Archiv für das Tag 'Berg'

Zwei- oder gar Drei-Klassen-Gesellschaft?

7. September 2013

Bundesliga VfL Wolfsburg gegen Bayern München, live im Fernsehen. Und wer führt? Natürlich Bayern. 1:0 bei den Wölfen – vor 8942 Zuschauern. Genau genommen führt der FC Bayern bei den Wölfinnen, denn es ist der erste Spieltag der Frauen-Bundesliga – live auf Eurosport. Und München ist eigentlich Außenseiter gegen den Triple-Gewinner aus Norddeutschland, aber nicht immer gewinnt der Favorit. Auch wenn Deutschland, favorisiert gegen Österreich, ein sehr gutes Spiel abgeliefert hat und seiner Favoritenrolle mit einem klaren 3:0 gerecht geworden ist. Ich hatte ja auf einen Tag der offenen Tür getippt, und auch vorhergesagt, dass es keine Treterei geben wird – aber gegen Schluss des Spiels langten die Ösis dann doch einige Male kräftig zu. War wohl viel Frust im Spiel. Besonders bei Kavlak, der dreimal was auf die Nase bekam und sich dann spät mit einem ganz bösen Tritt gegen Kroos für einen Ellenbogenschlag kräftig revanchierte. Das war eigentlich glatt Rot, so wie es das Regel-Lehrwerk zwingend vorsieht, aber der Schiedsrichter dachte wohl an die über eine Stunde lang blutende Nase, hatte Mitleid und zeigte nur Gelb.

So, das war der Ausflug in die WM-Qualifikation, jetzt geht es zum HSV. Da war heute Abschlusstraining – für die Zweite. Rodolfo Cardosos Mannschaft spielt morgen bei Regionalliga-Aufsteiger Eintracht Norderstedt, Anpfiff ist um 14 Uhr. Und leider kollidiert diese Partie mit dem Tag der Legenden am Millerntor, wo ich mich schon am Vormittag einfinden werde. Ich bin gespannt, wie sich der HSV-Talente-Schuppen an der Ochsenzoller Straße aus der Affäre ziehen wird – im Edmund-Plambeck-Stadion hatte der HSV ja bis zuletzt Heimrecht genossen. Es ist also fast noch ein Heimspiel, aber zuletzt hatte die „Zweite“ ja nach zwei Siegen in Folge mit 1:3 daheim gegen Goslar den Kürzeren gezogen.

Beim HSV könnten zwei „Aussortierte“ mitmachen: Robert Tesche und Gojko Kacar. Zwei von vier, denn in diesen Kreis gehörten ja vor einigen Tagen ja auch noch Michael Mancienne und Slobodan Rajkovic. Beide sollten, so war es einst angekündigt, am Ende der Transferperiode auch zur club-eigenen U 23 gehen, falls sie bis dahin keinen neuen Arbeitgeber gefunden haben. Und das haben sie bekanntlich nicht. Und nun gibt es im HSV sogar zwei verschiedene Sorten von „Aussortierten“. Eine Sorte trainiert mit dem Regionalliga-Team in Ochsenzoll, die andere mit den Profis im Volkspark. Das ist schon ein wenig kurios. Oder sogar reichlich.

Was, so wurde ich gestern während des Profi-Trainings gefragt, macht den Unterschied aus? Sind Mancienne und Rajkovic bessere Menschen als Kacar und Tesche, sind sie besser Profis – oder trainieren sie nur besser? Ich muss gestehen, dass ich diese Frage nicht beantworten konnte. Es ist vielleicht so, dass sich Kacar und Tesche zu oft schon gesträubt haben, den HSV zu verlassen, obwohl ihnen die Verantwortlichen schon seit Monaten klar gemacht haben, dass sie hier keine Rolle mehr spielen werden. Allerdings würde das in meinen Augen auch auf Rajkovic zutreffen, denn der Innenverteidiger machte auch relativ wenig bis gar keine Anstalten, den HSV verlassen zu wollen.

Lediglich Mancienne hätte Hamburg den Rücken gekehrt, doch um das in die Tat umzusetzen, hätte es mindestens einen Verein geben müssen, der ihn hätte haben wollen – das aber war nicht der Fall. Und auf jeden dieser vier Profis trifft dann auch zu, dass sie einfach zu gute Verträge mit dem HSV abgeschlossen haben. Wer würde schon freiwillig auf viel Geld verzichten wollen, wenn er dazu noch einen viel, viel schlechteren Club als neuen Arbeitgeber zu akzeptieren hätte?

Ich gestehe, dass ich eine gewisse Zeit schon mit Unverständnis auf die „Aussortierten“ reagiert habe. Weil ich es nicht verstehen konnte, dass sie – wenn schon dermaßen unerwünscht – sich keinen neuen Club gesucht haben. Oder von ihren Beratern haben suchen lassen. Allerdings denke ich nun auch ein wenig anders darüber, denn die Zeiten sind ja wirklich schlecht geworden. Nicht nur für Profi-Fußballer, aber auch. Wer als Profi bei seinem Verein „ausgespielt“ hat, der muss erst einmal etwas Besseres finden. Aber, und das halte ich mir immer vor Augen, was ist denn schon besser als der HSV? Bayern und Dortmund. Aber dann? Und wenn man dazu weiß, dass der HSV in den vergangenen Jahren (als es keinen Sportchef gab) Gehälter gezahlt hat, die zu Bayern und Dortmund passen würden, dann ist es für Außenstehende leicht zu sagen: „Weg mit ihnen.“

Nehmen wir mal Gojko Kacar. Super-Vertrag mit dem HSV. In diesem Jahr, das haben wir alle erfahren dürfen, erhöhte sich des jährliche Gehalt des 26-jährigen Mittelfeldspielers von 1,5 auf 1,8 Millionen Euro. Das war damals, bevor Frank Arnesen und später Oliver Kreuzer kamen, so vertraglich vereinbart. Kacars Vertrag läuft noch bis zum 30. Juni 2015. Das sind so bummelige 3,5 Millionen, die der frühere Nationalspieler bis zu seinem Ausscheiden in Hamburg kassiert. Wer würde darauf schon freiwillig verzichten? Ich nicht, gebe ich zu. Und wenn ich dann zum punktlosen Tabellenletzten Russlands nach Sibirien wechseln sollte, dann natürlich auch nicht. Selbstverständlich nicht. Tom Tomsk als Absteiger in spe, oder Hamburg und die U 23 des HSV – da würde ich für 3,5 Millionen Euro auch Hamburg bevorzugen. Wenn der Vertrag von Kacar ausgelaufen ist, geht der Spieler auf die 28 Jahre zu. Dann ist er in einem Alter, in dem er in der Heimat sehr wohl noch einen Verein finden wird. Zwar für viel, viel weniger Geld als beim HSV, aber die Millionen, die Kacar bislang schon in Hamburg verdient hat (und die er noch verdienen wird – diese bummeligen 3,5), die haben ihn spätestens dann zu einem gemachten Mann gemacht.

Ähnlich verhält es sich doch mit Robert Tesche. Angebot vom FC St. Pauli – abgelehnt. Natürlich. Zweite Liga. Und dazu wissen alle Hamburger, dass der große Nachbar des HSV genau so flüssig ist (in Sachen Finanzen) wie der Erstliga-Club aus dem Volkspark. Tesche hätte spielen können, aber ganz bestimmt für viel, viel weniger Geld. Und er hat sich für das Geld entschieden, dass er noch bis zum 30. Juni 2014 immer schön aufs Konto überwiesen bekommt. Der HSV war damals eben so großzügig und warf mit dem Euro nur so um sich. Bei der Gelegenheit: Ich traf kürzlich einen Münchner, dessen Geschäft in der Bundesliga läuft. Der lachte sich in diesem Gespräch kaputt über den blauäugigen HSV, dass der solche Wahnsinnssummen zahlt.

Zahlte, muss man ja sagen, denn der HSV ist ja längst vernünftiger geworden. Und ihm wird es sicherlich auch dann wieder etwas besser gehen, wenn die „Aussortierten“ irgendwann keine Millionen mehr in Empfang nehmen werden. Der Vertrag von Rajkovic endet übrigens am 30. Juni 2015, der von Mancienne ebenfalls. Das sind doch mal Perspektiven . . .

Wobei ich, das ist schon klar, die eine Frage immer noch nicht beantwortet habe. Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den „Aussortierten“? Oder sogar eine „Drei-Klassen-Gesellschaft“? Denn eines ist doch auch klar: Auch ein Marcus Berg und ein Paul Scharner gehörten einst zu den „Aussortierten“, zu jenen Spielern, die beim HSV „über“ waren. Das „Millionenden“-Missverständnis Berg wurde nach Athen verschenkt, 49-Minuten-Mann Scharner mit einer Abfindung von einer halben Million vor die Tür gesetzt. Das sind natürlich auch Möglichkeiten, sich von Spielern auf die elegante Art zu trennen, allerdings gehen die auch ganz schön ins Geld . . .

Ich sehe, wenn ich eine Begründung dafür finden müsste, warum Mancienne und Rajkovic nun plötzlich doch „oben“ bleiben und trainieren dürfen, die Gewerkschaft der Profi-Fußballer dafür (mit-)verantwortlich. Sie wagte sich vor einer Woche mit der dieser pikanten These an die Öffentlichkeit: „Profi-Fußballer, geht nicht zum HSV und nicht nach Hoffenheim, da werdet ihr gemein behandelt, am Ende sogar aussortiert.“ Als diese Meldung kam, blieben Mancienne und Rajkovic plötzlich bei den Profis. Zufall? Daran mag ich nicht so recht glauben. Eher denke ich, dass es der HSV mit dem „Aussortieren“ nicht gänzlich auf die Spitze treiben wollte. Es würde dem Image des Clubs sehr abträglich sein . . .

Wobei ich eines sagen muss: Rajkovic und Mancienne trainieren zurzeit wirklich vorbildlich. Besonders der Engländer, er würde bei mir fast die Note eins bekommen. Aber, auch das muss ich sagen: Kacar machte zu Saisonbeginn, als er bei der U 23 mittrainieren musste, einen ganz schlimme Eindruck auf mich – nur körperlich. Da wirkte er rundlicher, untrainiert, überhaupt nicht spritzig, auch nicht ehrgeizig. Das aber hatte sich schnell erledigt. Wochen später sah ich Gojko Kacar wieder, er war rank und schlank, beweglich, ehrgeizig, temperamentvoll. Auch heute beim Abschlusstraining gab er sich so. Er will nicht verlieren, er kann nicht verlieren, er gibt alles, um als Gewinner vom Platz zu gehen. Er meckert, er schreit, er kritisiert die Kollegen, weil er den Erfolg will. Den Erfolg, den er zurzeit mit der Regionalliga-Mannschaft des HSV erleben muss.

Die Frage, die er – und die drei anderen Kollegen – stellen wird, ist die: „Wie lange noch?“ Im Winter, im Januar, beginnt die zweite Transferperiode dieser Saison, vielleicht klappt es ja dann. Wenn es denn gewollt und gewünscht wird.

So, aktuell ist heute beim HSV nichts passiert. Gestern allerdings bestritt Hakan Calhanoglu sein erstes A-Länderspiel für die Türkei, der Mittelfeldmann wurde beim WM-Qualifikationsspiel Türkei gegen Andorra (5:0) in den letzten acht Spielminuten eingesetzt – und darf demzufolge jetzt für kein anderes Land als die Türkei spielen. Schade. Aber Glückwunsch zur Premiere – der HSV hat einen Nationalspieler mehr.

Ganz zum Schluss, es hat niemand (!) darauf gewartet, aber ich muss es noch chronologisch abliefern: Wolfsburg gegen Bayern, die Frauen, endete 1:1. Aber nur deshalb, weil Bayerns Nationalspielerin Lena Lotzen, die kürzlich auch half, dass Deutschland Europameister wurde, beim Stande von 1:1 bereits die VfL-Torhüterin umkurvt und das leere Tor vor sich hatte, sie auch schoss – aber um Millimeter am leeren Tor vorbei (75.). Ein Kunststück, das, ganz klar, auch schon so mancher Mann in der Bundesliga vollbracht hat – aber beim Frauen-Fußball habe ich das noch nie gesehen, das geht ganz sicher in die Geschichte ein.

PS: Morgen, am Sonntag, wird im Volkspark nicht trainiert. Gespeilt wird um 14 Uhr in Norderstedt (Eintracht gegen HSV II), und gespielt wird schon früh am Millerntor, wenn sich die Elite des deutschen Fußballs zum Tag der Legenden trifft. Dabeisein ist alles – und es ist immer noch für einen sehr guten Zweck.

16.39 Uhr

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