Archiv für das Tag 'Diekmeier'

Heute ist ein guter Tag für den HSV

9. Juli 2014

Es war wohl die mit Abstand längste Pressekonferenz, die Dietmar Beiersdorfer bislang abhalten musste. Und das war ihm bislang auch immer ganz Recht. „ich bin kein Mann der vielen Worte“, betonte er auch heute, bevor er letztlich sein Manuskript hervorholte. „Das mache ich sonst nie“, so Beiersdorfer über die Ausnahme, die dem Anlass durchaus angemessen schien. Immerhin wurde er heute nach fünfjähriger Vorstandsabstinenz offiziell zum ersten Mann im Klub bestimmt: zum Vorstandsvorsitzenden.


Um 12.03 Uhr hatten Beiersdorfer, Mediendirektor Jörn Wolf und der neue Aufsichtsratsboss Karl Gernandt die Bühne im Konferenzraum der Imtech-Arena betreten. Gefüllt mit rund 70 Journalisten (das ist vergleichsweise sehr viel!) bot der Raum neben vielen Fragen vor allem eins: keine Luft. Bei tropischen Temperaturen, hoher Luftfeuchtigkeit und entsprechend wenig Sauerstoff begann die seit langer, langer Zeit gewollte und für den 1. Juli bereits erwartete neue Zeitrechnung. Dank der Ausgliederung. Aber vor allem dank der Verpflichtung von Identifikationsfigur Dietmar Beiersdorfer. „Auf Dietmars Rückkehr sind wir stolz“, lobte sich Karl Gernandt zu Beginn erst einmal selbst. Immerhin hatte er die Verhandlungen mit Zenit St. Petersburg geführt.

Und als sich auch Beiersdorfer bei allen auf der Bühne wie im Umfeld der Ausgliederung befindlichen Leute bedankt hatte, sollte es inhaltlich werden. Allerdings, um eines gleich vorwegzunehmen: Wie genau es mit den von Klaus Michael Kühne versprochenen Millionen weitergeht, ist weiter unklar. Man sei auf einem guten Weg und habe keinen Anlass für Pessimismus, ließ Gernandt verlauten. „Wir brauchen noch etwas Zeit, um in die Startposition zu kommen. Aber am Ende wird eine Kooperation herauskommen.“ Soll heißen: Der HSV wird eher nicht in den nächsten Tagen, dafür gen Transferperiodenende seine notwendigen Neuen holen. „Die Spieler und die Berater sind informiert, dass es noch etwas dauern kann“, sagt Beiersdorfer, der es sicherlich gern anders hätte – der sich aber nach zwischenzeitlichen Zweifeln mit den Umständen angefreundet hat.


„Ich wusste schon bei meinem Weggang 2009, dass ich irgendwann zurückkomme und dass die Situation dann wohl keine gute sein wird“, so Beiersdorfer zu den vorherrschenden Bedingungen, „aber ich wäre nicht gekommen, wenn es gar keine Möglichkeiten geben würde. Und bei unserem Kader muss noch an der einen oder anderen Stelle gearbeitet werden. Ich bin da recht zuversichtlich.“

Joachim Hilke, der auch auf längere Sicht Vorstand bleiben soll, sowie Carl Jarchow als Präsident des e.V. und Vorstand der AG flankieren Beiersdorfer im dreiköpfigen Vorstand. Obwohl die Initiative HSVPlus und Gernandt bislang immer von einem nur zwei Personen umfassenden Vorstand gesprochen hatten? Man habe die die Komplexität des Themas Ausgliederung in einem Bereich ein wenig unterschätzt, sagte Gernandt und betitelte Jarchow als Brückenschlag zum e.V. Weitere Personelle Veränderungen wollten und konnten die Protagonisten heute noch nicht benennen.

Klar ist, dass Beiersdorfer zunächst mit Bordmitteln arbeiten muss. Trotz der großen Ziele, die er verfolgt. Beispielsweise in Sachen Campus. Den will Beiersdorfer unbedingt bauen, um wieder konkurrenzfähig zu sein. „Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen, aber wir haben einige Bereiche, in denen wir unsere Konkurrenzfähigkeit verloren haben.“ Neben den Finanzen und der Ersten Mannschaft gilt das ganz sicher auch für die Trainingsbedingungen – siebeneinhalb Plätze bräuchte der HSV noch, so Beiersdorfer – und vor allem gilt das für den Nachwuchs. Womit wir wieder beim Campus sind, dessen Finanzierung durch die Anleihe gesichert sein sollte – es aber mitnichten ist. Zumindest deutet alles daraufhin, dass die für die Liquidität in die Bilanzen gepumpten Anleihe-Millionen in diesem Moment nicht abrufbar sind. Und zumindest noch ein paar Wochen lang auch nicht sein müssen, da noch Baugenehmigungen für die Flächen rund um die Imtech-Arena fehlen. Allerdings habe ich erfahren, das sich auch Campus-Initiator Alexander Otto mit dem Gedanken beschäftigt, in den HSV zu investieren. Ob nur in Sachen Campus Hilfe angeboten oder letztlich sogar Vereinsanteile erworben werden sollen, sei aber noch unklar.

Klar ist: Beiersdorfer steht vor einem Aufgabenfeld, das größer kaum sein kann. Er muss den kurzfristigen Erfolg ebenso herstellen wie den langfristigen. Und er muss personell umstrukturieren. neu ordnen. Dafür hat er hat ein ganzheitliches Konzept, dessen Umsetzung mit dem neuen Aufsichtsrat ebenso wie mit Milliardär Klaus Michael Kühne abgestimmt war und ist. „Und dafür ist heute der virtuelle Startschuss gefallen“, so Gernandt, dessen Worte ich nur zu gern glauben würde.

Lufttechnisch mit noch schwierigeren Bedingungen hatte heute die Mannschaft beim zweiten und letzten Test in China zu tun. Gegen Guanzhou RF gab es bei subtropischem Klima ein 3:1 (warum nicht 3:2, lest Ihr weiter unten), wobei sich die Mannschaft deutlich stabiler präsentierte als noch beim ersten Test, als man 2:6 gegen Guanzhou EG verlor. In der ersten Halbzeit nutzte der HSV seine deutliche, spielerische Überlegenheit zu einer 2:0-Führung mit identischen Treffern. Zunächst traf der wieder starke Gojko Kacar per Linksschuss aus 17 Metern zum 1:0, ehe es ihm Kerem Demirbay eine gute Viertelstunde später nachmachte und ebenfalls mit links ins rechte, untere Eck das 2:0 besorgte. Dass ich den Anschlusstreffer der Chinesen erwähne – eigentlich nicht nötig. Denn der war definitiv irregulär. Zwei Foulspiele und die völlig berechtigt daraufhin gehobene Fahne des Linienrichters ließen die HSV-Spieler glauben, es sei ein Foul erkannt. Und während alle mit dem Pfiff rechneten, trafen die Chinesen gegen einen beteiligungslosen und ansonsten überhaupt nicht geprüften Rene Adler. Von daher: Es stand zwar offiziell nur noch 2:1 für den HSV – ich aber werte es als 2:0.In der zweiten Halbzeit wurde es etwas ruhiger. Auffällig war nur, dass Marcell Jansen weiter Mannschaftskapitän blieb, obgleich Rafael van der Vaart in der 46. Minute eingewechselt wurde. Insgesamt wechselte Slomka nahezu alle durch, Rudnevs und Co. vergaben mehrfach – und am Ende siegte der HSV nach einem regulären Gegentreffer hochverdient mit 3:1 (laut chinesischer Statistik entsprechend 3:2). Oder besser formuliert: Die Aura des Dietmar B. hatte das erste Mal die Mannschaft erreicht…

Aber im Ernst: Heute ist ein guter Tag. Da lege ich mich fest. Denn mit Beiersdorfer hat der HSV wieder eine fachlich ebenso kompetente wie absolut integre Identifikationsfigur für alle HSVer an der Spitze. Auch für die, die sich dem Vernehmen nach vom HSV als AG abwenden wollen. Beiersdorfer war und wird sicher nie der Mann sein, der auf roten Teppichen für Fotos lächelt, auf Cocktailpartys im Smalltalk glänzt oder mit hochtrabenden Reden begeistert – aber er wird machen. Denn er hat Visionen, er hat einen Plan. Ob und wie gut es wird, wird sich zeigen. Er allein wird es jedenfalls nicht schaffen, das ist klar. Und mit Oliver Kreuzer hat Beiersdorfer sicher einen Helfer an der Hand – aber das allein reicht nicht. Beiersdorfer ist gut beraten, den Neuanfang komplett durchzuziehen. Strukturell und personell. Sollte dafür das Geld fehlen, wären weiterhin Kompromisse nötig – und mit denen verliert man mehr als dass man gewinnt.

Ergo: Beiersdorfer ist mittelfristig auf externe Hilfe. Daher kann ich nur hoffen, dass der HSV auf der Suche nach strategischen Partnern schnell Ergebnisse erzielt. Wenn nicht in den nächsten zwei, drei Wochen, dann würde man in den nächsten zwei, drei Monaten Ergebnisse verzeichnen können, hofft Gernandt, wissend, dass das für den aktuellen Kader zu spät wäre. Daher bleibt die Hoffnung, dass die Eintragung in die AG endlich für die nötige Sicherheit bei Kühne sorgt und Beiersdorfer die im Zuge des Wahlkampfes versprochenen Millionen schnellstmöglich zur Verfügung stehen.

Zum Beispiel schon für Stefan de Vrij. Denn dem Wunschspieler Beiersdorfers wird es an Angeboten sicher nicht mangeln. Zumal er mit sechs Millionen Euro Marktwert vergleichsweise günstig wäre und als niederländischer Nationalspieler ausgerechnet auch bei dem künftigen ManU-Trainer van Gaal im Fokus stehen soll.

Aber okay, wenn Beiersdorfer in seiner Zeit als Sportchef beim HSV eines bewiesen hat, dann, dass er auch bis zum letzten Drücker pokern kann und am Ende trotzdem mit seinen Wunschspielern dasteht. „Last-Minute-Didi“ – er könnte gleich bei seiner Rückkehr mehr denn je gebraucht werden.

Statistik zum Spiel (inkl. irregulärem Treffer):

HSV: Adler (46. Kreidl) – Diekmeier (46. Steinmann), Westermann (46. Mancienne), Tah, Jansen (85. Cigerci) – Kacar (46. Skjelbred), Arslan (67. Gideon) – Stieber (46. Zoua), Demirbay (46. van der Vaart), Jiracek (67. Derflinger) – Lasogga (46. Rudnevs). – Tore: 1:0 Kacar (30.), 2:0 Demirbay (42.), 2:1 Rodrigues (45.), 2:2 Zhiao Ming (80.), 3:2 Cigerci (88.). Zuschauer: 4000.

In diesem Sinne – ich hoffe, die Überschrift bewahrheitet sich. Nein: Ich glaube fest daran. Ebenso wie daran, dass Haskan Calhanoglu trotz seines anklagenden Interviews heute nur noch Beiwerk ist, weil auch er hier nur noch Geschichte ist…

Bis morgen!
Scholle

P.S.: Achtet mal bitte auf den Moment der PK, in dem Dietmar Beiersdorfer über “der HSV war immer mein Baby…” spricht. Das ist der emotionale Höhepunkt für Beiersdorfer. Da musste der neue Vorstandsboss auf einmal ganz tief durchatmen… Und das Schöne daran: Ich glaub ihm das.

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