Archiv für das Tag 'Bernabeu'

Aogo ersetzt Jansen – und Jiracek kommt erst 2013 wieder

20. November 2012

Ich hatte es gestern geschrieben und befürchtet, nun ist es amtlich: Petr Jiracek wird dieses Jahr nicht mehr für den HSV auflaufen können. Der tschechische Späteinkauf leidet weiter an einer Schambeinentzündung. Auch die Untersuchungen bei einem Spezialisten in Berlin ergaben kein klares Ergebnis. „Petr wird jetzt noch mal zwei Wochen Ruhe bekommen und dann operiert“, sagt Trainer Thorsten Fink. „Er wird uns aller Voraussicht nach Anfang Januar wieder zur Verfügung stehen, wenn es ins Trainingslager geht.“ Das soll zu Jahresbeginn in den Vereinigten Emiraten in Abu Dhabi stattfinden.

Bitter.

Zumal der Tscheche in körperlich gesundem Zustand eine absolute Bereicherung wäre. Der Linksfuß, der auf nahezu allen Positionen im Mittelfeld spielen kann, würde selbiges zusätzlich variabler machen. Er könnte auf die Sechs rutschen und 1:1 den Platz von Tolgay Arslan neben Milan Badelj übernehmen, sollte dieser mal ausfallen. Oder er ersetzt links Beister. Oder zentral van der Vaart, sollte dieser – ich klopfe gerade dreimal auf Holz, dass dies nicht passiert – wirklich mal ausfallen.

Egal. Jiracek ist erst wieder 2013 ein Thema für Fink und den HSV. Bis dahin muss der HSV-Trainer mit dem vorhandenen Material auskommen. Auch mit seinem Zwei-Mann-Angriff Marcus Berg und Artjoms Rudnevs. Bislang galt der Lette als gesetzt, allerdings überzeugte Rudnevs in den letzten Partien nicht. Marcus Berg auch nicht wirklich. Allerdings wusste Berg zumindest heute im Training zu überzeugen. Der Schwede, der im Winter nach Möglichkeit (sofern das Angebot kommt und stimmt) den Verein verlassen soll, zeigte auf jeden Fall, dass er ballsicherer ist – und er traf. Mehrfach für das B-Team gegen Jaroslav Drobny und später Rene Adler (hier allerdings auch mit Cotrainer Heinemann als Gegenspieler).

Anschließend stellte Fink seinem Berg in Aussicht, aufgrund der bevorstehenden englischen Woche für Artjoms Rudnevs in die Startelf zu rutschen. Noch nicht in Düsseldorf. Aber eventuell beim Heimspiel gegen Schalke am kommenden Dienstag. „Es ist ein Thema für mich“, so Fink zur Überlegung, den laufstarken Rudnevs auswärts (Fink: „Das Spiel mit viel Raum liegt ihm eher“) rauszunehmen und Berg zu bringen.

Klar ist allerdings, dass ein neuer Rasen kommt. Weil das „Grün“ zuletzt in einem desolaten Zustand war, plant der HSV, den Untergrund noch bis zum Schalke-Spiel am kommenden Dienstag auszutauschen. Nicht viel Zeit, um den alten Rasen abzunehmen und den neuen zu verlegen. „Die Frage ist, ob der Rasen überhaupt so schnell anwächst“, befürchtet Fink und beruhigt sich selbst: „Allerdings: Schlechter als zuletzt geht es ja kaum.“

Auf jeden Fall sei ein ebener Rasen enorm wichtig für das eigene Spiel. „Unser Mittelfeld ist sehr spielstark, da waren diese Flicken im Rasen nicht gerade ein Vorteil gegen Mainz“, sagt Fink und meint damit sicher nicht Artjoms Rudnevs. Im Gegenteil: dem zuletzt schwachen Angreifer drohen etliche Sonderschichten. „Den Ball annehmen, ihn verarbeiten und wieder steil gehen – das fehlt Rudi im Moment. Zum einen, weil er natürlich nicht das große Selbstvertrauen hat. Aber er hat da seine Schwierigkeiten.“ Deshalb übt der glücklose aber äußerst fleißige Rudnevs nach den Einheiten insbesondere seine Ballfertigkeit. Er spielt Fußball-Tennis mit Fitnesstrainer Nikolai Vidovic. Rudnevs ist sich seiner Schwächen bewusst und arbeitet. Heute absolvierte er mit Heung Min Son Torschussübungen, in den nächsten Wochen sollen weitere Technikübungen dazukommen. Insbesondere, wie er den Ball mit dem Rücken zum Gegenspieler verarbeitet und in den eigenen reihen hält. „Das werden wir üben“, so Fink, „aber ich bin da sehr guter Dinge.“

Ich bin zwar nicht wirklich optimistisch, ich hoffe aber. Auch darauf, dass der HSV im Winter noch mal personell nachbessert – was intern als primäre Personalie gilt. Dafür muss zwar zunächst Marcus Berg (s. o.) verkauft werden, allerdings deutet genau darauf einiges hin. Dem Schweden soll konkret eine Anfrage vom IFK Göteborg sowie lockere Anfragen aus den Niederlanden vorliegen. „Wenn wir Spieler verkaufen, können wir schauen“, so Sportchef Frank Arnesen, der die Anfrage aus Göteborg bestätigt.

Eine Personalie, die dringend notwendig ist. Dem HSV fehlt wie schon mit Bernardo Romeo (allerdings traf dieser häufiger) in der Spitze eine Anspielmöglichkeit, um das Mittelfeld zu entlasten. Viele Angriffe enden spätestens dann, wenn Rudnevs so angespielt wird, dass er in den Zweikampf muss. Deshalb müssen van der Vaart, Badelj, Arslan, Son und auch Beister, die Bälle selbst bis in die Spitze schleppen. Rudnevs hingegen gefällt zumeist mit seinen Laufwegen und darf sich darüber freuen, dass die Mannschaft Erfolg hat. Ansonsten hätte Fink, der bekennend kein Freund vieler Wechsel ist, mit Sicherheit auch Rudnevs in Frage gestellt.

Mehr als fraglich ist momentan auch Marcell Jansen. Der Linksallrounder leidet weiter an einer Kapselreizung im Knie und wird gegen Düsseldorf am Freitag ziemlich sicher auszufallen. „Bei Marcell sagen die Ärzte, dass es schwer wird bis Düsseldorf“, so Finks Aussicht auf die Auswärtspartie beim Aufsteiger Fortuna Düsseldorf. Sollte Jansen ausfallen, womit Fink zu rechnet, rückt Dennis Aogo nach. „Nicht das Schlechteste für einen Trainer, so nachbessern zu können“, freut sich Fink über die wieder erstarkte Alternative. Im Gegensatz zum Angriff hat Fink hinten links zwei richtig gute Alternativen. Und darüber freut sich der Trainer. Vor allem, weil so sein vor 14 Tagen ausgegebenes Ziel weiter realistisch ist. „Ich hatte sieben Punkte aus Freiburg, Mainz und Düsseldorf gefordert – und noch sind wir im Soll.“ Zudem sieht Fink de Druck am Freitag klar beim Gastgeber. „Am Anfang haben sie fünfmal zu Null gespielt, schwebten auf einer Welle der Euphorie. Das ist jetzt vorbei. Sie stehen unter Druck. Und wir wollen versuchen, diese Situation auszunutzen. Die Chance ist groß.“

Es wären die ersten drei von insgesamt neun Punkten, die Michael Mancienne aus den letzten fünf Hinrundenspielen erwartet. Der Engländer, der überraschenderweise Jeffrey Bruma und den wieder in den Kader zurückkehrenden Paul Scharner aus der Innenverteidigung verdrängen konnte, ist in der Form seines Lebens. Oder? „Es läuft recht gut“, bleibt der Stammspieler bescheiden, „aber dafür arbeite ich jeden tag hart und muss das auch weiter so machen. Die Konkurrenz ist groß.“ Ebenso wie sein persönliches Ziel, das da heißt: Englische Nationalelf. „Das ist und bleibt mein großer Traum“, so Mancienne, wissend, dass er es als Legionär nicht annähernd so leicht hat, wie ein Premier-League-Verteidiger. Deshalb wechseln will Mancienne allerdings nicht. Glaubhaft versichert er: „Ich bin in Hamburg sehr, sehr glücklich. Ein Wechsel ist kein Thema. Im Gegenteil: Der HSV ist ein riesengroßer verein mit großem Potenzial. Selbst die Stadt ist nahezu identisch mit London.“

Zudem: Dass er nach seiner Krankheit (Grippe) sofort wieder ins Team rutschen würde, hatte Mancienne gehofft – gerechnet hatte er allerdings nicht damit. Wobei ihm die Gelbrote und die daraus resultierende Sperre für Scharner zusätzlich in die Karten spielten. Oder? „Ich wäre fast gestorben, als ich sah, wie Paul runter musste“, erinnert sich Mancienne an das Freiburg-Spiel, das er per Liveticker aus dem Krankenbett verfolgte. Mancienne weiter: „Ich habe mich richtig schlecht gefühlt, weil ich ihm mehr Glück in seinem ersten Spiel gewünscht hatte. Aber er ist ein Profi und verarbeitet das. Da bin ich mir sicher.“

Sicher sein kann er sich auch, weiter in der Startelf zu stehen. „Der Coach vertraut mir – und das ehrt mich sehr. Ich habe jetzt die Verantwortung, ihm dafür auf dem Platz mit Leistung zu danken.“ Und das macht er. Lob ist dem schüchternen Engländer indes fast unangenehm. „Michael hat wie alle gegen Bayern und dann noch gegen Frankfurt nicht gut gespielt – aber das war’s dann auch. Der Rest war sehr gut“, lobte Fink den Verteidiger heute nach dem Training – und Mancienne wusste gar nicht, wohin mit sich, als ihm einer meiner Kollegen das Lob heute zitierte. Immer wieder – und das spricht für ihn als Teamplayer – begründet er seinen persönlichen Lauf mit der Leistung seiner Kollegen. „Wir arbeiten seit Wochen als Team. Wir verteidigen schon ganz vorn, stehen so viel kompakter. Wir entwickeln uns und werden von Woche zu Woche besser. Das ist mit dem Saisonbeginn nicht mehr zu vergleichen.“

Zum Glück nicht.

In diesem Sinne, morgen wird um zehn Uhr an der Arena trainiert. Aller Voraussicht nach auch wieder mit Tolgay Arslan, der beim heutigen Training (nur Kreis- und anschließend ein Abschlussspiel) wahrlich nichts verpasste. Der U21-Nationalspieler pausierte ob leichter Beschwerden heute, soll aber ab morgen wieder voll einsetzbar sein. „Ich rechne wieder mit ihm“, so Fink, der auch am Freitag auf Arslan setzt: „Ist er fit, spielt er.“

Hoffen wir es.

Bis morgen!

Scholle

Übrigens: Beim Abschlussspiel agierte Trainer Fink im A-Team mit – und er sorgte für den schönsten Treffer beim 3:3. Eine flache Hereingabe von Diekmeier nahm der Coach aus rund 16 Metern direkt und traf in den rechten oberen Winkel. Keeper Drobny war chancenlos, die Fans applaudierten. Auf die Nachfrage, ob er beim Schuss ausgerutscht sei, antwortete Fink trocken: „Nein, das war ja nicht das erste Mal. So einen habe ich auch schon mal mit Links gemacht. Im Bernabeu-Stadion. Gegen Real Madrid. Kur bevor wir mit Bayern 2001 die Champions League geholt haben. Noch Fragen?“, so Finks humorige Antwort auf eine nicht ganz ernst gemeinte Frage.