Archiv für das Tag 'Bester'

Auch in der Kabine gab’s zu viel Misstrauen

4. Juni 2014

Ist er nun schon in St. Petersburg? Wie laufen die Verhandlungen mit Zenit? Wollen die Russen eine Millionen-Ablöse für ihn? Wann kommt also Dietmar Beiersdorfer wirklich zum HSV?

Gestern Vormittag, so hatte es den Anschein, herrschte keine Eile beim ehemaligen HSV-Sportchef. Besucher eines Cafes am Mittelweg konnten sich freuen über diesen ungewöhnlichen, vielleicht überraschenden Anblick: „Didi“ mit seinem früheren kongenialen, verhassten, umstrittenen, ein traumhaftes Pärchen bildenden Vorstands-Kollegen Bernd Hoffmann an der Seite. Es wurde gescherzt und gelacht – die ehemaligen Macher des HSV vereint – zumindest beim Latte macchiato.

Dass es eine berufliche Wiedervereinigung beim HSV geben wird, ist sehr unwahrscheinlich. Das liegt vor allem daran, dass der Vorstands-Posten neben Beiersdorfer für Joachim Hilke reserviert ist. Über Pfingsten, so heißt es, werden wir schlauer sein.

Was Joachim Hilke angeht, hat er vor etwa zweieinhalb Jahren ein vielbeachtetes Projekt angeschoben, nämlich eine weitreichende medizinische Zusammenarbeit mit dem UKE. Beide Seiten sollten davon profitieren. Der HSV wirtschaftlich und inhaltlich. Einerseits durch einen Pauschal-Vertrag, der die Kosten für die medizinische Betreuung der Profis verlässlich regelt, andererseits durch das Know-How der Klinik. Und auch das UKE hat sich von der Zusammenarbeit Einiges versprochen, das neue „Athleticum“ auf dem Klinik-Gelände wurde im Sommer 2012 eingeweiht – der HSV schien da als Werbe-Zugpferd gerade recht zu kommen.

Als Zwischenbilanz seither muss konstatiert werden, dass es zweieinhalb Jahre im Gebälk geknirscht hat, es immer wieder zu personellen Problemen und inhaltlichen Turbulenzen gekommen ist. Zuletzt hat der langjährige und anerkannte Physiotherapeut Stefan Kliche beim HSV gekündigt. Er ist nach der Neu-Orientierung des Vereins der letzte Mohikaner aus dem alten medizinischen Stab, der nun nicht mehr dabei ist. Neue Leute, neue Qualität? Die HSV-Profis, das ist die Beobachtung, lassen sich keinesfalls ausschließlich im UKE behandeln geschweige denn dort operieren.

„Es stimmt, dass es in diesem Bereich einige Diskussionen gegeben hat“, bestätigte Vereinschef Carl Jarchow. „Vielleicht ist das normal, wenn in ein bestehendes Team neue Elemente hineinkommen. Wir denken trotzdem, dass es ein gutes Konstrukt sein kann.“

Die ärztliche Betreuung ist ein ungeheuer sensibles Thema innerhalb eines Profi-Teams. Mit Gerold Schwartz, Oliver Dierk und Nikolaj Linewitsch hatte der HSV diesen Bereich vor dem UKE-Deal mit eigenen, direkt beim HSV angestellten Ärzten geregelt. Allesamt Fachkräfte, die teils hauptamtlich, teils neben ihrem Praxis-Betrieb in Hamburg als Mannschafts-Ärzte arbeiteten. Eine Reihe von Physios waren beschäftigt. Uwe Eplinius beispielsweise, mit dessen „Epi-Zentrum“ in Eimsbüttel zusammen gearbeitet wurde (die Zusammenarbeit mit Eplinius endete allerdings schon vor dem Deal mit dem UKE). Thomas Marquardt war über ein Jahrzehnt lang der Osteopath im Team, ein bundesweit bekannter Fachmann.

Übrig geblieben ist davon wenig bis nichts. Das UKE schickte seinen Facharzt Philip Catala-Lehnen zum HSV. Gleichzeitig wurden die Physios rund um die Profi-Fußballer nach und nach ausgetauscht. Dies führte zu erheblichen Verwerfungen innerhalb des bewährten Systems, die viel Unruhe nach sich zogen. Eine vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen „neuen“ und „alten“ Kräften stand auf tönernen Füßen. Dass die „alten“ extrem unzufrieden waren, ist ein offenes Geheimnis – insbesondere ging es um die fachliche Qualität des neuen Inputs aus dem UKE. Osteopath Marquardt hat vergangenes Jahr gekündigt, Physio Kliche vor einigen Wochen – beide nicht im Einvernehmen mit dem Vereins-Vorstand. In jedem Fall ist der Vorstand immer wieder umfänglich über die aufgetretenen Spannungen informiert worden. Kompliziert wird es, weil alle Mitarbeiter des „Medical Staff“ allerdings keine Verträge mehr mit dem HSV haben, sondern eben mit dem UKE. Insofern stießen Beschwerden beim Vereins-Vorstand gleichsam ins Leere.

„Ich muss allerdings betonen“, hält Carl Jarchow entgegen, „dass das UKE auch immer auf unsere Anmerkungen eingegangen ist.“ Nur eben nicht in Übereinstimmung mit den alten Kräften unten in der Kabine beim HSV.

Auch unter den Trainern war dies ein Thema. Thorsten Fink und Bert van Marwijk waren die Coaches, die davon in erster Linie betroffen waren. Mittlerweile hat ja auch das UKE reagiert. Catala-Lehnen ist nicht mehr beim HSV. Auf der Suche nach einem Mannschaftsarzt geht der Verein offenbar wieder auf den alten Weg zurück. Mit Michael Joneleit aus Offenbach wurde zwischenzeitlich ein Top-Mann, so heißt es aus Ärzte-Kreisen, gefunden. Nach einer kurzen Probezeit hat Joneleit nun aber abgesagt, weil er seine neueröffnete Praxis in Offenbach nicht allein lassen konnte. Joneleit steht zwar noch auf der HSV-Homepage, aber er wird den Posten nicht fortführen. Bleibt Michael Schillings, aber der Verein sucht für ihn noch Unterstützung. Übrigens auch als UKE-Angestellte.

Alles in allem, und deswegen schreibe ich diese flüchtigen Eindrücke aus dem Kabinen-Innenleben hier auf, spiegelt sich in der Entwicklung in der medizinischen Abteilung wieder, was wir in den vergangenen Jahren häufig bei Personal-Entscheidungen im Profi-Kader beobachtet haben. Trennungen verlaufen im Unguten, verdiente Kräfte fühlen sich mehr oder weniger verjagt. Auch dies, und das ist meine Quintessenz aus der Geschichte, trägt am Ende dazu bei, dass die Kicker auf dem Rasen keine optimale Leistung zeigen können.

Es soll hier nicht an der Leistungsbereitschaft dieses Teams um das Team gezweifelt werden – im Gegenteil. Jeder einzelne hat mit Sicherheit sein bestmögliches getan. Die beschriebenen Schwierigkeiten gehen von oben aus, indem eine Konstruktion installiert wurde, ohne das Ausmaß der Folgen zu übersehen. Jetzt wird repariert, Stück für Stück, damit in der neuen Saison auf diesem Gebiet mal Ruhe einkehrt. An der generellen Zusammenarbeit mit dem UKE, so viel scheint jedenfalls sicher, möchte der Verein nicht rütteln.

In den vergangenen Tagen war zu hören und zu lesen, dass auch im Bereich der direkten Team-Betreuung Veränderungen vorgenommen werden. Marinus Bester rückt wieder in die Geschäftsstelle, dafür hat Mirko Slomka einen Vertrauten mit in die Kabine geholt. Bleibt zu hoffen, dass im Herbst oder im nächsten Frühjahr nicht wieder eine Masse an Abfindungen gezahlt werden müssen…..

Gute Nachrichten gab es heute aber auch. So hat der Verein mitgeteilt, dass mittlerweile 20.000 Dauerkarten-Kunden ihr Saisonticket auch für die nächste Serie gebucht haben. Es bleibt also dabei: egal was mit dem HSV ist, die Treue auf der Tribüne bleibt bestehen. Bis zum 7. Juni haben die alten Dauerkartenkunden noch ihr Vorkaufsrecht, anschließend startet der Mitglieder- und dann der freie Verkauf.

Die Kollegen der „Bild“ haben heute noch einmal getwittert, dass der HSV das Rennen um Pierre Michel Lasogga noch nicht verloren gibt. Demnach will sich Sportchef Oliver Kreuzer noch einmal aufmachen, um dem Torjäger ein gutes Angebot zu unterbreiten. Aber ist Kreuzer überhaupt noch der richtige Ansprechpartner für Familie Lasogga? Wenn es stimmt, was Dieter hier gestern angedeutet hat – und es gibt wenig Grund daran zu zweifeln – dann könnte die Personalie Stieber zuletzt das endgültige Ende für Kreuzer einleiten.

Es wird ja darüber gemunkelt, dass der neue AG-Aufsichtsrat nicht unbedingt in Jubelschreie ausgebrochen ist, als er von der Verpflichtung Zoltan Stiebers erfahren hat. Ein 25 Jahre alter Zweitliga-Spieler, schon einmal in der Bundesliga (Mainz) gescheitert, für satte 1,2 Millionen Euro zum HSV – naja…. Aus Kreuzers Antrieb, Entschlossenheit und Handlungsfähigkeit im Sinne des Vereins zu zeigen, könnte ein persönlicher Rohrkrepierer werden, wenn die Personalie von den neuen Leuten – inklusive Dietmar Beiersdorfer – kritisiert wird.

Genau um solche Situationen zu umgehen und nicht beim möglichen nächsten Transfer erneut in die Zuständigkeits-Falle zu tappen, muss die Entscheidung über Beiersdorfer und sein Team schnell fallen.

Ein Thema möchte ich abschließend noch kommentieren. Bei den Beurteilungen über Dietmar Beiersdorfer fällt immer wieder das alte Klischee, er sei so zögerlich, könne sich nicht entscheiden, schiebe Entschlüsse vor sich her, sei nicht geeignet für ein klares, wenn nötig auch konfrontatives Wort. Allen, die dies so sehen, glaube ich versichern zu können, dass sie sich irren. Ich habe in den vergangenen Tagen viel mit Vertrauten von Beiersdorfer gesprochen, mich erkundigt unter Verhandlungspartnern, die er in den vergangenen Monaten hatte.

Beiersdorfer hat sich entwickelt. Das ist der einhellige Tenor. Wer sich behauptet in Salzburg unter einem Alleinherrscher wie Mateschitz ebenso wie in einer anderen Fußball-Kultur wie in St. Petersburg – soll bitte keiner behaupten, dort gebe es keinen Druck -, der ist von seiner Persönlichkeit auch für das Amt beim HSV gewappnet. Dort wo Oliver Kreuzers Schwächen einsetzen, wird Dietmar Beiersdorfer ganz sicher nicht weitermachen.

Für heute ein sportlicher Gruß von Lars

PS: Morgen, am Donnerstag, wird es ein “Matz-ab-live” geben. Kurz nach 18 Uhr werden einige Matz-abber mit Dieter über die vergangene Saison, über die Mitgliederversammlung vom 25. Mai und über die Aussichten bezüglich der neuen Saison diskutieren. Wir würden uns freuen, wenn Ihr einschalten würdet.

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