Archiv für das Tag 'Besic'

Mal wieder ein kleines Lebenszeichen . . .

25. Juni 2014

***Bitte beachten***
Dieser Artikel ist nur eine kleine und kurze Ergänzung, der zuvor von Lars Pegelow veröffentliche Bericht ist vom heutigen Tag aus Glücksburg und vom HSV – sehr lesenswert!

Ein ganz lieber „Matz-abber“ hat mich heute angerufen und gemeint, ich könnte doch mal wieder ein kleines Lebenszeichen von mir geben. Recht hat er, habe ich sofort gedacht, und mich „ans Werk“ gemacht. Wobei ich eines gestehen muss. Nein, zweierlei: Erstens bekomme ich immer noch viele Genesungswünsche per Mail, und zweitens, Asche auf mein Haupt, ja, wirklich viel Asche, denn ich habe mich immer noch nicht bei allen für ihre Grüße und Wünsche bedankt. Auf diesem Wege sei das nachgeholt, vielen Dank für Eure Unterstützung auf meinem Wege zur Besserung. Allmählich bekomme ich wieder Boden unter meine Füße, aber ich gestehe, ich habe mir das alles viel, viel leichter und einfacher und schneller vorgestellt. Im Krankhaus hatte ich noch gedacht, dass ich das auf einer A-Backe absitzen werde, aber da habe ich mich gewaltig getäuscht. Vor allem das Cortison (auch Kortison geschrieben, ich weiß) hat mich total umgehauen – ein Teufelszeug. Mit vielen, vielen Nebenwirkungen. Ich denke, dass ich zurzeit bei 70 Prozent bin. Aber es wird. Weil ich doch von Euch dabei unterstützt werde. Und von vielen Leuten, von denen ich es nie gedacht hätte, dass sie an mich denken. Toll, es ist einfach nur toll und grandios. Auch eine großartige Erfahrung für’s Leben.

Ich verfolge natürlich den Fußball weiterhin. Von der WM sehe ich nicht alles, aber vieles. Und den HSV verfolge ich natürlich auch. Allein per Telefon, weil mich die Leute anrufen und mit mir über die drei großen Buchstaben klönen wollen. Die meisten haben Angst, das muss ich zugeben, Angst davor, dass auch die kommende Saison so laufen könnte, wie die gerade abgelaufene. Mitunter, je nach Tagesform, teile ich diese Ansichten, obwohl mir eines – ganz eindeutig – auch Hoffnung auf bessere Tage und Zeiten macht. Eines – oder einer. Wenn ich so mitbekomme, dass Mirko Slomka im Training ganz schön anzieht, dann freut mich das ungemein. Der Mann hat es erkannt, woran das Dilemma Nummer eins des HSV liegt, gelegen hat. Dieses C-Jugend-Training all die Jahre, das hat den HSV vor allem runtergezogen, und das scheint nun ein Ende zu haben. Endlich, endlich, endlich. Ich hoffe es sehr. Für den HSV. Für die Mannschaft. Für den Trainer. Und für die Verantwortlichen, die jetzt übernehmen. Es musste jemand kommen und erkenne, wie schlecht diese Mannschaft trainiert ist (und wurde), und der jetzt den Hebel umlegt. Hoffentlich auf Dauer. Wobei ich jedem noch einmal empfehle, einen meiner letzten Matz-ab-Artikel zu lesen – den vom 8. Juni. Darin steht zu lesen, war zu lesen, dass sich vor Beginn der vergangenen Saison zwei Nationalspieler (einer vom HSV, einer von Dortmund) über die absolut unterschiedliche Trainings-Intensität beider Clubs unterhalten haben. Wenn daraus nur ein wenig, nur ein ganz klein wenig die Konsequenzen gezogen werden, dann stünde der HSV meiner Meinung nach vor einer guten Spielzeit 2014/15. Davon bin ich restlos überzeugt. Mirko Slomka ist da auf einem sehr guten Weg, wie mir scheint. Auch wenn ich das (den HSV) derzeit nur von weitem sehr entfernt (war in geflügeltes Wort meines Schwiegervaters) betrachte.

Ähnlich ist es ja mit dieser WM. Nur vorm Fernseher sitzend. Und da gehen mir das Turnier und der HSV nicht aus dem Sinn. Irgendwie denke ich immer an den HSV, wenn ich einen Hamburger Bezug feststelle. Nigel de Jong, Vincent Kompany, Ivica Olic, Niko Kovac, Eric-Maxim Choupo-Moting, Heung Min Son und, und, und.

Und dann denke ich auch an Hamburg. Dass bei den Schweizern immer noch ein Mann namens Reto Ziegler spielt. Der ist schon vor einem Jahrzehnt beim HSV durchgefallen. Weggeschickt haben sie ihn. Erst ausgeliehen und dann vom Hof gejagt. Ja, so spielt das Fußballer-Leben. Aber man muss ja auch nichts können, wenn man in der Schweiz Nationalspieler ist, gell? Auch wenn das über zehn Jahre geht. Bei Deutschland haben Piotr Trochowski, Dennis Aogo und Heiko Westermann (zum Beispiel) ja auch „einige“ Länderspiele gemacht, obwohl sie in Hamburg gespielt haben (und dort nur gelitten waren). Muss ich noch mal loswerden, bei dieser Gelegenheit. Und ich weiß genau, was mir jetzt wieder um die Ohren fliegen wird, ich trage es diesmal aber mit Fassung. Kann ja nicht jeder so schlau sein, wie ein Bundestrainer oder ein National-Coach. Wie zum Beispiel Ottmar Hitzfeld. Der nimmt Ziegler, der jetzt in Italien bei Sassuolo Calcio unter Vertrag steht, zwar mit, lässt ihn aber nicht spielen . . . Hat ja auch genug andere gute Spieler. Zum Beispiel Johan Djourou, fällt mir jetzt gerade ein.

Aber zurück nach Hamburg. Da gab es mal im Amateurfußball einen Trainer, der jetzt Nationaltrainer ist. Wie lange noch, das ist die Frage, aber noch ist er es: Volker Finke. Was kaum jemand vom ehemaligen Freiburger Trainer weiß, dass er im Norden mal bei Havelse war – und auch beim 1. SC Norderstedt. Diesen Abstecher will Finke zwar nicht mehr gerne hören oder lesen, aber er war tatsächlich mal hier. Und welcher Hamburger Verein kann schon sagen, dass einer seiner Trainer mal Coach bei der Weltmeisterschaft war? Das dürften nicht so sehr viel sein . . .

Und dann gibt es ja auch noch einen Spieler namens Alexej Koslow von Dynamo Moskau. Trägt bei den Russen die Rückennummer zwei. Und spielte einst in Hamburg. Bei Bergedorf 85. Muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. ZDF-Reporter Bela Rethy hat sogar gesagt, dass dieser Koslow in der Jugend des HSV ausgebildet worden ist, aber dafür habe ich (noch) keine Bestätigung gefunden. Vielleicht weiß da einer von Euch (oder mehrere?) mehr und macht mich und alle anderen klug. Auf jeden fall ist das schon ein Ding, dass da einer mitmischt, der mal in Bergedorf gespielt hat. Von 85 soll Koslow dann zum VfB Lübeck gegangen sein, und dann? Auf jeden Fall in Brasilien – jetzt.

Und noch ein „dickes Ding“ gibt es aus Hamburger Sicht. Der frühere HSV-Spieler Muhamed Besic fliegt mit Bosnien-Herzegowina zwar nun nach Hause, hat aber alle drei Spiele in Brasilien für sein Land bestritten – dreimal 90 Minuten plus Nachspielzeit. Muhamed Besic. Wer erinnert sich noch? Beim HSV ein Mitläufer, zur Zweiten abgeschoben – und dann quasi vor die Tür gesetzt. Seit dieser Zeit kickt er bei Ferencvaros Budapest, erst von Ricardo Moniz nach Ungarn geholt, dann von Thomas Doll übernommen. Jenen Muhamed Besic, den hier keiner für „voll“ genommen hat. Der immer sehr viel auf sich hielt, aber dennoch keinerlei Beachtung fand. Als er einmal bei der Zweiten auflaufen sollte, fuhr er ohne „Buffer“ nach Norderstedt – keine große Lust, in der Regionalliga zu spielen. Musste er dann doch, weil man ihm Stiefel besorgte, aber dementsprechend spielte er dann auch: lustlos. Weil er sich ungerecht behandelt fühlte.

Jetzt hat er dreimal bei dieser WM gespielt. Muss sich der HSV nun grämen? Es wird sich wohl niemand finden, der dazu bereit wäre. Kann ja auch Zufall sein, dass sich Besic nun bei dieser WM wiedergefunden hat. Wahrscheinlich hatten die niemanden, der bei Bosnien auf der Sechs spielen konnte. So wird, nein, so muss es sein.

Obwohl ich mit Thomas Doll, seinem jetzigen Trainer, gesprochen habe. Und der hat mir nun ein ganz anderes Bild von Besic vermittelt. Erst einmal sind sie alle in Budapest stolz wie Bolle, dass Muhamed Besic WM-Teilnehmer geworden ist. Es gibt, so glaube ich, nicht so sehr viele aus der Ersten Liga Ungarns, die in Brasilien aufdribbelten oder noch aufdribbeln – aber Besic. Und Thomas Doll gerät ins Schwärmen, wenn er von Besic spricht: „Er spielte bei uns erst Innenverteidiger, aber Katze Zumdick und ich konnten ihn davon überzeugen, dass das nicht seine Position ist. Er spielte dann Rechtsverteidiger und wurde eine unserer größten Stützen. Er spielte diesen Part unglaublich dynamisch, zuverlässig, konzentriert. Und er ist in seiner Spielweise ruhiger geworden. Früher war er oft zu hektisch, auch abseits des Platzes, aber er ist ruhig und ausgeglichen geworden – und ein großartiger Spieler.“

Thomas Doll sagt über Besic auch: „Katze und ich, wir haben uns Mühe mit ihm gegeben, und er hat es uns mit erstklassigen Leistungen zurückgezahlt. Ich habe ein Vater-Sohn-Verhältnis zu ihm bekommen, und darauf bin ich stolz. Muhamed ist ein feiner Junge, der noch viel vor sich hat. Wir freuen uns mit ihm und für ihn.“

Am 28. Juni findet sich Besic wieder in Budapest ein. Dann wird seine Situation besprochen. Ferencvaros will den Bosnier behalten, aber hat wohl keine Chance. Es liegen dem „Sechser“ einige sehr lukrative Angebote vor – natürlich, er ist WM-Teilnehmer. Schön für den HSV: Sollte Besic tatsächlich den Verein wechseln, so sollen die drei Hamburger Buchstaben daran beteiligt sein – zu 20 Prozent, wir gemunkelt. Ob verdient oder unverdient, das lasse ich mal dahingestellt, es ist so wie es ist. Nur zum HSV, da sollte sich niemand Sorgen drum machen, wird Besic wohl nicht wieder zurückkommen. Da müsste er vielleicht wieder in der Zweiten spielen . . . Man weiß es nicht, man weiß es nicht.

Einen schönen Abend und einen guten Tag für Euch, ich werde mich demnächst wieder mit einem Lebenszeichen melden. Bitte aber nehmt Euch auch noch den Artikel von Lars Pegelow, den er für mir hier reinegestellt hat, „zur Brust“, er ist sehr, sehr aufschlussreich und gut geschrieben und vermittelt einen Eindruck vom Geschehen in der Flensburger Bucht. Dort hält sich ja der HSV derzeit auf.

Dieter

Die Träume platzten auch woanders . . .

16. Juni 2013

Wer kommt, wer geht? Fragen, die die Fans bewegen. Jetzt und in jeder Sommer- oder Winter-Pause. So auch im vergangenen Jahr, als sich im Juni gleich zwölf HSV-Spieler aus Hamburg verabschiedeten. Die meisten von ihnen sicherlich mit dem Gedanken, dass sie vom HSV verkannt worden sind, und dass sie mit dem nächsten Verein das ganz große Los gezogen haben, um nun karrieremäßig durchzustarten. Träume, die allerdings nur bei den wenigsten Spielern, die es beim HSV versucht haben und letztlich für zu leicht befunden wurden, in Erfüllung gegangen sind. Wer erinnert sich noch an die Profis, an die Namen – zwölf an der Zahl?

Einer, der es geschafft hat, ist sicherlich Paolo Guerrero. Der Peruaner wechselte (viel zu billig und für weniger, als es mit den angeblich fünf Millionen angegeben wurde) zu Corinthians Sao Paulo und wurde Stammspieler. 27 Partien bestritt Guerrero für den brasilianischen Erstliga-Club und erzielte dabei zwölf Tore. Kleiner Wermutstropfen: Paolo wurde insgesamt in neun Spielen ausgewechselt.

Etwas mehr hatte sich wohl Mladen Petric versprochen, als er vom HSV zum FC Fulham wechselte. Der Kroate brachte es zwar auf 23 Erstliga-Partien in England, wurde dabei aber vom ehemaligen HSV-Trainer Marin Jol in 14 Partien ein – und in acht Begegnungen ausgewechselt. Insgesamt brachte es Petric dabei nur auf 883 Spielminuten, in denen er immerhin fünf Treffer erzielen konnte. Sein letztes Länderspiel bestritt Mladen Petric am 6. Februar gegen Südkorea, sein Vertrag lief am 30. Juni 2013 aus – und bislang gibt es noch keinen Anschlussvertrag und keinen neuen Arbeitgeber. Dass hatte sich der Torjäger ganz sicher auch etwas anders vorgestellt, als er vor einem Jahr seine Zelten in Hamburg abbrach.

Ebenfalls nicht ganz so gut ist es für David Jarolim gelaufen, der vom HSV keinen neuen Vertrag mehr erhalten hatte und den es dann nach Frankreich zog. Zum Erstliga-Club FC Evian Thonon Gallard. Dort schaffte der Tscheche dann aber nur fünf Einsätze, dreimal wurde er dabei ausgewechselt. Aus persönlichen Gründen löste „Jaro“ dann im Herbst seinen Vertrag auf und schloss sich in Januar dem tschechischen Erstliga-Verein Mlada Boleslav an. Der 34-jährige Jarolim machte bis zum Sommer noch elf Spiele und steht zurzeit ohne neuen Verein da. Das alles ist sicherlich nicht ideal und auch nicht im Sinne des ehemaligen HSV-Kapitäns gelaufen, aber er besitzt mit dem HSV ja noch immer eine vertragliche Anschlussvereinbarung, und die könnte schon in diesem Sommer in Kraft treten: Jugendtrainer, Spieler bei der Regionalliga-Mannschaft? Vieles ist vorstellbar.

Ganz schlecht ist es sogar für Gökhan Töre gelaufen, der Deutsch-Türke galt bei vielen Experten als ein Jahrhunderttalent. Auch ich habe den „bulligen“ Dribbelkünstler weitaus höher eingeschätzt, und zudem habe ich bei seinem Wechsel zu Rubin Kazan gedacht, dass Töre nun die Russen aufmischen würde. Hat er vielleicht sogar, aber auf keinen Fall fußballerisch. Nur fünf Erstliga-Einsätze hatte er, dreimal ein- und einmal ausgewechselt, aber meistens war er gar nicht im Rubin-Kader für die Spiele. Töres Vertrag läuft noch bis zum Jahr 2016, jetzt aber wurde er von den Russen an den türkischen Erstliga-Club Besiktas Istanbul ausgeliehen. Vorerst für ein Jahr.

Und wer erinnert sich noch an Muhamed Besic? Der Bosnier hatte während seiner Hamburger Zeit immer leicht den Verdacht, dass ihn sein Arbeitgeber HSV unterschätzt. Im Sommer 2012 zog es den 20-jährigen Abwehrspieler dann nach Ungarn, um in der Ersten Liga für Ferencvaros Budapest zu spielen. Kein schlechter Plan, denn Besic machte 22 Spiele und schaffte dabei nur einmal nicht die volle Spielzeit. Das ist doch mal eine ordentliche Ausbeute . . .

Romeo Castelen war der dauer-Pechvogel des HSV, auch er erhielt keinen neuen Vertrag mehr – gab aber nie auf. Er verhandelte mit Birmingham City, schloss sich dann aber dem russischen Club Volga Nizhniy Novogrod an, für den er aber nur zwei Spiele machte – zwei Einwechslungen, einmal 15 und einmal 25 Minuten. Dreimal stand Castelen noch im Kader, brachte es aber nicht zu einem Einsatz – jetzt ist er wieder einmal vereinslos.

In die Dritte Liga hatte es Daniel Nagy gezogen, und zwar zum VfL Osnabrück. 33 Spiele bestritt der Mittelfeldmann für den VfL, wurde dabei aber in gleich 20 Partien von Trainer Claus-Dieter „Pele“ Wollitz vorzeitig vom Platz geholt. Nagy brachte es auf lediglich drei Tore. Die Frage, die sich wohl nicht nur der Spieler stellt, ist die: Ist die Dritte Liga schon das Ende der Fahnenstange einer Karriere, die durchaus mal zu großen oder größeren Hoffnungen Anlass gab?

Ähnlich dürften die fußballerischen Träume von Sören Bertram gewesen sein, den es vom HSV zum VfL Bochum gezogen hat. Dann gab es ein böses Erwachen, denn der 22-jährige Bertram schaffte nur drei Zweitliga-Einsätze – und 13 Spiele in der Regionalliga-Mannschaft des VfL Bochum. Das kann doch eigentlich noch nicht alles gewesen sein, oder?

Eine immer noch im Raum stehende Frage ist für mich der bislang unerklärliche Winter-Wechsel von Tom Mickel zur Spielvereinigung Greuther Fürth. Warum? Von der Nummer drei (oder vier) des HSV zur Nummer drei beim Erstliga-Absteiger, das macht auch heute für mich nur relativ wenig Sinn. Mickel brachte es auf keinen Erstliga-Einsatz, stand aber in neun Regionalliga-Partie (in Bayern) zwischen den Pfosten der Kleeblätter. Die Frage, die sich daran anschließt: wie geht es weiter?

Dann gab es da noch den einst mit ganz großen Hoffnungen in Hamburg begrüßten Macauley Chrisantus, der einst als eines der größten Talente der Welt galt. Beim HSV konnte er diesen Ruf nie auch nur annähernd rechtfertigen, er wurde verschiedentlich ausgeliehen, spielte zuletzt für den FSV Frankfurt. Im Sommer 2012 zog es ihn in die Segunda Division nach Spanien, wo er für DU Las Palmas stürmt. 41 Spiele schaffte er, wurde dabei in zwölf Begegnungen ausgewechselt. Das sieht nicht mehr nach der ganz großen Karriere aus.

Zwei haben wir dann noch. Mikael Tavares schloss sich ebenfalls dem FC Fulham an, brachte es aber auf keinen einzigen Premier-League-Einsatz und ist nun schon seit dem Januar 2013 vereinslos. Und Miroslav Stepanek, ebenfalls ein Dauer-Pechvogel des HSV (Kreuzbandrisse), spielte in der abgelaufenen Saison für zwei Vereine. Erst für den FC Senica, dann mit Beginn des Jahres beim MSV Duisburg II. Der Traum von der großen Fußball-Karriere – geplatzt.

So, das waren die zwölf ehemaligen HSV-Spieler, die einst im Sommer 2012 auszogen, doch noch den ganz großen Wurf zu landen. Nur ganz, ganz wenige haben es geschafft. Ob das vielleicht auch dem einen oder anderen Verantwortlichen im HSV zu denken gibt? Schließlich waren die Spieler einst zum HSV geholt worden, um den Rothosen auf die Sprünge zu helfen . . . Da wurde wohl mit wenig Auge und mit viel Geld eingekauft – besser wäre es natürlich umgekehrt.

Für die neue Spielzeit (2013/14) galt ja der Nürnberger Timm Klose als Wunschkandidat des HSV in der Abwehr – aber daraus scheint nichts zu werden. Klose hat beim 1. FC Nürnberg das Angebot einer Vertragsverlängerung abgelehnt und strebt jetzt einen Wechsel zum VfL Wolfsburg an. „Nach langer Überlegung habe ich mich entschieden, dass, wenn die Möglichkeit besteht, ich die neue Herausforderung annehmen werde und vorzeitig zum VfL Wolfsburg wechseln möchte“, sagt der Schweizer. Vom HSV hat er nichts gesagt.

Und dann noch einmal zum Pokal-Gegner in Thüringen. Der Oberliga-Aufsteiger SV Schott Jena darf sich bei seiner DFB-Pokalpremiere auf eine geballte Ladung Bundesliga-Tradition freuen. Anfang August empfängt der SV Schott im heimischen Ernst-Abbe-Sportfeld den HSV. „Auf 50 Jahre Erstliga-Erfahrung zu treffen, ist eine großartige Sache. Wir wollen das Stadion voll kriegen“, sagt Fußball-Abteilungsleiter Jörg Triller. Das Team von Trainer Steffen Geisendorf hatte Ende Mai im Landespokalfinale überraschend den deutlich favorisierten Drittliga-Vertreter Rot-Weiß Erfurt mit 1:0 bezwungen und sich so erstmals in der Vereinsgeschichte für den DFB-Pokal qualifiziert. Am Sonnabend hatte der SV Schott das letzte Punktspiel dieser Saison mit 8:0 gegen Meuselwitz II gewonnen.

16.47 Uhr

Neuzugang Scharner: “Ich will sofort helfen”

10. August 2012

„Er hat mich angeguckt, kurz überlegt – und dann gesagt: ‚So machen wir es, Trainer’“, hatte HSV-Coach Thorsten Fink erzählt. Vorausgegangen war am Montag ein 165-Minuten-Gespräch in Wien mit Paul Scharner, dem neuen Abwehrmann des HSV, der heute einen Zweijahresvertrag beim HSV unterschrieb und gleich mal einen Auftakt nach Maß hinlegte. Warum er nicht lange überlegt habe? Schlau gemacht über den HSV bei Landsleuten oder Bekannten hat er sich zudem auch nicht. „Als ich die drei Buchstaben gehört habe, musste ich nicht mehr überlegen. Der HSV ist meiner Meinung nach einer der Topklubs in der Bundesliga. Und die Bundesliga ist strukturell, von den Stadien her und den Fans die beste Liga der Welt.“

Scharner, der in England „Super-Toony“ (Super-Verrückter) genannt wurde, ist ein zweifellos eigenwilliger Typ. Einer, der bei den Fans sehr gut ankommen dürfte, da sein Spiel über den Einsatz definiert ist. Er gibt immer alles. „Ich bin bei meinen Stationen in Brann Bergen und Wigan Athletic zum Fan-Spieler des Jahres gewählt worden,“, erzählt die neue Nummer 20 (vorher Guy Demels Nummer) des HSV nicht ohne Stolz. Und das habe vor allem daran gelegen, dass er immer 100 Prozent gegeben habe. „Ich werde auch hier versuchen, die Fans zu begeistern.“ Vor allem mit Einsatz, Kampf und Willen. Scharner: „Mein erster Glaubensgedanke war, dass ich immer mehr machen muss als andere, wenn ich es als Österreicher hoch hinaus schaffen will.“ Deshalb habe er sich auch mit 15, 16 Jahren „als es mit den Mädels und den Partys losging“ von seinen damaligen Freunden komplett abgenabelt. „Als die losgingen, war ich damals immer schon im Bett.“

Mehr noch. Er habe alles dem Fußball untergeordnet. Mit 15 Jahren fing Scharner sogar an, sich parallel zum Körperlichen auch geistig fit für den Profifußball machen zu lassen. „Ich habe einen Mentaltrainer genommen“, sagt Scharner, der diesen Aspekt auch heute noch extrem wichtig nimmt. „Ich habe damals autogenes Training gemacht und trainiere mein Gehirn auch heute noch regelmäßig. Es ist genau so wichtig, den Kopf zu trainieren, wie man seinen Körper immer fit halten muss.“ Dafür begleitet Valentin Hobel den Abwehrhünen seit seinem 15. Lebensjahr. „Er ist mein Karrieremanager“, sagt Scharner, „er ist meine Vertrauensperson.“

Ihn hatte Scharner auch angerufen, unmittelbar bevor er seine Entscheidung für Hamburg fällte. Und er ist es, der Scharner offenbar großes Selbstvertrauen einimpft. „Bis jetzt komme ich recht hoch hinaus – für einen Österreicher“, lacht Scharner, „und ich traue mir noch mehrere Jahre zu.“ Bis zu seinem 34. Lebensjahr, für die kommenden zwei Jahre, hat Scharner beim HSV unterschreiben – und danach soll noch lange nicht Schluss sein. „Ich bin auf der Geburtsurkunde 32, aber ich fühle mich lange nicht so. Für mich ist mit 34, 35 Jahren noch nicht Sense.“ Wie lange genau? „Das steht in den Sternen.“

Klar ist, der HSV hat sich mit Scharner einen echten Typen geholt. Und dieser Österreicher ist anders als die Kitzbichlers, Schopps, Baurs der HSV-Geschichte. „Ein Ernst Happel bleibt indes unerreicht – auch von mir. Aber ich versuche es.“ Und das könnte zumindest insofern klappen, als dass er für den HSV eine schnelle Hilfe wird. Zumindest, wenn er seinen Worten entsprechend Taten folgen lässt. „Ich stehe für Erfahrung, Einsatz pur und 100 Prozent Professionalität“, sagt Scharner über sich selbst. Und der Vater dreier Söhne (4, 7 und 9 Jahre alt) gilt als Mann der Tat. „Ich habe eine sehr hohe Eigenmotivation.“ So habe er sich auch – zudem bestückt mit einem individualisierten Trainingsplan – allein sehr gut fithalten können. „Ich werde keine lange Akklimatisierung brauchen“, sagt Scharner, „ich bin fit und werde schnell helfen können“, sagt der mit 193 Zentimetern groß gewachsene neue Innenverteidiger des HSV. Ob er es auch schon bald darf? „Ich kann nicht von einem Fixplatz (österreichisch für Stammplatz) ausgehen, das entscheidet der Trainer. Aber ich bin bereit für das Cup-Spiel in Karlsruhe und den Saisonstart gegen Nürnberg.“

Und Scharner hat mit seinem neuen Klub noch große Ziele. „Der HSV hat eine lange Erfolgsgeschichte, auch wenn er zuletzt etwas gestrauchelt ist. Aber was nicht ist, kann noch werden. Deshalb bin ich ja da.“ Und was beim Österreicher in Schriftform arrogant rüberkommt, kommt im persönlichen Gespräch sehr viel angenehmer rüber. Es klingt eher wie eine sehr große Portion Ehrgeiz und zudem sehr hohe Ansprüche an sich selbst. Zutaten, die dieser HSV sehr gut gebrauchen kann. Denn, und das ist mehr als deutlich, nicht nur extern wird der HSV sehr kritisch gesehen. Auch die Spieler machen sich Gedanken über ihre Kaderstärke. Und mit Scharner bekommen sie einen, der – vorerst noch verbal – vorwegmarschiert. Und er will diese Führungsrolle auch einnehmen. „Ich weiß, dass der Kader extrem verjüngt worden ist von Sportchef Frank Arnesen“, so Scharner, „aber ich habe mit mehr als 200 Spielen in der Premier League meine Erfahrungen sammeln können.“ In der österreichischen Nationalmannschaft habe er seine gewünschte Rolle schon. „Das Team braucht Führungspersönlichkeiten. Und ich glaube, da passe ich gut rein.“

Und das, obwohl Scharner ganz sicher kein Angepasster ist. Im Gegenteil. Bei Austria Wien verweigerte er seinem damaligen Trainer und heutigen DFB-Nationaltrainer Jögi Löw mal die Einwechslung. Er ließ sich einfach nicht einwechseln. In England fiel er zudem durch gefärbtes Haar auf – in Vereinsfarben wohlgemerkt. Und am meisten aufgefallen ist bei ihm sein erster Einsatz in England, als er für Wigan ins Mittelfeld eingewechselt wurde und gleich den Siegtreffer markieren konnte. „Seitdem herrschte die Meinung vor, ich sei ein Mittelfeldspieler. Fast 50 Prozent meiner Spiele in der Premier League habe ich als Sechser gespielt.“ Und das wolle er in Hamburg nicht mehr. Mehr noch, er ließ es sich von Trainer Thorsten Fink im persönlichen Gespräch zusichern. „Meine Position ist in der Innenverteidigung. Es ist meine beste Position. Dafür habe ich mich entscheiden und das auch so mit dem Trainer abgesprochen.“

Im Training heute war noch nicht viel zu erkennen. Scharner hielt sich verbal noch zurück.
Und das, obwohl Ex-HSV-Frankfurts Trainer Armin Veh den Österreicher, der sich bei der Eintracht fit hielt, in den höchsten Tönen für dessen Führungsqualität gelobt hatte. „Paul hat kurz geschaut und dann Anweisungen gegeben. Er hat sofort geführt. Gut geführt.“ Dennoch beließ es Scharner heute beim Spielen. Mit einer kleinen Ausnahme. Nach genau 28 Minuten setzte er zum ersten Mal zur Sense an – und es traf Maximilian Beister, der auch einige Sekunden brauchte, um sich wieder zu sammeln. Ansonsten aber spielte Scharner ruhig und unauffällig in der B-Elf. Fink hatte zwei Mannschaften eingeteilt, die erahnen ließen, wer am Sonnabend auf Mallorca von Beginn an spielen dürfte. Scharner nicht. Noch nicht.

In diesem Sinne, hoffen wir mal, dass Scharner seinen Worten Taten folgen lassen kann. Denn sollte dem so sein, haben wir eine echte Verstärkung dazugewonnen.

Bis morgen! Dann wieder mit Dieter!

Scholle

P.S.: Während Jogi Löw erneut komplett auf HSV-Spieler verzichtetet, erfuhren acht Spieler des HSV die Ehre einer Länderspielnominierung. Während Jacopo Sala (U21 Italien), Christian Norgaard (U19 Dänemark) und Maximilian Beister (U21 Deutschland) mit den U-Nationalmannschaften unterwegs sind, reisen Marcus Berg (Schweden), Jaroslav Drobny (Tschechien), Artjoms Rudnevs (Lettland), Ivo Ilicevic (Kroatien) und Muhamend Besic (Bosnien/Herzegowina) mit ihren A-Länderteams zu den Testspielen.

P.P.S.: Seit heute sind Karten für das Spiel des NTSV gegen den HSV (7. September, 18.30 Uhr am Sachsenweg) im Vorverkauf. Solltet Ihr hier Tickets haben wollen, könnt ihr diese im Adyton (Geschäftsstelle NTSV, Sachsenweg 78), bei Sport&Mode Niendorf (Tibarg 38) beziehen. Oder ihr schreibt mir und wir treffen uns beim Training.
Die Preise:
– VIP (Parkplatz, Sitzplatz, Essen und Getränke frei im überdachten VIP-Bereich): 39 Euro
– Sitzplatz Tribüne: 16 Euro
– Stehplatz: 12 Euro
– Stehplatz ermäßigt (Schüler, Studenten, Rentner): 8 Euro

Messi ist wieder fit – Uwe Seeler sorgt sich

30. Juli 2012

Messi hat es wieder getan. Er hat gespielt. Tatsächlich. Das Hämatom ist überstanden, das Hämatom ist kein Thema mehr, das Hämatom war offenbar nur für Hamburg und den HSV ein kurzes Thema. Hier der Beweis einer „Wunderheilung“:

„Weltfußballer Lionel Messi hat sich nach einer verletzungsbedingten Pause eindrucksvoll zurückgemeldet. Der 25-Jährige steuerte ein Dreierpack (34./37./45.) zum 8:0-Kantersieg des FC Barcelona gegen den marokkanischen Klub Raja Casablanca bei. Wegen einer Wadenprellung hatte Barca-Coach Tito Vilanova am Dienstag gegen den Hamburger SV (2:1) auf Messi verzichtet.“

Was hat Casablanca, was Hamburg nicht hat? Auf jeden Fall viel Pech für den HSV und für die HSV-Fans. Kurios, dass nur Tage nach der HSV-Pleite auch Hertha BSC von Italienern vorgeführt wurde – denn Juventus Turin schickte zur Hertha-Feier ebenfalls nur sein B-Team in die deutsche Hauptstadt. Ich bin gespannt, wie lange sich die Vereine, die so an der Nase herumgeführt werden, sich das noch gefallen lassen.

Ja, ich gebe zu, der Stachel „FC Barcelona II“ sitzt bei mir immer noch tief. Weil ich auch einige Enttäuschte in meinem Bekannten- und Freundes-Kreis habe, die ebenfalls immer noch sauer sind. Und davon muss es ja in der Stadt ja noch so viele Fans geben, die nach wie vor enttäuscht sind. Ich sprach in diesen Tagen mit Dieter Roth, zweiter Vorsitzender des TSV Wandsetal. Von der Liga hatten sich gleich einige Spieler eine Karte für HSV gegen Barcelona gekauft – weil sie einmal in ihrem Leben Messi live sehen wollten. Einmal. Und dafür verzichteten sie dann auch alle auf ein Testspiel des TSV gegen Börnsen. Die Quittung kam prompt, beim Oddset-Pokalspiel griff TSV-Trainer Mike Breitmeier auf andere Spieler zurück, die „Messis“ blieben außen vor. So kann es dann auch mal gehen . . . Immerhin können alle behaupten: „Ich habe das Spiel gesehen, in dem Messi fast mitgespielt hätte.“

So, anderes Thema, der HSV ist im schwedischen Urwald, kämpft ums Überleben. Bis morgen geht das noch sah, am Abend kehrt die Truppe (hoffentlich vollzählig) zurück. Und weil die Mannschaft unerreichbar ist, habe ich heute mal in meiner Post „gewühlt“. Ich möchte euch heute eines jener Schreiben zugänglich machen, die mich jeden Tag privat erreichen:

„Sehr geehrter Herr Matz!

Mein Name ist Ralf H., ich lebe in Essen und bin HSV-Mitglied!

Schreiben ist ihr Beruf, deshalb müssen sie jeden Tag etwas schreiben. In der nun langsam ablaufenden Sommerpause fällt mir auf, dass sie sich für eine Verpflichtung von R.v der Vaart erwärmen könnten.-Was soll der HSV mit einem Spieler, der den Verein schon mal stehen gelassen hat und der offensichtlich nicht will, oder nur, wenn sein Gehalt den Mangel seiner Begeisterung für den HSV ausgleichen würde! – ?

Im heutigen Blog ist eine hintergründige Stimmung gegen F. Arnesen zu spüren. Was meinen sie, wie viele bessere Sportdirektoren beim HSV in der Warteschleife stehen? Allein, dass er Guerrero losgeschlagen hat, ist eine Erlösung für den HSV. Ein Spieler, der dem Verein, speziell durch seine Tätlichkeit in der letzte Saison schwer geschadet hat, diesbezüglich veharmlosende Äusserungen von sich gegeben hat, der 4,5 Millionen p.A. verschlungen hat…

Ihre vorauseilende Kritik an Rudnevs? In ihrem Artikel steht mit anderen Worten: Der trifft das Tor nicht! Haben sie sich mal den Werdegang der Herren Blasykowsky, Pisczek und Lewandowsky beim BVB zu Gemüte geführt? Nein? Schade! An einem polnischen Torschützenkönig schon im Vorfeld herumzumäkeln…?

Ich lese ihre Blogs sehr gern, aber im Unproduktiven herumzuorakeln, fänd ich nur gut, wenn ich so ein bisschen Stimmung gegen den Verein machen wollte!

Herzliche Grüße aus Essen! Ralf H.“

Lieber Herr H.,

vielen Dank für Ihre kritischen Zeilen. Ich bin auch HSV-Mitglied. Glauben Sie mir bitte, es gibt bei „Matz ab“ viele, viele User, die das genau andersherum sehen. Sie haben Ihre Meinung, und zwar hundertprozentig („So muss es sein, so ist es – ich weiß das ganz genau!“), andere User haben aber genau die gegenteilige Meinung davon. Und sind auch hundertprozentig davon überzeugt, dass sie richtig liegen – und zwar hundertprozentig. Das ist doch mein täglich Brot.

Wenn ich hier zum Beispiel schreibe:
„Der HSV ist der beste Klub der Welt, er hat in der vergangenen Saison nur ein bisschen Pech gehabt, sonst wäre er noch in die Europa League gekommen . . .“ Dann schreien 500 „Matz-abber“ vor Freude auf und feiern mich, und die anderen 500 wünschen mich zum Teufel und vernichten mich.

Nehmen Sie mal allein „Ihren Fall van der Vaart“. Tausende würden den „Raffa“ gerne wieder beim HSV sehen – als Spieler. Sie nicht – das ist Ihre Meinung. Andere wollen van der Vaart auch nicht, aber natürlich gibt es auch hier wieder Hälfte-Hälfte. Und wenn Sie mir unterstellen, dass ich ihn gerne hier haben wollte, so ist das auch nur eine Unterstellung von Ihnen. Wissen Sie ganz genau, was und wen ich will? Ich bin da nämlich völlig neutral. Käme van der Vaart, dann hätte der HSV auf jeden Fall einen „Zehner“ der es kann – es könnte. Kommt er nicht zurück, dann ist auch gut. Dann holt der HSV eben einen anderen „Zehner“, wo ist das Problem? Ich kann es doch ohnehin nicht beeinflussen. Oder glauben Sie, dass F. Arnesen mich erhören würde, wenn ich van der Vaart zurück haben wollte?

Und wenn Sie hier eine Stimmung gegen F. Arnesen spüren, dann kann ich nichts dafür. Sie spüren etwas, was ich nicht so spüren kann. Dass man als Journalist einige Dinge hinterfragt, ist doch logisch. Wo ist der HSV im Sommer 2012 noch gelandet? Wenn ich nicht irre, auf Rang 15. Die schlechteste Platzierung der HSV-Bundesliga-Geschichte. Wenn man da nicht gewisse Dinge durchleuchtet, wann denn dann? So darf es doch wohl nicht weitergehen.

Und zu Rudnevs habe ich zuletzt alles geschrieben. Wenn Sie lesen, dass dort mit anderen Worten „trifft das Tor nicht“, dann ist es wohl so. Wenn ich seine Chancen gegen Norderstedt aufzähle, kann ich die ja nicht nachträglich in Tore ummünzen. Schießt er daneben, dann ist der Ball im Aus. Dann war es offenbar kein Tor. Darf ich das nicht mal aufzählen? Zumal dann, wenn mir vorgehalten wird, ich würde ihn schon jetzt, ohne Bundesliga-Spiel, vernichten. Vorbei ist vorbei, so ist es nun einmal. Oder soll ich es das nächste Mal weglassen? Warten Sie es nun mal ab, wie sich Rudnevs entwickelt – und ich warte auch ab. Dann werden wir bei passender Gelegenheit ein Resümee ziehen. Okay?

Die Frage allerdings, was Sie bislang schon an fußballerischen Dingen von Rudnevs gesehen haben, was Sie kennen oder wissen – die hätte ich schon gerne mal gestellt. Aber gut, manchmal klappt das ja auch vom Sofa aus, auch das gibt es ja zigfach . . .

Und noch zu einem anderen interessanten Thema. Sie, Herr H., schreiben oben:

„Was meinen sie, wie viele bessere Sportdirektoren beim HSV in der Warteschleife stehen?“

Meine Antwort: Tausende. Die wollen alle diesen Job . . .

Und ganz ehrlich: Fragen Sie doch auch einmal, wie viele Vorstands-Vorsitzende den Job von Carl-Edgar Jarchow haben wollen?
Tausende! Wollten den mal haben . . . Jetzt aber, wo der HSV nicht mehr im Geld zu schwimmen scheint, nicht mehr ganz so viele.
Und? Was können Sie hier nicht jeden Tag an Meinungen der User lesen? Allgemeiner Tenor: „Raus mit Jarchow!“ Was für ein Blödsinn! Das ist meine Meinung zu diesem Thema.
Andere wissen es aber viel besser als ich. In der Anonymität des Internets weiß ohnehin jeder mehr und viel – und alle können es selbstverständlich noch viel besser. So ist das nun mal.

Sie können aber ganz sicher sein: Sollte F. Arnesen eines Tages den HSV verlassen (verlassen müssen, sollen, freiwillig gehen), so wird der HSV nicht untergehen, denn dieser Aufsichtsrat wird dann mit Sicherheit eines fernen Tages noch einen neuen Sportchef finden. Mir zum Beispiel würden da schon sofort einige Namen einfallen, will aber gar nicht, dass darüber spekuliert wird – denn F. Arnesen bleibt ja. Ende und aus die Maus.

Anderes Thema:
Von „we are family” kam ein interessanter Beitrag, auf den ich kurz einmal eingehen möchte:

„Schon gestern stand auf der Homepage von UD Las Palmas “….. a costa cero”. Auch auf transfermarkt.de steht “ablösefrei”. Wenn das stimmt, spart der HSV lediglich das Gehalt eines 21-jährigen, der seinen Profivertrag im
Sommer 2008 bekam. Da wird er wohl eher im unteren Viertel der gezahlten Spielergehälter liegen.

Ich kann das nicht nachvollziehen. Chrisantus hatte noch Vertrag bis 2013. Man hätte ihn doch das erste Mal beim HSV eine komplette Vorbereitung machen lassen können. Die U23 soll möglichst aufsteigen und hat mit Bertul
Kocabas den Topscorer an einen türkischen Erstligisten abgegeben. Kelbel ist zur Zeit noch verletzt.

Warum lässt man ihn nicht wenigstens die Hinrunde in der U23 spielen und teilweise bei den Profis mitrainieren, um sich wirklich mal ein Bild vom ehemaligen “Jahrhunderttalent” zu machen?

Ablösefrei hätte man ihn auch im Winter oder im nächsten Sommer abgeben können. Beim KSC und beim FSV Frankfurt hat er immerhin jeweils 8 Tore in der Saison erzielt, obwohl er in 2 Saisons nur auf 25 Spiele über die volle Distanz kam und beide Teams gegen den Abstieg spielten – bei beiden Teams damit sicherlich auch die notwendige Qualität der Mitspieler fehlte. Der Kerl wird im August gerade mal 22 Jahre alt! Da wechselte ein Huntelaar gerade aus der 2. holländischen Liga in die Ehredivisie.

Wann bekommt beim HSV ein junger Spieler wirklich mal das Vertrauen und wird beim HSV weiterentwickelt und nicht in Mainz, Leverkusen, Rennes oder auf den Kanaren?“

Gute Frage. Auf dieses HSV-Talent (oder sogar Talente!) warte ich auch seit Jahrzehnten. Da läuft schon lange, lange ganz sicher sehr viel falsch. Beim FC Bayern spielen in einem Champions-League-Halbfinale (!) neun Spieler mit, die aus der eigenen FCB-Jugend kommen, und beim HSV kann man die Leute, die es gelegentlich mal bis zum Profi-Training bringen, an einer Hand abzählen. Ich bewundere die Geduld, die anscheinend keine Grenzen kennt, aller Beteiligten! Eigentlich kann es doch gar nicht angehen, dass da immer auf die falschen Pferde gesetzt wird, aber offenbar ist es doch so. Oder? Diejenigen Talente, die es beim HSV nicht geschafft haben, kommen doch auch bei anderen Vereinen nicht so zum Zuge, wie sie sich das erhofft haben. Die eine oder andere Ausnahme soll es geben, aber zum Beispiel Änis Ben-Hatira oder Tunay Torun. Haben sie die Rolle in Berlin gespielt, die sie für sich schon beim HSV sahen? Ich wünschte mir schon mal solche Talente wie die der Bayern mit beispielsweise Philipp Lahm, Holger Badstuber, David Alaba und Thomas Müller. Talente solchen Kalibers gibt es beim HSV schon seit Jahr und Tag nicht. Leider, leider.

Allerdings denke ich ja auch, dass sich ein HSV-Coach sehr wohl damit schmücken würde, endlich mal wieder einen jungen Spieler ganz nach oben gebracht zu haben (wie Felix Magath mit Hasan Salihamidzic). Es gab etliche Trainer, die auf dem Wege waren, jemandem zu vertrauen, dann aber den Versuch doch noch abbrechen mussten, weil es eben doch nicht für ganz oben reichte. Zum Beispiel Muhamed Besic, Ben-Hatira, Eric-Maxim Choupo-Moting, Vadis Odjidja-Ofoe (heute belgischer Nationalspieler) , Benny Feilhaber, Andreas Laas. Oder früher auch Mustafa Kucukovic, Stephan Kling und Alex Meier (St. Pauli), heute schon lange Stammspieler bei Eintracht Frankfurt.

Und speziell zu Macauley Chrisantus. Der hat in meinen Augen Chancen genug erhalten. Und wenn er es tatsächlich könnte, dann hätte er es doch mal beim KSC oder beim FSV Frankfurt gezeigt – wie zum Beispiel Maximilian Beister in Düsseldorf. Deswegen ist es gut, dass Chrisantus nun gehen durfte – egal ob mit oder ohne Ablöse. In der jetzigen schwierigen finanziellen Phase des HSV zählt jeder Cent, der eingespart wird – auch der des Chrisantus-Gehalts. Wobei ich nicht verschweigen möchte, dass Chrisantus in diesem Sommer teilweise ganz beachtlich trainiert hat. Er wollte wohl noch einmal, aber er hatte eventuell vergessen, dass er dazu schon zu oft die Gelegenheit gehabt hatte. Irgendwann ist dann eben mal Schicht im Schacht.

Eine andere Frage aber ist in Sachen Stürmern: auf wen will der HSV denn vorne setzen? Das sehe ich im Moment mehr Quantität als Qualität. Und da hätte Chrisantus dann doch eventuell doch mitmischen können. Ich halte es ja immer noch für sehr, sehr gefährlich, dass der HSV nur noch über einen „Zehner“ und einen Innenverteidiger spricht. Mir kommt das Wort Stürmer da überhaupt noch nicht vor. Ob die Verantwortlichen tatsächlich wissen, dass sie da vorne kaum etwas haben? Ich habe meine Zweifel. Aber, und das sage ich gern noch einmal, ich bin ja auch nicht der Trainer und der Sportchef des HSV.

Auch Uwe Seeer ist weder Trainer noch Sportchef des HSV, dennoch hat er viel zu „seinem“ HSV zu sagen. „Uns Matz-ab-Scholle“ war heute am Millerntor, wo „uns Uwe“ einen neuen Werbe-Spot für die PSD-Bank drehte. Zusammen mit den St.-Pauli-Profis Fabian Boll und Florian Kringe. Seeler lobte den Zweitliga-Klub: „Der FC St. Pauli leistet gute Arbeit. Ich hoffe, dass sie ihrer letzten guten Saison eine noch bessere folgen lassen und aufsteigen.“

Um den HSV, um „seinen“ HSV, macht sich Uwe Seeler dagegen schon (und immer wieder) einige Sorgen. Der Ehrenspielführer, bekannt dafür, dass er früher stets den direkten Weg zum Tor suchte, und auch dafür, dass er stets geradlinige Antworten gibt, sagt: „Meine Frau hat letztes Jahr miterlebt, wie mich das Zittern um den HSV verändert hat. Ich hätte richtig abgebaut, sagt sie. Und ganz ehrlich: es wird nicht besser. Ich bin noch nicht zufrieden. Ich hatte gehofft, dass der HSV in der jetzigen Phase schon weiter wäre. Noch muss bei unserem HSV sehr viel passieren.“

Fast alles muss sich ändern – hatte Uwe Seeler unmittelbar nach der verkorksten letzten Saison gesagt. Jetzt spricht er aus, wo er noch Defizite sieht: „Wir brauchen noch mindestens zwei neue Spieler, das ist das Minimum. Im Mittelfeld und in der Abwehr, in der Innenverteidigung. Die brauchen wir, um wenigstens ein wenig Sicherheit zu haben und nicht gegen den Abstieg zu spielen. Hinten müssen wir besser werden. Wir dürfen nicht mehr so viele Tore kassieren. Und ich behaupte sogar, wir bräuchten auch für vorn noch einen richtigen Brecher.“

Ach, lieber Herr Seeler, sie laufen bei mir ja offene Tore ein. Wie sehr wir einen solchen Spieler brauchen, wie sehr! Einen Innenverteidiger hätten wir ja mit Heiko Westermann, aber einen richtigen Brecher? Seeler über den Stürmer-Zugang aus Lettland: „Rudnevs spielt nun in einer neuen, härteren Liga. Das wird hart für ihn und wir sollten ihm Zeit geben.“ Generell befindet Hamburgs größter Fußballer aller Zeiten zur Lage des HSV: „Es reicht nicht, zu hoffen, dass wieder zwei, drei Mannschaften schlechter sind. Das Risiko ist zu groß. Jetzt müssen alle mal in die Socken kommen. Und auch wenn ich weiß, dass es unser Sportchef Frank Arnesen weiß: Je länger die Transferperiode schon andauert, desto schwieriger wird es, die Guten zu bekommen.“ Wobei Uwe Seeler auch noch mit Wehmut an einen Abgang des HSV zurückdenkt: „Ich hätte David Jarolim nicht gehen lassen, denn er war einer, der immer voranging. So einer fehlt uns jetzt noch.“

Als Druck von außen möchte Seeler seine Aussagen nicht verstanden wissen. Im Gegenteil, er sei stets ein Optimist. Dennoch hat er einen Wunsch an die HSV-Verantwortlichen: „Ich wünsche mir nur, dass alle die Situation ausreichend ernst nehmen. Und ich habe das Spiel gegen Barcelona gesehen. Bei allem was man entschuldigen kann, es gab doch noch viele Dinge, die letztes Jahr schon falsch gelaufen sind und die noch immer nicht behoben sind.“

Aber, damit ich auch das noch einmal schreiben kann: Der HSV arbeitet ja jetzt noch ganz intensiv daran, die Lage zu verbessern. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Es soll ja noch alles gut werden, und ich glaube auch fest daran, dass alles noch gut wird, dass es noch jene Verstärkungen gibt, die den HSV wieder stärker werden lassen. Noch ist ja Zeit. Keine Panik.

Und das Überlebens-Camp in Schweden wird den HSV ja auch ganz sicher schon etwas stärker werden lassen – von wegen Teamgeist.

18.11 Uhr

Rajkovic: “Mein Ende war beschlossen, bevor ich den Streit mit Son hatte”

18. Juli 2012

Ich hatte es gesagt, vielleicht führt einer der Termine (vom Dienstag) letztlich dazu, dass wir hier im Blog etwas darüber lesen. Dass es in dieser Form und vor allem so schnell etwas wird, hätte ich nicht gedacht. Aber diesmal war es Slobodan Rajkovic, der mich um einen Termin bat, um seine Sorgen in Worte zu fassen. In der Hafencity, unmittelbar in der Nähe seiner Wohnung, trafen wir uns. Und er sprach. Sehr viel. Der Innenverteidiger hatte sich sogar einen DIN-A4-Block mitgebracht und checkte immer wieder ab, was er gesagt hatte – und was noch fehlte. Als er so richtig in Fahrt war, fragte ich, ob er sich über die Tragweite des Interviews im Klaren sei. Ob er wüsste, dass er trotz des Hoffnungsschimmers durch Frank Arnesen nach diesem Interview beim Klub durch wäre. Und er antwortete: „Ja, das weiß ich. Der Trainer will mich nicht. Egal wie. Aber ich will, dass alle wissen, was hier wirklich los ist.“ Und ganz ehrlich, auch wenn es meine Chefs nicht gern lesen werden, ich habe mehrmals danach gefragt, ob es wirklich so abgedruckt werden kann. Ich wollte wissen, ob es nur tief sitzender Frust bei Rajkovic ist, der die Zunge den Emotionen unüberlegt folgen lässt und ihn böse nachtreten lässt. Oder ob es tatsächlich die Wahrheit ist?
Und auch, wenn ich es bis jetzt nicht wissen kann, Rajkovic’s Antwort war: “Ich habe in diesem Interview nicht ein einziges Wort über den Trainer gesagt, das ich dem Trainer nicht auch persönlich genau so gesagt habe.” Und, entscheidend für mich ist, alle Seite anzuhören und möglichst unverfälscht darzustellen. Teil eins ist Rajkovic. Ich hoffe, den Trainer heute folgen lassen zu dürfen. Aber lest selbst:

Matz ab: Herr Rajkovic, sind Sie ein aggressiver Typ?
Slobodan Rajkovic: Nein. Ich bin auf dem Platz hart, das muss sein. Ich will immer gewinnen und würde für meine Mannschaft auch schummeln, wenn es sein muss. Ich gebe immer alles und ein bisschen mehr für meine Mannschaft. Genau das wollen die Trainer. Auch Thorsten Fink fordert das von mir. Das ist normal. Aber ich habe nie Probleme, mich im Griff zu haben.

Matz ab: Trotzdem wurden Sie jetzt wegen einer Schlägerei mit Ihrem Mannschaftskollegen Heung Min Son suspendiert. Haben Sie sich bei Herrn Son entschuldigt?
Rajkovic: Das wollte ich. Ich durfte aber nicht mal in seine Nähe, wurde aus der Kabine ausgesperrt. Ich wollte auch Tolgay Arslan sagen, dass es mir Leid tut. Allerdings war es auch nicht der Streit mit Son, sondern lange vorher beschlossen, dass ich weg muss. Das hat mir der Trainer so bestätigt.

Matz ab: Wie?
Rajkovic: Ich bin nach dem Streit mit Son in die Kabine des Trainers und habe Antworten bekommen auf viele Fragen, die sich in den letzten Monaten und Wochen aufgestaut hatten und die letztlich dazu geführt haben, dass ich so reagiert habe.

Matz ab: Thorsten Fink ist Schuld an Ihrem handfesten Streit mit Heung Min Son?
Rajkovic: Nicht nur. Aber alles zusammen. Wobei das eine lange Geschichte ist.

Matz ab: Die Sie erzählen wollen?
Rajkovic: Ja. Weil ich so etwas noch nie erlebt habe. Ich wurde noch nie so oft und so lange angelogen. Dabei hätte der Trainer mir am Saisonende einfach nur sagen müssen, dass er mich nicht mehr braucht und ich mir einen neuen Verein suchen soll. Wir waren acht Monate fast jeden Tag auf dem gleichen Trainingsplatz und in derselben Kabine. Und nie kam ein Wort. Nie konstruktive Kritik, noch weniger Lob. Aber vor allem kam nie eine klare Aussage. Das wäre hart für mich gewesen, aber ich hätte Bescheid gewusst und hätte aufhören können, an mir zu zweifeln. Vor allem aber hätte ich die Achtung vor ihm bewahrt, weil er es wenigstens ehrlich kommuniziert. So habe ich hinten herum erfahren, dass der HSV mich verkaufen will. Es war sogar ein Tauschgeschäft mit Dynamo Moskau vom Verein vorgeschlagen worden, ohne, dass mein Berater oder ich involviert waren. Ich wurde im Urlaub von Freunden angerufen, die sich gewundert haben, warum ich Hamburg verlasse. Das war schon hart, zumal ich nie wechseln wollte. Im Gegenteil. Ich habe erst vor ein paar Tagen Moskau trotz einer finanziellen Verdoppelung meines Gehaltes abgesagt. Weil Hamburg ein toller Verein ist. Hier wollte ich meine zweite Heimat finden. Das habe ich Frank Arnesen und auch dem Trainer so gesagt. Alle wussten, dass ich mich hier durchkämpfen wollte. Der HSV mit dem Stadion, mit diesen Fans, der tollen Stadt und der Bundesliga war meine größte Chance, mich zu beweisen. Und wenn ich besser werde, wird es das Geld ganz automatisch.

Matz ab: Sie sprechen in Vergangenheitsform. Heißt das, das Kapitel HSV ist trotz Ihres Vertrages bis 2015 endgültig abgehakt?

Rajkovic: Ja. Sportchef Frank Arnesen will zwar noch mal mit dem Trainer sprechen, aber er hat auch gesagt, dass das wohl nicht viel an der Entscheidung ändern wird. Zumal der Präsident Carl Jarchow bei meiner Suspendierung neben Fink saß. Und der Trainer hat mir gesagt, dass ich bei ihm kein Spiel mehr mache. Wobei der Streit mit Son nur ein willkommener Anlass war. Die Sache war allerdings schon vorher klar. Das hat er mir in einem Vier-Augen-Gespräch auch gesagt. Ich habe ihn gefragt, ob er mich nicht mag. Und er antwortete: ‚Ja.’ Ich sei nicht sein Typ Spieler. Selbst das ist okay, Fußball ist eben auch Geschäft. Aber er hätte mir seine Entscheidung wie ein Mann mitteilen können und sie nicht wie ein Mädchen über Zeitungen lancieren müssen. Nur den Mut hatte er nicht mal in dem letzten Gespräch. Da hat er immer nur auf die Uhr geschaut, weil er los wollte und hat wieder nur gesagt, wie professionell ich mit meiner schwierigen sportlichen Situation umgegangen sei und dass er nur der Streit mit Son sei, weswegen ich suspendiert würde. Dabei gab es doch gerade beim HSV in der letzten Zeit ähnliche Vorfälle, bei denen nicht so reagiert wurde. Gerade der Trainer hatte da seinen Fehltritt.

Matz ab: Sie meinen den Streit mit Muhamed Besic?
Rajkovic: Ja. Der Trainer war damals sauer. Und das zurecht. Er hatte die Laufgruppe, in der Besic und ich waren, immer wieder gefragt, wer beim Waldlauf damals nicht gelaufen sei. Nach dem dritten Mal fragen hat er sich den jüngsten in der Gruppe geschnappt und übel am Hals gepackt. Der Trainer meinte zu mir, dass er eben der Trainer sei und ja auch nicht geschlagen habe. Aber ich habe ihm gesagt, dass er so ein ganz schlechtes Beispiel sei, auch wenn ich seine Reaktion verstanden habe. Weil er eben berechtigt sauer war. Ähnlich wie ich, nachdem ich Sonni dreimal gesagt hatte, das er schneller spielen solle und wir Tore brauchen. Geschlagen habe ich erst, als Sonni reagiert hat und mich treten wollte. Das war nicht gut, aber ich dachte, gerade der Trainer müsste das verstehen. Aber das wollte er nicht. Er sagte, ich hätte zu ihm kommen und ihm sagen sollen, dass Sonni nicht zuhört. Aber mal ehrlich, was soll das? Normalerweise klären Spieler das unter sich. Wir sind erwachsen. Aber bei Fink bestätigt sich langsam das Gefühl, das einige haben, dass Selbständigkeit nicht erwünscht ist. Natürlich darf es nicht eskalieren. Aber zum Vergleich: Mein Freund Dejan Stankovic von Inter Mailand hat mich angerufen und mir erzählt, dass es bei Inter andauernd kleinere und größere Streitigkeiten geben würde, diese aber zu 99 Prozent intern und von den Spielern selbst bereinigt werden. Bei uns geht das doch gar nicht. Es wird immer populistisch eine Hierarchie gefordert – aber hier wird alles von außen gesteuert. Ich glaube auch, dass das der Grund sein könnte, weshalb wir keine Leader in der Mannschaft haben. Im Gegenteil: Gleich nach dem Training hat der Trainer Interviews gegeben und seine Entscheidung mitgeteilt. Mir nicht. Bei mir hat sich selbst unser Ober-Fan Johannes Liebnau gemeldet. Der Trainer aber ewig nicht. Der hat mich öffentlich als Buhmann hingestellt und suspendiert. Noch bevor ich angehört wurde. Wenn ich das mit Bayern München vergleiche, wo sich Ribery und Robben in der Kabine blaue Augen schlagen und wo der Verein seine Spieler nach außen hin schützt und intern alles klärt, sagt das doch schon alles über Thorsten Fink. Trainer müssen immer viele Spieler bedienen und bei Laune halten. Da kann man sicher nicht immer alles sagen. Aber unser Trainer lügt. Er hat zwei Gesichter. Und leider sehen das in der Mannschaft schon einige so. Denn im Gegensatz zu mir wollen hier einige weg.

Matz ab: Wer?
Rajkovic: Das kann ich nicht sagen. Ich petze nicht. Ich habe auch lieber die Einjahressperre hingenommen, als ich einen Schiedsrichter angespuckt haben sollte. Dabei weiß ich, wer es war. Nein, ich wusste, dass wir mit dieser Mannschaft nicht über die individuelle Klasse kommen können, sondern über Zusammenhalt. Dafür habe ich lange geschwiegen. Weil der HSV ein toller Klub ist. Aber jetzt wird es gefährlich, weil man dem Trainer zu viele Rechte einräumt. Wen er nicht will, den behandelt er schlecht. Wie mich in Österreich.

Matz ab: Meinen Sie wirklich, dass er das bewusst macht?
Rajkovic: Leider ja. Er hatte mir bis zum 12. Juli Urlaub gegeben, weil ich nach der Saison noch 15 Tage auf Länderspieltour war. Und plötzlich kommt am 5. Juli eine vom Trainer in Auftrag gegeben SMS von Teammanager Marinus Bester mit ‚Wo bist Du?’, woraufhin ich meinen Urlaub abbreche und so schnell wie möglich ins Trainingslager nach Österreich fliege. Als ich dort ankam, fragte mich Thorsten Fink nur: ‚Was willst Du denn hier?’ Spätestens da habe ich gemerkt, dass hier ein falsches Spiel mit mir gespielt wird. Und das geht nicht nur mir so. Ich sage es nur laut, weil es einem tollen Klub großen Schaden zufügen könnte.

In diesem Sinne, gute Nacht!
Scholle

Rudnevs trifft doppelt beim 10:0 gegen Zillertalauswahl

8. Juli 2012

Es war der letzte Abend des Trainingslagers in Marbella. Der HSV hatte uns Journalisten zum Abschluss in ein nettes Restaurant eingeladen. Eine gemütliche, ungezwungen Runde sollte es werden – und die wurde es am Ende auch. Allerdings musste einer anfänglich leiden: Nikola Vidovic. Der Arme hatte sich neben den Trainer gesetzt, und hatte links neben sich noch einen Platz frei. Und das war meine Chance. Mit allen aus dem Trainerstab hatte ich schon gesprochen, nur mit dem Fitness-Guru noch nicht. Ich setzte mich also neben Vidovic, was diesen wiederum Böses erahnen ließ. Ein Journalist, der ihn nicht kennt, sitzt die nächsten zwei, die Stunden neben ihm. Da waren Fragen programmiert. Und der kroatische Kickboxmeister galt bis dahin nicht unbedingt als Mann der vielen Worte. Finstere Blicke aber hatte er parat. Für lau.

Allerdings änderte sich das relativ schnell. Zu meinem Glück. Über den HSV kommend, gelangten wir schnell bei seiner Geschichte. Und die hatte es in sich. Ihr könnt ja mal seine Heimatstadt googlen. Gebt Vukovar und „Bilder“ ein, dann könnt ihr schon erahnen, was mir der damals noch relativ frische HSV-Fitnesstrainer erzählte. Die grausame Geschichte des Bürgerkrieges, bei dem sein Heimatort von 6000000 (in Worten: sechs Millionen!!) Granaten zerbombt wurde. 84 Tage lang bombardierten Serben die Grenzstadt, bis am Ende nur noch 2000 von anfänglich über 40000 Einwohnern übrig blieben. Von diesen wiederum wurden 1500 in Arbeitslager verfrachtet und weitere 300 auf einem offenen Feld hingerichtet und in einem Massengrab vergraben. Eine brutale Geschichte, an die lediglich die früher sonntäglichen Geschichten vom Opa meines besten Freundes Marc Schemmel herankamen. Und Opa Schemmel, ein Mann mit imponierendem Format, war während des zweiten Weltkrieges Gefangener im KZ Neuengamme…

Warum ich Euch das alles erzähle?

Weil ich hoffe, Euch so ein besseres Bild von dem engen Vertrauten des Trainers zu machen. Denn dieser Nikola Vidovic ist ein Selfmade-Mann. Einer, den nach eigener Aussage nichts mehr erschüttern kann. Er hatte damals alles verloren. Familienangehörige, sein Heimatstadt, und seinen hart erarbeiteten Job als Fitnesscoach der kroatischen Nationalmannschaft. Sein gerade beendetes Studium der Sportwissenschaften war plötzlich nichts mehr wert – denn Vidovic flüchtete nach München. Hier angekommen, fing er zunächst als Türsteher im Szene-Club „P1“ an. Über Kontakte wurde er zudem tagsüber als Fitnesstrainer im Fitnessclub Grünwald angestellt, wo er letztlich Thorsten Fink kennenlernte. „Ich hatte in Deutschland bei null beginnen müssen. Nein, bei minus zehn“, erzählt Vidovic heute, „aber ich war es gewohnt, mich durchzukämpfen.“

In Kroatien hatte das begonnen, als er grundlos verprügelt und schwer verletzt worden war. Anschließend schwor sich Vidovic, der damals Basketball spielte, sich fortan selbst beschützen zu wollen. Er begann mit Selbstverteidigung, lernte Kickboxen. „Ich war schon immer ein Sportjunkie. Ich kann nicht ohne Sport“, so Vidovic, der dieses Selbstlob beeindruckend untermauerte, indem er sich letztlich den kroatischen Kickbox-Meistertitel sicherte. „Ich bin kein Freund von halben Sachen“, so die simple Erklärung des Mannes für die Überstunden. „Der ist immer da, wenn du ihn brauchst“, hatte mir David Jarolim zuletzt erzählt, bei dem das oft nötig war. Ebenso wie bei Gojko Kacar vor seiner Verletzung sowie Mladen Petric und aktuell Maxi Beister. „Sie wollten Extraschichten machen, Boxen lernen. Das mache ich nach den Einheiten“, so der 48-Jährige, dessen Kraftausdauer beim HSV trotz des derben Altersunterschiedes noch kein Spieler erreicht hat.

Zumindest erzählen die Spieler das so. Voller Respekt. Denn Vidovic ist nicht einer, der mit einer Trillerpfeife im Mund die Spieler quält. Nein, er macht alle Übungen selbst mit – oder zumindest vor. „Zeigen ist besser als 1000 Worte. Zum einen lernen es die Spieler so schneller, zum anderen sehen sie, dass ich weiß, wovon ich spreche.“ Dass das wiederum bedeutet, dass er selbst immer topfit sein muss – für Vidovic kein Problem. „Ich will mich ja fit halten. Ich muss es sogar. Ich kann eben nicht ohne. Nicht mal Heiligabend…“

Das für Vidovic diese Sommertage wie Weihnachten sind, hat einen anderen Grund. Mit einem breiten, zufriedenen Grinsen erzählt er: „Es ist das erste Mal beim HSV für mich, dass ich eine richtige, komplette Vorbereitung gestalten kann. Und ich will die Spieler stärker machen.“ Denn da ist nach seiner Auskunft noch Luft nach oben. „Alle haben ihr Programm in der Pause gut absolviert. Und wer noch etwas nachzuholen hat, der kommt eben zu mir in die Extraschicht.“ Dort wiederum muss Vidovic auch immer wieder Spieler wegschicken. „Tolgay Arslan will sehr viel. Da muss ich aufpassen, dass die Dosis stimmt. Genau so bei Heung Min Son, den ich immer eher etwas bremsen als puschen muss. Und Paolo Guerrero natürlich“, sagt Vidovic und lacht: „Der ist auch manchmal etwas zu motiviert. Vielleicht niete ich ihm ja demnächst einen Yoga-Kurs an…“

Sehr zufrieden ist Vidovic auch mit den drei Neuen. Insbesondere Rene Adler hat es dem Kroaten angetan. „Rene ist richtig gut drauf. Der hat sehr gut gearbeitet in den letzten Monaten, das sieht man. Rene ist sehr stabil.“ Und sehr präsent, wie zuletzt auch an dieser Stelle immer wieder berichtet wurde. Heute kam der 27-Jährige zu uns in die Runde. Und er lieferte einen Auftritt ab – entschuldigt, dass ich schon wieder so ein Kompliment machen muss -, der meinen ersten sehr guten Eindruck von ihm bestätigte. Der ehemalige Leverkusener ist nicht mehr der ehemalige Leverkusener. Den Blick zurück meidet er, den Blick in den Spiegel genießt er hingegen. Insbesondere, wenn er seine HSV-Klamotten trägt. „Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich diesen Anblick genieße. Die Klamotten stehen mir. Mehr noch: Mir kommt es sogar schon so vertraut vor, als wäre ich schon Jahre hier.“

Ist er aber nicht. Dafür aber hat die Nummer 15 (sollte Drobny doch noch den Verein wechseln, erhält er dessen Rückennummer eins) bereits in den ersten sieben Tagen eine Führungsrolle eingenommen. „Rene verfügt über fußballerische Fähigkeiten, wie es nur wenige Torhüter haben“, hatte uns Torwarttrainer Ronny Teuber erzählt, „und das merkt man auch in seinen Ansagen. Er ist eben ein Fußballer, der ein richtig gutes Auge hat, Situationen gut einschätzt und entsprechend seine Vorderleute dirigiert.“ Kurz gesagt: Adler ist der erste Spieler der Sorte Führungsspieler, wie sie Trainer Thorsten Fink unlängst gefordert hatte.

Und diese Rolle gefällt Adler. „Ich werde nicht in diese Rolle gedrängt. Ich finde es einfach selbstverständlich, von hinten zu dirigieren, weil ich von dort alles vor mir habe. Ich habe als Torwart doch den besten Blick auf das Geschehen, daher ist es nur logisch, dass ich versuche, zu führen. Ich fühle mich dazu verpflichtet. Und ich trage gern Verantwortung.“ Dass dies auch mal unangenehme Gespräche bedeutet, schreckt ihn nicht ab. „Da musst du auch schon mal jemanden zusammenscheißen, ganz klar. Aber du musst auch wissen, wie du mit wem redest. Es ist eher kontraproduktiv, wenn du jemanden zusammenstauchst, der danach Zitterfüße bekommt. Aber all das werde ich mir während der Vorbereitung erarbeiten. Auch dafür sind diese Wochen.“

Es sind notwendige Wochen, wie das Spiel gegen den TSV 1860 Rosenheim zeigte. Insbesondere spielerisch hapert es beim HSV noch. Und das, obwohl Fink gerade die spielerische Komponente hervorheben will. Um hier fundierter nacharbeiten zu können, reiste Spielanalyst Sören Meier extra mit ins Trainingslager nach Österreich. Neben den Testkicks sollen auch alle Einheiten auf dem Rasen aufgezeichnet werden, um sie anschließend auszuwerten.

Wobei der Test gegen die Zillertalauswahl nicht als wertvoll erachtet werden kann. Was allerdings diesmal nicht am HSV, sondern an der Ortsauswahl lag, die maximal Bezirksliganiveau hatte. Dennoch war es ein Laune machender Nachmittag bei bestem Sommerwetter in dem schmucken, kleinen Jahnstadion in Hippach. Das lag vor allem an der guten Stimmung der rund 1000 Anhänger. Das Spiel hingegen begann mal wieder sehr schleppend. Erst in der 21. Minute traf der als hängende Spitze aufgebotene Robert Tesche zum 1:0. Und während in der 23. Minute sogar der Ausgleich hätte fallen müssen. Jeffrey Bruma unterschätzte einen Freistoß und der dahinter postierte Zillertaler hätte nur mit dem Kopf ins Tor verlängern müssen, köpfte jedoch Rene Adler direkt in die Arme. Besser machten es Berg (24.) und noch mal Tesche (42.), die das Halbzeitergebnis auf 3:0 hochschraubten. Erst in der zweiten Halbzeit, in der die Amateurauswahl einbrach, drehte der auf allen elf Positionen ausgetauschte HSV auf. Maxi Beister (54., 89.), Macauley Chrisantus (61.), Tolgay Arslan (63., 83.) und Artjoms Rudnevs (76., 80.) trafen zum 10:0-Endstand.

Was wir aus dem Spiel mitnehmen können? Nicht viel. Außer einem Sonnenbrand bei dem einen oder anderen Zuschauer. Wir Journalisten hatten uns alle eingecremt. Weil Rene Adler das vorher angesagt hatte. Der Mann übernimmt eben Führung. In allen Bereichen.

In diesem Sinne, bis morgen! Sonnige Grüße aus dem schönen Zillertal,

Scholle

HSV: Adler (Mickel) – Lam (Norgaard), Bruma (Mancienne), Besic (Sternberg), Aogo (Jansen) – Sala (Skjelbred), Westermann (Steinmann) – Töre (Chrisantus)Tesche (Arslan), Son (Beister) – Berg (Rudnevs).
Die Spieler in Klammern sind allesamt in der 46. Minute eingewechselt worden.

Skelbred, Bruma und Neuhaus in der Startelf?

5. April 2012

Das klingt nicht sonderlich optimistisch. Im Gegenteil. Nach zwei, drei ausweichenden Sätzen spricht Trainer Thorsten Fink deutlich: „Normalerweise muss man sagen, es sieht nicht gut aus.“ Gemeint ist Jaroslav Drobnys Chance auf eine ausreichende Geneseung seines Sehnenanrisses am linken Daumen bis zum Spiel gegen Bayer Leverkusen am Sonntag (17.30 Uhr, Imtech-Arena). „Aber“, fügt Fink hinzu, „er hat gesagt, dass er versuchen wird zu spielen. Dafür steigt er am Freitag ins Training ein. Sollte er durchhalten können, spielt er auch. Wenn nicht, steht Sven Neuhaus im Tor. Und Sven ist in einer super Verfassung. Er hat ganz stark trainiert und ich vertraue ihm.“

Fink redet Neuhaus stark. Obwohl er weiter auf Drobny hofft, wie er selbst sagt und wie es viele andere auch hoffen. Unter ihnen im übrigen auch Neuhaus selbst, der trotz der verlockenden Aussicht auf seine Erstligapremiere mit 34 Jahren extrem fair bleibt. „Drobo hat ja schon seit drei Wochen immer wieder Probleme gehabt. Daher ist diese Situation jetzt nicht neu für mich. Trotzdem wären wir ganz sicher alle am glücklichsten, wenn wir am Sonntag gewinnen – und Drobo gesund ist.“

Neuhaus ist ein extrem sympathischer Typ. Loyal, wie man sich einen Ersatzkeeper nur wünschen kann. Vor der Saison als Nummer drei zum HSV gekommen, gibt der 34-Jährige immer Vollgas. Dass er sportlich Defizite hat, wurde dabei ebenso deutlich wie die Tatsache, dass der zweifache Familienvater seit Saisonbeginn erkennbare Fortschritte macht. „Ich bin aus finanziellen Gründen – das gebe ich zu – zu Red Bull nach Leipzig gewechselt. Und es war ein Fehler. Dort habe ich in der fünften und vierten Liga gespielt, wo nicht annähernd der Zug drin war, den ich vorher kannte – und den ich jetzt brauche. Daher habe ich sicher ein halbes Jahr beim HSV gebraucht, um mich zu akklimatisieren.“ Seit der Wintervorbereitung jedoch, so sieht es Neuhaus, sei er endlich angekommen. „Die Mannschaft hat mich von Beginn an gut aufgenommen. Und seit der Wintervorbereitung bin ich auch sportlich wieder da, wo ich hin will.“

Vielleicht sogar noch weiter. Denn nach seiner Beförderung zur Nummer zwei im Tor (die eigentliche Zwei Tom Mickel wurde an der Hand operiert und fällt noch immer aus) steht er jetzt vor der vielleicht größten Herausforderung seiner Karriere: einem Erstligaspiel. 153 Zweitliga- und 38 Regionalligaspiele, das letzte Davon im Dezember 2012, hat Neuhaus auf dem Buckel. Am Sonntag könnte das erste Erstligaspiel folgen. Ob er aufgeregt ist? „Ich habe einen sensationell guten Torwarttrainer. Und wenn ich hier als nominelle Nummer drei plötzlich ins kalte Wasser geschmissen werden sollte, werde ich mich freischwimmen und der Mannschaft helfen können.“ Selbst eine derartige Kulisse wie die zu erwartenden am Sonntag kennt er schon. „Ich habe mit Augsburg dreimal in der Allianz-Arena gegen 18060 München vor 69000 Zuschauern gespielt – und wir haben alle drei Spiele gewonnen. Mehr muss ich dazu doch nicht sagen, oder?“, so die rhetorische, nicht ernst gemeinte Frage des auch heute wieder sehr humorvollen Drobny-Backups, das einen erstaunlich entspannten Eindruck macht. „Ich bin einfach ein lockerer Vogel, warum sollte ich das jetzt noch ändern?“

Sollte er nicht. Zumindest so lange nicht, wie es leistungsfördernd ist.

Relativ entspannt präsentiert sich derzeit auch Per Skjelbred. Zum einen, weil der Norweger die anhaltenden Schienbeinprobleme auskuriert hat. Eine kleine Narbe ist auf dem linken unteren Schienbein zwar noch zu sehen. Aber die Schwellungen sind raus. „Nach einem Schlag im Trainingslager in Marbella bildete sich immer wieder neu Flüssigkeit auf dem Schienbein, die nicht richtig ablaufen wollte. Erst eine Operation hat geholfen.“ Das festsitzende Blut sei dickflüssig wie Ketchup gewesen, als man ihn schlussendlich operiert hatte, erzählte mit der norwegische Mittelfeldmann mehr, als ich hören wollte. Zum anderen ist Skjelbred glücklich, weil er momentan auf der Position des zweiten Sechsers neben David Jarolim die Nase vorn zu haben scheint. Zumindest spielt Skjelbred die Position n den Trainingsspielen. „Ich habe ein ganz gutes Gefühl“, sagt Skjelbred, „ich bin gut drauf und der Trainer scheint das zu sehen. Gut möglich, dass es am Sonntag schon losgeht.“ Er jedenfalls ist bereit. „Mehr als das. Ich hatte Ewigkeiten mit meiner Verletzung zu tun, das hat massiv genervt.“ Dadurch habe er immerhin so lange auf einen Einsatz warten müssen, wie seit seinem ersten Jahr als Profifußballer nicht mehr. „Es war nicht immer leicht, von außen sehen zu müssen, wie die Mannschaft spielt. Besonders dann nicht, wenn wir verloren.“ Wobei ich Euch bitte, die Wortwahl zu beachten, denn Skjelbred spricht zwar von der Mannschaft, die gespielt hat – aber von „wir“, die verloren haben.

Der Norweger ist – und diese Parallel ziehe ich zu Neuhaus – ein guter, teamorientierter Typ. Auch bei ihm steht die Mannschaft und der Verein – zumindest sportlich – über allem. Beide begeistern mit ihrer Art. Allerdings bleibt abzuwarten, inwieweit sie ihren guten Worten auch gute Leistungen folgen lassen zu können. Dass ich da skeptisch bin, hatte ich gesagt. Dieser HSV hat eine gute erste Elf. Aber Ausfälle sind nur schwer zu kompensieren. Das hat man bei Aogo gesehen, das sieht man aktuell bei Guerrero (obwohl Berg zweifellos und lobenswert effektiv spielt) und das befürchte ich bei einem Ausfall Drobnys. Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf und würde mich nur zu sehr freuen, mich am Sonntag nach dem Spiel hier korrigieren zu müssen…

Das hoffe ich übrigens auch vom Mannschaftsrat. Denn der hatte sich zuletzt dafür ausgesprochen, Michael Mancienne in die Startelf zu nehmen und auf den niederländischen Nationalspieler Jeffrey Bruma zu verzichten. Jetzt scheint Bruma wieder in die Startelf zu rücken. Zum einen, weil er den Schuss vor den Bug verstanden zu haben scheint. Und zum andren, weil Fink großen Respekt vor der Kopfballstärke der Leverkusener hat. „Wir brauchen einen kopfballstarken Spieler mehr im Team“, sagt Fink, der sich nach eigener Aussage noch nicht auf eine erste Elf festgelegt hat. Ob Bruma beginnen wird? Fink: „Es schaut so aus. Wir haben in der vergangenen Woche einen positiven Schub bekommen und wollen auch diese Woche hinten sicher stehen und vorn die Chancen nutzen.“ Denn klar ist, dass der HSV am Sonntag einen riesigen Schritt nach vorn machen kann. Wie große der sein wird, werden alle schon vor dem Anpfiff wissen – immerhin beschließt der HSV gegen Bayer den Spieltag.

Ebenso wie ich an dieser Stelle diesen Blog. In diesem Sinne, bis morgen. Dann wieder mit Dieter. Und hoffentlich mit positiven Neuigkeiten im Thema Drobny. Obwohl mal wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert wird.

Ich drücke unserer Nummer eins auf jeden Fall die Daumen. Und das ist nicht als dummes Wortspiel gedacht.

Scholle

P.S.: Hier im Blog wird das Thema Besic sehr kontrovers diskutiert. Ich kann nur aus eigener Erfahrung beisteuern, dass Besic schon unter Beiersdorfer Verfehlungen hatte, die ihm nachgesehen wurden und mit Ermahnungen endeten. Besic ist alles andere als einfach. Wobei das allein auf andere HSVer auch zutrifft. Der Unterschied zu Kollegen wie Paolo Guerrero, mit dem ich ein langes, ehrliches und aus meiner Sicht auch sehr interessantes Gespräch hatte, ist, dass Besic für den HSV noch nicht(s) viel geleistet hat. Zumindest nicht für die Profis. Umso erstaunter war ich, als er sich selbst als zu gut für die eigenen Zweite bezeichnete. Da er selbst den hier immer wieder als Rechtfertigungsgrund angeführten körperlichen Angriff Finks stark relativierte, hat sich der Bosnier mit seiner despektierlichen Art meiner Meinung nach beim HSV dauerhaft disqualifiziert. Vielleicht ja sogar ganz bewusst, um so seine Freigabe zu erzwingen.

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