Archiv für das Tag 'Bednarek'

Drei Baustellen (exkl. Personalplanung)

12. Juli 2010

Mein Urlaub ist noch nicht vorbei, aber rund um den HSV ist alles andere als Freizeitfeeling zu spüren. Ich habe eben lange mit meinen Kollegen telefoniert (und mit einigen Insidern des HSV), die mir von zwei bis drei großen Baustellen berichtet haben, die es derzeit bei unseren Rothosen gibt. Und damit meine ich nicht etwa das Training, bei dem es wie immer schweißtreibend zugeht (erst Stabilisationsübungen und Krafteinheit mit Gewichten, dann Ausdauerlauf im Volkspark), sondern die Bereiche Mitgliederversammlung, Spielsystem und Kapitänsfrage. Ich musste ja ein bisschen schmunzeln, als ich von dem kreisenden Raubvogel über dem Trainingsplatz gehört habe, während die Torhüter Droby, Rost und Hesl Bälle aus dem Winkel „pflücken“ sollten. Hesl muss das wohl ein bisschen zu wörtlich genommen haben – er rupfte die von Torwarttrainer Ronny Teuber sorgfältig angebrachte Vorrichtung prompt von der Latte. Pletzis Bemerkung vom „kreisenden Geier“ über den Torhütern bitte ich in die Kategorie „Jugend forsch(t)“ einzuordnen. Der Junge weiß nicht, dass es sich bei dem Federvieh eher um einen Bussard oder Habicht handelt. In Biologie hat mein Trainingsbeobachter seinerzeit wohl ziemlich oft gefehlt. Das Foto mit dem Greifvogel hätte ich aber schon gerne gesehen.

Nun aber zu den „Baustellen“. Nummer eins ist die Mitgliederversammlung, die ja morgen Abend stattfinden wird. Ich wurde in den vergangenen Tagen und Wochen immer und immer wieder gefragt, was ich mir von dieser Veranstaltung verspreche, was ich erwarte. Meine Antwort steht nun fest: Ich erwarte gar nichts. Keine Sorge, das ist keine Schutzfunktion, um mich einer Meinung zu enthalten. Es ist eher eine Folge meiner bisherigen Erfahrungen in Sachen Mitgliederversammlungen. Mal wurden explosionsartige Konflikte erwartet und es wurden relativ harmonische Sitzungen, dann wurde Ruhe erwartet und die die Versammlung „kochte“ nur so vor Ärger.

Grundsätzlich sollte man bei der Betrachtung der „Fronten“ folgendes beachten. Es gibt „die Supporters“ nicht als eine homogene Einheit, als DIE starke Gruppe, die auf Teufel komm raus Ärger anzetteln will und Bernd Hoffmann so oft und so stark es geht ins Handwerk pfuschen will. Wie bei allen Fördernden Mitgliedern in Vereinen bestehen auch die Supporters aus drei bis fünf Interessensgemeinschaften: den fördernden Fans, die Vorteile aus ihrer Mitgliedschaft erzielen wollen, denen Siege wichtiger sind als alles andere; den Kern-Supporters, die sich stets um das Wohl ihres HSV sorgen und allen Anzeichen nachjagen, die besagen, dass ihr Verein ein Stück seiner Seele verhökern könnte; den Hoffmann-Kritikern, die in allen Aktionen des Vorstandsvorsitzenden eine böse Tat sehen; und den Unterstützern, mit ihrem Beitrag den HSV fördern wollen, sich hier und da auch für vereinspolitische Fragen interessieren, aber eigentlich lieber nicht belästigt werden wollen und schon gar keine Verantwortung im Verein oder gar im SC (Supporters Club) übernehmen wollen.

Ich habe es jetzt bewusst etwas einfacher und kompakter dargestellt, um die Thematik zu vereinfachen. Falls ich jemanden vergessen haben sollte, bitte ich um Verzeihung. Nun stellt sich natürlich die berechtigte Frage, wie ein Mann wie Ralf Bednarek, der ja bei vielen von Euch offenbar aneckt, diese SC-Mitgliedschaft vertreten kann. Ich sage es Euch: gar nicht, jedenfalls nicht repräsentativ. Er vertritt die Mitglieder, die sich engagieren, die auf Versammlungen im Vorfeld diskutieren und sich Fragen stellen, die auch mal hinterfragen. Und auf solchen Versammlungen wie der morgigen kommt es dann oft zum großen Knall, weil sich die nicht Repräsentierten dann zu Wort melden und giften und ihren eigenen Vorstand in Frage stellen. Ich hoffe, dass sich morgen alle auf das Wesentliche beschränken, nämlich das Wohl des HSV. Dass die meisten „Seelenhüter“ des HSV mit Bernd Hoffmann kein Liebesverhältnis in Sachen Vorstand mehr eingehen werden, ist wohl nicht zu ändern. Muss es aber auch gar nicht.

Zweite Baustelle: das Spielsystem. Ich hatte in den ersten Tagen von Trainer Armin Veh das Gefühl, als ob mehrere Offensivkräfte, allen voran Ruud van Nistelrooy und Mladen Petric alles andere als angetan von der WM-Formation mit nur einer Spitze und drei dahinter arbeitenden Profis sind. Van Nistelrooy sagte es bislang zwar nicht öffentlich, aber zwischen den Zeilen war doch seine Sorge herauszuhören, dass er als einzige Spitze vor des Gegners Gehäuse womöglich etwas vereinsamen könnte. Und Petric, der ja gestern auch in Halstenbek als rechter Flügelspieler der Dreierkette hinter der Spitze eingesetzt wurde, käme auf Bundesliganiveau viel zu selten in eine Position mit Torgefahr. Er blockt die Diskussion aber noch ab. „Die Rolle rechts bringt mir Spaß, ich habe mir darüber noch keinen großen Kopf gemacht.“

Alle erwarten, dass sich nach der Rückkehr der WM-Fahrer noch etwas Grundlegendes in der Ausrichtung verändern könnte. Die derzeitigen Formationsproben können schließlich auch positiv betrachtet werden. „Wir sind mit Sicherheit nicht festgelegt auf ein System“, hat Armin Veh kürzlich schon mal erwähnt. „Das Gute an unserem Kader ist, dass wir sehr flexibel sind“, hat auch Petric heute noch einmal nachgelegt. Vielleicht sehen wir ja schon übermorgen beim Auswärtstest gegen Hajduk Split (20.20 Uhr, Sport.1 live) eine neue taktische Ausrichtung.

Baustelle Nummer drei ist die Kapitänsfrage. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht ganz verstanden, warum der Trainerstab dieses Fass überhaupt aufgemacht hat. Wenn die Angelegenheit sowieso erst nach der Rückkehr aller WM-Fahrer, also Anfang August, beschlossen wird, hätte David Jarolim doch bis dahin die Binde tragen können. Das Amt von Spiel zu Spiel neu zu verteilen, quasi probehalber, finde ich sinnlos. Aber Armin Veh wird sich mit Sicherheit etwas dabei denken. Und wer weiß: Vielleicht beflügelt die Binde ja doch noch mal jemanden zu Höchstleistungen. Allerdings sollte sie dann eher an die junge Generation übergeben werden und nicht an erfahrene Leute wie Zé Roberto, die ohnehin auch ohne Binde Führungsaufgaben übernehmen.
So, jetzt ist es genug für heute. Bis morgen.

15:13 Uhr

Kühner Plan mit Reizpunkten

26. Juni 2010

Mannomann, kann ich nur sagen. Wenn die neue Mannschaft des HSV nach der bald endenden Sommerpause ähnlich enthusiastisch und frisch und vital und engagiert in die Vorbereitung geht wie Ihr Matz-abber mit Euren tollen Sommergeschichten und mit Euren Kommentaren zu unterschiedlichen Themen, dann ist in der Saison 2010/11 ordentlich was drin. Was bringt es, den vergebenen Chancen für eine Teilnahme am internationalen Wettbewerb nachzutrauern? Nichts. Was bringt es, einen Abgang wie Jerome Boateng zu bedauern? Nichts. Also ziehe ich die einzige logische Konsequenz, die es gibt. Ich beschäftige mich mit dem Hier und Heute und mit der hoffentlich rosigen Zukunft.

Dass es auch in der Gegenwart einige Reizthemen und auch ein derartig gelagertes Klima gibt, habe ich ja gestern schon erklärt. Immer wieder rückt der kühne Vorstoß des Vorstands, Privatgelder eines leidenschaftlichen und millionenschweren HSV-Fans für Spielerverpflichtungen zu nutzen, in den Mittelpunkt der Diskussionen. Anstoß hoch drei, könnte man meinen, hat seinen Namen eigentlich verfehlt. Revolution hoch drei – so müsste der Arbeitstitel lauten, wenn ich die wirklich emotionalen und zum Teil auch sehr differenzierten Beiträge zu dem Thema betrachte.

Ja, vielleicht ist es sogar revolutionär, was da vom Vorstand geplant und vom Aufsichtsrat bestätigt wurde. Ich fasse es für diejenigen, die nicht so im Thema sind, mal vereinfacht zusammen. Bernd Hoffmann und Co. suchen stetig nach neuen Erlösquellen, um den Kader des HSV zu verbessern. Zuletzt, so muss man wohl zähneknirschend konstatieren, war es nicht mehr möglich, immer wieder neue und größere Beträge zu erwirtschaften, mit denen neue Stars oder zumindest starke Kicker internationalen Formats an die Elbe zu locken. Dann tüftelten Hoffmann und seine Mitstreiter am längst vorhandenen Projekt Anstoß hoch drei herum und passten es den neuesten Entwicklungen an. Sie fanden mit Klaus-Michael Kühne einen HSV-Liebhaber der besonderen Art, der bereit ist, mehrere Millionen Euro in den HSV zu investieren – aus seiner Privatschatulle. Gegenleistung des HSV: Sollte der Klub einen oder mehrere der Kühne-Geld-Neulinge gewinnbringend verkaufen, würde der Milliardär entsprechend einen Teil vom Kuchen abbekommen.

Nun kommen die Supporters ins Spiel, die der Angelegenheit mit einer gehörigen Portion Skepsis begegnen. Supporters-Chef Ralf Bednarek, der sich ja schon ziemlich heftige Anfeindungen gefallen lassen muss, weil er sich zu dem Projekt kritisch geäußert hat, und mehrere fördernde Mitglieder trauen dem Braten offenbar noch nicht. Warum? Weil sie ihres Erachtens zu wenig Einblicke in das Gesamtkonzept des Deals bekommen. Also haben sie eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen. Das mögen manches Mitglied und auch manch Verantwortlicher überzogen finden, es ist nun aber das gute Recht der Mitgliedschaft, und daher sehe ich das auch nicht so dramatisch. Für eine Portion Zusatzärger hat nun gesorgt, dass der Aufsichtsrat dem Projekt grünes Licht gegeben hat, bevor es am 13. Juli zur Mitgliederversammlung kommt. Da könne doch etwas nicht stimmen, denkt sich da mancher Supporter, sonst hätte man doch wenigstens bis danach warten können. Dass dem HSV in Sachen Hochkaräter aber ohne Kühnes Millionen – ob es nun zehn, 15 oder sogar 20 werden, habe ich bis heute nicht genau verstanden – kein einziger Volltreffer auf dem bald rumorenden Transfermarkt gelingen wird, also Eile geboten ist, wird natürlich auch nicht so richtig berücksichtigt. Der Ausgang dieses für die Medien herrlichen Sommerzoffs ist offen. Es wird bestimmt aber noch den einen oder anderen Nachschlag geben.

Da hier im Blog ja beide „Lager“, wenn ich sie jetzt einmal etwas flapsig so nennen darf, vertreten sind, möchte ich zum Wohle des HSV um Sachlichkeit bitten. Denn nur wer versucht, die Lage oder Argumentation seines schärfsten Kritikers nachzuempfinden, kann ihn vielleicht am Ende verstehen und eines Besseren belehren. Euch muss ich jawohl nicht sagen, dass sowohl Bernd Hoffmann als auch Ralf Bednarek am Wohle des HSV interessiert sind. Diesen beiden Vorsitzenden ihrer jeweiligen Riegen kann man nur raten, dass sie sich gerade in solchen Streitfällen mal intern intensiv austauschen, ruhig auch konstruktiv streiten, anstatt immer und immer wieder den Weg über die Öffentlichkeit zu suchen. Denn der endet selten mit zwei, beziehungsweise drei Gewinnern. Und wenigstens der HSV sollte am Ende doch immer als Sieger den „Platz“ verlassen, oder?

Ich habe übrigens lange mit meinem Kollegen Christian Pletz über dieses Projekt und den öffentlichen Streit diskutiert. Er war ja kürzlich in Brasilien, wo ein Vorstoß wie dieser des HSV-Vorstands alles andere als eine Sensation wäre. Dort wird bei den Vereinen ganz klar zwischen wirtschaftlichen Rechten und Transferrechten unterschieden. Es gibt Hunderte Spieler, die wirtschaftlich mehreren Privatinvestoren gehören. Beim Weiterverkauf profitieren diese Geldgeber dann gegebenenfalls – die meisten aber eher nicht. Entscheidend für den Verein ist, dass er 100-prozentiger Eigentümer des Transferrechts ist, so dass kein Investor mit entscheiden darf, wann, ob oder dass es zu einem Weiterverkauf kommt. Da muss der Verein den Hut aufhaben.

Apropos Brasilien, ich wollte ja eigentlich zum Abschluss noch kurz auf einen (wirklich nur einen!) Namen eingehen, der mal wieder mit dem HSV in Verbindung gebracht wird. Es geht um den brasilianischen Stürmer Vagner Love, der ja noch auf Leihbasis bei Flamengo Rio de Janeiro unter Vertrag steht. Sollten charakterliche Züge, stabile Verhaltensweisen und Vorbildfunktionen tatsächlich eine Rolle bei Spielerverpflichtungen spielen, dann kann ich nur hoffen, dass dieses Enfant terrible nicht in Hamburg landen wird. Sollte es mit Kühnes Millionen perfekt gemacht werden, würde ich das Projekt sofort umtaufen: von Anstoß hoch drei auf Abpfiff hoch drei…

22:23 Uhr

Interview mit Supporters-Chef Bednarek

20. Mai 2010

Es brodelt beim HSV. Noch. Aber in der kommenden Woche soll es schon wieder viel besser aussehen, dann soll endlich wieder Ruhe einkehren. Mit einem neuen Sportchef? Hinter den Kulissen wird fleißig daran gearbeitet. Nicht nur daran, sondern auch an einem neuen Trainer. Und einer neuen Mannschaft – aber es ist gut zu wissen, dass das Chaos nicht für die totale Lähmung sorgt. Übrigens: Mich würde es nicht wundern, wenn der Beiersdorfer-Nachfolger doch noch Nico Hoogma heißen würde. Um ehrlich zu sein: Mich würde es sogar riesig freuen. Der richtige Mann, stark, entschlusskräftig und mit Stallgeruch. Und wenn er nun doch noch käme, so würde das ja heißen, dass der Aufsichtsrat dann doch noch (gelegentlich) über seinen Schatten springen kann. Es gibt ja das Gerücht, dass Horst Becker mit der Installierung von Nico Hoogma vom Posten des Aufsichtsrats-Chefs zurücktreten würde – aber das müsste er in meinen Augen dann nicht mehr. Er und seine Mit-Räte hätten dann doch gezeigt, dass sie durchaus in der Lage sind, die richtigen Lehren aus einer falschen Entscheidung zu ziehen.

Wie gesagt, hinter den Kulissen herrscht eifriges Treiben. Die „Sache Afellay“ ist noch nicht in trockenen Tüchern, soll aber werden. Und wenn ich hier den einen oder anderen „Matz-abber“ höre und lese, so sind als Trainer wieder einmal Bernd Schuster (bitte nicht, da bin ich ganz ehrlich) und Martin Jol in den Kreis derer aufgenommen worden, die den HSV  nach oben bringen sollen. Da es aber außer diesen Gerüchten im Moment nichts Handfestes gibt, halte ich mich nun an dieser Stelle mit weiteren Spekulationen zurück.

Konkretes aber gibt es dennoch. Ich habe mich mit dem Supporters-Chef Ralf Bednarek über die aktuelle Lage bim HSV unterhalten, und das Ergebnis könnt Ihr nun hier lesen:

Matz ab: Ralf, die Situation des HSV ist in diesen Tagen besonders schlimm – war sie jemals schlimmer für Dich?
RALF BEDNAREK: Man muss da immer zwischen dem Sportlichen und dem Vereinspolitischen trennen. Sportlich war es natürlich viel schlimmer, als wir vor Jahren auf einem Abstiegsplatz überwinterten. Vereinspolitisch ist das derzeitige Desaster aber kaum noch zu steigern.

Matz ab: Wie spürst Du das an der Basis, was geht bei den Supporters ab?
BEDNAREK: Es ist noch nicht so wie vor einem Jahr, als Dietmar Beiersdorfer entlassen wurde, aber wir bekommen schon sehr, sehr viele Mails und Anrufe, die teilweise schon äußerst emotional sind, die über den Aufsichtsrat und den Vorstand intensiv meckern, die uns auch auffordern, dass wir eine außerordentliche Mitgliederversammlung einberufen sollen. Ich erhalte Mails privat und in meine Kanzlei, ich werde mit Anrufen bombardiert – es kocht alles schon ziemlich hoch.

Matz ab: Stichwort außerordentliche Mitgliederversammlung?
BEDNAREK: Hat die Abteilungsleitung derzeit nicht geplant. Die Frage ist doch die, was wir damit erreichen? Ich glaube, dass die Mitgliedschaft und die Fan-Szene zurzeit total unzufrieden sind, aber das ist dem Vorstand ohnehin schon bewusst. Aber wenn es so weitergeht, dann wird ein Zeitpunkt kommen, an dem eine außerordentliche Mitgliederversammlung nicht mehr zu vermeiden sein wird.

Matz ab: Es gibt aber doch ohnehin Bestrebungen einiger Supporters, diese Mitgliederversammlung zu forcieren, oder?
BEDNAREK: Ja, die gibt es. Die haben sich formiert und zusammengetan, haben eine richtige Initiative gestartet, das läuft schon noch.

Matz ab: Wie ist Deine Meinung zum derzeitigen Vorstand?
BEDNAREK: Mit dem Vorstand haben wir momentan nicht viel zu tun. Der Oliver Scheel ist ein Klasse-Typ, der steht für mich im Vorstand für das schwarz-weiß-blaue Herz im Verein. Und mit Herrn Hoffmann und Frau Kraus gab es den letzten Kontakt beim Europa-League-Finale, das läuft alles in vernünftigen Bahnen ab.

Matz ab: Und Deine Meinung zum Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Teils, teils. Bei aller Kritik darf man natürlich nicht übersehen, dass Horst Becker, der nun in die Schusslinie geraten ist, ein HSVer ist und man mit ihm vernünftigen reden kann. Trotzdem muss man gerade an seiner Arbeit heftigste, aber sachliche Kritik äußern. Dieses Hin und Her, das ist schon nicht sonderlich schön. Welcher Verein leistet sich, zwölf Monaten keinen Sportchef zu haben? Wenn es wenigstens am Anfang eine bewusste Entscheidung gewesen wäre, dann könnte man das noch nachvollziehen, aber so wird lange herumgeeiert, und alle zwei Monate gibt es eine neue Marschrichtung – da kann ich kein Konzept und gar nichts erkennen, dann muss sich Horst Becker auch schon mal selbst ganz stark hinterfragen.

Matz ab: Aber gab es nicht das Konzept in der HSV-Führung, dass man „das bisschen Sportchef“ auch quasi nebenbei erledigen könne?
BEDNAREK: Horst Becker und ich stimmen in einer Sache total überein, ich unterstütze das Becker-Zitat: „Das Projekt Hoffmann-Kraus ist gescheitert.“

Matz ab: Das ist mir zu leicht dahergesagt, denn dieses Projekt gab es doch nur mit Unterstützung des Aufsichtsrates. Der hätte das nicht dulden müssen, sondern ganz klar einen neuen Sportchef suchen müssen. Oder liege ich da falsch?
BEDNAREK: Ich will jetzt nicht alte Wunden aufreißen, aber da gibt es im Aufsichtsrat ein Kompetenz-Team von vier Personen, die Wirtschaftsweisen, die herein gewählt worden sind, mehrere verdiente HSVer, die das Vereinsleben kennen – da dachte doch jeder, jetzt geht es bergauf. Da gibt es eine stringente, starke Führung mit jeder Menge Kompetenz, und wenn ich mir dann ansehe, dass nur unser Delegierter Björn Floberg der einzige Mann war, der das Konzept ohne Sportchef abgelehnt hat, dass dieses Konzept aber mit 11:1 Stimmen angenommen wurde, dann müssen sich sicherlich viele Aufsichtsräte die Frage gefallen lassen, ob sie sich wirklich genau informiert haben, ob sie das System HSV wirklich verstehen.

Matz ab: Was läuft Deiner Meinung nach derzeit falsch beim HSV?
BEDNAREK: Ich will noch einmal auf die Strukturen zurückkommen. Als Dietmar Beiersdorfer gegangen ist, da ging er nicht, weil irgendjemand sportlich mit ihm unzufrieden war oder weil die Strukturen nicht vorhanden waren oder sie nicht funktionierten. Er hatte über sieben Jahre sehr gute Arbeit in diesem Vorstand geleistet, eigentlich hätte demnach nur eine neue Person für ihn gefunden werden müssen. Nichts anderes, es ging doch nur darum, einen kompetenten, guten und starken Sportchef und Vorstand zu installieren – mehr nicht.

Matz ab: Aber es war immer zu hören, dass dieser neue Mann gerade nicht stark sein durfte . . .
BEDNAREK: Das kann ich nicht beurteilen, aber jeder im Verein müsste doch glücklich sein, dass da eine kompetente Persönlichkeit sitzt, die eine eigenen Meinung hat, die mit allen Kollegen prima und kooperativ zusammenarbeitet, und die weiß was sie will.

Matz ab: Zurück noch einmal zu den Fehlern. Welche sind Deiner Meinung nach gemacht worden?
BEDNAREK: Da kann man dem aktuellen Vorstand eigentlich keinen großen Vorwurf machen, dass es sportlich so schlecht gelaufen ist, sie konnten es einfach nicht, sie haben sportlich nicht die Erfahrung und die Kompetenz. Deswegen darf man eigentlich gar nicht so böse sein.

Matz ab: Aber im Vorstand wurde ganz sicher gedacht, dass es dort die sportliche Kompetenz gäbe, sonst hätte es dieses Modell ja wohl gar nicht erst gegeben?
BEDNAREK: Das stimmt wohl. Wenn man am Interesse des Vereins orientiert ist, dann hätte man darauf drängen müssen, dass ein Sportchef installiert wird.

Matz ab: Haben die Supporters diesen Punkt nicht einmal angesprochen?
BEDNAREK: Wir haben in dieser Zeit, als beschlossen wurde, keinen Sportchef zu installieren, das war Januar oder Februar, mit dem Aufsichtsrat intensive Gespräche geführt und gewarnt. Dabei war auch Horst Becker, die Frage wurde lebhaft diskutiert – aber wir wurden ausgelacht.

Matz ab: Fehlt Dir nicht auch die sportliche Kompetenz im Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Mir fehlt vor allem Herzblut. Ich will da keinem unterstellen, dass er nicht mit dem Herzen bei der Sache ist, aber es macht eben den Unterschied, ob man erst vor zwei, drei Jahren angefangen hat, sich für Fußball zu interessieren, oder ob man schon seit 20, 30 Jahren alle HSV-Spiele begleitet hat, ob man schon seit Jahrzehnten das Bundesliga-Geschäft miterlebt hat und es ganz gut kennt. Wenn man das alles hat, dann ist man tief drin in diesem Thema, man kennt die Mechanismen – und das fehlt diesem Aufsichtsrat ganz offensichtlich.

Matz ab: Aber das wird nicht das einzige Manko des AR sein, oder?
BEDNAREK: Stimmt. Der Aufsichtsrat muss die Frage aufarbeiten, inwiefern der Aufsichtsratsvorsitzende eigentlich eher im Vorstand agiert, oder im eigenen Gremium arbeitet. Im Kernpunkt: Wie klar ist die Trennung zwischen Vorstand und Aufsichtsrat?

Matz ab: Das ist ein Thema, das ich schon seit über einem Jahr immer wieder gehört habe, aber offensichtlich hat niemand Einspruch erhoben.
BEDNAREK: Ich will ja gar nicht, dass eine schlechte oder missgünstige Stimmung zwischen Aufsichtsratsvorsitzendem und Vorstand herrscht, das ist nicht das Thema, aber es muss doch eine gewisse Form von Distanz vorhanden sein, um eine vernünftige, kollegiale und gute Zusammenarbeit hinzubekommen. Und dieser Eindruck ist bei vielen Mitgliedern entstanden, dass es diese Distanz gar nicht gibt.

Matz ab: Das klingt alles nicht sehr schön. Deswegen meine Frage: Sorgst Du Dich um Deinen HSV?
BEDNAREK: Und ob! Und zwar im erheblichen Umfang. Wir müssen uns mal die Situation vor Augen führen: Wir haben doch jetzt die Phase, wenn es nicht schon zu spät dafür ist, in der die kommende Saison geplant werden muss. Wir stehen aber ohne sportlichen Leiter da, wir wissen nicht, welchen Trainer wir bekommen, der einzige Mann, der sportliche Kompetenz hat, das ist der Urs Siegenthaler, und dessen Vertrag beginnt erst am 1. August – auch wenn er jetzt schon teilweise mitgearbeitet hat. Jetzt aber verbringt er viele Wochen mit der Nationalmannschaft – natürlich mache ich mir Sorgen um den HSV, ganz große sogar. Wie soll es denn weitergehen mit dem HSV? Ich hoffe, dass es gut geht, aber ein bisschen schwarz sehe ich schon.

Matz ab: Kannst Du denn eine Empfehlung geben, damit es nun wieder besser wird?
BEDNAREK: Ja, das kann ich: Der Aufsichtsrat soll aufhören, rumzueiern. Die sollen nun eine vernünftige Lösung im Vorstand finden, die sollen sich dazu bekennen, dass dieses Vorstandsmitglied der Vorgesetzte von Urs Siegenthaler wird. Ich kenne Siegenthaler nicht persönlich, habe aber viele sehr gute Sachen von ihm gehört, ihm vertraue ich, ich denke, dass er eine Menge kann. Aber er wollte nicht in den Vorstand, und deswegen muss er akzeptieren, dass es einen Vorstand in Sachen Sport gibt, mit dem er kollegial zusammenarbeiten muss. Das ist doch das Beste, wenn alle im HSV und für den HSV kollegial zusammenarbeiten.

Matz ab: Ist der Aufsichtsrat mit zwölf Personen zu groß?
BEDNAREK: Nein, nein, man darf nicht die Größe eines Organs mit der Stärke der Führung verwechseln. Wenn eine vernünftige Führung da ist, sind zwölf Aufsichtsräte überhaupt kein Problem.

Matz ab: Aber gibt es nicht zu viele Fußball-Laien in diesem Aufsichtsrat?
BEDNAREK: Das ist ja keine Frage der Größe des Organs, sondern eine Frage der Besetzung. Wenn da zwölf Leute sitzen, die sich mit dem HSV gut auskennen, die sich auch mit dem Profi-Fußball bestens auskennen, dann ist das ein ganz anderes Thema. Dann würde niemand über die Größe reden. Dieser Aufsichtsrat hat Angst, Entscheidungen zu treffen, das ist das Thema. Seit einem Jahr lassen die Herren Horst Becker am langen Arm verhungern, indem sie jede Entscheidung von ihm blockieren. Gleichzeitig aber trauen sie sich nicht, einen anderen Aufsichtsratsvorsitzenden zu wählen. Da muss der Aufsichtsrat dann auch mal klare Entscheidungen treffen, aber stattdessen wird da schon seit einem Jahr nur hin und her geschoben. Wo ist denn da eine klare, ordentliche Linie mit einer starken Führung?

Matz ab: Trauerst Du noch Jürgen Hunke hinterher?
BEDNAREK: Ich trauere ihm schon deswegen nicht hinterher, weil Jürgen Hunke immer ein HSVer bleiben wird. Ich würde mich natürlich grundsätzlich freuen, wenn Jürgen Hunke wieder mehr Einfluss bekommen könnte, denn er hat immer eine klare Meinung gehabt und konnte damit umgehen, dass man dadurch auch hin und wieder einmal aneckt.

Matz ab: Wird es seitens der Supporters im Januar einen neuen Anlauf geben, mit mehreren Leuten in den Aufsichtsrat zu kommen?
BEDNAREK: Das müssen wir sehen. Ich frage mich vielmehr, ob der Aufsichtsrat nicht so konsequent sein sollte, um darüber nachzudenken, den Weg für Neuwahlen frei zu machen. Momentan ist die Stimmung doch so, dass nur ganz wenige Räte noch eine Mehrheit für sich bekommen würden. Da gehört dann vielleicht auch mal der Mut dazu, das auch einzusehen.

Matz ab: Kurzfristig oder erst im Januar?
BEDNAREK: Na ja, kurzfristig wäre wohl das totale Debakel für den HSV, obwohl ich auch denke, dass der eine oder andere Aufsichtsrat derzeit Überlegungen in diese Richtung anstellt.

Matz ab: Hättest Du Dir im Herbst 2009 denken können, dass diese Saison in einem solchen Dilemma endet?
BEDNAREK: Nein, ich bin HSVer, ich gehe immer davon aus, und hoffe es auch, dass alles gut wird. Wir haben aber auch oft genug unsere Bedenken geäußert und wurden dafür abgewatscht. Wir haben intern lange genug auf den fehlenden Sportchef hingewiesen, haben gesagt: „Leute, wacht auf!“ Aber wir wurden nicht ernst genommen – jetzt sagen wir es öffentlich und das ist auch nicht gut.

Matz ab: Was wünscht Du Dir für die Zukunft des HSV?
BEDNAREK: Dass wir wieder vernünftige Strukturen bekommen, dass wir alle wieder zusammenhalten, dass wir alle zusammen anpacken, dass wir alles für den HSV geben. Davon sind wir leider momentan weit weg, aber ich wünsche mir, dass daran alle wieder arbeiten – zum Wohle des HSV.

17.48 Uhr

Gegen Mainz ohne Panzerechse

16. April 2010

Vielen Dank erst einmal für die vielen Genesungswünsche. Frau M. und ich haben uns bei einigen Formulierungen köstlich amüsiert, und meinem Kollegen Christian Pletz habe ich kurzerhand den Spitznamen „Seuchenvogel“ verpasst – aber nur aus Spaß. Er war heute für mich beim Abschlusstraining und hat sich nach den Turbulenzen der vergangenen Tage (Boateng, Petric usw.) mal ganz und ausschließlich auf Hinweise für das morgige Heimspiel gegen Mainz 05 gestürzt. Klar, dass dabei auch wieder eine kleine Negativnachricht mitgebracht wurde. Wir müssen auf den Einsatz des „Eichhörnchens“ verzichten. Diesmal wäre der Spitzname „Panzerechse“ wohl passender gewesen, denn Jonathan Pitroipa wurde wegen seines Rippenanbruchs ja ein Brustpanzer verpasst. Doch trotz der Schutzvorrichtung kam „Pit“ nicht schmerzfrei durch die Einheit. Erst probte er unauffällig (und mit neuer Kurzhaarfrisur) im Kreise der Kollegen, dann legte er eine Belastungseinheit mit Schmerztest gemeinsam mit Techniktrainer Ricardo Moniz hin. Ergebnis: Kopfschütteln aller Beteiligten. Bruno Labbadia sagte: „Das wird leider nichts für morgen!“

Nun gut, die Anfangself steht auch ohne Pitroipa. Vor Torwart Frank Rost werden Guy Demel, Jerome Boateng, Joris Mathijsen und Dennis Aogo als Viererkette fungieren, davor spielen die „Sechser“ Zé Roberto und David Jarolim sowie „T&T“ auf den Außenpositionen: Robert Tesche (rechts) und Piotr Trochowski (links). Im Angriff fällt die Wahl mangels Alternativen leicht: Ruud van Nistelrooy und Marcus Berg sind gesetzt.

Ich habe mich extra nach den letzten Eindrücken erkundigt. Demnach sollen Demels Flanken von rechts alles andere als verheißungsvoll gewesen sein, gleiches gilt für Trochowskis Freistöße von links. Einige Eckbälle von Aogo sollen noch am gefährlichsten gewesen sein, wobei es muntere und inhaltsstarke Diskussionen mehrerer Stamm- und Führungsspieler gab, was die richtige Positionierung im Strafraum betrifft. Endlich einmal, so ist es mir spontan in den Kopf geschossen, endlich geht es wieder mal um fußballerische Inhalte. Ich sehe es, wie im letzten Beitrag ja auch schon deutlich gemacht, nämlich wie viele von Euch: Die sogenannten Nebenkriegsschauplätze dürfen jetzt in dieser Saisonphase einfach keine Rolle mehr spielen, damit ginge nur wertvolle Energie verloren.

Wer weiß: Vielleicht gibt es gegen Mainz ja sogar eine Überraschungseinwechslung eines zuletzt nicht mehr oft im Training gesehenen Talents: Offensivallrounder Maximilian Beister arbeitete heute Nachmittag jedenfalls fleißig mit (wie auch Sören Bertram). Da könnte ein Einsatz von der Ersatzbank aus winken.

Ich möchte dem HSV übrigens einen kleinen Servicetipp geben: Am Eingang des Trainingsplatzzuschauerbereichs sollte der Klub eine Sammlung aller Porträts inklusive Namen und Rückennummern anbringen (zur nächsten Saison). Gerade jetzt, da viele Urlauber und Tagesausflügler (aus Schleswig-Holstein) anreisen und sich die Entwicklung ihres Vereins anschauen oder Autogramme haben wollen, würde sich das lohnen. Dann brauchen sich Experten und Dauerzuschauer, also die sogenannten Kiebitze, auch nicht darüber aufzuregen, dass es so viele Verwechslungen gibt. Auszüge aus Gesprächen von heute: Zuschauer zum anderen: „Wie heißt der lange Pole da noch mal, der Innenverteidiger spielt?“ Der andere: „David Rozehnal, ist aber ein Tscheche!“ Und auf der gegenüberliegenden Seite behauptet ein Fan: „Der da, der mit der Mütze, der gerade die vielen Autogramme schreibt, das ist ein richtig netter: Marcell Jansen.“ Pech nur, dass Jansen Krafttraining in der Nähe der Umkleiden machte und gar nicht vom Platz gehen konnte. Der wirklich fleißige Schreiber hieß Berg. Da könnte doch Abhilfe geschaffen werden, oder? Habt Ihr andere Vorschläge?

Ich bin übrigens hin- und hergerissen, was meine Prognose für das Duell gegen den FSV betrifft. Einerseits ist der HSV trotz aller Personalmiseren nach wie vor so hochkarätig besetzt, dass Labbadias Mannschaft die Mainzer eigentlich souverän dominieren müsste. Andererseits gibt es aber auch im Kader der Gäste, die übrigens per Zug nach Hamburg gereist sind, ein paar Profis, die jeder Bundesligamannschaft erhebliche Probleme bereiten können. Ich denke da vornehmlich an Aristide Bancé, den Boateng möglichst schon zu Beginn zeigen muss, wer Herr im Haus ist, denn dann kann dem technisch mitunter begnadeten Angreifer schnell die Lust vergehen.

Ganz wichtig wird sein, dass der HSV von Anfang an so druckvoll agiert, dass der Funke vom Rasen auf die Ränge springt. Ich bin mir trotz einiger Differenzen bei den letzten Heimspielen sicher, dass die Anhänger beim offensichtlichen Bemühen ihres Teams auch die notwendige Geduld aufbringen werden, um ein möglicherweise lange torloses Spiel zu ertragen. Ein fußballerisches Festival erwarte ich nämlich nicht gerade.

Ein paar Kleinigkeiten noch für den heutigen Tag. Erstens hat Eljero Elia eine gesteigerte Laufeinheit auf dem Rasen absolviert, die manchen Zuschauer beeindruckt hat und Hoffnungen schürt, dass der Niederländer kurz vorm Saisonende vielleicht doch noch einmal ins Mannschaftstraining und auch in den Kader zurückkehren wird.

Und außerdem möchte ich heute vielen, vielen Fans mein Beileid ausdrücken, die sich vergeblich um eine Eintrittskarte für das Europa-League-Halbfinalrückspiel in Fulham bemüht haben. Ich habe von so vielen Fans gehört, die zum Teil sogar Flüge nach London sicher haben, die aber heute Morgen um 10 Uhr bei der Onlinevergabe der knapp 1200 Tickets in die Röhre geguckt haben. Ich gehe fest davon aus, dass es in London eine HSV-Party mit mindestens 5000 Anhängern geben wird – wenn auch nur mit einem Bruchteil davon im Stadion.

Und noch etwas zum Thema Fans, das mich vom Supporter-Mann Ralf Bednarek erreicht hat. Die „Operation Rathausmarkt“ zum Lüttich-Spiel mit den Aufkleber und Buttons war ein so großer Erfolg, dass sie verlängert und erweitert wird. Für die Spiele gegen Mainz und Fulham werden 40.000 Aufkleber im Stadion (Nordtribüne) verteilt. Vor beiden Spielen werden in der SC-Botschaft T-Shirts mit dem aufgedruckten Logo zur Aktion für 5 Euro (entspricht dem Einkaufspreis!) zu kaufen sein.

Na, das macht doch Appetit.

Und zum Schluss noch schnell eine Info in eigener Sache: Das Gewinnspiel, das aus technischen Gründen leider noch immer auf dieser Seite zum Mainz-Spiel steht, ist natürlich schon beendet. Die Gewinner wurden benachrichtigt, und ab Montag wird es neue Fragen geben.

19:08 Uhr

Guerrero bittet um Entschuldigung

5. April 2010

Er saß in seinem Sessel wie ein Häufchen Elend. So drückte es Supporters-Boss Ralf Bednarek aus – und traf damit voll ins Schwarze. Paolo Guerrero musste am Tag danach noch einmal in die Nordbank-Arena kommen, um die „Affäre Flaschenwurf“ aufzuarbeiten. Mit ihm saßen Katja Kraus, Bernd Hoffmann und Oliver Scheel, also der komplette Vorstand, am Tisch, dazu auch Kapitän David Jarolim und Bednarek. Besondere Umstände erfordern eben auch besondere Maßnahmen.
Dass Guerrero wie ein „Häufchen Elend“ in seinem Sessel hockte, kam nicht ganz unerwartet. Seine Aktion hatte bundesweit für Aufsehen und teilweise auch für Empörung gesorgt. Guerreros Worte: „Ich möchte mich zuerst bei der Person entschuldigen, die ich mit der Flasche getroffen habe. Es tut mir leid. Es ist total schlecht, was ich gemacht habe, ich weiß, dass ich damit kein Vorbild für die Jugend bin, das ist kein Thema. Ich entschuldige mich auch bei allen HSV-Fans, bei meinen Mannschaftskollegen, bei den Trainern und dem Vorstand.“

Guerrero ist vor dem Wurf von dem Fan (oder den Fans?) bepöbelt worden. Das reizte den Südamerikaner zuerst zu einem Wortgefecht, dann flog die Flasche. Mit dem Fan will sich Paolo Guerrero möglichst noch in dieser Woche treffen, um seine Entschuldigung persönlich an den Mann zu bringen. Es ist dem Peruaner abzunehmen, dass er es ernst meint.

Dass es eine Strafe von Seiten des Vereins geben musste, war Guerrero natürlich klar – er hat und wird sie auch klaglos akzeptieren: „Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“ Vom HSV wird es eine saftige Geldstrafe geben. Und zwar die höchste, die der Klub jemals gegen einen seiner Spieler verhängt hat. Eine Summe zwischen 50 000 und 100 000 Euro ist vorstellbar. Dazu wird er an einigen Fan-Aktionen teilnehmen (müssen), und es kann natürlich noch eine Sperre durch DFB/DFL geben. Von einem Rauswurf seines Stürmers sah der HSV aber ab. Bernd Hoffmann erklärte: „Guerreros Verhalten ist in keiner Weise zu akzeptieren, unser Fans, unser Publikum ist das Rückgrad unserer Unterstützung und die Lebensversicherung unseres Vereins. Und egal, was da verbal geäußert wird, die Reaktion von Paolo Guerrero ist absolut inakzeptabel für uns.“ Nach internen Diskussionen kam der HSV dann dazu, keine Sperre und keinen Rauswurf als Strafe zu verhängen. Hoffmann: „Es ist natürlich eine Verfehlung, aber die Tatsache, dass er diesen Fehler glaubhaft einsieht, haben uns dazu veranlasst, ihm eine zweite Chance zu geben. Es war, das gebe ich zu, eine extrem schwierige Entscheidung für uns. Paolo hat diese zweite Chance aber unserer Meinung nach verdient, denn in den vier Jahren, in denen er nun hier ist, ist er in dieser Art nie auffällig geworden.“

Kapitän David Jarolim zu dieser Situation: „Das kann man nicht entschuldigen, was passiert ist, aber die Mannschaft steht hinter Paolo. Es war eine emotionale Reaktion von ihm, es kam leider alles raus aus ihm – dann kann so etwas passieren. Es darf nicht, aber es kann.“ Der Tscheche sagt weiter: „Paolos Reaktion war schlecht, aber man hat das ja schon bei anderen Spielern erlebt, von denen vorher auch niemand geglaubt hatte, dass sie sich zu einer solchen Aktion hinreißen lassen würden.“ Einen Satz in Richtung Fans verlor Jarolim auch: „Wir brauchen sie, wir wollen doch gemeinsam mit ihnen für unsere Ziele kämpfen.“ Bernd Hoffmann zu diesem Thema: „Die Zuschauer haben natürlich das recht, ihren Unmut über eine möglicherweise schwache Leistung zu äußern, da gibt es überhaupt keine Diskussion. Und das was es an Unmutsäußerungen bislang in dieser Saison gegeben hat, das war alles im Rahmen, da ist auch nichts eskaliert.“

Für die Fans sagte Ralf Bednarek: „Natürlich war das eine schlimme Geschichte, das ist nun einmal Tatsache, aber wichtig ist, dass es von Paolo ein wirklich glaubhafte Entschuldigung gegeben hat. Er hat sich in der Nacht danach mit diesem Vorfall auseinander gesetzt, und die Entschuldigung ist meiner Meinung nach der entscheidende Schritt.“ Der Supporters-Chef weiter: „Wenn sich nun beide Seiten zu einer Entschuldigung treffen, dann müssen wir auch in der Lage sein, innerhalb der HSV-Familie, um es einmal so blumig auszudrücken, in der Lage sein, wieder zusammen zu finden. Dazu haben wir in den letzten Jahren doch alle viel zu gut zusammengehalten, ich erinnere da nur an die Fast-Abstiegs-Saison mit der „Jetzt-erst-recht“-Kampagne – und dazu müssen wir wieder zurück finden.“

Am Dienstag wird es wohl eine Reaktion aus Frankfurt (DFB/DFL) geben, und dann werden sich die Wellen wahrscheinlich auch bald wieder glätten. Zumal es ja auch noch – so ganz nebenbei – um Fußball geht. Und da hat der HSV sicherlich Glück im Unglück, dass sich nun alles (oder viel) auf den „Fall Guerrero“ fokussiert – und die desolate Leistung beim 0:0 gegen Hannover fast zu einer Nebensächlichkeit verkümmert. Was ich für fatal halte, denn über diese Minus-Leistung sollte sehr wohl noch das eine oder andere Wort verloren werden.

Ehrliche und nachdenkenswerte Worte hatte schon David Jarolim unmittelbar nach dem Grottenkick verloren, indem er zugab: „Wenn wir ein solches Spiel nicht gewinnen, welches wollen wir dann noch gewinnen? Dann weiß ich auch nicht mehr. Für uns das alles nur noch bitter. Gegen eine Mannschaft, die sich nur hinten rein stellt, sich in die Hose scheißt, gewinnen wir nicht. Wir sind zu dumm. Das ist ein bitterer Rückschlag für uns.“

Torwart Frank Rost gab zu Protokoll: „Der Ärger über das Spiel ist größer als über das, was danach kam. Letzteres würde ich auch nicht überbewerten, das wird aufgebauscht. Spieler kriegen Golfbälle und was weiß ich nicht alles an den Kopf geworfen, das gehört im Fußball dazu – auch wenn es das nicht sollte. Wir müssen der Realität ins Gesicht blicken. Paolo macht das ja nicht, weil ihn ein Zuschauer lobt und erzählt, dass er der Beste ist. Da werden schon deftige Sachen gesagt worden sein, wie auch Mannschaftskameraden bestätigt haben. Und dann trifft da südamerikanisches auf norddeutsches Temperament.“ Und Rost weiter: „Paolo hatte etwas in der Hand, hat ganz gut geworfen. Die New York Yankees würden ihn sofort verpflichten . . .“ Zu diesem Kommentar gab es von Bernd Hoffmann auch noch einen Satz: „Um das ganz klar zu sagen: Es ist in der Einordnung nicht richtig, was Frank Rost gesagt hat, und es dient auch nicht dazu, die Sache zu entschärfen.“

Um auch noch einmal den Trainer zu Worte kommen zu lassen, hier das Statement zum Spiel von Bruno Labbadia: „Wir sind das Spiel von der ersten Minute gut angegangen, hatten eine gute Einstellung gewählt. Uns war klar, dass wir den Gegner hinten reindrängen würden, und war auch klar, dass das funktionieren würde. Wir haben keine einzige Torchance für Hannover zugelassen, wir haben Konter von 96 vermieden, indem wir gut nachgepresst haben. Wir hatten auch die eine oder andere Torchance in der ersten Halbzeit, aber leider ist uns kein Tor gelungen.“ Weiter befand der HSV-Coach: „Umso länger das Spiel dauerte, umso tiefer hat sich Hannover natürlich hinten reingestellt. Was uns da ein Stück weit natürlich gefehlt hat, dass wir über die Standardsituationen noch gefährlicher kamen, weil wir da einfach viele Möglichkeiten hatten. Wir haben auch versucht, das Spiel breit zu machen, haben dann auch mit der Einwechslung von Robert Tesche, ihn auf hinten rechts zu stellen, noch mal offensiver zu werden, aber wir konnten uns einfach nicht entscheidend durchsetzen. Trotzdem muss man unterscheiden, wie das Spiel wahrgenommen wird, und was die Mannschaft investiert hat. Die Mannschaft hat sehr, sehr viel investiert – das ist gut gewesen. Es war auch Bewegung da, aber, wie gesagt, wir konnten uns vorne nicht durchsetzen. Ansonsten, klar, wir sind enttäuscht, dass wir es nicht geschafft haben, ein Tor zu machen. Und von dem her ist es ein Stück schade, dass wir das nicht mitnehmen konnten, was wir uns in der Europa League uns ein bisschen erarbeitet hatten.“

Auch Bernd Hoffmann hatte noch eine Meinung zur 0:0-Enttäuschung: „Ich bin nicht zufrieden mit dem Spiel, aber wir müssen mit dem 0:0 leben und jetzt alle Kräfte bündeln.“ Zur Wirkung der Aussprache vor dem Lüttich-Hinspiel, befand der HSV-Boss: „Wir können jetzt nicht jeden Tag ein Fazit ziehen und alles zwischenbilanzieren. Wir werden die Situation im späten Mai zusammenfassend analysieren.“

Wie bereits mehrfach von mir angemerkt – jetzt noch einmal: Bernd Hoffmann steht nicht für eine Rückentwicklung, auch nicht für Stagnation und auch nicht für Mittelmaß. Abgerechnet wird (von ihm) am 13. Mai 2010. Darauf sollten wir uns alle freuen.

Was ich noch kurz zum Hannover-Spiel sagen möchte: Jeder beim HSV wusste, dass es ein Spiel auf ein Tor geben würde. Jeder. Warum aber dann Tunay Torun, der schnell ist und meistens den direkten Weg zum Tor sucht, in der Startelf stand, ist mir schleierhaft. Muss ich so krass sagen. Die Räume waren eng und wurden immer enger, da war Kreativität gefragt. Gegen diese Maurer von 96 war – nach meiner Meinung – jeder Spieler willkommen, der etwas mit der Kugel anzufangen versteht – sprich der dribbeln kann. Ich will den Namen, den ich in der Anfangsformation vermisst habe, nun nicht noch einmal wiederholen, weil der ja auch mein Informant sein soll (es ist alles so lachhaft!), aber dieser Spieler wäre eine Alternative gewesen. Und Ende.

Fast jedenfalls. Noch ein Wort zu Torun: Ich will, wie mir hier schon unterstellt wurde, keineswegs „fertigmachen“. Im Gegenteil: Ich freue mich, wenn er überzeugende Spiele abliefert. Was er zurzeit aber nicht macht. Und deswegen wäre es meiner Meinung nach besser, wenn er sich durch gute Leistungen im Training anbieten würde. Nun aber, bei seinem Negativlauf, erntet er viele Pfiffe, nehmen die Skeptiker von Tag zu Tag zu – und deshalb tut er mir ganz einfach leid, der junge Mann. Es ließe sich auf jeden Fall vermeiden, aber das ist ein (zu) langes Thema – ich habe ja bereits wieder ein Buch geschrieben. Sorry.

Zum Schluss noch ein ganz kurzer Schwenk zu 96. Wie die Niedersachsen sich über dieses 0:0 gefreut haben, war schon sehr, sehr merkwürdig. Da wird gejubelt, obwohl der Verein absteigt – unfassbar. In Hannover kriegt das wahrscheinlich gar keiner mit, was sich bei 96 tut – beziehungsweise nicht tut. Einst waren die „Roten“ ein Angstgegner für den HSV, und nun wird schon gejubelt, wenn es nach einer wahrlich unterirdischen Leistung ein 0:0 in Hamburg gibt. Oh, Hannover 96, wie tief bist du gesunken!

Aber das soll nicht unser Thema sein, in Hamburg gibt es genügend große und riesige Rätsel um den HSV herum, die auf Lösungen warten. Packen wir es an.

18.30 Uhr

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