Archiv für das Tag 'Congerton'

Ich wiederhole mich gern: Dieser Tah begeistert!

10. Oktober 2013

Weil ich es immer wieder gefragt werde, vorweg eine kleine Info: Lee Congerton ist noch immer offiziell beim HSV angestellt – allerdings von allen Arbeiten befreit. Der Engländer wird nicht mehr gebraucht, hat aber noch einen bis Saisonende laufenden Vertrag, den er aktuell aussitzt. Hintergrund: Der HSV hofft, dass Congerton irgendwo eine neue Herausforderung findet und um die Auflösung des hiesigen Vertrages bittet. Congerton selbst macht bis dahin bezahlten Urlaub. Monat für Monat. Ob der ehemalige Chefscout bereits Verhandlungen führt konnte mir vom HSV niemand beantworten. Und Congerton selbst war nicht zu sprechen. „Ich bin gerade mit dem Auto in den Bergen unterwegs, ich höre Dich kaum“, war alles, was Lee mir sagte, bis die Verbindung abriss. Weitere Anwählversuche scheiterten. Dennoch sollte es in den nächsten Tagen klappen, da bin ich mir sicher. Wenn Congerton es überhaupt will…

Fürs Erste muss das in Sachen Congerton reichen. Leider. Aber sehr viel mehr als das oben geschriebene wird eh nicht herauskommen. Gibt ja auch schlimmeres als ein Jahr lang sehr gut bezahlt Urlaub zu machen…

Von Urlaub weit entfernt ist Jonathan Tah. Während seine Klassenkameraden in den aktuell laufenden Herbstferien zu Hause entspannen oder verreisen, muss Jonathan Tah fleißig trainieren. Er kennt solche „Ungerechtigkeiten“ noch aus seiner Jugend – in der er sich mit seinen 17 Lenzen genau genommen ja sogar noch befindet. „Ich musste bei den Mannschaften in den Ferien auch immer trainieren, daran hat sich kaum was geändert.“ Aber es hat sich gelohnt. Denn neben dem auffälligen Torschützen Pierre Michel Lasogga ist Tah ganz sicher DIE Entdeckung der Saison. Manchmal müsse er sich schon noch kneifen, bei dem Tempo mit dem er gerade durchstartet. Aber Tah ist einfach nicht der Typ, der durchdreht. „Ich bin ruhig, eher unaufgeregt“, sagt Tah über sich selbst und ich nehme es ihm zu 100 Prozent ab. Der Junge ist genau so, wie man sich einen 17-Jährigen vorstellt, der bei den „Großen“ mitmachen darf. Er lächelt verlegen bei Komplimenten, freut sich aber sichtlich darüber. Und er ist zurückhaltend, lernwillig und aufs Wesentliche fokussiert. Er hat nach den starken Leistungen auch keinen Grund, verbal auffällig zu werden. Das, was er auf den Platz anbietet, spricht für sich.

„Ich bin selbst überrascht, wie schnell alles geht“, sagt Tah, der plötzlich Autogrammwünsche erfüllen muss, Liebesbriefe von Fans bekommt und auf der Straße angesprochen wird. „Natürlich verändert sich der Alltag etwas“, sagt Tah und lächelt – der Rummel gefällt ihm. Noch. Abheben sei aber keine Gefahr bei ihm. „So bin ich selbst nicht gestrickt“, sagt der jüngste Startelfspieler der HSV-Bundesligageschichte. Und selbst wenn er mal den Boden unter den Füßen zu verlieren drohe wären da noch seine Eltern. Und die drei Geschwister, die bei möglichst jedem Spiel im Stadion sind. „Ich glaube schon“, so die bescheidene Antwort auf die Frage, ob seine Eltern und Geschwister stolz seien. Ist ja auch klar…

Tah ist angekommen. Aber er ist lange noch nicht am Ziel. Es gibt noch jede Menge zu verbessern, sagt er selbst und zählt überraschenderweise das auf, was die meisten bei ihm loben: sein Passspiel. Dafür sei er im Zweikampf und in Kopfballduellen schon ganz zufrieden. So wie seine Kollegen mit ihm. „Ich bin super aufgenommen worden, ich hab’ mich gut eingefügt. Und ich lerne in jedem Training.“ Parallel zur Schule. Tah absolviert im kommenden Jahr sein Fachabitur. Zu viel Stress? Nicht für Tah. Im Gegenteil, er ist stets darum bemüht, Ruhe auszustrahlen. „Unfassbar cool“, nennt ihn Trainer Bert van Marwijk.

Rene Adler spricht sogar von einem der größten Talente überhaupt – und der Keeper ist es auch, der Tah führt. Auf dem Platz dirigiert Adler ihn lautstark, „weil er von hinten die beste Sicht und jede Menge Erfahrung hat“, sagt Tah, der weiß, dass er von Adler und Co. viel lernen kann. Besser gesagt: Er will viel von ihnen lernen. Auch von seinem Nebenmann Johan Djourou, mit dem Tah die Innenverteidigung bildet. Wie die zwei kommunizieren? „Auf französisch“, antwortet Tah, dessen Vater Ivorer ist. Und an der Elfenbeinküste wird französisch gesprochen. Tah beherrscht die Sprache von Haus aus – ebenso wie das Zusammenspiel mit Djourou.

Wie Ihr in dem Video auf unserer Matz-ab-Facebookseite (auf www.facebook.com/groups/matzab stelle ich die Videos rein, weil ich hier ein Upload-Limit habe, das mit solchen Videos überschritten wird. Das ist KEIN Versuch, Leute zu Facebook zu locken!!!) raushören könnt, ist Tah ein eher unaufgeregter Typ. Er erinnert mich in seiner Art ein wenig an Jerome Boateng. Wann er das erste Mal das Gefühl hatte, so richtig in der Mannschaft angekommen zu sein? Vielleicht gegen Fürth bei seiner Rettungsaktion, wie ich so investigativ ausgemacht haben wollte? „Nein“, sagt Tah, „das war viel früher. Im Training habe ich gemerkt, dass die Mannschaft mich annimmt, akzeptiert.“

Es macht ehrlich Spaß, diesem Jonathan Tah zuzuhören und zuzusehen. Im Trainingslager hat er in den Testspielminuten, die er mitmachen durfte, noch Kinken dringehabt, die einen Bundesligaeinsatz in weite Ferne zu rücken schienen. Er war schlichtweg und wenig überraschend noch aufgeregt, manchmal etwa naiv. Eben das sagte ihm auch der inzwischen beurlaubte Trainer Thorsten Fink, der Tah sagte, „dass ich einfach weitertrainieren und lernen soll. Der Rest käme von ganz allein und ich sollte Geduld haben“, erinnert sich Tah an das Gespräch mit dem ehemaligen Trainer. Dass Fink gehen musste und Cardoso ihn reinwarf – bekannt. „Fink hat mich hochgezogen, dafür bin ich ihm sehr dankbar.“ Mediendirektor Jörn Wolf staunte übrigens nicht schlecht. Er musste bei dem ersten richtigen Interviewmarathon des Youngsters nicht einmal eingreifen. Tah beherrscht auch das.

Er hat sich einfach im Griff. Selbst das erste Mal vor knapp 60000 Zuschauern zu spielen, weiß er kaum noch. Er war zu konzentriert auf das Spiel, obgleich er „vorher höchstens mal vor 4000 Zuschauern mit der Nationalmannschaft gespielt habe“, erinnert sich Tah und nennt das Stichwort: Nationalelf. Nicht, dass ich den jungen Verteidiger jetzt schon bei Löw ins Team schreiben will, nein. Ich wollte einfach nur wissen, ob er sich im Fall der Fälle für Deutschland oder die Elfenbeinküste entscheiden würde. Tahs Antwort war eigentlich keine und doch die beste: er sagte nichts. „Darüber kann ich mir Gedanken machen, wenn es soweit ist. Da habe ich sicherlich noch ein wenig Zeit. Ich versuche einfach, jedes Training voll zu nutzen und mich dem Trainer anzubieten.“

Stimmt. Darum geht’s.

Trotzdem hat Tah die Auswirkungen seines gesteigerten Bekanntheitsgrades gerade zu spüren bekommen. Sein Video, das ich auch hier im Vorblog reingestellt hatte, ist inzwischen schon zigtausendfach abgerufen worden. „Frei raus bei Facebook Sachen reinstellen oder twittern läuft jetzt nicht mehr so einfach“, lacht Tah, der mit seinem Gesang für seinen „Bruder“, wie er Calhanoglu nennt, zu gefallen wusste. „Irgendwie echt niedlich“, nannte es meine Frau und die Kommentare unter dem Motivationssong schließen sich dem größtenteils an. Ob er ein ganz bestimmtes Karriereziel hat? „Das nächste Training.“ Recht hat er. Irgendwie auffällig oft.

Ebenso wie ein gewisser Herr aus unserer Mitte, der sich sogar schon provoziert fühlte, weil ich den Namen Calhanoglou falsch aussprechen würde. Für ihn habe ich extra eine Audiodatei angehängt, die zeigt, wie der Name tatsächlich ausgesprochen wird. Und für alle, die trotzdem noch daran zweifeln: Die Stimme der Aufklärung ist in diesem Fall Hakan Calhanoglu selbst…

In diesem Sinne, ich bin einfach nur begeistert von Jonathan Tah. So sicher auch noch Spiele kommen, in denen er enttäuscht, dieser Junge wird sich auf lange Sicht einen sehr guten Namen machen – wenn er so bleibt, wie er es jetzt ist. Aber vor allem gratuliere ich den HSV-Verantwortlichen, denn der Klub hat endlich wieder ein echtes Juwel hervorgebracht…

Morgen habe ich frei. Lars übernimmt. Und ich melde mich am Sonnabend. Vielleicht mit ein paar O-Tönen mehr von Congerton. Aber ganz sicher mit einer Scheel-Reaktion zu den Vorwürfen, er habe bei Protokollen bewusst kritische Passagen herausgelassen. Versprochen.

Euch allen einen schönen Restabend!

Scholle

P.S.: Am Donnerstagnachmittag konnte Ivo Ilicevic wieder ins Mannschaftstraining einsteigen.

P.P.S.: Calhanoglus Aufklärung:

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