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Bert van Marwijk: Es bleibt alles – aber anders

27. September 2013

Aufsichtsratsstreit, Eitelkeiten, Machterhaltung, Strukturreform oder Beibehaltung der Basisdemokratie – der HSV hat sich in den letzten Wochen, Monaten und Jahren mit vielen Themen aus dem Umfeld des Sportlichen aus der Spur bringen lassen. Aber ein Fragebogen, der das Intimste beleuchten soll, das gab es hier noch nicht. Zum Glück. Denn wer sich die jetzige Wirkung? Oh Mann! Jetzt sind schon Psychotests wichtiger als der Sport an sich. Ob man lieber in der Gruppe etwas unternimmt oder lieber allein wird gefragt. Ob man stark ausgeprägte Sexfantasien hat auch. „Der Test kann helfen“, sagt Kreuzer, „aber wir sollten ihn nicht zu hoch hängen.“ Am besten gar nicht aufhängen – ansonsten bleibt so etwas Nebensächliches noch großes Thema.

Ich stelle den Psychotest auch geographisch hinten an, denn immerhin hat der HSV Probleme, die vordringlich und akut sind. Der sechste Platz war angestrebt und angepeilt – ein Ziel, das nach Bert van Marwijk jetzt auch Rene Adler annulliert. „Platz sechs ist kein Thema. Wir stehen auf Rang 16, das ist die Realität. Der müssen wir uns stellen, die nehmen wir an. Und wir haben noch einen weiten Weg zurück noch vor uns. Sollten wir das schaffen, können wir uns wieder über andere Ziele unterhalten.“

Erstes Ziel ist ein Punktgewinn (Kreuzer: „Einer mindestens, am besten aber drei“) in Frankfurt. Bei dem Klub, den ich dem HSV momentan als Vorbild empfehlen würde. Denn die Eintracht hat es geschafft, mit sehr überschaubarem finanziellen Einsatz eine starke, junge Mannschaft zu formieren. Ein Jung, ein Rode oder eben jetzt auch der Tscheche Vaclav Kadlec sind Beispiele dafür. Die hier in Hamburg vor einem Jahr schlichtweg verpassten Zambrano und Oczipka zwei weitere von vielen. Von Alex Meier, der immerhin mal beim HSV war, ganz zu schweigen. Nein, die Hessen haben es mit einem offenbar sehr fähigen Manager Heribert Bruchhagen geschafft, sich zu stabilisieren. Weil ihm vertraut wurde und er der starke Mann im Klub ist. Was Bruchhagen sagt, ist Gesetz. Und das funktioniert.

In dieser Saison soll den nächste Schritt folgen und international Erfolge erzielt werden. Man sieht bei dem Zweitligaaufsteiger von 2012 (man war 11/12 in der zweiten Liga) eine stetige Entwicklung – weil es ruhig geworden ist im verein. „Wir hatten andere Zeiten, haben aber immer an unserem Weg festgehalten“, sagt Bruchhagen

Das kann man vom HSV nicht sagen. Hoffentlich nicht! Denn nach dem Trainer gilt es beim HSV noch etliche Ämter in den nächsten Monaten neu zu ordnen. Vom Vorstand über den Aufsichtsrat bis in die Mannschaft. Denn auch die wird van Marwijk ändern, das ließ er gestern schon durchklingen. Für die Frankfurt-Partie hingegen hat er keine Änderung vorgesehen. Im Gegenteil, der Niederländer belässt es offensichtlich bei genau der Startelf aus dem Fürth-Spiel. Zumindest trainierte er heute so. 16 Feldspieler und die drei Torhüter waren dabei – und bis auf Neuhaus, der ja bekanntlich wegen seiner Einladung zu Matz ab passen musste ;-) – sind auch diese 18 (inklusive dem ansonsten von Fink nicht berücksichtigten Valmir Nafiu) in Frankfurt dabei. „Ich trainiere zum Abschluss häufig mit genau dem Kader, den ich mitnehmen will“, so van Marwijk, der viel Wert auf Passspiel und Standards legte. Heute wurden ausgiebig das Defensiv- sowie das Offensivspiel bei Eckbällen geübt. „Einzelne Szenen entscheiden oft enge Spiele“, so der Niederländer, „und darauf müssen wir vorbereitet sein. Alles, was man durch Training verbessern kann, müssen wir machen.“

Worte, die wahrscheinlich jeder Trainer sagt. Aber der Effekt, den sich Sportchef Oliver Kreuzer vom Trainerwechsel erhofft (dazu steht ein Video unter www.facebook.com/groups/matzab), scheint einzutreten. Zumindest sagt das Torhüter Rene Adler: „Der Trainer geht als starker Mann voran, gibt die Richtung vor. Wir haben wieder einen Cheftrainer, der eine klare Linie hat. Unser Trainer hat wieder einen Plan.“ Anders als Thorsten Fink, der seine im Zuge der zunehmenden Kritik in der Schlussphase immer mehr verlor und für den diese Worte eine kleine Ohrfeige sein dürften. „Van Marwijk weiß einfach, wo er den Hebel anzusetzen hat“, so Adler weiter.

Allerdings darf man aus diesen Worten auch keinen großen Streit ableiten. Denn auch Fink weiß, dass er in seiner Schlussphase beim HSV Fehler gemacht hat, die er am Anfang wahrscheinlich nicht gemacht hätte. Fink hatte sich abgenutzt. „Daher ist doch klar, dass die Spieler jetzt mehr zuhören“, sagt Kreuzer, der auf genau diesen Impuls gehofft hat. „Es wird eine andere Ansprache geben, die Spieler müssen sich zu großen Teilen neu beweisen, all das kann förderlich sein. Und auch wenn wir keine Wunder erwarten dürfen wissen wir, dass wir Druck haben. Wir müssen in den nächsten beiden Spielen punkten. Dreifach am besten – einfach mindestens.“

Kreuzer wirkt ehrlich zuversichtlich. Mit gutem Recht. Denn wenn man die Stimmung innerhalb der Mannschaft deuten muss, dann nur positiv. Es wird gelacht aber trotzdem ernsthaft trainiert. Eine Mischung, die wir lange nicht mehr hatten. Und eine, die ganz sicher nicht auf Ivo Ilicevic zutrifft. Der Offensivspieler leidet seit nunmehr zweieinhalb Jahren nahezu durchgehend an muskulären Problemen. Auch jetzt wieder. „Er hat immer wieder Rückschläge, das ist hart“, sagt Kreuzer, der sich meiner Meinung nach schon auf den nächsten Ladenhüter vorbereiten muss. Zumal er selbst nicht mehr mit dem Offensivspieler zu rechnen scheint und sagt: „Du kannst als Trainer einfach nicht mit ihm planen, weil er sich immer wieder verletzt. Wir haben inzwischen auch wirklich alles probiert. Über Ernährungsumstellung, Zahnuntersuchungen, präventivem Training, nachbereitendes Training, Stabilisationsübungen und Stoffwechsel- sowie Blutuntersuchungen war alles dabei. Aber die Probleme bleiben. Das ist schade. Für uns, aber noch mehr für ihn selbst.“ Stimmt.

Nichtsdestotrotz geht es heute mal nicht um Einzelschicksale sondern um Spiel eins für van Marwijk. Dass noch nicht sofort eine Handschrift zu erkennen sein wird ist nach drei kurzen Trainingseinheiten (wobei heute 90 Minuten geübt wurde) klar. Aber es wird wichtig sein, einen Impuls zu sehen. Irgendeinen. Denn wenn selbst der Trainerwechsel nichts bewirkt, wird’s dramatisch. Dann können wir die Uhr danach stellen, wann Klaus Michael Kühne dem HSV in der Winterwechselperiode den einen oder anderen neuen Spieler finanziert und im Gegenzug seine Struktur-und Personalveränderungen durchsetzt. Was das für wen bedeuten würde, muss ich nicht sagen. Das wisst Ihr, das weiß ich – aber vor allem wissen es die Herren in Aufsichtsrat und Vorstand selbst.

Nicht allein deshalb hoffe ich im Sinne der notwendigen Ruhe im verein auf einen Erfolg in Frankfurt. Und in Nürnberg. Und in den letzten acht Hinrundenspielen bis zur wichtigsten Veranstaltung in der Geschichte des Vereines seit seiner Gründung: Der Mitgliederversammlung im Januar. Für die würde ich schon jetzt vorsichtshalber eine größere Räumlichkeit als den üblichen Saal 1 des CCH anfragen…

In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit Matz ab live nach dem Spiel. Wir senden ab 20.30 Uhr ca. live und haben Dennis Diekmeier und Sven Neuhaus sowie den kicker-Redakteur Sebastian Wolff zu Gast. Ich freue mich darauf!

Euch allen einen schönen Abend,
Scholle

P.S.: So könnte der HSV spielen: Adler – Westermann, Tah, Djourou, Jansen – Arslan, Badelj – Beister, van der Vaart, Calhanoglu – Lasogga.

P.P.S.: Hier ein paar Fragen aus dem Psychotest, bei dem Thesen mit einer Multiple-Choice-Auswahl beantwortet werden. Zum Beispiel…
…ich unternehme etwas lieber in einer Gruppe oder mit anderen als alleine…
…für mich gilt: „Ich stehe immer zu meinem Wort“…
…Ich mag es, wenn ich der „Chef“…
…es ist eines meiner wichtigsten Ziele, aus der Welt einen besseren Ort zu machen…
…mein gesellschaftlicher Status ist mir sehr wichtig
…wenn mich jemand beleidigt, sorge ich dafür, dass wir wieder quitt werden…

…ich liebe Essen
…
…Sport treiben ist eines meiner Lebenselixiere
…
… Wenn mein Herz schneller schlägt, befürchte ich, dass dies die Vorboten eines Herzinfarktes sein könnten…

…und noch viele Fragen mehr….

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