Archiv für das Tag 'Dikmeier'

Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung – mehr aber noch nicht

28. November 2012

Der Tag danach – bis auf Tolgay Arslan, der sich langsam der Bedeutung seiner Sperre bewusst, freute er alle komplett und uneingeschränkt. „Das war ein wichtiger Sieg für die Fans, den Verein, für die Mannschaft“, so sich Per Skjelbred, „und für mich. Ich habe vier Monate warten müssen und dann die Chance bekommen, die ich genutzt habe. Der Trainer meinte: ‚Gut gemacht, Junge.’ Und das fand ich auch. Ich bin mit meiner Rolle in diesem Spiel sehr zufrieden.“ Und das darf er absolut auch sein.

Skjelbred, der auf der von ihm eher ungeliebten rechten Mittelfeldseite ein extremes Laufpensum an den Tag legen musste, wird auch am Sonntag in Wolfsburg beginnen. Darauf legte sich Trainer Thorsten Fink („Per hat seine Aufgabe hervorragend gelöst“) bereits fest. Denn auch bei den Niedersachsen will Fink mit einem spielerisch starken Mittelfeld punkten. „Wir haben gewonnen, weil wir guten Fußball gespielt und dabei einen großen Fight geliefert haben“, fasste Milan Badelj nach dem Spiel zusammen. Und der Kroate hatte Recht. Der HSV lief 114,4 Kilometer, die Schalker hingegen nur 110,4 Kilometer. „So haben wir Druck gemacht“, freute sich Fink und Badelj ergänzte: „In Düsseldorf haben wir versucht, mit nur nett anzusehenem Fußball zu gewinnen. Aber spätestens jetzt wissen wir, dass wir gut spielen müssen UND immer kämpfen. Dann werden wir vielleicht bald wieder sagen können: Das war unser bisher bestes Spiel.“

Der beste Mann auf dem Platz neben – wie eigentlich immer – Adler, war für mich Badelj. So sehr ich mich über Skjelbred, Beisters ersten Treffer und natürlich über die starke Rückkehr Aogos auf seiner neuen Position gefreut habe, der Kroate machte auf der Sechs alles. Er war das Gehirn des HSV – und das funktionierte besser als das Starensemble aus Gelsenkirchen. „Bei Milan hat einfach alles geklappt. Er hat die Rolle als einziger Sechser angenommen und war der dominante Mann auf dem Platz. Er war die Schaltzentrale zwischen Abwehr und Mittelfeld. Und meistens auch noch zwischen Mittelfeld und Angriff“, lobt Arnesen den Rechtsfuß mit dem Ball-Magneten im Schuh. Nur fünf seiner 68 Pässe (Topwert aller Spieler) verfehlten den Mitspieler. Nur der ebenfalls bärenstarke Heiko Westermann (92) hatte mehr Ballkontakte als Badelj (87), der mit 11,58 Kilometern nach Aogo (12,12 Kilometer) auch noch der laufstärkste Spieler war. Mit 12 gewonnen Zweikämpfen schon sich Badelj zudem zwischen die vier Abwehrspieler. „Bei Milan fängt unser guter Fußball an, weil er für unsere Abwehr immer als Anspielpunkt dient. Egal, wer um ihn herum steht, Milan will den Ball und behauptet ihn auch. Er ist eine Lösung für alle Mitspieler und der Chef auf dem Platz“, so Arnesen. Und dass der Kroate den Elfer schießen durfte („Normalerweise hätten die Stürmer schießen müssen, ich wollte aber unbedingt“), spricht für Badeljs Akzeptanz bei den Kollegen.

Und wenn wir schon mal ein so gutes Spiel des HSV im Rücken haben, will ich nicht aufhören, das Positive hervorzuheben. Immerhin hatte ich bei Maximilian Beister lange das Gefühl, dass ihm die Härte fehlt. Auch gegen Schalke. Immer wieder verlor Maxi leichte Bälle, er verlor die Zweikämpfe, weil ihn seine Gegenspieler schier mühelos zur Seite schoben. Und das, obwohl Maxi durchaus robust gebaut ist. Und dann traf er. Mit 116 Kmh schlug der Ball direkt über Unnerstall ein. Dass der Ball haltbar war, ist für mich in diesem Fall ebenso unstrittig wie unwichtig. Denn entscheidend war, dass Beister sich endlich etwas zutraut. „Das war ein besonderer Moment für mich, mein erstes Bundesligator. Das pusht, das gibt mir neues Selbstvertrauen – und plötzlich klappen auch solche Hackentricks. Mit dem Tor ist eine Menge Druck von mir abgefallen, weil die Leute auch Erwartungen haben und ich natürlich auch an Toren gemessen werde.“

Dennoch, Beister braucht noch Zeit. Noch fehlen dem sympathischen und talentierten Linksfuß einige Bausteine, um komplett als Erstligaspieler anzukommen. Das weiß er auch selbst: „Ich weiß, dass ich immer noch in der Entwicklungsphase bin. Ich werde jetzt auch ganz sicher nicht ungeduldig. Der Rest kommt von allein.“

Auch wenn der letzte Satz eher eine Floskel als eine Wahrheit ist, so ist Beister deutlich anzumerken, dass er Fortschritte macht. Immer wieder musste er unmittelbar nach seinem ersten Treffer die Frage beantworten, ob er jetzt endlich „angekommen“ sei. Eine Frage, die dem intelligenten Offensivmann zu plump war. Er umschiffte die Frage gekonnt und formulierte wie ein alter Hase: „Diesmal kam viel zusammen. Die Position passte, weil ich sehr viel Raum hatte, meine Schnelligkeit nutzen konnte. Ich genieße einfach, dass ich von Spiel zu Spiel mehr Selbstvertrauen bekomme und der Trainer mir immer mehr Vertrauen entgegenbringt. Angekommen bin ich vor Monaten. Ich wusste damals aber auch, dass ich geduldig sein muss. Deshalb war und bin ich nicht unruhig.“

Muss er auch nicht sein. Im Gegenteil, die Richtung stimmt ja nachweislich. In Freiburg war er kurz vor seinem ersten Treffer, in Düsseldorf war er einer der wenigen Spieler mit positiven Ansätzen. Und jetzt hat er nicht nur getroffen sondern zudem auch das 2:0 mit initiiert. „Ich war mit ihm am Vortag noch essen, da haben wir schon viel gesprochen. Er ist mein Freund und ich habe mich über sein Tor so gefreut, als hätte ich es selbst geschossen“, freut sich Arslan für Beister, der ergänzt: „Wir haben gezeigt, dass wir trotz schwerwiegender Ausfälle gewinnen können. Das war die wichtige Lehre dieses Spiels.“

Leider keine Lehre gezogen hatte indes Arslan vor dem Spiel aus dem persönlichen Gespräch mit Fink. „Der Trainer hat mich extra zur Seite genommen und gewarnt. Er meinte, ich sei als halber Türke vom Temperament her gefährdet und müsse mich besonders gut im Griff haben. Aber das hatte ich nicht. Ich konnte einfach nicht ruhig bleiben“, so Arslan zur fatalen Szene. Der Ersatz von Rafael van der Vaart ist zudem selbstkritisch genug, um zu wissen, dass er einen Fehler gemacht hat. „Der Schiedsrichter Gräfe war ein sehr guter Leiter der Partie. Er hat immer mit uns gesprochen, hat mich auch ruhig ermahnt. Aber ich konnte irgendwie nicht anders. Ich hätte mir die Gelbe auch gegeben. Und so dumm die fünfte Gelbe von mir war, die Mannschaft wird mich in Wolfsburg ersetzen können. Das haben wir gezeigt.“

Auch, weil sich alte Stammkräfte stark zurückmeldeten wie Dennis Aogo. „Die Position war überraschend und neu für mich, zudem haben wir im Mittelfeld taktisch umgestellt, das hat es nicht leichter gemacht. Aber wir hatten den Willen, die Laufbereitschaft und den Einsatzwillen, dieses Spiel egal wie zu gewinnen“, freut sich Aogo, der selbst für das Beschriebene ein Paradebeispiel darstellte. Bis zur völligen Erschöpfung („Ich hatte schon fast Krämpfe, die Beine wurden schwerer. Ab der 80. Minute war es richtig hart“) ackerte Aogo und lieferte ein bemerkenswert starkes Spiel ab. Zumindest erinnere ich mich nicht an ein Spiel, das ähnlich auffällig gut von ihm war. Warum das in Düsseldorf nicht abrufbar war? „Keine Ahnung“, so Aogo ehrlich, „es ist tatsächlich schon komisch. Wir das schaffen das nicht, wenn wir mal einen wichtigen Schritt nach vorn gehen können. Aber solche Spiele gewinnen wir.“ Dennoch sei er sich sicher, dass es in Wolfsburg die Fortsetzung geben wird. „Wir wissen, was nie fehlen darf…“

Nicht mehr fehlen wird bei den Niedersachsen am Sonntag (17.30 VW-Arena) voraussichtlich Heung Min Son, der nach seiner Verletzungspause davon profitieren könnte, dass Arslan gesperrt ausfällt. Heute absolvierte der bisherige Toptorschütze bereits wieder Lauftraining und könnte morgen schon wieder ins Mannschaftstraining einsteigen, das von zehn auf 13 Uhr verlegt wurde. Allerdings dürfte auch Son klar geworden sein, wie wenig unverzichtbar er ist. „Es ist toll für die Mannschaft, dass sie auch ohne Sonni und Rafa gewinnt“, fasst Sportchef Frank Arnesen zusammen. „Zudem ist es auch gut für Rafa, weil es Druck von ihm nimmt. Auf jeden Fall war es das beste Spiel von uns, seitdem ich hier bin.“

Dennoch, bei aller Freude über das gute Spiel war Arnesen schnell wieder zurück im Alltag. Immerhin muss der Däne im Winter versuchen, 6,4 Millionen Euro Kosten einzusparen, indem er Spieler verkauft und von der Gehaltsliste bringt. Dazu zählt neben Drobny, Tesche und Rajkovic („Am kommenden Montag will ich wieder mit der Mannschaft trainieren“) auch weiterhin Per Skjelbred. Arnesen zu Skjelbred: „Wir haben viel gesprochen und sprechen noch immer sehr viel miteinander. Er wollte sich durchsetzen und ist geblieben – das ist legitim. Er hat auch Pech gehabt, als er gegen den KSC aufgestellt wurde und lange der beste Mann von uns war, bis die gesamte Mannschaft samt ihm abgestürzt ist. Aber er hat sich im Training immer reingehauen, lässt nie den Kopf hängen und will unbedingt zeigen, dass er es kann. Gegen Schalke hat er schon mal seine Visitenkarte abgegeben. Das freute mich sehr für ihn, denn per ist ein guter Fußballer und ein absoluter Teamplayer. Wir schauen uns das jetzt alles die nächsten Wochen an und werden dann sehen, was am besten ist. Denn klar ist: Per will spielen. Das ist das Wichtigste.“

So sieht es auch Ju’s Lieblingsspieler, der einen weniger anschaulichen, dafür aber sehr sinnvollen Oberlippenbart trägt. „Movember“ heißt die November-Aktion, bei der sich weltweit hunderttausende Männer einen Oberlippenbart stehen lassen, um so für Spenden zur Krebsforschung aufzurufen. Auch Skjelbred nimmt daran teil. Zu seiner HSV-Zukunft sagt er: „Ich denke jetzt nur an den HSV und habe keine Kontakte zu irgendwelchen anderen Vereinen. Entscheidend ist, was der Chef (zeigt auf Geschäftsstelle) da oben sagt. Ich habe immer gesagt, dass ich mich hier genauso wie meine Frau und meine Kinder sehr wohl fühle. Im Winter schauen wir dann, wie es weitergeht.“

Sollte er bis dahin noch drei Spiele wie gestern machen, wird er sich seine Zukunft wahrscheinlich selbst aussuchen können. Ich würde es dem sympathischen Blondschopf allemal gönnen.

In diesem Sinne, ich gönne mir heute Abend die Diskussion in der Raute. Fans und Verein diskutieren über das neue DFL-Sicherheitspapier, das am 12.12 (daher der Name 12.12 für die 12 Minuten und 12 Sekunden langen Protest-Schweigeaktionen in den Stadien an den Spieltagen 14 bis 16) in Frankfurt verabschiedet werden soll. Hitzige Diskussionen sind programmiert. Aber vielleicht zeigen die Verantwortlich und die Fans heute Abend ja mal eine ähnlich starke Leistung wie die Mannschaft gestern.

Bis morgen!

Scholle

P.S.: Damit niemand denkt, ich hätte ihn vergessen: Ganz stark war auch Dennis Diekmeier, der immer konstanter wird. Am Freitag haben wir den Rechtsverteidiger bei uns in der Runde. Dann kann und soll er uns erzählen, woran es liegt, dass er immer besser in Fahrt kommt.