Archiv für das Tag 'Congerton'

Ich wiederhole mich gern: Dieser Tah begeistert!

10. Oktober 2013

Weil ich es immer wieder gefragt werde, vorweg eine kleine Info: Lee Congerton ist noch immer offiziell beim HSV angestellt – allerdings von allen Arbeiten befreit. Der Engländer wird nicht mehr gebraucht, hat aber noch einen bis Saisonende laufenden Vertrag, den er aktuell aussitzt. Hintergrund: Der HSV hofft, dass Congerton irgendwo eine neue Herausforderung findet und um die Auflösung des hiesigen Vertrages bittet. Congerton selbst macht bis dahin bezahlten Urlaub. Monat für Monat. Ob der ehemalige Chefscout bereits Verhandlungen führt konnte mir vom HSV niemand beantworten. Und Congerton selbst war nicht zu sprechen. „Ich bin gerade mit dem Auto in den Bergen unterwegs, ich höre Dich kaum“, war alles, was Lee mir sagte, bis die Verbindung abriss. Weitere Anwählversuche scheiterten. Dennoch sollte es in den nächsten Tagen klappen, da bin ich mir sicher. Wenn Congerton es überhaupt will…

Fürs Erste muss das in Sachen Congerton reichen. Leider. Aber sehr viel mehr als das oben geschriebene wird eh nicht herauskommen. Gibt ja auch schlimmeres als ein Jahr lang sehr gut bezahlt Urlaub zu machen…

Von Urlaub weit entfernt ist Jonathan Tah. Während seine Klassenkameraden in den aktuell laufenden Herbstferien zu Hause entspannen oder verreisen, muss Jonathan Tah fleißig trainieren. Er kennt solche „Ungerechtigkeiten“ noch aus seiner Jugend – in der er sich mit seinen 17 Lenzen genau genommen ja sogar noch befindet. „Ich musste bei den Mannschaften in den Ferien auch immer trainieren, daran hat sich kaum was geändert.“ Aber es hat sich gelohnt. Denn neben dem auffälligen Torschützen Pierre Michel Lasogga ist Tah ganz sicher DIE Entdeckung der Saison. Manchmal müsse er sich schon noch kneifen, bei dem Tempo mit dem er gerade durchstartet. Aber Tah ist einfach nicht der Typ, der durchdreht. „Ich bin ruhig, eher unaufgeregt“, sagt Tah über sich selbst und ich nehme es ihm zu 100 Prozent ab. Der Junge ist genau so, wie man sich einen 17-Jährigen vorstellt, der bei den „Großen“ mitmachen darf. Er lächelt verlegen bei Komplimenten, freut sich aber sichtlich darüber. Und er ist zurückhaltend, lernwillig und aufs Wesentliche fokussiert. Er hat nach den starken Leistungen auch keinen Grund, verbal auffällig zu werden. Das, was er auf den Platz anbietet, spricht für sich.

„Ich bin selbst überrascht, wie schnell alles geht“, sagt Tah, der plötzlich Autogrammwünsche erfüllen muss, Liebesbriefe von Fans bekommt und auf der Straße angesprochen wird. „Natürlich verändert sich der Alltag etwas“, sagt Tah und lächelt – der Rummel gefällt ihm. Noch. Abheben sei aber keine Gefahr bei ihm. „So bin ich selbst nicht gestrickt“, sagt der jüngste Startelfspieler der HSV-Bundesligageschichte. Und selbst wenn er mal den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe wären da noch seine Eltern. Und die drei Geschwister, die bei möglichst jedem Spiel im Stadion sind. „Ich glaube schon“, so die bescheidene Antwort auf die Frage, ob seine Eltern und Geschwister stolz seien. Ist ja auch klar…

Tah ist angekommen. Aber er ist lange noch nicht am Ziel. Es gibt noch jede Menge zu verbessern, sagt er selbst und zählt überraschenderweise das auf, was die meisten bei ihm loben: sein Passspiel. Dafür sei er im Zweikampf und in Kopfballduellen schon ganz zufrieden. So wie seine Kollegen mit ihm. „Ich bin super aufgenommen worden, ich hab’ mich gut eingefügt. Und ich lerne in jedem Training.“ Parallel zur Schule. Tah absolviert im kommenden Jahr sein Fachabitur. Zu viel Stress? Nicht für Tah. Im Gegenteil, er ist stets darum bemüht, Ruhe auszustrahlen. „Unfassbar cool“, nennt ihn Trainer Bert van Marwijk.

Rene Adler spricht sogar von einem der größten Talente überhaupt – und der Keeper ist es auch, der Tah führt. Auf dem Platz dirigiert Adler ihn lautstark, „weil er von hinten die beste Sicht und jede Menge Erfahrung hat“, sagt Tah, der weiß, dass er von Adler und Co. viel lernen kann. Besser gesagt: Er will viel von ihnen lernen. Auch von seinem Nebenmann Johan Djourou, mit dem Tah die Innenverteidigung bildet. Wie die zwei kommunizieren? „Auf französisch“, antwortet Tah, dessen Vater Ivorer ist. Und an der Elfenbeinküste wird französisch gesprochen. Tah beherrscht die Sprache von Haus aus – ebenso wie das Zusammenspiel mit Djourou.

Wie Ihr in dem Video auf unserer Matz-ab-Facebookseite (auf www.facebook.com/groups/matzab stelle ich die Videos rein, weil ich hier ein Upload-Limit habe, das mit solchen Videos überschritten wird. Das ist KEIN Versuch, Leute zu Facebook zu locken!!!) raushören könnt, ist Tah ein eher unaufgeregter Typ. Er erinnert mich in seiner Art ein wenig an Jerome Boateng. Wann er das erste Mal das Gefühl hatte, so richtig in der Mannschaft angekommen zu sein? Vielleicht gegen Fürth bei seiner Rettungsaktion, wie ich so investigativ ausgemacht haben wollte? „Nein“, sagt Tah, „das war viel früher. Im Training habe ich gemerkt, dass die Mannschaft mich annimmt, akzeptiert.“

Es macht ehrlich Spaß, diesem Jonathan Tah zuzuhören und zuzusehen. Im Trainingslager hat er in den Testspielminuten, die er mitmachen durfte, noch Kinken dringehabt, die einen Bundesligaeinsatz in weite Ferne zu rücken schienen. Er war schlichtweg und wenig überraschend noch aufgeregt, manchmal etwa naiv. Eben das sagte ihm auch der inzwischen beurlaubte Trainer Thorsten Fink, der Tah sagte, „dass ich einfach weitertrainieren und lernen soll. Der Rest käme von ganz allein und ich sollte Geduld haben“, erinnert sich Tah an das Gespräch mit dem ehemaligen Trainer. Dass Fink gehen musste und Cardoso ihn reinwarf – bekannt. „Fink hat mich hochgezogen, dafür bin ich ihm sehr dankbar.“ Mediendirektor Jörn Wolf staunte übrigens nicht schlecht. Er musste bei dem ersten richtigen Interviewmarathon des Youngsters nicht einmal eingreifen. Tah beherrscht auch das.

Er hat sich einfach im Griff. Selbst das erste Mal vor knapp 60000 Zuschauern zu spielen, weiß er kaum noch. Er war zu konzentriert auf das Spiel, obgleich er „vorher höchstens mal vor 4000 Zuschauern mit der Nationalmannschaft gespielt habe“, erinnert sich Tah und nennt das Stichwort: Nationalelf. Nicht, dass ich den jungen Verteidiger jetzt schon bei Löw ins Team schreiben will, nein. Ich wollte einfach nur wissen, ob er sich im Fall der Fälle für Deutschland oder die Elfenbeinküste entscheiden würde. Tahs Antwort war eigentlich keine und doch die beste: er sagte nichts. „Darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn es soweit ist. Da habe ich sicherlich noch ein wenig Zeit. Ich versuche einfach, jedes Training voll zu nutzen und mich dem Trainer anzubieten.“

Stimmt. Darum geht’s.

Trotzdem hat Tah die Auswirkungen seines gesteigerten Bekanntheitsgrades gerade zu spüren bekommen. Sein Video, das ich auch hier im Vorblog reingestellt hatte, ist inzwischen schon zigtausendfach abgerufen worden. „Frei raus bei Facebook Sachen reinstellen oder twittern läuft jetzt nicht mehr so einfach“, lacht Tah, der mit seinem Gesang für seinen „Bruder“, wie er Calhanoglu nennt, zu gefallen wusste. „Irgendwie echt niedlich“, nannte es meine Frau und die Kommentare unter dem Motivationssong schließen sich dem größtenteils an. Ob er ein ganz bestimmtes Karriereziel hat? „Das nächste Training.“ Recht hat er. Irgendwie auffällig oft.

Ebenso wie ein gewisser Herr aus unserer Mitte, der sich sogar schon provoziert fühlte, weil ich den Namen Calhanoglou falsch aussprechen würde. Für ihn habe ich extra eine Audiodatei angehängt, die zeigt, wie der Name tatsächlich ausgesprochen wird. Und für alle, die trotzdem noch daran zweifeln: Die Stimme der Aufklärung ist in diesem Fall Hakan Calhanoglu selbst…

In diesem Sinne, ich bin einfach nur begeistert von Jonathan Tah. So sicher auch noch Spiele kommen, in denen er enttäuscht, dieser Junge wird sich auf lange Sicht einen sehr guten Namen machen – wenn er so bleibt, wie er es jetzt ist. Aber vor allem gratuliere ich den HSV-Verantwortlichen, denn der Klub hat endlich wieder ein echtes Juwel hervorgebracht…

Morgen habe ich frei. Lars übernimmt. Und ich melde mich am Sonnabend. Vielleicht mit ein paar O-Tönen mehr von Congerton. Aber ganz sicher mit einer Scheel-Reaktion zu den Vorwürfen, er habe bei Protokollen bewusst kritische Passagen herausgelassen. Versprochen.

Euch allen einen schönen Restabend!

Scholle

P.S.: Am Donnerstagnachmittag konnte Ivo Ilicevic wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.

P.P.S.: Calhanoglus Aufklärung:

Golz’ Worte machen nachdenklich

19. Juni 2013

Es gibt schlechte Interviews und welche, die gut sind. Es gibt Interviews, die Neuigkeiten hervorberingen und welche, die sich wiederholen und dann noch welche, die langweilen. Und es gibt Interviews wie das mit Richard Golz. Das hat mich in einigen Erkenntnissen der letzten Jahre bestätigt – aber leider nicht im positiven Sinne. Es zeigt nur sehr deutlich auf, wo es beim HSV seit Jahren und noch immer kapital hapert. Wenn der oberste sportliche Verantwortliche sich nicht um seine Angestellten und deren Verträge (Golz, Heinemann, Teuber, Diekmeier etc.) kümmert, sein Attaché die Jugendarbeit zwar offiziell auf die Fahne geschrieben bekommt, diese aber nicht nur vernachlässigt sondern sie größtenteils verweigert – dann kann sich nichts entwickeln. Es sei denn, die verweigerte Arbeit wird mit teurem Geld für fertige Spieler ausgeglichen. So, wie es der HSV lange Zeit machen konnte, weil die Umsätze und die sportlichen Erfolge stimmten. Aber so, wie es der HSV heute sicher nicht kann.

Aber jetzt?

Jetzt muss sich beim HSV einiges ändern. Das ist platt formuliert, bekannt und schon tausendmal gesagt – ich weiß. Aber es ist nach wie vor richtig. Wenn ich allein die Congerton-Aussage von Golz überdenke – wieso gibt es da keine Kontrolle? Oder wenn es denn intern bekannt war – wovon auszugehen ist – wieso gab es da keine Konsequenzen? So macht sich der HSV nur zu genau dem, was er nach eigener Aussage nicht sein will: Zum Selbstbedienungsladen mit extremem Arbeitnehmer-Wohlfühlfaktor und somit zu einem Verein mit einem Effizienzleck. Teure Leute (Congerton verdient 600000 Euro per annum, sein Chef Frank Arnesen hat dem Vernehmen nach 1,8 Millionen Euro im Jahr) holen, um nachhaltig und tiefgreifende Veränderungen herbeizuführen, diese Leute aber unkontrolliert machen lassen, was sie wollen – das ist Dilettantismus in Reinkultur. Und in diesem Fall beißt es den HSV heftig in den Allerwertesten. Extrem teuer ist es zudem.

Die Konsequenzen hat der Aufsichtsrat, der nicht nur den Vorstand bestellt sondern selbigen auch kontrollieren soll, inzwischen gezogen, indem er Arnesen entlassen hat. Denn Congerton ist letztlich im Paket Arnesen enthalten. Dass sich auch der Vorstand hinterfragen muss – ganz klar. Die verbliebenen drei Herren (Oliver Kreuzer nehme ich da selbstverständlich raus) hätten eine Zielvereinbarung treffen müssen (was sie wahrscheinlich auch gemacht) und in ihren anschließenden, gemeinsamen Vorstandstreffen mit Arnesen zumindest Zwischenstände abfragen müssen. Wobei Arnesen nur zwei Jahre da war und eine Zeit erwischt hat, in der der Profibereich kriselte und einen außergewöhnlichen hohen Aufwand erforderte. Deshalb ist kaum einem aufgefallen, dass Congerton selten in Ochsenzoll war. Ob er wirklich nur ein einziges Mal da war – ich kann es nicht beantworten und auch ein Richard Golz wird das nicht sicher sagen können.

Viel schlimmer jedoch finde ich, und das ist meine persönliche Meinung, dass Congerton niemals das Aufgabenfeld Jugendarbeit hätte angetragen werden dürfen. Das ist nicht sein Gebiet, da kennt er sich auch nicht aus. Congerton ist jedoch jemand, der fleißig ist, sich im Profibereich extrem gut auskennt und sich ständig über verschiedenste Spieler (ab Herrenalter) informiert hat. Congerton verfügt zusammen mit Steve Houston über eine Datenbank, die inzwischen so groß und umfangreich ist, dass sie ihresgleichen sucht. Das ist auch das Aufgabengebiet, das Congerton mir gegenüber immer beschrieben hatte, wenn wir uns unterhalten hatten. Ich weiß noch aus einem Gespräch im Trainingslager in Marbella, wie Congerton sich und seine Position beschrieben hat. „Ich bin das Auge und das Ohr von Frank. Wir sammeln jeden Fetzen an Informationen, stecken ihn in die Datenhülle, die Houston entwickelt hat und haben so immer die Möglichkeit, bei Bedarf nach bestimmten Attributen suchen zu können. Ich bin sozusagen die personifizierte Suchmaschine für Frank.“ Und wäre es bei diesem Job geblieben – niemand hätte Congerton einen Vorwurf gemacht. Obwohl, angesichts der ganzen Chelsea-Spieler vielleicht schon.

Auf jeden Fall aber habe ich die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen, als ich gelesen habe, was Golz über Arnesen und Congerton gesagt hat. Denn das ist genau das, was aus Teilen des Aufsichtsrates als Begründung für Arnesens Entlassung kam.

Und jetzt soll Kreuzer die Versäumnisse der letzten Monate und Jahre mit einem Schlag aufarbeiten – na dann Prost. Nichts gegen den neuen Sportchef, wirklich nicht. Aber der dürfte angesichts der To-Do-Liste das kalte Kotzen kriegen. Er soll jetzt nicht nur die Spieler verkaufen, die im Winter nicht abgegeben werden konnten. Er soll zudem ohne viel Geld Verstärkungen nach Hamburg locken, den internationalen Wettbewerb erreichen und mal eben den Jugendbereich neu aufbauen. Bitter.

Einer, der genau solche Missstände schon als Spieler angesprochen und sich damit vereinsintern eine Menge Feinde gemacht hatte, wurde heute als neuer HSV-Sportchef vorgestellt. Allerdings beim Handball. Frank Rost leitet ab heute als Geschäftsführer die Geschicke des Champions-League-Siegers und nannte als eine seiner wichtigsten Aufgaben den eigenen Jugendbereich. Wobei man sagen muss, dass sich der HSV Handball in Sachen Nachwuchs einen guten Namen gemacht hat. „Trotzdem muss der Blick genau dorthin gerichtet sein“, so Rost, der in die Mentalitätskerbe von Golz schlägt: „Wenn wir unsere Spieler im eigenen Verein ausbilden, lernen sie die Vereinskultur und identifizieren sich mit dem Klub – für alle Außenstehenden ist das dann sichtbar. Und das wiederum macht den Verein für seine Fans greifbar, sympathisch. Es entsteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das zum Faustpfand des Klubs werden kann. Zumindest aber ist das eine mehr als lohnenswerte Vereins-Philosophie, die wir hier beim HSV verfolgen sollten.“

Und mir schien es fast so, als hätte Rost aus den Fehlern des großen Bruders von nebenan gelernt zu haben. Bislang sind zwar auch das nur Antrittsworte, ganz klar. Aber Frank Rost wird seinen Forderungen und Ankündigungen Taten folgen lassen. Koste es, was es wolle. Wetten dass….?!?

In diesem Sinne, ich verabschiede mich für ein paar Sommerpausentage und melde mich spätestens aus dem Trainingslager in Österreich im Zillertal wieder. Dass es dort einen hohen Grad an Unzufriedenheit gibt, weil der HSV nur fünf Tage dort weilt und anschließend noch einen Testspieltrip nach Klagenfurt (Kärnten) absolviert, ist mir bekannt. Noch jedoch ist keine Klage gegen den HSV eingereicht worden, wie hier einige vermuten. Bislang laufen Gespräche – Ergebnis offen. Aber sobald es dort einen neuen Vorgang gibt, berichten wir Euch davon.

Bis die Tage!
Euer Scholle

P.S.: In Sachen Transfers gab es heute nichts Neues.

Richard Golz: Gedanken zum Abschied

19. Juni 2013

Der aktuelle Bericht von “Scholle” sollte weiterhin viel Beachtung finden, er hat ja auch schon viel Beachtung gefunden und ist ja auch weiterhin zu lesen – ich stelle aber schnell einmal das Interview mit einem Scheidenden (nämlich aus Hamburg) rein: Richard Golz. Mein Kollege Alexander Laux und ich, wir haben uns mit dem ehemaligen HSV-Torwart und mit dem Cotrainer der Regionalliga-Mannschaft getroffen, um noch einige Sachen aufzuarbeiten. Der “Richie”geht bekanntlich nach Berlin, zur Hertha. Und ich, das darf ich sagen, finde es jammerschade. Einen so klugen Kopf, der so viele Erfahrungen im Profi-Fußball über Jahrzehnte gesammelt hat, den hätte der HSV eigentlich halten müssen. Natürlich weiß ich, dass dazu auch Positionen frei sein müssten – aber meiner Meinung nach wäre zumindest eine Position für ihn frei gewesen . . . Nun gut, das lässt sich jetzt ohnehin nicht mehr ändern, deswegen ist es eben so wie es ist. Hier nun das Interview, das in dieser Form heute auch in der Print-Ausgabe des Hamburger Abendblattes erschienen ist:

Alexander Laux
Dieter Matz

In den nächsten Tagen heißt es Koffer packen für Richard Golz. Sonntag startet Bundesliga-Aufsteiger Hertha BSC mit der Vorbereitung auf die neue Saison – mit dem 45-Jährigen, der von 2008 bis 2013 als Co-Trainer beim HSV-Nachwuchs gearbeitet hat, als neuem Torwarttrainer.

Hamburger Abendblatt: Herr Golz, sind Sie enttäuscht, Hamburg wieder mal verlassen zu müssen?

Richard Golz: Nein, wieso? Meine Sichtweise ist eher so, dass ich nach Berlin gehe. Ich verlasse Hamburg auch nicht ganz. Meine Familie bleibt in den kommenden drei Jahren hier, die Jungs sollen die Schule zu Ende machen.

Was hat Sie an Hertha gereizt?

Golz: Vor dem letzten Spiel der U 23 gegen Meppen klingelte das Telefon: Hallo, hier ist Jos Luhukay. Das Gespräch verlief so positiv, dass ich mir sofort vorstellen konnte, mit ihm zu arbeiten. Ich bin froh, dass ich im Nachwuchsbereich meine Erfahrungen sammeln durfte, aber in der Bundesliga spielt nun mal die Musik. Und dass es jetzt in Berlin weitergeht….

…Ihrer Heimatstadt…

Golz: …kommt noch dazu.

Dürfen wir Sie dennoch bitten, einen Blick zurück zu werfen. Hat es der HSV verpennt, mit Ihnen zu verlängern?

Golz: Es war schon relativ schwierig. Am Ende des Jahres suchte ich ein Gespräch mit Frank Arnesen, weil ich in irgendeiner Form weiterkommen wollte. Parallel zu meiner Tätigkeit beim HSV hatte ich ja ein Hochschulstudium zum Sport- und Eventmanager abgeschlossen. Ich habe ihm erzählt, dass ich mir vorstellen könne, nicht nur als Trainer zu arbeiten, sondern auch eine Funktion im Nachwuchsleistungszentrum zu übernehmen.

Wie hat Arnesen reagiert?

Golz: Er antwortete: Toll, das behalte ich im Kopf. Was die Trainer beträfe, könne er sich jetzt noch nicht festlegen. Sie würden schon gerne die besten Leute behalten wollen, aber erst im Frühjahr entscheiden und mit den Leuten sprechen.

Lassen Sie uns raten: Das Frühjahr zog sich hin.

Golz: Ich habe danach nie mehr ein Wort mit ihm gewechselt. Aber ich machte mir keine großen Sorgen, weil mein Vertrag nach fünf Jahren in einen unbefristeten Zustand übergegangen wäre. Es konnte nur niemand genau sagen, was ich inhaltlich machen soll. Es hieß nur hinter vorgehaltener Hand: Wir wollen umstrukturieren, vielleicht nicht mehr so viele Trainer bei der zweiten Mannschaft haben.

Sie streben danach, einmal ein Manageramt zu übernehmen. Beim HSV gab es häufiger Bedarf. Sind Sie traurig, nicht gefragt worden zu sein?

Golz: Ich bin nicht der Typ, der jedem hinterher rennt, um das Interesse an einem Job zu hinterlegen. Es ist halt so, dass Situation und Zeitpunkt passen müssen.

Mehr als zehn HSV-Trainer und Betreuer wussten nicht, wie es mit ihnen weitergeht. Ist es normal, dass man so lange hingehalten wird?

Golz: Ich glaube, Arnesen hat einfach lange nicht gewusst, was er machen soll, vielleicht hatte das auch mit Geld zu tun. Ich denke schon, dass man grundsätzlich den Trainern auch die Chance geben sollte, sich rechtzeitig etwas Neues suchen zu können.

Fühlt man sich ungerecht vom Verein behandelt?

Golz: Wie soll ich das formulieren? (Überlegt) Es hing einfach ganz viel an Arnesen. Er wollte viele Dinge entscheiden, hat sich aber nicht so richtig darum gekümmert. Lee Congerton, der technische Direktor, sollte sein Statthalter sein im Nachwuchsleistungszentrum. Den habe da ich nicht einmal gesehen. Ich korrigiere mich: Einmal war er bei einer Besprechung dabei. Einmal.

Unglaublich. Er sollte doch das Bindeglied sein.

Golz: Er wurde uns auch als unser Ansprechpartner angekündigt. Aber in diesem Nadelöhr sind dann einfach die Dinge stecken geblieben.

Es ist ja seit längerer Zeit in Mode, auf den Nachwuchs des HSV einzuprügeln. Wie fällt denn Ihr Urteil aus?

Golz: Ich war am Wochenende im Berlin, als die B-Junioren von Hertha im Endspiel auf Stuttgart trafen. Als ich da stand, habe ich mir überlegt: Wie viel besser sind diese Teams als unsere U-17 beim HSV? Gravierende Unterschiede habe ich nicht gesehen.

An HSV-Junioren in einem Endspiel können wir uns aber nicht erinnern.

Golz: Mein Lieblingsthema in den vergangenen fünf Jahren war Mentalität. Wir trainieren alles Mögliche, bieten Individualtraining an. Aber das, was am Wichtigsten ist, trainieren wir fast am Wenigsten: den Kopf. Wenn du besser sein willst auf die anderen, musst du viel mehr Wert auf Mentalität legen. Da ist noch viel rauszuholen.

Der HSV hatte doch einen Psychologen angestellt.

Golz: Einstellen alleine reicht nicht, man muss ihn auch einbinden und ihm die Chance zur Mitarbeit geben. Sein Vertrag wurde ja jetzt auch nicht verlängert.

Wie würden Sie das machen?

Golz: Die Trainer, die auf die jungen Spieler losgelassen werden, müssen in dem Bereich richtig fit sein, nur dann kannst du auch besser sein als die anderen. Unsere Jungs sind fußballerisch nicht schlechter. Aber wenn man sich bei den 15-, 16- oder 17-Jährigen umschaut, da schüttelst du manchmal den Kopf und denkst: Wer steht denn da auf dem Platz?

Nämlich?

Golz: Die Abteilung der ganz Abgedrehten, die der moderne Fußball eigentlich nicht mehr vertragen kann. Das ist aber kein HSV-typisches Problem. Was ich meine: Gerade deshalb wäre es wichtig, die Trainer permanent fortzubilden. Natürlich werden in einem DFB-Lehrgang zur A-Lizenz Inhalte aus der Psychologie oder Pädagogik vermittelt, aber das ähnelt doch eher einem Crashkurs. Die Konsequenz daraus ist dann häufig, dass aus einem guten Fußballer kein richtig guter Mannschaftsspieler wird.

Zahlt der HSV auch den Preis für zu viele Wechsel in der Führung des Nachwuchsbereichs?

Golz: Natürlich. In einem Jahr kann man nichts bewirken. Jedes Jahr ein neuer Leiter und ein neues Konzept, das kann ja nicht funktionieren.

Da sie jetzt so viele Konzepte kennen: Gab es eines, das Sie überzeugt hat?

Golz: Paul Meier kam aus der Trainerausbildung, hat die HSV-Trainer besser gemacht und damit auch die Spieler. Diesen Ansatz finde ich sehr schlau, weil man sich so auch die Trainer für die höheren Mannschaften aufbauen kann. Du musst einfach alle Beteiligten permanent weiterentwickeln, unterstützen. Die Trainer aus dem Nachwuchs sind auf Dauer sehr viel besser als diejenigen, die gleich in der Bundesliga eingestiegen sind, davon bin ich fest überzeugt.

Dann könnte man vielleicht auch die häufig anzutreffenden Mentalitätsprobleme bei den Profis eliminieren.

Golz: Ich habe kürzlich mit Freiburgs Christian Streich gesprochen. Wissen Sie, was er gesagt hat? Das wichtigste Kriterium dort ist soziale Kompetenz, das heißt: Wie verhält sich ein Spieler beispielsweise gegenüber den Kollegen und den Fans.

Wie wichtig finden Sie es, ehemalige Spieler im Verein zu beschäftigen, Stichwort Identifikation?

Golz: Es geht häufig um so wichtige Entscheidungen, da spielt der Faktor fachliche Kompetenz eine wichtigere Rolle. Erst dann kommt die Frage, ob jemand mal das Trikot des Clubs getragen hat. Aber das eine schließt ja das andere nicht aus.

Hat sich der Umzug der U-23 in den Volkspark positiv ausgewirkt?

Golz: Ich finde schon, dass sich das gelohnt hat. Wir hatten einen guten Austausch, besonders Frank Heinemann hat sich sehr darum gekümmert. Ich bin allerdings skeptisch, was jüngere Teams betrifft. Die sollten erst mal Gas geben, bevor sie vor Zuschauern trainieren dürfen. Womit wir wieder beim Thema Mentalität sind.

Hinter den Kulissen laufen Bestrebungen, die Strukturen des HSV zu ändern. Befürworten Sie das?

Golz: Ich glaube schon, dass man schneller handeln können muss.

Wenn immer erst mal der Aufsichtsrat einberufen wird…

Golz: …. ist das unpraktisch und macht auch keinen Sinn. Die Leute, die im Vorstand arbeiten, werden ja für ihre Arbeit bezahlt. Auf der anderen Seite sucht ein ehrenamtlicher Aufsichtsrat, der sein Amt aus Spaß ausübt, einen Sportchef. Unlogisch.

Sorgen Sie sich um die HSV-Zukunft?

Golz: Die Situation ist weiter schwierig. Auch wenn die letzte Serie ja ganz gut über die Bühne ging, heißt das nicht, dass die kommende Saison zwangsläufig besser wird. In der Bundesliga geht es mittlerweile so eng zu, dass jede Schwäche gnadenlos ausgenutzt wird. Es ist jedes Jahr ein harter Kampf. Auch für den HSV.

PS: Bitte nicht den “Scholle”-Beitrag vergessen, den ich nun “leicht” verdrängt habe. . .

9.37 Uhr

Arnesen will “erst einmal nichts Neues” machen

14. Juni 2013

Jetzt geht es in die Vollen. Fast täglich gibt es neue Namen. Selten sind es die, die auch wirklich kommen. Aber fast immer sind es Namen, mit denen sich der HSV tatsächlich beschäftigt. Und das sind natürlich deutlich mehr als am Ende verpflichtet werden können. Roque Santa Cruz war da sicherlich der vom Namen her bislang dickste Fisch – allerdings mit einem geschätzt sieben Millionen Euro teuren Jahreseinkommen auch mindestens drei Stufen über dem hiesigen Gehaltsgefüge. Insofern ist der Wunsch des HSV verständlich – aber eben eher unrealistisch, dass es am Ende auch zu einer Verpflichtung kommt.

Dennoch, und das ist das Gute an solchen Geschichten, der HSV macht auf sich aufmerksam, weil man eben nicht immer nur kleine Namen angeht. Täte man das und paart es mit der leidigen Darstellung der schlechten Finanzsituation – der HSV wäre schnell einer der unattraktivsten Klubs der Liga. Insofern: Ganz nach oben greifen, um am Ende vielleicht eine oder zwei Stufen drunter liegend zugreifen zu können ist immer noch besser, als von Beginn an klein zu denken. „Ich werde nicht klein denken, das verspreche ich“, hatte mir der neue Sportchef Oliver Kreuzer vor einer Woche gesagt. Und er scheint Wort zu halten.

So eine Art Mittelding ist der heute in der Morgenpost genannte Basel-Stürmer Jaques Zoua. Positionell, nominell und finanziell. Denn der gebürtige Kameruner hat alle Veranlagungen, er kann auch überall spielen (auf den Außen und im Angriff), aber er ist weder der gesuchte Sturmtank noch ein reines Talent. Finanziell liegt der bis 2015 in Basel vertraglich gebundene 21-Jährige mit rund zwei Millionen Euro Ablösesumme über dem, was Kreuzer („Am liebsten vertragslose, ablösefreie Verstärkungen“) sich vorgenommen hat.

Aber es ist ein Spieler, der in Hamburg bekannt ist. Sowohl Kreuzer als auch – und vor allem – Thorsten Fink kennen den Spieler gut. Fink hatte den Offensivmann 2009 zum Profi gemacht, las ich heute in der Mopo. Er wird wissen, was Zoua kann. Ich habe ein paar Videos gesehen und will mir hier kein Urteil erlauben. Aber ich würde behaupten wollen, dass der HSV eher die Sofortverstärkung mit einer anderen Position besetzen wird und Zoua trotzdem Sinn machen kann. Zumindest für den Fall, dass man Dennis Aogo abgibt.

Reiner Humbug?

Nein. Dennis Aogo zählt beim HSV schon seit längerer Zeit zu der Kategorie Spieler, die man abgeben würde. Und das hat nichts mit seinen sportlichen Leistungen zu tun. Im Gegenteil, Fink hält große Stücke auf Aogo. „Dennis hat sich in den letzten Jahren beim HSV zum Stamm- und Führungsspieler hochgearbeitet“, hatte zudem Klubboss Carl Jarchow am Saisonende gesagt, als ich ihn fragte, wie die Personalie Aogo perspektivisch zu sehen sei. Und Jarchow ließ keinen Zweifel daran, dass er ebenso wie die sportliche Leitung viel von Aogo hält. Allerdings weiß Jarchow mehr als jeder andere, dass der HSV sparen muss und dafür muss der Kader reduziert werden. Und dabei wird bei den Topverdienern angesetzt. Dort wird abgewogen, inwieweit der sportliche Nutzen den preislichen Aufwand rechtfertigt. Eine Rechnung, die für Aogo schwer wird, immerhin verdient der Linksfuß rund drei Millionen Euro per annum und zählt damit eindeutig zu den Topverdienern.

Das allein kann man ihm aber definitiv nicht vorwerfen. Absolut nicht. Wie im Fall Berg mache ich das auch hier nicht. Denn zu (finanziell) besseren HSV-Zeiten hat der Profi halt gut verhandelt. Oder besser: verhandeln lassen, damals, unmittelbar vor der Jahreshauptversammlung im Januar 2011, auf welcher der damalige Klubboss Bernd Hoffmann die Vertragsverlängerung verkündete und dafür Jubel erntete. Eine gelungene Abwechslung für den damals in der Kritik stehenden HSV-Boss.

Egal wie, dieser Vertrag macht Aogo zu einem reichen Mann – und eben zu einem Spieler, der zu teuer sein könnte für diesen jetzigen HSV. Wobei ich klarstellen möchte, dass ich Dennis Aogo als vorbildlichen Profi empfinde. Sobald der Linksfuß den Platz betritt, egal ob zum Training oder Spiel, dann gibt er Vollgas. Man weiß bei Aogo, was man bekommt nd was man nicht erwarten darf – aber das hat ihn zum Nationalspieler gemacht, was allein ein gutes Zeugnis ist. Zudem paart Aogo seine guten Leistungen mit einem vorbildlich sympathischen Auftreten den Fans gegenüber. Aber wie in jedem anderen Unternehmen, das sparen muss, kann sich keiner mehr seines Arbeitsplatzes sicher sein. Und für Dennis Aogo, da bin ich mir sicher, bieten sich neben dem HSV noch viele andere Top-Möglichkeiten hierzulande wie auch im Ausland. Obgleich ich weiß, wie gern Aogo beim HSV spielt…

Gern geblieben wäre auch Frank Arnesen. Allerdings genießt der geschasste Sportchef seine unerwartete Frei(z)heit auch. „Ich konnte zu dieser Jahreszeit seit knapp 20 Jahren keinen Urlaub mehr machen. Ich habe ständig die Geburtstage meiner Enkelkinder verpasst, das ist jetzt anders“, sagt der Däne, der sich in den kommenden zwei Wochen mit dem HSV zusammensetzt und über seine Vertragsauflösung spricht. Wobei diese eher nicht zu erwarten ist. Wie ich aus dem Aufsichtsrat schon gehört und hier auch geschrieben hatte, rechnen alle Verantwortlichen damit, dass Arnesen seinen Vertrag aussitzt. „Ich werde die nächsten zwei, drei Monate ganz sicher nichts machen. Ich habe auch alle Gespräche diesbezüglich mit neuen Vereinen bislang abgelehnt. Ich mache das Beste aus der Situation und nutze sie für meine Familie.“ Mit der soll es auch in zwei Wochen in das familieneigene Haus nach Spanien (Malaga) gehen. „Ich werde mit meiner Frau viel reisen, natürlich auch sehr viel Fußball schauen. Aber ich habe dem Aufsichtsrat in Person von Jens Meier auch klar gesagt, dass ich nichts neues habe und in den nächsten Monaten auch nichts Neues machen werde. Das habe ich mir und das hat vor allem meine Familie verdient.“ Soll heißen, Arnesen hat ab jetzt bezahlten Urlaub. Es gibt sicherlich schlimmere Schicksale derzeit…

Aber das alles gilt selbstredend nur so lange, wie Arnesen nichts Neues machen will. „Sollte irgendwann ein Angebot kommen, das mich reizt, werde ich auf den HSV zugehen. Ganz klar. So sind wir verblieben.“ Dann wohl auch mit Lee Congerton, der noch immer für den HSV arbeitet. “Lee hat noch ein jahr Vertrag und erfüllt den. Aber wenn ich irgendwo was Neues mache, hätte ich ihn gern dabei. Das wissen alle. Wir arbeiten ja schon seit acht Jahren zusammen und Er ist meine linke und meine rechte Hand”, sagt Arnesen.

Gesprochen hat Arnesen mit Oliver Kreuzer – noch nicht. „Er hat mir eine Nachricht auf Band gesprochen, ich habe ihn vorgestern zurückgerufen und er mich gestern – irgendwie verpassen wir uns aber immer. Aber wir werden reden. Sehr gern. Ich würde mich freuen, wenn ich ihm und dem HSV noch irgendwie helfen kann“, sagt Arnesen, der darauf hofft, dass der HSV dieses Jahr den internationalen Wettbewerb schafft. „Darauf hatten wir alles abgestimmt, das war unser und ist sicher noch immer das Ziel des HSV.“

Und bevor ich den heutigen Blog mit dem Hinweis schließe, Euch gegen Mitternacht noch ein kleines, wirklich sehr lesenwertes Bonbon hier in diesen Blog reinzustellen, noch der Hinweis auf morgen. Denn da findet in der ARD-Sportschau ab 18 Uhr statt. Und der HSV hat wie in den letzten Jahren immer, eine Teilnahme am Wettbewerb bis hin zum Achtelfinale eingeplant. Eigentlich wollte ich zum bevorstehenden Wettbewerb noch Stimmen einholen. Die aber wären ebenso wie Zielvorgabe dieselben wie jedes Jahr. „Der Pokal ist der kürzeste Weg nach Europa“, „Wir wollen mal wieder nach Berlin und ein Finale mit HSV-Beteiligung sehen“ und so weiter – sucht Euch die Antwort einfach aus. Sie ist auch wahlweise auf alle HSV-Beteiligten verteilbar. Logisch irgendwie.

In diesem Sinne, ich hoffe an diesem ruhigen Freitag darauf, dass der HSV am morgigen Sonnabend einen Gegner bekommt, der hier auf der Ecke spielt. Den SC Victoria zum Beispiel. Das wäre der nächste Gegner. Dann würde man als HSV dem Hamburger Regionalligisten mit einem vollen Stadion (im Volkspark) die leeren Kassen füllen. Und es wäre eine Art Ablösespiel für den in der kommenden Woche vom SCV zum HSV wechselnden Cotrainer Roger Stilz. Es gibt „noch letzte vertragliche Details zu klären“ heißt es vom HSV.

Bis später. Da bekommt Ihr eine kleine Zugabe zum heutigen Blog. Nichts Exklusives – also bitte erwartet nicht zu viel. Aber doch was sehr Nettes.

Scholle

P.S.: Huub Stevens wird neuer Trainer des griechischen Erstligaklub PAOK Saloniki. Nächste Woche soll der 59-jährige Coach seinen vertrag unterschrieben und beim Tabellenzweiten der abgelaufenen Saison offiziell vorgestellt werden. Mit so einem Wechsel hätte ich bei dem grundsoliden, konservativen Niederländer tatsächlich niemals gerechnet…

P.P.S.: Anbei das eigentlich schon zu Mitternacht versprochene Bonbon. Ein sehr schönes Interview von einen Kollegen Kai Schiller und Alexander Laux. Aber lest selbst:

Obwohl Oliver Kreuzer erst seit Montagabend in Hamburg ist, weiß sich der neue Sportchef des HSV im Stadion schon zurechtzufinden. Fünf Minuten vor dem verabredeten Zeitpunkt erscheint er in einer Loge im VIP-Bereich. In der Stadt, gibt der gebürtige Badener dagegen zu, könne er sich noch nicht so gut zurechtfinden: „Bislang kenne ich eigentlich nur den Weg vom Hotel ins Stadion und zurück“, sagt er, „meine einzige Abwechslung war ein Termin bei der Bank, um mir ein neues Konto zu eröffnen.“

Hamburger Abendblatt: Herr Kreuzer, zum Start des Gesprächs haben wir uns, wenn Sie erlauben, ein kleines Hamburg-Quiz überlegt.

Oliver Kreuzer: Oha. Dann mal los.

Was oder wer ist denn der Michel?

Kreuzer: Ich weiß, dass der Michel ein Hamburger Wahrzeichen ist. Wenn ich ehrlich bin, weiß ich aber nicht, was genau der Michel ist.

Wir geben Ihnen einen halben Punkt. Der Michel ist Hamburgs bedeutendste Kirche. Kennen Sie Hagenbeck?

Kreuzer: Ich kenne nur Häagen-Dasz (lacht). Das ist ein Eis aus den USA. Hagenbeck? Klingt nach Gebäck.

Nicht ganz. Hagenbeck ist Hamburgs bekannter Tierpark. Letzte Chance: Was ist die Herbertstraße – und wann waren Sie das letzte Mal dort?

Kreuzer: Jetzt werden Sie sagen: typisch, der Fußballer. Natürlich habe ich schon mal von der Herbertstraße auf St.Pauli gehört, und mit Sicherheit war der eine oder andere frühere Mannschaftskollege von mir auch schon mal dort. Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch nie auf der Reeperbahn war.

Sie waren nach Ihrer aktiven Karriere als Sportchef fast so etwas wie ein Wandervogel, waren in Basel, Salzburg, Graz und Karlsruhe. Warum wollten Sie nun unbedingt nach Hamburg?

Kreuzer: Rein sportlich gesehen ist der HSV meine bedeutendste Station als Manager. Mir war von Anfang an klar, dass ich diese Chance ergreifen und nutzen will. Aber natürlich hat mich auch die Stadt Hamburg gereizt. Noch wohne ich ja im Hotel, aber ich will hier möglichst schnell heimisch werden.

Anders als zuvor suchen Sie jetzt auch gemeinsam mit Ihrer österreichischen Lebensgefährtin Doris, die noch in Graz lebt, eine gemeinsame Wohnung. Warum haben Sie sich entschlossen, die Fernbeziehung nach vier Jahren zu beenden?

Kreuzer: Ehrlich gesagt wäre Doris vielleicht auch in diesem Jahr nach Karlsruhe gezogen, wenn ich dort meinen Vertrag verlängert hätte. Zuvor hat es leider irgendwie nie gepasst. Sie hat zwei Kinder und studiert auch noch. Aber in Hamburg gibt es ja eine große Universität, und nach vier Jahren Fernbeziehung wollten wir nun endlich auch mal einen gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben.

Ist es schwer, Beziehung und Beruf unter einen Hut zu bekommen?

Kreuzer: Sehr schwer. Im Profifußball führt man ja ein anderes Leben als beispielsweise ein Bankangestellter. Wenn ein Filialleiter aus Karlsruhe zu einer Bank nach Hamburg wechseln soll, dann hat er zumindest die Möglichkeit, Freitagabend mit dem Flieger zu seiner Familie zurückzufliegen und bis Montagmorgen zu bleiben. Diese Regelmäßigkeit ist im Fußball nicht möglich. Man hat kein freies Wochenende. Eine Fernbeziehung ist deswegen verdammt viel Arbeit für alle Beteiligten. Das muss auch unser Trainer Thorsten Fink wissen. Er und seine Frau haben sich ja entschlossen, dass das gemeinsame Haus in München der Lebensmittelpunkt der Familie sein soll. Ich kann das gut verstehen, allerdings ist das auch schwierig. Aber wahrscheinlich kann ihm niemand bessere Tipps über Fernbeziehungen geben als ich (lacht).

Ist das der Preis, den man für den Traumberuf im Profifußball zahlen muss?

Kreuzer: Ja, und es ist ein hoher Preis. Ich habe zwei Söhne aus meiner ersten Ehe, die beide noch mit meiner Ex-Frau in Basel wohnen. Als ich noch Spieler war, habe ich die beiden natürlich viel gesehen. Aber seit ich Manager bin, ist das leider nicht mehr so möglich. Auch Geburtstage habe ich häufig verpasst. Im letzten Jahr habe ich die Firmung meines Kleinen verpasst, weil der KSC gerade ein Auswärtsspiel hatte. Ich kann da ja kaum sagen: Spielt mal heute ohne mich, ich bin dann mal weg bei einer Familienfeier.

Haben Ihre Kinder Ihnen irgendwann mal einen Vorwurf gemacht?

Kreuzer: Nein, meine Söhne sind mittlerweile alt genug und verstehen, dass Papa einen etwas anderen Job hat. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Kindern, aber natürlich würde ich sie schon gerne häufiger sehen. Manchmal gibt es so viel Stress, dass ich mal zwei Tage nicht dazu komme, mit ihnen zu telefonieren. Da bekomme ich natürlich sofort ein ganz schlechtes Gewissen.

Sie kennen die schönen, aber eben auch die anstrengenden Seiten des Geschäfts. Sind Sie trotzdem stolz darauf, dass Ihr Sohn Niklas in Ihre Fußstapfen tritt?

Kreuzer: Ich freue mich für ihn, auch wenn ich ihn nie aktiv dazu gedrängt habe. Aber natürlich haben die Jungs mit mir früher immer im Garten gekickt und waren oft beim Training oder bei Spielen dabei. Da hat es mich dann nicht gewundert, dass beide gute Fußballer werden. Tim ist 16 und spielt in Basels U16, Niklas ist 20 und hat auch in Basel gespielt, will jetzt in die Bundesliga nach Deutschland wechseln.

Vor einigen Monaten war er ja auch im Probetraining beim HSV. Wäre das für Sie schwierig, wenn Ihr Sohn in Ihrer Mannschaft spielen würde?

Kreuzer: Tatsächlich soll Niklas im Probetraining einen ganz guten Eindruck hinterlassen haben. Das haben mir zumindest Thorsten Fink und Rodolfo Cardoso berichtet. Aber nach meinem Jobwechsel nach Hamburg würde ich das in der Tat unglücklich finden, wenn auch Niklas hier spielen würde. Ich glaube nicht, dass man dem Jungen so einen Gefallen tut.

Auch Sie haben Ihre Managerkarriere in Basel begonnen. Wie kam es dazu?

Kreuzer: Ich bin da so reingeschlittert, nach dem Learning-by-doing-Prinzip. Mit 36 Jahren hatte ich in Basel meine aktive Karriere beendet und wurde dann vom damaligen Präsidenten René C. Jäggi gefragt, ob ich mir die Rolle des Managers, zunächst des Teammanagers, vorstellen kann.

Und Sie haben sofort zugesagt?

Kreuzer: Ja, mir war schon als Spieler immer klar gewesen, dass mich der Job des Sportchefs reizen könnte. Ich habe zwar auch meinen Trainer-A-Schein gemacht, aber mein Fokus lag eigentlich immer im Sportmanagement. Vor meiner aktiven Karriere habe ich auch in Ketsch eine Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen. Da habe ich schon gemerkt, dass ich ganz gut mit Bilanzen und Geld umgehen kann.

Wie ist Ihr Verhältnis heute zu Geld?

Kreuzer: Ich denke schon, dass ich ein sehr entspanntes Verhältnis zu Geld habe. Natürlich kann ich das so sagen, weil ich auch gut verdiene.

Wird im Fußball zu sehr aufs Geld geschaut?

Kreuzer: Das mag so sein. Ich würde mir jedenfalls wünschen, dass die Spieler sich nicht immer vom schnellen Geld verführen lassen würden.

Zuletzt wurde über ein mögliches HSV-Interesse an Nürnbergs Timm Klose berichtet, an dem auch Wolfsburg interessiert ist. Hätte der HSV überhaupt eine Chance, finanziell mit dem solventen VfL auf Augenhöhe mitzubieten?

Kreuzer: Natürlich kann man in Wolfsburg gutes Geld verdienen, aber auch beim HSV wird niemand arm. Letztendlich muss der Spieler entscheiden, was ihm wichtig ist. Vor nicht allzu langer Zeit gab es mal eine Phase, da sind viele dem Lockruf des Geldes nach Wolfsburg gefolgt, aber nur wenige wurden glücklich. Das mag sich geändert haben, aber ein Spieler sollte generell nicht den Faktor Geld überbewerten.

Sie sind Manager und müssen Verträge aushandeln. Ist es da kein Problem, dass Sie gerade Ihren eigenen Vertrag in Karlsruhe unbedingt auflösen wollten, genauso wie Thorsten Fink seinen laufenden Vertrag zuvor in Basel zugunsten des HSV beenden wollte?

Kreuzer: Das empfinde ich nicht als Problem. So brutal das auch klingen mag, aber so ist nun mal das Geschäft.

Was würden Sie denn jetzt einem René Adler sagen, wenn er plötzlich zu Arsenal London gehen wollen würde? Das Argument, dass er einen laufenden Vertrag hat, zieht ja nicht mehr.

Kreuzer: Ich bin mir sicher, dass dieser Fall nicht eintreten wird. Aber mal ganz allgemein gesprochen gilt bei mir das Motto: Reisende soll man nicht aufhalten. Wenn ein Spieler mit laufendem Vertrag unbedingt wegwill, dann soll er eben gehen. Voraussetzung ist allerdings, dass am Ende des Tages alle Parteien zufrieden sein müssen. Das heißt also, dass ich natürlich auf eine entsprechende Ablöse bestehen müsste.

Können Sie also die Verantwortlichen des BVB nicht verstehen, die Robert Lewandowski nicht nach München wechseln lassen wollen?

Kreuzer: Das kann ich aus der Ferne nur sehr schwer beurteilen. Aber dieser Fall scheint mir speziell zu sein. Für Dortmund ist es natürlich ein großes Problem, wenn nach Mario Götze auch ein zweiter Leistungsträger zum direkten Konkurrenten geht. Am Ende des Tages müssen sich alle Parteien aber einigen.

Nach langen Verhandlungen haben sich ja auch der HSV und Karlsruhe über ihren Wechsel geeinigt. Die Einigung war aber nur möglich, weil Sie persönlich auf insgesamt 100.000 Euro verzichtet haben sollen.

Kreuzer: Ich habe ja schon gesagt, dass Geld bei mir nicht an erster Stelle steht, deswegen war es auch kein Opfer, für meinen Traumjob hier beim HSV auf eine Summe X zu verzichten. Ich gebe nicht übermäßig viel Geld für Luxusartikel aus, trage ganz normale Klamotten, fahre nur ein Auto und suche mir auch eine normale Wohnung. Als Spieler ist man da wahrscheinlich anfälliger, aber man wird ja auch älter und reifer.

Als Spieler sollen Sie auch sehr aktiv den Börsenhandel verfolgt haben.

Kreuzer: Wie viele andere habe auch ich mich damals von dem Hype um den neuen Markt und Bio-Tech anstecken lassen. Ich habe an der Börse ein paar Euro gewonnen und ein paar Euro verloren. Großen Schaden habe ich nicht verursacht. Mir hat das damals als Spieler einfach Spaß gemacht, die Fachzeitungen zu lesen und dann zu handeln. Aber nach meiner aktiven Karriere hatte ich ganz einfach keine Zeit mehr für Aktien und die Börse.

Wenn der HSV eine Aktie wäre, wie müsste man diese dann einordnen?

Kreuzer: Spekulativ mit Potenzial nach oben. Die Fachzeitungen würden für risikobewusste Anleger wohl eine Kaufempfehlung aussprechen.

Kreuzer ist da: “Ich will hier die Schale hochhalten” – Der Blog

4. Juni 2013

Das war ein ordentlicher Auftritt. Auch wenn bei der Frage meines Kollegen Kai Schiller eine etwas vorsichtiger formulierte Antwort besser gewesen wäre. Kai hatte gefragt, was Kreuzers langfristiges Ziel sei und der Sportchef mit Vertrag bis 2016 antwortete, er wolle in Hamburg mal wieder die Schale in den Händen halten. Die Deutsche Meisterschaft also. Und obwohl ich mir ziemlich sicher bin, dass Kreuzer den Titel für seine drei Jahre Vertrag als ebenso wenig realisierbar hält wie alle anderen, da hätte er von links (Jörn Wolf) oder rechts (Manfred Ertel) einen kleinen Tipp bekommen können, die Trauben nicht zu hoch zu hängen. Aber gut, ist passiert. Und auch nicht so schlimm. Bei den Fans kommt es auf jeden Fall gut an. Bei mir auch. Irgendwie.

Egal wie, ansonsten legte der neue Sportchef einen für mich ordentlichen ersten Auftritt hin. Um Punkt zwölf, wie angekündigt, hatte der 47-Jährige den Presseraum der Imtech-Arena in Begleitung der HSV-Oberen Carl Jarchow und Manfred Ertel sowie Mediendirektor Jörn Wolf betreten. Und zunächst übernahm Ertel das Wort. Nach einigen erwähnten Einstimmigkeiten auf dem Weg zur Vertragsunterschrift kam Ertel zum Punkt: „Wir konnten in unserer Entscheidungsfindung auf einen Assessment-Center aus der ersten Vorstellung Kreuzers zurückgreifen. Und damals hatte er schon objektiv hervorragend abgeschnitten.“ Ein Bericht, der sich bei der Präsentation Kreuzers vier Jahre später bestätigte. „Wir fühlen uns in unserer Entscheidung bestätigt“, sagte Ertel und lächelte Kreuzer an.

Anschließend kamen noch einige Richtigstellungen Ertels, der betonte, keine 950000 Euro für den neuen Sportchef bezahlt zu haben. Letztlich käme der KSC dennoch auf eine Gesamtsumme von knapp einer Million Euro, sollte der HSV den maximalen Erfolg einfahren. Und diese s Risiko ist ebenso überschaubar wie gern einzugehen – sagt auch Ertel, obgleich er sich verspricht: „Wenn es so käme, würde ich die Summe persönlich, äh, wir als HSV die Summe sicherlich gern bezahlen.“ Stimmt.

Aber zurück zu Kreuzer. Der 47-Jährige machte heute einen sehr sympathischen Eindruck. Und auch wenn das für den sportlichen Erfolg nicht so wichtig ist, mich freut es, da ich die nächsten Jahre (hoffentlich) mit ihm eine Menge zu tun haben werde beruflich. Und mir gefiel die Mischung aus Demut und der hohen Motivation seiner neuen Aufgaben gegenüber. Kreuzer scheint sich Ziele zu setzen und diese nicht zu niedrig anzusetzen. Allein das ist für mich nach den letzten zwei Jahren mit Understatement eine angenehme Abwechslung. Allerdings gilt es jetzt, den Worten Taten folgen zu lassen. Und damit hatte man beim HSV in den letzten Jahren die größten Probleme. Im Offiziellen- ebenso wie im Spielerbereich. Dass Kreuzer die Schale in Hamburg hochhalten will – klar. Wer will das nicht. Und obwohl er sicherlich andere, realistischere Ziele hätte nennen können, ist er selbstbewusst genug, das Höchste zu formulieren. Weil er den HSV für einen großen Verein hält und sich offenbar mit dem Klub identifizieren kann. Und er kennt den HSV. „Ich war jahrelang Bundesligaprofi und habe die Strahlkraft dieses Vereines miterlebt. Diesbezüglich ist der HSV ganz klar auf einer Stufe mit Bayern, Dortmund, Schalke. Hier hatte man in schweren Zeiten sogar 50000 Zuschauer gegen Greuther Fürth. Das sucht bundesweit seinesgleichen.“

Kreuzer betonte, er wisse um die Balance zwischen sportlichen und finanziellen Zwängen. Er betonte aber zugleich, dass er sich sicher sei, eine Mannschaft zusammenzustellen, „die um die oberen fünf Plätze mitspielen kann.“ Neben seiner Zuzahlung bei der Ablösesumme gibt es noch ein weiteres Indiz für Kreuzers unbedingten Willen, zum HSV zu wechseln: 2009 war er eigentlich nur als Mittel zum Zweck einer der Kandidaten. Damals hatte sich der Vorstand ziemlich klar zu Roman Grill bekannt und Kreuzer nur nach Hamburg bestellt, um zeigen zu können, dass es eine Auswahlentscheidung gewesen sei. Und Kreuzer weiß das, kam aber trotzdem zur zweiten Einladung noch mal nach Hamburg. „Ich hatte damals das Gefühl, dass man damals kein großes Interesse an meiner Person sondern an Roman Grill hatte und bekam das mehrfach bestätigt. Ich wollte nicht nur Mittel zum Zweck sein. Dennoch habe ich schon damals gesagt, dass ich sehr gern zum HSV kommen würde.“

Jetzt ist er es. Und er hat viel zu tun. Personell sowieso. Denn noch ungeklärt ist beim HSV neben einigen Personalien innerhalb der Mannschaft die Position des Chefscouts. Die hat noch immer Lee Congerton inne, Arnesens linke Hand. „Lee Congerton ist nach wie vor Angestellter des HSV“, stellt Klubboss Carl Jarchow klar. Es werde in den nächsten Tagen ein Gespräch zwischen Kreuzer und Congerton geben, in dem die nähere Zukunft abgeklopft wird. Problem hierbei: Congerton verdient rund 500000 Euro per annum beim HSV – und noch eine teure Abfindung kann sich der HSV nach dem Gehalt für Arnesen (1,8 Millionen bis 2014), das fortbezahlt werden soll, nicht leisten.

Abgang? Heung Min Sons Abgang wird immer wahrscheinlicher. Nachdem sich etliche Klubs um die Dienste des jungen Südkoreaners bemühen und der HSV sein Talent ob der finanziell angespannten Situation für den richtigen Preis abgeben würde, sagte auch der neue Sportchef heute: „Son ist ein wichtiger Spieler, ein guter Spieler. Er hat seine Qualität unter Beweis gestellt. Aber auch da muss man beide Seiten beachten. Er hat einen sportlichen Wert – aber es gibt eine finanzielle Seite, die wir beachten müssen.“ Klingt nach Abgang. Oder?

Und ganz ehrlich, so schade es ist, so ein Talent nicht bis an seine Leistungsgrenze in Hamburg bringen zu können und dies vielleicht bei einem anderen Klub miterleben zu müssen – die Situation scheint nichts anderes zuzulassen. Mehr noch, der HSV muss im Moment darauf hoffen, aus einem Son-Transfer so viel Geld zu ziehen, um zwei, drei gute Spieler nach Hamburg zu holen. Am besten Spieler der Kategorie Calhanoglu. Denn der Deutsch-Türke, der in der Sommerpause noch zwei U-Turniere für die Türkei spielt, ist schon jetzt ein großer Hoffnungsträger. Dass das zu viel für so einen Jungen ist, glaubt Kreuzer offenbar nicht. Auf die Frage, was der neue HSV-Sportchef seiner Entdeckung (holte ihn nach eigener Aussage aus der A-Jugend nach Karlsruhe und empfahl ihn dem damaligen Trainer Jörn Andersen) in Hamburg zutrauen würde, antwortete Kreuzer: „Hakan ist ein herausragender junger Spieler. Ich hatte ihn unserem damaligen Trainer empfohlen und Hakan war vom ersten Tag an trotz seiner damals erst jungen 17 Jahren der beste Mann.“ Kreuzer scheint es nicht unbedingt mit Understatement zu handhaben – und deshalb fuhr er in unverändertem Tempo fort: „Er war die entscheidende Person für den Aufstieg des KSC. Er ist ein überdurchschnittlicher Fußballer, der noch viel Luft nach oben hat. Und ich glaube, dass er sich in einer besseren Mannschaft sehr schnell entwickeln kann. Ich glaube, dass er sich hier in Hamburg sehr schnell etablieren wird.“

Glaube ich auch.

In diesem Sinne, herzlich Willkommen Oliver Kreuzer! Und vor allem: viel Erfolg. Uns allen zusammen.

Scholle

Das große Jarchow-Interview, Teil eins

29. Mai 2012

Na, bitte, es geht doch! Mit Ivo Ilicevic vom HSV nimmt Kroatiens Nationalmannschaft die Europameisterschaft in Polen und der Ukraine in Angriff. Der 25 Jahre alte Flügelflitzer wurde am Dienstag von Nationaltrainer Slaven Bilic in den endgültigen EM-Kader berufen. Der Coach, der im Vorfeld den bisherigen HSV-Akteur Mladen Petric und den Ex-St. Paulianer Ivan Klasnic ausgemustert hatte, traf die Entscheidung pro Ilicevic in Bad Tatzmannsdorf in Österreich. Dort bereitet sich das kroatische Team derzeit auf die EM vor. Neben Feldspieler Ilicevic ist in Torhüter Jaroslav Drobny (Tschechien) ein weiterer HSV-Profi bei der am 8. Juni beginnenden kontinentalen Endrunde dabei. Er ist die Nummer 2 hinter Petr Cech von Champions-League-Sieger FC Chelsea.
Glückwunsch den beiden HSV-Spielern.

So, am Anfang stehen heute diese und drei weitere Meldungen – und danach wird es lang. Ich durfte und konnte heute ein Interview mit Carl-Edgar Jarchow, dem Vorstands-Vorsitzenden des HSV, das folgt nach diesen drei Spots.

Der geplante Transfer von David Abraham (FC Basel) zum HSV droht für den Fußball-Bundesligisten zur Hängepartie zu werden. Nach SID-Informationen hat der 25 Jahre alte Innenverteidiger bereits vor fünf Monaten beim spanischen Erstligisten FC Getafe einen Vorvertrag unterschrieben. Nach intensiven Gesprächen mit Trainer Thorsten Fink will der Argentinier jetzt aber unbedingt zum HSV wechseln.

„David hat sich klar zum HSV bekannt. Nun versuchen wir, den Vorvertrag irgendwie wieder aufzulösen. Getafe hat da allerdings Vorstellungen, die denen des HSV noch nicht entsprechen“, sagte Abrahams Berater Renato Cedrola. Der HSV müsste für Finks Wunschspieler an Getafe also eine Ablösesumme zahlen, obwohl der Vertrag von Abraham in Basel eigentlich ausläuft. „Ich bin optimistisch, dass wir das hinkriegen“, sagte Cedrola, „es kann sich aber etwas hinziehen.“ Allerdings scheint der FC Getafe auf den Vorvertrag zu bestehen. Der Klub vermeldete den Transfer Abrahams bis 2016 auf seiner Internetseite als perfekt.
Abraham hatte in der abgelaufenen Saison in 32 Einsätzen drei Tore für den Ex-Klub von HSV-Trainer Fink erzielt. (SID)

Erfolgstrainer Bernd Schröder hat den Deutschen Fußball-Bund (DFB) wegen des Rückzugs des HSV aus der Frauen-Bundesliga scharf kritisiert. „Da sieht man, welchen Stellenwert Frauenfußball im DFB hat“, sagte Schröder am Pfingstmontag nach dem erneuten Gewinn der deutschen Meisterschaft seines 1. FFC Turbine Potsdam. Schröder bezeichnete die Abmeldung des HSV-Teams für die kommende Saison als „Schande für den deutschen Frauenfußball“. Der DFB dürfe nicht zulassen, „dass man einfach eine Mannschaft abmeldet“, sagte er. Schröder, der für seine kritischen Worte bekannt ist, legte noch nach: „Wo ist die Führung des DFB? Theo (Zwanziger) hat das Schiff verlassen, und nun sind alle weg hier“.

Der HSV hatte jüngst bekannt gegeben, aus wirtschaftlichen Gründen seine Mannschaft weder für die erste noch für die zweite Liga zu melden. Sportlich hätten die HSV-Frauen den Verbleib als Tabellenneunter klar geschafft. So steigt sportlich nur Schlusslicht Lok Leipzig ab. Schröder warf dem Verband vor, sich einseitig auf die Frauen-Weltmeisterschaft in Deutschland im vergangenen Jahr konzentriert und darüber die Bundesliga vernachlässigt zu haben. „Die Nationalmannschaft ist die eine Seite. Sie ist das Ei – und die Clubs sind die Henne. Doch wenn die Liga nicht funktioniert, können die Hennen auch keine Eier legen“, sagte Schröder. (dpa)

Am 24. Juli, 18 Uhr, in der Imtech-Arena gibt es das Jubiläumsspiel:

HSV gegen den FC Barcelona

Der Ticketverkauf für Mitglieder läuft seit dem heutigen Dienstag. Bis zu sechs Tickets erhalten HSV-Mitglieder hier:
– im Internet unter www.hsv.de/tickets
– im HSV Service Center in der Imtech Arena
– im HSV City Sore in der Innenstadt
– im HSV Fanshop im Herold-Center
Eine Preisübersicht erhalten Sie hier: Preisliste
Für weitere Fragen rund um den HSV und Ihre Ticketbuchung stehen wir Ihnen unter der Hotline 01805 / 478 478* zur Verfügung. Bitte beachten Sie, dass der telefonische Ticketkauf erst im freien Ticketverkauf (ab dem 5. Juni 2012) möglich ist.

Und nun zu dem Gespräch mit Carl-Edgar Jarchow:

Matz ab:
Herr Jarchow, das ist das erste Interview mit Matz ab in diesem Jahr. Es ist seit März 2011 viel passiert, ist das Amt des Vorstands-Vorsitzenden schwerer als Sie es ursprünglich erwartet hatten?

Carl Jarchow: „Nein, ich hatte ja schon feste Vorstellungen davon, ich hatte ja sowohl in meiner Zeit als Abteilungsleiter als auch im Aufsichtsrat mit dem Vorstand zu tun gehabt, wusste also, was auf mich zukommen wird. Da hatte ich schon genügend Einblicke, das alles hat mich nicht so wahnsinnig überrascht – nein.

Matz ab:
Wie begegnet man Ihnen im Alltag, in der Öffentlichkeit?

Jarchow: Ich kann mich da überhaupt nicht beschweren. Das ist alles durchweg positiv. Allerdings muss ich zugeben, dass ich niemals in Internet-Foren lese oder solche Geschichten, das würde mich nur von meiner Arbeit ablenken. Ich lese natürlich Matz ab, aber nicht die Kommentare, die es zu den jeweiligen Beiträgen gibt. Habe ich noch nie gemacht. Und das mit der Öffentlichkeit – da kann ich mich nicht beschweren, obwohl es ja ein stetes Auf und Ab gab, so gab es aber auch immer viel Zuspruch für mich und den HSV.

Matz ab:
Sie hatten doch sicherlich Vorstellungen von dem, was Sie in Ihrem neuen Amt . . .

Jarchow (unterbricht): Nein. Dazu hatte ich gar keine Zeit. Ich hatte ja nur einen Tag Zeit, mir das zu überlegen, es war ja ganz überraschend für mich, dass mir dieses Amt angetragen wurde. Ich hatte mich darauf nicht vorbereitet, so nach dem Motto: Dieses Amt bekommst du nun irgendwann, was willst du dann machen? Diese Zeit hatte ich ja nie.

Matz ab:
Wann glauben Sie ist es wieder einmal so weit, dass der HSV eine größere Rolle im deutschen, vielleicht auch europäischen Fußball spielen kann?

Jarchow: Wenn Sie sagen, wieder eine Rolle spielt, woran denken Sie da? An die Zeit von 1977 bis 1987? Ich bin ja schon so lange dabei, genau seit 1964, und in der Rückbetrachtung höre ich immer wieder, dass der HSV immer eine große Rolle in der Bundesliga gespielt hat. Große Erfolge, große Tradition. Aber ich habe das bewusst erlebt, dass die großen Erfolge der kleinere Teil der HSV-Bundesliga-Geschichte ist. Nach 1987 sah es ja doch teilweise ganz düster aus, insofern finde ich nicht, dass der HSV nur große Zeiten in der Bundesliga erlebt hat. Natürlich wollen wir den Zuschauern etwas bieten. natürlich haben wir Zielen, wollen wir den Zuschauern bieten, wollen so schnell wie möglich einen klaren Leistungsanstieg den Leuten bieten – und manchmal geht es im Fußball schnell, manchmal auch weniger – ich bin aber überzeugt davon, dass wir es schon in der kommenden Saison schaffen werden, einen Schritt nach vorne machen werden. Dieser Schritt muss aber auch kommen. Wann wir aber den nächsten Titel erringen werden, da möchte ich mich nicht festlegen. Solche Prognosen gehen einfach ins Blaue, das ist nicht mein Ding.

Matz ab:
Lag es in dieser abgelaufenen Saison nur am fehlenden Geld, dass der HSV so schlecht war?

Jarchow: Nur am Geld liegt es sicherlich nicht. Zu diesen Schwierigkeiten finanzieller Art, die uns gezwungen haben, einen riesigen Schnitt zu machen, kamen sicherlich auch andere Probleme hinzu. Zum Beispiel dass die Mannschaft auch schon ohne diesen Schnitt in ihrer Zusammensetzung schwierig war. Im März, April 2011 hat der neue Vorstand ja schon bemerkt, dass etwas mit dieser Mannschaft nicht stimmt. Trotz aller großen Namen und aller Großverdiener, man hat gemerkt, dass es keinen Zusammenhalt gibt, keine Hierarchie. Die gesamte Mentalität der Truppe stimmte ganz einfach nicht, es gab viele schwierige Charaktere, man merkte einfach, dass auch die älteren und erfahrenen Spieler nicht die Wortführer waren, wie man sich das im positiven Sinne gewünscht hätte. Und es gab zum Beispiel jemanden, der neu in diese Mannschaft gekommen war, der mir unter vier Augen gesagt hat, dass er eine solche Mannschaft, die so wenig zusammenhält, noch nie erlebt habe. Wenn zum Beispiel ein Spieler zu einem Grillabend einlud, und von 19 Spielern kommen nur vier, dann spricht das eine deutliche Sprache. Das war symptomatisch für diese Mannschaft.

Matz ab:
Aber in der abgelaufenen Saison ist es auch nicht gelungen, einen verschworenen Haufen aus der Truppe zu formen . . .

Jarchow: Der Not geschuldet haben wir uns von einigen Spielern trennen müssen, natürlich auch durchaus wollen, keine Frage, auf der anderen Seite nur begrenz Möglichkeiten gehabt, neue Spieler zu verpflichten.

Matz ab:
Was an der schlechten Finanzsituation lag?

Jarchow: Das lag eindeutig an der finanziellen Situation. Klar. Nun wollen wir ja gar nicht jedes Jahr daran gehen, die Mannschaft total auf den Kopf zu stellen, das kann es nicht sein, aber 2011 musste das aufgrund der vielen Abgänge geschehen, und dann bestand schon die Notwendigkeit, den einen oder anderen Spieler mehr dazu zuholen. Und daran lag es wohl auch ein wenig.

Matz ab:
Sie haben eben gesagt, dass Sie optimistisch in die Zukunft blicken, womit begründen Sie das?

Jarchow: Damit, dass ich zum einen glaube, dass wir in Sachen Trainer sehr gut aufgestellt sind. Thorsten Fink hat jetzt mit seinem Team die Chance, die komplette Vorbereitung durchzuführen. Mit einer dann neuen Mannschaft, denn drei Spieler sind schon gegangen, drei sind schon da – die Mannschaft wird also durchaus ein verändertes Gesicht bekommen. Und die Transferperiode hat ja erst begonnnen, es gibt sicher noch die eine oder andere Veränderung mehr. Dann glaube ich zweitens, dass Frank Arnesen die Bundesliga noch besser kennt als in seinem ersten Jahr. Er wurde ja im letzten Jahr, als er im Februar verpflichtet worden ist, unter ganz anderen, völlig anderen Voraussetzungen verpflichtet. Man hatte ihm gesagt, dass er genügend finanzielle Mittel hätte, die Mannschaft entscheidend zu verändern. Die hatte er aber nicht, und ich musste ihm das sagen. Aus der Not heraus haben wir dann die fünf Chelsea-Spieler verpflichtet, wobei wir immer gesagt hatten, dass diese Spieler erst einmal für die U 23 sein wollten. Das darf man alles nicht vergessen. Ich glaube, dass dieses Jahr die Voraussetzungen ganz andere sein werden.

Matz ab:
Fiel es Ihnen schwer, damals und eventuelle auch noch heute, nicht offen über die gesamte finanzielle Schieflage des HSV Auskunft geben zu dürfen, zu können?

Jarchow: Nein, das fiel mir nicht schwer. Ich habe mich immer auf die Position zurückgezogen, dass ich hier Mitte März 2011 eingestiegen bin, mir sofort einen Überblick über den Status quo verschafft, ich habe gesehen, was uns in der neuen Saison droht. Das heißt, wie viele wir noch an feststehenden Verbindlichkeiten haben, wie die Laufzeiten der Spielerverträge aussehen, wie die Kaderzusammenstellung ist – daraus hat sich dann alles ergeben. Ich bin also sehenden Auges in dieses Amt gegangen. Und das alles habe ich auch Frank Arnesen mitgeteilt, und der hat das sehr professionell aufgenommen.

Matz ab:
Nun gibt es auch Menschen, Experten, an erster Stelle wohl Schalkes Boss Clemens Tönnies, der im Doppelpass einst geäußert hatte, dass sich der HSV „kaputt spart“, dass der HSV nicht bereit ist, „Risiko zu gehen“. Wie stehen Sie dazu?

Jarchow: Das teile ich nun gar nicht. Ich finde schon, dass der HSV Risiken eingegangen ist. Unsere Situation ist vielleicht eine andere als die von Schalke, weil wir auch eine andere Vorstellung haben von solider Finanzpolitik. Schalke handhabt das ein wenig anders, Schalke arbeitet auch viel mit staatlicher Unterstützung. Das heißt, wenn es finanziell eng wird, dann springt irgendeine Gelsenkirchener Institution ein. Schalke arbeitet mit einer Bürgschaft des Landes Nordrhein-Westfalen was das Stadion angeht, diese Situation haben wir nicht. Wir sind ein großes Risiko eingegangen, als wir dieses Stadion gebaut haben, wie ich finde völlig zu recht. Und das darf man nicht vergessen, dass uns dieses Stadion immer noch jedes Jahr einen zweistelligen Millionen-Betrag kostet an Abzahlung, und all dem, was damit zusammenhängt. 2015 ist der größte Batzen davon abbezahlt, dann geht es uns besser. Aber bis dahin geht es uns nicht gerade gut. Die anderen Klubs stecken von ihrem Gesamtumsatz 40 bis 45 Prozent in ihre Bundesliga-Mannschaft, und wir stecken 30 Prozent in die Mannschaft. Und das ist natürlich der Tatsache geschuldet, dass wir diesen zweistelligen Millionen-Betrag erst einmal erwirtschaften müssen, um dann das Stadion bezahlen zu können.

Matz ab:
Es gab ja mal die Bestrebungen, diese Zahlungen etwas zu strecken und nach hinten zu verschieben. Wie sieht es damit aus?

Jarchow: Die gibt es immer noch. Wir sind mittendrin, das wird sich in Kürze entscheiden, ich bin ganz optimistisch, dass uns das ein bisschen Luft verschaffen wird. Aber da reden wir dann auch nicht von den ganz großen Beträgen, wie es der Herr Tönnies vielleicht machen wird, wir müssen ja auch immer sehen, dass wir auch jedes Jahr die Lizenz ohne Auflagen zu bekommen, und ich denke, Schalke hatte da in der Vergangenheit durchaus schon die eine oder andere Schwierigkeit, aber wir haben den Ehrgeiz, es weiterhin so schaffen zu wollen.

Matz ab:
Herr Jarchow, es gibt durchaus Fans und Mitglieder, die Ihnen ein Teil Schuld daran geben, dass es so schlecht in der vergangenen Saison lief. Wie stehen Sie dazu, tut das weh?

Jarchow: Nein, das tut mir ganz und gar nicht weh. Ich sehe das ganz realistisch. Wenn man Vorstands-Vorsitzender des HSV ist, und man hat ein Jahr hinter sich, dann trägt man in gewissen Bereichen auch die Verantwortung. Natürlich. Und deswegen übernehme ich nicht die Verantwortung für den Status quo, den ich hier einst vorgefunden habe, aber ich kann mich ja nicht vor der Verantwortung drücken vor den verschiedensten Entscheidungen, die wir hier in diesem Jahr getroffen haben. Diese Entscheidungen waren gewiss nicht alle richtig, aber warum sollen ausgerechnet wir alle Entscheidungen immer richtig getroffen haben? Ich bin zwar der Meinung, dass wir vieles richtig gemacht haben, dass wir auch generell auf dem richtigen Weg sind, aber auch ich habe mich natürlich mal geirrt.

Matz ab:
Wobei zum Beispiel?

Jarchow: Ich habe mich zum Beispiel bei Michael Oenning geirrt. Ich habe mich dafür eingesetzt, dass er hier Chef-Trainer wird, aber ich habe mich, wie viele meiner Vorgänger in Sachen Trainer, auch geirrt und musste ein Konsequenz ziehen, die mir nicht leichtgefallen ist. Verantwortung aber für das, was wir hier tun, übernehme ich aber schon.

Matz ab:
Oenning war ja aber auch vielleicht der Situation geschuldet, dass der HSV kein Geld hat, dass der Trainer deshalb die billigste Lösung war – oder?

Jarchow: Nein, daran lag es nicht, das ist so nicht ganz richtig. Oenning war einen Tag bevor wir antraten schon installiert worden, den haben wir hier vorgefunden, und wir haben dann gedacht, dass er für diese junge und neue Mannschaft der richtige Mann ist. Das hatte keine finanzielle Aspekte.

Matz ab:
Im Matz-ab-Blog werden Sie gelegentlich mit Frau Merkel verglichen, das heißt, Ihnen wird vorgeworfen, dass Sie gewisse Sachen einfach nur aussitzen – wie die Bundeskanzlerin. Was entgegnen Sie Ihren Kritikern?

Jarchow: Diejenigen würde ich fragen, welche Probleme sie denn meinen, welche Probleme ich denn hier aussitze? Wir haben ganz viele Probleme schon versucht zu lösen, und das auch sehr schnell, deswegen weiß ich nicht, welche Probleme das denn seien sollen? Das würde mich schon mal interessieren. Aussitzen? Das sehe ich völlig anders. Ich glaube, dass wir in personellen Bereichen, in strategischen Bereichen schon jede Menge entschieden haben – und auch noch weiter entscheiden werden. Wir haben schon einiges verändert, sogar den Frauen-Fußball habe ich nicht ausgesessen. Das Problem mit solchen Meinungen ist ja, dass es oft auch anonyme Stimmen sind, die so etwas behaupten. Wenn es mal wieder ein Matz-ab-Treffen gäbe und Sie mich einladen würden, dann käme ich dahin und würde mich den Leuten, die mir Fragen stellen, selbstverständlich auch stellen. Ich würde diesen Leuten ins Gesicht gucken und mich mit ihnen sachlich auseinandersetzen. Verstehe ich ihren Ansatz – oder verstehe ich ihn nicht. Aber von den anonymen Stimmen halte ich absolut nichts, da lassen Leute Aggressionen raus, und so etwas kann ich nicht ernst nehmen. Ernst nehme ich Leute, die sich mit Namen und Ihrer wahren Identität bei mir melden, die bekommen auch immer eine Antwort.

Matz ab:
Eine Frage, die mir aufgetragen wurde – aus dem Matz-ab-Forum: Sie werden hin und wieder – ich finde das böse und auch despektierlich – mit der „Herr Schnarchow“ tituliert, wie reagieren Sie darauf, wie gehen Sie damit um?

Jarchow (laut lachend): So wurde mein Sohn früher beim Hockey genannt. Nein, ich gehe damit gar nicht um, es interessiert mich nicht – so einfach ist das.

Matz ab:
Fehlt Ihnen nicht auch der eine oder andere Fußball-Experte in der Führung des HSV?

Jarchow: Das kann ich nicht erkennen. Die Fußball-Fachleute sind insbesondere wichtig in ihrer Abteilung. Da haben wir Frank Arnesen, da haben wir Lee Congerton, dann haben wir diverse andere Leute, dann haben wir ein Trainerteam mit Thorsten Fink, Patrick Rahmen, Frank Heinemann und anderen – das ist doch genug. Oder meinen Sie den Aufsichtsrat? Da ist es ja die Frage, ob man da noch einen Sportfachmann haben muss, aber da bin ich sehr zurückhaltend in meinen Äußerungen, denn der Aufsichtsrat ist das Kontrollgremium, da maße ich mir nicht an, mal eben so über den Aufsichtsrat zu urteilen.

Matz ab:
Auf die Mannschaft war zuletzt nur hin und wieder Verlass, auf die Fans immer – was sagen Sie zu dieser Unterstützung?

Jarchow: Davon war in begeistert, bin es immer noch, die Fans haben uns in Hamburg und auswärts immer zu 100 Prozent unterstützt, sind nie ausfallend geworden – eine ganz große Leistung, das muss ich sagen, ein dickes Kompliment an unsere Anhänger. Se waren ein ganz entscheidender Faktor dafür, dass wir letztlich doch nicht ganz unten hineingeraten sind.

Matz ab:
Haben Sie nicht dennoch die Sorge, dass der HSV für die kommende Saison weniger Dauerkarten verkaufen wird, weniger Logen und Businesssitze?

Jarchow: Die Tendenz sieht nicht so aus. Bei den Logen sind wir gegenüber dem Vorjahr ein wenig hinterher, aber wir hatten dabei nicht mehr Kündigungen, sondern es verkauft sich eben ein wenig schleppender als noch 2011. Bei den Dauerkarten gibt es aber kaum Unterschiede gegenüber den Vorjahren.

Matz ab:
Mich haben die Durchhalteparolen im Abstiegskampf immer ein wenig auf die Palme gebracht. Vor den Spielen hieß es stets: Wir müssen gewinnen, und wir werden gewinnen. Oder: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir besser sind, deshalb werden wir gewinnen. Oder: Unsere Mannschaft hat das Potenzial und die Qualität, um dieses Spiel zu gewinnen. Nervt Sie das nicht auch?

Jarchow: Ja, das hat mich auch genervt. Nicht die positiven Äußerungen, nein, man muss schon in ein Spiel gehen, um es zu gewinnen, sonst kann man es ja gleich lassen. Aber das mit dem Potenzial hat mich auch genervt, das gebe ich zu. Ebenso die Sache mit dem Dino.

Matz ab:
Wieso Dino?

Matz ab:
Dass man uns nur damit in Verbindung bringt, dass wir am längsten in der Bundesliga sind. Das reicht mir auf Dauer nicht. Ich möchte schon mal wieder mit anderen Bezeichnungen in Verbindung gebracht werden. Aber zum Potenzial zurück, es geht ja nur darum, ob man bei allem Potenzial auch Abstiegskampf kann, nur darum ging es am Ende.

Matz ab:
Gab es einen Sturm der Entrüstung, als Sie die Frauen-Bundesliga-Mannschaft abgemeldet haben?

Jarchow: Sturm der Entrüstung ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber es gab auf jeden Fall ein überraschend großes Presse-Echo. Das hat mich schon verwundert. Wenn dieses Interesse schon vorher vorhanden gewesen wäre, dann hätten wir vielleicht die Chance gehabt, die Frauen in der Bundesliga zu halten.

Matz ab:
Weil Sie die Frauen besser hätten vermarkten können?

Jarchow: Die Situation ist doch ganz einfach. Wir haben es uns doch nicht einfach gemacht. Im letzten Jahr haben wir den Zuschuss etwas gekürzt, haben dann, weil es eine Notsituation gegeben hat, noch ein wenig nachgebessert. In diesem Jahr haben wir frühzeitig gesagt, dass wir in allen Bereichen des Vereins sparen müssen, und dabei können wir die Frauen nicht ausnehmen. Der Betrag, der da nachbliebt, ist immer noch der höchste Zuschussbetrag, den wir leisten – und die Damen haben gesehen, ob sic die Lücke dazu, nämlich zu ihrem Etat, selbst schließen können. Da hat sich aber leider Gottes sehr schnell gezeigt, dass es da keinerlei Vermarktungsmöglichkeiten gab – das war in den letzten Jahren schon so. Der HSV hat in den letzten fünf, sechs Jahren in die Frauen-Bundesliga einen mehr als siebenstelligen Betrag hineingesteckt, und wir müssen einfach sehen, dass das nicht dazu geführt hat, dass die Frauen-Bundesliga in Hamburg richtig angenommen wurde. Die Frauen spielen im Schnitt vor 300 Zuschauern, von denen noch 100 Ehrenkarten haben. Es gibt keinerlei Möglichkeiten, Trikot- oder Banden-Werbung zu bekommen, immer wenn es die gab, dann waren es Beiprodukte von der Männer-Fußball-Bundesliga. Das heißt, diese Abteilung trägt sich nicht, und im Gegensatz zu allen Breitensport-Abteilungen muss sich eine Abteilung, die sich professionell beteiligt, ganz überwiegend selbst tragen. Und diese Tendenz gibt es seit zehn Jahren, dass die Bundesliga-Frauen das nicht schaffen. Es

Matz ab:
Wie geht es mit dieser Abteilung weiter?

Jarchow:
Wir werden weiter Frauen-Fußball in Hamburg haben. Wir haben gerade die B-Mädchen zur gerade eingeführten Bundesliga angemeldet, wir haben eine Regionalliga-Mannschaft – aber wir müssen sagen, dass sich eine Erstliga-Bundesliga-Mannschaft auf Dauer in dieser Stadt nicht trägt. Wir sind ein Verein, der ein Universellsportverein bleiben will, aber der muss auch erkennen, dass dies nur möglich ist mit den Erträgen aus der Bundesliga.

So, da ich jetzt gerade bemerke, dass ich zurzeit die „HSV-Bibel“ verfasse, unterbreche ich für heute. Dieses Interview wird fortgesetzt – schön ist ja, dass wir bei Matz ab den Platz dafür haben, während alle Zeitungen ja doch genau abwägen müssen, was sie weglassen können, dürfen oder müssen. Ich sprach mit Carl-Edgar Jarchow auch noch über die letzte Mitgliederversammlung und einige andere Themen – lasst euch überraschen.

Guten Abend!

18.34 Uhr

So scoutet der HSV – und Ilicevic muss wieder auf die Bank

9. Februar 2012

Weil hier immer wieder danach gefragt wurde, habe ich mich im Trainingslager nach vielen Versuchen endlich erfolgreich (Er hatte immer abgesagt, weil er erst gut genug Deutsch sprechen können wollte) mit Lee Congerton getroffen. Zusammen mit meinem geschätzten Kollegen Kai Schiller saßen wir in Marbella bei Latte macchiato (für Lee und Kai) und einer Cola light für mich nachmittags in der Hotelbar. Wir haben die Geschichte für den Printbereich zwar schon einmal aufgeschrieben, aber ich versuche noch mal für Euch, alles hier im Blog zusammenzubringen.

Was ich ganz sicher weiß, ist, dass es ein Gespräch in sehr netter Atmosphäre war. Congerton versuchte sich in einem Mischmasch aus Englisch und Deutsch, wobei er schon deutlich besser Deutsch spricht, als er denkt. Aber am interessantesten war, was Congerton zu erzählen hatte. Und ich weiß, dass die Aufsichtsräte meine Meinung teilen. Dabei war es ein Déja-vu für einen kleinen Teil der Aufsichtsräte. Zumindest für die, die seinerzeit schon Dietmar Beiersdorfer als Sportchef durchgewinkt hatten. Denn wie einst Dietmar Beiersdorfer beeindruckte auch diesmal die Scoutingabteilung des HSV mit einer umfassenden Powerpoint-Präsentation. Allerdings war es diesmal Lee Congerton, die rechte Hand des HSV-Sportchefs Frank Arnesen, der die Kontrolleure begeisterte. Im Zentrum des Berichts stand neben einer Analyse der Nachwuchsarbeit vor allem die Umstrukturierung der Scoutingabteilung, die Arnesen und Congerton in den vergangenen Monaten vorangetrieben hatten. „Wir können keine Garantien erstellen, immer die richtigen Leute zu finden – aber wir können Risiken minimieren“, sagt Congerton, der seit Sommer Chef der 25-köpfigen Scouting-Abteilung ist.
Dabei ist das Scouting inzwischen (mal wieder) grundlegend verändert worden. Es wurde umstrukturiert. Dass zwei Scouts ohne Absprache zum gleichen Jugendturnier fahren, wie in der Zeit vor Arnesen und nach Beiersdorfer durchaus mal, soll nicht mehr vorkommen. Das sollte es zwar vorher auch schon nicht, allerdings fehlte bis dato eine klare Ordnung der Zuständigkeiten, erzählt Congerton.
Das wiederum sei eine seiner ersten Aufgaben gewesen, die er in Absprache mit dem Vorstand und im Besonderen mit Arnesen erledigt hat. So wird inzwischen Christofer Clemens (einst als Scoutingleiter geholt) für die Sichtung des internationalen Marktes eingesetzt. Clemens, der zudem für den DFB arbeitet, ist außerdem zuständig für die Koordinierung der Scouting-Abteilung international. Den deutschen Markt koordiniert weiterhin Ex-HSV-Profi Michael Schröder, einst Chefscout in der Ära Dietmar Beiersdorfers. Insgesamt sind bislang 25 Scouts für den HSV unterwegs – Tendenz steigend.
Und dann eröffnete uns Congerton einen höchst interessanten Einblick in seine Fußball(Parallel)Welt. Wobei der 38-Jährige sich selbst als Fußball-Junkie bezeichnet und am Wochenende im Schnitt (!!) sechs Spiele sieht. Und dabei hat er – das hatte ich explizit nachgefragt – auch die Wochenenden mit einbezogen, an denen nicht gespielt wird. „Es wird immer gespielt. Mal live, mal eben via DVD“, sagt der Chafscout, der nach eigenen Angaben „alle TV-Sportsender der Welt“ empfangen kann. Congerton weiter: „Ich darf mich da nicht hängen lassen. Das macht die Konkurrenz auch nicht.“ Das wiederum würde auch erklären, weshalb Congerton sich in Hamburg bislang so rar gemacht hatte, dass einige schon vom „Phantom“ sprachen. Darauf angesprochen musste Congerton schmunzeln. Immerhin sei das eine Bezeichnung, die er eher von zu Hause erwartet hätte, von seiner Frau. Doch auch sie habe sich inzwischen an sein Leben gewöhnt. Zum Beispiel daran, dass er an seinem Geburtstag eigentlich fast nie zu Hause ist. „Das ist Standard. Der 28. Juli liegt mitten in der Vorbereitung und der Wechselperiode. Da liegt fast immer etwas an.“

Congerton ist ein smarter Typ. Schwiegermutters Liebling könnte man meinen. Aber Congerton weiß auch, wie man beißen muss. Und vor allem, dass man beißen muss. Das Profigeschäft sei hart geworden und in manchen Dingen sogar unmoralisch. 13-Jährige zu verpflichten und von anderen Vereinen loszueisen – beim HSV kein Thema. Es sei denn, es geschieht so, dass das junge Talent seine gewohnte Umgebung (Elternhaus, Schule, Freunde, etc.) beibehalten kann. So sichtet der HSV in Hamburg und Umgebung bereits in den Altersklassen zwischen acht und zwölf Jahren, im norddeutschen Raum ab zwölf Jahren. Deutschlandweit sollen Talente frühestens ab dem 14. Lebensjahr beobachtet werden, im EU-Ausland ab dem 16. Lebensjahr und weltweit gilt die Volljährigkeit sogar als verpflichtende Kaufbedingung. Wobei ein Paolo Guerrero einst mit 16 aus Peru nach Bayern kam, dort beim Rekordmeister ausgebildet wurde. Ebenso wie der Südkoreaner Heung Min Son beim HSV.

Es ist ein sehr sensibler Bereich. Zuletzt, als TeBe Berlins 13 Jahre altes Supertalent Nico Franke umworben wurde, bot auch der HSV mit. Der Teenager entschied sich für einen lukrativeren Vertrag und wechselte zu 1899 Hoffenheim. Eine nicht zu unterschätzende Komponente ist die soziale. Einem 13-Jährigen sein Umfeld zu nehmen, ihn schon in jungen Jahren zum Spielball hoch dotierter Angebote zu machen, ist ebenso unmoralisch wie heutzutage normal. Dass daraufhin eine bundesweite Diskussion entstand, war zwar zu erwarten – aber von vielen Diskussionsteilnehmern mehr als selten auch heuchlerisch. Denn, und da bin ich mir sicher, keine deutscher Profiklub kann sich davon lossagen, das so genannte „Supertalent“, den „Jahrhundertspieler“ nicht schon in jungem Alter zu suchen. Nein, dass Wettrüsten der Profiklubs im Kampf um möglichst junge und somit günstige Talente hat längst unmoralische Sphären erreicht. Überall. Das geht sogar bis runter in den Amateurbereich…

Aber okay, zurück zum HSV. Dort ruft Congerton einmal im Monat alle Scouts zusammen. Dabei werden wie üblich Scoutingergebnisse diskutiert und ausgetauscht. Auch die Tatsache, dass dies nicht mehr mit kopierten Notizzetteln abläuft – erwartungsgemäß. Dass dies allerdings fast komplett über eine einzige, weltweite Datenbank abläuft, hätte ich nicht gedacht. Unter Beiersdorfer hatte der HSV eine sehr umfassende eigene Datenbank selbst neu angelegt. Eine Art Suchmaschine, in die alle Ergebnisse eingetragen werden konnten und die für einen bestimmten Teil der Mitarbeiter abrufbar war – dank Internet sogar von jedem Fleck dieser Erde mit Internetempfang. Allerdings ist die neue Datenbank deutlich umfangreicher. Beim HSV für die Pflege der eingespeisten Daten verantwortlich ist Steve Houston, der das Programm mitentwickelt hat und von dessen Netzwerk der HSV besonders profitiert.

Houston, der ähnliche Erfahrungen schon vor Jahren in den USA bei seinen Stationen im Football (New England Patriots) und im Basketball (Boston Celtics) machte, ist das strategische Hirn. „Ein Nerd (übersetzt: Streber)“, sagt Congerton, und ergänzt: „Er hat das große Talent, alles – selbst das unübersichtlichste Chaos – in Form zu gießen und alle Informationen so aufzufangen, dass sie optimal weiterverwertet werden können.“ Den Kontakten des Engländers ist es auch zu verdanken, dass der HSV nur einen Bruchteil des üblichen Preises von rund 70 000 Euro pro Saison an Scout7 überweisen muss. Und obwohl der HSV sparen will, sollen die Gesamtkosten von 1,3 Millionen Euro, die das Scouting zu Zeiten Beiersdorfers gekostet hat, unter Arnesen gestiegen sein. Allein Congerton soll bei rund 500000 Euro Jahresgage liegen.
Und dafür leistet er was. Seit Saisonbeginn haben Hamburgs Scouts mehr als 700 Spiele gesehen und die Bewertungen der beobachteten Spieler in der Datenbank hinterlegt. Und das in fünf Hauptkategorien (Technik/Taktik, Physis, Gesundheit, Mentalität und Lebensweise). Am Ende wird jeder Spieler mit A, B oder C bewertet. C bedeutet, dass der Spieler Potenzial hat, sich aber noch nicht beim HSV durchsetzen würde. B bedeutet, der Spieler ist zwar geeignet, aber aus unterschiedlichen Gründen (Preis, Verletzung, Leistungstief) nicht sofort verpflichtet werden soll. Und A bedeutet, dass man den Spieler holen sollte. Mit A ist beispielsweise Basels Granit Xhaka bewertet, den der HSV bereits im Winter holen wollte, und den er jetzt gern zur neuen Saison für die vakante Position im offensiven Mittelfeld verpflichten will. „Durch unsere Datenbank ist gewährleistet, dass dem HSV unabhängig von Personen ein breites Wissen zur Verfügung steht”, sagt Congerton – übrigens mit dem selben Wortlaut wie einst Beiersdorfer. Allerdings nutzt der HSV heute die professionellen Dienstanbieter Scout7 und Xeatre, mit deren Hilfe jeder befugte HSV-Mitarbeiter per Mausklick sich nicht nur umfassende Statistiken und Hintergrundinformationen über mögliche Neuzugänge herunterladen, sondern auch noch Beweglichkeit und Ballgefühl durch Videosequenzen überprüfen kann. Eine Jahrhundertidee, die ich nur zu gern selbst gehabt hätte, denn die Vereine erkaufen sich jährlich teure Nutzungslizenzen und pflegen ihre selbst gemachten Beobachtungen in das System ein, das dadurch stetig wächst und entsprechend für alle Klubs sogar noch interessanter wird. Dennoch, so professionell, so aufwendig und so fleißig das Scouting am Ende auch betrieben wird, nur die Ergebnisse lassen einen Rückschluss auf die geleistete Arbeit zu. „Wenn ich niemanden finde, der einschlägt, war ich schlecht. Damit muss ich leben“, sagt Congerton und versichert: „Aber wir werden Spieler finden.“

Daran glaube ich auch. Immerhin ist das mit Gökhan Töre schon gelungen. Und auch ein Michael Mancienne, Slobodan Rajkovic sowie Jeffrey Bruma haben bewiesen, dass sie Bundesliga spielen können. Auch wenn das auf Letztgenannten im Moment verletzungsbedingt nicht zutrifft. „Jeff hat noch immer leichte Probleme“, umschreibt Fink, „er wird am Sonntag draußen bleiben, wird nicht im Kader stehen. Aber es gibt auch wenig Grund, im Moment etwas zu ändern.“ Zudem wolle er auch insgesamt jeden unnötigen Umbau in der Aufstellung vermeiden. Dementsprechend wahrscheinlich ist, dass Jacopo Sala rechts sowie Ilicevic vorerst auf der Bank bleiben wird und der gesperrte Rincon von Robert Tesche oder Gojko Kacar ersetzt wird. „Davon können sie ausgehen“, so Fink heute.

Im Training war von Stamm und B-Elf nichts zu erkennen, weil bunt gemischt wurde und am Ende ein Turnier mit drei Mannschaften gespielt wurde. Nachmittags wurde gar ganz auf das Training verzichtet. Fink: „Wir haben am Vormittag zwei Stunden lang trainiert – das reicht.“ Und, nur um Missverständnisse auszuräumen, nicht ich tendiere zu Kacar als Rincon-Ersatz sondern ich glaube, dass der Trainer zum Serben tendiert. Ginge es nach mir, würde ich Sala zentral spielen lassen und mit Ilicevic beginnen.

Aber okay, der Weg, die jeweilige Position immer direkt auszutauschen, ist ein guter Weg. So haben alle Spieler ihre direkte Konkurrenz vor Augen und werden nicht plötzlich von irgendwelchen manchmal sogar abenteuerlichen „Umbau-Ideen“ des Trainers überrascht und entsprechend demotiviert. Denn, und das muss man Fink hoch anrechnen, bislang hat er seinen Spielern gegenüber Wort gehalten. Und die danken es dem Trainer mit tadellosen Leistungen, auch wenn sie seit Wochen nicht gespielt haben (Rajkovic, Jarolim, Ilicevic, Sala).

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um zehn Uhr an der Arena trainiert. Und ich werde Euch anschließend von der Einheit berichten und mit Paolo Guerrero sprechen.

Scholle
(19.25 Uhr)

So ist die Scoutingabteilung aufgebaut:
Vier Scouts (K.H. Bresch, Öztunali, Meier und Diaz) sind primär für die Sichtung Hamburger Talente zuständig. Deutschlandweit koordiniert Michael Schröder die Einsätze von Kucukovic, Trifellner, Brücker und Spörl. Für die Sichtung des internationalen Marktes ist Christofer Clemens Ansprechpartner für Hansen (Skandinavien), Ricka (Tschechien), Arnesens Sohn Sebastian (Belgien und Niederlande), Djordjevic (Balkanstaaten) und Taran (Brasilien). Steve Houston ist für den administrativen Bereich zuständig, Kreutzer (nur Trainer Fink unterstellt) und Wyatt sind für die Gegnerbeobachtung verantwortlich. Zudem arbeiten bis zu acht selbstständige Scouts Congerton zu.

Xhaka: Preistreiberei oder Überzeugung? Basel bestätigt seine Absage an den HSV

10. Januar 2012

Jetzt sind sie da. Am Montag um 21.34 Uhr im Mannschaftshotel Vincci Estrella del Mar angekommen, gab es heute die erste Einheit im Marbella Football Center, eben jenem Trainingszentrum, in dem auch der HSV sein Quartier aufgeschlagen hat. Und dieser wirbt bekanntlich offiziell um die Dienste des Baseler Top-Talentes Granit Xhaka. Auch deshalb passen die Baseler besonders auf, dass ihr Mittelfeldtalent nicht von seiner Vorbereitung abgelenkt wird. Am wenigsten von uns Hamburgern. Wobei das schon der Trainer übernommen haben soll. „Wir wissen, dass Thorsten Kontakt zu Xhaka aufgenommen hat“, so Basels Sportdirektor Georg Heitz betont unaufgeregt, „und die Bundesliga ist für jeden Spieler eine interessante Liga. Er hat ja selbst den Plan, irgendwann in einer größeren Liga zu spielen.“ Und obwohl der HSV sich ja noch immer nicht aller Abstiegssorgen entledigt habe, seien die Kontaktaufnahme und Xhakas Offenheit zu einem Wechsel nicht beunruhigend. Heitz: „Wir dürfen da nicht päpstlicher sein als der Papst.“ Vielmehr sei es ein ganz normaler Vorgang, wie auch Basels neuer Trainer Heiko Vogel sagt: „Als Trainer beschäftige ich mich doch immer zuerst mit den Spielern, die ich am besten einschätzen kann.“

Und dazu zählen ehemalige Spieler. Natürlich. Gerade die, mit denen man gerade eben noch, in Finks Fall bis Oktober 2011, zusammengearbeitet hat. Wie eng die Verbindung noch ist, zeigten nicht allein die zahlreichen Umarmungen von Finks Trainerteam mit den Baselern, sondern auch ein Foto auf dem Mannschaftsbus des FC Basel, wo die Mannschaft beim Sponsor „Europa Park“ in der Achterbahn sitzt. Die gesamte Mannschaft nacheinander aufgereiht. Und das mit ihrem Trainer in vorderster Front: Thorsten Fink.

Aber gut, Fink ist inzwischen in Hamburg und es dauert eben, solch eine Bedruckung abzunehmen. Zumal sie die Schweizer nicht stört. Im Gegenteil, schon heute Morgen traf sich Basels Sportchef Heitz mit Fink auf einen Kaffee. „Wir haben uns unterhalten. Allgemein und über Xhaka. Thorsten hat bestätigt, dass der HSV ihn grundsätzlich will. Lieber heute als morgen. Aber ich habe ihm auch gesagt, dass wir da auf die Wünsche der Hamburger keine Rücksicht nehmen können.“

Vor allem aber müssen es die Schweizer nicht. Finanziell schwebt man nach dem Einzug ins Champions-League-Achtelfinale gegen Bayern München auf Wolke sieben. „Wir haben finanziell überhaupt keinen Druck“, so Heitz, nachdem er auch sagte, es gebe in Sachen Ablösesumme für jeden Spieler des FC natürlich eine Grenze, kein Spieler sei also unverkäuflich.

Dennoch scheint Xhaka ein hartes Stück Arbeit für den HSV zu werden. „Für uns kommt ein Wechsel jetzt nicht in Frage. Wir haben das Angebot des HSV erst einmal abgelehnt. Zudem gibt es noch andere Vereine, die konkrete Angebote abgegeben haben.“ Dazu soll unter anderen der europäische Spitzenklub Manchester United zählen. Und Trainer Vogel ergänzt: „Ich plane mit Xhaka bis Saisonende. Und das ist erst im Mai, Juni. Dieses Geschachere ist nun mal part of the game, das lässt uns kühl bis zum Sommer. Denn bis dahin werden die Anfragen für ihn nicht weniger.“

Preistreiberei? Mit Sicherheit auch. Wobei ich glaube, dass bei den bislang kolportierten sieben Millionen Euro für den 19-Jährigen die Grenze definitiv erreicht ist. Mehr werden auch finanziell potentere Vereine als der HSV für ein Talent – denn das ist Xhaka bei aller Veranlagung noch immer – nicht bieten. „Wir wollen den Preis mit unseren Aussagen nicht hochtreiben, wir sind klar in unserer Entscheidung. Ich bin mir ganz sicher, dass wir das alles in aller Freundschaft klären werden“, so Heitz, der sehr wohl weiß, dass der Wechsel Xhakas an sich nicht mehr aufzuhalten ist. Ebenso wie der Trainer. Vogel: „Das kann sein. Es ist doch klar, dass ein Spieler seines Formates das Ziel hat, in eine vermeintlich stärkere Liga, wie sie die Bundesliga ist, zu wechseln.“ Die Frage sei eben nur, wann.

Und obwohl sich Xhaka heute nicht mit uns unterhalten durfte, anbei ein sehr langes, aber eben auch sehr gutes und interessante Interview. Das führte mein Schweizer Kollege Christoph Kieslich von der „Tages Woche“ vor zwei Tagen. (http://www.tageswoche.ch/de/2012_01/sport/268800/Granit-Xhaka-%C2%ABDie-Frage-ist-Wann-gehe-ich%C2%BB.htm). Den Part über Xhaka und den HSV habe ich Euch schon mal herauskopiert und ans Textende für alle diejenigen gestellt, die sich dafür interessieren. Ein kleiner Auszug:

Sie sagen, Sie möchten nicht unbedingt schon in diesem Winter wechseln. Würden Sie denn darauf bestehen, bis zum Sommer in Basel zu bleiben?
Granit Xhaka: Ich sage es mal so: Wenn es wirklich für alle stimmt, auch für meine Familie und das Umfeld, dann wären wir alle glücklich, würden wir alle davon profitieren. So wie ich Thorsten Fink verstanden habe, steht er auf mich, und wenn ich nach Hamburg wechsle, dann würde ich dort auch spielen.

Auf jeden Fall klingt alles so, als habe der HSV sehr gute Chancen auf seinen Wunschspieler. Und wenn er denn nach Hamburg kommen sollte, müsste man den Beteiligtem – allen voran Trainer Thorsten Fink, Sportchef Frank Arnesen aber auch Arnesen rechter Hand Lee Congerton – ein großes Kompliment aussprechen. Als Bundesliga-13. setzt man sich nicht immer gegen so namhafte Konkurrenz bei einem Spieler durch, der aktuell noch Champions League spielt.

Das Ganze zeigt vor allem: Der HSV arbeitet perspektivisch, setzt weiter auf gute, junge Spieler. „Dieser Vorgang zeigt mir, dass wir auf dem richtigen Weg sind“, freut sich HSV-Kapitän Heiko Westermann, der sich in seiner Entscheidung, langfristig beim HSV zu unterschreiben mehr denn je bestätigt sieht. „Ich wollte eine klare Linie, eine Perspektive. Das hat eineinhalb Jahre nicht so gut funktioniert. Aber jetzt haben wir eine sehr gute Struktur. Ich weiß, dass wir langfristig Erfolg haben werden.“ Ob das schon in der Rückrunde umzusetzen ist? „Wenn wir gleich zu Beginn gegen Dortmund gewinnen, kann das eine Euphorie auslösen, denn die Stimmung in der Mannschaft ist top. Wo das letztlich hinführt, ist offen. Denn so richtig goldig ist unsere Ausgangsposition sicher nicht. Aber man merkt, dass wir eine echte Einheit sind. Und zwar auf wie neben dem Platz.“

Zudem habe die Mannschaft sportlich eine sehr gute Entwicklung genommen. Auch dank Trainer Thorsten Fink, der in den acht Tagen Marbella anstatt Kondition bolzen zu lassen auf technische und taktische Einheiten setzt. „Unser Passspiel wird besser, wir als Mannschaft treten geschlossen auf. Und zwar gegen den Ball genau so wie offensiv“, sagt Westermann, der bei allem Optimismus aber den Blick für die Realität nicht verloren hat: „Wir spielen erst seit einem halben Jahr zusammen, haben vor der Saison viele Wechsel verkraften müssen. Das war nicht leicht, aber das machen wir immer besser. Ich glaube einfach, dass wir auf allen Positionen aktuell und auch perspektivisch richtig gut besetzt sind.“

Dass eine gute Rückrunde mit dem HSV auch seine Chancen auf eine Teilnahme an der EM im Sommer verbessern würde, ist klar. „Ich habe mit Hansi Flick guten Kontakt, habe mit Jogi Löw vor dem Länderspiel gegen Holland länger gesprochen. Wenn ich mit dem HSV gute Spiele zeige, wir Erfolg haben, dann glaube ich daran, dass ich dabei sein werde.“ Allerdings, und das glaube ich Westermann sofort, sei das nicht das vordringlichste Thema für ihn.

Zumal die Entscheidung nicht bei ihm liegt, er sich eh nur anbieten kann – und zwar am besten mit guten Leistungen für den HSV. Als Abwehrchef und Mannschaftskapitän, der in der Mannschaft nach anfänglichen Schwierigkeiten inzwischen voll angekommen ist. Auf dem Platz dirigiert Westermann im Training wie in den Spielen, für den Trainer ist er der erste Ansprechpartner. Und das merkt er selbst. „Ich hatte eine schwere Phase, in der ich schlechte Spiele gezeigt habe. Aber da musste ich durch. Ich musste meinen Kopf mal in den Wind halten – und dadurch bin ich gereift. Inzwischen fühle ich mich superwohl und freue mich auf die nächsten Monate mit dem HSV. Denn wir vor, das zu zeigen, was wir zu Saisonbeginn verpasst haben. Schon gegen Dortmund.“

Klingt genau so, wie wir uns das alle erhoffen. Dennoch ein kurzer Themawechsel: Ich hatte mich gestern erstmals zum Thema Ausschreitungen beim Schweinske-Cup zu Wort gemeldet. Das hatte ich vorher vermieden, weil ich weder beim Turnier dabei war noch großartig mit den beteiligten Parteien sprechen konnte. Allerdings ist es in einem personalisierten Blog wie diesem durchaus zulässig, seine Meinung zu äußern. Und ich bin bei einem derart unüberschaubaren oder besser gesagt: bei einem derart facettenreichen Vorfall der Meinung, dass unsere Polizei das Mandat hat, die Aufklärungen zu leiten. Sollte sich dabei herausstellen, dass die Polizei Fehler gemacht hat, gilt es das zu nennen. Aber bis dahin sollten alle Beteiligten, von den Klubs (im Übrigen auch der HSV, von dem einige Hooligans großen Anteil an der Eskalation hatten) über die Veranstalter bis hin zu den Ermittlern bedingungslos zusammenarbeiten, um eine so bittere Niederlage gegen einen kleinen, gewaltbereiten Teil dummer Zuschauer (Fans sind das nicht) aufzuklären und in Zukunft zu vermeiden. Da hilft es nichts, wenn der FC St. Pauli sich hinstellt und die Polizei attackiert. Vielmehr wirkt das aktionistisch und unüberlegt. Zumal dann, wenn es für den grundsätzlich sympathischen Stadtteilklub der x-te Vorfall binnen kürzester Zeit war.

In diesem Sinne, alles wird gut. Und bis später. Dann mit einem kurzen Update vom Test gegen ADO Den Haag.

Scholle (18.15 Uhr)

Hier nun wie versprochen, die Passagen des „TagesWoche“-Interviews:

Wie steht es denn jetzt mit dem Hamburger SV? HSV-Sportdirektor Frank Arnesen hat anklingen lassen, dass ein Transfer wahrscheinlich erst im Sommer zustande kommt.
Granit Xhaka: Ich sage es mal so: Hamburg ist sicher keine schlechte Adresse, und die Bundesliga ist ein Traum von mir. Es ist schön zu wissen, dass ein so großer Club wie der HSV einen Typen wie mich haben möchte. Sie haben dem FCB etwas angeboten, aber mein Ziel ist es nicht, jetzt im Winter wegzugehen. Ich muss glücklich sein, der Verein muss glücklich sein, wenn ich weggehen würde. Und ich will mich ordentlich verabschieden.

Klingt so, dass es auch ganz schnell gehen könnte mit einem Transfer.
Ich höre mir solche Sachen an, mein Berater hört sie sich an, wir besprechen das, aber ich kann nicht ja und nicht nein sagen. Lassen wir uns überraschen.

Wie haben Sie denn vom Interesse des HSV erfahren?
Tja, wie hab’ ich davon erfahren? Der Trainer hat mich mal angerufen …

… der ehemalige FCB-Trainer Thorsten Fink?
Ja. Er hat mich gefragt, wie es läuft beim FCB, er hat mir gesagt, dass es Interesse vom Hamburger SV an mir gibt und dass er mich gerne zu sich holen würde. Das war eigentlich nur ein Telefonat, nach unserem letzten Spiel am 11. Dezember in Neuenburg.

Und, wie war Ihre Reaktion?
Ich habe ihm gesagt, dass ich erst mal in die Ferien gehe, und dass alles andere, das, was die beiden Vereine besprechen, über meinen Berater gehen soll. Ich wollte meine Ferien genießen und mich nicht im Kopf belasten. Ich weiß nicht, was sie mit dem Berater abgemacht haben, und der HSV ist ja jetzt direkt mit dem FCB in Kontakt. Das ist alles keine Überraschung mehr, denn man weiß ja jetzt, dass die Hamburger Interesse haben. Ich höre mir das gerne mal an.

Auf welchem Stand sind Ihre Gespräche mit dem FCB, mit Vizepräsident Bernhard Heusler oder Sportkoordinator Georg Heitz?
Eigentlich haben wir noch gar nicht darüber gesprochen. Vom Verein ist noch niemand auf mich zugekommen.
Sie sind im Moment also nur über Thorsten Fink und Ihren Berater informiert?
Genau, und aus den Zeitungen weiß ich, was angeboten wurde – ob das stimmt, ist wieder eine andere Frage.

Was kann man nun daraus schließen? Der FCB hat schon mal klar signalisiert, dass das HSV-Angebot von rund 8,5 Millionen Franken Ablöse keine Verhandlungsgrundlage für ihn ist.
Ich weiß es auch nicht. Ich habe auch nur von sieben Millionen Euro gelesen, die der HSV angeboten haben soll. Ich habe einen Vertrag bis 2015 und ich kann mir schon vorstellen, dass der FCB mehr möchte. Ich sehe es so: Erst mal muss der Verein zufrieden sein, und wenn der HSV eine entsprechende Summe bietet, dann kann ich mir vorstellen, dass der FCB auf mich zukommt, um das mit mir anzuschauen.

Sie sagen, Sie möchten nicht unbedingt schon in diesem Winter wechseln. Würden Sie denn darauf bestehen, bis zum Sommer in Basel zu bleiben?
Ich sage es mal so: Wenn es wirklich für alle stimmt, auch für meine Familie und das Umfeld, dann wären wir alle glücklich, würden wir alle davon profitieren. So wie ich Thorsten Fink verstanden habe, steht er auf mich, und wenn ich nach Hamburg wechsle, dann würde ich dort auch spielen.

Kommt denn außer Hamburg überhaupt noch irgendwas anderes in Frage?
Ich bin Fan der Bundesliga und der Premier League. Das sind meine Topligen, von denen ich mir wünsche, dass ich einmal dort spielen werde. Aber ich würde auch andere Ligen nicht ausschließen.

Was ist denn an den Spekulationen mit Manchester United und dem Interesse an Ihnen?
Davon weiß ich nichts, hab’s auch nur gelesen. Wenn England, dann denke ich, dass das was mit 23, 24 Jahren für mich wäre, dann, wenn ich körperlich und vom Tempo her für diese Liga parat wäre.

Sie denken also, der Sprung in die Bundesliga wäre einfacher für Sie?
Das kann ich nicht sagen. Ich finde aber, dass der englische Fußball nachgelassen hat. Nicht, weil wir gegen Manchester United gewonnen haben, sondern weil einige Mannschaften schwächer geworden sind, auch Chelsea oder Liverpool. Außer Manchester City, die haben mit einem Haufen Geld viele Spieler gekauft. Die Bundesliga ist sicher nicht schlechter als die Premier League, absolut nicht. Aber nach England sollte man erst gehen, wenn man sich bereit fühlt, wenn man die Perspektive hat, dort auch zu spielen. Ich wollte nicht nach Manchester oder sonstwohin wechseln und dann nicht spielen – da bleibe ich lieber hier.

In England wird herumgereicht, dass Sie eine Ausstiegsklausel im Vertrag hätten.
Sicher nicht. Das ist nicht korrekt.

Ihr Berater Andreas Gross gilt immerhin als Mann mit exzellenten Kontakten auf die Insel. Seit wann berät er Sie und welche Rolle spielt Ihr Vater noch bei der Zukunftsplanung?
Wir sind jetzt seit eineinhalb Jahre mit Andreas Gross zusammen, er hat schon die Vertragsverlängerung beim FCB begleitet. Mein Vater bespricht viel mit ihm, aber wenn es um Verträge geht, ist Andi zuständig.

HSV-Sportdirektor Frank Arnesen sagt, er hätte Sie schon vor Jahren auf dem Radar gehabt, als er noch beim FC Chelsea war. Gab’s denn tatsächlich schon einmal Kontakt mit London?
Das ist so, damals war noch Max Urscheler mein Berater, und er hat uns damals erzählt, dass Chelsea Interesse hat. Da war ich 16, 17 Jahre alt, aber für mich war das Ausland in diesem Alter überhaupt kein Thema. Für mich war klar: Wenn man sich nicht zuerst in der Schweiz durchsetzen kann, dann schafft man es nirgends. Ich konnte einen guten Weg machen bisher – im Gegensatz zu vielen Kollegen aus der U17-Nationalmannschaft, mit der ich Weltmeister geworden bin. Ich bin sehr froh, dass ich hier geblieben bin.

Welcher Rat ist Ihnen denn der Wichtigste?
Zuallererst der meiner Familie und vor allem der meines Vaters. Er hat selbst mal als Profi gespielt, im Ex-Jugoslawien. Er musste wegen einer Verletzung früh aufhören, aber er kennt das Business. Ich verlasse mich auf mein Bauchgefühl, und mein Vater gibt mir Tipps. Und er hat mir damals geraten, beim FCB zu bleiben.

Fühlen Sie sich denn heute schon parat dazu, die Sachen zu packen und zum Beispiel nach Hamburg zu gehen?
Ja, sicher, sonst würde ich mir keine Gedanken machen. Ich bin jetzt seit eineinhalb Jahren fast so etwas wie Stammspieler, ich habe meine Spiele gemacht, auch international, bin in der Nationalmannschaft. Wenn es so weiterläuft wie momentan, wäre ich bereit dazu, ins Ausland zu wechseln. Die Frage ist: wann? Das ist das Fragezeichen, das ich im Kopf habe, das wir alle ein bisschen im Kopf haben.

Können Sie sich im Augenblick überhaupt noch auf den FC Basel konzentrieren? Oder schläft man mit diesen Gedanken ein und wacht morgens damit wieder auf?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin der Typ, der das ganz schnell ausblenden kann. Solange ich beim FCB bin, gebe ich Gas und 120 Prozent. Dafür habe ich die Unterstützung meiner Eltern, meines Beraters. So lange ich hier bin, bin ich hier.

Am Montag fliegen Sie mit dem FC Basel nach Spanien ins Trainingslager – und werden auf den gleichen Plätzen wie der HSV trainieren. Werden Sie mit dem FCB nach zehn Tagen auch wieder heimkommen – oder nehmen Sie einen Flug früher nach Hamburg?
(Lacht) Das sind auch schon die Sprüche meine Mitspieler gewesen. Nein, ich werde auch mit dem FCB wieder zurückkommen. Das ist so. Ich werde so etwas sicher nicht im Trainingslager entscheiden. Das ist nicht der richtige Ort und Zeitpunkt. Wenn wirklich alles perfekt laufen würde, für mich und für den Verein, dann wäre es halt so, aber momentan – nein.

Hat sich denn außer Torsten Fink bei Ihnen schon jemand vom HSV gemeldet?
Bei mir persönlich nicht, aber ich glaube, bei meinem Berater.
Der weiß auch schon, was in einem Vertrag mit dem HSV drinstehen würde?
Ich habe ihn nicht danach gefragt.

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