis dahin,

Scholle

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