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Was will Petric uns sagen?

10. September 2010

Weiter geht’s, zurück in den normalen Bundesligarhythmus. Endlich. Bevor ich noch einmal zum Thema/Fall Mladen Petric komme, möchte ich Euch kurz erklären, warum die Heimspielstätte des HSV auch morgen gegen den 1. FC Nürnberg noch ohne Schriftzug oder Buchstaben auf dem Dach sein wird. Entgegen anders lautender Meldungen (die auch ich leider verbreitet habe) sollen die ersten Buchstaben in der kommenden Woche montiert werden. Anfang dieser Woche war zu viel Wind, da wurden nur Vorkehrungen und Vorbereitungen getroffen. Jetzt liegen die fertig zusammengebauten Buchstaben im gesicherten Bereich des Stadions und werden nächste Woche in luftige Höhen gehievt, um den „oben ohne“-Zustand endlich zu beenden.

So, nun zu wichtigeren Themen. Ich kann mir gut vorstellen, dass den meisten von Euch heute der Kragen geplatzt ist, als Ihr die Tageszeitungen oder auch die aktuellen Internetbeiträge zum Fall Mladen Petric gelesen habt. Und soll ich Euch mal etwas sagen? Mir ging und geht es genauso. Allerdings muss ich, nachdem ich mir den O-Ton von Armin Veh von der gestrigen Pressekonferenz eben noch einmal im Original angeschaut habe (Videoclip hier), natürlich anmerken, dass sich der Trainer durchaus eine Hintertür offen gehalten hat. Er hat Petric nicht voreilig für das Duell gegen den FCN aus dem Kader gestrichen, sondern die Wahrscheinlichkeit betont, dass der Kroate nicht dabei sein würde.

Aber das ist ja auch eigentlich gar nicht der Aufreger, jedenfalls nicht bei mir. Ich finde die Aussage von Petric nach dem Gespräch mit Sportchef Bastian Reinhardt – Zitat: „Ich werde mich weiter wie bisher professionell verhalten, meine Leistung bringen. Ich bleibe aber dabei, dass nicht alles korrekt abläuft.“ – alles andere als professionell und clever formuliert. Nachdem ich diesen Kommentar von ihm gelesen habe, musste ich mir zwangsläufig zwei Fragen stellen: 1. Ist Petric nach wie vor beleidigt, dass er nicht wechseln durfte? Muss er deshalb immer das letzte Wort haben? 2. Will Petric seine Lage beim HSV bewusst verschlechtern, um im Winter auch ganz sicher den Verein wechseln zu können?

Ich weiß, ich weiß, einige von Euch werden nun wieder argumentieren, dass da ja wirklich etwas schief gelaufen sein muss auf der Kommunikationsebene. Petric deutet ja auch immer wieder an, dass er hier zum Verein zurückkehren musste, der ihn eigentlich loswerden wollte. Aber Ross und Reiter hat er dabei nie genannt. Zum Wohle des Vereins, könnte man meinen. Aber wenn ihm daran wirklich viel gelegen sein sollte, dann würde er diese Thematik jetzt nicht zum wiederholten Male derartig schwammig anmerken, sondern mal Klartext reden, intern und extern. Und dann wäre es gut oder eben auch nicht. Aber mit dieser Art der Andeutungen wie „nicht alles korrekt abläuft“ verursacht der Torjäger mehr Unruhe und Raum für Spekulationen, als es der HSV im sportlichen Bereich gebrauchen kann. Und bei diesem Weg der Konfliktbewältigung handelt es sich gerade bei Petric bestimmt nicht um Äußerungen im Affekt, denn der Stürmer ist auf abseits des Platzes meistens genauso clever wie innerhalb des Strafraums.

Denkt jetzt nicht, dass ich Petric zum Buhmann abstempeln will. Das ist ganz und gar nicht meine Absicht. Ich betone es hier und an dieser Stelle noch einmal: Ich halte ihn für einen begnadeten Stürmer, der Qualitäten mit sich bringt, die dem HSV gut zu Gesicht stehen und auf die der Verein nicht verzichten kann. Trotzdem sollte und müsste er sich einfach mal in die Lage des HSV bei der besagten Wechsel-Thematik versetzen. Egal, wie es abgelaufen ist: Nach dem Ende der Wechselfrist und der Absage an den VfB Stuttgart hat der HSV meiner Meinung nach alle notwendigen Schritte eingeleitet, um den Hausfrieden schnellstmöglich wiederherzustellen. Bernd Hoffmann hat sich mit Petrics Berater getroffen und geredet, Bastian Reinhardt hat das Gespräch mit dem Spieler direkt gesucht, und Armin Veh hat ebenfalls eine Unterhaltung mit dem Kroaten angekündigt. Das zeugt nun wahrlich nicht von Desinteresse, von Abneigung oder einer auf Disharmonie ausgerichteten Haltung der Verantwortlichen, oder?

Vielleicht bewerten wir den Fall aber auch alle über, denn wenn Petric heute Nachmittag beim späten Abschlusstraining (16 Uhr) mitwirkt und in den Kader berufen wird oder auch vorsichtshalber gestrichen wird, dann legt sich die Aufregung urplötzlich – und spätestens, wenn Petric wieder auf den Platz berufen wird (von der Bank oder direkt in die Startelf), ist sowieso wieder alles in Butter. Das Tagesgeschäft Bundesliga ist wirklich einzigartig und schnelllebig wie kaum ein anderes. Überlegt mal: Vor drei Wochen haben sich noch alle über die HSV-Angriffsabteilung mit Petric, Ruud van Nistelrooy und Paolo Guerrero gefreut, jetzt scheint es manchmal fast so, als bereite die Abteilung Attacke nur Probleme. Und diese Diskussionen überschatten fast alle anderen werthaltigen Themen und „Baustellen“.

Ich glaube übrigens, dass Trainer Veh gegen den Club erstmals in dieser Saison von Anfang an auf Piotr Trochowski setzen wird. Der Nationalspieler hat sich in den vergangenen Tagen in einer starken Trainingsform gezeigt, und er ist nach seiner Verletzung und auch nach seiner fehlenden Berücksichtigung für die Nationalmannschaft ausgeruht und strotzt vor Tatendrang. Er könnte für Überraschungseffekte gegen die defensiv zu erwartenden Nürnberger sorgen. So, das war es erst einmal. Ich melde mich heute extra früh, weil die meisten ja freitags früher von der Arbeit wegkommen und womöglich noch nach oder vor der Mittagspause ein paar News zum HSV wollen. Nach dem Abschlusstraining werde ich mich noch einmal ganz kurz melden, um Euch zu sagen, wer denn nun im Kader steht und wer nicht. Und dann gibt es im Fall Petric ja auf jeden Fall ein neues Kapitel.

11:45 Uhr

Das unvergessliche Aufstiegsspiel

13. Juli 2010

Guten Morgen liebe Matz-abber,

die WM liegt erst knapp anderthalb Tage hinter uns und trotzdem ist sie für mich schon wieder so weit weg, dass ich das Gefühl habe, die Zeit fliegt an uns vorbei. Zur Einstimmung auf diesen spannenden Tag möchte ich Euch noch einmal eine Sommergeschichte servieren. Geschrieben hat sie “Fuxi”:

Moin! Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diese Geschichte schicke, weil sie rein gar nichts mit dem üblichen Thema – Profis – zu tun hat. Aber ich mach’s einfach mal – ich will Flagge zeigen. Schließlich spielen unsere HSV-Frauen in der 1. Bundesliga, sind mit einer Mannschaft in der 2. Bundesliga etabliert und haben kommende Saison auch die dritte Mannschaft in der Regionalliga, der dritthöchsten Spielklasse Deutschlands, als erster Verein überhaupt. Und nicht zuletzt geht es nächste Saison nicht nur in die achte Bundesligasaison, sondern auch ins Jahr der WM im eigenen Land – Sommermärchen bei den Frauen, und der Angriff auf die zweite Titelverteidigung. Hier also meine Sommergeschichte:

Sieben Jahre ist das jetzt her. 15. Juni 2003. Der Tag des letzten Aufstiegsrundenspiels. Der HSV hatte die Saison in der Regionalliga Nord souverän als Meister abgeschlossen, mit 20 Siegen, einem Unentschieden in Wolfenbüttel und einer Niederlage zu Saisonbeginn beim Tabellenzweiten Victoria Gersten. Tanja Vreden und Svenja Cohn teilten sich die interne Torjägerkanone, und mit Kathrin Patzke war eine neue, schnelle, dribbelstarke Goalgetterin dazu gekommen. Und trotzdem war es an diesem Tag richtig spannend, denn der HSV hatte die ersten beiden Spiele mehr Probleme als gewollt. Nur 1:1 gegen den FC Gütersloh, und dann 0:0 in Saarbrücken. Noch dazu verletzte sich Patzke gegen Gütersloh und musste den Rest der Aufstiegsrunde zusehen. Und nach dem 3:0-Befreiungsschlag gegen Sand ging es nun also zum USV Jena. Saarbrücken war schon durch. Aber Jena war noch drin. Genauer gesagt: Zweiter. Und das hieß: Bei einem Unentschieden würde der HSV den Wiederaufstieg und die dritte Bundesligateilnahme nach den beiden Direktabstiegen 1998 und 2002 verpassen. Und es stand ja noch im Raum, dass die beiden ehemaligen A-Nationalspielerinnen, Claudia von Lanken und Tanja Vreden, eventuell nicht in eine neue Regionalligasaison gehen würden.

So machten wir uns also am Sonntagmorgen auf nach Jena. Wir, das waren Hans, Tanja Vredens Eltern und auch noch Horst, der Papa einer Spielerin aus der Zweiten. Fünf Stunden Fahrt, garniert mit zwei Pausen und hunderten Blicken gegen diese komischen Brücken, die immer mal wieder über der Straße auftauchten, aber offenbar keine Starenkästen waren (sie entpuppten sich als Mautbrücken). Die Stimmung war gut. Zumindest bei den anderen. Ich war allerdings schon etwas kribbelig. Das legte sich auch nicht wirklich, als wir nun am Ernst-Abbe-Sportfeld ankamen. Fast zwei Stunden vor Anpfiff. Natürlich war noch niemand da, die Mannschaft schon gar nicht. Wir vertraten uns die Beine. Derweil stieg in mir die Anspannung. Natürlich hatte das Team eineinhalb Stunden vor Anpfiff nicht wirklich Muße für Gespräche. Ein Hallo musste beiderseits reichen, immerhin waren sie auch schon in der Konzentrationsphase. Wir nutzten die Zeit, uns Plätze auf der Tribüne zu suchen. Wer Jena nicht kennt: Die haben da die steilste Haupttribüne Deutschlands, wenn nicht der Welt. Das Spielfeld war auch eine Besonderheit, es hatte gerade 100 Meter Länge, war also recht klein. Wir nahmen kurz vor den Pressekabinen Platz, etwas links von der Mittellinie. Unter beinahe 1.000 Zuschauern. Ich weiß noch, Richtung Spielbeginn ließ das Kribbeln etwas nach. Das konnte natürlich auch daran liegen, dass ich mit dem Schreibkram für meine Webseite beschäftigt war. Wie so oft bei HSV-Spielen seit Ende 1997.

Und dann ging es los. Ohne die dribbelstarke Silva Lone Saländer. Dafür mit einer heute so modernen Doppelsechs vor der Dreier-Abwehrkette, die die spätere A-Nationalspielerin Britta Carlson organisierte. Jena schien vor uns Angst zu haben, immerhin boten sie eine 5er-Abwehr und nur eine Spitze auf. Das fand ich schon überraschend, und noch mehr, da sie in der Vorwoche in Gütersloh 4:0 gewonnen hatten, und Doppeltorschützin Anja Höfer spielte rechte Außenverteidigerin. Die erste halbe Stunde war, glaube ich, noch recht verkrampft, und es gab viel Abtasten. Die Torschüsse waren beiderseits durchweg harmlos. Mit jeder misslungenen Aktion stieg bei mir wieder die Nervosität, und als Sindy Groß per Volley die erste harmlose Chance des USV hatte, war mein Blutdruck endgültig jenseits von Gut und Böse, zumal es auch noch ziemlich heiß war. Jedenfalls kam es mir so vor. Der HSV konterte auf diese Aktion über fünf Stationen von hinten heraus. Tanja Vreden bekam den Ball an der Mittellinie und konnte sich endlich mal durchsetzen, mit Körpertäuschungen und schnellem Antritt vorbei an drei Jenaerinnen tief in die gegnerische Hälfte. “Cloda” Schulz bekam ihren Pass noch knapp vor der Torauslinie und brachte das Ding im Fallen irgendwie quer in die Mitte. Nicht hart, oder so. Aber trotzdem rutschte der Ball an den zweiten Pfosten durch. Und dann stand sie da, die kleine Maja Schubert mit ihren 18 Jahren. Mustergültig freigelaufen. Vier Meter vor dem Kasten. Und ließ den Ball einfach von der Innenseite ins Netz abtropfen.

Das Ding beulte noch nicht das Netz durch, da fiel für einen kurzen Augenblick alle Nervosität von mir ab. Ich glaube, ich hab nicht mehr so gefühlt, seit Tony Yeboah seine Torflaute mit dem Last-Minute-Siegtreffer gegen Werder beendet hatte.

Nervosität und Anspannung waren natürlich nicht weg. Oh nein – sie hatten nun nur einen anderen Grund: Schiss vor dem Gegentor. Plötzlich hatten wir was zu verlieren. Von Jena kam praktisch nichts, aber wenn sich das Team einschläfern ließe… Jede Minute gingen mir andere Gedanken durch den Kopf. Dabei war’s doch so einfach: Die da unten mussten einfach nur ein zweites Tor schießen. Dass Alex Gärtner das 2:0 verpasste und es mit der knappen Führung in die Halbzeit ging, machte es kaum besser. Die Viertelstunde war viel zu kurz, um wirklich für eine kurze Zeit mal Ruhe zu bekommen. Zumal Jena in der zweiten Hälfte kommen musste. Zur zweiten Halbzeit kam erstmal Silva Lone Saländer rein, und Jena stellte auf 4-4-2 um und zog Höfer weiter nach vorn. Bloß nicht hinten reindrängen lassen! Zwei Minuten waren gespielt, Tanja Vreden traf, aber es zählte wegen Abseits nicht. Mann! Auf der anderen Seite flog ein Distanzschuss ungehindert Richtung HSV-Tor. Ich dachte nur: Mach Dich lang, Claudi, mach Dich gaaaanz lang! Machte sie und verhinderte das 1:1. Puh! Wieder der HSV. Vreden in den Lauf von Janina Haye, gerade 16 Jahre, die spitzelte an der Torauslinie wieder zu Vreden, Pass in die Mitte, Schubert verpasst – Mist! Dahinter stand Svenja Cohn… Aber was machte die da?!? Nahm den Ball noch an, sechs Meter vorm Tor! Da kam die Torhüterin angeflogen… Bitte, bitte, bitte, bitte… und Svenni schob den Ball ganz cool links unten rein.

Jaaaaaaaaaaaaaa!!!! Ich geb’s zu, ich hatte feuchte Augen vor Erleichterung. Aber der HSV ließ sich das jetzt nicht mehr nehmen. Vreden sezierte die Jenaer Abwehr, Schröer frei vor dem Tor – und vergab den Knock-out. Das wäre der letzte Sargnagel für den USV gewesen. Hinten waren sie jetzt bombensicher, allen voran Claudia von Lanken, die sich in jede Flanke ohne Rücksicht auf Verluste reinschmiss und nach einem dicken Bock von Carlson mit einer ganz großen Reaktion das 1:2 durch Hartmann verhinderte – und damit ganz nebenbei auch das vorzeitige Karriereende. Aber auch die eigentlich gelernte Stürmerin Aferdita Kameraj biss jede Jenaerin in der Abwehr weg. Der HSV schien dem 3:0 näher als Jena dem Ausgleich. Und je mehr Zeit verstrich, desto mehr normalisierte sich der Puls. Bis zum Schlusspfiff um 15:46 Uhr. Da brachen dann alle Dämme. Es war geschafft, der HSV zurück in der Bundesliga. Dort, wo er hingehört.

Heute wissen wir: Dort ist er immer noch, auch wenn aus dem damaligen Aufstiegskader nur noch Bianca Weech, Aferdita Kameraj, Janina Haye, Silva Lone Saländer und Maja Schubert übrig sind. Und seitdem gab es auch nicht wenige Spiele, die das Zeug zu einer Sommergeschichte hätten. So zum Beispiel 2008, als das Team am letzten Spieltag im direkten Abstiegsduell durch ein 1:1 gegen Saarbrücken nur wegen der um zwei Tore besseren Tordifferenz und dank des Kopfballtores von Denise Lehmann die Klasse hielt, aber das ist wieder eine ganz andere Geschichte…

Fuxi

P.S.: Wer mehr über den HSV-Frauenfußball auch abseits der Bundesliga lesen will: http://die-torjaeger.de

Das Image leidet unentwegt

14. Mai 2010

Ist es nicht irgendwie verhext, in diesen Wochen Begleiter, Fan oder Sympathisant des HSV zu sein? Sobald einer anfängt über unsere Rothosen zu sprechen, wenn es denn tatsächlich einer wagt, drehen mindestens zwei Zuhörer sich ab oder schütteln mit dem Kopf oder seufzen oder winken ab. Ich habe mal die Probe gemacht und mich über die Stadtgrenzen hinaus bei einigen Erst- und Zweitligafunktionären und –Trainern und –Managern nach dem HSV umzuhören. Soll ich Euch was sagen? Da erntet man ähnliche Kommentare und Reaktionen. Dem HSV wird dieser Tage viel Mitleid und Unmut entgegengebracht. Und es gibt nicht wenige aus der Fußballbranche, die so recht kein Ende der Misere sehen wollen. „Welcher starke Trainer würde denn jetzt zum HSV kommen?“, fragten einige. „Und welche potentielle Führungskraft aus dem Managementsektor tut sich diesen HSV an, da gibt’s doch nichts zu gewinnen“, hörte ich von anderen.

Der Ruf des HSV hat mächtig gelitten. Und der von Bernd Hoffmann als Klubchef auch. Dazu passt die jüngste Debatte um die Verlängerung des Vertrages von Paolo Guerrero. Viele von Euch haben es vielleicht schon gelesen. Ich kürze das Szenario nach meinem Kenntnisstand mal ab: Guerreros Vertrag läuft aus. Der Verein wollte ihn erst eigentlich nicht halten, vor allem nach dem Trinkflaschenwurf. Mangels gleichwertiger oder besserer sportlicher Alternativen (Stürmer seiner Klasse kosten sehr viel Geld…) entschied sich der Vorstand in Person von Hoffmann und Katja Kraus dann aber doch, die Vertragsverhandlungen aufzunehmen. Ergebnis: Die Vereinsführung einigte sich mit Guerreros Beratern auf einen neuen Dreijahresvertrag. Drei Jahre – als ich das hörte, musste ich kurz schlucken, denn wenn ich mich recht erinnere, hat er sich doch vor einem halben Jahr das hintere Kreuzband gerissen und sollte sinnvollerweise lieber einen kürzeren Kontrakt unterzeichnen. Aber das ist ein anderes Thema. Nun haben sich Vorstand und Profi also über einen neuen Vertrag geeinigt. Und was passiert dann? Ratet mal: Der Aufsichtsrat funkt dazwischen. Weil einige (mehrere) Kontrolleure ein Zeichen setzen wollten, dass sie nicht jede Vorstandsentscheidung widerspruchslos hinnehmen, weil sie sich an die nun geltende Maxime – Spieler werden stärker nach ihrem Charakter beurteilt – erinnerten und da eine große Lücke sehen zwischen Anspruch („saubere Profis“) und Wirklichkeit (Guerreros Flugangst-Storys und sein Flaschenwurf). Im Klartext: Das Kontrollgremium genehmigte den Deal nicht. Hoffmann sauer, Guerrero sauer, Räte auch sauer. Das Thema wurde vertagt.

Ich kann Euch sogar sagen, bis wann. Bis zur Verpflichtung des neuen Sportvorstandes. Sollte es Hoogma(nn) werden, darf er gleich diese heikle Thematik behandeln. Jeder andere natürlich auch. Ein guter Freund aus dem Westen sagte zu mir: „Um den HSV wieder in ruhigeres Fahrwasser zu lenken, braucht man keinen guten Kapitän, man braucht gleich ein ganzes Schlepperballett dazu, um den Kahn auch in einer fixen Position zu halten.“

Ich sehe das ähnlich. Und ich bin interessiert, wie Ihr die Guerrero-Thematik seht. Ist der Flaschenwurf vergessen oder zumindest überstanden, so dass der Peruaner in Hamburg bleiben könnte? Oder sollte man ihn als Zeichen der Missbilligung nicht mehr beim HSV weiter beschäftigen?

Ich bin auch jetzt schon neugierig, wie Ihr weiterhin die Rolle des von mir zuletzt deftiger kritisierten Aufsichtsrates seht. Die Herren Kontrolleure wurden ja einst (auch von mir) zum großen Teil als „Hoffmanns treue Gefolgschaft“ bezeichnet. Meine jüngsten Infos besagen, dass das Verhältnis der Räte zum Vereinsoberhaupt an einigen Stellen ziemlich erkaltet sein soll. Da ist von Sticheleien und kritischen Untertönen auf vielen Ebenen die Rede. Ich habe da meine ganz eigene Theorie: Einigen der honorigen Hamburger, die sich besonders nach Siegen so gerne in den VIP-Räumen sehen ließen, wird das Thema HSV-Führungskrise langsam etwas zu brenzlig. Und in diesem Fall gilt das altbekannte und von mir nicht sonderlich geschätzte Wirtschaftsmotto: Jeder ist sich selbst der Nächste. Damit ihr persönliches Image nicht noch mehr leidet als zuletzt, beschreiten einige der Herren neue Wege – und dabei vergessen sie auch ihre Hoffmann-Treueschwüre.

Ich weiß, ich weiß, das klingt jetzt hochdramatisch und aufgeplustert. Es ist nach all meinen Erkundungen aber näher an der Wahrheit, als ich es selbst für möglich gehalten hätte. Ich sage es jetzt mal so: Gegen den HSV im aktuellen Zustand ist die Elbphilharmonie ein Baustellchen.

So wie ich Bernd Hoffmann kenne, wird er in diesen Tagen gemeinsam mit seinen Mitstreitern (und das sind nicht mehr geworden, sondern eher weniger) alles daran setzen, lösungsorientiert zu arbeiten. Und in diesem Punkt stehe ich voll und ganz hinter ihm. Wenn er dem HSV ein neues Gesicht verpassen will (was dieser nötig hat), mit dem man lächelnd und optimistisch in die nächste Saison gehen will, dann werden Lösungen mehr denn je benötigt. Und zwar in folgender Reihenfolge: Sportchef – Trainer – Mannschaft – Umfeld (dazu zählt auch der Aufsichtsrat).

Ich gehe fest davon aus, dass mit der Erledigung der ersten beiden Punkte auch endlich der öffentliche und ebenfalls imageschädigende Aufschrei einiger aktueller Profis enden wird, was den Zustand beim HSV, die abgeschlossene Saison und all die Verfehlungen betrifft. Joris Mathijsens jüngste Kritikwelle über eine holländische Zeitung kam für mich nicht sonderlich überraschend. Allerdings hätte ich es besser gefunden, wenn sich „Matjes“ noch ein letztes Mal auf die Zunge gebissen hätte anstatt öffentlich mit einem möglichen Abschied zu kokettieren.

Denn eines ist ja auch klar: Mathijsen ist mit untergegangen. Er ist aus meiner Sicht einer der Führungsspieler dieses HSV und hat es ebenso wie seine Kollegen nicht geschafft, den negativen Einflüssen (Trainerseite, öffentliche Schelten etc.) entgegenzuwirken. Hinzu kommt, dass er in der letzten Halbserie die aus meiner Sicht schwächsten Partien überhaupt im Trikot mit der Raute absolviert hat. So lange Vorstand und Aufsichtsrat keine neuen sportlichen Führungsfiguren für den Trainer- und für den Vorstandsjob präsentieren, werden diese für Externe unterhaltsamen und für HSV-Insider zum Teil auch schmerzlichen Kommentare aus dem Team und möglicherweise auch aus dem Verantwortlichen-Bereich kein Ende finden. Ich warte eigentlich nur noch auf Beiträge von Jerome Boateng, David Rozehnal, Eljero Elia oder auch Zé Roberto.

Alle, und da schließe ich mich ein, wollen und müssen jetzt wissen, wie es personell und strategisch weitergeht in Hamburg. Bernd Hoffmann ist zwar nach wie vor bemächtigt, Antworten zu liefern und den Weg vorzugeben. Aber ist nicht mehr so mächtig, dass ihn die Aufsichtsräte nach Belieben schalten und walten lassen. Irgendwie auch ziemlich verhext, diese Situation.

17:25 Uhr

Petric gibt mir Rätsel auf

15. April 2010

Ich muss ehrlich sagen, dass ich heute Morgen etwas gestutzt habe, nachdem ich alle Zeitungen gelesen hatte. Da las ich nun die „Nebengeräusche“ zu Mladen Petrics Verletzung und bekam das Gefühl vermittelt, als sei Trainer Bruno Labbadia nun auch noch für den Ausfall des Kroaten verantwortlich. Ganz ehrlich: Das geht mir dann doch einen Schritt zu weit. Dass sich Petrics Blessur jetzt auch noch als Muskelfaserriss herausgestellt hat, dass der Stürmer damit zwei bis drei Wochen lang ausfallen wird, ist bitter, aber ganz bestimmt nicht mit Labbadia zu begründen. Ich halte es da ganz einfach mit der Logik: Ist ein Spieler verletzt oder angeschlagen oder fühlt sich nicht gut (das deutete Petric in seinen verschlüsselten Äußerungen ja an), dann kann er auch nicht in der Übungseinheit auflaufen. Und wir reden hier ja nicht über einen 18-jährigen Jungspund, der seinen Körper vielleicht noch nicht kennt und aus Angst vor dem Verlust um einen Platz im Kader an jeder Einheit teilnehmen will, also falschen Ehrgeiz hat. Wir reden über einen erfahrenen Kicker mit großen Ambitionen und großem Leistungspotenzial, der sich – leider, leider – nun verletzt hat.

Ich kann Petrics Äußerungen vor allem vor einem Hintergrund nicht nachvollziehen: Sie schüren erneut Unruhe, obwohl diese das Letzte ist, was der HSV in den letzten Wochen der Saison und den spannenden Aufgaben in der Liga und in der Europa League gebrauchen kann. Und ich unterstelle einem Spieler wie dem Kroaten einfach mal, dass er sich der Konsequenzen seiner Worte bewusst ist. Warum also macht er so schwammige Aussagen in Sachen Trainingsteilnahme? Das wird wohl vorerst Petrics Geheimnis bleiben.

Jedenfalls sorgte er auch heute nach der Trainingseinheit nicht für Aufklärung. Er beschrieb die Szene von gestern als „doofe Situation“, die Entscheidung seiner Trainingsteilnahme sei „im Team“ entstanden. Und er habe jetzt das Gefühl, es habe sich um ein „Kommunikationsproblem“ gehandelt. Ja, was denn jetzt? Trainer Bruno Labbadia sagte fast zeitgleich auf der Pressekonferenz: „Ich habe ihn gefragt, ob es geht, und er hat gesagt, er möchte auf den Platz.“

Ganz ehrlich: Ich habe überhaupt keine Lust auf diesen Kinderkram. Können sich erwachsene Männer nicht mal für vier Wochen zusammenreißen und alles nur Erdenkliche für den gemeinsamen Erfolg tun? Es geht hier um mehr als Eitelkeiten, stille Post oder beleidigte Leberwürste. Es geht auch um mehr als Abschiedsgedanken oder zwischenmenschliche Konflikte. Es geht um den HSV und eine fast historische Chance, das langjährige Titeltrauma zu verbannen. Darum richte ich jetzt mal einen Appell an alle Beteiligten: Reißt Euch mal zusammen!

Ich weiß selbst, dass diese Worte im Zirkus Profifußball niemanden wirklich interessieren. Aber ich finde, dass die aktuelle Personallage ernst genug ist, um sich mit 100 Prozent Zuwendung und Konzentration auf sie zu stürzen. Was den Angriff betrifft, ist die Lage jedenfalls eindeutig. In der Bundesliga, in der Paolo Guerrero ja wegen seines Trinkflaschenwurfs gesperrt ist, dürften Ruud van Nistelrooy und Marcus Berg erste Wahl sein, in der Europa League kämen dann die Duos van Nistelrooy/Berg oder van Nistelrooy/Guerrero in Frage. Berg und Guerrero natürlich auch – aber das dürfte eher die Lösung C sein.
Heute ließ Labbadia schon einmal seine wahrscheinliche A-Elf für das Heimspiel gegen Mainz probieren. Mit Rost im Tor, der Viererkette Demel, Boateng, Mathijsen, Aogo, dem Mittelfeld Tesche, Zé Roberto, Jarolim, Trochowski und dem Angriff van Nistelrooy/Berg . Da ich selbst wieder nicht beim Training sein konnte – Ihr werdet es kaum glauben, ich habe mir einen Muskelbündelriss beim Fußball zugezogen -, hat mir Christian Pletz geschildert, dass die fußballerische Harmonie der Spieler auf dem Rasen recht gut war. Allerdings sagte er mir auch, dass sich die Abwehrspieler bei der Spieleröffnung doch zum Teil haarsträubende Abspielfehler erlaubt haben. Erst 30-35 Metern vor dem Tor klappte es besser. Und er sagte mir zudem, dass er eine fast gespenstische Ruhe während der Einheit festgestellt hätte. Ist das Team etwa auch geschockt vom Petric-Ausfall?

Meines Erachtens tut Labbadia gut daran, wenn er Tunay Torun einmal eine Pause gönnt und ihn bei Bedarf nur von der Bank einsetzt. Irgendwie ist dem Nachwuchsmann die Leichtigkeit und Unbekümmertheit abhanden gekommen, die ihn einst in dieses Team gebracht haben.

Sollte Labbadia gegen die Mainzer doch noch etwas verändern (im Vergleich zum heutigen Training), gehe ich von einer Aufstellung Jonathan Pitroipas aus (statt „Troche“ oder Tesche). Allerdings hat der Mann aus Burkina Faso ja ein Rippenproblem (angebrochen) und wird einen Spezialschutz tragen. Ich könnte mir daher gut vorstellen, dass er ich erst einmal draußen lässt und schont. Das Eichhörnchen wird gegen Fulham noch ganz wichtig werden, da bin ich mir sicher.

Ansonsten gibt es nicht viel Neues. Marcell Jansen läuft wieder ohne Gips und fliegt am Montag zur finalen Untersuchung nach München. Insgeheim hofft er immer noch auf seine WM-Teilnahme und ist entsprechend motiviert beim Krafttraining. Ich selbst arbeite ebenfalls an meiner Genesung, um wieder voll einsatzfähig für und mit Euch am HSV dran zu bleiben.

PS: Falls Ihr Euch wundert, dass ich das Thema Michael Ballack hier noch nicht behandelt habe, kann ich Euch nur sagen: Ich glaube nicht daran, dass er zum HSV kommt. Er will noch ein, zwei Jahre auf allerhöchstem europäischen Niveau, also in der Champions League spielen. Und das ist beim HSV leider nicht möglich. Noch nicht.

17:55 Uhr

Rätsel um die Viererkette

27. März 2010

Ich bin gerade mit Frau M. unterwegs und habe daher meinen Kollegen Christian Pletz zum Training geschickt. Was er mir vom Trainingsgeschehen übermittelt hat, war alles andere als erfreulich. Ich formuliere es mal so: Das Beste am Abschlusstraining war das Treffen mehrerer Matz-abber, die fleißig über Probleme, Chancen und Stärken ihres, unseres HSV sprachen und sich zudem ärgerten, dass der HSV es (mal wieder) nicht für nötig hielt, trotz etwa 200-300 anwesender Fans das Eingangstor zum Zuschauerbereich aufzuschließen. So blieben die Trainingsgäste also alle hinter Gittern.

Nun gut, das sind Nebensächlichkeiten, wenn man die Misere im Personalbereich vor dem morgigen Duell in Mönchengladbach betrachtet. Marcell Jansens Bänderriss hat ja schon für ziemlich verkaterte Stimmung gesorgt. Und heute kommt es noch dicker. Joris Mathijsen trat die Reise gen Borussen-Park wegen seines Magen-Darm-Infekts auch nicht an. Das heißt, dass die Innenverteidigung gegen die „Fohlen“ ein neues Gesicht bekommen wird. David Rozehnal plus – ja, plus wen eigentlich. Das Abschlusstraining gab da keinen eindeutigen Aufschluss. Im Gegenteil. Da Jerome Boateng die Einheit auch noch frühzeitig abbrach (er führte ein längeres Gespräch mit Trainer Bruno Labbadia und zeigte auf seinen Oberschenkel, zuvor wirkte er bei den Sprintübungen auch etwas eingeschränkt), stehen mit Guy Demel, Bastian Reinhardt (ja, Basti steht nach einer problemfreien Trainingswoche wirklich im Kader!) und eventuell Boateng zwar drei potenzielle Partner für den Tschechen bereit, aber dann wäre ja immer noch nicht die Besetzung der Außenverteidigerposten geklärt. Und da steht mit Tomas Rincon auch nur eine „Notlösung“ sicher parat. Dennis Aogo flog zwar mit, soll morgen nach einer trainingsfreien Woche aber erst noch einen Belastungstest machen. Und zur Sicherheit nahm Labbadia auch noch Sören Bertram mit.

Was soll man dazu sagen? Frau M. konnte ich das Dilemma jedenfalls nur unzureichend erklären. Als mir mein Kollege dann auch noch sagte, dass Zé Roberto mit einem dick bandagierten Knöchel vom Platz ging, zudem David Jarolim wegen seiner Wadenprobleme nicht komplett fit ist, habe ich spontan zu ihm gesagt: „Das reicht jetzt aber!“ Er stimmte mir zu. Es reicht wirklich. Ich kann diese unheimliche Serie von Hiobsbotschaften nicht mehr ertragen. Wie wäre es denn mal, wenn die Bundesliga aus Hamburg eine positive Schlagzeile bekäme? Und wie könnte diese lauten?

Für das Spiel in Gladbach habe ich jedenfalls nur eine echte Hoffnung, nein zwei: Erstens könnten die Rothosen offensiv überraschen, wo es dank Ruud van Nistelrooy, Marcus Berg, Mladen Petric, Jonathan Pitroipa und Paolo Guerrero erstaunlich viele Alternativen gibt; zweitens könnte es mit der Restformation eine bockige Trotzreaktion geben. Ja, das hätte etwas.

Ich mag zwar noch keine Euphoriewelle in Sachen Guerrero auslösen, aber auch beim heutigen Training soll der Peruaner wieder einen guten Eindruck hinterlassen haben. Im Abschlussspiel traf er doppelt (er war übrigens in einer Mannschaft mit Petric und van Nistelrooy – bastelt Labbadia vielleicht an einer neuen Überraschungstaktik?), ließ spielerische Finessen einfließen und strotzte vor Spielwitz.

Ganz im Gegenteil übrigens zu Mladen Petric. Ich habe in den vergangenen Wochen ja mehrfach in Beiträgen von Euch gelesen, dass Ihr den Kroaten in einem Formtief seht. Und daran ist bestimmt etwas Wahres dran. Irgendwie ist ihm sein Vollstreckerinstinkt abhanden gekommen. Das ist auch in den Übungseinheiten zu sehen. Petric hadert mit sich, seinen Abschlüssen fehlen oft nur ein paar Millimeter, um im Netz zu zappeln.

Aber, und das gibt Anlass zur Hoffnung auf eine Wende: Petric dramatisiert seine Lage nicht. Er weiß, dass er üben, üben und noch mehr üben muss, um endlich mal wieder eine Trefferserie hinzulegen. Und wie macht man das? Mit Extraschichten. Heute übte er nach dem normalen Trainingsprogramm mit einigen Kollegen Torschüsse. Co-Trainer Ricardo Moniz legte auf, fungierte mal als Passgeber, dann als Verteidiger und schließlich am Ende ganz alleine mit Petric als Flankengeber. Und siehe da: Einige Male versenkte der Torjäger die Kugel wieder in berühmt-berüchtigter Manier. Nun fehlt nur noch der Jubel-„Liebespfeil“, den er auf die Strecke bringen muss – das wäre doch was für den Borussen-Park.

Ich melde mich morgen wieder bei Euch. Vielleicht lichtet sich das Lazarett bis dahin ja noch etwas.

17:35 Uhr

Optimistische Ansätze trotz Jansens Aus

26. März 2010

Schöne Bescherung. Da hatte ich Euch gerade gestern einen voller Optimismus strotzenden Beitrag geschrieben, der mir im Hinblick auf Sonntag eine gehörige Portion Optimismus verschafft hat, und nun müsste ich heute schon wieder wild zurückrudern. Die Personallage des HSV liest sich mal wieder grausam: Zwar stehen Jerome Boateng und Paolo Guerrero wieder im Kader (letzteres hatte ich ja schon geschrieben), aber dafür drohen mit David Jarolim (Wadenprobleme), Dennis Aogo (Zerrung) und Joris Mathijsen (Magen-Darm-Infekt) wichtige andere Stützen wegzubrechen. Ganz ehrlich: Ich finde es zum Aus-der-Haut-Fahren, wenn ich jedes Mal solche schlechten Nachrichten überbringen soll und muss. Dass Frank Rost die heutige Einheit vorsichtshalber auch etwas früher abbrach, ignoriere ich lieber absichtlich. Denn wenn ich mir diese Mannschaft jetzt auch noch ohne „Fäustel“ vorstellen soll, dann dreht sich bei mir alles um…

Schlimm genug, dass es in Sachen Marcell Jansen eine Hiobsbotschaft gibt. Gestern beim Training war der Linksallrounder noch mehr oder weniger harmlos umgeknickt. Und was höre ich heute: Ausfall bis zum Saisonende, Syndesmosebandriss! Das gibt es doch nicht. Ausgerechnet Jansen, der als einer der wenigen Hamburger Profis auch in 2010 eine hervorragende Rolle gespielt hat, der sich aus dem Niemandsland zurück auf Joachim Löws WM-Zettel gespielt hat, der sich mit Toren und seinem eigenartigen Skorpion-Jubel in die Herzen der Fans manövriert hat. Nun droht ihm auch das Aus im Rennen um die letzten WM-Plätze. Oder seien wir mal realistisch: Diese Verletzung müsste eigentlich ganz sicher sein WM-Aus sein. Jansen tut mir leid. Der Junge muss sich angesichts seines Pechs mit Verletzungen und Erkrankungen echt mal in die Hände eines Teufelsaustreibers begeben – so einen Negativlauf kann es nämlich gar nicht geben. Geht es Euch eigentlich auch so wie mir, dass Ihr diese Misere nicht mehr sehen, hören und lesen mögt? Wie soll es da wieder bergauf gehen?

Ich möchte mich trotz all dieser deprimierenden Meldungen – wobei ich fest davon ausgehe, dass Jarolim („Die Chancen stehen 50:50!“) und Mathijsen dabei sein werden – mit einigen positiven Ansätzen versuchen, um den Auftakt der sechs fußballerischen Superwochen bis zum Saisonende erträglich zu gestalten. Fangen wir also beim heutigen Training an. Erst gab es verschiedene Passübungen, bei denen die beteiligten zwei Gruppen mit zunehmender Zeit immer besser in Fahrt kamen und sich offensichtlich steigerten, was die betreuenden Co-Trainer Eddy Sözer und Ricardo Moniz („Mehr Präzision, bitte! Härtere Pässe!“) mit Wohlwollen registrierten. Vor allem der Rückkehrer Guerrero zeigte erstaunliche Ball- und Annahmefähigkeit. Mein Kollege Christian Pletz hat Sözer genau beobachtet und festgestellt, dass er den Peruaner besonders intensiv unter die Lupe genommen hat. Wahrscheinlich kam das Grüne Licht in Sachen Kadernominierung daher auch von Sözer – er hält den Stürmer für einsetzbar, wenn auch vorerst nur für kurze Zeit.

Weiter mit den positiven Aspekten. Nach den Passübungen ohne Abschluss folgten welche mit verschiedenen Schussmöglichkeiten. Dabei zeigten sich zwei Dinge ganz besonders: Erstens waren Guerreros Versuche mit links an Harmlosigkeit nicht zu überbieten, aber das tut in diesem positiv getränkten Beitrag ja nichts zur Sache, und zweitens zeigte Piotr Trochowski mehrere grandiose Schüsse aus 15 bis 20 Metern, die Rost einige Male passierten und im Netz landeten. Na, es geht doch! Solche Schüsse sind im Borussen-Park dringend em(p)fohlen!

Mein letzter Zuversicht-schürender Punkt spielte sich erst nach dem offiziellen Trainingsende ab. Ruud van Nistelrooy war längst in der Kabine (Was ist eigentlich mit ihm los? Er wirkte gestern und heute ziemlich zerknirscht.), als ein paar Spieler noch eine intensive Pass-Flanken-und-Abschluss-Einheit dranhängten: Rincon, Trochowski, Reinhardt, Guerrero und Torun waren unter anderem dabei – als Verteidiger fungierte Technik-Trainer Moniz. Ich denke, dass solche Zusatzgeschichten der Mannschaft gerade in dieser Phase der Saison nur gut tun können. Übung macht den Meister – naja, wenigstens den Europa-League-Qualifikanten.

Was erwartet Ihr in Gladbach? Ich behaupte: Wenn sich die Mannschaft mental „hochfahren“ kann, wenn die Spieler die Personalmisere verdrängen, sich auf ihr Spiel konzentrieren, fußballerisch endlich wieder zulegen und dank eines frühen Gegentreffers nicht gleich wieder in Rückstand geraten, können sie was holen. Trainer Bruno Labbadia muss nur eine Frage beantworten, die entscheidend sein kann: Wie gestaltet er die Abwehrreihe, falls Aogo und Mathijsen ausfallen. Die Innenverteidigung wäre dann mit David Rozehnal und Jerome Boateng besetzt, für rechts und links stünden mit Guy Demel und Rincon eigentlich nur „Notbesetzungen“ parat. Oder gibt es diesbezüglich eine Überraschung?

18:25 Uhr

HSV: Nur Hiobsbotschaften verlässlich

1. März 2010

Irgendwie ist Ernüchterung eingekehrt. Geht es Euch auch so? Falls nicht, vermeidet einen Blick auf die Bundesligatabelle. Das 0:1 bei den Bayern ist ja eigentlich kein Beinbruch, aber wenn man es dann im Vergleich zur unmittelbaren Nachbarschaft in der Tabelle betrachtet, ist es ein, wenn nicht sogar der entscheidende Schritt zurück. Acht Punkte zum Tabellendritten Schalke sind trotz Drei-Punkte-Regelung , trotz des noch ausstehenden Heimspiels gegen die Königsblauen eine aus meiner Sicht unüberwindbare Hürde. Und das heißt im Umkehrschluss, dass heute ein neuer Saisonabschnitt beginnt: der Kampf um die gesicherte Europa-League-Teilnahme.

Die kühnsten Optimisten unter Euch werden mich jetzt womöglich für einen Schwarzseher oder Berufspessimisten halten. Acht Punkte Rückstand haben schließlich schon ganz andere Mannschaften aufgeholt. Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind, trennen diesen HSV eben auch gerechterweise so viele Punkte von der Königsklasse. Hamburg ist im Gegensatz zu Leverkusen, den Bayern oder auch Schalke noch nicht in der Lage, konstant über 15-20 Spieltage auch mal schwächere Partien knapp zu gewinnen – oder eben nach so einem Rückschlag wie dem überraschenden Gegentor gestern noch einmal eine gehörige Schippe draufzulegen und den eigentlich verdienten Ausgleich zu erzwingen.

Das alles hat natürlich Gründe. Es gibt viele von Euch, die halten den HSV ab der 75. Minute für dauerhaft gefährdet. Die vermissen in dieser Phase die „zweite Luft“, die zweifeln den konditionellen Zustand an. Diesen Leuten möchte ich nicht widersprechen, jedenfalls nicht gänzlich. Sicherlich gibt es fittere Mannschaften (Schalke zum Beispiel), aber angesichts der vielen Verletzten des HSV in den vergangenen Wochen und Monaten ist leichter Nachholbedarf bei dem einen oder anderen (z.B. Boateng, Zé Roberto, Petric) doch logisch – und das lässt sich natürlich auch nicht aus einem gesamten Team streichen. Trotzdem denke ich nicht, dass der körperliche Zustand der Hauptgrund für die klaffende Lücke zu Rang drei und den Topteams ist.

Mein Ansatz für diesen Missstand liegt eher in der Qualität des Einzelnen. Ich sage es mal so krass: Franck Ribery war gestern in München einer der schwächsten Spieler auf dem Platz. Aber, und da setzt eben die Fußball-Logik ein, Louis van Gaal hat ihn trotzdem auf dem Rasen gelassen, weil er genau weiß, dass dieser Franzose selbst an seinen schlechtesten Tagen den Unterschied ausmachen kann. Und genau den hat er gestern ausgemacht. Ein einziges Mal konnte er mehr oder weniger problemlos den Haken nach innen schlagen und in Schussposition kommen – kläglich verteidigt von Guy Demel und David Rozehnal: Siegtor. Dass der Fehler vorweg, der mindestens genauso schwer war, im Mittelfeld des HSV lag, darf man nicht verschweigen. Aber letztlich war es trotzdem die individuelle Qualität, die den Bayern diesen goldenen Treffer beschert hat.

Ich habe mir heute Morgen mal die Mühe gemacht und habe mir Schalkes erfolgreichen Derby-Kader angeschaut. Ich möchte mir nicht anmaßen, alle Schalker Spieler und ihre Qualitäten bestens zu kennen, aber der Unterschied zwischen den einzelnen Profis ist bestimmt nicht so groß, dass man ihn in der Tabelle mit acht Punkten Differenz belegen müsste. Also haben die Schalker einen anderen Vorteil, den der HSV derzeit oder schon seit einigen Wochen nicht einbringen kann. Vielleicht ist es dieser unbedingte Glaube an die eigene Stärke. Das Selbstvertrauen zu wissen, dass selbst Spiele, in denen man unterlegen ist (und so ging es Schalke gegen den BVB eine ganze Zeit…), positiv enden können.

Beim HSV registriere ich momentan eine andere Psyche. So platt es klingen mag, aber gestern nach dem 0:1 hatte ich den Eindruck, fast das gesamte Team falle in sich zusammen. Bruno Labbadias Kicker wirken mental etwas müde, was nach dem Krimi in Eindhoven möglicherweise auch nicht überraschend ist. Das einzig Verlässliche, so scheint es, sind keine eigenen Treffer in schweren Zeiten, sondern stetig neue Rückschläge in Form von Verletzungen. Mal ist es Petric, nun ist es Frank Rost. In Sachen personelle Hiobsbotschaften ist der HSV längst meisterlich. Und dass Ruud van Nistelrooy die längste Muskelverhärtung aller Profis überhaupt hat, passt da leider bestens ins Bild.

Ich habe heute mit vielen Experten, HSV-Zuschauern und Fans gesprochen. Sie alle haben die Titelträume schon seit längerem zu den Akten gelegt, sie haben die gestrige Pleite frustriert zur Kenntnis genommen und wirkten auf mich, als hingen sie jetzt gerade in einem Loch. Ich hoffe nur, dass es den HSV-Profis nicht ähnlich geht. Das Heimspiel gegen Hertha BSC am Sonnabend wird zehnmal schwerer als das Match in München. Der Frustpegel vieler Fans und Spieler ist am Anschlag, nun gilt es für Trainer Labbadia, behutsame Aufbauarbeit zu leisten. Und so blöd es auch klingen mag. Zum Startschuss des neuen Saisonabschnitts, dem Kampf um die sichere Europa-League-Teilnahme, liegt der HSV an der Spitze. Und die gilt es zu verteidigen.

Bevor ich es vergesse: Zur Personalie Frank Rost gibt es wie versprochen an dieser Stelle Neuigkeiten. Er hat sich “nur” eine Ellbogenprellung zugezogen. Was das für die kommenden Spiele und Trainingseinheiten bedeutet, werden die kommenden Tage zeigen. Gebrochen ist glücklicherweise nichts.

PS: Bitte missversteht meinen Eintrag nicht als Nörgelei. Ist eher ein kurzer Einbruch des grenzenlosen Optimismus in Sachen “Angriff auf Platz drei”. Aber gen Ende hatte ich mich wieder erholt – schließlich sind Labbadias Mannen Tabellenführer der Top-3-Jäger! Und dabei soll es bleiben.

13:45/15:00 Uhr

Van Nistelrooys Premiere rückt näher

12. Februar 2010

Ich bin heute ziemlich spät dran. Entschuldigt das bitte, aber auf Hamburgs Straßen ging nicht viel, und das lag nicht nur an den paar Schneeflöckchen, die mal wieder vom Himmel rieselten. Dafür ging beim Training ja umso mehr, das hat mir mein Kollege Christian Pletz berichtet – vor allem in Sachen Spaß und Fußball. Trainer Bruno Labbadia bat seine Profis zum Duell „Alt gegen Jung“ zu seinem berühmt-berüchtigten und vor allem sehr beliebten „Ball aus der Luft“-Spiel. Für alle diejenigen, die es noch nicht kennen und auch nicht alle Kommentare zum letzten Blog-Eintrag gelesen haben, hier noch einmal schnell die Regeln und den Ablauf: Zwei Mannschaften werden eingeteilt. Diesmal eben die „Alten“ gegen die „Jungen“. Ein Junger steht im Tor (muss kein Torwart sein). Ein Alter wirft einem Alten einen Ball in ein abgestecktes Viereck etwa elf bis 15 Meter vorm Tor zu, den dieser dann per Kopfball versenken soll. Trifft er, stets 1:0 für alt. Nach seinem Versuch muss er blitzschnell umschalten und ins Tor gehen, denn dann ist der Alte Torwart, und die Jungen können ihrerseits einen Treffer erzielen. Ein Spiel endet bei zehn Toren für ein Team. Und alles geht rasend schnell, mit vielen kleinen Verbalattacken, Fehden, Kritik für den Co-Trainer und Schiedsrichter Eddy Sözer. Die Alten wurden diesmal  deklassiert. Bei fünf verschiedenen Aus-der-Luft-Varianten siegten die Jungspunde mit ihrem „Kopf“ Dennis Aogo 4:1 und ließen es sich am Ende nicht nehmen, einen Freudentanz im Kreise darzubieten. Die Alten mit einem herausragenden Schützen Ze Roberto (nur Kopfbälle lagen ihm nicht) und einem gelegentlich leicht indisponierten Torwarttrainer Claus Reitmaier (vergaß zweimal nach dem Abschluss ins Tor zu eilen) schauten bedröppelt drein.

Stimmungstechnisch geht es also durchweg positiv nach Stuttgart, und daran ändern auch die verletzungsbedingten Ausfälle von Eljero Elia und Jerome Boateng (beide Sprunggelenkprobleme) nichts. Ich bin zwar kein Mediziner, aber wenn ich Elias Auftritte der vergangenen Wochen so betrachte und sie Revue passieren lasse, dann werde ich mehr und mehr den Eindruck nicht los, als ob er in den vergangenen Wochen gelegentlich mit leicht „angezogener Handbremse“ aufgelaufen ist, weil ihn vielleicht immer noch etwas gezwickt hat im lädierten Knöchel – und er gar nicht wie gewohnt den Turbo durchstarten konnte.

Eines ist jedenfalls ganz sicher: Piotr Trochowski wird morgen von Anfang an dabei sein. Er zeigte sich in den vergangenen Tagen in guter Verfassung und war beim Abschlusstraining der Mann für die Freistöße. Ich habe Bruno Labbadia bei den Hereingaben genau beobachten lassen. Entgegen vieler anderer Trainingseinheiten hat der Trainer diesmal vor allem die Verhaltensweisen der Verteidiger, deren Stellungsspiel und Kontaktbereitschaft zum Gegner unter die Lupe genommen. Das dürften die Folgen des Köln-Spiels gewesen sein. Solche „Windeier“ will sich Labbadia nicht noch einmal einschenken lassen.

Und noch etwas finde ich bemerkenswert. Zu Beginn der Trainingseinheit, als die meisten Spieler beim Fünf-gegen-zwei oder Olé-Spiel jauchzten, unterhielt sich Labbadia bestimmt acht Minuten lang abgeschieden mit Ruud van Nistelrooy. Der Niederländer, der im Training wirklich kaum bis gar nicht auffällt (weder positiv noch negativ), zeigte dem Coach gestenreich einige seiner Vorstellungen von Anspielen im und am Strafraum. Der Trainer hörte aufmerksam zu und schien ihm auch seine Angriffsphilosophie detailliert zu erläutern.

„Bahnt sich da etwa eine Überraschung an?“, dachte ich bei mir im ersten Telefonat mit meinem Kollegen und hatte diesen Gedanken fast schon vergessen, bis van Nistelrooy im Abschluss-Spiel plötzlich neben Mladen Petric auftauchte – und Marcus Berg in der gegnerischen Mannschaft. Allerdings, das muss ich zugeben, spielten nicht Elf gegen Elf, daher kann van Nistelrooys Rolle auch nur ein weiterer Schritt zur Eingliederung gewesen sein. Denn wie soll der Niederländer zum Stammspieler werden und sein Startelf-Debüt feiern, wenn er dauerhaft neben Regionalliga-Spielern und Reservisten aufläuft und nie die Verhaltensweisen der Stammkräfte hautnah erlebt?

Weil es ja fast schon Tradition hat, werde ich mich jetzt auf eine Startformation für Stuttgart festlegen, aus Prinzip (und wider besseren Wissens) mal mit van Nistelrooy im Angriff: Rost – Demel, Rozehnal, Mathijsen, Aogo – Trochowski, Jarolim, Rincon, Jansen – Petric, van Nistelrooy. Was mir mein Gefühl für das Endergebnis sagt, ist eigentlich unerheblich. Ich weiß, dass die meisten Experten von einem weiteren Sieg des VfB ausgehen. Und ich weiß auch, dass der HSV in Stuttgart schon jede Menge richtig schlechte Partien abgeliefert hat. Aber ich weiß auch, dass die Schwaben defensiv anfällig sind. Also: 1:1.

Dass angesichts der Tabellenlage sogar ein Remis beim VfB eigentlich zu wenig wäre, um den Abstand zu den Topplatzierten nicht noch weiter wachsen zu lassen, ist mir klar. Aber wie das Phrasenschwein ja schon oft genug gehört hat (und dafür gefüttert wurde): Ist ja kein Wunschkonzert hier. Ich melde mich morgen wieder bei Euch. Schönes Wochenende schon mal im Voraus.

PS: Ich bin gestern wohlbehalten aus München zurückgekehrt.

18:25 Uhr

Labbadia pokert noch

11. Dezember 2009

Endlich wird es mal etwas kühler, und der lästige Regen hat nachgelassen. Die kleineren Kinder, die mir heute begegnet sind, schauten fast sehnsüchtig auf die Weihnachtsdekoration, als wollten ihre Augen sagen: Wann ist es denn nun endlich soweit…? Beim Abschlusstraining der HSV-Profis konnte ein derartig schmachtender Blick auch ausgemacht werden: bei Alex Silva. Nach seinem Kreuzbandriss absolvierte er ein persönliches Aufbauprogramm. Und immer wieder schaute er seinen Kollegen zu – sehnsüchtig. Als Silva am Ende seines Programms dann am Spielfeldrand des Teamtrainings vorbeilief, Torwart Frank Rost ihm drei, vier Bälle zuspielte und nach Silvas Rückpässen freundlich lächelte (er kann auch anders, das könnte Tolgay Arslan nach dieser Einheit bestätigen), war das für den Brasilianer so etwas wie eine kleine Bescherung. Er strahlte und beendete seine Übungen mit einem breiten Grinsen. Der Mann kann seine Verletztenzeit offenbar nicht mehr ertragen und würde lieber heute als morgen ins Mannschaftstraining zurückkehren.

Doch kommen wir von den besinnlichen Momenten zum harten Bundesligaalltag. Um 16 Uhr fuhr die Mannschaft zum Flughafen, das Unternehmen „Frankenland“ hat also begonnen. In Nürnberg soll unbedingt ein Dreier her – und ich kann Euch versichern, dass Trainer Bruno Labbadia und seine Mitstreiter den Club komplett analysiert haben, um Schwachpunkte, Risiken und eigene Möglichkeiten auszuloten. Am morgigen Sonnabend ab 15.30 Uhr geht es um nicht mehr und nicht weniger als den Auftakt zum Schlussspurt des Jahres 2009. In den zwei Bundesligaspielen gegen den FCN und Werder und im Europapokal in Tel Aviv kann die Basis für einen schwungvollen Jahreswechsel erarbeitet werden. Denn jeder Feierabendpsychologe weiß: Einen positiven Jahresabschluss nimmt man im Kopf immer mit über die Feiertage. So etwas spornt an.

Nun möchte ich gerade jetzt nicht in Bruno Labbadias Haut stecken, denn der Trainer hat eine schwierige Entscheidung zu treffen, die ich nicht als Luxusproblem bezeichnen würde. Nachdem beim Training mit Ausnahme von Jonathan Pitroipa (muskuläre Probleme) alle mitmischten, muss Labbadia entscheiden, wer in der Startelf die Angriffsreihe bildet.

Eigentlich eine einfache Sache, könnte man meinen. Mladen Petric hat eine weitere Woche Kraft getankt und wäre nun endlich wieder einmal von Beginn an dran. Andererseits darf der Kroate, der selbst natürlich liebend gerne vom Anpfiff an dabei sein würde, auch nicht überstrapaziert werden. Für 90 Minuten reicht sein Krafttank bestimmt noch nicht. Daher könnte es auch wertvoller sein, das Schlitzohr nach einer Stunde zu bringen – wenn die Nürnberger Hintermänner schon etwas erschöpfter sind.

Beim Training versuchte Labbadia einige unterschiedliche Formationen. Ich möchte nicht alle verraten, weil es ja möglich ist, dass irgendein Nürnberger Scout seine Nase auch in unseren Blog hält und sich dann zufrieden die Finger reibt. Aber so viel darf gesagt sein: Eine Zeit lang spielte das Duo Marcus Berg/Eljero Elia im Angriff, eine Zeit lang aber auch die Variante Petric/Tunay Torun. Bei der zweiten Variante fand sich übrigens Piotr Trochowski bei den Reservisten wieder.

Sollte Labbadia noch unentschlossen sein (was ich auch für möglich halte), könnte er alle Für und Wider des jeweiligen Angriffsduos gedanklich durchspielen. Petric ist der Ballsichere, der technisch versiertere und cleverere Profi. Dafür muss man mit ihm Einschränkungen in der Laufintensität in Kauf nehmen. Berg hingegen leistet größere Laufwege, ist auch einen Tick schneller, aber er ist nicht so ein „Spitzbube“ im Strafraum, ihm fehlt (vielleicht auch wegen des Alters) noch dieser Schuss Genialität. Vielleicht gibt aber auch ein Einzelgespräch den Ausschlag. Petric wird sich vor der morgigen Besprechung ganz bestimmt noch mit Labbadia unterhalten, und wahrscheinlich wird der Trainer auch mit seinem Schweden Berg noch eine Kurzunterhaltung führen. Der Coach will immer wissen, wie sich seine Stürmer fühlen. Und Berg machte heute nicht immer den besten Eindruck. Während des Trainings ließ er sich einmal behandeln, manchmal lief er einfach „unrund“. Hoffentlich bahnt sich da nicht die nächste Verletzung an.

Für die lustigste Szene der Einheit sorgten bei einer Spielform übrigens Marcell Jansen und Tunay Torun. Obwohl Labbadia eine Zweikampfszene der beiden an der gegenüberliegenden Seitenauslinie bereits beendet hatte, um etwas Taktisches zu erklären, beharkten sich die beiden weiter. Emsig, kraftvoll, leidenschaftlich. Man hörte sie keuchen, die Schuhe aneinanderklatschen. Und als sich Jansen gerade durchgesetzt hatte, bemerkte er den flachsenden Frank Rost. Torun verdrehte die Augen, und die anderen Kollegen lobten die „Schwerhörigen“ immer wieder für ihren Biss – und lachten. Da hatte endlich mal ein Duo das getan, was der Trainer grundsätzlich von jedem fordert: Fighten bis zum Ende, bloß nicht vorzeitig abschalten.

Über die geprobten Standards verliere ich lieber keine Zeile. Die meisten davon waren schlicht und einfach erbärmlich und dürften allenfalls in der B-Jugend Schrecken verbreiten. Dieses Themas wird sich das Trainergespann bestimmt im Wintertrainingslager noch einmal intensiv annehmen. Ach ja, Arslan bekam während dieser Standards eine gehörige verbale Kopfwäsche von Rost. Warum? Weil der Nachwuchsmann nicht begriff, wo er sich als verteidigender Spieler zu postieren hatte. Nun gut, Arslan ist sonst Offensivspieler, das muss man ihm zugute halten. Aber nachdem er auf Rosts Frage („Was deckst du denn ab?“) keine Antwort wusste, sondern einfach weg schaute, musste er sich die deftigen Worte des Keepers zwangsläufig gefallen lassen.

Beim Duell in Nürnberg wird es meines Erachtens ganz besonders darauf ankommen, wie der HSV ins Spiel kommt. Ist die Mannschaft von der ersten Minute an geistig und körperlich wach, provoziert aggressiv Fehler der FCN-Mannschaft im Vorwärtsgang, dann wird das von Erfolg gekrönt sein. Im Training gab es einige dieser erzwungenen Fehler, das war gut anzusehen. Aber es gab auch mentale Aussetzer, die einem Trainer das Blut in den Adern gefrieren lassen. Und so etwas erfreut einen nicht mal in der Vorweihnachtszeit.

16:30 Uhr

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