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Nur drei kümmerliche Tore – erschreckend!

26. Oktober 2014

In Berlin kann man immer mal verlieren, das hat der HSV ja auch schon oft genug bewiesen. Das ist jetzt auch nicht das Entscheidende. Entscheidend ist vielmehr, dass der HSV keine Tore schießt. Drei lächerliche, drei kümmerliche Tore in den ersten neun Spielen dieser Saison – schlimmer geht es nimmer. Da lacht sich ja sogar Tasmania 1900 tot. Die Berliner hatten in der Saison 1965/66 immerhin schon sechs Tore nach neun Spieltagen erzielt, hatten dann am Ende ein Torverhältnis von 15:108. Und Mitabsteiger Borussia Neunkirchen hatte nach neun Spieltagen fünf Treffer auf der Habenliste – immerhin. Der HSV jagt weiterhin einen Negativ-Rekord nach dem anderen, wo einer zu greifen ist, da schreien die Hamburger hier und holen sich ihn. Gnadenlos. Und wie soll sich ein HSV-Fan denn nun noch Mut machen? Es geht vorne doch fast gar nichts zusammen. Und auf der Bank sitzt – trotz der Tore-Seuche – nicht mal mehr Artjoms Rudnevs, der einst gezeigt hat, dass er weiß, wo des Gegners Tor in der Bundesliga steht. Nein, das allein ist ein großes, ein riesiges Dilemma. Ohne Tore kann man nun mal nicht gewinnen – und das absolut Schreckliche daran ist, dass irgendwann der Gegner dann gegen den HSV trifft, und schon ist alles vorbei. Drei Tore in neun Spielen, das ist die absolute Blamage. Und einfach nur niederschmetternd. Das geht gar nicht!

 



 

Was hinzukommt: In der Medienstadt Hamburg, und da beziehe ich mich ausdrücklich mit ein, wird jede halbwegs gute Leistung des HSV von Wochenende zu Wochenende hochgejubelt. Nur weil der HSV mal nicht verloren hat. Und es ist nun einmal gute (oder eher schlechte?) hanseatische Sitte, dass die HSV-Profis dann mit stolz geschwellter Brust durch Hamburg brausen: Platz da, hier kommt ein HSV-Star!
Drei Tore, kann ich da nur wiederholen, drei kümmerliche Törchen. So sieht die bittere Realität aus. Aber was soll man auch als HSV-Spieler machen, wenn man eine Woche lang diesen 1:1-Sieg gegen Hoffenheim immer wieder als absolute Über-Leistung vor Augengeführt bekommt? Da kann man doch nur abheben. Und dann geht man eben in Berlin nicht in das Spiel, als ginge es wie gegen Bayern oder auch Dortmund nur darum, die Null hinten stehen zu lassen. Wer sind wir denn? Der Gegner hat sich nach uns zu richten . . .

 

„Wir haben gut angefangen, aber dann so ab der 15. Minute angefangen, das Spiel an Hertha abzugeben“, befand Trainer Joe Zinnbauer nach der 0:3-Pleite und fügte hinzu: „Auch in der zweiten Halbzeit haben wir versucht gut zu beginnen, da hatte Marcell Jansen ja auch die Chance zum 1:0. Dann aber der Konter zum 1:0 für die Berliner, und ganz schwer wurde es dann nach dem 0:2 . . .“ Das sahen alle, wie schwer es dann wurde. Generell aber befand der HSV-Coach: „Jetzt nach einer Niederlage wieder alles infrage zu stellen, ist der falsche Weg, der falsche Ansatz. Wir müssen das Konzept weiterfahren. Es hat doch allen gestern noch gefallen. Wir müssen das durchziehen und den Spielern Vertrauen geben. Auch wenn die beiden Gegner, die jetzt kommen, ganz schwer werden. Wir müssen schnell runterkommen und sehen, dass wir die Richtigen finden gegen Bayern.“ Stimmt. Obwohl das sicherlich viel leichter gesagt als getan ist.

 

Zu seiner Tormöglichkeit in der 55. Minute sagte Marcell Jansen noch in Berlin: „Wenn ich den reinmache, dann gibt es auch keinen Berliner Konter – und kein 0:1.“ Stimmt haargenau. So trifft Jansens Schluss-Kommentar leider auch voll auf den Punkt: „Wir haben leider kein Tor gemacht, und leider auch nicht so gut gestanden.“

 

Heiko Westermann pflichtet ihm bei: „Wir haben gut begonnen, alles ging bestens auf – und dann haben wir aufgehört, uns zu zeigen, aufgehört Fußball zu spielen. Drei dumme Gegentore haben wir uns eingefangen, zwei davon waren auf jeden Fall total dumm, ganz klar, wir haben ein ganz schlechtes Spiel gemacht. In den Wochen davor haben wir uns teilweise für gute Spiele nicht belohnt, diesmal haben wir nur schlecht gespielt.“ So ist es. Das sah auch Nicolai Müller so: „Die Niederlage ist ganz klar verdient, wir haben kaum Zweikämpfe gewonnen. In der ersten Viertelstunde waren wir noch griffig, da hatten wir gute Balleroberungen, dann haben wir den Faden verloren Warum auch immer.“ Und nun die Bayern am Mittwoch im Pokal? Müller: „Wie die drauf sind, das weiß ja jeder. Aber es ist Pokal, da gibt es nur gewinnen oder verlieren. Mal sehen, wie wir drauf sind – Favorit sind wir jedenfalls nicht.“ Gut erkannt. Aber der Pokal hat ja bekanntlich seine eigenen Gesetze.

 

Aber davon hält Sky-Experte Stefan Effenberg wahrscheinlich überhaupt nichts. Und ich glaube auch, dass der gebürtige Hamburger dem HSV absolut und null zutraut – nicht nur gegen die Bayern am Mittwoch. „Effe“ sagte bei „Sky“ über den so schwachen HSV in Berlin: „Bis auf die ersten fünf, sechs Minuten war das eine katastrophale Leistung der Hamburger. Dem HSV hat heute alles gefehlt. Die Aggressivität in den Zweikämpfen, das Miteinander, Füreinander, sich gegenseitig zu helfen, nachzurücken in die Offensiv wie in die Defensive. Die Situation wird immer schwieriger, das kann man auch nicht schönreden.“

 

Das wissen sie aber bestimmt auch in der neuen HSV-Führung. In die eigene Tasche gelogen wurde sich in den letzten Jahren in Hamburg viel zu oft und viel zu schön. Das ist nicht die Sache derjenigen, die den Karren nun aus dem Sumpf ziehen sollen. Am Tag nach der Ernüchterung von Berlin befand Sportdirektor Peter Knäbel offen: „Ich sehe derzeit niemanden, der das Offensivspiel des HSV prägt. Der absolute Wille, das 1:0 zu machen, war nicht genug da, die Qualität der Abschlüsse war bescheiden. Wir müssen mehr Brutalität an den Tag legen, wenn wir das 1:0 erzwingen wollen, um daraus dann mehr zu machen.“ Sportdirektor Knäbel weiter: „Nach dem 0:1 war es die schlechteste Reaktion, die ich von dieser Mannschaft, seit ich da bin, gesehen habe. Wir haben uns selbst aus dem Rhythmus gebracht, weil wir viele unnötige Ballverluste hatten. Wie man sich nach dem 0:1 verhalten hat, so geht das nicht.“ Dann kam Peter Knäbel vielleicht zu einem ganz entscheidenden Punkt: „Ich kenne die alten Zeiten nicht, aber heute hat man gesehen, dass diese Mannschaft unterschiedliche Facetten hat.“ Und, jetzt wird es wichtig: „Nach dem Sieg in Dortmund ging es hier in der Stadt so euphorisch zu, da ging es rauf und runter, da rauschte es. Das hat mich überrascht. Und nach dem 1:1 gegen Hoffenheim wurde öffentlich gefragt, ob das schon der neue HSV ist? Da habe ich mich dann gefragt, ob das alles wirklich so einfach ist? Und ob das wirklich alles so schnell geht? Ich habe damit gerechnet, dass es solche Rückschläge geben wird. Es wird von allen weiter harte Arbeit verlangt, nur harte Arbeit ist erforderlich.“

 

Dann haut mal schön rein! Das ist mal ’ne Ansage.

 

Und das gilt für alle. Nicht nur für diejenigen, die in erster Linie für das Toreschießen zuständig sind. Wobei ich bei jenem Spieler bin, um den sich zurzeit vielleicht die meisten HSV-Diskussionen ranken: Rafael van der Vaart. Gehört er nun ins Team, oder gehört er da schon lange nicht mehr hinein? Ich glaube ja immer noch, dass er dort mitspielen könnte – natürlich nicht in der „Berliner Form“. Der Niederländer läuft und läuft und rennt und ackert, aber an ihm läuft das Spiel seiner Mannschaft auch total vorbei. Ich bin mir absolut sicher, dass van der Vaart nur das Beste geben will, dass er sich voll reinhängt, dass er dieses Team auch führen will – aber er erreicht seine Mitspieler nicht. Nicht oder nicht mehr, das lasse ich mal dahingestellt. Ich glaube aber, dass wenn Rafael van der Vaart etwas weniger laufen würde, etwas weniger rennen und etwas weniger kämpfen würde, dass er dann wertvoller sein könnte. Als zentrale Anspielstation, als Rhythmus-Geber, als Ballverteiler – er konnte es doch mal, er war doch mal ein Weltklasse-Mann. Wenn er sich zentral anbieten würde, wenn ihn die Mitspieler suchen und bedienen würden, dann könnte er doch noch einmal wieder zu seinem Spiel zurückfinden. Vielleicht. Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, aber ich bin so auch total unglücklich mit dem, wie es zurzeit läuft. Bei ihm und bei der Mannschaft.

 

Dass mich heute (auch gestern schon) viele Leute, auch aus der Ferne, angerufen oder mich mit einer sms bedient haben mit dem Hinweis, dass es van der Vaart „nicht mehr bringen“ würde, dass der HSV „nicht klug beraten ist, wenn er ihn nun ins Schaufenster stellt, um ihn im Winter verkaufen zu können“ – das spricht dafür, wie sehr sich die Fans um den HSV sorgen, aber ich vertrauen da in erster Linie Joe Zinnbauer. Ich habe es bei seinem Amtsantritt gesagt, und dazu stehe ich auch heute noch: „Bei Zinnbauer wird es nach Leistung gehen, nach nichts anderem.“ Und wenn der Trainer nun sieht, dass es mit van der Vaart nicht so recht laufen will, dann wird er ihn – das muss nicht diese oder nächste Woche sein – beiseite nehmen und mit ihm unter vier Augen klären, wie sich die Situation für den Trainer darstellt. Und dann dürfte der Kapitän der letzte Mann sein, der sich darüber beschwert. Er selbst hat doch vor Wochen gesagt, dass es hier nicht um Einzelschicksale geht, sondern um den HSV, um das Überleben des HSV in der Bundesliga. Und dem wird sich dann auch ein Rafael van der Vaart unterordnen. Und dann wird er, wenn der Druck vielleicht eines Tages nicht mehr ganz so hoch ist wie zurzeit, auch noch einmal wiederkommen und den Taktstock im HSV-Spiel schwingen. Ich gebe die Hoffnung noch nicht auf.

 

Übrigens wurde van der Vaarts Konkurrent Lewis Holtby auf „Sky“ gefragt, wie er die Sache mit der (überraschenden) 45-minütigen Nichtberücksichtung sieht. Und das hat Holtby gesagt: „Wir haben einen großen, guten Kader, da bringt es nichts, wenn ich eine Diva bin und irgendwelche Aufstände betreibe. Wenn ich reinkomme, gebe ich alles.“ Das ist mal eine gute und vollkommen richtige Antwort.

 

Gefreut habe ich mich an diesem Sonnabend gegen 17.30 Uhr darüber, dass Valmir Nafiu sein Bundesliga-Debüt gefeiert hat. Das ist mal ein Ding. Zwei Jahre (rund) darf er nur trainieren, er sollte schon abgeschoben werden (schon lange sogar), aber er ging nicht. Und nun sein Auftritt. Das ist mal ein Comeback. Und mal sehen, was daraus noch wird. Und vielleicht nimmt sich ja auch Artjoms Rudnevs noch einmal ein Beispiel daran, denn es zeigt, dass gute Trainings-Leistungen sehr wohl belohnt werden.

 

Geärgert habe ich mich am Sonnabend auch darüber, dass Pierre-Michel Lasogga dem Bundestrainer nicht zeigen konnte, dass er in diese Nationalmannschaft gehört. Lasogga wollte, er riss sich in Halbzeit eins auch alle Beine aus, aber nicht gelang. Weil sie ihn weder suchten noch bedienten. Und im zweiten Durchgang ging er dann total unter. Schade, schade. Dass er später auch einer der Sündenböcke in der Öffentlichkeit war, das war ja irgendwie klar – drei kümmerliche Törchen. Dass er da vorne aber auch nichts bekommt, das wird dabei übersehen. Was hat Peter Knäbel noch in Sachen HSV-Offensive gesagt? Genau. Joe Zinnbauer befand zu diesem Thema: „Man kann das Spiel nicht an Pierre Lasogga festmachen. Wir haben zehn andere Spieler auf dem Platz, die auch Tore machen können und die Spieleröffnung machen sollen. Im Nachhinein war es für Pierre kein einfaches Spiel, die ganze Woche schon wurde über ihn und diesen Auftritt geschrieben, alles fokussierte sich auf ihn.“ Dazu kamen die permanenten Pfiffe von den Hertha-Fans, das konnte schon zermürben – und hat gewiss auch zermürbt.

 

Dann noch einmal etwas ganz Erfreuliches: Die Zweite hat ihren Siegeszug in der Regionalliga fortgesetzt – und wie! 10:0 bei Aufsteiger FT Braunschweig gewonnen, Halbzeit 3:0. Und wer schoss das dritte HSV-Tor? Es war Gideon Jung! Gestern noch bei uns auf der „Matz-ab-live“-Bank, heute schon Torschütze in Braunschweig – Glückwunsch, Gideon. Ganz nebenbei habe ich heute (und auch gestern noch) etliche Anrufe von HSV-Fans erhalten, die die Auftritte von Gideon Jung und Maximilian Beister explizit lobten. Richtig so, das waren auch sehr gute Auftritt und Aussagen! Aber diese außer Rand und Band geraten Zweite!? Das ist ja schon nicht mehr nur unheimlich, das ist ja der Wahnsinn pur! Zwölf Punkt Vorsprung nun schon vor dem Tabellenzweiten aus Bremen und bereits nach dem 14. Spieltag Herbstmeister! Übrigens, der HSV-II-Trainer (der Mann nach Zinnbauer) heißt Daniel Petrowsky. Und der Co-Trainer noch immer Soner Uysal. Und das 10:0 ist ein neuer deutscher Regionalliga-Rekord! Na bitte, es geht doch, der HSV sammelt ja doch nicht nur Negativ-Rekorde.
Die HSV-Tore: 0:1 Brüning (13.), 0:2 Brüning (22.), 0:3 Jung (29.), 0:4 Arslan (55., Foulelfmeter), 0:5 Arslan (58.), 0:6 Brüning (60.), 0:7 Masek (76.), 0:8 Arslan (80.), 0:9 Gouaida (82.), 0:10 Mende (85.)

 

PS: Training am Montag ist um 10 Uhr. Was hat Peter Knäbel noch gesagt? Harte Arbeit ist erforderlich, richtig schön harte Arbeit.

 

PSPS: Sportdirektor Peter Knäbel kündigte im Gespräch mit meinem (unseren) Kollegen Lars Pegelow (NDR 90,3) an, dass der Profi-Vertrag mit Trainer Joe Zinnbauer wahrscheinlich schon in dieser Woche unterschrieben wird. So kann ich mich täuschen – am Freitag schrieb ich noch im Hamburger Abendblatt genau das Gegenteil. Vielleicht aber hat ja gerade das den HSV ermunternd, sofort zu handeln. Auf jeden Fall freue ich mich für Joe Zinnbauer, es ist sicherlich verdient und genau der richtige Weg.

 

PSPSPS: Der Vorspann bei „Matz ab live“ ist nicht deswegen „verlängert“ worden, weil ich nach den zwölf Namen gefragt hatte, die dort zu sehen sind (außer „Scholle“ und ich!). Es ist ein technischer Fehler. Mehr nicht. Wer aber das Weltmeister-Heft von Oliver Wurm haben möchte, der schicke mir bitte eine Postkarte mit den Namen – es müssen ja nicht alle sein. Das wäre dann perfekt, ist aber sicher ganz, ganz schwer!
Dieter Matz, Sportredaktion Hamburger Abendblatt, Axel-Springer-Platz 1, 20350 Hamburg.
Ich habe fertig!

 
. . . und nicht vergessen, Freitag ist Matz-ab-Treffen (HSV-Ochsenzoll, Ulzburger Straße im “Anno 1887″ um 19 Uhr)
 

17.17 Uhr (Winterzeit)

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