Archiv für das Tag 'Boateng'

HSV im DFB-Pokal beim KSC

23. Juni 2012

Nun weiß auch Joachim Löw, wie es beim HSV immer gewesen ist – früher. Der Bundestrainer sucht einen „Verräter“, einen Mann in seinem Kader, der Geheimnisse ausplaudert. Geheimnisse, die eigentlich bis zum Anpfiff des Viertelfinalspiels Deutschland gegen Griechenland auch geheim bleiben sollten. Denkste. Stunden vorher war alles schon publik geworden. Einer plaudert nämlich immer. Obwohl ich in diesem Fall sogar den Verdacht habe, dass es gleich mehrere gewesen sind. Aber es ist tatsächlich wie früher beim HSV im Aufsichtsrat. Das, was hinter verschlossenen Türen gesprochen und beschlossen wurde, sollte geheim bleiben, aber es stand bereits am nächsten Tag – natürlich – in den Zeitungen. Gefunden wurden die Plauderer nie. Der Gipfel war: Als AR-Boss Udo Bandow einst eine Sitzung einberief, um den Dampfplauderer zu entlarven, da ließ er von jedem eine Eidesstattliche Erklärung unterschreiben, dass derjenige NICHTS verrate hatte. Natürlich nicht. Denn alle unterschrieben . . . Und es standen auch danach weiterhin fast alle geheimen Beschlüsse tags darauf in der Zeitung – welche auch immer. Löw wird ebenso rätseln – aber er wird nichts finden. Damit muss auch ein Bundestrainer heutzutage immer rechnen. Bitter genug, denn so schneidet sich der Spieler, die Spieler, die Mannschaft bestimmt auch mal ins eigene Fleisch – gegen diese harmlosen Griechen ist es zum Glück noch einmal gut gegangen.

Die Frage, die meine Freunde mir heute immer wieder stellten war die: „Waren wir nun so gut, oder war Griechenland einfach zu schlecht?“ Letzteres war wohl der Fall. Wenn ein (deutscher) Torwart bereits in Halbzeit eins an der Mittellinie auftaucht, dann spricht das doch für sich. Das war auch eine Art von Anti-Fußball, man muss es so krass und so hart formulieren. Aber nun geht für die deutsche Mannschaft die EM ja auch erst richtig los. England oder Italien, das ist nun die Frage. Es ist ja auch diesmal kein Wunschkonzert, aber selbst wenn es eines wäre, ich wüsste nicht, wen ich mir für die Löw-Auswahl wünschen sollte. Italien kann von Haus aus Defensive, hat aber im ersten Spiel (gegen Spanien!) bewiesen, dass die Mannschaft auch offensiv viel gelernt hat. Das 1:1 damals hat mir imponiert, die Spielweise der Italiener sehr gefallen – ich war überrascht. Und England? Seit sich der FC Chelsea gegen Barcelona und gegen die Bayern den Champions-League-Titel ermauert hat, wissen die Engländer, wie man auch zu einem Titel kommen kann. England spielt defensiv fast schon besser als Italien – und die Italiener haben es einst erfunden (nicht die Schweizer!).

Mal abwarten, was sich „Jogi“ Löw im Hinblick auf Donnerstag einfallen lässt. Und ob das dann, was er für das Halbfinalspiel plant, auch tatsächlich bis zum Anpfiff geheim bleibt. Wäre schon wünschenswert. Und ich denke ja, dass der Bundestrainer wieder auf die Formation der ersten drei Begegnungen zurückgreifen wird. Mir wäre wohler dabei, obwohl ich damit auch die „Kröte“ namens Podolski schlucken müsste. Den Noch-Kölner würde ich schon lieber auf der Bank sitzen sehen, dafür wünschte ich mir Marco Reus auf links. Rechts wieder Thomas Müller, in der Mitte Mario Gomez für Miroslav Klose, der bis auf sein Tor zum 3:1 nicht viel auf die Beine gebracht hat. Und sein Tor wurde ihm ja vom griechischen Keeper total geschenkt. Nur deswegen stieg der Schalker Papadopoulos, der zuvor (bei dieser EM) 95 Prozent seiner Kopfballduelle gewonnen hatte, nicht mit Klose in die Luft. Er hat sich auf den Torwart verlassen – und war damit verlassen genug.

Kurz noch einmal zu „Jogi“ Löw und seine überraschende Aufstellung. Ich bin mir sicher, dass der Bundestrainer dass deswegen gemacht hat, weil er sich das gegen diese sturmschwachen Griechen erlauben konnte, und weil er so einige Ersatzleute bei Laune gehalten hat. Es mehrten sich ja die Stimmen, die davon sprachen, dass es sehr unangenehm und ungewohnt sei, nicht von Beginn an (wie in den Heimatvereinen) zu spielen. Nun haben einige gespielt, sie wissen jetzt auch, wie schwer das sein kann – und wenn Löw nun wieder etwas ändert, dann werden sie, die zuletzt dabei waren, ihren Mund eben nicht mehr so voll nehmen. Glaube ich jedenfalls. So hat Löw auf jeden Fall auch einige schon etwas schmollende Ersatzleute wieder ein wenig mehr auf seine Seite gebracht. Er ist eben nicht nur ein Taktik-Fuchs . . . Denn: Gomez, Müller und Podolski wurde nun vor Augen geführt, dass sie ersetzbar sind – die werden sich nun doppelt und dreifach reinhängen. Alles nur zum Wohle des Teams.

Trotz allem – es gab ja nicht nur Erfreuliches in und um dieses Spiel herum. Bastian Schweinsteiger wird wahrscheinlich nie wieder so viele Fehlpässe spielen, wie in diesen 90 Minuten. Das war fast schon unerträglich, dass ihm selbst die einfachsten Pässe (über sechs, sieben Meter) nicht gelingen wollten. Unfassbar. Ähnlich Holger Badstuber, der in Halbzeit eins einen Ball nach dem anderen zum Gegner oder ins Aus beförderte. Das darf in einem „engen“ Spiel niemals passieren, denn dann ist der Ofen aus. Ganz sicher. Zudem ist es ja schön und gut, wenn Andre Schürrle auf links seinen Gegenspieler umkurvt und dann zur Mitte zieht – aber muss er dann immer gleich losballern? Wenn ja, dann sollte er auch immer versuchen, dass Tor zu treffen. Schürrle hatte schon eine extreme Streuung. Und zum Schluss hätte er einige Male super in die Mitte flanken können, weil er dann doch den Platz dazu hatte – aber entweder zauderte er, oder er brach den Versuch einer Flanke schnell wieder ab und legte den Rückwärtsgang ein. Da hätte ich mir schon einen „echten“ Linksfuß gewünscht, der auch flanken kann – es muss doch nicht gleich Podolski sein . . .

Und hinten? Da gibt es auch bei Jerome Boateng, der einst von Hamburg aus in die große und weite Fußballwelt hineinspazierte, noch viel Luft nach oben. Sehr viel sogar. Er wirkt mir immer noch zu sehr so, wie er einst beim HSV begonnen hat: phlegmatisch. Und er war ja auch bei beiden Gegentreffern der Griechen nicht unbedingt im Bilde. Wobei ich sowohl beim ersten als auch beim zweiten Tor den Schiedsrichter nicht unbedingt auf Ballhöhe sah. Beim 1:1 hätte der Slowene Skomina sonst gesehen, dass Torschütze Samaras vorher Boateng im Laufduell am Trikot festgehalten und zurückgezogen hat. Das sah man im Fernsehen ganz deutlich, dadurch geriet der Wahl-Münchner ein wenig außer Tritt und in Rückstand (gegenüber seinem Kontrahenten). Der Grieche verschaffte sich durch das Zupfen einen entscheidenden Vorteil. Hätte der Schiedsrichter eigentlich sehen müssen.

Und beim 2:4? Das war doch ein lächerlicher Elfmeter. Boateng dreht sich zur Seite, wird aus nächster Nähe angeschossen – und der Mann in Schwarz zeigt auf den Punkt. Unfassbar. Unfassbar dumm auch. Ich will hier keine Verschwörungs-Theorie konstruieren, aber ich habe das stete Gefühl gehabt, dass Skomina lange Zeit auf eine solche Situation gewartet hat. Ich kann dazu nur sagen: Wolfgang Stark durfte nach nur einem Fauxpas gleich seine Koffer packen – und der Ungar Kassai, den ich für den zurzeit weltbesten Unparteiischen halte, ebenfalls. Das empfinde ich als ungerecht. Im höchsten Maße sogar. Wobei ich im Fall von Stark denke, dass er auch deswegen seine Koffer packen musste, weil Deutschland ja noch immer im Turnier vertreten ist – und egal wie er das nächste Spiel auch gepfiffen hätte, zu irgendeiner Seite wäre der eine oder andere Pfiff dann doch ausgelegt worden . . .

Aber, um das abschließend zu sagen (und zu fragen): Elfmeter war das doch nicht, oder?

Auch „uns Scholle“ sprach ja bei „Matz ab live“ von einem „lächerlichen“ Strafstoß – ohne dass wir uns abgesprochen hatten. Womit ich bei der gestrigen Sendung bin. Im „Champs“ herrschte eine wundervolle Atmosphäre, und wir hatten mit Tolgay Arslan, der Stunden zuvor gerade einen neuen Vertrag unterschrieben hatte, einen großartigen Gast. Einen Gast. Sonst hatten wir immer zwei, wollen auch immer zwei haben – aber diesmal sagte uns ein Gast ab, und da alle unsere Versuche, einen „Ersatz“ zu bekommen, scheiterten, blieb Arslan eben allein.

Aber, das möchte ich ausdrücklich sagen, das war kein Nachteil. Weder für ihn, noch für uns. Dafür, dass dieser junge Mann erst 21 Jahre alt ist, hat er sich großartig „verkauft“.

Es hat uns wirklich Spaß gebracht, Tolgay, du hast das wirklich bravourös gemacht. Und nochmals ein herzliches Dankeschön für Dein Kommen.

Das war einfach ein gelungener Auftritt – und er war in allen Lagen souverän. Wenn ich dazu dann nur wenig später Marco Reus in Danzig vor der ZDF-Kamera sah, wie der Noch-Gladbacher da ein wenig verlegen herumstammelte (kein Vorwurf, so etwas muss und will gelernt sein), dann war dieser Arslan-Auftritt wirklich gekonnt. Und auch ein Beispiel für alle anderen jungen HSV-Profis, wie man es machen kann – und vor allen Dingen, dass man es machen kann. Wer bei „Matz ab“ auftritt, der lernt etwas fürs Leben, denn der ist dann, wenn das „richtige“ Fernsehen kommt, schon mal gewappnet, dass die Kamera, die da vor dem eigenen Gesicht auftaucht, gänzlich ungefährlich ist. Aber Arslan hat es, nun ist auch Schluss damit (musste ich aber loswerden), wie ein „Alter“ gemacht.

Apropos: Ein „alter Hase“ hat nun ja auch seinen Vertrag verlängert, und zwar Marcell Jansen. Und zwar bis Sommer 2015. Der frühere Nationalspieler soll ja, so wünschen es sich Trainer und Sportchef, Verantwortung übernehmen und in eine Führungsrolle hineinschlüpfen, ich wünsche ihm (und dem HSV) dabei viel, viel Glück. Und dass sich die Verletzungen in Grenzen halten, aber das war in der angelaufenen Saison ja auch lange nicht mehr so schlimm wie einst.

So, ein Schritt in die neue Saison wurde heute schon gemacht, nämlich die erste Runde im DFB-Pokal wurde ausgelost. Der HSV muss zum Zweitliga-Absteiger Karslruher SC. Kein Freilos. Und unter Frank Pagelsdorf gab es dort einst schon mal ein frühes Pokal-Aus für den HSV . . . Gespielt wird entweder am 17. August, am 18. August, 19. August oder am 20. August.

PS: Am Donnerstag, nach dem Halbfinale, sind wir wieder im „Champs“ zu Gast, werden nach dem Spiel dann erneut mit „Matz ab live“ auf Sendung sein. Diesmal hat die Übertragung ja fehlerfrei geklappt, so soll und wird es bleiben. Sicher. Was uns noch gefehlt hat, das waren eure Fragen. Mehr davon. „Scholle“ beobachtet eure Zuschriften genau, ist immer auf „Ballhöhe“ – ihr müsst euch nur trauen.

18.33 Uhr

Was wird das bitte für ein 13. Juni….?!?

12. Juni 2012

Das Gute vorweg: die neue Location für Matz-Ab-Live ist gefunden, der Dreh nach dem Deutschland(-sieg)spiel gegen die Niederlande ist gesichert! Und wie! Das „Montgomery Champs“, das Paradies für Sportfreunde, die beim Essengehen nicht auf ihre Dosis Live-Sport verzichten wollen, wird nach unseren „Tonproblemen“ zuletzt unsere neue Heimat. Von jedem Tisch aus hat man beste Sicht auf einen Flatscreen-TV. Ich habe es mit meiner Freundin und dem Lütten ausprobiert – sensationell! Als Gast wird Mediendirektor Jörn Wolf dabei sein. Und als zweiter Gast hat mir eben gerade (19.29 Uhr) Dennis Aogo zugesagt. Also mal wieder sehr interessante Gäste, auf die wir uns freuen dürfen.

Egal wie, der Laden wird zudem rappelvoll mit Fußballanhängern sein, die sich das Topspiel ansehen wollen. Und ganz ehrlich, auch mir fällt es schwer, mich auf den HSV zu konzentrieren, so sehr freue ich mich auf den morgigen Kick. Seit heute morgen, seit ich mir noch mal die besten Szenen Deutschland vs. Niederlande von 1990 angesehen habe, freue ich mich auf dieses Spiel. Nur eines stört: Ich stelle zumindest ganz ehrlich die Frage, warum diese dusselige Diskussion um Gomez/Klose – erweitert mit Scholl ja sogar – nicht endlich ein Ende findet. Gomez hat nicht besonders gut gespielt (wie der Rest der Mannschaft) und am Ende trotzdem den entscheidenden Treffer gemacht. Das ist für einen Stürmer nicht zwingend die schlechteste Bilanz.

Dass Klose spielerisch andere Qualitäten hat ist doch klar – aber doch auch absolut nicht neu. Wieso also jetzt diese Diskussion von außen anfeuern, obwohl sie intern gar nicht so geführt wird? Denn weder Gomez noch Klose stellen sich öffentlich als die absolute Nummer eins im Sturm hin. Im Gegenteil: beide schätzen und loben sich gegenseitig. Sie wollen beide spielen, werden beide enttäuscht sein, wenn sie nicht spielen. Aber sie respektieren sich, Löws Entscheidung und die Situation im Sturm. Ärger macht niemand.

Bei der Nationalmannschaft ist es eben genau so, wie es sein soll. Sie haben gewonnen, intern gesunden Konkurrenzdruck und alle wissen, dass sie sich steigern müssen, um auch gegen die starken Niederländer gut auszusehen. Und glücklicherweise zählen ausgerechnet die, die in dem Portugal-Spiel zufrieden mit sich sein durften, nicht die, die sich zu früh zufrieden geben. Im Gegenteil. Ein Badstuber, der für mich überragend spielte, wurde mir von einem guten Freund mal folgendermaßen beschrieben: „Der Typ ist wahnsinnig vor Ehrgeiz. Der wusste schon seit der Muttermilch, dass er irgendwann Profi wird. Und als die Trainer gemerkt haben, wie verbissen der ist, haben sie ihn zum Abwehrmann gemacht. Er ist ein super sympathischer Kerl im Privaten. Und er sieht so harmlos aus. Aber er ist im Training genauso hart wie im Spiel. Und er kann auch mal ne richtige Sau sein. Auf jeden Fall aber verzeiht er es niemandem, wenn er mal an ihm vorbeigekommen ist. Frag mal unsere Jungs…“

Ein Zitat, dass ich vor etwa einem Jahr zu hören bekam von einem absolut vertrauenswürdigem Mitspieler Badstubers. Und seitdem habe ich ihn, also Badstuber, irgendwie anders als vorher beobachtet. Genauer eben. Und mir sind etliche Dinge an ihm aufgefallen. Habt ihr mal darauf geachtet, wie hart der Kerl spielt, am Boden wie in der Luft? Wie der in die Kopfballduelle springt? Und vor allem: wie oft er Szenen hat, die im TV noch mal genauer beleuchtet werden, weil irgendwelche Nickeligkeiten vermutet werden? Beispielsweise die Szene gegen Portugals Nani in der ersten Halbzeit? Da wusste Badstuber, dass er den nicht so laufen lassen kann, ohne dass es massiv gefährlich würde. Daher mit letzter Kraft die Stollen in Richtung Waden.

Ein Badstuber macht es wie Hollerbach, er lässt niemanden freiwillig heil an sich vorbei. Und das ist für mich, so lange dieser Mann in Deiner Mannschaft spielt, immer beruhigend. Oder ist das bei Euch anders? Ich bin für die Zeit, in der die Nationalmannschaft spielt, Fan von der gesamten Truppe. Egal ob da einer beim FC Bayern, St. Pauli oder Werder Bremen spielt. Eben ganz im Sinne des Erfolges das persönliche Ego mal ganz weit nach hinten sortiert… Aber auf jeden Fall handhabe ich es so wie früher als Amateurfußballer: ich freue mich über die Spieler im eigenen Kader am meisten, die ich als Gegner am furchtbarsten fand. Sportlich betrachtet, natürlich! Dass es dabei auch Spieler im eigenen Team gibt, die beides sind – umso besser. Siehe Mats Hummels. Der Dortmunder ist in meinen Augen einer der sympathischsten Spieler seit langer, langer Zeit und dazu noch ne Maschine. Wie der sich gegen Portugal vom Wackelkandidaten zur unverzichtbaren Größe hinten hochgearbeitet hat – Chapeau!!

Thomas Helmer hat im Abendblatt-Interview mit meinem Chef Peter Wenig vor kurzem gesagt, 1996 hätten sie lange nicht die besten Fußballer im Kader gehabt, dafür aber die beste charakterliche Zusammensetzung. Und ich glaube, dass die Deutschen dieses Jahr mit Hummels jemanden dazubekommen haben, der als ordnende Hand intern ebenso wie sportlich auf dem Platz unverzichtbar werden kann. Hummels ist unaufgeregt, absolut geerdet und wirkt auf mich, als würde er alles dafür tun, dass aus der Zusammensetzung von 24 Top-Profis auch eine Top-Mannschaft wird. Dass er damit intern nicht anfängt, bevor er selbst Stammspieler ist – logisch. Aber genau deswegen hoffe ich, dass Hummels diese Rolle sportlich bald komplett einnimmt. Ich glaube, dass ein Hummels tatsächlich ein Spieler der Sorte ist, der „für jede Mannschaft der Welt interessant ist“, wie es oft von Sportchefs und Trainern zitiert wird.

Aber gut, zurück zum HSV. Auch dort gibt es gute Typen, die wichtig sind. Sportlich dazu zählt ganz sicher auch der gestern bereits benannte Paolo Guerrero. Für den sind beim HSV, so wurde es mir gesagt, bislang keine offiziellen Angebote eingegangen. Allerdings ist auch dem HSV bekannt, dass der Peruaner Interessenten hat. So auch den SSC Neapel, den wir hier im Blog vor einigen Wochen schon mal als Interessenten aufgeführt hatten. Allerdings, und dabei bleibe ich, so lange es keine offizielle Anfrage an den HSV gibt, verfolge ich den Gedanken eines Verkaufs von Guerrero nicht. Zumal ich ihn angesichts des Jahresgehalts des Peruaners (für das er nichts kann) lediglich aus wirtschaftlichen Gründen gut fände.

Ansonsten ist es beim HSV weiterhin ruhig. Arnesen ist bei der EM, Fink im Urlaub und die Mannschaft genießt ihre freie Zeit. Bis auf Kacar, der seit gestern täglich im Fitnessraum schuftet. Ich hatte ihn letzte Woche am Donnerstag vor seiner Operation, in der ihm die Schrauben seiner Knöchel-OP entfernt wurden, gesprochen. Und er machte auf mich einen guten Eindruck. Zumindest einen besseren, als ich erwartet hatte, nachdem er eine schwere Saison, eine üble Verletzung zum Saisonende hin und vor allem die Diskussionen um seine Person hinnehmen musste. „Ich bin nicht zufrieden mit dem, was im letzten Jahr los war“, sagt Kacar heute, „aber ich weiß, dass ich es besser machen kann. Ich weiß, dass wir es als Mannschaft besser machen können. Und ich weiß, dass meine Zukunft beim HSV liegt.“

Klare Worte des Serben, der oft als introvertiert und ruhig wahrgenommen wird – der aber durchaus über Humor verfügt. „Ich habe es ja versucht, mich beim FC Barcelona und Chelsea anzubieten. Aber die wollten mich nicht“, so Kacar, ehe er nach einer kurzen Pause die Pointe folgen ließ: „Weil ich verletzt bin.“

Nun denn, zum Glück für den HSV bleibt Kacar dem Klub erhalten. Vor September ist hier allerdings nicht mit dem Comeback zu rechen, in dem der defensive Mittelfeldspieler alles das nachholen will, was er bislang nicht zeigen konnte. „Ich war jetzt lange und oft genug verletzt – jetzt reicht das. Ich habe in Hamburg noch viel vor. Und vor allem gibt es noch viel, was ich zeigen und erreichen will.“

Zwar zuerst noch nur Worte – allerdings welche, die noch mit Leben gefüllt werden können.

In diesem Sinne, bis morgen! Dann mit Dieter und dem Highlight am Abend: Deutschland – Niederlande – und natürlich mit dem nächsten „Matz ab live“, diesmal aus dem Montgomery Champs ab 22.45 Uhr mit Dennis Aogo und Jörn Wolf.

Ich freue mich – auf einen superinteressanten 13. Juni 2012!

Scholle

P.S.: Für die unter Euch, die sich über Ihre Tippbilanz ärgern: Nachdem ich Kroatien gegen Irland in letzter Sekunde noch auf 2:0 verändert hatte, habe ich heute mit dem 2:1 der Tschechen gegen Griechenland meinen ersten Dreier beim Tippen gelandet…

Petric: “Wir werden gegen Top-Teams punkten”

3. Februar 2012

Tymoshchuk, Gustavo oder Boateng? Wer spielt innen bei den Bayern, und wer auf der rechten Abwehrseite? Fragt man die Münchener Kollegen, erhält man unterschiedliche Antworten. Im Abschlusstraining agierten Holger Badstuber und Gustavo innen, Boateng auf der rechten Seite. Dennoch rechnen die dortigen Experten damit, dass Boateng neben Badstuber innen verteidigt und Tymoshchuk auf der rechten Außenverteidigerposition beginnt. „Ich sehe das ja eine Stunde vor Anpfiff“, sagt Mladen Petric, der allerdings betont, dass es durchaus einen Unterschied macht, gegen wen er spielen würde. „Ich nehme mir natürlich bei verschiedenen Gegenspielern auch verschiedene Aktionen vor. Bei Boateng beispielsweise weiß ich, dass er natürlich sehr kopfballstark ist.“ Entsprechend setzt der Kroate gegen seinen ehemaligen Teamkameraden weniger auf hohe Bälle sondern auf die vergleichsweise eingeschränkte Beweglichkeit Boatengs. Das wiederum ist eine Stärke bei Gustavo, der allerdings nicht besonders kopfballstark ist. Ergo: Wir müssen abwarten, wen Jupp Heynckes aufbietet. Wobei die Ansage eines meiner Kollegen auch irgendwie zutrifft: „Was interessiert denn die Innenverteidigung der Bayern bei der Offensivabteilung?“

Sehr viel, wie ich finde. Denn gerade defensiv haben die Münchener ihre größten Probleme. Wie Gladbach bewiesen hat. Und unter der Woche hatten Trainer Thorsten Fink und seine Spieler immer wieder betont, Mönchengladbach als Beispiel dafür zu nehmen, wie man die Bayern schlägt. Das wiederum dürfte schwierig werden angesichts des nicht zwingend als Sprinterduo zu bezeichnende Stürmer-Doppel Petric/Guerrero. Ebebso wenig überraschende Tempoläufe sind von Tomas Rincon und David Jarolim auf der Doppelsech sowie von Jacopo Sala auf der rechten Mittelfeldseite zu erwarten. Einzig Rechtsverteidiger Dennis Diekmeier und mit Abstrichen Marcell Jansen können mit dem hohen Tempo der Gladbach-Youngster Reus und Herrmann mithalten. Zudem fehlt für das nahezu perfekte Konterspiel der Fohlen den Hamburger ein genialer Passgeber, wie es bei der Borussia derzeit Juan Arango ist.

Nein, der HSV täte besser daran, sich nicht mit Gladbach zu vergleichen. „Wir dürfen nie versuchen, jemanden kopieren“, sagte Marcell Jansen zuletzt und fügte hinzu: „Das würde schief gehen. Aber wir dürfen von anderen lernen.“ Zum Beispiel, wie man die Mitte zumacht. Denn das hat Gladbach gegen die Bayern mit Nordtveit und Neustädter perfekt gemacht. Die Bayern waren immer wieder gezwungen, auf die Flügel auszuweichen, wo die größtenteils unauffälligen Protagonisten der Bayern Robben und Kroos hießen. Letztgenannter wird morgen durch den in meinen Augen besten Spieler der Bundesliga ersetzt: Franck Ribery. „Ich werde s wahrscheinlich mit ihm zu tun bekommen“, sagt Diekmeier, der gegen Hertha durch effektive Flankenläufe auffiel und gegen Bayern vermehrt Defensivarbeit erwartet. Zehn Flankenläufe hatte Manfred Kaltz von dem HSV-Verteidiger gefordert – gegen Bayern wäre ich schon froh, wenn Diekmeier hinten dicht macht.

Dass der HSV noch immer akute Defensivprobleme hat, wurde heute im Training mal wieder offensichtlich. In bunt gemischten Mannschaften spielten auf der einen Seite für Grün die Viererkette (Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo) und für das rote Team Rincon und Jarolim auf der Doppelsechs. Ergebnis: kurz vor Schluss stand es 6:0 für Grün. Ein klares Ergebnis, das Fink auf die Palme brachte. Er stoppte das Spiel und stellte sich vor die rote Mannschaft und fragte sie, wie es angehen könnte. Mehr als Achselzucken gab es nicht – allerdings agierten Rincon und Jarolim anschließend aggressiver.

Zuvor war es ein wenig herzlich auf dem Platz. Die Mannschaft sang für Geburtstagskind Slobodan Rajkovic (seit heute 23 Jahre alt) ein Ständchen. Und der Serbe revanchierte sich, indem er sein bislang verweigertes Einstandslied sang.

Alles andere als herzlich wird es morgen auf dem Platz. „Ein Schweinespiel“ erwartet Paolo Guerrero. Und angesichts der erwarteten Minusgrade im zweistelligen Bereich dürfte es für alle ungemütlich werden. Heute kam selbst die Stadionrasenheizung nicht ausreichend gegen den Frost an. Ergebnis: Statt wie geplant im Stadion zu trainieren, ging es auf den normalen Trainingsplatz. „Selbst Handschuhe bringen da nichts“, sagt Petric, „die Finger werden trotzdem arschkalt.“ Deshalb werde er nichts Besonderes gegen die Kälte unternehmen, außer „einfach immer in Bewegung sein“. Klingt gut, besonders bei Mladen. Fast so gut, wie: „Ein Spiel gegen den Rekordmeister ist immer etwas besonderes. Wir haben uns gegen Hertha wieder zurück in die Spur gebracht. Der Sieg war wichtig für den Kopf. Wir haben das Dortmund-Spiel damit verarbeitet.“

Ob das stimmt, wird sich morgen zeigen. Zudem wird auf die Fortsetzung von zwei Serien gehofft. Zum ersten, dass nach vier Spielen ohne Niederlage im heimischen Stadion das fünfte gegen den Rekordmeister folgt. Und zum zweiten dürfen wir auf die Serie Guerreros (in den letzten fünf Heimspielen jeweils einmal getroffen) hoffen. Wobei es sowohl dem Peruaner (sagt er zumindest) egal ist, wer trifft. Sollte s Petric sein, wäre es übrigens der 50. Bundesligatreffer des Kroaten, der die beiden letzten Heimsiege jeweils durch seine Treffer für den HSV entschied. „Ich hoffe, dass die Bayern wie in den letzten beiden Spielen noch nicht ihr Topniveau finden“, sagt Petric und betont, dass der HSV von heute fast nichts mehr mit dem aus der Hinrunde (0:5) zu tun hat. „Wir sind besser“, sagt der Linksfuß, der von einem Trauma gegen die Top-Vier nichts wissen will. „Gegen Gladbach haben wir unglücklich 0:1 verloren, gegen Schalke waren wir 70 Minuten die bessere Mannschaft. Wir haben da kein Kopfproblem. Ich bin mir sogar sicher, dass wir in der Rückrunde gegen die Top-Teams punkten werden.“

Ein gutes Omen gibt es jedenfalls schon. Schiedsrichter der Partie am Sonnabend (18.30 Uhr, Imtech-Arena) ist Knut Kircher. Als der zuletzt 2008/2009 einen Nord-Süd-Schlager in Hamburg leitete, gewann der HSV 1:0 (Petric, 44.). Und ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber mir würde das reichen. Dafür würde ich neben den Polartemperaturen auch ein unfassbar langweiliges Spiel in Kauf nehmen…

In diesem Sinne, im Abspann noch die voraussichtlichen Aufstellungen. Bis morgen,

Scholle

Hamburger SV: Drobny – Diekmeier, Westermann, Rajkovic, Aogo – Rincon, Jarolim – Jansen, Sala – Guerrero, Petric
Im Kader: Mickel, Neuhaus, Mancienne, Sternberg, Tesche, Kacar, Ingreso, Ilicevic, Son, Arslan
Nicht dabei: Bruma (Reizung am Knie), Berg (Aufbautraining), Castelen (Reha), Töre (Meniskuseinriss), Bertram, Behrens, Besic, Nagy, Stepanek, Tavares.
Gelbsperre droht: Aogo, Mancienne, Rincon (alle 4)

FC Bayern München: Neuer – Tymoshchuk, Boateng, Badstuber, Lahm – Schweinsteiger, Kroos – Robben, T. Müller, Ribery – Gomez
Weitere Kaderspieler: Butt (Tor), Alaba, Pranjic, Luiz Gustavo, Usami, Olic, Petersen. Nicht dabei: Breno (Knieprobleme), Contento (Reha nach Zehenbruch), Rafinha (5. Gelbe Karte), van Buyten (Mittelfußbruch).

Boateng trauert seinem Abgang nach – und erwartet einen starken HSV

1. Februar 2012

Viel wärmer ist es in München auch nicht. Sagt mir mein iPhone-App. Im Gegenteil, heute waren es tagsüber zwei Grad weniger. „Beim Training schon manchmal kritisch “, umschreibt mir ein alter Bekannter, der sich bei diesen eisigen Temperaturen auf dem Fußballplatz herumschlagen muss, die Witterung im Süden. Dort trainiert er seit dieser Saison zusammen mit dem wohl besten Kader der Bundesliga. Das glaubt zumindest Marcell Jansen: „Bayern hat gegenüber Dortmund das einheitlichere Konzept mit den bessern Individualisten in der Mannschaft“, so der Linke Mittelfeldspieler, der sich auf ein Wiedersehen mit meinem sowie noch mehr seinem alten Bekannten freut: auf Jerome Boateng.

Der ehemalige Rechtsverteidiger des HSV hat eine beachtliche Karriere für seine gerade mal 23 Jahre hingelegt. Hertha BSC, HSV, Manchester City und jetzt Bayern München – das sind große Namen, die noch beachtlicher werden, wenn man überlegt, dass sich der Defensivspieler überall durchgesetzt hat. Bis hin in die Nationalmannschaft, in der er auch gern den HSV weiterhin vertreten hätte. „Es tat schon weh, damals gehen zu müssen“, sagt Jerome heute und lässt mich ein wenig verwundert zurück. Warum „gehen müssen“? Er hatte sich doch selbst dazu entschlossen, gen Manchester City zu wechseln, oder nicht? „Das stimmt. Aber grundsätzlich wollte ich bleiben und hatte das auch so kommuniziert. Leider wurden damals einige Zeitpunkte für Vertragsverlängerungen versäumt, die alles leichter gemacht hätten.“

Das alte Thema: die fehlende Konstanz beim HSV. Die sieht auch Boateng. Mehr noch, der Vater von Zwillingen wirkt ehrlich traurig darüber, dass in Hamburg eine große Chance liegen gelassen wurde. „Ich war ja nicht der einzige, der ging. Damals ging vorher schon ein Vincent Kompany. Und auch ein Ivica Olic, der eine riesen Serie hingelegt hatte und enorm wichtig war. Ivica wollte eigentlich bleiben, aber dazu kam es aus verschiedenen Gründen nicht. Und wer sich die Namen der letzten Jahre und deren heutige Positionen in ihren Klubs ansieht, der kann erahnen, was für den HSV drin gewesen wäre.“

Konjunktive. Eine interessante Perspektive des sympathischen, ruhigen und fast introvertiert wirkenden Ex-HSVers – aber eben auch Vergangenheit. Denn ich glaube, dass der HSV in diesem Winter ein gutes Zeichen gesetzt hat, niemanden zu holen. Und wenngleich für gute Leute immer Platz sein sollte, blieben zumindest Panikkäufe der Marke Tavares, Ndjeng etc. aus. Dass das schon mangels finanzieller Mittel schwierig war, überhaupt jemanden zu holen – egal. Fakt ist, es wurde niemand geholt und Trainer Thorsten Fink hat seinen Worten („Der Kader ist gut genug, ich vertraue der Mannschaft“) Taten folgen lassen.

Und überhaupt, am meisten Respekt haben die HSV-Gegner derzeit vor dem Einfluss Finks. Der ehemalige Bayern-Profi hat selbst bei den Leuten einen ungemein guten Ruf, die ihn gar nicht persönlich kennen. Wie eben Jerome, der weder als Spieler noch als Trainer jemals irgendwas mit Fink zu tun hatte. Trotzdem sagt er: „Ganz klar, der HSV hat sich langsam eingespielt und hat vor allem einen Trainer, der super ist. Mit Thorsten Fink ist in Hamburg noch einiges möglich.“ Wie er sich davon überzeugt hat? „Nur durch das, was ich aus der Ferne sehe und was mir die Leute berichten. Aber das alles klingt sehr vielversprechend, alle sind begeistert.“ Der HSV hätte endlich wieder einen Trainer, der was erreichen will. Ob das nicht immer so war? Boateng vorsichtig: „Das müssen andere beurteilen. Ich bin dem HSV sehr dankbar für drei tolle Jahre. Ich freue mich auf das Wiedersehen mit Freunden wie beispielsweise Dennis Aogo, Marcell Jansen, Paolo und Tomas Rincon – auch wenn ich versprechen kann, dass das auf dem Platz sicher anders aussehen wird.“

Es war ein sehr nettes Gespräch mit Jerome (das Interview könnt Ihr morgen im Print-Teil lesen), für den ich mich freuen würde, wenn er von den HSV-Fans mit Respekt empfangen würde. Zumal er selbst daran glaubt. Obwohl er beim FC Bayern spielt, der in Hamburg für Bundesligaverhältnisse zusammen mit Werder (oder schon kurz dahinter) als Staatsfeind Nummer eins gilt (Pauli bleibt als Zweitligist hier unerwähnt). „Ich glaube aber trotzdem, dass es ein warmer Empfang für mich wird. Die Hamburger Fans haben mich in den Jahren beim HSV immer großartig unterstützt und mir auch einen tollen Abschied bereitet.“ Mal sehen wie der erste Empfang seit 2010 für ihn wird.

Sportlich erwartet Boateng Schwerstarbeit gegen seinen Freund Paolo („Der haut seinen Körper ordentlich rein“) und Mladen Petric („Ein Schlitzohr“). Und auch der HSV gibt sich optimistisch. Verhalten zwar – aber das ist nach dem 1:5 zum Auftakt gegen Dortmund mehr als logisch. „Wir brauchen uns nicht lange unterhalten, brauchen keine Konzepte erarbeiten – das einzige Konzept gegen Bayern muss sein, kompakt zu sein. Von der ersten bis zur 90. Minute “, sagt Marcell Jansen, der einst vom FCB nach Hamburg wechselte. „Wir hatten gegen Dortmund das Problem, dass der BVB gepresst hat und wir zu schnell Fehler gemacht haben. Das müssen wir gegen Bayern ändern, indem wir es uns durch Einsatz erarbeiten. Wie Gladbach, die haben nie ein eins gegen eins zugelassen, haben die entscheidenden Positionen gedoppelt und schnell gekontert. Das war taktisch das Beste, was man machen konnte.“

Gladbach ist das Vorbild für den HSV – zumindest am Sonnabend. Dass es allerdings nur defensiv auch nicht geht, das hat das Hinspiel (0:5) gezeigt. Da hatte der ehemalige Trainer Michael Oenning eine sehr defensive Taktik ausgerufen, wollte möglichst lang die Null halten. „Aber wir haben früh das 0:1 bekommen“, erinnert sich Dennis Diekmeier, „und damit war das schnell über den Haufen geworfen. Damals gingen schnell unsere Köpfe runter und es ging nix mehr. Da sind wir unangenehm vorgeführt worden.“ Wie das am Sonnabend zu vermeiden ist? „Indem wir selbstbewusst auftreten und uns an die Basics erinnern. Erst wenn wir in den Zweikämpfen aggressiv gegenhalten und uns gegenseitig unterstützen, haben wir eine Chance.“ Wobei ich das Konterspiel angesichts der nicht wirklich zur Sprinterkategorie zu zählenden Mladen Petric und Paolo Guerrero nicht als bestes Stilmittel erachte. Es sei denn, die Konter gehen über Diekmeier, den vielleicht schnellsten Außenverteidiger der Liga, der in Berlin seine ersten Torvorlagen bejubeln durfte.

Ich hätte nichts dagegen, wenn er am Wochenende eine weiter folgen lässt – und auf der anderen Seite dafür sorgt, dass der FC Bayern, den beim HSV fast alle als den Meisterschaftsfavoriten Nummer eins nennen, kein Tor in der Imtech-Arena schießt. Das kann ganz sicher hässlich werden – aber das wäre mir sch…egal…

In diesem Sinne, bis morgen! Da wird um zehn Uhr trainiert.

Scholle

P.S.: Im heutigen Training fehlte neben den Langzeitverletzten nur Zhi Gin Lam (Muskelfaserriss). Während der eisigen 65-Minuten-Einheit ließ Fink nach dem Aufwärmprogramm zunächst ein Spiel ohne Tore absolvieren, danach den üblichen Kreis, bevor es zum Abschluss ein Dreier-Turnier gab, bei dem die jeweils aussetzende Mannschaft einen Kraftzirkel absolvierte, um nicht komplett zu erfrieren.

Reif für die Insel – auf nach Sylt

27. Juni 2011

Der An- und Verlauf des HSV bleibt auch an diesem Tag geschlossen. Keine neue Namen, keine Entlassungen keine Gerüchte. Und am Konditionstraining am Vormittag nahmen auch nur 13 Spieler teil. Der „Rest“ der Mannschaft absolvierte in den Arena-Katakomben wieder Fitness-Tests. Der Kontrast aber zum Vortag war riesig: Waren am Sonntag noch über 3500 Zuschauer da, sahen heute (Montag) lediglich sechs Kiebitze zu. Und am Dienstag geht es dann mit Sack und Pack auf die Insel Sylt. Konditions-Trainingslager. Ob die Spieler dann immer noch begeistert sind? Heute waren sie es, dann als die Einheit beendet wurde, gab es Applaus für Günter Kern, der die Übungen vorgab. Ohne Beifall zu spenden ging Mladen Petric in die Kabine, als er um 10.45 Uhr von seinem Lauf durch den Volkspark zurück war. Und, wer es ganz genau wissen will, wie es nun weitergeht: Am Dienstag ist Abfahrt mit dem Bus um acht Uhr, um 10.30 Uhr soll mit dem Zug „rübergemacht“ werden, und für 16 Uhr ist dann das erste Training angesetzt.

So, dann folgt heute die letzte „Folge“ meiner Trainer-Serie. Ab morgen, Dienstag, wird „Scholle“ vom Sylter Trainingslager berichten (ich bin entmachtet worden – für alle die sich über eine solche Nachricht freuen würden). Gekommen war ich zuletzt bis Huub Stevens. Wobei ich heute beim Training einen Rüffel „eingefangen“ habe, denn der Mopo-Kollege Simon Braasch sagte mir, dass er es so empfand, dass Stevens bei mir zu schlecht weggekommen sei. Fand ich eigentlich nicht.

Irgendwie ehrt es den netten Herrn Braasch sogar, dass er so etwas sagt, denn er hatte unter Stevens einmal ganz besonders zu leiden. Ich muss das schnell noch erzählen dürfen: Uefa-Cup-Spiel in Bergen, es ging gegen Brann (25. Oktober 2007, 1:0 für den HSV). Am Tag vor dem Spiel die offizielle Pressekonferenz der Uefa. Da sitzt dann ein Herr der Uefa in der Mitte, links und rechts von ihm die beiden beteiligten Trainer. Als der Gast, nämlich Huub Stevens, das Wort erhielt, waren nicht nur alle ganz Ohr, es waren auch mindestens drei, vier Fernsehkameras auf den HSV-Coach gerichtet. Und was erzählt Stevens? Er beginnt nicht etwa mit Fußball, nein er sagt – in seiner typischen und knurrigen Art: „Hey, Junge, hast du kein Benehmen? Wir sind hier im Ausland. Da hat man seine Kappe abzusetzen. Also, benimm dich gefälligst.“

Mit „hey Junge“ war Braasch gemeint. Andere Kollegen lachten, aber Braasch blieb standhaft. Schließlich ist Stevens nicht sein Vater, auch nicht sein Erziehungsberechtigter, schon gar nicht sein Chef. Die Kappe blieb dort, wo sie war, auf dem Kopf des Mopo-Reporters. Eisern. Aber dieses „hey Junge“ von Stevens, das ist bis heute ein geflügeltes Wort unter den Hamburger Print-Journalisten geblieben. Und, um auch das noch anzufügen: Einige hatten noch bis vor kurzem einen ganz eigenartigen Klingelton, nämlich ein herzhaftes Lachen von Stevens. Und um diese aufnehmen zu können, mussten sie nicht mal mit dem Coach zum Lachen in den Keller gehen – es ist eben mal so passiert. Kann ja mal passieren.

So, nun aber zu Martin Jol. Er folgte zur Saison 2007/2008 auf Huub Stevens. Verrate ich eigentlich ein Geheimnis, wenn ich nun schreibe, dass sich beide Herren nicht gerade „grün“ waren? Und das ist noch geschmeichelt ausgedrückt. Ihr Unverhältnis rührte noch aus niederländischen Zeiten her, hatte also nichts mit der Bundesliga zu tun, er recht nichts mit dem HSV.

Ich habe ja bis heute den Verdacht, dass aufgrund dieser beiderseitigen Abneigungen gewisse Personalien auch „geklärt“ wurden. Jol wollte einfach etwas anders machen als Stevens. Letzterer hatte Jerome Boateng zum Stammspieler gemacht, dafür aber den „kleinen Dribbelkünstler mit dem begnadeten Schussverhalten“ etwas lässig “abserviert“, nämlich auf die Bank gesetzt. Als Jol dann mit einem Trainingslager in Längenfeld (Österreich) begann, da hatte Piotr Trochowski noch EM-Sonderurlaub. Er hatte zwar nicht einen EM-Einsatz gehabt, aber er hatte Urlaub. Und Jol setzte schon zu jener Trochowski-Urlaubszeit voll auch den „kleinen Dribbelkünstler“. In Längenfeld sagte er, ohne jemals einmal Trochowski in einem Training gesehen zu haben: „Er ist aktueller deutscher Nationalspieler, er ist EM-Teilnehmer, deswegen baue ich natürlich auf ihn. Das ist für mich keine Frage.“

Auf der anderen Seite „maulte“ aber ab sofort Boateng, denn der hatte einen unglaublich schweren Stand bei Jol. Der Trainer warf ihm „Schwerfälligkeit“ vor, deswegen saß der Abwehrspieler auch oft draußen. Während, ich muss es noch einmal loswerden, der „kleine Dribbelkünstler“ nicht nur Stammspieler wurden, sondern wohl auch sein bestes halbes Jahr für den HSV spielte. Allerdings war es wirklich nur eine halbe Saison. Dann sortierte auch Jol Trochowski aus, entzog ihm das Vertrauen. Warum, wieso, weshalb? Mir wurde es nicht erklärt, „Troche“ selbst auch nicht, aber ich bin ganz sicher, dass hier 80 Prozent genau wissen, warum all das geschah . . .

Mein Verhältnis zu Martin Jol, das muss ich sagen, war sehr gut. Irgendwie schwammen wir (fußballerisch) auf einer Wellenlänge. Ich bin auch bis heute der Meinung, dass er sein sehr guter Trainer ist, mit allen Wassern gewaschen, ihm macht keiner etwas vor. Wenn man, diese kleine Einschränkung muss ich machen, wenn man ihn machen lässt. Was beim HSV aber nicht wirklich gut der Fall war. Jol verstand sich nicht wirklich gut mit Dietmar Beiersdorfer. Diejenigen, die nun jubeln, die werden das Folgende nun aber nicht so gerne lesen: Jol verstand sich auch nicht gut mit Bernd Hoffmann. Er, Martin Jol, hat es mir einmal erklärt: Waren alle drei Herren gemeinsam versammelt, dann herrschte eine seltsam angespannte Atmosphäre. War Jol aber mit einem Vorstandsmitglied allein, war alles, schien alles in Ordnung. Aber das war eben nur oberflächlich.

Da hier nicht wirklich alle an einem Strang zogen, musste auch dieses Unternehmen (HSV/Jol) scheitern. Und es scheiterte ja auch prompt.

Noch heute bin ich aber der Meinung, dass nicht Jol den HSV verließ, sondern dass er, Martin Jol, vom HSV verlassen wurde. Ich habe es hier ja schon geschrieben, wie damals die Sache mit dem Abgang zu Ajax Amsterdam lief (kann alles nachgelesen werden), deswegen will ich es nicht mehr wiederholen, aber wenn das keine „Entlassung“ war, dann habe ich jahrelang im falsche Film mitgespielt. Wobei es natürlich auch in diesem Fall 80 Prozent an Usern gibt, die es natürlich viel besser wissen – als ich. Obwohl ich damals noch am selben Tag seines Abganges von ihm selbst ganz genau und ganz ausführlich ins Bild gesetzt worden bin.

Nachfolger von Jol wurde dann Bruno Labbadia. Über jenen Herren habe ich hier oft genug schrieben, deshalb erspare ich mir jegliches Wort. Nur eines: Müsste ich eine Liste der HSV-Trainer erstellen, so wäre Bruno Labbadia mein persönliches Tabellenschlusslicht. Und Ende. Ihm folgte Armin Veh, der ganz sicher auch nicht fehlerfrei war, der aber das Pech hatte, eine Mannschaft übernehmen zu müssen, die „untrainierbar“ war. Soll heißen: Diese Truppe wollte nicht in der Lage sein, einen „richtige“ Mannschaft zu werden. Deshalb musste Veh so scheitern, wie er dann gescheitert ist. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie er das nun mit Eintracht Frankfurt hinbekommen wird.

Ein anderes Thema: Heute sprachen wir mit einem HSV-„Neuling“. Mit Romeo Castelen. Also mit jenem Flügelflitzer, der seit 2007 HSV-Profi ist, der auch 15 Bundesliga-Spiele für den HSV absolviert hat, der es auch auf zehn Länderspiele für die Niederlande (ein Tor) gebracht hat, der aber schon eine gefühlte Ewigkeit nicht mehr für den HSV gespielt hat. Weil er drei Knie-Operationen rechts hinter sich hat, und eine links (August 2010). Nun hofft „RC“ wieder. Er macht zurzeit alles mit, und er träumt von seinem Comeback. Seinen letzten Einsatz für den HSV hatte Romeo Castelen, der einer der nettesten Profis aller Zeiten ist, am 23. August 2009 in Wolfsburg. In dieser Partie war er in der 68. Minute für den „kleinen Dribbelkünstler“ (da ist er schon wieder!) gekommen – und erzielte beim 4:2-Sieg sogar ein Tor. Alles schien an diesem Tag wieder bestens, aber dann begann der Leidensweg, sein Leidensweg wieder einmal von vorn.

Das Wolfsburg-Tor, sein Wolfsburg-Tor sieht Romeo Castelen noch heute jeden Tag. Er hat es als Poster in seinem Eingang daheim hängen, er kommt also nie dran vorbei. Obwohl es schon wieder so lange her ist – an diesem Tag war wirklich restlos glücklich und zufrieden. Ein Zustand, der nicht lange anhielt, denn nur Tage später war er wieder schwer verletzt. Ich habe den erst 28-Jährigen gefragt, ob er bei all diesen grausamen Rückschlägen nicht auch schon mal ans Aufhören gedacht hat? Seine Antwort: „Das kam mir vielleicht einige Male ganz schnell in den Kopf, aber das war auch ebenso schnell wieder draußen. Der Wille, wieder Fußball zu spielen, der ist so groß, und ich bin kein Typ, der schnell das Handtuch schmeißt. Ich gebe jetzt noch einmal alles, denn das ist wichtig für mich, denn dann weiß ich, dass ich wirklich alles für mein Comeback getan habe. Falls es dann nicht klappen sollte, dann ist es eben so, aber im Moment gebe ich ganz einfach nur alles, um noch einmal wieder zu kommen.“ Und er ergänzt: „Für Leute, die das von außen betrachten, ist es natürlich schwieriger. Die werden es wohl auch kaum begreifen, dass ich es noch einmal versuche, aber mir hilft mein Glaube. Der ist tief in mir drin, der ist so stark, der wird mir bei diesem Kampf helfen, der wird auch dafür sorgen, dass ich es noch einmal schaffe. Das ist für mich auch der einzige Weg, dass das noch einmal klappt.“

Ich drücke ihm dabei die Daumen, und ich bin sicher, dass viele, viele HSV-Fans das ebenfalls tun werden. Weil sie es bislang auch schon immer getan haben.

PS: Der HSV beginnt an diesem Dienstag mit dem Kartenvorverkauf für die große Saisoneröffnungs-Party am 2. August in der Imtech-Arena. Zum ersten Auftritt des neuen HSV-Teams vor den eigenen Fans empfängt die Mannschaft von Trainer Michael
Oenning im Rahmen des “Summer of Champions” mit dem FC Valencia einen internationalen Top-Verein. Anstoß der Partie ist um 19.15 Uhr. Die Tickets sind ab Dienstag im HSV Service-Center und telefonisch (01805-478 478) erhältlich. Ab Donnerstag (30. Juni) gibt es die Karten dann auch im Online-Shop (www.hsv.de).

Und einen habe ich noch, quasi ein kleiner Nachtrag zum Tobias-Homp-Abschiedsspiel (Sonnabend). Da hatte ich ja berichtet, dass der Vorsitzende des Schleswig-Holsteinischen Fußball-Verbandes, Hans-Ludwig Meyer, eine Rede gehalten hatte. Dass er nicht mit leeren Händen gekommen war, hatte ich unterschlagen. Meyers Spruch lautete in etwa so: „Der Onkel, der mit Geschenken kommt, ist beliebter als die Tante, die Klavier spielen kann.“ Er überreichte Homp einen Fußball und, nun kommt es, zwei Eintrittskarten für ein WM-Spiel. Ein WM-Spiel in Wolfsburg. Brasilien gegen Norwegen. Der Knüller. Dieser „Onkel“ machte sich in der Tat beliebt.

Und noch einen Satz in eigener Sache muss ich loswerden: Viele (nein, einige) hatten mich am Sonntag beim Trainingsauftakt vermisst. Und in der Tat bin ich bei den 3500 `Fans auch nicht untergegangen, sondern war wirklich nicht auf der Anlage. Das lag nicht etwa am zu harten Scooter-Konzert vom Vorabend (das war einfach nur erste Sahne!). Der wahre Grund: Im Februar bin ich zum ersten und bislang einzigen Mal Opa geworden (Frau M. wurde Oma), und an diesem Sonntag war Taufe – der Termin stand seit Monaten fest. Und da der HSV seinen Trainingsauftakt partout nicht verlegen wollte, musste ich der Veranstaltung im Volkspark ganz einfach fern bleiben. Ich hoffe, dass ich dafür nachträglich Euer Verständnis habe. Wenn nicht, so darf ich denen, die jetzt mit mir schimpfen, sagen, dass ich die Tauf-Feierlichkeiten dann doch früher als geplant verlassen habe, um für „Matz ab“ da zu sein. Allzeit bereit – wie die Pfadfinder. Aber eben alles zu seiner Zeit. Erst die Feier, dann die Arbeit. Mann muss auch Prioritäten setzen dürfen.

Eines muss ich jetzt, wo es auf 21 Uhr zugeht, einmal aufklären. Mit meiner Entmachtung habe ich mir einen kleinen Scherz erlauben wollen – ist offenbar ein wenig schiefgegangen. Sorry, ich entschuldige mich dafür. In aller Form. Zur Aufklärung: Mittlerweile erhalte ich täglich zwischen 30 und 50 Mails auf mein privates Postfach. Ich habe es wohl zu oft auch jenen Mennschen zugänglich gemacht, die nicht so ganz auf meiner Wellenlänge liegen. Das war ein großer Fehler, denn ich werde nun “zugemüllt” – in jeder zweiten Mail steht, was natürlich kaum einer weiß, wie unfähig wir sind, Scholle und ich. Grüß-Gottle lebt, kann ich nur sagen. Es wird sehr oft meine Ablösung gefordert, deswegen wollte ich jene Menschen einmal eine kleine Freude machen.
es ist leider in die falsche Richtung gelaufen, denn es haben mich viele besorgt angerufen und besorgt angemailt. Sorry, sorry, sorry.
Niemand muss Angst haben, ich bin nicht entmachtet worden, ich werde es auch nicht. Ich reise mit zum Trainingslager ins Zillertal – das nenne ich brüderlich (oder auch kollegial) geteilt. Hier Scholle, da ich.
Und noch eines: Ich bin nicht dünnhäutig, bin es auch nicht geworden, im Gegenteil, heute kann ich mich über diese Flut von Mecker-Mails echt totlachen. Es ist so! Ich lasse das gar nicht mehr an mich ran, also auch in diesem Punkt null Probleme, macht Euch keine Sorgen, alles ist gut.

Und wen ich hiermit nun wieder genervt habe, dem muss ich sagen: sorry. Es musste aber sein, weil einige (viele) Matz abber einfach nur besorgt waren.
Kommt nicht wieder vor, verspreche ich hiermit hoch und heilig.

17.18 Uhr (ergänzt um 20.52 Uhr)

Möhlmann und das eiserne Tor

14. Juni 2011

Wie erwartet: Jeffrey Bruma (19) wird in der neuen Saison den HSV verstärken, auch wenn die Unterschrift noch nicht geleistet worden ist – aber sie ist nur noch eine Formsache. Und auch das ist wie erwartet eingetroffen: Macauley Chrisantus wird vom Zweitliga-Klub FSV Frankfurt ausgeliehen. Der 20-jährige Stürmer war zuletzt zwei Jahre an den Karlsruher SC ausgeliehen – und beim Schreiben genau dieses Sachverhaltes beginne ich mit dem Grübeln: Der Kerl ist 20 Jahre jung. 20. Und er kam vor drei Jahren nach Hamburg, um HSV-Profi, vielleicht auch umjubelter Torjäger zu werden. Er kam aus Nigeria. Wie muss sich ein Knabe fühlen, der an der Elbe „abgesetzt“ wird, weder Land noch Leute noch den HSV kennt, der dann nur ein Mitläufer der Bundesliga-Mannschaft ist und total an den Rand gedrängt wird, der ein Jahr danach in Karlsruhe geparkt – und nun nach Frankfurt abgeschoben wird? Ganz so fröhlich ist das Profi-Leben dann offenbar doch nicht – zumindest dann nicht, wenn sich nicht irgendwann auch mal der Erfolg einstellt. Aber elf Tore in 48 Zweitliga-Spielen, das ist ja dann auch keine überragende Quote. Immerhin aber muss der HSV ja noch die Hoffnung auf eine Chrisantus-Explosion haben, denn der Vertrag mit dem U-17-Weltmeister wurde ja gerade bis 2013 verlängert. Wie heißt es so schön: „Eine Investition in die Zukunft“.

Und Jeffrey Bruma? Nach Michael Mancienne, Jacopo Sala und Gökhan Töre der vierte Mann vom FC Chelsea. Oder der fünfte, nimmt man Sportchef Frank Arnesen mit in diesen Kreis auf. Ich habe heute mit einem wirklich Großen des HSV gesprochen, der aber kein offizielles Gespräch mit mir führen wollte. Der äußerte aber arge Bedenken, ob der HSV mit seiner jetzigen Einkaufspolitik den richtigen Weg betreten hat. Der Alt-HSVer sagte mir, dass es zu Kaltz-, Kargus- und Memering-Zeiten zwar geklappt habe, dass der HSV damals von der jungen Generation bis hin zu Meisterschaften profitiert habe, aber er gab auch zu bedenken, dass es sich bei diesen Talenten um ausschließlich deutsche Spieler gehandelt habe. Auch deshalb konnte sich damals viel schneller eine Mannschaft finden – die ein echtes Team wurde. In der heutigen Konstellation aber dürfte dieses Unterfangen doch ein wenig schwieriger werden, das hat doch die Vergangenheit deutlich gezeigt, als viele, viele HSV-Trainer vergeblich versuchten, aus einem Kader mit einigen Stars eine Einheit zu formen . . .

Was ich schade finde: Deutschland war in der jüngsten Vergangenheit überall Europameister. U und U und U und so weiter. Überall Meister. Und wo spielen die deutschen U-Spieler heute? Okay, Jerome Boateng war mal da, und Dennis Aogo ist noch da, Änis Ben-Hatira auch – aber sonst? Von den erfolgreichen und meisterlichen U-Mannschaften darunter? Unterhalb der deutschen U-21-Mannschaft? Gebe ich nur mal so in die Runde. Wobei der HSV ja immer noch eine sehr gute Adresse im Fußball ist, in Deutschland und in Europa. Aber vielleicht wird es ja jetzt alles besser, wo Bastian Reinhardt das Sagen in Ochsenzoll übernimmt (der Schweizer Paul Meier, noch von Urs Siegenthaler installiert, wird wohl gehen müssen) – und dabei die Aufgabe hat, jene Hürden, die ein Talent auf dem Weg zur Profi-Mannschaft zu nehmen hat, aus dem Wege zu räumen. Ich bin gespannt, ich drücke dem „Basti“ aber auch die Daumen, denn in diesem Punkt hat der HSV riesigen, riesigen Nachholbedarf. Ach was, Nachholbedarf, in diesem Punkt bin ich total sauer auf den HSV. Nachholbedarf? Das trifft es doch nicht! Die fangen doch Jahr für Jahr wieder bei Null an. So sieht das doch aus – in der Realität. Wenn Uwe Seeler zuletzt (im Abendblatt-Interview) die HSV-Trainer-Situation als „Katastrophe“ bezeichnet hat, dann nenne ich das, was sich seit Jahrzehnten in Ochsenzoll abspielt, ebenfalls eine „Voll-Katastrophe“. Amateurhaft ist das alles. In dem Punkt gebe ich dem Ex Bernd Hoffmann absolut Recht: „Geldvernichtungsmaschine.“

Bevor ich mich aber nun in Rage schreibe, komme ich doch lieber zur Trainer-Serie.

Am 23. September 1992 wurde Benno Möhlmann HSV-Trainer (als Nachfolger von Egon Coordes). Und wo ich gerade bei Talenten bin: In dieser Saison (92/93) gab es auch einige junge Leute, die voller Hoffnung verpflichtet worden waren: Lässig (Hansa Rostock), Bormann (Langelsheim), Schneider (Fürth), Woodring (Wiesbaden), Möller (SV Lurup), einige Zeit später auch Riccardo Baich (eigener Nachwuchs). Und? Wer erinnert sich noch? Diese Namen traten auf jeden Fall nicht den Weg von Kargus, Kaltz, Memering und Co an . . .

Möhlmann führte den HSV auf Platz elf, dann auf Platz zwölf, 1994/95 auf Rang 13. Auch eine Art von Kontinuität. Ich hatte trotz allem kein schlechtes Gefühl bei ihm, denn Benno Möhlmann war schon als Spieler ein erklärter „Liebling“ von mir. Kein Flachs, Möhlmann stand in meiner Gunst ganz oben, gemeinsam mit Jürgen Klopp (Mainz 05). Beide waren für mich in etwa gleiche Spielertypen: Die gaben während der 90 Minuten immer alles, die kämpften, kloppten, grätschten, rissen sich den Hintern für die Mannschaft auf – ohne groß zu glänzen. Möhlmann (auch Klopp) – der perfekte „Wasserträger“. Deswegen schätzte ich den neuen HSV-Trainer auch so.

Auch als Coach blieb er seiner Linie treu. Möhlmann ackerte emsig, aber wenn er damals gefragt worden wäre, dann hätte er sicher auch gesagt: „Der Star ist die Mannschaft.“ Der frühere Bremer arbeitete akribisch, still und leise vor sich hin. Und er war immer ehrlich, auch da ist er seiner Linie treu geblieben. Ich weiß noch genau, als ihn damals ein Kollege der Bild gesagt und gefragt, warum er dies so und jenes dann so gemacht habe, antwortete: „Mensch, ich weiß doch auch noch lange nicht alles, ich mache diesen Job zum ersten Mal, ich muss noch viel lernen . . .“ Stimmte ja, aber sagt trotz allem nicht jeder Trainer. Oder besser: kaum einer.

Dass Benno Möhlmann einem Spieler wie Harald „Lumpi“ Spörl mal vor das Schienbein trat, um ihn in der Halbzeitpause eines Bundesliga-Spiels aufzuwecken, dass hätte ich zwar nie für möglich gehalten, aber irgendwann platzt offenbar auch bei einem noch so reservierten Menschen der Kragen. Das war im Oktober 1993. Bei Spörl war das für Möhlmann wahrscheinlich auch ein wenig leichter, denn als HSV-Spieler hatten sie sich zuvor jahrelang bei Auswärtsreisen ein Hotelzimmer geteilt. Da lernt man sich dann doch so gut kennen, dass man dem Kollegen auch mal vor das Bein treten kann/darf. Oder auch mit Entlassung drohen darf. Wie das ein halbes Jahr später geschah, als Möhlmann nochmals mit dem „Lumpi“ aneinander geraten war. Aber sie vertrugen sich auch nach dieser etwas lauteren Unterhaltung dann doch wieder . . .

Das mit dem Vertragen war aber so seine Sache. Benno Möhlmann war der erste Mann (Spieler/Trainer), der mir das Du wieder entzog. Mir und dem Mopo-Kollegen Buttje Rosenfeld. Dem Kollegen der Bild übrigens nicht, obwohl der HSV-Trainer damals quer über eine ganze Seite gelegt worden war: links der Kopf von Möhlmann, rechts der Kopf von Möhlmann. Und dazwischen eine Wurst. Darüber stand: Bratwurst-Benno.

Ich war, das gebe ich zu, nach dem entzogenen Du noch Jahre sauer. Weil ich für mich dachte: wenn, dann alle. Aber da machte der HSV-Coach dann doch eine Verbeugung. Vor der größten Zeitung. Wobei Möhlmann fortan nur in der dritten Person mit mir sprach. Er vermied jenes „Sie“, was er mir ja aufgezwungen hatte, strikt. Ich habe aber noch Jahre danach, wenn wir uns über den Weg liefen, „Sie“ und „Herr Möhlmann“ gesagt. Bis zu einem Hallenturnier von Horst Peterson, dem Ratsherrn-Cup in Hamburg. Damals startete Greuther Fürth in Alsterdorf, Trainer war Benno Möhlmann. Und als ich in den VIP-Raum kam, standen dort der Fürther Coach und St. Paulis Holger Stanislawski und Andre Trulsen. Beide „Braunen“ begrüßten mich so, wie es unter alten Freunden üblich ist – Möhlmann dann auch. Er nahm mich in den Arm und sagte: „Dieter, Mensch, du immer noch dabei . . .“ Da mochte ich dann nicht mit einem eiskalten „Sie“ ja auch antworten, also waren wir ab diesem Tag wieder per Du.

Der Höhepunkt der Möhlmannschen Erfindungen war allerdings nicht das Du und das Sie. Das war dann doch der verrammelte HSV-Trainingsplatz. Weil der gute Benno die Nase voll davon hatte, dass die Journalisten, die ihn immer so heftig kritisierten, ihm kostenlos beim Training zusehen konnten, ließ er auf Höhe Tennishalle in Ochsenzoll kurzerhand eine eiserne Tür installieren: Eintritt verboten! Der HSV – vor allem Möhlmann – wollte nur noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren. Was natürlich die Presse in Alarmstimmung versetzte – und die Rentner, die täglich als Kiebitze in Ochsenzoll dabei waren. Die Presse konnte so viel protestieren wie sie wollte, sie blieb draußen. Die Rentner aber, die ließen sich nicht so leicht abschütteln. Das heißt, sie ließen sich gar nicht abschütteln. Sie standen jeden Morgen vor dem Tor – und bettelten den Trainer an. Und der erhörte die „Jungs“, sie durften – quasi handverlesen – mit rein. Wer von der Rentner-Gang pünktlich war, der schlenderte mit den Spielern Richtung Platz, danach fiel die Tür zu, wurde abgeschlossen – und alle anderen Fans (und Journalisten) durften bis zum Trainingsende warten. Obwohl: Einige Kollegen von mir schlug es in die Büsche außerhalb des HSV-Geländes und konnten so von dort zusehen. Not macht erfinderisch.

Für Benno Möhlmann war dann am 5. Oktober 1995 das Ende der Fahnenstange erreicht, dann löste ihn Felix Magath ab. Es hatte bis zu diesem Zeitpunkt in acht Spielen zwar nur zwei Niederlagen gegeben, aber auch keinen Sieg. Deswegen erfolgte der Wechsel des Trainers, Magath war bis dahin der Assistent von Möhlmann gewesen. Und mit Magath kam der HSV in er Endabrechnung auch noch auf Rang fünf.

Darüber aber demnächst mehr.

18.25 Uhr

Verdient verloren

7. Juli 2010

Rolle rückwärts. Leider. Aber wenn ich nach dem 4:0 gejubelt habe ohne Ende, dann muss nach einer völlig verdienten Niederlage auch ganz sachlich festgestellt werden: Spanien war ein verdienter Sieger.

Deutschland ist vom Anpfiff an nicht ins Spiel gekommen. Das Fünfer-Mittelfeld der Spanier war dominierend, die DFB-Spieler hechelten immer nur der Musik hinterher. Manchmal hatte man das Gefühl, als stünden da zwölf Spanier auf dem Rasen, manchmal sogar 13. Es gab immer eine Anspielmöglichkeit für sie.

Auch deshalb, weil es in der deutschen Mannschaft einige Spieler gab, die nicht annähernd ihre normale Leistung gebracht haben. Für mich stand da an erster Stelle der ehemalige Hamburger Jerome Boateng, der höchst selten mal einen Zweikampf gewann, der kaum eine Flanke unterbinden konnte – der einfach viel zu passiv war. Auffällig zudem, dass er als Rechtsfuß kaum einmal etwas mit dem linken Bein machen konnte.

Sein Ersatzmann war der Hamburger Marcell Jansen, und der war wesentlich besser als sein Vorgänger. Auch wenn ihm nicht alles gelang, so war Jansen in der Schlussphase noch einer der auffälligsten Deutschen. Dass er nach dem Schlusspfiff seinen Mitspielern vehement erklären wollte, woran es gelegen hat, das war nicht untypisch für ihn – so ist Marcell Jansen ganz einfach. Ich denke (natürlich ist man hinterher immer schlauer), dass die deutsche Mannschaft von Beginn an mit Jansen ein besseres Spiel gezeigt hätte. Weil auch von Boateng gar nichts nach vorne kam – von Jansen später sehr wohl.

Reiz-Thema Piotr Trochowski. Ich will nur meine Meinung sagen, damit keineswegs provozieren, aber: Für mich hat „Troche“ in der ersten Halbzeit keinen einzigen Fehler gemacht. Und er verhielt sich geschickt am Ball, verteidigte die Kugel auf engstem Raum, lag bei seinen Abspielen immer richtig – und schoss wenigstens einmal auf das spanische Tor. Dann aber, mit dem Wiederanpfiff, klappte kaum noch etwas. Wieso, weshalb, warum? Ich habe keine Erklärung dafür. Ich habe nur minütlich mit seiner Auswechslung gerechnet – und die kam dann auch prompt.

Allerdings: Trochowski ging mit bedrückter Miene, und die konnte ich sogar nachvollziehen. Neben ihm nämlich gab es zwei Spieler, die wesentlich schlechter waren als er: Mesut Özil und Lukas Podolski. Beides für mich Ausfälle, die größte Enttäuschung Podolski. Symptomatisch für sein Spiel: Sekunden nach dem Schlusspfiff lachte er schon – mit dem Trikot eines Spaniers in der Hand. Stimmt schon, „Poldi“, man muss auch mal vergessen können. Und wenn es nur Sekunden dauert, dass man trauert.

Özil war erst in den letzten zehn Minuten zu sehen. Was mir bei ihm auffiel: Er spielte wie Messi. Genau sogar. Dribbling nach vorne, Ballverlust – stehen bleiben. Nach hinten hat der Bremer so gut wie nichts getan. Und weil er und Podolski da ihren größten Schwächen hatten, konnten die Spanier im Mittelfeld nach Belieben kombinieren, es waren ja kaum deutsche Spieler da (außer Khedira und Schweinsteiger), die dort noch störten.

Mit Unverständnis habe ich den letzten deutschen Wechsel zur Kenntnis genommen: Mario Gomez kam für Khedira. Wieso Gomez? Der hatte nun bis dahin in jedem Kurz-Einsatz maßlos enttäuscht. Wieso er? Und wieso nicht Cacau? Aber ich will gar nicht groß an Bundestrainer Jogi Löw herum nörgeln, es war einer seiner wenigen Fehler bei diesem Turnier.

Pech war ja auch, dass Thomas Müller fehlte, denn er war bislang nicht nur eine echte Waffe, er war DIE deutsche Waffe. Und noch einmal Pech für Deutschland war, dass Spanien ausgerechnet im Halbfinale wieder zur normalen Leistung zurück gefunden hat. Zuvor haben sie nur „rumgegurkt“, diesmal spielten sie ganz, ganz feinen Fußball, ideenreich, schnell und unheimlich kombinationssicher. Pech für Deutschland.

Dennoch muss ich sagen: Diese DFB-Auswahl hat zuvor viel für das Images des deutschen Fußballs getan, der deutsche Fußball hat wieder ein Stellenwert gewonnen. Ich bin ohne große Hoffnungen in diese WM gegangen, ich hatte das Achtel- oder auch das Viertelfinale als Endstation gesehen, aber es gab diese großen und begeisternden Siege gegen England und Argentinien – das waren die wahren Ausrufezeichen dieser Weltmeisterschaft. Da stand plötzlich eine Mannschaft auf dem Rasen, die sich einig war, die miteinander spielte, die willensstark zur Sache ging, und die vor allem spielerisch für viele Glanzpunkte dieses Turniers sorgte.

Deutaschland war einfach klasse in Südafrika. Und sollte es am Sonnabend im Spiel um Platz drei eine Niederlage gegen Uruguay geben, so könnte ich auch damit leben. Unter die ersten vier bei einer WM zu kommen, das ist schon etwas. Uruguay war übrigens schon 1970 der Gegner um WM-Platz drei. Damals waren die Südamerikaner 90 Minuten lang so überlegen, wie Spanien heute – aber Deutschland gewann durch ein Tor von Wolfgang Overath unverdient mit 1;0.

PS: Sonnabend rechne ich fest mit dem ersten WM-Einsatz von Dennis Aogo. Und dann hat der HSV eine ganz, ganz starke WM gespielt.

Gute Nacht. Und nicht zu traurig sein.

23.33 Uhr

Ein Pechvogel, ein Unglücksrabe – und ein Zehner

7. Juli 2010

David Jarolim war für mich der Spieler des Vormittags. Nicht weil er plötzlich ein Tor nach dem anderen schoss, das ging auch nicht, denn: Fußball gespielt wurde gar nicht. Stattdessen gab es viele blaue Medizinbälle zu sehen. Mit ihnen wurde in allen Formen geworfen und geschleudert. Und als die Dinger dann abgelegt wurden, jonglierte Jarolim damit. Genau so, als hätte er einen Fußball auf dem Spann – sehenswert. Wie im Hansa-Theater. Ihm am nächsten kam Paolo Guerrero, Bronze ging an Romeo Castelen.

Um 10.58 Uhr gab es dann einen weniger schönen Zwischenfall. Torwart Radoslav Drobny, der gemeinsam mit Frank Rost und Wolfgang Hesl von Keeper-Trainer Ronny Teuber bewegt wurde, humpelte plötzlich in Richtung Kabine. So heftig, dass von den Autogrammjägern keiner wagte, um eine Unterschrift zu bitten. Nur ein Fan kannte keine (Drobny-) Schmerzen, er bat um ein gemeinsames Foto – und der neue HSV-Torwart machte gute Miene zum bösen Spiel. In der Kabine wurde dann Minuten später eine blutende Wunde an der Hüfte sowie ein Bluterguss festgestellt. Das fängt ja gut an.

Keinerlei Verletzung hat zurzeit Romeo Castelen. Der 27-jährige Flügelflitzer hat eine lange, lange Leidenszeit hinter sich, er hatte es mit Knie- und Adduktoren-Verletzungen zu tun, trainiert nun aber schmerzfrei mit – und hofft darauf, dass er den Hamburger endlich mal in einem längeren Zeitraum zeigen kann, wie gut er eigentlich ist.

Erst 15 Bundesliga-Einsätze hat Castelen für den HSV bestritten, obwohl er im Sommer 2007 nach Hamburg gewechselt war. Sein Vertrag läuft noch ein Jahr, und in diesem einen Jahr soll nun auch der Knoten bei ihm platzen. Zehn Länderspiele hat er einst für die Niederlande bestritten, er wäre eventuell in Südafrika dabei, wenn er nicht so häufig verletzt gewesen wäre. Gerade in den vergangenen Tagen haben sie ihn von der WM angerufen, der Rafael van der Vaart, der Joris Mathijsen und der Eljero Elia. Sie haben sich nach seinem Gesundheitszustand erkundigt, und als er ihnen mitteilte, dass alles gut sei, da freuten sie sich alle mit ihm. Weil sie ihn alle schätzen und mögen.

„Pechvogel“ Romeo Castelen ist ein beliebter Mann. Im Kollegenkreis, und auch bei den HSV-Fans. Ich habe noch nie ein schlechtes Wort über ihn gehört. Und ich hoffe, dass es in Zukunft viel, viel Lob für ihn geben wird. Wenn er wieder Fuß fasst in dieser HSV-Mannschaft. Er wäre wie ein Neuzugang. „Ich freue mich für die Jungs, dass sie das WM-Finale erreicht haben, ich kenne sie doch alle, haben mit vielen gespielt. Dennoch, trotz aller Freude, ich denke im Moment nur daran, fit zu werden, für mich zählt nur der Verein, zählt nur der HSV“, sagt Castelen.

Am Sonntag, im ersten Testspiel dieser Saison in Leck, da hatte Romeo Castelen noch als einziger von 20 Feldspielern keinen Einsatz erhalten. Das war mit dem Trainer und der medizinischen Abteilung so abgesprochen: „Es tat mir nicht weh, dort zusehen zu müssen. Ich weiß, wohin ich kommen will, da wollen wir nichts überstürzen. Ich will mich in Ruhe vorbereiten, werde hart arbeiten, um wirklich wieder top fit zu werden.“ Er brennt darauf, sein Können nun allen zeigen zu können, vor allen Dingen den Zweiflern, die ihn schon abgeschrieben haben. Und er fühlt sich von Woche zu Woche besser, jedes Training bringt ihn voran. Castelen: „Jetzt muss die Fitness kommen, das Selbstvertrauen steigen und die Angst muss sich legen, die Angst davor, dass es wieder einen Rückschlag geben könnte.“ Und er sagt, fast klingt es ein wenig trotzig, auch noch: „Natürlich muss ich jetzt ein bisschen beißen, aber das mache ich auch.“

Wobei sich dieses Motto durchaus der eine oder andere HSV-Profi zu Eigen machen könnte, oder sogar sollte. David Rozehnal gehört dazu. Der Tscheche, der vor einem Jahr von Lazio Rom zum HSV kam, hat seit dieser Zeit 22 Bundesliga-Einsätze gehabt, konnte aber nie so richtig überzeugen. Auch hier bei „Matz ab“ scheiden sich die Geister. Vielen Usern war er zu teuer und ist er zu leistungsanfällig. Wenn es in der HSV-Abwehr Pleiten, Pech und Pannen gab, dann war Rozehnal nicht weit entfernt. Meistens war der „Unglücksrabe“ sogar mittendrin statt nur dabei. Und trotzdem sagt er: „Ich war mit meinem ersten Jahr in Hamburg nicht unzufrieden, aber das Ende war nicht gut für den HSV und auch nicht gut für mich.“

Die ersten sieben Monate in Hamburg bezeichnet er als gut. Und dann begann der stetige Absturz. Der 30-jährige tschechische Nationalspieler (59 Länderspiele) resümiert: „Wir hatten lange die Möglichkeit, uns für die Europa League zu qualifizieren, sogar die Champions League war drin, und auch der Gewinn der Europa League. Aber dann haben wir schlechter gespielt und standen plötzlich mit leeren Händen da.“ Für sich persönlich zieht er auch ein eher positives Fazit: „Für meine erste Saison beim HSV war das ganz okay. Es hätte natürlich auch besser sein können, aber ich bin ein wenig später zur Mannschaft gestoßen, und das hat es nicht gerade einfach für mich gemacht. Zudem war die Konkurrenz auch stark.“ Das Januar-Trainingslager in Belek (Türkei) hat er als Hilfe in eigener Sache empfunden. Da hat er die gesamte Vorbereitung mitgemacht – und er spielte: „Ich habe 13 Bundesliga-Spiele bestritten und bin in der Europa League zum Einsatz gekommen, das war gut für mich.“

Im Moment ist er sogar gesetzt, denn er ist der einzige Innenverteidiger. Joris Mathijsen ist in Südafrika, Jerome Boateng ist weg. Lachend sagt Rozehnal: „Das ist gut für mich . . .“ Dann wird er aber schnell wieder ernsthaft und sagt: „Mathijsen kommt wohl zurück, und der HSV wird wohl auch noch einen Innenverteidiger kaufen. Das ist aber kein Problem für mich, dann ist Konkurrenz da, davor habe ich keine Angst. Es ist gut für den Trainer und den Verein, wenn alle Positionen doppelt besetzt sind.“

Durch den Trainerwechsel haben sich seine Chancen wahrscheinlich verbessert. David Rozehnal sagt: „Alle fangen jetzt bei Null an, alle müssen sich durch gute Leistungen im Training und in den Testspielen für die Stamm-Mannschaft anbieten – das ist gut für den Trainer und gut für die Mannschaft, denn alle müssen die beste Leistungen bieten, müssen 120 Prozent bringen, wenn sie spielen wollen. Das kann nur ein Vorteil für uns sein.“ Er will „immer spielen“, und er will mithelfen, dass der HSV in dieser Saison die Ziele erreicht. Er will international spielen („Die Europa League hat Spaß gebracht“), und er setzt sich dafür auch unter Druck. Er will mehr Erfolg für sich und den HSV: „Ich will etwas gewinnen.“

Wer will das nicht? Höchst wahrscheinlich will das auch Paolo Guerrero. Er wollte Hamburg eigentlich verlassen, weil das Gehalt nicht angehoben wurde, aber dann kam der Kreuzbandriss dazwischen – und hat er doch mit dem HSV verlängert. Nach langem Kampf. „Ich weiß, dass einige Aufsichtsräte dagegen waren“, sagt Guerrero und wirkt leicht geknickt: „Aber ich werde ihnen zeigen, dass ich nicht so bin, wie ich von vielen eingeschätzt werde.“ Er ist ganz sicher nicht so aggressiv, wie er nach dem Flaschenwurf gegen einen Fan nach dem Spiel gegen Hannover 96 (0:0 am 4. April) dargestellt wurde. Ein Wurf, der ihm wohl sein Fußball-Leben lang anhängen wird.

Trainer Armin Veh hatte Guerrero einst (als Trainer des VfL Wolfsburg) auf seiner Einkaufsliste. Nun plant der Coach beim HSV eine neue Karriere für den Peruaner. Paolo soll in der zentralen Rolle im 4-2-3-1-System spielen. „Armin sieht mich auf der Zehn“, so der Angreifer, „hinter dem einzigen Stürmer.“

Neuer Trainer, neuer Vertrag, neue Vorgaben, neue Vorhaben. „In der letzten Saison lief nach dem guten Start so gut wie alles schief. Jetzt stehe ich vor dem Comeback, das ich Ende letzter Saison haben wollte“, sagt der 26-jährige Profi, der seine Vergangenheit abgehakt hat: „Ich habe eine ganz schlechte Zeit hinter mir, wie es jeder Fußballer mal durchmacht. Ich habe daraus gelernt. Auch dass es wichtig ist, Selbstvertrauen zu bekommen.“ Paolo arbeitet daran. Er hofft auf bessere Zeiten, der HSV hofft auf bessere Zeiten – und die Fans hoffen mit. Mit allen HSV-Spielern. Das hoffe ich einmal.

So, nun allen “Matz-abbern” einen wunderschönen und erfolgreichen Fußballabend – drückt die Daumen, drückt dieser jungen und starken deutschen Mannschaft die Daumen – und auch den HSV-Spielern, die zum Einsatz kommen werden.

17.55 Uhr

« Vorherige Einträge - Nächste Einträge »