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„Wir haben sicher kein Thema Knäbel!“ – Adler wieder Nr. 1

2. April 2015

Der Gründonnerstag ist traditionell ein ruhiger Medientag. Die Kollegen der Print-Branche machen frei oder höchstens halblang, denn am Karfreitag erscheint keine Tageszeitung. Heute war es jedoch alles andere als ruhig in der Gerüchteküche – Thema: Trainerfrage beim HSV -, auch wenn am Ende wenig Zählbares stand. Aber dazu am Ende mehr.

Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie viele Fans sich einfinden zu den Trainingseinheiten am Stadion. Heute war es bestimmt wieder eine dreistellige Besucherzahl. Die meisten von ihnen mussten sich ganz schön strecken während der knapp zweistündigen Einheit. Denn je mehr Fans kommen, desto höher und undurchlässiger werden die Planen drum herum. Klar: Peter Knäbel hat gerade vor seinem ersten Spiel wenig Interesse daran, dass viel von seiner taktischen Richtung nach außen dringt. Morgen beim Abschlusstraining wird es übrigens garantiert gar nichts zu sehen geben. Die Einheit findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Stadion statt.

Was nun die spannendste offene Personalfrage angeht, spielt Knäbel noch einige Stunden auf Zeit. Drobny oder Adler – das will der Trainer am Donnerstagabend mit beiden Torhütern besprechen. Sobald ich von einer Entscheidung höre, wird der Blog hier aktuell ergänzt. Im Training haben beide in etwa gleichlange Einsatzzeiten im vermeintlichen A-Team erhalten. Wie dieses A-Team aussehen könnte, deutete sich zumindest an. Die Viererkette hinten mit Diekmeier, Djourou, Westermann und Ostrzolek, davor Behrami und Jiracek, schließlich eine offensive Dreierreihe mit Müller, Stieber und Ilicevic sowie der einzigen Spitze Olic. Wenig Neues also, aber das war wohl auch nicht zu erwarten.
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AKTUELL: Rene Adler ist ab sofort wieder die Nummer 1 im HSV-Tor. Das teilte Peter Knäbel den beiden Torhütern am frühen Abend mit. Adler habe sich seinen Einsatz verdient, so Knäbel.
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In dem heutigen Video seht Ihr wie gehabt die Pressekonferenz. Ich will hier jetzt nicht alle Einzelheiten schriftlich wiederholen, aber einige Passagen lohnen doch für einen zweiten Blick. Sportlich Erhellendes war nicht herauszuhören – da wollte Knäbel deutlich spürbar wenig preisgeben. Erfeulich jedenfalls, das hat Knäbel klar bestätigt, dass es vor der Partie wenig Säbelrasseln oder Revanche-Gelüste gibt, nachdem das Hinspiel ja vor Emotionen nur so kochte. Der HSV hatte das Calhanoglu-geprägte Spiel mit 1:0 für sich entschieden.


 

Natürlich wurde Peter Knäbel angesprochen auf die Äußerungen von Aufsichtsrats-Boss Karl Gernandt am vergangenen Sonntag. Sehr klar und gerade nahm Knäbel dazu Stellung, und es war zwischen den Zeilen zu hören, dass er nicht begeistert war über das, was er da von Gernandt hören konnte. Nachdem Vereinschef Dietmar Beiersdorfer ja angekündigt hatte, Knäbel werde so oder so auf den Posten des Sportdirektors zurückkehren, hatte Gernandt ebendiese Einschätzung in Zweifel gezogen. Knäbel würde die nötige Strahlkraft verloren gehen, wenn der HSV absteige. So umschrieb Unternehmer Gernandt seine Zukunftsprognose im Abstiegsfall.

Völlig zurecht hat Knäbel nun entgegnet, dass die fehlende Strahlkraft „bei jedem im HSV so sein wird, der Verantwortung trägt“. Eine banale Aussage eigentlich, aber sie trifft den Kern. Und sie offenbart auch den Fehler in der Gernandt-Aussage, denn wenn dieser HSV tatsächlich den Weg nach unten gehen muss, dann steht zwangsläufig alles auf dem Prüfstein. Einen Peter Knäbel da noch herauszunehmen, ist also überflüssig gewesen. Ist nicht im Abstiegsfall Karl Gernandt selbst gnadenlos gescheitert? Dietmar Beiersdorfer ebenso? Wie sieht es mit Bernhard Peters aus? Diese Debatten würden kommen, daran führt kein Weg vorbei. Insofern absolut korrekt, wenn Peter Knäbel heute schlussfolgert: „Wir haben aktuell alles – aber sicher kein Thema Knäbel.“

Weil Knäbel beim HSV auch um alles kämpft, nicht aber um seine persönliche Zukunft als Trainer, kann er auch die Diskussionen um Thomas Tuchel glaubhaft beiseite schieben. Er muss sie nicht deuten als Angriff auf seinen Posten, und darf sich deswegen auch – so wie heute geschehen – darüber freuen, dass ein begehrter Mann mit dem HSV in Verbindung steht. Es beeinflusse ihn überhaupt nicht, und selten habe ich bei einer Trainerdiskussion einen Satz gehört, der so glaubhaft war wie dieser von Peter Knäbel.

Natürlich sorgt dies nicht dafür, dass irgendwelche Sorgenfalten kleiner werden. Die gesamte HSV-Führung hat sich in den vergangenen Tagen immer wieder zitieren lassen mit selbstkritischen Bemerkungen. Dass offensichtlich niemand von den Granden befürchtet hat, dass die aktuelle Lage so misslich sein würde, wie sie jetzt ist, kann man als ehrliches Hinterfragen der eigenen Performance werten. Selbst wenn sie nichts an den Fehlern ändert, die Scholle hier in seinem gestrigen Blog, wie ich denke, klar und eindeutig aufgezeigt hat.

Die Verantwortlichen müssen sich sogar vorwerfen lassen, sich in ihrem mittel- und langfristigen Planen so sehr gefallen zu haben, dass sie die aktuelle Entwicklung nicht mehr in den Griff bekommen haben. Stand jetzt jedenfalls. In Wahrheit hat nicht eine einzige der personellen oder strategischen Entscheidungen von Beiersdorfer und Co. irgendeinen positiven Einfluss auf die laufende Saison gehabt. Mit vielen Maßnahmen sollten Weichen gestellt werden, und es liegt ja auch auf der Hand, dass ein Bernhard Peters beispielsweise mit einer Neu-Ausrichtung des Jugend- und Nachwuchsbereiches nicht nach einem halben Jahr am Ziel seiner Träume sein kann.

Ebenso klar ist, dass Beiersdorfers Identitätsfindung nicht, nachdem der Identitätsverlust des HSV über Jahre betrieben wurde, in einer Saison funktionieren würde. Auch Peter Knäbel konnte bislang keine einschneidenden Einflüsse auf das Transfergeschäft geltend machen – in seine Zeit beim HSV fällt gerade einmal eine Winter-Transferperiode. Mit anderen Worten: Das, was im Mai vergangenen Jahres als Aufbruch startete, kann nicht im April 2016 umgesetzt sein. Wer das geglaubt hat, ist naiv.

Leider muss dieser Vorwurf nach Naivität manchen Entscheidungsträger selbst treffen. Denn das trotz des Einsatzes großer Mittel und einer Mannschaft, die vom Gehaltsniveau und von der eigentlichen Leistungsstärke seiner einzelnen Kicker viel weiter oben stehen müsste, nicht mehr als Platz 16 mit 16 kümmerlichen Toren herausgesprungen ist, das ist eben auch ein Fehler der auf langwirkende Strategie setzenden hohen Herren beim HSV. Nachdem erkannt wurde, dass die Mannschaft in sich kein funktionierendes Gefüge und keine Hierarchie besitzt, die Leistungsfußball fördert, wurden strategisch fragwürdige Transfers getätigt. Der chronisch angeschlagene Behrami, um endlich einen Leader im Mittelfeld zu haben. Mit Cleber einen brasilianischen Innenverteidiger für drei Millionen Euro, um wirklich einen im positiven Sinne brutalen Abwehrspieler zu haben – egal ob er große Eingewöhnungsprobleme haben könnte und technisch etwas unter Thiago Silva steht. Mit Olic einen Rückkehrer im Sturm, der trotz seines Alters und des fehlenden Wiederverkaufswertes zumindest Leistung und Einstellung garantieren sollte, die das vorhandene, traumatisierte Personal nicht zu liefern imstande war.

Diese Transfers sind jeder für sich genommen als Rettungsanker nachvollziehbar, weil sie auf aktuelle Defekte, wie Dietmar Beiersdorfer es nannte, reagierten. Doch abgesehen davon, dass der sportliche Niedergang trotzdem nicht verhindert werden konnte, wird jede einzelne Maßnahme, die die eigene Strategie konterkariert, den dringenden Prozess des Umbruchs erneut verzögern. Und zwar nicht nur in dieser Saison, sondern auch in der nächsten. Finanzielle Mittel werden gebunden, die eigentlich für andere Transfers, die in die Zukunft gerichtet sein sollen, da sein müssten. Der eine oder andere Platz im Kader wird durch einen Arrivierten besetzt, wo doch ein Youngster hineinpreschen müsste.

Ich wurde vor zwei Wochen nach dem Trainerwechsel gefragt, ob damit nicht das gesamte neue Konzept erledigt sei. Im Abstiegsfall ist die Antwort eindeutig – dann ist erstmal alles erledigt. Unter welchen Bedingungen der HSV dann, mit welchem Personal und mit welchen Führungsfiguren, wieder aufstehen will, ist einigermaßen unklar. Was aber, wenn der Klassenerhalt doch gelingt?

In ferner Zukunft, das wird sich jeder HSV-Fan erhoffen, wird die Saison 2014/2015 dann unter Umständen als notwendige Zittersaison gesehen werden, die anschließend – analog Borussia Mönchengladbach – zum Aufschwung geführt hat. Ob es so kommt, wissen wir heute nicht. Wer garantiert, dass nicht eine weitere, dritte Horrorsaison folgt? Genau hier setzen die strategischen Entscheidungen der Vereins-Führung an. Und ich behaupte, dass man erst in der kommenden Saison beurteilen kann, ob die Beiersdorfer-Maßnahmen in die richtige Richtung geführt haben oder nicht. Eine Stabilisierung mit einer veränderten Mannschaft, die sich endlich wieder Leistungssport-Gesichtspunkten beugen muss, muss das Ziel sein. Das ist sicher nicht unmöglich, wenngleich das Hineinschliddern in die momentane Lage das Vertrauen in die führenden Personen erschüttert hat.

Und während ich so darüber nachdenke, was die Zukunft dem HSV bringen wird, blicke ich auf den Spielplan der kommenden Wochen. Auswärts Leverkusen, zu Hause Wolfsburg, auswärts Bremen. Wenn sich fortsetzt, was der HSV aktuell bietet, dann steht das Team nach diesen Partien – eventuell noch vor dem SC Paderborn – auf einem Abstiegsplatz in der Bundesliga. Und es sind nur noch fünf Spiele übrig. Das Konzept des HSV mit Dietmar Beiersdorfer hängt am seidenen Faden.

Und damit auch die Verpflichtung von Thomas Tuchel. Hier möchte ich am Beginn einhaken. Gegen Mittag, die HSV-Pressekonferenz lief gerade, erreichte mich eine Nachricht. Die Leipziger Volkszeitung habe getwittert, Thomas Tuchel gehe zu RB. Ich wollte Knäbel gerade danach fragen, da folgte schon das Online-Dementi. Der Twitter-Account der Zeitung sei geknackt worden – es war eine Falschmeldung.

Kurz danach meldete die „Rhein-Neckar-Zeitung“, Thomas Gisdol sei ein Trainer-Kandidat in Hamburg. Nicht unbedingt weit hergeholt, denn dass Bernhard Peters große Stücke auf Gisdol hält, ist bekannt. Allerdings dementierte der HSV die Meldung.

Es sind noch nicht einmal zwei Tage bis zum Spiel eins beim HSV unter Peter Knäbel. Die Spannung steigt.

Lars
18.40 Uhr

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