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„Joe hat das Vertrauen voll gerechtfertigt“

21. Dezember 2014

Das war’s also, liebe Matz-abber und liebe HSV-Freunde, mit dem Fußball-Jahr 2014 für den HSV. Es hat ein einigermaßen versöhnliches Ende gegeben gestern in der Arena auf Schalke. Mit einem achtenswerten 0:0 haben sich die Hamburger Richtung Winterurlaub verabschiedet, und dabei sogar ein gutes Spiel gezeigt. Zumindest nachdem sich das Team ihre Stuttgart-Verunsicherung aus den Kleidern gespielt und dem Champions-League-Teilnehmer aus Gelsenkirchen die Stirn geboten hat. Das war eigentlich kein 0:0-Spiel – sondern hätte auch 2:2 oder 3:3 ausgehen können.

Mit „Ende gut, alles gut“ wollen wir den HSV aber dann doch nicht aus diesem Jahr entlassen. Dafür gibt es noch viel zu viele Baustellen, viel zu viele offene Fragen und viel zu viele Sorgen um die Zukunft. Trainer Joe Zinnbauer hat alles, was er vor Weihnachten noch mit seinen Spielern besprechen wollte, gleich gestern Abend getan nach der Bus-Rückkehr der Mannschaft. Anstatt, wie geplant, am Sonntagmorgen noch ein Zusammentreffen zu haben, gab es in der Nacht im Stadion die letzte Aussprache des Jahres. Die Profis erhielten ihre Trainingspläne mit. Ab 26.12. sollen sie sich individuell fit halten, damit dann ab dem 5. Januar am Stadion gemeinsam die Vorbereitung auf die Rückrunde starten kann.


Bei den Bilanzen, die heute gezogen wurden, galt das Hauptaugenmerk zunächst dem Schalke-Spiel. Vereins-Chef Dietmar Beiersdorfer gab zu, dass er skeptisch war, nachdem die Mannschaft gegen Stuttgart zuvor so enttäuscht hatte. „Wir haben am Dienstag ganz schlecht gespielt, gegen Stuttgart sind unsere Systeme implodiert“, so Beiersdorfer. „Damit hatten wir nicht gerechnet und waren geschockt. Vor dem Hintergrund haben Mannschaft und Trainerstab das jetzt hervorragend gemacht auf Schalke.“ Einsatz, Wille, Leidenschaft und Taktik seien sehr gut gewesen, so Beiersdorfer. Somit hat das Team sein selbstgestecktes Weihnachts-Ziel mit 19 Punkten zwar um zwei Zähler verpasst, dennoch nimmt sie einen positiven Eindruck mit ins neue Jahr. „Wir wollen auf jeden Fall mit unten nichts zu tun haben“, blickt Beiersdorfer nach vorn. „Dazu wollen wir eine bessere Rückrunde spielen. Aber die Wettbewerbsfähigkeit in der gesamten Bundesliga ist sehr hoch.“

Was seine ersten fünf Monate in Hamburg angeht, fiel die Bilanz von Dietmar Beiersdorfer nicht annähernd so positiv aus. Wie könnte sie auch. Sportlich hat sich der HSV erkennbar allenfalls in Teilbereichen verbessert zur Vorsaison. „Wir haben ungeheuer viele Änderungen vollzogen“, sagte Beiersdorfer heute Mittag in der Mixed Zone des Stadions. „Administrativ, um die Mannschaft herum, in der Mannschaft. Es gibt viele neue Gesichter, und ich habe manchmal einen Pioniergeist festgestellt. Wir haben oft stundenlang gesessen und sind uns einig in dem Weg, den wir gehen wollen. Aber: Alles muss auch erst zueinander finden.“ Beiersdorfer sagte ferner, dass mehr „Leistungssportkultur“ reingebracht wurde – ein Ausdruck, der nur als herbe Kritik an mangelnder professioneller Einstellung einzelner HSVer interpretiert werden kann.

Auf die Mannschaft bezogen nahm Beiersdorfer vor allem die neuen Spieler in Schutz. Nicolai Müller und Lewis Holtby, geplante Motoren der neuen HSV-Offensive, haben ihre Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft. „Wir sind dabei, ein stabiles System im Verein zu bauen – und das benötigt auch in der Mannschaft Zeit“, glaubt Beiersdorfer. Positiv sei, dass nach der schlechten Defensiv-Leistung der Vorsaison mit 75 Gegentreffern eine Trendwende eingeleitet worden sei. Lediglich 19 Gegentore ließ der HSV in dieser Hinrunde zu. Nur die ersten drei Mannschaften der Tabelle haben weniger Gegentore kassiert als der HSV. „Ich habe gestern in Schalke wieder einen Mannschaftsgeist gesehen. Den wollen wir weitern fördern“, so Beiersdorfer, „um eine knackige Mannschaft zu werden“.

Gelitten hat insbesondere das Angriffsspiel. „Dass man mit neun Toren überhaupt 17 Punkte erzielen kann, ist schon ein Ding“, sagte Nicolai Müller gestern nach dem Abpfiff auf Schalke. Dietmar Beiersdorfer kam natürlich nicht umhin, „große Defizite“ im Spiel mit dem Ball und in der Torausbeute anzusprechen. Hieran zu arbeiten werde die große Aufgabe der Winterpause sein. Und zwar: mit Trainer Joe Zinnbauer.

Erst im September hatte „Didi“ den U-23-Coach Zinnbauer zu den Profis geholt. „Joe hat das Vertrauen, das der Club in ihn gesetzt hat, voll gerechtfertigt. Er hat die Mannschaft vom ersten Tag an richtig angepackt. Das ist nicht einfach, in eine Mannschaft zu kommen, die nicht richtig funktioniert hat“, sagte Beiersdorfer nach der Hinrunde. Es war das deutlichste Bekenntnis, das ein HSV-Offizieller bislang zum Trainer abgegeben hat.

Dietmar Beiersdorfer nahm heute auch Stellung zur nach wie vor prekären wirtschaftlichen Situation des HSV. Vorweg stellte er klar, dass die aktuelle Absage von Klaus-Michael Kühne, der seinen 25-Millionen-Euro-Kredit nicht in Vereins-Anteile umwandeln will, den HSV wirtschaftlich nicht tief trifft. Im kommenden Sommer wird nun die erste Rückzahlungsrate in Höhe von zwei Millionen Euro fällig. Doch bei diesem Stand muss es nicht bleiben. Beiersdorfer zu Kühne: „Ich habe vor drei Tagen mit ihm gesprochen. Er ist sehr positiv. Er hat nur die Entscheidung getroffen, keine Eigenanteile zu erwerben. Das schließt aber nicht aus, dass dies später der Fall sein wird.“ Anders gesagt: Kühne ist aktuell zwar raus, dennoch besteht für die Zukunft die Möglichkeit, dass der milliardenschwere Unternehmer sich Anteile am HSV erwerben wird – wenn auch zu anderen Konditionen.

Überhaupt wollte Beiersdorfer kein rabenschwarzes Bild der Finanzlage des HSV zeichnen. „Die Lage ist nicht superkomfortabel“, räumte er zwar ein. Doch: „Was die Lizenz angeht, ist es nicht anders als in den Vorjahren. Wir bereiten die Unterlagen vor, und werden die Lizenz bekommen. Die Lage ist beherrschbar und wir sind zuversichtlich, alles zu einem guten Ende zu bringen.“ Dazu mag der aktuelle Bier-Deal beitragen. Statt Holsten wird im Stadion ab der kommenden Saison bekanntlich Köpi ausgeschenkt. Mindestens 15 Millionen Euro kassiert der HSV bis 2023. Und längst wird spekuliert, dass – analog Adidas in der Vorsaison – ein Vorschuss fließen könnte, der die aktuell schlechten Zahlen verbessert und damit auch einen Beitrag zur Lizenz liefert. Dazu hat Dietmar Beiersdorfer heute aber nichts gesagt.

In den kommenden Tagen oder Wochen sollen auch offiziell die Bilanz-Zahlen des HSV veröffentlicht werden (Ergänzung: Die e.V.-Zahlen liegen vor – minus etwa 3,9 Millionen Euro; es fehlt die AG-Bilanz). Mit mehr als fünf Millionen Euro Defizit plant der HSV auch für die laufende Saison. Das kann sich kein Verein in Deutschland auf Dauer leisten, derart häufig Rote Zahlen zu schreiben.

Die Finanzen sind kurzfristig auch entscheidend was das Transferfenster im Januar angeht. „Wir haben nur zwei Stürmer“, sagte Joe Zinnbauer heute eindringlich. Einen dritten wünscht er sich sehr dringend, zumal weder Pierre Michel Lasogga (zwei Tore) noch Artjoms Rudnevs (ein Tor) eine akzeptable Runde spielten. Nicht zuletzt an der Schwäche dieser beiden Stürmer liegt es, dass die Torausbeute so mager ist. Am liebsten würde der HSV einen neuen Stürmer finanzieren mit dem Geld, das er für abgehende erhält. Beiersdorfer bestätigte heute, dass es Angebote bereits gebe. Konkret sei noch nichts.

Und Beiersdorfer fand auch für „Underperformer“ Lasogga lobende Worte. Der sei ein echter Mittelstürmer, habe es schwer gehabt, nach seiner Verletzung in Tritt zu kommen, man werde gemeinsam daran arbeiten, dass Lasogga wieder in die Nähe seiner Möglichkeiten komme – nämlich zweistellig in einer Saison zu treffen.

Neben „Underperformern“ gab es natürlich auch Performer. Wir werden hier in den kommenden Tagen sicher noch so manche Aufarbeitung der vergangenen Monate vornehmen – aber soviel vorweg: Auf Schalke hat Jaroslav Drobny (trotz einiger Unsicherheiten beim Herauslaufen) seinen Status als Nummer eins des HSV untermauert. Und großen Respekt muss man vor der Leistung des Brasilianers Cleber haben, der das befürchtete Leck durch den Ausfall von Heiko Westermann in den vergangenen Spielen geschlossen hat. Dennis Diekmeier hat gestern übrigens wegen einer leichten Grippe nicht gespielt. Daher erhielt Ashton Götz als rechter Verteidiger den Vorzug.

In den kommenden Tagen, mit Ausnahme der Weihnachtstage, werden im Stadion weiter die Köpfe rauchen. Vorstand, die Sportdirektoren und das Trainerteam setzen sich zur umfassenden Analyse und Rückrunden-Vorbereitung zusammen. Nicht zuletzt die Ergebnisse dieser Gespräche werden entscheidend für die personellen Pläne sein. Und zwar nicht nur für den Winter. „Da geht es auch schon um den nächsten Sommer“, verriet Dietmar Beiersdorfer.

Heute Abend lohnt sich einmal mehr ein Blick in den „Sportclub“ des NDR-Fernsehens. Mannschaftskapitän Rafael van der Vaart ist dort ab 23.05 Uhr der Studiogast bei Moderator Alexander Bommes.

Über die Weihnachtstage und zwischen den Jahren bleiben wir Euch hier natürlich mit einem täglichen Blog erhalten.

Lars
18.30 Uhr

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