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Als Huub Stevens Kompany vor die Tür setzte…

20. März 2014

Er ist altersmilde geworden, könnte man meinen. Denn aus dem harten Hund Huub Stevens scheint ein verständnisvoller Trainer geworden zu sein. Der Trainer des nächsten HSV-Gegners VfB Stuttgart, Huub Stevens, lächelt viel. Er macht Späße auf dem Trainingsplatz und zeigt sich spielernah. „Ich bin nicht mehr der Knurrer aus Kerkrade, ich bin jetzt der liebe Huub“, sagt Stevens und sein verschmitztes Lächeln soll allen Anwesenden signalisieren: „Irrt Euch mal nicht…“

Wobei ich auch niemals auf die Idee käme, so etwas zu glauben. Dafür ist der niederländische Cheftrainer zu geradlinig und teilweise stoisch. „Huub wird sich niemals ändern“, sagt Bastian Reinhardt, der den Niederländer zwischen 2007 und 2008 beim HSV als Spieler miterlebte. „Schon allein, weil er sich definitiv nicht ändern will.“ Stimmt. Und was Reinhardt nachschob, war für mich entscheidend: „Huub Stevens ist bekannt dafür, seinen Stil anzuwenden. Und er hat Erfolg damit. Deshalb sollte er sich auch gar nicht ändern.“

Immerhin war es Stevens, der Basti Reinhardt und den HSV 2007 von Platz 18 bis in die Europa League brachte und 2008 mehr oder weniger freiwillig – wegen seiner kranken Frau – ging. „Ich weiß noch genau, wie alles begann: Im Februar 2007 in Berlin. Da kam Huub Stevens für Thomas Doll. Damals sagte er, dass er am nächsten Tag nur auf der Tribüne sitzen würde, um uns kennenzulernen. Leider haben wir verloren – und Huub hat das Training vom ersten Tag an mächtig angezogen. Nicht, weil wir unfit waren. Ihm ging es um die Bereitschaft, mehr zu machen. Und das gnadenlos, mit aller Konsequenz.“


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Und das nach dem Kumpeltyp Thomas Doll, der bei den Spielern sehr beliebt war. Ein Kulturschock für die HSV-Profis, der Wirkung zeigte. „Der Trainerwechsel kam nicht überraschend. Wir steckten in einer Situation, die sich keiner erklären konnte. Alles schien sich gegen uns und Trainer Thomas Doll verschworen zu haben. Er war ein richtig guter Trainer für uns und wir hatten großen Erfolg. Bis auf einmal wie von Geisterhand nichts mehr klappte. Spieler fielen aus, wir spielten unglücklich – und wir rutschten in der Tabelle ab. Als Huub kam war das für alle eine kleine Befreiung. Stevens hat das Kommando übernommen und wir sind ihm gefolgt. Der Trainer trug die Verantwortung – und wir konnten befreit aufspielen. Es hat funktioniert.“

Der Trainerwechseleffekt griff beim HSV. Auch, weil Stevens sofort seine Handschrift erkennen ließ. „Er hat vom ersten Tag an das Training verschärft. Jede Einheit war extrem intensiv und am Anfang dachten nicht wenige, dass das nicht gutgeht. Dienstags mussten wir richtig ackern, da standen Zweikämpfe, Lauf- und Krafttraining auf dem Plan. Und nachmittags standen Spielformen an – mit schweren Beinen. Ich dachte eine Zeit lang, dass unter der Belastung die Muskeln irgendwann reißen und wir noch mehr verletzte hätten – aber das Gegenteil war der Fall. Nach knapp einem Monat waren wir uns alle einig: genau das hatten wir gebraucht. Körperlich – aber vor allem für den Kopf.“ Und selbst, wenn die Spiele mal nicht so liefen, wie es geplant war, hatte Stevens einen Plan, wie sich Reinhardt erinnert. Einen sensationell einfachen Plan im Übrigen: „Wenn Disziplin und harte Arbeit mal nicht zum Erfolg führten, hatte er die Lösung: Es wurde einfach noch disziplinierter und noch härter gearbeitet.“

So, wie es Slomka aktuell macht. Der Hannoveraner hat erkannt, dass dieser HSV ohne echte Führungsspieler auch führungslos war und hat das Kommando übernommen. Die Mannschaft kriegt einen straffen Trainingsplan vorgelegt, intern wurden neue Regeln aufgestellt, alte noch einmal betont. Und auch sonst wurde fast alles anders gemacht als bis dahin üblich. Ein beliebtes und effektives Stilmittel, obwohl Slomka das nicht exklusiv hat. Auch „Stevens hat sofort die Regeln intern angezogen. Vor allem aber hat er sie bedingungslos durchgesetzt, was bis dahin nicht immer so war. Handys waren in der Kabine verboten – für alle. Egal ob es ein van der Vaart oder ein Nachwuchsspieler war, alle wurden gleich behandelt. Stevens lebte uns hundertprozentige Disziplin vor. Er war der Erste im Büro und hat als Letzter das Licht ausgemacht. Und er legte sein Büro nach vorn, um alle beim Ankommen zu sehen. Wer zu spät war – egal ob lang oder nur eine Minute – wurde bestraft.“

Auch das ist bei Slomka nicht anders. In einer Sache jedoch unterscheiden sich Stevens erste Maßnahmen von denen Slomkas deutlich. Stevens strich seinerzeit Danijel Ljuboja aus dem Kader. Leistungsbedingt hieß es. Allerdings soll dem Ganzen ein Gespräch unter vier Augen in Stevens’ Büro vorausgegangen sein. Und Stevens blieb bei seiner harten Gangart. Auch bei größeren Namen. Reinhardt: „In einer Besprechung hatte Huub Stevens Einzelkritik vorgetragen. Und als Vincent Kompany ihm widersprach, ließ er ihn in Ruhe aussprechen und antwortete: ‚Schön, dass Du Deine Meinung äußerst. Du kannst gehen. Pack Deine Sachen und geh’.“ Kompany befolgte die Anweisung und dachte, der Trainer würde ihn schon irgendwann zurückholen. Aber das machte Stevens nicht. Im Gegenteil, er ließ Kompany wissen, das er dessen Einsatz für die U23 plane und wartete so lange, bis sich Kompany von sich aus und in aller Form entschuldigt hatte. Damit zeigte er Stärke – aber auch, dass er verzeihen kann und mit uns zusammenarbeiten will. Man konnte immer zu ihm ins Büro und mit ihm sprechen. Er war ja auch immer da. Das alles beeindruckte viele. Auch die vermeintlichen Stars wussten, dass Stevens der Boss war – und alle hörten auf ihn.“

Das scheint Slomka auch erreicht zu haben. Allein das Verletzungspech konnte auch Slomka noch nicht beheben. „Verletzungen gibt’s bei Stevens nicht“, erinnert sich Reinhardt zurück, „du musst dir schon etwas brechen, um bei ihm als verletzt bei ihm durchzugehen. Wegen einer leichten Zerrung oder dergleichen hat da niemand pausieren dürfen. Und warst du einmal verletzt, spieltest du bei Stevens absolut keine Rolle mehr. Unser Langzeitverletzter Castelen beispielsweise bekam das vor allen Kollegen zu hören. Und komischerweise gingen die Verletzungen rapide zurück. Eine Zerrung hatte jedenfalls ewig keiner unter ihm.“ Sportphysiologisch ist das sicher eine eher wenig belastbare Theorie, psychologisch aber durchaus.

Aber Stevens, der in Stuttgart bislang versucht, gute Stimmung zu verbreiten, verstand und versteht es sicher noch immer, die Mannschaft bei Laune zu halten. „Huub hat antizyklisch gearbeitet. Wenn wir verloren haben, hat er sich vor die Mannschaft gestellt und sie nach außen geschützt. Und er hat uns runtergeholt, wenn wir uns nach einem Sieg zu sehr freuten“, erinnert sich Reinhardt. „Natürlich durchschauten wir das irgendwann, aber es kam an. Zumal Huub vom ersten bis zum letzten Tag der Gleiche blieb. Er war schlichtweg authentisch.“

Und akribisch. Wie Slomka zelebrierte Stevens die Mannschaftsbesprechungen bis ins letzte Detail. „Spielvorbereitungen bei Stevens waren lehrbuchmäßig. Jeden einzelnen Gegenspieler sizierte er. Stevens wusste alles über den nächsten Gegner, sogar die Schuhgröße des zweiten Keepers beim Gegner.“

Klingt irgendwie fast alles nach den Stilmitteln, die Slomka in Hamburg der anwendet. Auch Slomka hat angezogen. „Wenn man nach den Doppelschichten zuletzt abends nach Hause gekommen ist, wusste man schon ganz genau, was man am Tag geleistet hat. Die Beine haben es einem verraten“, sagt Dennis Diekmeier, der unter Slomka wieder mehr für die Offensive machen darf. Ob das bei van Marwijk nicht erwünscht war? „Ich bin einfach nur froh, dass ich es jetzt wieder machen kann. Über den alten Trainer sage ich nichts.“

Noch nichts Neues zu sagen gibt es in Sachen Pierre-Michel Lasogga, der heute Teile des Mannschaftstrainings mitmachte und dabei einen guten Eindruck hinterließ. „Wir werden noch mal sprechen und hören, wie sich Pierre fühlt“, sagt Slomka, der weiter auf den Einsatz des Angreifers hofft. Ebenso wie auf den Einsatz von Johan Djourou, den Slomka gegen Nürnberg als bärenstark einstufte. „Es fühlt sich alles gut an“, sagt Djourou nach einer 30 Minuten langen Laufeinheit. Zum Abschlusstraining am morgigen Freitag wolle er die Lauf- gegen die Fußballschuhe wieder eintauschen. „Ich glaube schon, dass es mit meinem Einsatz gegen Stuttgart klappen wird.“

Klingt gut. Und so sah es auch heute im Training wieder aus. Während Kerem Demirbay auf dem Nebenplatz mit Rehatrainer Markus Günther individuell trainierte („Nächste Woche steige ich hoffentlich wieder voll ein“), wurde auf dem Hauptplatz erneut hart gearbeitet und es fehlten nur noch Maxi Beister, Slobodan Rajkovic, Zhi Gin Lam und Marcell Jansen. Selbst Jaroslav Drobny wirkte wieder mit und steht am Sonnabend in Stuttgart als Ersatzkeeper zur Verfügung.

In diesem Sinne, morgen wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle

P.S.: Das Videointerview mit Ilicevic, das ich gestern hier reingestellt habe, habe nicht ich geführt. Ich zähle zur Gruppe „Schreibende Journalisten“, die anschließend mit Ilicevic sprach, und habe das Fragenstellen in der Kamerarunde den Kamerateams überlassen. Wie immer. Meistens kommen dabei gute Dinge raus – und manchmal auch nicht…

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