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Westermann – eine Glaubensfrage für die HSV-Fans

11. November 2013

Der freie Tag nervt mich immer. Weil man nicht mit allen Betroffenen sprechen kann. Ich hätte heute sehr gern mit Rene Adler gesprochen. Und mit Milan Badelj sowie Heiko Westermann. Auch, weil sie alle drei in Leverkusen Grütze gespielt haben. Aber vor allem, weil sie für die Mannschaft immens wichtig sind. Badelj führt das Mittelfeld zusammen, sortiert das eigene Spiel. Rene Adler ist der Mann mit der Portion Extraklasse, die man sonst nur bei Spitzenteams im Kasten hat. Und Heiko Westermann ist Mister Zuverlässig. Oder besser: eigentlich ist er es. Denn das Spiel in Leverkusen offenbarte Schwächen, dass die Frage gestellt werden muss, ob die Rechtsverteidigerposition für ihn die richtige ist.

Denn so überrascht wie ich über seinen echt starken Auftritt in Nürnberg war, so ist mein Vertrauen in seine Fähigkeiten als Diekmeier-Ersatz geschwunden. Dem einen richtig guten Spiel stehen inzwischen einige durchschnittliche und leider zu viele schwächere (Werder, Stuttgart, Gladbach, Leverkusen) gegenüber. Und das weiß er auch selbst. Er sagt es sogar: „Das Spiel war totale Scheiße von mir. Ich habe keinen Ball getroffen, ganz klar. Dieser Kritik stelle ich mich auch.“

So, wie er es immer macht. Auch in der Phase, in der die HSV-Macher verpennt hatten, einen bundesligatauglichen Kader auf die Beine zu stellen und der HSV bitterste Offenbarungseide auf dem Platz ablieferte und sich zum Klassenerhalt krampfte, stellte sich Westermann nicht nur vor die Fragenden (weil es einer machen musste) sondern vor allem auch immer und immer wieder vor seine jüngeren Mitspieler. Egal, wer in dem Spiel die entscheidenden Fehler gemacht hat, Westermann hat die Verantwortung übernommen. Weil er noch die im Profifußball immer seltener werdende Fähigkeit besitzt, sich seiner Mannschaft komplett unterzuordnen und schützend vor sie zu stellen.

Und da wir schon dabei sind, lasst mich bitte heute mal etwas in eigener Sache in der Angelegenheit Westermann loswerden.

Immer wieder wird nicht nur mir sondern den Medien generell nachgesagt, wir seien zu zahm bei Westermann. Anfänglich habe ich sogar für ne Sekunde an mir gezweifelt und die Möglichkeit eingeräumt, dass ich bei dem Defensivmann etwas großzügiger sei als bei anderen, weil ich seine Art sehr schätze. Ich habe mich hinterfragt und bin letztlich zu dem Schluss gekommen, dass Westermann bei mir tatsächlich einen Bonus hat. Weil er schlichtweg für das Gefüge einer Mannschaft enorm wichtig ist, weil er mannschaftsdienlicher als andere zu spielen und sich drumherum zu verhalten weiß. Bei Westermann weiß man inzwischen ganz genau, was man erwarten kann – und das liefert er auch fast immer. Als Innenverteidiger zumindest. Aber man weiß bei einem Westermann eben auch, was man nicht erwarten darf. Und wenn Westermann im Spiel plötzlich als Flankengeber auftreten soll, (in Nürnberg war das top, ansonsten eher nicht), wenn er Hackentricks versucht oder in Eins-gegen-Eins-Dribblings gehen soll, dann kann das nicht gut gehen.

Und genau an diesem Punkt sind wir jetzt. Westermann spielt Rechtsverteidiger und in das Arbeitsprofil dieser Position gehören viele Dinge, die eben nicht zu seinen Spezialitäten gehören. Er weiß das, macht es aber trotzdem, weil der Trainer es so will und die Mannschaft offensichtlich keine bessere Alternative zu bieten hat.

Hinzu kommt, dass Westermann beim Publikum vergleichsweise wenig Kredit hat. Westermann ist so etwas wie eine Glaubensfrage für die HSV-Fans geworden, während ihn nahezu alle Teamkollegen, Vereinsoffizielle und HSV-Schreiber überdurchschnittlich schätzen. Wie bei Rincon, der zwar fast nie spielt aber immer Vollgas gibt, wenn er mal ran darf und nie meckert. Auch der Venezolaner genießt bei allen in seinem direkten Umfeld einen Bonus – weil er ihn sich hart erarbeitet hat. Wie einst auch ein Hollerbach, Collin Benjamin oder auch Erik Meijer. Alles Leute, die sich weniger ob individueller Weltklasse denn über die Einstellung zur Mannschaft und über die Identifikation mit dem Verein definierten. Alle drei waren hier sehr beliebt. Auch beim Publikum – Westermann nicht. Und das, obgleich er im Gegensatz zu den drei ehemaligen Publikumslieblingen sogar vom alles andere als blinden Bundestrainer Joachim Löw immer wieder für die starke Nationalmannschaft nominiert wird.

Nein, Westermann hätte es wahrscheinlich bei den meisten Bundesligaklubs leicht, sich in die Herzen der Zuschauer zu spielen. Hier nicht. Das ist so. Und so sehr Westermann dem angespannten Verhältnis zu den Anhängern uns gegenüber immer wieder versucht, an Dramatik zu nehmen, so sehr beschäftigt es ihn. Das sieht man, das hört man immer mehr raus. Er weiß, hier hat er nur zwei Lager um sich: Die, die ihn mögen und viel Geduld haben – und eben die, die ihn nicht leiden können und bei schlechten Leistungen anfangen, ihn auszupfeifen.

Ich zähle mich dabei zur ersten Kategorie – allerdings nicht, ohne ihn zu gegebenem Anlass auch sachlich zu kritisieren. Wie gegen Bayer. Natürlich hat er gegen Leverkusen Schrott gespielt. Das war sogar eines seiner schwächsten Spiele für den HSV. Und das gehört dann auch genau so genannt. Ebenso, dass er als Rechtsverteidiger meiner Meinung nach falsch eingesetzt ist. Für mich gehört Westermann mit seiner Zweikampfstärke und Erfahrung in die Innenverteidigung neben einen Jonathan Tah oder einen Lasse Sobiech, um die Talente zu führen. Oder gar neben einen Johan Djourou, der uns heute erklärte, sein Comeback-Ziel sei das Spiel gegen Hannover am 24. November. Aber eines gehört sich ganz sicher nicht: dass er von den eigenen Fans ausgepfiffen wird oder hier im Blog zerlegt wird. Das gehört sich im Übrigen mit keinem Spieler der eigenen Mannschaft, sofern dieser nicht vereinsschädigend auftritt.

Nur ein Beispiel: Erinnert Euch bitte an Rafael van der Vaarts erste Phase beim HSV zurück. Der liebte den HSV hier, schoss ihn in die Champions League und küsste die Raute auf dem Trikot – bis er plötzlich von jetzt auf gleich keinen Bock mehr hatte. Plötzlich war alles scheiße, die Meinung der Fans egal. Er zog sich für Fotos schon das Valencia-Trikot an und verhob sich unmittelbar vor einem Spiel beim Spielen mit seinem Sohn. Der Niederländer setzte wirklich alle denkbaren Mittel ein, um aus Hamburg wegzukommen – und dennoch wird er heute wie ein Messias gefeiert. Nicht, dass ich das nicht befürworte, nein, ganz im Gegenteil: Ich finde es sehr gut und feinfühlig von den HSV-Fans, dass ihm Fehler verziehen werden und sich die Meinung durchgesetzt hat, dass van der Vaart am Verein hängt. Aber auch der HSV-Fan an sich sollte mal überlegen, ob ein derart spektakulärer Spieler funktioniert, wenn alle elf auf dem Platz so spektakulär spielen wollen. Oder ob nicht genau diese Spieler erst dann richtig zur Entfaltung kommen können, wenn sie die richtige Dosis Arbeiter wie eben Westermann, Rincon, Hollerbach, Benjamin etc. um sich haben.

Daher: So lange wir noch nicht in Dimensionen wie Bayern München, Dortmund oder die Werksklubs Spieler teuer einkaufen können, die alles können, wird sich ein Westermann hier bei jedem Trainer und immer wieder durchsetzen. Und das ganz sicher nicht, weil die Trainer nach Sympathien aufstellen. Und wo ich schon appelliere, möchte ich den zum Glück noch überschaubar wenigen hier, die Westermann wegjagen wollen, noch um eines bitten: Setzt auch ihr Euch mal hin und überlegt, wer in den letzten Jahren maßgeblich daran beteiligt war, das Flaggschiff HSV letztlich in der Bundesliga zu halten. Mir fallen da drei, vier Namen sofort ein. Einer davon ist Westermann.

Und der wird sich von Trainer Bert van Marwijk eh noch einiges anhören müssen. So, wie alle anderen auch. Denn im Gegensatz zu den Spielen zuvor unter seiner Führung, war van Marwijk vom Auftreten in Leverkusen enttäuscht. „Wir haben das erste Mal nicht das gespielt, was vorgegeben war“, sagt Sportchef Oliver Kreuzer, „ich glaube sogar, es war das erste Mal unter Bert, dass wir unsere Struktur auf dem Platz verloren haben.“ Statt nach dem 2:2 wieder etwas defensiver zu denken, seien alle wie von Sinnen weiter nach vorn gestürmt. „Am besten zu sehen ist das beim 2:4, als Ivo Ilicevic tief in der gegnerischen Hälfte den Fehlpass spielt, waren beide defensiven Mittelfeldleute, Tolgay und Milan, bereits an ihm vorbeigestürmt. Wir hatten so kein Mittelfeld mehr und Son konnte den Ball 40 Meter treiben, ehe er Kießling auflegte.“

Stimmt. Der HSV dachte plötzlich mit sechs, sieben Mann nur noch offensiv. Und das ging aus gestern und vorgestern ausführlich diskutierten Gründen nach hinten los. Schon deshalb freue ich mich auf die Rückkehr von Tomas Rincon. Der Zweikämpfer wird aller Voraussicht nach den wegen seiner fünften Gelben gesperrten Tolgay Arslan ersetzen. Insgesamt würde ich tatsächlich überlegen, gegen spielstarke Mannschaften wie Bayern, Dortmund, Leverkusen, Wolfsburg, Hoffenheim oder jetzt auch Hannover eher die defensiver orientierte Mittelfeldvariante zu wählen und Rincon neben Badelj zu stellen. In allen anderen Partien sollte der HSV den Anspruch haben und leben, das Spiel bestimmen zu können und die zweifellos sehr spielstarke Achse Arslan/Badelj hinter van der Vaart und neben Beister rechts sowie Calhanoglu links spielen lassen. Ganz vorn dazu noch Lasogga und hinten mit Westermann in der Innenverteidigung neben Tah. „Und wenn wir irgendwann soweit sind, dass mindestens elf Spieler besser sind als ich und ich obwohl ich alles gebe nicht mehr zur Startelf gehöre, ärgere ich mich nur kurz“, sagt Westermann, „denn dann weiß ich, dass wir so gut aufgestellt sind, dass ich mir nicht zumindest niemals vorwerfen muss, für meinen HSV nicht alles versucht zu haben.“

In diesem Sinne, ich bin tatsächlich meilenweit davon entfernt, einen Spieler zu schützen, nur weil ich ihn mag. Ich werde weiter eher mal zu kritisch sein, als zu zahm. Ganz sicher! Ich nehme nur höchst selten Spieler in Schutz. Und das auch nur dann, wenn sie es sich meiner Meinung nach hart erarbeitet und verdient haben.

Bis morgen. Da wird um 10.30 und um 15 Uhr trainiert.
Scholle

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