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Neuer Vertrag – jetzt muss Zinnbauer nachziehen

27. Oktober 2014

Kein Knäbel, kein Beiersdorfer auf der Empore – und mehr oder weniger am Rande vermeldete Mediendirektor Jörn Wolf, dass der Vertrag mit Josef „Joe“ Zinnbauer modifiziert worden worden ist. Das war anders als sonst, ohne großes Posieren. Einfach normal. Und ich finde den Rahmen so völlig in Ordnung. Denn an diesem Vorgang ist wirklich nichts überraschend. Gar nichts. Deshalb kann ich dieses „Hat der HSV denn gar nichts gelernt?“ auch wirklich nicht nachvollziehen.

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Was denn ist seltsam daran, dass ein beförderter Mitarbeiter seine Bezüge angehoben bekommt? Nichts. Und mehr ist tatsächlich nicht passiert. Nicht einmal eine Verlängerung ist vorgenommen worden. Und wisst Ihr was? Weil es außergewöhnlich ehrliche Verhandlungen waren, verstehe ich die angeschobene Diskussion noch weniger. Zumal Zinnbauer dem Vernehmen nach sogar weniger für sich als für seinen Stab verhandelt haben soll. Das aber mit Erfolg. Auch Cotrainer Patrick Rahmen als Co-Trainer, Stefan Torwarttrainer Wächter und Stefan Schümann als Athletik-Trainer bekamen angepasste Verträge. „Wir bewerten die Entwicklung als eine Leistung des gesamten Trainerteams. Aus diesem Grund sind die drei weiter als fester Bestandteil des Trainerteams der Bundesligamannschaft engagiert“, argumentierte Peter Knäbel auf hsv.de. Was anderes kann der Sportdirektor nach den Unterschriften natürlich auch nicht sagen. Klar.

Zinnbauer bleibt also Trainer bei den Profis. Antizyklisch stattet der HSV ihn in einer Phase mit einem Profivertrag aus, die für den HSV schnell auch nicht schlechter aussehen kann. Gegen Bayern am Mittwoch im Pokal kann man hoffen – aber nur wenig erwarten. Danach kommt am Sonnabend Leverkusen – und danach geht es gegen Wolfsburg auswärts um dringend benötigte Punkte. Alles Spiele, in denen der HSV nominell eher der Außenseiter ist. Und gerade dieses Vertrauen imponiere ihm, sagte Zinnbauer heute. Und ich glaube bei ihm tatsächlich daran, dass er diesen Vertrauensvorschuss zurückzahlen will. Weil er ein ehrlicher Arbeiter ist. So soll er auch bei seiner Antrittsrede seinem Team um die Mannschaft herum gesagt haben, dass er auf sie setzen würde und ihnen allen vertrauen würde. Zinnbauer stattet seinen Stab mit Freiheiten aus, die motovieren sollen. Allerdings sagte er in derselben Ansprache auch ganz deutlich, dass eine mögliche Entlassung für ihn auch für den Rest Konsequenzen haben würde…

Okay, dieser Vorgang ist nicht jedermanns Sache. Zugegeben. Aber mir gefällt Zinnbauers Art an sich. Vor allem die, mit der Mannschaft zu arbeiten. Heute ließ er die Mannschaften „positiv reden“ gegen „negativ reden“ spielen. Soll heißen: Die einen durften nur positiv mit den Mitspielern kommunizieren, die anderen nur negativ. „Weil mir die Mannschaft in Berlin zu ruhig war“, so Zinnbauer, der darin auch einen gewissen Unterhaltungswert zur Stimmungshebung erkannt haben will. Soll heißen: Zinnbauer fordert mehr Eigeninitiative der Spieler ein. Genau das, was in den letzten Jahren gefehlt hat. Und er nimmt sich selbst nicht zu wichtig. Bei den Vertragsverhandlungen verzichtete er darauf, große Gehaltserhöhungen zu fordern, er regelte eine etwaige Abfindung im Vorwege und nutzte die Situation des HSV insgesamt nur in einem Punkt zu seinem Vorteil: zum verdienten Vorteil. Er bestand auf sein Team.

Zinnbauer beweist damit, dass er der Teamplayer ist, von dem man nachsagt, er sei es und den er von Spielerseite einfordert. Und das nachhaltig.

Und ich hoffe, dass Zinnbauer jetzt auch zeigt, dass er wirklich keinen übersteigerten Wert auf große Namen legt. Bei den Bayern („Das sind auch nur Gegenspieler auf dem Platz“) bekannte er sich heute schon dazu – in Sachen Rafael van der Vaart hoffe ich auf den nächsten Schritt. Damit fordere ich nicht, dass der Niederländer auf die Bank gehört. Aber ich hoffe ganz stark, dass Zinnbauer einen Plan hat. Einen kurzfristigen. Denn die letzten beiden Spiele haben wenig Anlass gegeben, an einen van der Vaart zu glauben, der dieser Mannschaft die entscheidenden Impulse geben kann. Dass durch diese Personalie auch noch der für mich bis dato wichtigste Offensivspieler draußen bleiben musste war umso schlimmer.

Zinnbauer müsse sich entscheiden. Es könne nur einer spielen, titelte die „Bild“, was vielerorts als anmaßend empfunden wird. Allerdings habe ich diese Diskussion schon verlassen, als die „Bild“ das erste Mal mit dem Slogan titelte „Bild Dir Deine Meinung“. Aber gut, das ist nebensächlich. Entscheidender ist, dass es mitnichten nur einen von beiden auf dem Platz geben kann. „Lewis kann sicher auch auf der Acht spielen“, sagte Zinnbauer heute, unmittelbar nachdem er verkündet hatte, dass es für Valon Behrami mit dessen Einsatz gegen Bayern am Mittwoch ehr nicht gut aussieht und die Frage nach dessen Vertreter gestellt wurde. Nun habe ich heute Nachmittag gehört, dass die medizinische Abteilung noch daran glaubt, den Schweizer pünktlich von dessen Muskelproblemen befreien zu können – aber wichtiger war mir, dass Zinnbauer Holtby nicht automatisch für van der Vaart opfert, wen dieser auch nur gesund ist. Denn das wäre eine Katastrophe.

Nein, Zinnbauer täte gut daran, sich weiterhin an den Trainingseindrücken zu orientieren. Und da liegen einige Meter zwischen Holtby und van der Vaart. Noch zumindest. Denn auch ich will so konsequent sein, van der Vaart eine echte Chance zu geben. Zumal ich glaube, dass es seine letzte in Hamburg ist. Und nachdem Zinnbauer sich vor einigen Wochen dazu entschlossen hatte, van der Vaart mit Hilfe 110-prozentiger Rückendeckung noch einmal zu Höchstleistungen anzutreiben, blieb und bleibt ihm nichts anderes übrig, als den angefangenen Weg fortzusetzen. Ein Abbruch desselbigen wäre auch ein vorzeitiges Ende der van-der-Vaart-Ära.

Und vielleicht ist gerade so ein Spiel wie das jetzt gegen die übermächtigen Bayern geeignet, um noch einmal etwas zu testen. Denn klar ist, das bestätigte Zinnbauer heute auf der PK, dass die Bundesliga Priorität hat. Und dort muss der HSV mächtig aufpassen, in den nächsten Wochen nicht noch tiefer in den Tabellenkeller zu rutschen. Experimente sind dort definitiv nicht mehr angebracht. Im Gegenteil: Nachdem sich der HSV bei seinem Trainer festgelegt hat und damit allen „Thomas-Tuchel-kommt-dann-eben-erst-2015“-Diskussionen ein Ende gesetzt hat, könnte, nein sollte der neue Cheftrainer nachziehen. Das gilt vielleicht noch nicht gegen Bayern – aber spätestens für danach sollte es eine klare Linie geben. Entweder dann mit einem stark verbesserten van der Vaart – oder eben ohne ihn in der Startelf. Hauptsache ohne einen besseren Spieler zu opfern.

In diesem Sinne, bis morgen. Da wird unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainiert.

Scholle

P.S.: Wohl erst nach dem ausverkauften Pokalspiel am Mittwoch wird Dennis Diekmeier wieder fit sein. Und ich bin gespannt, wie sich sein Vertreter, „Mr. Cool“ Ashton Götz, gegen Namen wie Thomas Müller, Robben, Ribery, Götze und Co. schlagen wird.

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