Archiv für das Tag 'Benjamin'

Zoff? Aufsichtsrat verlangt Antworten auf heikle Fragen vom Vorstand – und van der Vaart fällt aus

24. April 2014

Während am Rand der ehemalige Publikumsliebling Collin Benjamin mit seinem – wie immer – fröhlichen Auftreten (“Der HSV ist mein Herzensverein, der muss in der Ersten Liga bleiben”)  für gute Laune sorgte, musste Michael Mancienne einen herben Schlag hinnehmen – im wahrsten Sinne: Beim Klärungsversuch rasselte der Engländer mit seinem Nebenmann Heiko Westermann derart hart zusammen, dass er zu Boden ging. Zunächst dachten alle, der Aufprall habe seine Schulter in Mitleidenschaft gezogen. Und als der Innenverteidiger blutend abtransportiert wurde, dachten wir, es sei die Nase. Aufklärung erfolgte dann über Trainer Mirko Slomka, nachdem Mancienne selbst via Instagram Fotos von der klaffenden Wunde am Kinn online gestellt hatte. „Die Wunde musste mit sechs Stichen genäht werden“, so Slomka, „aber ich gehe fest davon aus, dass das seine Einsetzbarkeit am Sonntag nicht beeinflussen wird.“

 


Am Sonntag werden zunächst einmal alle Spieler dabei sein, die gesund sind. Weil Slomka ein Kurztrainingslager angesetzt hat. Zum einen, um den stressigen Anfahrtsweg etwas zu entspannen. Zum anderen, um seine Mannschaft noch einmal auf die finale Phase einzuschwören. Die Mannschaft soll wissen, dass es beim Kampf um den Klassenerhalt auch um Existenzen geht. Um Arbeitsplätze – auch um die den der Spieler. „Wir müssen in den Spielen noch mal an unsere Grenzen gehen, mehr als 100 Prozent geben. Hier geht es um das große Ganze, um einen Verein – um das Überleben dieses Vereines. Darüber müssen sich alle Spieler bewusst sein“, so Sportchef Oliver Kreuzer. Das sei sein Wunsch und seine Forderung an die Mannschaft, so der Sportchef heute an der Seite von Slomka bei der Pressekonferenz. Letztgenannter setzte dann direkt bei Kreuzers Appell an. Mal wieder versuchte Slomka, an die Ehre seiner Spieler zu appellieren. Mal wieder. Deshalb erspare ich uns das jetzt. Vielleicht ist das erstmalige Aussparen der wohl überlegten, richtigen Worte Slomkas hier im Blog ja letztlich auch ein gutes Omen. Zuletzt hatte das selten zu Siegen geführt. Und letztlich sind es eh nur Worte, die mir zuletzt den Eindruck vermittelt haben, dass der Trainer sich der Situation bewusster ist als die Spieler.

Daher belasse ich es im heutigen Blog beim sportlich Neuen. Angefangen mit den verletzten Spielern. Während Ouasim Bouy und Ola John am Freitag wieder zur Mannschaft stoßen, wird Rafael van der Vaart definitiv nicht spielen können. „Seine Verletzung ist noch nicht komplett ausgeheilt“, so Slomka über seinen Mannschaftskapitän, der zwar Lauftraining absolvierte, aber wohl erst am kommenden Mittwoch ins Training einsteigen soll. Ebenfalls nicht dabei ist Johan Djourou (Muskelfaserriss). Dafür ist Pierre-Michel Lasogga in Augsburg wieder mit an Bord. Allerdings nur als Zuschauer. Nachdem er heute in München zu Untersuchungen bei Dr. Müller-Wohlfahrt weilte, reist er am Freitagabend zur Mannschaft ins Teamhotel. „Er wollte unbedingt bei der Mannschaft sein“, so Slomka – und ich finde das richtig gut. Lasogga, bei dem die Untersuchungen in München keine neuen Erkenntnisse brachten, macht das, was ich auch vom Mannschaftskapitän und allen anderen erwartet hätte, die nicht zwangsläufig in Hamburg bleiben müssen. Auf jeden Fall aber setzt Lasogga so mal wieder ein Zeichen, trotz Verletzung.

Insgesamt, das betonte Slomka heute, sei die Stimmung in der Mannschaft besser geworden. Für die Situation zuträglich – sagt Slomka und ich hoffe, dass das nicht nur Zweckoptimismus ist. Trotz der Rückschläge gegen Hannover und Wolfsburg sei die Mannschaft wieder auf einem guten Weg. Im Kraftraum, beim Nachmittagstraining am Mittwoch sei das Miteinander richtig gut gewesen, richtig verschworen. „Der Zusammenhalt des Teams ist außergewöhnlich gut.“ Slomka verspüre eine Art Aufbruchsstimmung, wie er sie zuletzt offenbar nicht vernommen hatte. Zudem lasse ihn die Phase nach dem 0:3 gegen Wolfsburg hoffen.

Slomkas Hoffnung indes, dass Lasogga schon in der kommenden Woche sein Trainingspensum steigern und eventuell wieder ins Mannschaftstraining einsteigen kann, wird sich voraussichtlich noch nicht bewahrheiten. Leider. Umso wichtiger ist daher, dass Milan Badelj und Marcell Jansen zurückkehren. Beide zuletzt Verletzten absolvierten heute den Großteil des Mannschaftstrainings und sollen am Freitag voll einsteigen und wurden heute von Kreuzer zu Hoffnungsträger erklärt.

So, wie zuletzt Ilicevic für mich. Wobei, eigentlich ist Ilicevic für mich immer noch ein Hoffnungsträger dafür, dass nicht alle Offensivlast auf den schmalen Schultern Hakan Calhanoglus lasten. Der Deutsch-Türke will zwar Verantwortung und betonte zuletzt, sich darüber sogar zu freuen. Allerdings glaube ich, dass der gute Wille des gerade 20-Jährigen auch Gefahren birgt. Eigentlich sollte er sich an der Seite des einen oder anderen erfahrenen Spielers entwickeln. Leider fehlen diese Spieler.

Dafür entwickelt sich aktuell nach ewigen Verletzungspausen ein weiterer Youngster sehr positiv: Kerem Demirbay. Ich hatte es vergangene  Woche schon geschrieben und kann auch nach der bisherigen Trainingswoche wiederholen: Der Junge ist richtig gut drauf. Letzte Woche sagte Slomka, der defensive Mittelfeldspieler sei noch keine Option für die Startelf. Heute wollte er dieselbe Frage nicht mehr beantworten – was durchaus für Demirbay spricht. Zumal Slomka lobte: „Kerem hat einen sehr guten Eindruck hinterlassen.“ Ergo: Die Doppelsechs könnte gegenüber den letzten Wochen komplett neu besetzt werden, sollte Slomka Badelj und Demirbay aufstellen. Auf der einen Seite wäre es nach den letzten Leistungen Rincons und Arslans fast logisch, auf der anderen Seite kann ich mir nur schwer vorstellen, dass Slomka das Zentrum komplett umstellt.

Eigentlich wollte ich an dieser Stelle den Blog beenden mit dem Hinweis, dass morgen unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert wird. Allerdings muss ich mich dann doch noch einmal kurz der Vereinspolitik widmen. Denn da kündigt sich ein Paukenschlag an, den ich nicht verschweigen kann. Meinen Informationen zufolge untersucht der aktuelle Aufsichtsrat, ob er vom Vorstand immer ausreichend und korrekt informiert worden ist oder ob es hier Verfehlungen gegeben hat. „Ich wüsste tatsächlich nicht, was das sein sollte“, war Klubboss Carl Jarchow überrascht, als ich ihn heute Abend anrief. Immerhin seien alle Entscheidungen mit dem Aufsichtsrat besprochen und genehmigungspflichtige Vorgehen vom Aufsichtsrat abgesegnet worden. Ob es was mit der Umwandlung der Campus-Millionen zu tun haben könnte? „Die Verwendung des Geldes aus der Campus-Anleihe, das wir für die Liquidität genutzt haben, ist gutachtlich abgesichert und mit dem Aufsichtsrat besprochen. Die Kontrolleure sind immer vollumfänglich von uns über alles informiert worden.“ Heute noch hatte Jarchow ein Gespräch mit Chefkontrolleur Jens Meier. „Von einer Untersuchung oder gar einer drohenden Klage ist mir aber nichts bekannt. Und es beunruhigt mich auch nicht“, so Jarchow, der sich für den morgigen Freitag mit Aufsichtsratsboss Jens Meier verabredet hat.

Fakt ist, dass Meier am Freitag vom Vorstand Antworten auf Fragen erhalten will, die er zuvor schon schriftlich eingereicht hatte. Und ich kann nur hoffen, dass der Vorstand die Fragen vollumfänglich und zufriedenstellend beantworten kann, damit aus diesem drohenden Fass nur ein kleines Fässchen wird. Denn eines ist schon mal klar: einen dümmeren Moment für Ärger zwischen Aufsichtsrat und Vorstand kann es gar nicht geben…

In diesem Sinne, drücken wir alle die Daumen, dass das Thema morgen beendet ist. Ohne Aufreger.

Scholle

Westermann – eine Glaubensfrage für die HSV-Fans

11. November 2013

Der freie Tag nervt mich immer. Weil man nicht mit allen Betroffenen sprechen kann. Ich hätte heute sehr gern mit Rene Adler gesprochen. Und mit Milan Badelj sowie Heiko Westermann. Auch, weil sie alle drei in Leverkusen Grütze gespielt haben. Aber vor allem, weil sie für die Mannschaft immens wichtig sind. Badelj führt das Mittelfeld zusammen, sortiert das eigene Spiel. Rene Adler ist der Mann mit der Portion Extraklasse, die man sonst nur bei Spitzenteams im Kasten hat. Und Heiko Westermann ist Mister Zuverlässig. Oder besser: eigentlich ist er es. Denn das Spiel in Leverkusen offenbarte Schwächen, dass die Frage gestellt werden muss, ob die Rechtsverteidigerposition für ihn die richtige ist.

Denn so überrascht wie ich über seinen echt starken Auftritt in Nürnberg war, so ist mein Vertrauen in seine Fähigkeiten als Diekmeier-Ersatz geschwunden. Dem einen richtig guten Spiel stehen inzwischen einige durchschnittliche und leider zu viele schwächere (Werder, Stuttgart, Gladbach, Leverkusen) gegenüber. Und das weiß er auch selbst. Er sagt es sogar: „Das Spiel war totale Scheiße von mir. Ich habe keinen Ball getroffen, ganz klar. Dieser Kritik stelle ich mich auch.“

So, wie er es immer macht. Auch in der Phase, in der die HSV-Macher verpennt hatten, einen bundesligatauglichen Kader auf die Beine zu stellen und der HSV bitterste Offenbarungseide auf dem Platz ablieferte und sich zum Klassenerhalt krampfte, stellte sich Westermann nicht nur vor die Fragenden (weil es einer machen musste) sondern vor allem auch immer und immer wieder vor seine jüngeren Mitspieler. Egal, wer in dem Spiel die entscheidenden Fehler gemacht hat, Westermann hat die Verantwortung übernommen. Weil er noch die im Profifußball immer seltener werdende Fähigkeit besitzt, sich seiner Mannschaft komplett unterzuordnen und schützend vor sie zu stellen.

Und da wir schon dabei sind, lasst mich bitte heute mal etwas in eigener Sache in der Angelegenheit Westermann loswerden.

Immer wieder wird nicht nur mir sondern den Medien generell nachgesagt, wir seien zu zahm bei Westermann. Anfänglich habe ich sogar für ne Sekunde an mir gezweifelt und die Möglichkeit eingeräumt, dass ich bei dem Defensivmann etwas großzügiger sei als bei anderen, weil ich seine Art sehr schätze. Ich habe mich hinterfragt und bin letztlich zu dem Schluss gekommen, dass Westermann bei mir tatsächlich einen Bonus hat. Weil er schlichtweg für das Gefüge einer Mannschaft enorm wichtig ist, weil er mannschaftsdienlicher als andere zu spielen und sich drumherum zu verhalten weiß. Bei Westermann weiß man inzwischen ganz genau, was man erwarten kann – und das liefert er auch fast immer. Als Innenverteidiger zumindest. Aber man weiß bei einem Westermann eben auch, was man nicht erwarten darf. Und wenn Westermann im Spiel plötzlich als Flankengeber auftreten soll, (in Nürnberg war das top, ansonsten eher nicht), wenn er Hackentricks versucht oder in Eins-gegen-Eins-Dribblings gehen soll, dann kann das nicht gut gehen.

Und genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Westermann spielt Rechtsverteidiger und in das Arbeitsprofil dieser Position gehören viele Dinge, die eben nicht zu seinen Spezialitäten gehören. Er weiß das, macht es aber trotzdem, weil der Trainer es so will und die Mannschaft offensichtlich keine bessere Alternative zu bieten hat.

Hinzu kommt, dass Westermann beim Publikum vergleichsweise wenig Kredit hat. Westermann ist so etwas wie eine Glaubensfrage für die HSV-Fans geworden, während ihn nahezu alle Teamkollegen, Vereinsoffizielle und HSV-Schreiber überdurchschnittlich schätzen. Wie bei Rincon, der zwar fast nie spielt aber immer Vollgas gibt, wenn er mal ran darf und nie meckert. Auch der Venezolaner genießt bei allen in seinem direkten Umfeld einen Bonus – weil er ihn sich hart erarbeitet hat. Wie einst auch ein Hollerbach, Collin Benjamin oder auch Erik Meijer. Alles Leute, die sich weniger ob individueller Weltklasse denn über die Einstellung zur Mannschaft und über die Identifikation mit dem Verein definierten. Alle drei waren hier sehr beliebt. Auch beim Publikum – Westermann nicht. Und das, obgleich er im Gegensatz zu den drei ehemaligen Publikumslieblingen sogar vom alles andere als blinden Bundestrainer Joachim Löw immer wieder für die starke Nationalmannschaft nominiert wird.

Nein, Westermann hätte es wahrscheinlich bei den meisten Bundesligaklubs leicht, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Hier nicht. Das ist so. Und so sehr Westermann dem angespannten Verhältnis zu den Anhängern uns gegenüber immer wieder versucht, an Dramatik zu nehmen, so sehr beschäftigt es ihn. Das sieht man, das hört man immer mehr raus. Er weiß, hier hat er nur zwei Lager um sich: Die, die ihn mögen und viel Geduld haben – und eben die, die ihn nicht leiden können und bei schlechten Leistungen anfangen, ihn auszupfeifen.

Ich zähle mich dabei zur ersten Kategorie – allerdings nicht, ohne ihn zu gegebenem Anlass auch sachlich zu kritisieren. Wie gegen Bayer. Natürlich hat er gegen Leverkusen Schrott gespielt. Das war sogar eines seiner schwächsten Spiele für den HSV. Und das gehört dann auch genau so genannt. Ebenso, dass er als Rechtsverteidiger meiner Meinung nach falsch eingesetzt ist. Für mich gehört Westermann mit seiner Zweikampfstärke und Erfahrung in die Innenverteidigung neben einen Jonathan Tah oder einen Lasse Sobiech, um die Talente zu führen. Oder gar neben einen Johan Djourou, der uns heute erklärte, sein Comeback-Ziel sei das Spiel gegen Hannover am 24. November. Aber eines gehört sich ganz sicher nicht: dass er von den eigenen Fans ausgepfiffen wird oder hier im Blog zerlegt wird. Das gehört sich im Übrigen mit keinem Spieler der eigenen Mannschaft, sofern dieser nicht vereinsschädigend auftritt.

Nur ein Beispiel: Erinnert Euch bitte an Rafael van der Vaarts erste Phase beim HSV zurück. Der liebte den HSV hier, schoss ihn in die Champions League und küsste die Raute auf dem Trikot – bis er plötzlich von jetzt auf gleich keinen Bock mehr hatte. Plötzlich war alles scheiße, die Meinung der Fans egal. Er zog sich für Fotos schon das Valencia-Trikot an und verhob sich unmittelbar vor einem Spiel beim Spielen mit seinem Sohn. Der Niederländer setzte wirklich alle denkbaren Mittel ein, um aus Hamburg wegzukommen – und dennoch wird er heute wie ein Messias gefeiert. Nicht, dass ich das nicht befürworte, nein, ganz im Gegenteil: Ich finde es sehr gut und feinfühlig von den HSV-Fans, dass ihm Fehler verziehen werden und sich die Meinung durchgesetzt hat, dass van der Vaart am Verein hängt. Aber auch der HSV-Fan an sich sollte mal überlegen, ob ein derart spektakulärer Spieler funktioniert, wenn alle elf auf dem Platz so spektakulär spielen wollen. Oder ob nicht genau diese Spieler erst dann richtig zur Entfaltung kommen können, wenn sie die richtige Dosis Arbeiter wie eben Westermann, Rincon, Hollerbach, Benjamin etc. um sich haben.

Daher: So lange wir noch nicht in Dimensionen wie Bayern München, Dortmund oder die Werksklubs Spieler teuer einkaufen können, die alles können, wird sich ein Westermann hier bei jedem Trainer und immer wieder durchsetzen. Und das ganz sicher nicht, weil die Trainer nach Sympathien aufstellen. Und wo ich schon appelliere, möchte ich den zum Glück noch überschaubar wenigen hier, die Westermann wegjagen wollen, noch um eines bitten: Setzt auch ihr Euch mal hin und überlegt, wer in den letzten Jahren maßgeblich daran beteiligt war, das Flaggschiff HSV letztlich in der Bundesliga zu halten. Mir fallen da drei, vier Namen sofort ein. Einer davon ist Westermann.

Und der wird sich von Trainer Bert van Marwijk eh noch einiges anhören müssen. So, wie alle anderen auch. Denn im Gegensatz zu den Spielen zuvor unter seiner Führung, war van Marwijk vom Auftreten in Leverkusen enttäuscht. „Wir haben das erste Mal nicht das gespielt, was vorgegeben war“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer, „ich glaube sogar, es war das erste Mal unter Bert, dass wir unsere Struktur auf dem Platz verloren haben.“ Statt nach dem 2:2 wieder etwas defensiver zu denken, seien alle wie von Sinnen weiter nach vorn gestürmt. „Am besten zu sehen ist das beim 2:4, als Ivo Ilicevic tief in der gegnerischen Hälfte den Fehlpass spielt, waren beide defensiven Mittelfeldleute, Tolgay und Milan, bereits an ihm vorbeigestürmt. Wir hatten so kein Mittelfeld mehr und Son konnte den Ball 40 Meter treiben, ehe er Kießling auflegte.“

Stimmt. Der HSV dachte plötzlich mit sechs, sieben Mann nur noch offensiv. Und das ging aus gestern und vorgestern ausführlich diskutierten Gründen nach hinten los. Schon deshalb freue ich mich auf die Rückkehr von Tomas Rincon. Der Zweikämpfer wird aller Voraussicht nach den wegen seiner fünften Gelben gesperrten Tolgay Arslan ersetzen. Insgesamt würde ich tatsächlich überlegen, gegen spielstarke Mannschaften wie Bayern, Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim oder jetzt auch Hannover eher die defensiver orientierte Mittelfeldvariante zu wählen und Rincon neben Badelj zu stellen. In allen anderen Partien sollte der HSV den Anspruch haben und leben, das Spiel bestimmen zu können und die zweifellos sehr spielstarke Achse Arslan/Badelj hinter van der Vaart und neben Beister rechts sowie Calhanoglu links spielen lassen. Ganz vorn dazu noch Lasogga und hinten mit Westermann in der Innenverteidigung neben Tah. „Und wenn wir irgendwann soweit sind, dass mindestens elf Spieler besser sind als ich und ich obwohl ich alles gebe nicht mehr zur Startelf gehöre, ärgere ich mich nur kurz“, sagt Westermann, „denn dann weiß ich, dass wir so gut aufgestellt sind, dass ich mir nicht zumindest niemals vorwerfen muss, für meinen HSV nicht alles versucht zu haben.“

In diesem Sinne, ich bin tatsächlich meilenweit davon entfernt, einen Spieler zu schützen, nur weil ich ihn mag. Ich werde weiter eher mal zu kritisch sein, als zu zahm. Ganz sicher! Ich nehme nur höchst selten Spieler in Schutz. Und das auch nur dann, wenn sie es sich meiner Meinung nach hart erarbeitet und verdient haben.

Bis morgen. Da wird um 10.30 und um 15 Uhr trainiert.
Scholle

Klasse Treffen, dieses Klassentreffen!

8. September 2013

Herzlichen Dank, Hamburg. Und auch ein dickes Danke an Veranstalter Reinhold Beckmann. Das war, trotz des Regens, mal wieder ein ganz tolles Fußball-Fest, über das in Hamburg sicherlich noch die nächsten Tage gesprochen wird. Der „Tag der Legenden“ sorgte für Spaß bei den Alt-Stars und für riesige Begeisterung bei den Fans. Eine richtig runde Sache für einen guten Zweck, denn die Einnahmen dieses Highlights kommen den Projekten von „NestWerk e.V.“ zugute, bislang sind durch diese unvergesslichen Tage mit den Legenden schon über, 14 Millionen Euro eingespielt worden; an diesem Sonntag betrug die Summe 260 000 Euro – hervorragend. Und weiter so. Die nächste Veranstaltung für 2014 wird bereits seit heute geplant und organisiert. Danke Hamburg auch deswegen, weil es diesem Spiel einen neuen Zuschauerrekord gegeben hat, im Stadion waren über 25 000 Fußball-Fans – und bei weitem nicht nur St. Paulianer. Mehr als 100 ehrenamtliche Helfer halfen, aus diesem Spiel etwas ganz Besonderes zu machen – das war Fußball und Spaß mit Herz. Hamburg hat übrigens gewonnen, es hieß am Ende 4:3 für die Mannschaft von der Elbe, die damit endlich einmal wieder gewonnen hat. Zur Halbzeit hieß es bereits 4:2, daran sieht man, wie ernst dieses Spiel von allen genommen wurde – im zweiten Durchgang nur noch ein Tor.


Um einmal mit den Spielern zu beginnen. Aus HSV-Sicht waren folgende Altmeister dabei: Thomas Doll, Thomas von Heesen, Vahid Hashemian, Mehdi Mahdavikia, Heinz Gründel, Richard Golz, Martin Pieckenhagen, Jochen Kientz, Jörg Butt, Nico Hoogma, Stefan Schnoor, Sergej Barbarez, Bernd Hollerbach, Hasan Salihamdizic, Thorsten Fink, Otto Addo, Wolfgang Rolff, Collin Benjamin, Ian Joy, Bastian Reinhardt, Manfred Kaltz und als Betreuer Bernd Wehmeyer und Jimmy Hartwig. Masseur war, wie immer, Hermann Rieger, der diesmal einen besonderen Auftritt hatte, denn er wurde von Schirmherr Michael Schumacher (spielte später sogar noch mit!) auf den Platz „gerast“. Für Team Deutschland waren die ehemaligen HSVer Markus Babbel, Andreas Reinke und Claus Reitmaier dabei. Besonders bejubelt wurde Uwe Seeler, der direkt aus dem Urlaub kam und zur zweiten Halbzeit den Rasen betrat, gemeinsam mit Reinhold Beckmann. Trainer der Hamburger war Helmut Schulte, der das HH-Team aus HSV und St. Pauli klug und clever eingestellt hatte. Schulte war aus Wien angereist, aus den Niederlanden kam Nico Hoogma, und am Vormittag war Mehdi Mahdavikia aus Teheran eingeschwebt. Das ist Einsatz für eine gute Sache. Jörg Butt war aus München gekommen, durfte aber, weil es bereits zwei Torhüter pro Mannschaft gab, nur im Feld spielen. Er nahm es gelassen: „Egal, die Hauptsache ist, dass ich überhaupt mitspielen und helfen kann, dieses Spiel ist eine Super-Sache.“ Wie ein Klassen-Treffen, wobei ich immer gesagt habe: ein klasse Treffen! Und es folgt ja jetzt noch die „Nacht der Legenden“, die ist auch immer legendär!

Für die deutsche Mannschaft war (fast) alles was im Fußball Rang und Namen hat, dabei. Michael Ballack feierte seine Premiere, dazu spielten mit Thomas Helmer, Stefan Reuter, Christian Wörns, Thomas Berthold, Dieter Eilts, Tim Borowski, Lothar Matthäus, Jürgen Klopp, Patrick Owomoyela (gebürtiger Hamburger), Lars Ricken, Michael Schulz, Youri Mulder, Olaf Thon, Fredi Bobic, Ulf Kirsten, Karlheinz Riedle, Alexander Zickler und viele mehr. Trainer war Matthias Sammer.

Hamburg legte einen Blitzstart hin, die St. Paulianer Michael Dinzey (1:0) und Marius Ebbers (der am Freitag noch zwei Tore für seinen neuen Club, Landesliga-Verein VfL 93, geschossen hatte) sorgten für ein schnelles 3:0 – Ebbers traf dabei erneut zweimal. Der agile Maurizio Gaudino sorgte per Hacke für das 1:3, dann verwandelte Sergej Barbarez einen Foulelfmeter (einer mit einer besonderen Geschichte – die gleich noch folgen wird) zum 4:1, Tim Borowski verkürzte noch vor dem Seitenwechsel, und dann traf nur noch Alexander Zickler zum 3:4- Endstand. Besonders zu loben waren bei diesem Spiel die Torhüter Richard Golz, Martin Pieckenhagen (beide Hamburg) sowie Claus Reitmaier und Andreas Reinke, die alle überragend hielten. Gerade so, als stünden sie noch immer im besten Saft . . .

Viel Pech hatte Keeper Reitmaier, der in der 22. Minute mit Dinzey zusammengeprallt war. Der ehemalige HSV-Torwarttrainer musste schwerer verletzt ins Krankenhaus gefahren werden, er hat sich mindestens einen Nasenbeinbruch zugezogen. Dinzey erlitt eine stark blutende Kopfplatzwunde, konnte später aber weiterspielen. Für diesen Zusammenprall hatte Schiedsrichter Walter Eschweiler auf den Elfmeterpunkt gezeigt – daraus entwickelte sich dann der Hamburger Siegtreffer . . . Kurios: Weil die Vorstellung aller Spieler zu lange gedauert hatte, dauerte die erste Halbzeit nur 38 Minuten – und nach insgesamt 81 Minuten wurde die Partie dann auch vorzeitig beendet. Sport 1, der übertragende Sender (sogar der Doppelpass kam aus dem Stadion am Millerntor), hat ja noch andere Programm-Aufträge zu erfüllen . . .

Aber, um das nicht zu vergessen, gute Besserung, lieber Claus Reitmaier!

Auch wenn das Spiel zehn Minuten gekürzt über die Bühne ging – es war großartig. Und Initiator Reinhold Beckmann, vor, während und nach dem Spiel die Ruhe in Person, verriet seinen zurzeit größten Wunsch (einen hat er pro Jahr frei!): „Ich habe immer die Hoffnung, irgendwann in zehn Jahren spielt hier dann auch mal Lionel Messi.“ Und dazu dann noch Mesut Özil und Cristiano Ronaldo, das hätte schon was. Es geht auf jeden Fall weiter, und träumen darf man ja wohl mal.

In Hamburg blieb übrigens alles friedlich, im Gegensatz zum Vortag bei unseren Nachbarn an der Weser:

Eine Schlägerei mit fast 40 Beteiligten hat nach dem Abschiedsspiel von Torsten Frings die Bremer Polizei beschäftigt. Bei dem Handgemenge im Ostkurvensaal des Weserstadions wurde am Sonnabend auch ein Rollstuhlfahrer durch einen umfallenden Stehtisch schwer am Kopf verletzt. Ein Notarzt versorgte den 45-Jährigen und brachte ihn in ein Klinikum.
Nach Angaben der Polizei hatte eine Gruppe von fast 40 Fußballfans den Saal betreten und sofort drei am Tresen stehende Männer angegriffen. Dabei wurde der Stehtisch umgerissen und der Rollstuhlfahrer verletzt. Auch zwei der attackierten Fans mussten ins Krankenhaus gebracht werden. Die Angreifer flüchteten zu Fuß, die Polizei ermittelt wegen besonders schweren Landfriedensbruchs gegen die Gruppe.

So, und dann gab es noch folgende Meldung über den (und vom) HSV:

Der angeschlagene HSV-Kapitän Rafael van der Vaart hofft auf einen Einsatz am kommenden Samstag im Bundesligaspiel gegen Tabellenführer Borussia Dortmund. „Ich tue alles dafür. Ich hoffe, dass es klappt. Vergangene Saison haben wir dort beim 4:1-Sieg unser wohl bestes Spiel gemacht“, sagte der 30-Jährige der „Bild am Sonntag“. Er war zuletzt beim 4:0 gegen Eintracht Braunschweig mit Problemen in der Oberschenkelmuskulatur ausgewechselt worden.

Auch bei HSV-Coach Thorsten Fink herrscht noch Unklarheit, ob er beim BVB auf den niederländischen Fußball-Nationalspieler setzen kann. „Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Er muss bis Mittwoch trainieren können, um dabei sein zu können. Donnerstag, Freitag würde mir wahrscheinlich zu eng werden“, sagte Fink am Sonntag am Rande des „Tags der Legenden“. Als van-der-Vaart-Ersatz würde er auf den 19-jährigen Hakan Calhanoglu zurückgreifen: „Wenn Rafael fehlen wird, wird er seine Rolle einnehmen. Und ich habe dann auch keine Angst.“

Van der Vaart traut dem türkischen Neu-Nationalspieler, der gegen Braunschweig als Joker mit zwei Toren für Furore gesorgt hatte, seine Nachfolge zu: „Die Qualität besitzt er. Aber man sollte ihm nicht zu viel Druck machen. Er steht ja noch am Anfang seiner Karriere.“

Auf die Frage, wer der Adressat seiner Herzjubel-Geste nach seinem jüngsten Treffer in der Hamburger Arena war, erklärte van der Vaart der „Bild“: „Meine große Liebe Sabia und mein Sohn Damian auf der Tribüne. Der Kleine hatte als Einlaufjunge an meiner Hand Glück gebracht, und wir werden diese Prozedur so lange bei Heimspielen wiederholen, bis wir wieder mal verlieren. Er ist ab jetzt mein persönlicher Talisman.“

Welche Schlagzeile er am Saisonende lesen wolle? „Privat am liebsten kein Wort. Beruflich: Hurra, HSV wieder in Europa!“ Sein Glaube ans Saisonziel Europa League sei „ungebrochen“. Kritisch äußerte sich van der Vaart über den inzwischen an den FC Schalke 04 ausgeliehenen Dennis Aogo, der mit seinem Mallorca-Trip für Schlagzeilen gesorgt hatte: „Natürlich war es seine Privatsache, dorthin zu reisen. Aber nach dem 1:5-Desaster gegen Hoffenheim war diese Reise sicherlich das falsche Signal, nicht besonders schlau.“

Öffentlich hat sich an diesem Wochenende auch wieder einmal ein Österreicher zu Wort gemeldet:

Ex-HSV-Enfant-terrible Paul Scharner (33) zieht eine triste Karrierebilanz. „Nur fünf Jahre und drei Monate war ich glücklich und zufrieden. Ja, das ist erschütternd“, sagte er dem ORF. „Ich habe Einstellungen, die sind im Fußball nicht lebbar.“ Für seine Nationalelf wurde er 2012 lebenslang gesperrt, hält sich aber zugute: „Ich lege mich ja nicht mit jedem an. Ich bin ein Erfolgsdenker.“

PS: Morgen, am Montag, wird beim HSV um 16 Uhr trainiert – Volkspark.

PSPS: Im Laufe des Sonntagabends wird hier noch ein Video-Bericht vom “Tag der Legenden” veröffentlich, die Kamera (und die ganze Bearbeitung) hatte – wie immer – Axel Leonhard bestens im Griff, die Interviews (jedenfalls die meisten) durfte ich führen.

PSPSPS: Die Zweite des HSV verlor das Regionalliga-Auswärtsspiel bei Eintracht Norderstedt mit 0:1 und steht nun auf Tabellenplatz zehn.
Das als kurze Ergänzung: Ich habe mit meinem Freund Bert Ehm gesprochen, der ist Trainer von Germania Schnelsen und sah sich Norderstedt gegen HSV II an. Sein Kurz-Kommentar: “Ich bin nicht nicht enttäuscht, ich bin total entsetzt und tief erschüttert. Wenn das der Bundesliga-Nachwuchs des HSV sein soll, dann ist es wirklich schlimm um den Verein bestellt. Das war ja gar nichts. Der HSV hat sich von Norderstedt, einem bis dahin sieglosen Aufsteiger, an die Wand spielen lassen. Jawohl, an die Wand spielen lassen. Der Sieg war verdient und ist noch viel zu knapp ausgefallen. Die Eintracht hat Fußball gespielt, richtig gut, schnell, ideenreich, engagiert, aggressiv – aber genau so hatte ich den HSV erwartet. In einem Derby! Der HSV aber war lahm, pomadig und blutleer, kein Kampf, kein nichts – unfassbar!”
Und unglaublich: Von Robert Tesche und Gojko Kacar war nichts zu sehen. Nicht etwa deshalb, weil sie schlecht waren – nein, sie waren gar nicht dabei. Es spielte auch – trotz der Länderspiel-Pause – kein einziger Profi des HSV mit. Vornehm geht die Welt zu Grunde . . .
Das verstehe, wer will.

17.21 Uhr

Fink setzt gegen Hoffenheim auf Offensive – mit Lam links

6. Dezember 2012

***Korrektur Punkteschnitt Arslan***

Das letzte Heimspiel 2012 – es soll der Schritt nach vorn werden, den der HSV zuletzt immer wieder verpasste. „Wir sind noch immer nicht konstant genug, ganz klar“, hatte Rene Adler gesagt, „aber wir sind auf einem guten Weg.“ Und der soll auch faktisch mit einem Sieg gegen Hoffenheim untermauert werden. „Sollten wir das Spiel erfolgreich gestalten, wäre das ein guter Abschluss vor eigenen Zuschauern für eine gelungene Hinserie“, sagt Trainer Thorsten Funk und wird von Tolgay Arslan noch ergänzt: „Ein wirklich guter Abschluss wäre ein Heimsieg und der eine oder andere Punkt in Leverkusen. Warum sollten wir weniger von uns erwarten?“

Eine rhetorische Frage, klar. Dennoch war ich geneigt zu antworten. Denn wer hätte selbst nach der Verpflichtung von Rafael van der Vaart gesagt, dass der HSV nun in den Dunstkreis der internationalen Plätze gehört? Beziehungsweise: Gehört der HSV dort überhaupt schon hin?

Ich sage ja. Allerdings auch nur, weil mit Bayern, Dortmund, Schalke und Leverkusen auch nur vier Mannschaften einfallen, die definitiv besser sind. Alles, was sich tabellarisch ansonsten noch in Europacup-Nähe tummelt ist entweder ebenso inkonstant wie der HSV (Stuttgart, Hannover, Bremen, Gladbach) oder nicht mal personell besser (Mainz, Frankfurt). Insofern klingt es vermessen und falsch, jetzt über die Plätze für die Europa League zu sprechen. Aber faktisch betrachtet, muss das das Ziel sein.

Und das ist es auch. Auch wenn sich kein Spieler hinstellt und sagt, dass dem so ist, lassen es fast alle durchblicken. Und warum auch nicht? Kleingeredet hat sich der HSV in den letzten 18 Monaten schon genug. Jetzt kann der Blick mal wieder voraus gehen. Zumal am morgigen Freitag im letzten Heimspiel der Hinrunde bis Platz fünf alles drin ist. Und um hier einen Aufschrei zu vermeiden: Ich sage NICHT, dass der HSV auf Platz fünf gehört. Ich sage lediglich, dass sich der HSV diesen Platz holen soll, wenn er ihm so auf dem Tablett serviert wird…

Ähnlich formuliert es Tolgay Arslan: „Wenn wir am Ende der Saison da stehen, nehmen wir das gern mit“, sagt der junge U21-Nationalspieler, der eher zu denen zählt, die was im Kopf haben. Arslan weiß auf jeden Fall, wie er sein Ziel erreicht. „Ich weiß aber auch, was uns noch fehlt, was ich noch nicht so gut mache. Und daran müssen wir, daran muss ich arbeiten. Es bringt nichts, jetzt zu hohe Ziele auszurufen, die unnötig Druck aufbauen. Wir wissen, dass wir noch vieles verbessern können und müssen. Das ist für uns als Mannschaft ebenso gültig wie für mich als Spieler.“

Wobei Arslan grundsätzlich sehr zufrieden sein kann mit dem bisherigen Saisonverlauf. Nachdem er anfangs drei Spiele verletzt verpasst hatte stieg er just zu Beginn des HSV-Aufschwungs ein: gegen Dortmund. Seither (s. dazu auch das Video) hat Arslan 20 Punkte bei 12 Spielen mit dem HSV geholt. Hochgerechnet wären das rund 57 Punkte am Saisonende – ein internationaler Tabellenplatz wäre garantiert. „Das ist mein großes Ziel“, so Arslan, „ich will irgendwann eine WM mitspielen – da gehört der internationale Wettbewerb mit dem HSV fast zwingend dazu.“

Gegen Hoffenheim soll dafür ein kleiner Schritt gemacht werden. Mit Arslan auf der Zehn. „Es wird ein schweres Spiel. Aber wir spielen zu Hause und sind der Favorit. Vor allem sind wir es den Fans schuldig, dass Jahr mit einem positiven Ergebnis abzuschließen“, so der Mittelfeldspieler. Zuerst Zu Hause – später auch noch in Leverkusen. „Aber so weit sollte noch keiner denken“, warnt Fink, der im heutigen Abschlusstraining die offensivere Variante spielen ließ. „Zhi Gin wird hinten links beginnen, weil er dafür prädestiniert ist“, sagt Fink, der allgemein eine sehr hohe Meinung von dem talentierten Youngster hat: „Er hat die Ballsicherheit, er spielt taktisch sehr clever – das habe ich schon beim Turnier in Südkorea gesehen. Er muss jetzt einfach nur mal zum richtigen Zeitpunkt ein richtig gutes Spiel machen.“ Ähnlich wie Arslan gegen Dortmund. „Genau“, so der HSV-Coach, „wer weiß, was für ihn noch möglich ist, wenn sich Dennis im linken Mittelfeld festsetzt…“

Unten festgesetzt hat sich inzwischen leider unsere U23, zu der ich aus aktuellem Anlass ganz kurz kommen möchte. Denn morgen steigt bei Werder Bremen II das kleine Nordderby – und Trainer Rodolfo Cardoso sowie sein Cotrainer Soner Uysal scheinen nicht wirklich optimistisch zu sein. „Es ist eine harte Phase“, so die zwei Ex-Profis, die mit einem personell engen Kader in der Regionalliga klarkommen müssen. Hoffnung macht da nur der Plan, in der Winterpause den eh schon sehr dünnen Kader nachzubessern. So soll neben David Jarolim nun auch Collin Benjamin wieder die Schuhe schnüren. Wobei es mich wundert, dass bei dem immer wieder betont „zu großen“ Kader der Bundesligamannschaft nicht immer drei, vier Profis abgestellt werden können. Aber okay, vielleicht hilft es ja, die zwei HSV-Ikonen Jarolim und Benjamin in den jungen Haufen zu integrieren. Denn klar ist: so sehr ich mich als Niendorfer über den HSV am Sachsenweg gefreut habe, die Zweite brauchen wir am Sachsenweg nicht – zumindest nicht als regulären Oberligagegner…

Zurück zum großen Bundesligafußball. 19 Leute wird Trainer Thorsten Fink morgen mit ins Tageshotel nehmen. Um 9.30 Uhr trifft sich die Mannschaft zum Frühstück. Anschließend gibt es ein kurzes Aufwärmtraining, ehe es ins Tageshotel geht, wo die Besprechungen samt Videoanalysen stattfinden. „Wirklich überraschen werden uns die Hoffenheimer eh nicht“, so Fink, der auch darüber informiert war, dass die TSG bereits heute in Hamburg gastiert, hier heute bereits trainiert hat und auch morgen noch ein kurzes Warmup machen wird. „Für die Ausrichtung unseres Spiels hat das eh keine Auswirkung…“

Selbstbewusste Worte, die hoffentlich am Freitagabend mit Taten bestätigt werden. Folgende Elf soll das richten: Adler – Diekmeier, Mancienne, Westermann, Lam – Skjelbred, Badelj, Arslan, Aogo – Rudnevs, Son. „Egal, wer aufläuft – wir treten als Team auf“, weiß Arslan, der genau dieses Gefühl vor zwei Jahren, bei seinem ersten Versuch, hier Fuß zu fassen, nicht hatte. „Es ist absolut kein Vergleich zu der Mannschaft vor zwei Jahren. Wir haben heute eine harmonierende Mannschaft, die sich auch außerhalb der Trainingszeiten trifft. Es gibt keine Streitfaktoren – es sei denn, auf dem Platz muss mal was gesagt werden. Aber das gehört dazu.“ Anders als einst mit großen Namen wie Zé Roberto, Ruud van Nistelrooy oder auch Joris Mathijsen. Arslan: „Heute haben wir eine junge Truppe, in der die älteren Spieler gute Vorgaben machen und wir Jüngeren trotzdem Mitspracherecht haben. Dazu kommt, dass der Trainer genau unsere Sprache spricht.“

Na dann. Dann steht einem Sieg gegen die TSG Hoffenheim ja nichts mehr im Wege. Ich hoffe es. Ich tippe es. Ich glaube es auch.

In diesem Sinne, Euch allen einen schönen Abend und bis morgen. Dann berichtet Dieter abends aktuell vom Spiel.

Scholle

“Fußball-Gott” Benjamin zurück zum HSV?

13. Juni 2012

Er könnte wohl spielen. Verraten aber, ob er am Abend auch tatsächlich dabei ist, das hat er nicht. Joris Mathijsen, der ehemalige Hamburger, hatte heute SMS-Kontakt mit seiner früheren Wahl-Heimat, dem Volkspark. HSV-Team-Manager Marinus Bester wollte ein wenig Spaß mit dem HSV-Abwehrspieler haben – vor dem Knüller Niederlande gegen Deutschland, am Abend um 21.45 Uhr. Es wurde heftigst geflachst. Bester schrieb Mathijsen: „Ich drücke Dir ganz fest die Daumen, dass Du mitspielst – das wäre gut. Für Deutschland . . .“ Dem kann ich nichts hinzufügen. Außer, dass ich der Meinung von „Maschine“ Bester bin. Deswegen drücke ich Mathijsen ganz fest die Daumen. Er war ja nie der Schnellste einer, und wenn er nun über eine Woche nur eingeschränkt trainiert hat, dann kann er auf jeden Fall ja nicht viel schneller geworden sein . . . Und irgendwie möchte ich ja doch, dass die Truppe von „Clever & Smart“ gewinnt. Also die Truppe von Löw und Bierhoff.

Aber es wird ganz, ganz eng. Die Niederländer kämpfen schließlich schon um ihre letzte Chance. Doch wem sag ich das? Ihr seid ja ohnehin alle auf Ballhöhe. Es ist schon erstaunlich, wie das „gesamte Volk“ in diesen Tagen und Wochen mitfiebert – einfach toll, wie viele Fahnen ich an den Autos sehe, wie viele Damen und Herren in deutschen Trikots herumlaufen. Wahnsinn. Das war doch vor zehn, 20 Jahren nicht denkbar. Und obwohl die HSV-Fans ja für ihre unglaubliche Treue zu ihrem HSV gelobt wurden (völlig zu Recht!), bin ich trotz allem der Meinung, dass einige der HSV-Fans jetzt noch ein wenig lernen könnten. Nämlich ohne Wenn und Aber zu seinem Klub zu stehen (ohne dabei unkritisch zu sein). Ich denke dabei jetzt, während der EM, vor allem an die HSV-Nationalspieler (auch an die ehemaligen), zu denen einige HSV-Anhänger ja ihre ganz spezielle Meinung hatten und haben – und diese auch immer ganz exklusiv (oft auch anonym) mitteilten: „Der gehört da nicht rein, der ist viel zu schlecht – es ist geradezu lachhaft, dass der Nationalspieler ist . . .“ Usw, usw.
Die, die jetzt gerade in ganz Deutschland ganz emsig Flagge zeigen, die stehen fest zu ihrer Mannschaft. Und sie stören sich zum Beispiel ja auch nicht an der Frage, ob nun der lauffaule Mario Gomez Spitze spielen soll, oder doch besser sprunghafte Miroslav Klose? Wobei ich eher für den kleinen, wuseligen Marco Reus wäre . . . Aber das ist dann doch noch eine ganz andere Frage.

Um aber noch einmal auf Gomez zu kommen: Wie er die Kritik von Scholl verarbeitet hat, wie der Torjäger diese harte, überharte oder sogar auch unfaire Kritik in der Öffentlichkeit behandelt hat – das war Weltklasse. Ich stelle mir nur mal vor, wenn eine solche Kritik auf Mario Basler oder auf Lothar Matthäus hernieder geprasselt wäre – dann hätten wir auf Wochen in jeder Zeitung Schlagzeilen satt. Mario Gomez aber hielt den Ball wunderschön flach, ob nun auf Anraten des DFB oder auch des FC Bayern, oder aus eigenem Antrieb – egal, er hat sicher super verhalten. Und deswegen gönne ich ihm auch heute mindestes ein Tor – und ein gutes Spiel. Und Scholl war gestern, in der ARD (als Partner von Gerhard Delling), ja auch ein wenig zurückhaltender als sonst. „Scholl light“, sozusagen. Aber er wird auch während dieser EM noch wieder in seine alte Form zurückkommen . . . Aber, auch das muss mal gesagt werden, „Scholl light“ mit Delling oder Reinhold Beckmann ist immer noch dreimal so gut wie dien ZDF-EM-Sendung aus Usedom. „Olli, woher du das immer weißt . . .“, himmelte Frau Müller-Hohenstein ihren Partner Oliver Kahn an, und der sagte – dabei mit den Augen rollend: „Ja, ich habe ja auch mal ein bisschen Fußball gespielt.“ Ist nicht wahr! Das ist die ganz hohe Schule der Fußball-Moderation.

Themenwechsel. Mein Freund „Dicki“ steht mit den Super-Senioren des HSV am Sonntag im Endspiel-Turnier um die Hamburger Meisterschaft. Das findet am Sonntag am Grophuisring (Steilshoop) statt. Und was macht er, der über 60-jährige Fußball-Verrückte? Er fuhr am Dienstag schon mal zum Platz, um die Verhältnisse zu prüfen! Unfassbar. So klärt er schon mal die Stollenfrage, die Windverhältnis, ob der Platz abschüssig ist, wie die Sonne um 10.30 Uhr steht – und, und, und. Aber so ist er. Und es ist wohl auch nicht so ganz unnormal, denn, und darum habe ich das geschrieben, heute „turnte“ eine Delegation des FC Barcelona durch den Volkspark. Tatsächlich. Die Herren waren gekommen, um sich das Stadion anzusehen, um zu klären, was für jenen 24. Juli alles benötigt wird – wenn der große FC Messi gegen den HSV antritt. Ja, da wird selbst in einem Freundschafts-Kick nichts, aber auch nicht dem Zufall überlassen. Profihaft? Oder doch etwas übertrieben? Das überlasse ich euch. Aber wenn schon über 60-Jährige die Platzverhältnisse für den nächsten Sonntag überprüfen . . . Bislang sind übrigens schon 48 000 Eintrittskarten für dieses Spiel (HSV – Barca) verkauft worden – das lässt (demnächst) auf „ausverkauft“ schließen.

Noch ein Themenwechsel. Nächste Woche wird Collin Benjamin in Hamburg erwartet. Beim HSV. Der ehemalige HSV-Profi hat seine Profi-Karriere ja wohl an den Nagel gehängt, nachdem er zuletzt beim TSV 19860 München kaum noch regelmäßig gespielt hat – aus Verletzungsgründen. Kehrt „Collo“ nun in seine „Heimat“ Hamburg zurück, der kehrt er in seine „richtige“ Heimat zurück? Der HSV wäre eigentlich ja ideal für ihn, und Medien-Direktor Jörn Wolf sagte mir heute: „Er war hier Publikumsliebling, er ist ein verdienter HSV-Spieler mit vielerlei Talenten – vielleicht können wir ihn ja irgendwie an den HSV anbinden. Wir machen uns auf jeden fall Gedanken in diese Richtung.“ Toll. Würde ich riesig finden, wenn Collin Benjamin „Fußball-Gott“ hier in irgendeiner Form mitmischen würde. Und es klingt ja auf jeden Fall schon mal recht vielversprechend.

In aller Stille (fast schon klammheimlich) hat der HSV gestern (s)einen neuen Kunstrasenplatz an der Arena eingeweiht. Mit einem Spielchen zwischen Geschäftsstellen-Mitarbeitern. Sogar HSV-Boss Carl-Edgar Jarchow, der frühere Linksaußen (?) von Komet Blankenese, trug sich in die Torschützenliste ein. Alter schützt vor Toren nicht . . . Aber zurück zum Platz: Was da alles in den letzten Jahren entstanden ist (muss ich auch mal den Vorstand vor Jarchow loben!), das ist schon klasse. Und hat nichts mehr mit dem Ochsenzoll früherer Jahre zu tun, das st schon enorm professionell, was sich da getan hat – und auch noch tun wird (dann dank Jarchow und Co).

In Sachen Neuzugängen allerdings hat sich auch heute nichts getan, wird sich auch so schnell nichts tun – denke ich jedenfalls. Zumal es ja auch dieses unwiderrufliche HSV-Motto gibt: „Erst verkaufen, dann einkaufen“. Die Spekulationen schossen nach Saisonschluss ja sofort wie Spargel aus dem Boden, aber nun herrscht auf diesem gebiet ja absolute Ebbe. Völlig normal. Und denjenigen, die nun schon Angst haben, dass gar nichts mehr passieren wird, sei versichert: es wird noch. Erst aber müssen die „Großen“, die Branchenführer in die Gänge kommen, bevor dann der HSV zuschlagen wird. Keine Panik also, wenn ihr weiterhin keine neuen Namen hört, es wird sich alles erst noch entwickeln. So mit Beginn des EM-Endspiels. Dann haben alle wieder mehr Zeit und Bereitschaft, an ihren Verein und an ihren Job zu denken.
Erst einmal aber ist EM.

So, einige Sachen noch am Rande.

Vielleicht kann jemand diesem „Matz-abber“ aus dem Hessenland helfen. Diese Mail erhielt ich zum Thema EM:

„Moin moin.
Habe ich das eben richtig gesehen, war da tatsächlich eine Raute im Stadion beim Spiel Ukraine gegen Schweden zu sehen – hinter dem rechten Tor?
Was könnte das für eine Bedeutung haben, es war doch in keinem der Teams ein HSVer dabei?
Besten Gruß, K.-G. Gutowski.“

Dann erhielt ich in diesen Tagen eine Mail, die mich sehr berührte. Ich habe mit mir gekämpft, ob sich sie öffentlich mache (was ich darf, ich habe mir die Genehmigung geholt!), habe mich dann dafür entschieden. Es soll ein kleiner Denkanstoß an alle „Matz-abber“ sein, dass uns doch alle vor allem der Fußball, der HSV und der Sport verbindet. Und dass hier Aggressionen, Arroganz und Häme fehl am Platze sind. Mensch sein muss der Mensch, so hieß mal ein Theaterstück, und das sollte vor allem das Motto sein. Vielleicht geben die folgenden Zeilen ja auch dem einen oder anderen User etwas, wenigstens etwas zu denken.

„Mein lieber Dieter,

ich hab mich ja unheimlich lange nicht mehr bei Dir gemeldet.
Und weißt Du was? Ich melde mich nicht wegen des Blogs, nicht wegen des HSV, sondern einfach nur so

Seit langem bin ich nicht mehr im Blog, wobei den lese ich schon noch, aber in die Kommentare schau ich seit letztem Jahr schon nicht mehr rein.
Ich kann und will mit den ganzen Kleinkrieg nicht mitmachen. Da muss ich mich echt fragen, ist es das wert, dass ich mehr Medikamente zur Beruhigung nehme, nur um mich über so etwas nicht mehr aufzuregen?

Nein.

Ich leb mit weniger Infos besser.
Außerdem hab ich hier auch genug zu tun – bin dabei, selbst wieder gesund zu werden.
Gefällt nicht allen Ärzten, die hatten mich ja mal als „untherapierbar” eingestuft (wegen einer schweren Knochenmarkserkrankung). Soll ich Dir mal was sagen? Die haben oft keine Ahnung.

Ich hab 25 Jahre gebraucht, um den fehlenden Baustein rauszukriegen, jetzt wird es zumindest krass besser, in 4 Monaten hab ich die Medikamentendosis auf 8% gesenkt!!!
Wenn ich könnte, würde ich die Medikamente schon ganz absetzen, denn ich brauch das nicht mehr, aber das geht nicht, weil man dann zu starke Entzugserscheinungen kriegt…
Aber wenn man überlegt, dass ich die letzten 2 Jahre kein Sport mehr machen konnte, nichts…
Und vor ein paar Wochen hab ich wieder angefangen, am ersten Tag gleich 1 Stunde Laufen… nach 4 Wochen dann 13 km . . .

Zu tun hab ich trotzdem genug . . .
(die nun folgende Passage – in der der „Matz-abber“ über seine ebenfalls erkrankte Ehefrau schreibt – habe ich gelöscht; Dieter Matz)

Mein lieber Dieter, Du hast zwar nie was dazu gesagt (soweit ich weiß), aber ich bin bei solchen Dingen recht feinfühlig… Ich hab oft gemerkt, dass es Dir nicht besonders gut geht. Darum denk daran, auch wenn z.B. ich (aber auch viele andere Menschen, die Dich gern haben) nicht immer schreiben, wir sind da und denken an Dich!

Und wenn man nicht bereit ist, klein bei zu geben… dann findet man auch einen Weg da raus. Du bist ein feiner Kerl mit dem Herz am rechten Fleck!

Hihi, lustig, wie die Dinge manchmal so spielen, während ich Dir seit 1 Jahr zum ersten Mal schreibe, kriege ich eine Nachricht, dass ein Kracher zum HSV kommen soll . . .
Das nenne ich Timing. Du sollst ja Bescheid wissen . . .
Aber deshalb schreib ich nicht, Du brauchst mir auch keinen Namen sagen!
Klar bin ich gespannt, aber ich kann warten, bis es raus ist.
Nee, nee, ich schreib nur wegen Dir, nicht wegen irgendwelcher Infos. Zumindest wunderst Du Dich jetzt wohl nicht mehr, dass man von mir nichts mehr gehört hat.

So mein Bester, Kroatien hat das 2:1 gemacht… und ich mach Schluss.
Ich wünsch Dir einen schönen Abend!

So, das war es in aller Kürze. Ich wünsche euch und euren Lieben einen wunderschönen und erfolgreichen Fußball-EM-Abend. Gutes Gelingen.

„Scholle“ und ich werden heute nach dem Schlusspfiff wieder bei „Matz ab live“ (im „Champs“ Burgwedel/Schnelsen) zu sehen und (hoffentlich) auch zu hören sein – mit zwei Top-Gästen: HSV-Medien-Direktor Jörn Wolf und HSV-Profi Dennis Aogo. Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr wieder einschalten würdet.

Bei der Gelegenheit, weil ich verschiedentlich gefragt wurde (wegen des FIFA-Aufnähers am linken Arm): Während der letzten „Wolfgang-Petry-Matz-ab-live“-Gedächtnis-Sendung (als ich den etwas dickeren Hals hatte . . .) hatte ich das Trikot von Oliver Bierhoff angezogen, das er im Endspiel 2002 in Yokohama gegen Brasilien trug. Und auch heute werde ich, das kann ich schon mal verraten, ein Bierhoff-Trikot tragen. Zufall. Aber es passt mir am besten (er groß und breit, ich mit der Größe, die leider nur in die Breite gegangen ist . . .). Der frühere HSV-Stürmer und heutige Nationalmannschaftsmanager trug dieses Trikot am 4. September 1999 in einem EM-Qualifikationsspiel Spiel in Helsinki gegen Finnland. Ich hatte Bierhoff, der beide Tore zum 2:1-Sieg der Deutschen erzielt hatte, vor dem Spiel um sein Trikot gebeten – und er machte sich nach diesem Spiel keine neuen Freunde (und Freude), denn er war tatsächlich der einzige (!) DFB-Spieler, der sein Trikot nicht mit einem Gegenspieler tauschte.
Ich sehe diesen finnischen Glatzkopf, der sich gegen Bierhoff bei einem Kopfballduell eine stark blutende Platzwunde am Kopf geholt hatte, noch heute in den dunklen Katakomben des Stadions vor Ärger platzen; er stieß Fluch um Fluch Richtung Bierhoff aus, weil der das Trikot nicht getauscht hatte.
Und ehrlich gesagt, mir war diese Aktion spätestens dann doch ganz schön peinlich. Aber Oliver Bierhoff hielt Wort, obwohl er beschimpft und bepöbelt wurde – unfassbar. Doch so ist er, der Oliver Bierhoff, er ist ein feiner Mensch – das kann ich jedem versichern, der es hören will (oder auch nicht – oder der eventuell auch voreingenommen ganz anderer Meinung ist).

Nochmals einen tollen EM-Abend für euch.

17.22 Uhr

Son von Beginn an dabei, wenn die nächste Serie durchbrochen wird….

25. November 2011

Sie sind Serienbeender. Und ganz ehrlich, eigentlich war es der HSV immer. Zumindest erinnere ich mich an die Jahre, in denen bei Wattenscheid ein gewisser Souleyman Sane Ewigkeiten nicht getroffen hatte und dann im Hamburger Volksparkstadion traf. Jahr für Jahr. Alle Serien, zumindest die für die Gegner negativen wurden in Hamburg beendet. Der HSV leistete Aufbauhilfe noch und nöcher. Eine Aufgabe, die sich in den letzten Wochen Frank Arnesen und Thorsten Fink auflasteten. Allerdings in eigener Sache. Beide sprachen die Mannschaft stark, richteten Spieler wieder auf. Und sie beenden Serien. Sieglosserien in Stuttgart (mit Cardoso), die Heimspielnegativserie nach 246 Tagen ohne Dreier – und jetzt auch Hannover? Gegen die Niedersachsen, die wir gern als „den kleinen HSV“ betiteln, konnte der HSV in den letzten 17 Spielen nur zwei Partien gewinnen. „Wir haben eine Negativserie beendet“, so Fink, „und ich verlange, dass wir jetzt weitermachen.“

Worte, die man wunderbar in den Lauf einen „Hannover-Fluch“-Geschichte stellen könnte. Allerdings sagte Fink sie gestern ganz sicher nicht darauf gemünzt. Vielmehr glaube ich, dass Fink sich darüber noch weniger Gedanken macht, als der eine oder andere Spieler. Selbst der letzte Siegtorschütze konnte sich zunächst gar nicht daran erinnern. „Ist das wirklich wahr“, fragte mich Collin Benjamin, der am Sonnabend um 13 Uhr mit 1860 München auf Armin Vehs Eintracht aus Frankfurt trifft, heute. „Das kann nicht der letzte Sieg gewesen sein“, so Collo weiter, „das ist ja ewig her.“ 2007 ist nicht wirklich ewig, aber lang genug, um zu lang zu sein. Ob er sich noch an die Stimmung erinnert? „Es war ein Derby, Mann“, so seine Antwort, „und Derbys sind nie angenehm. Da ist immer jede Menge Brisanz drin. Schon vorher – gerade wenn zweimal HSV gegeneinander spielen.“ Gerade Hannover, so Collin, der sich eigentlich gar nicht mehr zum HSV äußern wollte. „Ey Dicker“, so sein zurzeit leider sehr treffender Wortlaut, „das musst du verstehen. Das Kapitel ist abgeschlossen und ich würde mich unwohl fühlen, wenn ich mir vor einem wichtigen Spiel mit meinem Klub über den alten Verein Gedanken mache.“ Eine Antwort, die ich nur zu gern akzeptiere. Nicht nur deshalb: viel Glück Collo!

Wahrscheinlich tut man eh besser daran, sich im Vorfeld nicht zu sehr mit einer solchen Serie zu beschäftigen, zumal sie relativ ist, denn in den letzten 17 Spielen gab es zwar nur zwei Siege, dafür aber auch nur sechs Niederlagen bei neun Unentschieden. Rechnet man die letzten 20 Bundesligaspielen, kämen noch drei Siege hinzu. Insofern: machen wir, was Westermann macht. „Gar nicht darüber nachdenken. Da zählt wie in allen Spielen auch nur der Dreier. Und was Serien bedeuten, hat man gesehen.“ Nein, der Mannschaftskapitän betont lieber, ganz im Fink-Modus, „dass wir richtig gut drauf sind und den nächsten Schritt machen wollen. Wenn wir alle wissen, dass wir uns weiter mit harter Arbeit rauskämpfen müssen, spricht auch nichts gegen einen Sieg.“

Sch… auf die Serie! Zumal in der aktuellen Startelf kaum noch Spieler stehen, die schon mehr als zwei Derbys gegen Hannover gespielt haben. Eine Töre, einen Bruma oder Drobny wird das Ganze eh nicht interessieren. Dafür aber einen Heung Min Son. Der Südkoreaner erzielte in der vergangenen Saison in Hannover zwei Tore und – er spielt auch diesmal. Taktisch nicht wirklich überraschend, zumal Fink Son nach der Videoanalyse des Leverkusen-Spiels rückwirkend von aller Kritik freisprach. „Er hatte extrem viele Wege gemacht, stand oft frei und bekam einfach nicht die Zuspiele. Aber an sich war das gut.“ So gut, dass Son von Beginn an spielen wird.

Und das stand schon vor dem Abschlusstraining fest. Auch wenn Fink nie widersprochen hatte, wenn man ihn darauf ansprach, dass in Hannover erstmals die selbe Startelf der Vorwoche auflaufen würde. Nein, er hatte es geplant. Schon vor dem Abschlussspiel heute erhielt Son das Leibchen der A-Elf. Und das nicht nur, weil Berg schon vor dem heutigen Training leichte Leistensprobleme angekündigt hatte und letztlich das Abschlusstraining sogar vorzeitig abbrach. „Ich hatte schon gegen Hoffenheim einen Krampf in der Gegend und jetzt hat es wieder gezogen“, so der traurige Schwede, der in die Reise nach Hannover gar nicht erst mit antreten wird.

Ebenfalls traurig sein könnte Ivo Ilicevic. Auch der Zugang vom 1. FC Kaiserslautern wird nicht von Beginn an spielen, obwohl er es ob seiner Trainingsleistungen absolut verdient hätte. Das große Problem dabei ist, dass sich die beiden potenziellen Konkurrenten auf den Außenbahnen, Marcell Jansen links und Gökhan Töre rechts, in einer ebenso starken Verfassung präsentieren. Auch deshalb hat Fink den flinken Kroaten als Alternative für den Angriff im Auge. „Er ist ein logischer Gedanke“, so Fink, der nach Bergs und Mladen Petrics Ausfälle keinen nominellen Stürmer mehr auf der Bank hat, nach dem Training.

Ein reizvoller Gedanke, wie ich nach dem heutigen Training denke. Denn da überragte der Kroate im Abschlussspiel auf verkürztem Feld. Und das sogar zentraler als sonst – zumindest bewegte sich Ilicevic weniger auf seiner Lieblingsposition Linksaußen als im Sturmzentrum seiner B-Elf, die allerdings auch ohne nominelle Stürmer spielte. Aber, dieser Ilicevic, das ist sicher, wird gesund eine absolute Verstärkung. Der 25-Jährige ist vielleicht der handlungsschnellste Spieler der Mannschaft. Gepaart mit seiner Grundschnelligkeit und seiner ausgeprägten Technik, einem guten Schuss und einer erstaunlichen Robustheit im Zweikampf ist Ilicevic ein Spieler, auf den kein Trainer gern verzichtet. Auch Fink nicht, da bin ich mir sicher.

Das Schönste an solch einer Situation (also, dass Ilicevic nur deshalb auf der Bank ist, weil die anderen so gut drauf sind) ist, dass der HSV reagieren kann. Per Skjelbred, der sich in der Länderspielpause in den Testspielen als einer der Besseren präsentierte, rückte in den Kader nach. Zudem stehen mit Slobodan Rajkovic (letztes Spiel gesperrt) und Mladen Petric (Wade) zwei Spieler auf dem Sprung zurück in den Kader. Somit dürfte sich die Konkurrenzsituation vor dem Nürnberg-Spiel erneut verschärfen. Und genau das wollen alle. Der Trainer auf jeden Fall – und die Spieler müssen es zumindest sagen…

Aber was denke ich schon an Nürnberg, zunächst steht Hannover an. Und wenn Fink und die Spieler im Laufe der Woche eine Nachricht übermittelt haben, dann die, dass sie nicht an große Ziele denken wollen, sich lange nicht zufrieden geben und vor allem ausschließlich auf das nächste Spiel konzentrieren. Und das mache ich jetzt auch. Ich freue mich auf ein Nordderby, dass ich persönlich zugegebenermaßen noch nie als ein solches akzeptiert habe. Warum? Na, ich glaube einfach, dass es nur ein echtes und mit aller Brisanz ausgestattetes Derby jeder Art, also nur ein Stadt- (Pauli) und Nordderby (Werder) geben darf.

Aber okay das soll jeder halten wie er mag. Und wenn es für den einen oder anderen Prozent Zusatzmotivation sorgt ist es mir nur recht. Zumal ich mir sicher bin, dass es bei den 96ern ein harter Gang wird. Wie ich gehört habe, will deren (von vielen HSVern in den höchsten Tönen gelobter) Trainer sehr defensiv spielen lassen, setzt auf Standards und Konter des schnellen Mohammed Abdellaoue. Zudem soll der ebenfalls sehr schnelle Jan Schlaudraff dahinter die Fäden ziehen. Und auf Guerrero, der sich mit ganzem Körper in die Zweikämpfe wirft, warten mit Haggui und vor allem dem österreichischen Hünen und extrem körperbetont spielenden Pogatetz zwei richtig harte Nüsse. Zumindest körperlich. Dennoch, den Peruaner stört das nicht, im Gegenteil, er hat große Ziele: „Ich würde diese Saison gern die Zehn-Tore-Marke knacken, alles ist möglich“, so der Angreifer, dessen Bestmarke in der Bundesliga bislang neun Treffer (07/08 und 08/09) sind, zuversichtlich. Denn, das betonte Guerrero heute, er fühlt sich wieder richtig wohl. „Ich spiele da, wo der Trainer mich hinstellt. Aber klar ist, dass ich am liebsten auf der Neun spiele.“ Und genau da sieht ihn sein neuer Trainer Thorsten Fink, mit dem er 2002/2003 sowie 2003/2004 zusammen für die Amateure des FC Bayern spielte. „Der Trainer kennt mich schon lange und hat mir gesagt, dass er mich auf der Neun sieht. Und dieses Vertrauen tut gut.“ Und das ist auf dem Platz mehr als deutlich erkennbar, wie ich finde.

In diesem Sinne, uns allen ein schönes Derbywochenende mit dem ersten heute Abend in Köln, dem zweiten morgen in Dortmund – und dem wichtigsten in Hannover.

Ich freue mich darauf.

Bis morgen,
Scholle

Kurz notiert:

Weil ich ihm einfach glaube: Während die allemal nicht zwingend seriösen Tageszeitungen in Lima berichten, Paolo Guerrero hätte nach seinem Autounfall den geschädigten Taxifahrer im Stich gelassen, hier Guerreros Version: „Ich hatte keine Schuld am Unfall, was sowohl Zeugen als auch die Polizei bestätigen.“ Vielmehr habe der Taxifahrer die Situation falsch wiedergegeben. „In Peru sind Versicherungen keine Pflicht. Der Taxifahrer ist kein reicher Mann, der hat nichts und wird mir auch nichts zahlen können“, so Guerrero, „deshalb habe ich ihm gesagt, dass ich den Schaden an meinem Wagen selbst zahlen werde. Daraus hat er gemacht, dass ich alles bezahlen würde, was ich so zwar nie gesagt habe, jetzt aber versuchen werde. Ich werde versuchen, ihm finanziell ein wenig zu helfen. Weil er es nicht hat – und ich es kann.“ Klingt irgendwie anders, als die Pressemeldungen in Lima. Die scheinen es mit Prominenten wie Guerrero nicht besonders gut zu meinen. Zuletzt hatte eine TV-Reporterin wiederholt behauptet, Guerrero nachts vor einem Länderspiel mit einer Frau gesehen zu haben. Ergebnis: Die Reporterin wurde nach Ansicht aller Beweise zu einer Haftstrafe verurteilt…

So könnte der HSV spielen: Drobny – Diekmeier, Westermann, Bruma, Aogo – Töre, Kacar, Rincon, Jansen – Son, Guerrero. Interessant: Nach dem Training schnappte sich Fink Aogo und Bruma. Gestiklirend zeichnete er den beiden verschiedene Spielsituationen nach, zeigte ihnen Laufwege auf. Mal sehen, wie sich das in hannover äußert…

Es gibt sie doch, die vernünftigen Jungen…

18. November 2011

Euphorie – in schönes Wort, vor allem, wenn es denn auch gelebt werden kann. Bei der Nationalmannschaft am Dienstag war das der Fall. Ich habe es genossen und genieße den Ausblick auf diese Mannschaft mit schier unbegrenztem Potenzial noch immer. Und da wollen wir auch wieder hin. Beim HSV in Winsen war zwar herzlich wenig von Euphorie zu spüren, um es vorsichtig zu formulieren. Dafür gibt es aber eine breite Zuversicht beim HSV, die begründet ist. Vordergründig verursacht sie der immer sehr offensiv und optimistisch auftretende Trainer Thorsten Fink. Allerdings wird Fink von jungen HSV-Profis flankiert, die allemal Anlass geben, den Optimismus zu leben. Wie zum Beispiel Gökhan Töre.

Der Deutsch-Türke musste beim Ausscheiden gegen Kroatien mit der türkischen Nationalmannschaft zwar gerade einen herben Schlag hinnehmen, allerdings wirkt der Linksfuß ansonsten frisch. Trainer Fink nennt diese Qualität Töres „fußballmental stark“. Soll heißen, Töre ist einer, der sich keine falschen und auch nicht zu viele Gedanken macht. Dadurch kann er auch Negativerlebnisse schnell verdauen und ist alsbald wieder auf das Wesentliche konzentriert. „Es stimmt“, sagt Töre, „ich bin ein positiver Typ und kann mit Rückschlägen sehr gut umgehen. Die Vergangenheit interessiert mich schnell nicht mehr.“ Dabei hat das bittere Aus seiner Türken in der Heimat hohe Wellen geschlagen. Unter anderem musste Trainer Guus Hiddink gehen. „Unser Volk ist sehr emotional“, sagt Töre, „da sind alle traurig. Auch ich war schockiert.“ Allerdings habe er schnell Ablenkung gefunden. „Drei Punkte gegen Hoffenheim und mir geht es wieder gut.“ Obwohl mit Hiddink sein größter Befürworter gehen musste und er sich nach eigener Aussage eine Menge Hohn und Spott von seinem kroatischen Mannschaftskollegen Ivo Ilicevic anhören muss.

Der HSV scheint für Töre Heimat geworden zu sein. Angesprochen darauf, ob er – wie einige vor ihm schon – den HSV als Sprungbrett für größere Klubs nutzen möchte, sagt er: „Nein. Hier ist alles toll.“ Und Töre klingt ehrlich. Deshalb betont er auch, dass er als Fußballer noch viel erleben wolle. Und auch solche Beispiele wie Uwe Seeler, der nur für den HSV (das eine Spiel für Cork zähle ich nicht) spielte, nennt er ehrlich „utopisch“. Dafür hätten sich die Zeiten zu sehr geändert. Allerdings macht Töre auch keinen Hehl daraus, dass er bei und mit dem HSV noch große Ziele hat. „Dabei geht es mir nicht gleich darum, irgendeinen Titel holen zu müssen. Aber es macht hier riesigen Spaß und den will ich mit der Mannschaft zusammen in Erfolge umsetzen. Wir wollen uns weiter gut entwickeln und möglichst bald auch mal einen Sieg an den anderen reihen.“

Töre sieht seine Zukunft beim HSV. Ebenso wie Zhi Gin Lam, der gestern seinen ersten Profivertrag bis 2015 unterschrieb. Ein Moment, den er nie vergessen wird. „Ich bin jetzt Profi“, so der 20-Jährige, für den sich seit seiner Beförderung von der U23 zum Bundesligateam durch Rodolfo Cardoso sehr viel verändert hat, noch etwas ungläubig. „Es ging ja auch alles sehr schnell, damit hatte ich wirklich nicht gerechnet. Das musste ich erst einmal realisieren“, so Lam heute. Zumal er im Sommer noch tief frustriert war, als etliche seiner U-23-Kollegen mit den Profis ins Trainingslager reisen durften – er allerdings nicht. „Ich war damals frustriert und habe meinen Berater angerufen. Der sagte, ich solle geduldig bleiben – und das hat sich dann gelohnt.“

Ruhe, Geduld und Bodenständigkeit – das sind neben allen sportlichen Qualitäten Lams Vorzüge. Er wohnt noch immer bei seinen Eltern in Lohbrügge, besuchte unter der Woche seine alten Kollegen von der U23 beim Training und telefoniert noch immer mit seinen Jugendtrainern aus Allermöhe und Lohbrügge. Und er ist – wie Töre – kein Schnacker. Lam zählt nicht zu denen, die Gefahr laufen, abzuheben. „Ich wurde so aufgezogen, nie zu viel zu haben. Es kam nie etwas von allein“, so Lam, der trotz des drastisch verbesserten Gehaltes nicht gleich zum nächsten Ferrari-Händler laufen will. Im Gegenteil. „Ich lade meine Familie zum Essen ein. Wie immer, wenn ich einen neuen Vertrag unterschrieben habe. Ansonsten verändert sich nichts.“ Vor allem nicht er selbst.

Lam, der heute in unserer Runde ebenso sichtbar wie meiner Meinung nach grundlos nervös war, macht Hoffnung. Zum einen, weil er ein überdurchschnittlich talentierter Fußballer ist. Zum anderen aber auch, weil er das Gegenteil zu den Jung-Millionären ist, die als „die neue Generation halt“ von den Älteren kritisiert werden. Lam ist eben kein Elia, der sich auf das falsche Umfeld verlassen hat – und damit trotz seines Potenzials zum Weltklassefußballer im Mittelmaß stagniert. Lam ist ein bescheidener Junge, der mit jeder Silbe betont, dass er lernen will. Jeden Tag. Selbst Spieler wie Töre, der sogar ein Jahr jünger ist – bezeichnet er als „Vorbild, von dem ich täglich lernen kann“. Lam wirkt gut erzogen. Er scheint die richtige Portion Bescheidenheit zu haben, um seine exponierte Stellung als Fußballprofi richtig einzuschätzen und ihren Wert zu erkennen. Zuhause bei seinen Eltern will er vorerst wohnen bleiben. „Und ich werde weiterhin den Abwasch machen müssen“, so Lam.

Die Gespräche mit Lam und Töre zeigen, dass die neue Generation nicht so versaut ist, wie wir oft beklagt haben. Es gibt sie noch, die jungen, erfolgshungrigen und vernünftigen Jungs. Zwei davon hatten wir heute im Gespräch – und das hat mir richtig gefallen. Es waren zwei Gespräche, die mich an den HSV glauben lassen, die meine persönlichen Aussichten verbessern. Euphorisch bin ich sicherlich noch nicht – aber ich könnte es werden, wenn der HSV bis zum Winter tatsächlich die 20-Punkte-Marke durchbricht. Weil das zeigen würde, was ich glaube. Denn wer Leute wie Töre und Lam binden kann, wer einen Fink als Trainer holt – der muss was können. Daher an dieser Stelle noch einmal: Chapeau, Herr Arnesen!

Und dieses Kompliment habe ich lange nicht exklusiv. Im Gegenteil. Indirekt stellt auch Ottmar Hitzfeld dem HSV und damit insbesondere Frank Arnesen, ein erstklassiges Zeugnis aus. Zumindest bei der Trainerwahl. Fink sei ein „Spitzentrainer, der irgendwann beim FC Bayern landen wird, weil er das Bayern-Gen hat“, so Hitzfeld heute bei einem Termin des Fernsehsenders „Sky“. Fink sei „ein Taktikfuchs, ein großer Motivator, er hat eine hohe Sozialkompetenz und kann begeistern“, erklärte Hitzfeld, selbst jahrelang Trainer des FC Bayern und derzeit Schweizer Nationaltrainer. Er prophezeite auch, dass sein ehemaliger Spieler mit dem HSV „bald im Mittelfeld“ stehen werde und „vielleicht auch noch den Europapokal“, was aber grundsätzlich „nur eine Frage der Zeit“ sei. Und warum sollten wir uns hier mit euphorisierten Gedanken zurückhalten, wenn selbst so renommierte Leute wie Hitzfeld den HSV schon für die kommende Saison in den Europa-Cup wähnen??

Dann sicherlich nicht mehr dabei sein dürfte David Jarolim. Der Tscheche wird den HSV im Winter oder spätestens im Sommer ablösefrei verlassen. Und der 32-Jährige will nach Möglichkeit weiter in der Bundesliga spielen. Heute berichten Münchner Zeitungen, dass der ehemalige HSV-Kapitän bei den Löwen hoch im Kurs steht. Da heißt es: „…obwohl es sportlich attraktivere Alternativen für Jarolim gibt (auch Augsburg und Düsseldorf bieten mit), rechnen sich die Sechziger eine gute Außenseiterchance aus, nach Collin Benjamin einen zweiten Routinier vom HSV zu übernehmen. „Die Frage ist, ob wir ihn uns leisten können“, sagt Hinterberger, „und ob Jarolim bereit ist, für ein Viertel seines gewohnten Gehalts zu spielen.“ Sportlich, da sind sich Präsident und Manager einig, wäre Jarolim auf jeden Fall ein Gewinn. „Vom Spielertyp her würde er ideal passen“, sagt Hinterberger.
Worte, denen ich mich anschließen kann. Allerdings drohen sie relativ wirkungslos zu verhallen. Zumindest ist meine Info die, dass die zweite Liga für Jaro keine Alternative ist. Es ist daher kaum denkbar, dass Jaro seinem Kumpel Benjamin folgt. Egal wie nett in München über ihn gesprochen wird.

In diesem Sinne, am Sonnabend wird um 16 Uhr – mit Jarolim und seinen designierten Erben Lam, Töre und Co. – an der Arena trainiert. Und am Sonntag wird gewonnen. Auch wenn Holger Stanislawski, den ich sehr schätze, heute auf der Pressekonferenz der TSG betonte, dass es für ihn nichts Schöneres gibt, “als beim HSV zu gewinnen”. Das hatte er. Mindestens einmal zu viel.

Bis morgen, Scholle (17.30 Uhr)

Kurz notiert:
Beispiel:
Noch ein Grund, weshalb mir Töre immer besser gefällt (die aufmerksamen Blogger werden wissen, was ich meine): Heute verglich er den Fußball der Deutschen im Spiel gegen die Niederländer anerkennend mit dem Fußball auf der Playstation…
Schreck: Tomas Rincon musste das Training heute mit einem dicken Verband ums Knie beenden. Allerdings gab der kernige Mittelfeldspieler umgehend Entwarnung: “Alles okay. Es tat ein bisschen weh, wird aber gehen.”
Klicks: Wer sich die letzten Klickzahlen angesehen hat, wird erkannt haben, dass es pro Blogbeitrag aktuell mal etwas weniger geworden ist. Das ist schade, aber in einer Länderspielpause auch verständlich. Dennoch haben wir von gestern auf heute die Marke von 500 000 Posts durchbrochen! Und die erste Million ist das nächste Ziel. Danke dafür!

4:2-Sieg – Kacar und Jansen fielen ab

9. Juli 2011

Zwischenstation Ingolstadt. Auf dem Weg ins Trainingslager im Zillertal wurde quasi nebenbei schnell ein lange vereinbartes Freundschaftsspiel ausgetragen. Bei Zweitliga-Klub Ingolstadt, der in einer Woche schon in Lübeck gegen St. Pauli um Punkte kämpfen muss, gab es einen lockeren 4:2-Sieg. Zur Halbzeit hatte das Resultat schon 3:1 für den HSV gelautet. Vor dem Anpfiff hatte das Trainingslager bereits für die zurzeit noch angeschlagenen HSV-Profis begonnen. Mladen Petric und Heiko Westermann trainierten unter den Augen von Collin Benjamin. Der „Löwe“ von 1860 wollte seine früheren Kollegen einmal wiedersehen und musste viele Hände schütteln.

„Ich fühle mich sehr wohl in München, eine sehr schöne Stadt, 60 ist ein guter Klub – es passt. Nach Hamburg hätte es nicht besser für mich kommen können, ich bin sehr zufrieden.“ In diesem Monat noch wird seine Familie von der Elbe an die Isar ziehen, „Collo“ macht keine halben Sachen und sagt: „Meine Familie muss kommen, wofür mache ich das denn sonst alles?“
Neben Benjamin war noch ein „Ehemaliger“ in Ingolstadt: Masseur Uwe Eplinius. Er hält sich zurzeit in Donaustaufen zur Fortbildung auf und ließ sie Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen, den HSV für etwas mehr als 90 Minuten zu sehen. Auch wenn die überraschende Trennung im Sommer ganz sicher immer noch schmerzt. Aber es steht nun einmal fest, dass „Epi“ HSV-Geschichte ist. Immerhin: Seine ehemaligen Kollegen sorgten vor dem Anpfiff dafür, dass er noch einmal in den Innenraum und an die Bank durfte.

Der HSV spielte in Ingolstadt mit einer speziellen Oenning-Taktik: Viererkette mit Dennis Diekmeier, Michael Mancienne, Jeffrey Bruma (in Ingolstadt „Brumer“ geschrieben) und Dennis Aogo. Davor eine Sechs: Robert Tesche. Und davor zwei „halbe“ Sechser: Gojko Kacar und David Jarolim, der die Mannschaft als Kapitän auf den arg strapazierten Rasen führte, es hatte kürzlich ein Konzert im FC-Stadion stattgefunden. Davor auf den Flügeln rechts Änis Ben-Hatira, links Eljero Elia. Und einzige Spitze: Heung Min Son. Im Tor, das war die Überraschung, nicht Jaroslav Drobny, sondern Tom Mickel. Der Tscheche leidet noch unter einer Rippenprellung. Und dass Wolfgang Hesl nicht zum Zuge kam, das passt wohl zur Philosophie von Oenning. Ich habe das Gefühl, dass der Coach Hesl einfach „nicht auf dem Zettel“ hat. Deswegen glaube ich auch, dass der Keeper keine Zukunft mehr beim HSV hat.

Neben Petric und Westermann fehlte beim HSV natürlich noch Paolo Guerrero, aber der scheint schon jetzt in Form zu sein. Hoffentlich nicht nur für Peru, aber für sein Land trifft er bei der Copa America. Erst zum 1:1 gegen Uruguay, jetzt zum 1:0-Sieg gegen Mexiko. Hoffentlich hält er diese Form, hoffentlich verletzt er sich nicht wieder. Und hoffentlich müssen wir uns nicht wieder zu Weihnachten die bekannte Ausrede anhören, dass er ja keine kontinuierliche Vorbereitung mitmachen konnte, deswegen nie seine Bestform erreichen konnte . . .

Abwarten.
Das allerdings tat der HSV in Ingolstadt nicht lange. Es ging gleich mit Tempo los. Und mit Toren. Ich hänge jetzt einmal den Spielfilm an, so lief das Spiel in Ingolstadt:

5. Min.: Leo Haas, der ehemalige HSVer, allein vor Tom Mickel, der hält.

13. Min.: Heung Min Son allein von der Mittellinie, Sascha Kirschstein, der ehemalige HSVer, pariert großartig.

18. Min.: Gojko Kacar vertändelt gegen Leitl, der geht los, Mickel hält. Und Michael Oenning steht auf und pfeift, ruft seinen Unmut ins Spiel – Richtung Kacar natürlich.

20. Min.: Elia zieht von der Mittellinie los, führt Gegenspieler Görlitz gleich zweimal vor, Rückpass, David Jarolim mit der Innenseite aus 14 Metern – 1:0 für den HSV.

22. Min.: Dennis Diekmeier marschiert von der Mittellinie los, umspielt in einem „höllischen Tempo“ drei, vier Leute, am Strafraum „übernimmt“ Son und schießt humorlos ein. 2:0 HSV.

„Wer wird deutscher Meister, Ha, Ha, Ha, HSV“, skandieren die HSV-Fans, die anscheinend viel Freude am Spiel ihrer Mannschaft haben.

29. Min.: Traumangriff des HSV: Änis Ben-Hatira über rechts zur Mitte, Elia mit der Hacke in den Lauf des von hinten kommenden Dennis Aogo, Flanke von der Torauslinie, Kacar köpft ein zum 3:0.

37. Min.: Ingolstadts Haas schießt aus 13 Metern um Millimeter vorbei – ein mustergültiger FC-Konter, weil Elia, der rechts „parkte“, seinen Gegenspieler ziehen ließ. Oenning holte ihn mit „sanften Worten und Gesten“ an den Rand, klärte ihn über defensives Versäumnis auf. Ohne laut zu werden, ohne warnenden Zeigefinger – mit viel Einfühlungsvermögen. Vielleicht klappt es ja auf diese Art.

40. Min.: 1:3, Pisot aus vier Metern nach einem abgefälschten Freistoß.

57. Min.: Kopfball Robert Tesche, Kirschstein pariert, Kacar staubt ab – 4:1.

58. Mancienne und Aogo raus, Muhamed Besic und Marcell Jansen.

65. Min.: Son raus, Gökhan Töre rein.

60. Min.: Bruma, Tesche und auch Kacar nur halbherzig, Ingolstadts Haas kann in aller Ruhe von rechts flanken, Kopfball Hartmann, nur noch 2:4.

78. Min.: Tesche raus, Daniel Nagy rein.

82. Min.: Diekmeier raus, der erst 17-jährige Ashton Götz rein.

84. Min: Bruma raus, Robert Labus rein.

88. Elia und Ben-Hatira raus, Sören Bertram und Hanno Behrens rein.

In der Einzelkritik fallen beim HSV zwei „alte Hasen“ negativ auf. Kacar erzielte zwar zwei Tore, aber sein körperlicher Zustand sieht mir noch zu sehr, viel zu sehr, nach Urlaub aus. In etwa so, wie Bayerns Schweinsteiger, dessen Fotos heute in der „Bild“ zu sehen war. Schweini mit Speckschwarte. Kacar muss deutlich zulegen, er spielte viele, viele Fehlpässe, und er ´wirkte auf mich in der Rückwärtsbewegung viel zu langsam. Das Umschalten in den Rückwärtsgang sah sehr behäbig aus.
Zweiter „Hase“ war Jansen. Aber hallo, wurde der Nationalspieler auf der linken Seite vorgeführt. „Ich bin so fit wie seit langer Zeit nicht mehr“, hat Jansen vor ein paar Tagen gesagt, davon war in Ingolstadt nichts zu sehen. Null. Absolut nichts. Diese Kurz-Vorstellung macht nur Angst und Bange. Da fehlt noch alles. Auch die Bank wurde unruhig, nach zehn Minuten ging Co-Trainer Frank Heinemann an die Seite und „weckte“ Jansen kurz auf.

Tom Mickel im Tor machte seine Sache gut. Beide Gegentore waren meiner Meinung nach nicht zu halten.
Dennis Diekmeier hatte viele sehr gute Szenen nach vorne. Das passte an diesem Tag zum HSV-Gesamtbild, denn nach vorne war der HSV hui, nach hinten noch zu oft pfui. Was mir an Diekmeier sehr gefiel: Wenn er den Ball hat, dann will er damit etwas „veranstalten“. Dann schaltet er seinen Turbo ein, dann geht er ab, dann ist er kaum zu halten. Er wartet dabei nicht lange ab, sondern ist immer bemüht, höchstes Tempo zu gehen. Ausgezeichnet.

Neben ihm spielte Mancienne, und der Engländer machte auf mich in diesem Spiel einen wesentlich besseren Eindruck als zuletzt im Training. Der junge Mann wirkt gelegentlich noch ein wenig „zerbrechlich“, aber er war dann da, wenn er gebraucht wurde. Deutlich zulegen muss er allerdings in Sachen Abspiel, da endete fast jeder zweite Pass noch beim Gegner.

Zweiter Innenverteidiger war diesmal Bruma, und der erhält von mir die Note zwei. Guter Mann, gutes Spiel, souverän, trotz seiner Jugend, guter Blick, ruhig, auch schon abgeklärt – das wird einer. Links Aogo, ohne Probleme, viele gute Szenen im Spiel nach vorne.

Tesche auf der Sechs eine glatte Drei. Holte sich viele Bälle, sah oft schon früh die Gefahr kommen und stellte die Räume zu – das kann durchaus was werden.

Davor ist zu Kacar alles gesagt, zu Jarolim muss nicht viel gesagt werden. Klasse. Undenkbar für mich, dass er aus dieser Mannschaft rausgenommen werden sollte. Das ginge gar nicht. Er macht ja fast keine Fehler, macht fast alles richtig – Prädikat unverzichtbar.

Rechts Ben-Hatira mit guten Szene, aber auch mit einigen zu „luschigen“ Abspielen und „unvollendeten“ Dribblings. Und in „Sachen Eckbällen“ muss er sich ganz einfach viel mehr konzentrieren, dass könnte er normal doch viel besser.

Links Elia schon in guter Verfassung, er begann relativ verhalten, taute dann aber auf und zeigte in einigen Szenen schon seine ganze Klasse. Auch mit ihm kann das in dieser Saison durchaus etwas werden. Auch eine Frage der Ansprache? Michael Oenning scheint auf einem guten Weg mit ihm.

Ganz vorne Son. Ein Tor, sehr beweglich, unternehmungslustig – und gut. Allein in der Spitze hat man es immer schwer, aber er machte das Beste daraus, er gefiel mir. Und scheint sich wieder jener Form zu nähern, die er vor einem Jahr bis zu seiner Verletzung hatte.

Sorry, liebe “Matz-abber”, ich habe dem guten Son ein Tor, sein Tor, geklaut – vielleicht deswegen, weil die Vorarbeit von Diekmeier so grandios war. Auf jeden Fall mein Fehler, ich (inzwischen trotz schweren Unwetters im Raum München nun im Zillertal gelandet!) entschuldige mich dafür in aller Form. Und danke jenen, die es in netter Form kritisiert haben.

Die Ersatzleute, die dann noch kamen, die erspare ich mir diesmal. Dafür ist dann das Trainingslager da.

19.02 Uhr

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