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Mehr Glück darf niemand erwarten

18. Mai 2015

Ab nach Malente. Ab Mittwoch bereitet sich der HSV auswärts auf das große Saisonfinale vor. Und ich glaube, dass das die richtige Maßnahme ist. Ein Fingerzeig an die Mannschaft, sich zusammen zu raufen und als Einheit zu formen. Ein einziges, letztes Mal noch gegen Schalke alles geben, irgendwie gewinnen und dann hoffen. Darauf hoffen, dass nicht noch einmal alle gegen den HSV spielen. Ob es letztlich verdient wäre oder nicht – das lasse ich bewusst lieber dahingestellt. Darum geht es mir auch nicht mehr. Mir geht es tatsächlich nur noch darum, den GAU irgendwie zu vermeiden…

In der Sendung unmittelbar nach dem Spiel habe ich viele Dinge aus einer spontanen Emotion heraus gesagt. Das ist nicht besonders professionell, das muss ich eingestehen und mir vielleicht anlasten. Aber so war es nunmal. Ich habe dabei Rafael van der Vaart kritisiert und muss heute sagen: Ich stehe noch immer zu 100 Prozent zu meinen Aussagen. Auch zu denen in den Wochen und Monaten davor, in denen ich van der Vaart definitiv nicht zum Hoffnungsträger aufgebaut hatte, sondern lediglich meine Hoffnungen in Verbindung mit ihm formuliert hatte. Die beschränkten sich ob seiner körperlichen Defizite nur noch auf Standards und Pässe aus dem Spiel heraus – und sie blieben unerfüllt. Bis Sonnabend. Bis zu Kacars Treffer zum 1:0 in Stuttgart. Die Wende im rechten Moment? Mitnichten. Anschließend legte van der Vaart ein Spiel hin, das seiner unwürdig ist. Er versuchte mit aller Macht, seine zehnte Gelbe zu bekommen und schaffte das in der Nachspielzeit. Er entzog sich damit seiner Verantwortung für den Verein. Und das macht mich sauer, zumal auch ich immer wieder zu ihm stand. Egal, wie schwer es mir oft fiel…

 

Ich werde am Sonnabend dennoch aufstehen und applaudieren, sofern der HSV van der Vaart tatsächlich verabschieden sollte. Weil er dem HSV sehr viel mehr gegeben hat als er durch diese Szene kaputt machen konnte. Van der Vaart war der Türöffner für weitere Stars, er war spielerisch der Unterschied bei seinem ersten Engagement in Hamburg. Und er verhalf dem HSV zu Erfolgen, wie es sie hier Jahrzehnte lang nicht zu feiern gab. Aber es wird ein Geschmäckle haben. Leider. Denn das am Sonnabend war vereinsschädigend, unkollegial und – so weit würde ich in diesem Fall sogar gehen – sogar undankbar. Zum einen denen gegenüber, die auf ihn gesetzt haben, die ihn trotz allem immer wieder aufgestellt und an ihn geglaubt haben. Da schließe ich die Fans voll mit ein. Und zum anderen war es undankbar den Kollegen gegenüber, die ihn mit durchgeschleppt haben in der Hoffnung auf diesen einen, genialen Moment, der allen verwehrt blieb und jetzt auch bleiben wird. Sofern er nicht noch einen Einsatz in einer ja noch möglichen Relegation hat…

Umfrage: Hält der HSV die Klasse, und was, wenn nicht?

 

Unabhängig davon bin ich überzeugt davon, dass Bruno Labbadia die Mannschaft noch einmal wecken wird. Abgeschieden in Malente wird er auch dem letzten Egomanen das eine große Spiel gegen Schalke schmackhaft machen. Er wird die Spieler zur Einheit formen, wie sie immer behauptet, es zu sein. Und das ist angesichts der Brisanz auch nicht schwer. Dieses Spiel firmiert unter „Ausnahmezustand“ – das dürfte auch der letzte Egomane im HSV-Trikot verstehen.

 

Klar ist aber auch, das Labbadia die Spieler nicht grundsätzlich ändern wird. Und das bedeutet, dass im Kader grundlegende Renovierungen vonnöten sind. Warum Labbadia den Spielern nicht sagt, was er von ihnen hält ist logisch. Aber ich hoffe, dass er dafür seine Gelegenheit bekommen wird und vom Vorstand entsprechend bei der Kaderumstellung unterstützt wird. Denn zur neuen Saison muss sich mal wieder nahezu alles ändern. Auch die Außendarstellung der Verantwortlichen. Wie man sich nach dem 33. Spieltag und knapp 35 Millionen Euro Ausgaben für Neue hinstellt und sagt, man hätte die Probleme schon in der Saisonvorbereitung erkannt und die Probleme erwartet – es macht mich sprachlos.

 

Aber in der aktuellen Situation ist eigentlich auch das nicht wichtig. Diese fünf Tage bis zum Schalke-Spiel sind Außenstehende ausnahmsweise mal sch…egal, Vereinspolitik komplett zu missachten und nichts ist wichtiger, als die Mannschaft und die Fans. Vor allem in Verbindung miteinander. Denn die eigenen Fans sind für mich das letzte Faustpfand, das dieser HSV noch hat. Nur die von den Rängen herübergebrachten Emotionen scheinen die Spieler noch ausreichend zu beflügeln. Eigenmotivation? Zu wenig. Ein extrem bitteres Urteil. Vor allem, wenn man die Konkurrenz aus Hannover, Stuttgart und vor allem Freiburg sowie Paderborn spielen sieht. Dass letztlich ausgerechnet die löbliche Einstellung dieser Konkurrenten die größte Chance des HSV am letzten Spieltag darstellt – pure Ironie…

 

Ebenso wie jetzt den Fußballgott bemühen zu wollen. Sofern es diesen denn gibt, hat der HSV ihn in den letzten Monaten schon überbeansprucht. Allein die Spieltagskonstellation müsste man ihm schon danken und müsste damit zufrieden sein. Noch mehr Glück dürfen wir einfach nicht verlangen, ohne vermessen zu werden. Schon gar nicht, wenn man sieht, wie wenig tapfere Paderborner davon haben…

 

Aber genug Sentimentalität, zurück zum harten Profigeschäft. Und das darf beim HSV noch deutlich härter werden. Denn der Verein muss davon wegkommen, sich von Spielern lenken zu lassen. Egal ob jetzt ein van der Vaart, ein Behrami, Müller oder auch ein Lasogga – sie alle sind Angestellte des HSV. Nur demütig ihrem Arbeitgeber gegenüber sind sie allesamt nicht. Zumindest nicht ausreichend. Warum auch? Der HSV lässt es sich ja gefallen. Noch. Einzig bei Bruno Labbadia habe ich das Gefühl, dass er sich von Namen nicht beeindrucken lässt. Zumindest war er bei seinem letzten Engagement 2009 so. Jetzt muss er die eine oder andere Kröte schlucken, weil die Zeit zu kurz und die Situation zu ernst ist. Aber nach der Saison wird er sagen, was er schon erkannt hat: diese Mannschaft braucht ein komplett anderes Gesicht. Sie braucht mehr Charakter als dieses immer wieder fälschlich erhoffte Potenzial seiner Stars. Dieser HSV braucht für einen erstmals ernst zu nehmenden Neuanfang deutlich mehr Kacars, und dafür weniger van der Vaarts – der HSV braucht mehr Typ, weniger Status. Oder wie sagte Dietmar Beiersdorfer bei seinem Amtsantritt: „Der HSV muss ein neues Gesicht bekommen, mit dem sich alle identifizieren können.“ Stimmt. Und ich bin mir sicher, dass sich jeder Fan mit Charakterstärke anfreunden kann – auch wenn das nicht sofort zur Meisterschaft oder einem internationalen Wettbewerb langt. Bei mir ist es zumindest so.

 

Und das gilt auch für die Führung. Ich hatte vergangene Woche geschrieben, dass die Positionen in meinen Augen dort falsch besetzt sind. Dass nun ein ausgewiesener Fachmann wie Olaf Kortmann der selben Ansicht ist, ehrt mich. Obgleich Olaf wahrscheinlich genauso wenig Hoffnung hat, dass der HSV in der Spitze entsprechende Korrekturen vornimmt, behaupte ich, dass gerade das ein massives Zeichen wäre. Ein Zeichen der eigenen Stärke, Fehler einzugestehen und sie zu beheben, den Verein über das eigene Ego zu stellen. Inwieweit das auch auf Personalien wie Maxi Beister, Valon Behrami und Mo Gouaida zutrifft? Das werde ich unter anderem morgen in einem hoffentlich ausschließlich sportlich orientierten Blog thematisieren.

 

Ich wurde letzte Woche gefragt, ob ich irgendwas gegen Beiersdorfer hätte und kann diese Frage mit einem überdeutlichen NEIN beantworten. Ganz im Gegenteil! Ich halte nach wie vor von kaum jemandem sonst mehr als von ihm, wenn es um den Neuaufbau bei diesem HSV geht. Aber eben als Sportchef, nicht als Vorstandsboss. Als Sportchef hat er wiederholt bewiesen, dass er mit ausreichend Zeit Großes aufbauen kann. Mit der Betonung auf „ausreichend“ – also nicht wie im Sommer, wo er Vorstandsboss und Sportchef in einem war. Es kann schlichtweg nicht gutgehen, wenn man sich als Vereinsoberster (Repräsentant bei etlichen Veranstaltungen, Verhandlungsführer mit Kühne etc.) zugleich auch um ein derart sensibles Thema wie die Kaderzusammenstellung beim HSV kümmern muss – wie man auch im aktuellen Ergebnis deutlich erkennen kann. Insofern kann ich Beiersdorfers Ahnung im Vorfeld der Saison durchaus nachvollziehen – nur Verständnis kann ich dafür nicht aufbringen. Denn insbesondere er hatte das Heft des Handelns in der Hand.

 

Nur gut, dass Beiersdorfer sich in Sachen Trainer durchgerungen hat, Imterimscoach Peter Knäbel durch seinen Freund und Vertrauten Labbadia zu ersetzen. Ansonsten wären wir sicherlich schon abgestiegen. Labbadia und Beiersdorfer – das passt. Und daraus kann eine Menge entstehen, wenn dieses Jahr die Klasse gehalten wird und nach dem letzten Saisonspiel einmal alles umgekrempelt wird.

 

Umso mehr Verständnis habe ich für Labbadias Wunsch, sich noch mal aus dem hiesigen, negativen Umfeld zu verabschieden und in Malente die Speicher der Spieler wieder aufzufüllen. Denn mehr als Augen zu und durch geht momentan nicht. Soll heißen: Klasse irgendwie halten und dann noch mal alles auf Anfang. Und damit meine ich wirklich alles…

 

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird um zehn und um 15.30 Uhr an der Imtech-Arena trainiert, ehe es am Mittwoch gen Malente geht.

 

Bis dahin,

Scholle

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