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Son will in die Champions League. Mit dem HSV?

24. April 2013

Milan Badelj ist verletzt. So eine Sch… Ausgerechnet jetzt, wo sich der in meinen Augen eminent wichtige Organisator im Mittelfeld wieder gefangen zu haben schien, musste er mit einer Adduktorenverletzung das Training abbrechen. „Wir haben eine Ultraschall-Untersuchung gemacht und es ist wohl nichts gerissen“, sagt Badelj, ohne Entwarnung geben zu können. Im Gegenteil: „Es fühlt sich aber wie eine Zerrung an. Sollte dem so sein, dürfte Badelj auf Schalke und möglicherweise auch am kommenden Wochenende gegen Wolfsburg ausfallen. Erneuter Nutznießer könnte Dennis Aogo werden. Der hatte gegen Düsseldorf den an Grippe erkrankten Tolgay Arslan ersetzt. Arslan ist inzwischen wieder gesund und gilt als gesetzt – neben Badelj. Sollte dieser ausfallen, rückt Aogo nach. Mal wieder.

Genaueres in Sachen Badelj soll es am morgigen Donnerstag geben. Da soll die verletzte Stelle erneut untersucht, geröntgt und anschließend eine exakte Diagnose gestellt werden. Ergo: Daumen drücken. Zumindest werde ich das machen.

Gleiche gilt für die Personalie der Woche: Heung Min Son. Der Südkoreaner ist heiß umworben – vom HSV und anderen Klubs. Unter anderem, nein: vor allem von Borussia Dortmund. Intern sorgt das für eine Menge Gesprächsstoff, wie Tolgay Arslan bestätigt. Der wieder genesene Mittelfeldspieler, der von Trainer Thorsten Fink bereits seinen Einsatz auf Schalke signalisiert bekommen hatte, sagt: „Ich habe Sonni schon gesagt, dass er ein echtes Problem hätte, wenn er mir plötzlich als Dortmunder gegenübersteht. Dann müste er aufpassen, dass ich ihn nicht mächtig erwische.“ Worte, die im Spaß gemeint aber durchaus einen ernsten Hintergrund haben. Immerhin rechnet man auch beim HSV auf kurze Sicht mit einem Angebot aus Dortmund. Der BVB hat gerade knapp 70 Millionen Euro für seine beiden Topspieler Robert Lewandowski und Mario Götze (dazu könnt Ihr auf unserer neuen Facebookseite https://www.facebook.com/groups/matzabauch ein Video mit Rene Adler sehen) eingenommen und ist auf der Suche nach Ersatz. „Sonni hat nicht gesagt, wie er sich entscheidet“, so Arslan, „aber ich hoffe, dass er sich für uns entscheidet und bleibt.“

Bleiben will auf jeden Fall Rene Adler. Das zumindest sagte der angeblich vom FC Arsenal umgarnte Keeper den Nachwuchsreportern vom Team „SportXperten“. Die Schüler hatten eine Ausschreibung des Hamburger Weg-Projektes gewonnen und befragten heute eine Stunde lang den HSV-Keeper und seinen Pendant vom HSV-Handball, Jogi Bitter. Adler: „Ich habe in Hamburg ein Haus gekauft, habe einen langen Vertrag – das wäre mir zu unentspannt. Ich habe keine Wechselgedanken.“ Eine Ansicht, die Adler in abgewandelter Form kurz zuvor auch Heung Min Son nahelegte – im persönlichen Gespräch. „Natürlich reden wir, Sonni ist sehr wissbegierig, fragt viel“, so Adler. Er habe dem begehrten Jungstar auch einen Tipp für die Zukunft mitgegeben. „Aber der bleibt geheim.“

Genauso wie das Ziel Heung Min Sons, dessen Vertrag 2014 ausläuft. Sollte der Südkoreaner nicht verlängern, wird er verkauft. Darauf legte sich Sportchef Frank Arnesen bereits fest. Stand Und Son ist weiterhin heiß umworben von englischen Klubs sowie der Bundesligakonkurrenz. Allen voran: Borussia Dortmund. Der noch amtierende Deutsche Meister hat durch den Verkauf seiner Top-Spieler Robert Lewandowski sowie Mario Götze gerade rund 70 Millionen Euro generiert – und ist heiß auf Son. „Mich interessiert das noch nicht“, sagt Son und man spürt die Unbehaglichkeit beim Angreifer. Immerhin ist er einer der Hoffnungsträger im Kampf um einen internationalen Startplatz für den HSV. „Ich lasse das meinen Vater und meinen Berater machen. Für mich ist es erst nach der Saison Thema. Bis dahin zählt nur der HSV.“

Worte, die so gesagt oft Abschiede nach sich zogen. Und angesichts des kolportierten Angebotes von rund zehn Millionen Euro seitens der Dortmunder rückt dieser wohl auch näher. Obgleich der HSV finanziell mit seinem Angreifer einig schien. Zuletzt, so hieß es, ging es nur noch um eine von Son geforderte Ausstiegsklausel. Allein es scheint nur die halbe Wahrheit zu sein. Für Son ist auch die sportliche Perspektive entscheidend. Und die ist in Hamburg tabellarisch ebenso offen wie in Sachen Kaderplanung, da noch keine Spieler verkauft werden konnten.
Das soll – zumindest im Fall Son – auch so bleiben. Deswegen wirken derzeit beim HSV fast alle auf das Sturmjuwel ein. Thorsten Fink hatte zuletzt deutlich gemacht, wie sehr er auf Son setzen wolle. Auch Adler und zuletzt Rafael van der Vaart, der öffentlich zum Verbleib in Hamburg riet, bemühen sich. Nur Son selbst weiß nach eigener Aussage noch überhaupt nicht, wie er sich entscheiden soll.

Er will es auch noch gar nicht. Es sei ein schönes Gefühl, umworben zu sein. Aber eben auch Stress. Und: „Es ist anstrengend, aber ich will Ruhe haben, mich konzentrieren“, sagt Son. „Es ist noch nichts entschieden. Wir haben vereinbart, uns nach der Saison zu besprechen und zu entscheiden.“ Ob der internationale Wettbewerb entscheidend sei? „Der HSV ist meine Familie, egal ob Europa League oder nicht. Champions League ist ein Traum, wäre geil, wenn ich das spielen könnte.“ Das wäre mit dem BVB gesichert. Aber auch der HSV hat noch die Chance. Sagt Son. „Wir müssen mindestens Europa League schaffen. Aber es sind auch nur zwei Punkte bis zur Champions League. Deshalb ist es wichtig, dass sich alle auf den HSV konzentrieren. Auch ich.“

Bei allem, was Son heute von sich gab, war ihm anzumerken, dass ihm nicht wohl ist im Moment. So schön das Werben anderer Klubs, so verlockend die Aussicht auf das große Gehalt auch ist – Son belastet das Thema. Daher ist die Frage, ob es gut ist, so lange mit einer Entscheidung zu warten, aus meiner Sicht schnell beantwortet. Und auch der HSV hätte lieber gestern als morgen den Vertrag verlängert. Dass es sich letztlich nur noch um eine kleine Ausstiegsklausel handelt, in der sich beide Parteien noch nicht einig sind – Blödsinn. Das mag ein Punkt sein, aber der Kern liegt in den sich „androhenden“ Angeboten großer Klubs. Und auf dem Weg dahin zögern Son, sein Vater und der Berater alles möglichst weit nach hinten raus.

Ein legitimes Vorgehen, das aber zuletzt für eine lange Schwächephase bei Son gesorgt hatte. Es ist kontraproduktiv. Gerade jetzt in der finalen Phase, wo es verrückterweise noch um einen internationalen Startplatz geht, schwächt sich Son. Mit Ausnahmen, wie in Mainz. Und auch gegen Düsseldorf war Son nicht so schlecht, wie ihn viele machen wollten. Allerdings: er war auch nicht top. Was mich immer wieder die eine Frage stellen lässt: Ist Son ein Talent, das später den ganz großen Durchbruch schafft? Oder sollte der HSV selbst interessiert sein, den Spieler teuer abzugeben. Gerade jetzt, wo man finanziell Probleme hat, würde ein solcher Millionendeal helfen.

Denkt man. Sollte man auch denken.

Dennoch befürchte ich, dass ein Millionentransfer nur zu (zu kleinen) Teilen wieder in die Mannschaft investiert würde. Dafür ist man in der Chefetage – auch wieder nur zu Teilen, wohlgemerkt – zu sehr auf eine schwarze null aus.

Dabei sind Investitionen in die Mannschaft zwingend nötig. In der Innenverteidigung fehlen zwei gute Spieler. Wie wichtig die sein können, haben jüngst Dante und Boateng gegen Barca bewiesen. Beide spielten bärenstark und gaben den Bayern trotz gerade 35 Prozent Ballbesitzes die Sicherheit, das Spiel zu gewinnen. „Wenn die Achse funktioniert, verlierst du selten“, hatte Fink vor kurzem gesagt – und er hat Recht. Aber zu einer wirklich top funktionierenden Achse fehlt (neben Westermann) mindestens ein richtig guter Innenverteidiger und eine IV-Alternative, dazu muss ein Badelj deutlich konstanter sein zweifellos vorhandenes Potenzial abrufen – ebenso wie Rafael van der Vaart. Und sollte Son verkauft werden bliebe „nur“ noch Rudnevs. Ergo: eigentlich auf allen Positionen der so wichtigen „Achse“ fehlt es beim HSV noch an Personal. Teilweise sogar doppelt. Dazu kommt, dass Dennis Diekmeier auf rechts hinten quasi konkurrenzlos ist. Auch hier ist Nachbesserung nötig.

Wobei sich – so fair sollten wir sein – ein Jacopo Sala empfehlen dürfen muss. Zum Beispiel am Sonntag. Da dürfte der Italiener erste Wahl sein als Diekmeier-Ersatz. „Er ist eine Option“, so Fink, der lediglich Zhi Gin Lam als weitere Option sieht. Bruma spielt – wie am Dienstag geschrieben – keine Rolle mehr.

Eine ganz wichtige Rolle für meine Abendplanung spielt – natürlich nur neben meinen Kindern und meiner Frau – heute das Spiel des BVB gegen Real Madrid. Und so sehr ich mich gestern für den Auftritt der Bayern (insbesondere für den von Müller!) begeistern konnte, sollte der BVB aus der Götze-Transfer-Bekanntgabe tatsächlich sichtbare Schäden davontragen – ich würde die Bayern dafür verurteilen. Dass der Deal stattfindet und bekannt wurde ist das Eine. Der Zeitpunkt der Bekanntgabe aber ist das Andere. Der wirkt nicht zufällig. Im Gegenteil, da scheint sich der aktuell von Hoeneß-Geißelungen geplagte FCB einen Deal mit der Berichterstattung erhofft zu haben. Ergo: Gebt ihnen Götze, dann schreiben sie weniger über Hoeneß’ Steuerhinterziehung. Und das wäre nicht nur hochgradig unsportlich sondern auch für den deutschen Fußball schädlich.

In diesem Sinne, ich hoffe, dass der BVB seinen Leistungen im bisherigen Wettbewerb ein weiteres Husarenstück folgen lässt und Real Madrid aus dem Westfalenstadion geschossen wird. So, wie Barca in München. Am besten mit jeweils zwei Treffern von Lewandowski und Götze.

Bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert. Dieter wird Euch davon sowie von der Presserunde mit unserem neuen Kapitän Rafael van der Vaart berichten.

Scholle

Ein Profi(l) für die Nachfolge

14. April 2010

Tag eins nach Jerome Boatengs Abschiedsentscheidung fiel draußen beim Training ziemlich leise aus. „Boa“ kam wie immer zur Einheit, er trainierte ordentlich und schrieb anschließend Autogramme. Seinen Abgang gen Manchester City mochte der Verteidiger nicht kommentieren: „Ich habe nichts zu sagen!“ Dafür wurde hinter den Zäunen wie auch in vielen Eurer Beiträge gesprochen, diskutiert, analysiert – und spekuliert. Boatengs Entscheidung, ob nun sportlich, finanziell oder auch beiderseits begründet ist egal, haben die meisten Fans zähneknirschend hingenommen. Einige prophezeien ihm ein klägliches Scheitern, andere halten seine frühzeitige Vereinswahl VOR der WM sogar für einen wirtschaftlichen Fehler (weil er bei einer guten WM noch viel mehr kassieren und noch viel bessere Klubs bekommen könnte). Heute war aber in vorderster Linie der Tag der Nachfolgespekulationen.

Ich weiß ja, dass viele von Euch dieses Namen-auf-den-Markt-Gewerfe nicht mögen, darum möchte ich mich der Thematik erst einmal sachlich widmen. Ich teile nämlich die Ansicht, dass die HSV-Abwehr ohne Boateng um einen ganz wichtigen, wenn nicht sogar den wichtigsten Stützpfeiler ärmer sein wird. Joris Mathijsen ist ohne seinen deutschen Nebenmann erheblich instabiler. Wohl auch, weil sich beide hervorragend ergänzen. Boatengs Tempo gepaart mit seinen herausragenden Diagonalbällen und dem (meist) geschickten Zweikampfverhalten haben sich seit jeher beruhigend auf Mathijsen ausgewirkt.

Wer könnte diese Rolle nun einnehmen? Beim Blick auf die internen Kandidaten, Bastian Reinhardt und David Rozehnal, komme ich unweigerlich zu einem Kopfschütteln. Mal kann diese Variante vielleicht gut gehen, aber auf Dauer ist sie meines Erachtens ungeeignet. Ups – fast hätte ich Alex Silva vergessen, den der HSV nach Brasilien zum FC Sao Paulo verliehen hat. Ein Freund von mir hat ihn erst kürzlich in Brasilien spielen gesehen und mir von einem guten Auftritt des Innenverteidigers erzählt. Als er von Boatengs Abgang hörte, sagte er spontan zu mir: „Dann müssen sie ja nur Alex Silva wiederholen, der spielt die Rolle vielleicht sogar noch etwas besser, weil konstanter!“

Ich traue meinem Freund zwar eine fußballerische Bewertung zu, habe da aber doch so meine Zweifel. Silva ist in Hamburg ja nicht sportlich gescheitert, sondern vielmehr wegen seines Treibens abseits des Platzes. Da soll der Verteidiger nämlich einige brasilianische Fußballerklischees bestätigt haben, was ihm vom Vorstand sogar fast eine Abmahnung eingebracht hätte. Ob das Tischtuch in diesem Fall zerschnitten ist, kann ich – ehrlich gesagt – nicht sicher sagen. Ich habe aber gehört und ja vor einiger Zeit auch schon mal geschrieben, dass der HSV-Vorstand Silvas Berater beauftragt hat, einen neuen Verein für den kopfballstarken und schnellen Abwehrmann zu finden. Das würde die Personallücke dann allerdings nicht schließen. Aber vielleicht denken die Klubbosse nach der Boateng-Entscheidung noch einmal um. Für diesen Fall sollten sie sich auf den Weg nach Brasilien machen und einfach mal ein offenes Gespräch mit ihrem Spieler führen. Wer weiß, vielleicht hätte sich die Boateng-Problematik dann sogar von selbst erledigt. Andernfalls ist die Scoutingabteilung, allen voran Michael Schröder, gefragt. Das Profil des gesuchten „Boa“-Nachfolgers ist eindeutig und dürfte die Angelegenheit auch für Spielerberater und ihren Drang der Angebotsunterbreitung einfacher machen.

Gesucht wird ein Spieler mit folgenden Eigenschaften:

– Sehr schnell
– Kopfballstark
– Rechtsfüßer
– Möglichst deutschsprachig
– Starkes Zweikampfverhalten
– Möglichst erstligaerfahren
– Charakterlich stabil
– Alter: 20-27 Jahre
– Nicht verletzungsanfällig
– Ablöse: unter fünf Millionen Euro

Dieses Profil dürfte manchen der genannten Typen bereits aus der Kandidatenliste katapultieren. In Sachen Christoph Metzelder glaube ich, dass das Geschwindigkeitsniveau das entscheidende Ausschlusskriterium sein dürfte – von der Verletzungsanfälligkeit ganz zu schweigen. Gladbachs Dante käme da eher in Betracht, zumal die Borussen ja kürzlich erst einen neuen Brasilianer aus Düsseldorf verpflichtet haben. Mats Hummels würde vielleicht auch passen, aber der Dortmunder ist zu teuer. Beim Namen Höwedes hege ich eigentlich erst Zweifel, seitdem ich die Ablösevermutungen kursieren höre. Fünf bis zehn Millionen Euro (was ist das überhaupt für eine Spanne?!?) werden da gehandelt – das ist dann doch etwas happig, finde ich.

Nun gut, dabei belasse ich es vorerst in Sachen Personalspekulation. Vom Training hat mir heute wieder mein Kollege Christian Pletz berichtet. Und zwar, dass ein ziemlich kalter Wind wehte, dass es eine Mini-Hiobsbotschaft gab (schon wieder, wenn er draußen ist) und dass jede Menge Zuschauer da waren.
Vorweg die schlechte Nachricht: Mladen Petric hat die Einheit wegen einer Adduktorenzerrung vorzeitig beendet. Er hatte wegen einer entsprechenden Reizung eigentlich ohnehin nicht mitwirken wollen, stieg aber wegen der sportlichen Bedeutung für die letzten Wochen doch ein – und stapfte schließlich sichtlich frustriert vom überragenden Trainingsrasen. Fürs Wochenende sieht es schlecht aus. Aber noch ist sein Ausfall nicht besiegelt.

Um Ruud van Nistelrooy, der eine Einheit im Kraftraum abspulte, muss sich Bruno Labbadia glücklicherweise keine Sorgen zu machen. Der Niederländer hält sich mit einem Spezialprogramm in Schuss, damit er Woche für Woche trotz seiner vorherigen langen Spielpause mitwirken kann. Marcus Berg bekam einen kleinen Schlag im Training ab, mischte ansonsten aber auffällig munter mit (da könnte sich ein baldiges Tor des Schweden anbahnen…).

Labbadia ließ erst zwei gegen zwei, dann drei gegen drei und später fünf gegen fünf mit Außenanspielern trainieren – intensiv und gut, was auch die Trainingsgäste Otto Addo (beginnt demnächst seine A-Lizenz als Trainer) und Marco Bode (drehte für seine TV-Kindersendung) sahen. Einzig Tunay Torun wirkte aus der Stammelf defensiv etwas „angeschlagen“, leistete sich ebenso wie Paolo Guerrero beim drei gegen drei einige klägliche Abwehrfehler, die prompt zu Gegentoren und zum Unmut der Teamkollegen führten. Und Dennis Aogo hatte beim drei gegen drei einen Minuten-Blackout mit direkter Vorlage für den Gegner und Eigentor, ansonsten war der Linksverteidiger aber wieder auf der Höhe.

Das war es erst einmal von mir. Ich bin gespannt auf weitere Personalvorschläge für die Boateng-Nachfolge.

17:25 Uhr

Völlig von der Rolle

31. Oktober 2009

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Wirklich nicht. Vielleicht liegt das an der ersten Bundesliganiederlage in dieser Saison. Vielleicht liegt es aber noch mehr an der Art und Weise, wie dieses 2:3 gegen Mönchengladbach zustande gekommen ist. Das war ein echter Rückschlag im Kampf um die Spitzenpositionen in der Liga. Das war aber auch ein selbst verschuldetes Erlebnis der verzichtbaren Sorte, über das es noch sehr, sehr viel zu reden geben wird. Auch intern, wie ich denke. Dazu später mehr.

Eigentlich hatte das Spiel gegen die Borussen doch recht verheißungsvoll begonnen. Obwohl das Hamburger Offensivspiel nicht überragend flüssig lief, ging Bruno Labbadias Mannschaft nach 13 Minuten in Führung. Wie im Training flankte Dennis Aogo von links, den hohen Ball köpfte Marcus Berg von der Strafraumgrenze zu Jonathan Pitroipa, und der Mann mit der Rückennummer 21 legte gezielt auf Piotr Trochowski zurück, der gnadenlos aus 14 Metern ins kurze Eck zielte und traf.

Ich muss gestehen, dass ich diesen Treffer als eine Art Weckruf verstanden hatte. Denn bis zu diesem Tor hatte ich beim Spiel des HSV immer das leichte Gefühl einer etwas zu lässigen Art. Da wurden ein paar Bälle leichtfertig vergeben, immer mal wieder ein Laufweg oder Zweikampf nicht mit letzter Konsequenz durchgesetzt. Von Harmonie war da wenig zu sehen, die Abstände zwischen den Mannschaftsteilen passten nicht. Dass Labbadia schon nach zwei Minuten Berg ein Zeichen gab, er solle die Bälle doch erst einmal sichern und nicht voreilige Direktpässe in den Raum versuchen, passte ins Bild. Irgendwie passte nichts so richtig.

Dass es neben der Führung auch positive Aspekte gab, ist klar. Bester Mann der ersten Hälfte beim HSV war für mich Jonathan Pitroipa. Beweglich, immer anspielbar und in gewohnter Art und Weise unberechenbar wuselte er über den Rasen. „Piet“ ließ sich auch hier und da ins Mittelfeld fallen, um Räume für seinen Sturmkollegen Marcus Berg zu reißen. Dabei muss man allerdings anmerken, dass Berg mit Ausnahme der ersten zehn Minuten von Gladbachs überragendem Innenverteidiger Dante sehr gut an die Kette gelegt wurde und im Strafraum wenige bis keine echten Torchancen verzeichnete.

Gladbach mauerte sich auch nicht wie von vielen befürchtet komplett ein, sondern agierte aus einer kompakten Defensive heraus zielsicher und schnell im Konterspiel, präsentierte sich dabei aus meiner Sicht spielerisch erstaunlich gut und wirkte bestens organisiert. Michael Frontzecks Mannschaft suchte auch aus der Bedrängnis heraus immer wieder passgenaue Lösungen. Nur der „letzte Pass“ fehlte den Borussen bei ihren meist rasant vorgetragenen Kontern, um Frank Rosts ernsthaft zu gefährden. Aus Hamburger Sicht muss ich allerdings auch anmerken, dass die Borussen-Profis viel zu viele Freiräume hatten. Wie oft ich es in Hälfte eins und zwei gesehen habe, dass ein Gladbacher Offensivspieler zwischen HSV-Abwehr und defensivem Mittelfeld einen Ball annehmen und sich weitgehend unbedrängt in Richtung Tor drehen konnte, konnte ich am Ende gar nicht mehr zählen. Da hat erstmals in dieser Saison auch die Abstimmung zwischen Abwehrkette und „Sechsern“ (Jarolim, Ze Roberto) nicht funktioniert.

Apropos Jarolim. Der Kapitän konnte in seinem 250. Bundesligaspiel froh sein, dass er vom insgesamt schwachen Schiedsrichter Dennis Aytekin nach 37 Minuten nicht vom Platz gestellt wurde. Als er nach einem armbetonten Zweikampf gegen Levels als letzter HSV-Mann (bei einem Gladbacher Konter natürlich) zu Boden ging und einen Freistoß zugesprochen bekam, stürmten die Borussen verständlicherweise erbost auf den Schiedsrichter zu und protestierten. Jarolim hätte das Laufduell gegen Levels möglicherweise verloren und hatte den Gladbacher mit einem hohen Arm gegen dessen Hals gestoppt – das hätte auch als Notbremse interpretiert werden können.
Es war aber auch wieder ein Zeichen für Hamburger Fehlorganisation. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Schneller Konter von Gladbach über drei, vier Stationen, dann ein langer Pass auf den sehr agilen Marco Reus, der Rost keine Chance ließ – das 1:1 (39.). Anschließend faltete Joris Mathijsen Dennis Aogo dermaßen zusammen, dass er mit seinen entgleisenden Gesichtszügen bei jedem Halloween-Rummeln mit Süßigkeiten wahrscheinlich überhäuft worden wäre. Aogos Abwehrverhalten in dieser Szene war aber auch gruselig. Anstatt Tempo mit dem Gladbacher aufzunehmen, reduzierte sich Aogo auf staunend zuschauendes Begleitjogging – und versuchte anschließend auch noch eine Entschuldigung zu finden. Nach dem Motto: Ja, aber…

Hälfte zwei begann wieder mit einer positiven Überraschung. Ze Robertos Freistoßtor (48.) versöhnte für viele Defizite des bisherigen Spielverlaufs, aber eine wirklich deutlich erkennbare Besserung im Gesamtauftritt war auch nach diesem Tor nicht auszumachen. Piotr Trochowski (der zu meiner Überraschung den Vorzug vor Marcell Jansen in der Startelf bekommen hatte) trat kaum in Erscheinung, Berg war weiter abgemeldet, und vom Rest kam auch nicht viel.

Eljero Elia, von dem ich ja eigentlich große Dinge und viele Impulse erwartet hatte, war zwar oft in Aktion, aber im Gegensatz zu Pitroipa traf er fast immer im letzten Schritt die falsche Entscheidung, spielte einen Fehlpass, wurde geblockt oder verhaspelte sich. Gelegentlich fand ich seine Vorstöße mit Ball am Fuß auch zu umständlich, wobei er die meisten seiner Ballverluste durch seine extreme Laufstärke und auch sehr viele Wege zurück in die eigene Hälfte wenigstens ausglich. Von einer möglichen Bestform war er aber meilenweit entfernt.

Arangos Kopfball aufs Tornetz (62.) deutete schon an, wie die Gladbacher die HSV-Defensive aus den Angeln heben wollten: mit hohen Bällen. Zwar hätte Schiedsrichter Aytekin nach Bradleys Foul an Pitroipa einen Elfmeter geben müssen (74.), doch er pfiff eben nicht – und auf der gegenüberliegenden Seite nutzte Dante die Hamburger Schlafmützigkeit nach einem schnell ausgeführten Gladbacher Eckball und köpfte, nein: wuchtete den Ball aus kurzer Distanz zum Ausgleich ins Netz.

Zu diesem Zeitpunkt humpelte der in dieser Szene ebenfalls beteiligte Jerome Boateng bereits seit knapp 20 Minuten (nach einem unglücklichen Arango-Foul) über das Feld. Die Diskussion des morgigen Tages ist doch klar: Ist Trainer Labbadia ein unnötiges Sicherheitsrisiko eingegangen, weil er den Nationalspieler nicht vom Platz genommen hat? Ich persönlich bin da geteilter Meinung: Einerseits war schon fünf Minuten nach Boatengs Verletzung deutlich erkennbar, dass der Innenverteidiger in seinem Wirken gehemmt war, dass er unrund lief und sein Verhaltensmuster auf dem Rasen veränderte (er nahm fast eine Libero-Rolle ein und mied harte Zweikämpfe mit Tempo). Demnach hätte Labbadia eingreifen müssen, den ebenfalls enttäuschenden (weil schwächelnden) Guy Demel in die Mitte und einen anderen Akteur (Rincon?) nach rechts hinten beordern müssen. Andererseits können Trainer und auch Mannschaftsärzte nicht in die Spieler hineingucken, jedenfalls nicht während des Spiels. Und da gilt ein ungeschriebenes Gesetz zwischen Trainern aller Spielklassen und Aktiven: Geht es körperlich nicht mehr, müssen Spieler ein entsprechendes Zeichen geben, und dann folgt der Wechsel. Sind es „nur“ Schmerzen, die das Spiel erschweren, kann auch mal auf die Zähne gebissen werden.

Bei Boateng klappte die Einschätzung aller Beteiligten offensichtlich nicht. Und darüber werden sie intern bestimmt noch mehrfach reden. Symptomatisch war Boatengs folgender Rückpass auf Frank Rost, der zur Direktvorlage für Gladbach wurde, aber noch unbestraft blieb (78.). Die komplette Hamburger Hintermannschaft wirkte aufgescheucht, total verunsichert. Und Gladbach nutzte das eiskalt. Arangos traumhaftes Zuspiel nutzte der eingewechselte Rob Friend vor dem herangrätschenden Mathijsen zum 3:2-Siegtor (82.). Ob Frank Rost den Ball hätte halten können, kann ich beim besten Willen selbst nach zwei Zeitlupen nicht sagen. Es sah fast so aus, als habe ihn die Rollrichtung des Balles total überrascht.

Letztlich ist es auch egal, denn diese angesichts des Spielverlaufs nicht unverdiente Niederlage ist das Produkt vieler Fehlerketten, Defizite und Nachlässigkeiten. Ich möchte jetzt keine Grundsatz- oder Pauschalkritiken und –Urteile fällen, denn das ist angesichts des bisherigen Saisonverlaufs nicht angebracht. Ich bewerte dieses 2:3 als gehörigen Schuss vor den Bug. Als neuerliche Warnung, dass nur ein HSV mit 100 Prozent Leistungsfähigkeit, -Bereitschaft und Kampfkraft in der Lage sein wird, sich auf Dauer ganz oben unter den Top drei oder Top fünf der Bundesliga zu behaupten. Jetzt kommt es darauf an, welche Schlüsse die Spieler und Trainer aus diesem Spiel ziehen. Und vor allem, wie das Team psychisch damit umgeht.

Ach ja, einen Hamburger Gewinner gibt es heute doch noch: Wicht hat sich das van-der-Vaart-Trikot als 5000. Kommentarschreiber gesichert. Herzlichen Glückwunsch. Mein Kollege Christian Pletz wird sich bei Dir melden.

19:04 Uhr