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Van der Vaart: “Mir geht es gut.”

6. Januar 2013

Erst einmal muss ich Entschuldigung sagen. Heute gibt es “Matz ab” aus kollegialen Gründen mal etwas später, weil sich die Kollegen aller Hamburger Zeitungen, die sich zurzeit in Abu Dhabi aufhalten, darauf geeinigt haben, die Sätze von Rafael van der Vaart nicht vor 19.30 Uhr zu veröffentlichen. Ich halte mich daran, ich hoffe, dass sich auch alle anderen – wie abgesprochen – daran halten werden.

So, nun beginnt es um 19.30 Uhr:

„Wir haben nicht vor, über glühende Kohlen zu laufen oder auf einem Nagelbett zu schlafen. Wir wollen gut miteinander umgehen. Es hilft total, sich nicht wie ein Arsch zu verhalten. Das sagte der wie immer wortgewaltige Borussen-Trainer Jürgen Klopp auf die Frage, ob im Trainingslager der Dortmunder teambildende Maßnahmen geplant sind.

Keine Angst, auch der HSV wird nicht auf den Spuren von Christoph Daum wandeln. Auch wenn es heute vielleicht hier und dort den Anschein hatte. Von wegen Achterbahn fahren oder mit dem Auto durch die wüste Wüste gurken – wie es zum Beispiel Dennis Diekmeier, Heiko Westermann und auch Sven Neuhaus taten. Wobei es die meisten HSV-Spieler, so hörte ich, dann doch vorzogen, im Hotel zu bleiben und zu relaxen. Oder an den Strand zu gehen. Es wurde Beach-Volleyball gespielt, und mit von der Partie waren da – alle sollen ihren Spaß gehabt haben, auch Trainer Thorsten Fink und Vereins-Boss Carl-Edgar Jarchow. Eine etwas andere Tour genehmigte sich Rafael van der Vaart. Er düste ins 180 Kilometer entfernt Dubai, um dort einen Freund zu treffen. Ein Freund, ein guter Freund, das ist das Beste was es gibt auf der Welt, ein Freund, ein guter Freund . . . Kennen wir (alten Hasen) ja aus dem Film „Die Drei von der Tankstelle“.

Stichwort van der Vaart. Zu seiner heutigen Tour sagte er unserem Chefreporter Kai Schiller: „Ich will das Leben genießen, weil es am Ende doch nur darum geht.“ Über seine derzeitige Verfassung bekennt er – leicht ironisch: „Mir geht es gut. Sehr gut.“

Vielleicht auch deshalb das „sehr gut“, weil er eines durchzieht: „Ich lese momentan ganz einfach keine Zeitungen.“ Immerhin gibt er aber auch zu: Natürlich bekomme das alles aber trotzdem mit.“ Das alles. Die Trennung von seiner Frau Sylvie. Und dass es ja jetzt so sein soll, dass diese niederländische Ehe ja schon vor der Rückkehr nach Hamburg vor dem Aus gestanden habe. Wenn das so sein sollte, dann Hut ab – was der gesamten Öffentlichkeit bis zum Jahreswechsel noch vorgespielt wurde. An heiler Welt. Aber egal, das soll nicht mein und unser Thema sein. Ich freue mich darauf, dass der „kleine Engel“ (!) in diesem neuen Jahr wieder richtig Gas geben wird – für den HSV.

Und dazu sagt er: „Ich merke, dass das Team für mich da ist, und das freut mich“. Dass er nun n ein tiefes (Leistungs-)Loch fallen könnte, was so viele HSV-Fans in diesen Tagen vermuten, das ist für ihn kein Thema:„Ich bin Druck gewohnt. Als Topspieler muss man damit umgehen.“ Und er stellt klar: „In Hamburg habe ich mehr Druck als bei Real Madrid. Bei Real war ich einer von vielen Stars, in Hamburg gucken alle auf mich.“ Das wird auch an diesem Montag so sein, wenn auch nur bildlich gesagt – denn es wird vom Testspiel HSV gegen Lokomotiv Tashkent keine Übertragung geben. Erstmals nach seiner Oberschenkelverletzung wird „Raffa“ wieder in einem Spiel für den HSV auf dem Rasen stehen, um dann spätestens beim Rückrundenauftakt in zwei Wochen beim Sonntagsspiel in Nürnberg wieder bei 100 Prozent sein.

Was ist für den HSV in dieser Saison noch drin? Rafael van der Vaart sagt: „Am Anfang der Saison wurde noch jeder Sieg wie eine Meisterschaft gefeiert. Jetzt hat das Team eine ganz andere Ausstrahlung. Das Schöne am Fußball ist, dass sich alles schnell ändern kann.“ Auch alles wieder gut wird. Erst jetzt mal für den HSV – und für ihn. Dass er diese Leistung abrufen kann, die er zuletzt gebracht hat (oder noch besser). Er sagt über sein Bestreben: „Ich mache einfach das, was ich gut kann: Auf dem Fußballfeld alles zu geben.“

Klingt gut. Beim Training gibt ihn jeder Einheit ein jeder alles – so sieht es derzeit aus. Und einer strahlt dabei stets besonderen Ehrgeiz aus: der Kapitän. Heiko Westermann will jedes noch so kleine Trainings-Partie gewinnen, egal wie klein der Platz für dieses Spielchen auch gemacht worden ist. Und nach oben ist ohnehin keinem einem Platz eine Grenze gesetzt – und das nutzt der Spielführer immer dann aus, wenn er schimpft, wenn ihm nach meckern ist, wenn er sauer ist. Dann packt er sich den Ball und drischt ihn vor Wut hoch und weit weg. Es ist allerdings nur ein Gerücht, dass man so manche Kugel noch immer suchen muss . . .

Eine kleine Hiobsbotschaft der personellen Art gibt es dann auch noch zu vermelden: Maximilian Beister wird kaum noch an den Testspielen teilnehmen können, seine alte Oberschenkel-Verletzung ist wieder aufgebrochen. Der Angreifer wird wohl erst in Hamburg wieder normal mit der Mannschaft trainieren können – was im Hinblick auf das Nürnberg-Spiel nichts Gutes für ihn verheißt. Denn eine Woche vorher, am 12. Januar wird Thorsten Fink in der Generalprobe sein für die „Clubberer“ angedachtes Team auf den Rasen schicken. Und da kann Beister dann logischerweise nicht dabei sein.

Beim Montag-Spiel gegen Tashkent wird wohl auch die zurzeit denkbar beste HSV-Mannschaft zum Einsatz kommen. Das heißt dann Adler; Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam; Badelj; Arslan, Aogo; van der Vaart: Son, Rudnevs.

Wie ein solches Spiel unter den sonnigen Bedingungen in Abu Dhabi abläuft, davon konnte sich das Trainer-Team heute schon einmal überzeugen. Fink und Co sahen Eintracht Frankfurt gegen Al Jazeera. Es stand gerade 3:2 (nach 40 Minuten, und alle drei Treffer für die Hessen hat wer erzielt?
Muss ich das verraten?
Ihr wisst es bestimmt schon selbst. Oder ahnt es bereits. Natürlich. Alex Meier. Unser ehemaliger Hamburger. Ein Phänomen. Ich sprach mit Carl-Edgar Jarchow, der im Stadion neben einem weiteren ehemaligen Hamburger saß, nämlich Frankfurts Boss Heribert Bruchhagen. „Heute würde Meier bestimmt für den HSV spielen, aber ob er bis heute so viele Chancen beim HSV bekommen hätte, wie er sie in Frankfurt erhalten hat, das weiß ich natürlich nicht. Ist aber auch Schnee von gestern“, sagte mir Jarchow.

Der HSV-Chef fühlt sich wohl, ist zufrieden mit dem Trainingslager: „Die Atmosphäre ist gut, die Bedingungen sind top – alles bestens.“ Und wie denkt er über den Nicht-Verkauf von Gojko Kacar? Jarchow: Ein bisschen enttäuscht war ich schon, das gebe ich zu. Weil es ja alles relativ rund aussah, wir waren uns ja mit Hannover 96 einig. Ich halte es auch nach wie vor nicht für schlau, dass der Spieler nicht gewechselt ist, und ich kann das bislang auch nicht so recht verstehen. Kacar hätte bei einem sehr guten Klub gespielt, der sogar noch in der Europa Legaue beschäftigt ist, und er hätte noch ein Jahr länger Vertrag gehabt als mit uns. Nein, ich begreife diesen geplatzten Wechsel wirklich nicht . . .“

Enttäuschend ist ja auch für den HSV, dass nun in Sachen Verkäufen noch etwas getan werden muss. Carl-Edgar Jarchow ist aber optimistisch: „Ich gehe grundsätzlich davon aus, dass sich in dieser Hinsicht bei uns bis zum 31. Januar noch etwas passieren wird.“

Dann hoffen wir alle mal mit dem Boss mit. Und drücken Frank Arnesen die Daumen.

So, zum Abschluss noch einmal eine ganz andere Sache – von einem anderen Verein:

Wolfsburgs Manager Klaus Allofs hat gelassen auf die Kritik von Bernd Schuster reagiert, der ihm bei den gescheiterten Verhandlungen um den Trainerjob beim VfL Wolfsburg schlechten Stil vorgeworfen hatte. „Ich kann verstehen, dass er enttäuscht ist, denn für ihn wäre Wolfsburg eine große Chance gewesen. Aber für mich ist die Sache klar, es wird auch kein klärendes Gespräch geben“, sagte Allofs im Wolfsburger Trainingslager in Belek.

Schuster, der vor der Verpflichtung von Dieter Hecking lange Zeit als aussichtsreichster Trainerkandidat beim Ex-Meister galt, hatte zuvor mächtig Dampf abgelassen. „Im Nachhinein muss ich sagen, dass dort nicht mit offenen Karten gespielt wurde. Wenn man so nah dran war und einem dann die Tür zugeschlagen wird, ist das schon extrem bitter.“

Konkrete Gründe für die Schuster-Absage nannte Allofs öffentlich nicht, die unerwartet starken Fanproteste gegen eine Schuster-Verpflichtung hätten jedoch keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt, betonte er. Schuster ließ dennoch kein gutes Haar an seinem früheren Nationalmannschaftskollegen Allofs: „Ich habe Allofs geglaubt, dass ich die einzige Option bin.“ Aber auch diese Aussage konterte der Wölfe-Manager. Es sei „blauäugig von ihm anzunehmen, dass er der einzige Kandidat war“.

In Deutschland hat Schuster bislang nie Fuß fassen können. Seine Engagements bei Fortuna Köln und dem 1. FC Köln standen unter keinem guten Stern.

Und genau das dürfte auch der Punkt für Allofs gewesen sein. Ich kann den VfL-Manager nur zu seiner Wahl beglückwünschen, er hat die richtige Entscheidung getroffen. Und wenn ich eines noch sagen darf: Ich würde, wenn ich für einen Bundesliga-Klub zuständig wäre, lieber Lothar Matthäus holen, als Schuster. Letzteren habe ich als Trainer in Köln (sowohl als auch) kennengelernt, das reichte mir. Vielleicht hat Wolfsburg ja aber auch nur abgeschreckt, dass der Klub eventuell auch noch die vier Bodyguards hätte bezahlen sollen, die den für Fans so “zugänglichen” Coach (und Welt-Star) hätten abschirmen müssen. Vielleicht. Ich denke voller Schrecken immer noch an die Begegnung mit Bernd Schuster zurück, die es beim Emirates-Cup 2008 in London gab. Da ließ Schuster die versammelte Welt-Presse (und bitte glaubt es mir, es war tatsächlich so, denn es trat ja der Wetl-Klub Real Madrid dort auf!) mindestens eineinhalb Stunden warten. Und als er dann kam, da gab es nicht die kleinste Entschuldigung für diese Verspätung, Schuster lümmelte sich auf dem Podium herum, als ginge ihn das alles überhaupt nichts an. ließ den Kopf total bocklos nach unten hängen. Er sah dabei dann auch nicht mal jene Leute an, die ihm Fragen stellten, und er wollte erst recht nicht auf jede Frage antworten. Das war für mich so etwas von enttäuschend, dass sich ein deutscher Trainer so im Ausland verhält – immer noch unglaublich und unfassbar für mich. Arsene Wenger dann von Arsenal, der sprach sogar auf Deutsch, wenn er auf Deutsch gefragt wurde . . . So viel zum Thema gutes Benehmen.
Mir klingen dazu auch noch immer die Sätze eines großen deutschen Managers in den Ohren, der mir einst, als Schuster bei Real tätig war, sagte: “Schuster und Real, das passt doch nicht, das kann nicht passen. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass das lange gut gehen wird. Irgendwann werden es auch die Spanier merken, was hinter diesem Mann steckt . . .” Haben die Spanier dann ja auch. Trotz der Meisterschaft.

Ich wünsche allen Matz-abbern und ihren Lieben einen guten Start in die zweite Januar-Woche 2013.

19.31 Uhr

HSV schlägt Daums Belgier – Töre zurück in Hamburg

8. Januar 2012

Im zweiten Test des Jahres gab es vor 500 Zuschauern gegen den belgischen Erstligisten FC Brügge den zweiten Sieg. Mit 2:1 wurden die vom deutschen Coach Christoph Daum trainierten Belgier dank einer massiven Leistungssteigerung in der zweiten Hälfte bezwungen werden. „Wir haben ein rassiges Spiel gesehen, das beide Mannschaften unbedingt gewinnen wollen.“ Der HSV gewann es – allerdings ungeahnt mühevoll.
Denn die Mannschaft tat sich zunächst sehr schwer, hatte insbesondere in der Innenverteidigung arge Schwierigkeiten mit den deutlich bissigeren und schneller wirkenden Belgiern. Von Beginn an. Gerade einmal zwei Minuten waren gespielt, als der FC Brügge seine erste Hundertprozentige hatte. Nachdem der ansonsten sichere Jaroslav Drobny zu zögerlich aus seinem Kasten konnte FC-Stürmer Bjorn Verminckx den HSV-Schlussmann überlupfen, zielte aber einen Tick zu hoch. Und nachdem das Spiel knappe 20 weitere Minuten vor sich hin plätscherte und der HSV weniger durch Offensivszenen denn durch Fehlpässe und defensive Stellungsfehler. „Wir haben in der ersten Hälfte zu lasch gespielt, das hat mir nicht gefallen, da fehlte die Einstellung“, schimpfte Fink nach dem Spiel.

Logische Konsequenz der Schlafmützigkeit war das 0:1 in der 21. Minute, als wieder Verminckx frei vor Drobny war, der diesmal allerdings schuldlos das 0:1 per Kopf aus fünf Metern kassierte. Ein Treffer, der die Mannschaft kurzzeitig wachrüttelte. Zunächst lief Diekmeier allein auf FC-Keeper Bojan Jorgacevic zu (27.), sein Fehlpass wurde vor dem einschussbereiten und besten HSVer, Mladen Petric, geblockt. Den Nachschuss vergab Guerrero. Und acht Minuten später vergab der Kroate, freigespielt von Ivo Ilicevic aus 16 Metern. Auf der Tribüne blieb Trainer Thorsten Fink weitgehend ruhig. Auch die Ansagen waren kurz, sachlich und in ruhigem Ton.

Und das schien Früchte zu tragen. Denn nach vier Wechseln in der Halbzeitpause präsentierte sich die Mannschaft wie um 180 Grad gedreht. „Ich habe der Mannschaft klar meine Meinung gesagt. Ich habe ihnen gesagt, dass ich dieses Spiel unbedingt gewinnen will.“ Und die Mannschaft setzte es um. Aggressiv in den Zweikämpfen, ballsicher und Pressing spielend kamen die Mannschaft früh zum Ausgleich. Wieder einmal wurde Dennis Diekmeier, der eine gute Partie machte, auf rechts steil geschickt – diesmal erfolgreich -, seinen Querpass konnte Petric zum 1:1 verwerten. Und der HSV blieb die bessere Mannschaft, setzte die Belgier so unter Druck, dass diese sich nur noch durch übertriebene Härte zu wehren wussten. Opfer: Zhi Gin Lam. Der Mittelfeldspieler, der für Marcell Jansen (Oberschenkelprellung) eingewechselt worden war, wurde von FC-Kapitän Carl Hoefkens unmittelbar vor der Auslinie in die Banden getreten – die allerdings aus Stein war. Eine kurze Rudelbildung konnte schnell geschlichtet werden, aber obwohl Lam zunächst weiterspielen konnte, musste er später mit einer Rückenprellung ausgewechselt werden. Die unschönste Szene eines Spiel mit zwei grundverschiedenen Spielhälften. Trost für den HSV: In der 86. Minute konnte der eingewechselte Jacopo Sala („Ich will zu 100 Prozent beim HSV bleiben, nicht ausgeliehen werden“) nach einer schönen Flanke von Heung Min Son den 2:1-Siegtreffer (86.) erzielen.
Und so haben sie gespielt: Drobny – Diekmeier, Bruma (46. Rajkovic), Westermann, Aogo (76. Sternberg) – Ilicevic (46. Son), Jarolim (46. Rincon), Skjelbred (46. Tesche), Jansen (39. Lam, 68. Arslan) – Petric (62. Sala), Guerrero (90. Bergmann).

Nicht mitwirken konnte dabei logischerweise Gökhan Töre. Wie heute Morgen schon angekündigt, ist der Deutsch-Türke inzwischen wieder nach Hamburg abgereist, um sich dort noch mal eingehenden Untersuchungen zu unterziehen. Mit einer Knieschiene wurde der Offensivspieler heute um 14 Uhr von Team-Betreuer Tim Quathammer zum Flughafen nach Malaga gefahren. Die Bilder der Kernspintomografie in Marbella waren nicht eindeutig genug, hatten keinen ausreichenden Befund ergeben. Lediglich der als wahrscheinlich bezeichnete Verdacht auf eine Meniskusverletzung bestand. Der Linksfuß hatte zwar direkt nach seiner verletzungsbedingten Auswechslung gegen Lokeren noch gesagt, es sei nicht schlimm. Allerdings konnte Töre in der darauf folgenden Nacht ob der Schmerzen nicht schlafen. Deshalb entschieden sich die HSV-Verantwortlichen dafür, das Knie per Kernspin in einer Klinik untersuchen zu lassen – mit dem bekannten (Nicht-)Ergebnis. Dass das gegen Brügge besser war, vermochte heute Fink nur bedingt zu trösten. Dennoch stellte der auch klar: „Das ist sehr schade für Gökhan. Er hat eigentlich immer gespielt und war Vorbereiter von vielen guten Szenen. Dennoch haben wir einen Kader, in dem wir jeden ersetzen können. Wir müssen nicht jammern.“ In diesem Fall würden sich sogar lange diskutierte Dinge von selbst lösen. Wie die Konkurrenz auf den Außenbahnen. Dort haben durch Töres Verletzung jetzt Ivo Ilicevic und der ebenfalls seit heute angeschlagene Marcell Jansen kaum noch Konkurrenz.
Zufrieden mit dem Test präsentierte sich auch Christoph Daum. Der Brügge-Trainer hatte zuvor bei uns in der Runde gesessen. Anstatt in einer lockeren Atmosphäre mit den wenigen Hamburger Journalisten wollte Brügges Pressesprecher zwar lieber den kahlen, offiziellen Pressekonferenzraum nutzen. Dennoch, die normal übliche Distanz bei einem derart offiziell gehaltenen Treffen kam nicht auf, und das lag vor allem an Daum selbst. Der Brügge-Trainer wirkte entspannt, locker und extrem freundlich. Und so, als freute er sich, mal wieder mit Journalisten aus seinem Heimatland zu sprechen. Und das macht Daum noch immer sehr gern. Keine Frage, die zu kurz beantwortet wurde. Im Gegenteil. Selbst als Brügges Pressesprecher nach 35 Minuten signalisierte, abbrechen zu wollen, ließ sich Daum nicht hindern und plauderte munter weiter. Und er hatte eine Menge zu erzählen.

Beispielsweise über seine Kontakte zum HSV. „Ich bin mit Thorsten und Frank seit einigen Jahren befreundet“, so Daum, der dann für mich überraschend hinzufügte: „Ich wollte Frank damals als Spieler für Köln verpflichten. Allerdings hat er sich damals leider für Eindhoven entschieden.“ Mit dem bekannten Ergebnis, dass Arnesen dort seine Karriere beendete, während Daum in dem damaligen Spieler Thorsten Fink bereits einen angehenden Trainer sah und heute lobt: „Thorsten kenne ich schon lange, uns verbindet eine lockere Freundschaft“, so der 58-Jährige, der als Beispiel seine Hüft-OP 2006 nennt, als er in München operiert worden war und fast täglich von Fink besucht wurde. „Thorsten ist ein Glücksfall für den HSV. Er hat schon als Spieler wie ein Trainer gedacht. Es war immer zu sehen, dass er später mal erfolgreich würde.“ Auch deshalb sieht Daum für den HSV besser Zeiten kommen. „Der HSV ist in der Konsolidierungsphase, kann aktuell nicht so aus dem Vollen schöpfen wie noch vor ein paar Jahren. Aber er geht den richtigen Weg mit jungen Talenten. Einen Weg, den viele beschritten haben und der dem HSV neue Erfolge bringen wird.“

Dass es schon in dieser Saison bis zu einem internationalen Rang reichen kann, wollte Daum so nicht bestätigen. „Ich bin nicht nah genug dran, um es wirklich bewerten zu können. Aber wenn ich aus einer so schwierigen Phase komme, ist das schon ein sehr hohes Ziel. Ich wäre nach diesen Problemen und dieser Finanzlage glücklich, wenn ich im gesicherten Mittelfeld landen würde. Allerdings hätte ich auch nichts dagegen, wenn sie meine Erwartungen übertreffen würden.“

Wir auch nicht.

Wie oben bereits beschrieben, war es ein sehr nettes Gespräch mit Daum, der keine Frage unbeantwortet ließ. Außer die, ob er mal in ernsthaften Verhandlungen mit dem HSV stand. „Dazu sage ich nichts“, so Daum, der die Bundesliga zusammen mit Spaniens Primera Division noch immer als zweitbeste europäische Liga ansieht. Einzig die englische Premier League sei für ihn ein noch erstrebenswerteres Ziel. Ebenso wie ein Endturnier als Nationaltrainer – für welches Land ließ er offen. Und nach ein paar lobenden Worten über seine neue Heimatstadt Brügge und seinen neuen Arbeitgeber („Wir würden in der Bundesliga um Platz 12 herum einlaufen“) kam er kurz auf sich persönlich und seinen Abschied aus der Bundesliga zuletzt als Trainer bei Eintracht Frankfurt zu sprechen. Immerhin hatte sein Vorgänger bei der Eintracht, Michael Skibbe, zuletzt offen gesagt: „Mit mir wäre Frankfurt nicht abgestiegen.“ Daum, der früher bei solchen Aussagen gern mal explodiert ist, blieb komplett ruhig. Er nahm die Aussage sogar mit Humor: „Da kann ich gar nichts gegen sagen, ich kann es ja eh nicht widerlegen“, so Daum mit einem Lächeln, ehe er hinzufügte: „Damals, als mich Heribert Bruchhagen angerufen hat, habe ich ihn ja sogar noch versucht zu überreden. Ich habe Heribert damals gesagt, dass ich an seiner Stelle gerade nach dem Frankfurt-Sieg gegen Pauli weiter mit Michael Skibbe arbeiten würde.“ Ein seltener Vorgang.

Und nachdem Daum erklärt hatte, dass er Dortmund als dauerhaft ernstzunehmenden Konkurrenten für den FC Bayern sieht und den Transfer von Reus zum BVB als „sensationell weitblickend“ bezeichnet hatte, war Schluss. Fast zumindest. Eine Frage hatten wir dann doch noch, immerhin spielt mit Vadis Odjidja-Ofoe ein ehemaliger HSVer bei ihm in Brügge. „Vadis hat sich super entwickelt“, so Daum über den Spieler, der in Belgien zur Wahl des besten Spielers 2011 steht und Angebote aus einigen europäischen Ländern vorliegen haben soll. „Wir wollen ihn gern halten“, so Daum, „auch wenn wir wissen, dass es ganz schwer wird. Letztlich aber müssen wir uns eingestehen, dass Belgien eben doch eine abgebende Liga ist.“
Aber okay, so viel zu Daum, zurück zum HSV. Der hatte heute Morgen bereits seine erste Einheit absolviert. Allerdings nur ganz locker. Zu Beginn der Einheit kamen alle Spieler wie sonst im Kreis zusammen. Diesmal allerdings auch, um zwei ihrer Leute zu feiern: Michael Mancienne und Co-Trainer Frank Heinemann, die beide heute ihren Geburtstag (24 und 47) feiern. Anschließend ging es locker weiter. Kurzes Aufwärmen mit Nikola Vidovic, Torschussübungen im Wettkampfstil und ein kurzes Abschlussspiel über den halben Platz. Dies allerdings ohne Mancienne. Der Engländer musste mit Schmerzen im linken Oberschenkel bereits nach dem Aufwärmprogramm passen und konnte beim Spiel gegen Brügge nicht mitwirken. Insgesamt bot sich den wenigen Fans nach Trainingsende ein Bild, das besorgniserregender wirkte, als es in Wirklichkeit sein sollte. Da wurde David Jarolim (leichte Muskelprobleme im Oberschenkel) behandelt, Gojko Kacar ließ sich seine Dauerprobleme am rechten Fuß behandeln. Und auch Mladen Petric machte mit Physiotherapeut Stefan Kliche Übungen – allerdings komplett präventiv, wie er glaubhaft versicherte.

Denn der Schweizer ist endlich wieder gesund. Musste er im Sommer noch einen großen Teil der Vorbereitung passen, kann er in dieser Wintervorbereitung bislang alles uneingeschränkt mitmachen. „Ich bin gesund und froh, dass 2011 vorbei ist. Ich war mit dem Jahr 2011 nicht wirklich glücklich“, sagt Petric – und er wirkt gelöst. Trotz der noch ungeklärten Vertragssituation. „Das ist für mich gar nicht das Thema im Moment“, sagt Petric, „ich bin ganz entspannt, weil ich mich einfach gut fühle und auf das nächste halbe Jahr freue. Ich bin wieder hoch motiviert, will Fußball spielen. Es macht einfach wieder Spaß und wir sind auf einem guten Weg.“ Dass sein Vertrag im Sommer ausläuft und er noch kein konkretes Angebot vom HSV vorliegen hat – es stört Petric scheinbar wirklich nicht.
Muss es auch nicht. Schließlich erhöht sich von Tag zu Tag die Wahrscheinlichkeit, dass der HSV Mitbieter bekommt. Aktuell soll sich Borussia Mönchengladbach mit Petric-Fan Lucien Favre als Trainer und 17,5 Millionen Euro Ablöse für Marco Reus im Gepäck um die Dienste des Angreifers beworben haben. „Davon weiß ich nichts. Das ist für mich auch nicht das vorherrschende Thema“, wiederholt Petric. Der Angreifer möchte sich zu diesem Thema nach nunmehr sechs Monaten mit immer den gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Fragen nicht mehr äußern. Und ganz ehrlich: Wer will es ihm verübeln? Stattdessen verweist er wie zuvor schon Sportchef Frank Arnesen darauf, dass es vereinbart sei, im März die Gespräche aufzunehmen. Zumal auch Petric weiß, dass sich der HSV zunächst orientieren muss, was künftig finanziell machbar ist. Immerhin zählt Petric mit Sicherheit zu den besser verdienenden HSV-Profis – und dazu dürfte er bei einer Vertragsverlängerung auch weiterhin zählen.

Dennoch sind das alles Dinge, die Petric nicht interessieren. Zumindest noch nicht. Vielmehr beschäftigt ihn der Rückrundenstart. Schon zu Saisonbeginn hatte der Kroate angedeutet, dass für ihn neben Laufzeit und Finanzen vor allem die sportliche Entwicklung der Mannschaft wichtig sei. War die zu Beginn noch nicht absehbar und eher deprimierend nach den ersten sechs Partien, ist Petric jetzt zuversichtlicher. Deutlich zuversichtlicher sogar. „Wir haben unter Thorsten Fink noch nicht ein Spiel verloren. Ohne die ersten sechs Spiele würde es sicher deutlich besser aussehen. Wir sind natürlich immer noch im Aufbau, aber auf einem guten Weg.“ Vor allem dank der positiven Art von Trainer Thorsten Fink. „Sein Optimismus kommt bei uns super an. Wie seine Philosophie insgesamt. Es wurden viele Dinge schon sehr gut umgesetzt – und ich glaube auch, dass wir uns in Zukunft wieder stabilisieren.“ Mit Petric? Klar ist, dass der Torjäger umziehen will – mit Kind und Frau. Zwar ist momentan noch kein weiterer Nachwuchs in Sicht, aber auch alles andere als ausgeschlossen. Deshalb soll es jetzt etwas größer werden. Unklar ist nur, ob es aus Hamburg raus oder innerhalb Hamburgs passieren wird. „Für sie wäre es sicher schön zu wissen, wie und wo es weitergeht.“

Dieselbe Frage stellt sich derzeit für Granit Xhaka. Der 19-jährige Schweizer ist vom HSV umworben, seinem aktuellen Klub FC Basel wurde bereits ein offizielles Angebot unterbreitet. Rund sieben Millionen Euro soll der HSV geboten haben. Eine Summe, die hier im Blog sehr kontrovers diskutiert wurde. Allerdings bestätigte Petric meine ersten Informationen, dass es sich bei dem Mittelfeldspieler um eine echte Verstärkung handelt. „Xhaka gehört zweifellos zu den Super-Talenten, von denen die Schweiz derzeit einen Korb voll hat. Ich verfolge die Schweizer Liga und habe ihn ein paarmal gesehen und kann sagen, dass er ein riesengroßes Talent ist.“ Und das ist ab Montag in Marbella…

In diesem Sinne, bis morgen!
Scholle (20.03 Uhr)

P.S.: Leider fiel am Platz das WLAN aus, wodurch ich erst zum Hotel zurückfahren musste und entsprechend leider erst 30 Minuten später senden konnte.

Jetzt ist Thorsten Fink ein Kandidat

6. Oktober 2011

Führt Spur “34 B” ans Ziel? B wie Basel? Viele Namen sind bislang gehandelt worden, namhafte Männer saßen schon auf dem Trainer-Karussell des HSV, hatten dort völlig unfreiwillig Platz genommen. Stevens, Olsen, van Basten, Hecking, van Gaal – um nur einige zu nennen. Nun wird ein neuer Name hinzugefügt: Thorsten Fink. An diesem Donnerstag flogen HSV-Sportchef Frank Arnesen und Medien-Direktor Jörn Wolf nach Basel, um mit dem Trainer des Schweizer Meisters zu sprechen. Fink, der ehemalige Profi von Wattenscheid 09, des KSC und von Bayern München, steht zwar noch bis zum Sommer 2013 beim derzeitigen Tabellenvierten der Eidgenossen unter Vertrag, aber der HSV hat immer betont, dass er zur Not auch gewillt ist, einen Coach aus einem laufenden Vertrag „herauszukaufen“. Wir Thorsten Fink der neue HSV-Trainer?

Er hat viele, viele Erfolge als Spieler gefeiert. Viermal deutscher Meister, dreimal DFB-Pokalsieger, einmal Sieger der Champions League und einmal Weltpokalsieger. Mit dem FC Bayern. Als Trainer stieg er mit Red Bull Salzburg in die Bundesliga auf, er führte den FC Ingolstadt in die Zweite Bundesliga, und er wurde mit dem FC Basel, bei dem er seit 2009 angestellt ist, zweimal Meister der Schweiz und einmal Pokalsieger. Fink, der am 29. Oktober 44 Jahre alt wird, besitzt offenbar das Meister-Gen. Und ein solcher Mann würde natürlich auch zum HSV passen. Wenn er sich vorstellen könnte, zum Tabellenschlusslicht der Bundesliga zu wechseln, und wenn der FC Basel bereit wäre, den Erfolgscoach gegen eine entsprechende Summe an die Elbe ziehen zu lassen.

Es gibt also noch einige gewichtige Fragen, die zu klären wären, aber allmählich brennt es wohl auch den HSV-Verantwortlichen unter den Nägeln, diese offene Trainer-Frage. Und irgendwie wird es ja auch Zeit, denn dem Letzten HSV stehen entscheidende, sehr, sehr wichtige Spiele bevor. Erst in Freiburg, dann folgen die beiden Heimspiele gegen den VfL Wolfsburg und gegen den 1. FC Kaiserslautern. Allesamt Mitkonkurrenten, alles Klubs, die ebenfalls, wie der HSV, in großer Abstiegsgefahr sind. Da wäre es jetzt an der Zeit, einen neuen Mann zu präsentieren, der dann die Zügel auch fest in der Hand hält.

Der neue Mann wäre auch deshalb wichtig, weil die Mannschaft nun endlich wissen muss, wer in Zukunft beim HSV das Sagen hat. Rodolfo Cardoso, so sehr er auch gelobt wurde, darf dieser Mann nicht sein. Das steht fest, trotz der Tatsache, dass der HSV gegen den Ablauf der Ausnahmeregelung (Trainer ohne Fußball-Lehrer-Lizenz) Beschwerde eingelegt hat. Damit will der HSV noch ein wenig Zeit gewinnen. Aussicht auf Erfolg besteht nicht. Sollte nun aber, genau in die Länderspielpause hinein, der neue Trainer kommen, dann kann sich die Mannschaft voll und ganz auf ihren neuen Chef konzentrieren. Und ihm auch schon einmal bereitwillig auf dem neuen Weg folgen – jedenfalls in vielen Fällen, da ja zurzeit nicht alle Spieler beim HSV, sondern mit ihren Nationalmannschaften unterwegs sind.

Ich halte Thorsten Fink für einen interessanten Kandidaten. Und ich bin gespannt, ob nun die Spur „34 B“ zum Erfolg führen wird.

Oft wurde ich in der jüngeren Vergangenheit gefragt, warum der Name Christoph Daum (57) beim HSV keine Rolle spielt, warum der ehemalige Kölner hier nicht gehandelt wird. Gründe dafür habe ich nicht vom HSV erfahren können, denn die Verantwortliche haben es ja abgelehnt (gut so!), jegliche Namen zu kommentieren oder mit zu spielen. So auch Daum. Beim Training sprach mich kürzlich ein HSV-Fan aus Frankfurt an, der auch das Training der Eintracht besucht. Er sagte mir: „Seit Jahr und Tag gab es keinen Trainer bei der Eintracht, der ein so gutes Training abgehalten hat. Tag für Tag. Das hatte einfach nur Klasse.“ Allerdings sagte dieser Fan auch: „Nur der Trainer selbst hatte eben nicht die Klasse, die sein Training hatte . . .“ Daum hat sich mit seiner Art in Frankfurt nicht viele neue Freunde gemacht. Und ich bin, das gebe ich zu, noch nie ein Freund von Daum gewesen. Ich gehe sogar so weit, dass ich sage: Wenn Daum eines Tages HSV-Trainer werden sollte, würde ich meinen Job aufgeben. Sofort. Aber bitte keine Vorfreude – das wird nicht passieren.
Ganz sicher nicht.

23.34 Uhr

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