Archiv für das Tag 'de Jong'

Kein Grund für Optimismus

3. Januar 2014

Das Jahr der Erkenntnisse? Es bleibt zu hoffen. Denn wenn dieser HSV es jetzt nicht versteht, seine Möglichkeiten richtig einzuschätzen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen, dann grenzte es schon bald an Unmöglichkeit, irgendwann noch einmal die Kurve zu bekommen. Und zum Trainingsauftakt heute wurde wenigstens nichts schöngeredet. Fast nichts. Denn außer einem kurzen Ausbruch vom Trainer, der vorrechnete, man hätte eigentlich auch locker 19 Punkte haben können/müssen und dann wäre alles etwas entspannter – waren sich zumindest die zwei Anführer auf und abseits des Platzes – Rafael van der Vaart und Bert van Marwijk – einig, dass fast alles besser werden muss und es zunächst nicht um hohe Ziele geht sondern um den Klassenerhalt.

Soweit so gut.

Aber die große und weiter unbeantwortete Frage ist das WIE. Immerhin wiederholte van Marwijk heute, dass dieser Mannschaft immer wieder ein Faktor fehlt, der unabdingbar ist: Charakter. Ehrlich gesagt ist das sogar ein vernichtendes Urteil. Und das hätte ich auch heute so gedeutet, wenn van Marwijk nicht sofort eingeschränkt hätte, dass die Mannschaft grundsätzlich alles hätte und das ja auch wiederholt gezeigt habe. Dennoch war und ist der Niederländer noch immer schockiert über die wiederholten Zusammenbrüche seiner Elf. Untrainierbar sei das, was fehlt. Wo er ansetzen will? „Die Lösung ist die Mannschaft“, so van Marwijk, der in der Winterpause viel nachgedacht hat. Sagt er selbst. „Es ist nicht einfach, weil wir mit Menschen zu tun haben. Allgemein brauchen wir einen Charakter, uns über die schlechten Phasen hinwegzusetzen. Das hat uns gefehlt. Und das muss wieder zurückkommen. Wir haben Spiele gespielt, wo wir auf einem guten Weg waren. Und dann gegen Augsburg und Mainz – ganz schlecht. Wir müssen lernen, zu überleben, wenn es nicht so gut läuft. Die Mannschaft ist die Lösung, weil wir einzelne Charaktere nicht ändern können. Es geht über Disziplin – und daran kann man arbeiten.“

In der Sonne von Indonesien und Abu Dhabi. Wobei van Marwijk nicht überzeugt zu sein scheint von der Planung des Trainingslagers. „Wir sind fast mehr im Flugzeug als auf dem Platz. Wenn wir nach 15 Stunden in Indonesien ankommen, müssen wir uns ausruhen, da muss ich ganz vorsichtig trainieren, um Verletzungen zu vermeiden. Dann haben wir ein Spiel, wo ich alle wohl einsetzen werde, die ich dabei habe, um jedem einzelnen möglichst wenig zu belasten. Und dann fliegen wir zurück nach Abu Dhabi, wo wir uns am ersten Tag wieder etwas ausruhen müssen von den Reisestrapazen.“ Richtig trainieren könne er mit der Mannschaft somit erst am 8. Januar. „Das ist sicherlich nicht optimal. Optimal wäre, gleich nach Abu Dhabi und da zwölf Tage trainieren“, so van Marwijk, der aber Verständnis für die Bedürfnisse des Klubs hat. „Das ist normal, der Verein will Geld verdienen, der Verein muss Geld verdienen. Das machen inzwischen fast alle und das gehört wohl einfach dazu. Damit müssen wir leben. Wir sprechen viel mit der medizinischen Abteilung. Wir müssen das Beste daraus machen.“

Zuletzt war viel die Rede davon, dass van Marwijk härter durchgreifen will. Er selbst sagt: „Das habe ich nie gesagt. Ich bin sehr zufrieden mit der Einstellung der Spieler beim Training. Es werden ein paar Sachen geändert – aber die Intensität im Training ist so hoch, das muss nicht mehr werden.“ Was er ändern will? „Das wird sich noch zeigen. Aber ich kann sagen, ich bin voller Energie und dabei, den Verein kennenzulernen. Wir müssen einfach wieder geschlossener spielen, wieder zurück zur Basis. Die einzelnen Bereiche, Angriff, Mittelfeld, Abwehr müssen besser verteidigen. So, wie wir es eigentlich am Anfang meiner Zeit ganz gut gemacht haben. Wir gehen wieder ‚back tot he roots’“, sagt van Marwijk. Wie viel vom Verein er denn inzwischen kennen würde. Der Niederländer überlegt kurz, antwortet dann: „Vielleicht 60 Prozent. Ich habe noch einen weiten Weg zu gehen…“

Stimmt. Und wie steinig der wird, hat die Hinrunde angedeutet. Die vorgegeben Ziele wurden weit verfehlt, Aue, Düsseldorf und Paderborn sind näher als die Europa League. Ich hatte das im Dezember in einer Matzab-Sendung mal gesagt, dass ich glaube, die Mannschaft habe ein Qualitätsproblem und alle Beteiligten wären gut beraten, die Leistungsstärke realistischer einzustufen. Deshalb war ich auch froh, dass Rafael van der Vaart heute klar sagte: „Wir haben keine anderen Ziele momentan als den Klassenerhalt. Wir stecken im Abstiegskampf.“

Der erste Schritt zur Besserung ist die Erkenntnis. Und van der Vaart macht den ersten Schritt. Eine kleinen wohlgemerkt, aber ich hoffe, dass sich die Mannschaft anschließt und endlich begreift, dass sie über das Talent nicht kommen kann. Das reicht nicht aus, um zu bestehen. Das reichte – bei aller Hochachtung vor deren Leistungen – nicht einmal mehr für Augsburg und Mainz zuhause.

Rafael van der Vaart dürfte dabei einer der Schlüsselspieler werden. Ob er optimistisch ist? „Wir müssen da unten raus kommen. Es muss besser werden, das wissen bei uns tatsächlich alle. Aber es muss endlich auch mal passieren.“ Ob er weiß, weshalb die Mannschaft so großen Schwankungen unterliegt? „Am Ende haben wir nicht mehr gemacht, was wir machen müssen. Das hat man auf dem Platz gesehen und das Ergebnis war entsprechend.“ Wer den entscheidenden Impuls setzen muss, Mannschaft auf dem Platz oder der Trainer? „In der Kabine kann man noch so viel reden – das muss einfach raus. Fußball ist ein schönes Spiel, das müssen alle wieder spüren.“

Oha. Das klingt nicht nach einem Plan. Im Gegenteil, hier regiert weiterhin das Prinzip Hoffnung, dass es „einfach mal Klick macht“, wie man so schön sagt. Das kann es nicht sein, das ist amateurhaft. Und für mich am ersten Tag im neuen Jahr nach ei paar Wochen Urlaub bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass noch nichts besser geworden ist und offenbar auch noch nichts Entscheidendes angeschoben wurde. Bitter.

Ein Zustand, der auch den rund 300 Fans beim heutigen Auftakt nicht wirklich Hoffnung machen kann. Vielleicht blieb beim Aufgalopp um 10.52 Uhr auch deshalb der Beifall der spalierstehenden Fans aus. Es scheinen alle zu wissen, dass der HSV handeln muss. Und ich bleibe dabei: diese Mannschaft hat nicht die Qualität, das vorgegeben Ziel von Platz sechs zu erreichen. Im Gegenteil, sie zerbricht eher an den eigenen Ansprüchen. Das Konstrukt, die Zusammenstellung: noch immer höchst fragil! Und so platt es klingt, wenn man in solchen Phasen nach Neuen ruft – ich mache es. Dem HSV fehlt ein Innenverteidiger mit der Qualität des Abwehrchefs neben Jonathan Tah, der für mich schon jetzt nicht mehr zu ersetzen ist. Djourous letzte Auftritte lassen wenig hoffen. Zudem fehlt ein Sechser mit der Qualität, dem Gegner Respekt einzuflößen. Ein Typ wie einst Nigel de Jong, der häufiger um Millimeter an einer Roten Karte vorbeischrammte, aber den Gegnern ordentlich Respekt einflößte und die eigenen Kameraden oft ansteckte. Zudem war der Niederländer auch in der Lage, das eigene Spiel schnell zu machen. Auf dieser Position rein aufs Spielerische zu setzen und mit Badelj sowie Arslan aufzulaufen, das kann man sich nur erlauben, wenn man so dominant auftritt, dass das eigene Defensivverhalten nicht mehr so ins Gewicht fällt. Aber davon kann keine Rede sein.

Noch sind 28 Tage Zeit, um Spieler abzugeben, oder sonstwie Geld aufzutreiben, um dieser Mannschaft einen neuen Impuls in Form eines neuen Spielers zu verleihen. Das muss die Aufgabe sein, an der sich Sportchef Oliver Kreuzer und der restliche Vorstand messen lassen müssen. Denn eines ist klar: Darauf zu setzen, dass es „einfach mal Klick macht“ wird den HSV seinen eigentlichen Zielen nicht näherbringen. Im Gegenteil: es gefährdet die Bundesligazugehörigkeit fahrlässig.

In diesem Sinne, morgen geht’s ins Trainingslager. Zuerst nach Indonesien, dann nach Abu Dhabi. Abendblatt-Reporter Kai Schiller ist für uns dabei und wird uns mit exklusiven Informationen versorgen.

Glaubt mir, ich wäre gern optimistischer in die Rückrunde gestartet und hätte von Aufbruchsstimmung, neuen Erkenntnissen und Lösungsansätzen berichtet. Aber ich sehe sie nicht. Leider.

Scholle

P.S.: Heiko Westermann fehlte heute noch, absolvierte nur leichtes Lauftraining und soll im Trainingslager wieder mit der Mannschaft trainieren. Zudem legte van Marwijk heute fest, auch Robert Tesche nicht mit ins Trainingslager zu nehmen.

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