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Die Noten für die Klubführung

26. Dezember 2012

Das Weihnachtsfest 2012 ist in wenigen Stunden Geschichte, die Herren, über die nun zu lesen sein wird, sind ebenfalls Geschichte – oder sie werden es in nächster Zeit. Es geht um die Hinrunden-Bilanz, und da sind diesmal nicht die Jungs in den kurzen und roten Hosen dran, sondern jene Herren, die die Zügel in der Hand haben. Die fast frühlingshaften Temperaturen haben für eine gewisse Milde im Land gesorgt, vielleicht auch im Blog – bei mir ohnehin, denn ich werde, wenn es um die Belange des Vorstands geht, kein Wort mehr über die Vereinsführung von Februar 2003 bis ins Jahr 2011 verlieren. Das wird wahrscheinlich die meisten erfreuen, vielleicht aber wird der eine oder andere User enttäuscht abwinken, was ich über die jetzige Vereinsführung denke – und schreibe. Ich kann aber versichern, dass das, was nun folgt, meine Gedanken zu 100 Prozent sind, und dass das nichts mit dem Frühling und dessen Milde Ende Dezember 2012 zu tun hat.

Vorausschicken möchte ich schnell noch, dass ich seit der Ära von Dr. Wolfgang Klein, der HSV-Präsident von Dezember 1979 bis November 18987 war, über den Klub berichte (und schreibe). Klein ging in die Geschichte des HSV als erfolgreichster Klub-Boss ein, unter seiner Führung wurden schließlich nicht nur Meisterschaften geholt, sondern auch der Europapokal der Landesmeister gewonnen. Das ist zu 100 Prozent gut, keine Frage. Aber, und nun kommt das aber, in dieser Zeit, vor allen Dingen aus dieser Zeit konnte der HSV keinerlei Nutzen ziehen. Im Gegenteil, der HSV war erfolgreich, verkaufte aber mit diversen Häusern fast sein ganzes Klub-Vermögen. Horst Hrubesch hat es hier vor ein paar Tagen gesagt: „Während beim FC Bayern die Erfolge und das dadurch eingespielte Geld in die Mannschaft investiert wurde, profitierte beim HSV der Gesamtverein vom Geld der Europapokalsieger.“ Und weg waren die Dollars . . . Es gab also schon immer (oder schon früher) arge Finanzprobleme, das ist in diesen Zeiten nichts Neues.

Nach Wolfgang Klein waren Ernst Naumann, Horst Becker, Jürgen Hunke, Ronald Wulff, Uwe Seeler, Werner Hackmann (kommissarisch), Rolf Mares, Werner Hackmann und nochmals Ronald Wulff (kommissarisch) bis 2003 an der Spitze des Vereins. Ich schreibe das deswegen, weil ich somit etliche Präsidenten erlebt habe, mir also ein Bild machen kann, von dem, was damals so gelaufen ist – und was heute läuft.

Dass Carl-Edgar Jarchow vor eineinhalb Jahren ein schweres Amt übernommen hat, ist kein Geheimnis, dürfte jedem bekannt sein. Ich habe sie noch im Ohr, die Stimmen von jenen HSVern, die für dieses Amt infrage gekommen wären, die aber – schon bevor sie gefragt wurden – entsetzt das Weite gesucht haben, indem sie sagten: „Ohne mich, diese finanziellen Aufbauten des Klubs durchschaue ich nicht, wird niemand mehr durchschauen – das soll ein anderer machen . . .“ Jarchow wurde es, und ich habe nicht gedacht, dass er bis heute noch im Amt sein würde. Eher hatte ich befürchtet, dass er schon nach wenigen Monaten den Bettel hinwirft und ebenfalls das Weite suchen würde. Denkste. Der Mann hält durch. Tapfer, tapfer – ich sage: bewundernswert.

Wobei ich sehr wohl weiß, dass Carl Jarchow nicht jedermanns „Geschmack“ ist. In letzter Zeit aber, vornehmlich in den letzten Monaten, begegne ich immer mehr Leuten, die einst ganz anders über den heutigen HSV-Vorstandsvorsitzenden gedacht haben, als heute. Zuletzt war das in diesem Dezember der Fall, als Jarchow eine Ehrenamts-Veranstaltung des Hamburger Fußball-Verbandes besuchte. HFV-Sprecher Carsten Byernetzki und ich sprachen in einer Talkrunde etwa 30 Minuten mit Jarchow – über den HSV. Und als der Boss gegangen war, kamen drei Ehrenamtler (unabhängig vorneinander) zu mir und sagten das, was ich zuvor schon einige Male auch von „Matz-abbern „gehört hatte: „Der ist ja ganz anders, als ich gedacht habe, der ist ja sympathisch und wirkt auch kompetent auf mich.“ Ein Mann war dabei, der sogar ans „Eingemachte“ ging: „Mein Sohn schreibt im Internet in einem HSV-Forum mit, den höre ich immer nur über Jarchow schimpfen und meckern. Ich werde ihm mal sagen, was ich nun denke – Jarchow ist ein guter Mann.“

Der in meinen Augen auch so langsam wieder Grund in den HSV bekommt. Auch wenn die Zahlen etwas anderes belegen (wollen). Natürlich hat der HSV in Jarchows Ära weit über seine Verhältnisse gelebt, natürlich stehen am Ende dieses Jahres tiefrote Zahlen zu Buche, werden sie auch 2013 noch so stehen – oder vielleicht auch noch schlechter, aber: Dieser Vorstand hat es im Griff, und dieser Vorstand musste so handeln, andernfalls wäre die Gefahr riesig gewesen, dass der HSV sehenden Auges in die Zweite Liga marschiert. Ich werde Jarchow und Co auf jeden Fall stets dankbar dafür sein, dass quasi in letzter Sekunde die Reißleine gezogen wurde. Der HSV, so hat es auch (noch einmal) Horst Hrubesch gesagt, wird „nicht in dieser Saison absteigen, und auch nicht in der nächsten“. Weil im Vorstand Mut bewiesen wurde. Das war kein Harakiri-Einsatz, sondern ein dickes Muss. Denn kein Mensch konnte doch vorhersehen, dass mit Fürth und Augsburg zwei Absteiger (fast) schon feststehen. Da unten hätte auch der HSV herumkrebsen können (nach der Vorgeschichte 2011/12), und deswegen mussten Millionen, die der Klub nicht hatte, locker gemacht werden.

Nebenbei soll der „Campus“ im Volkspark gebaut werden, es wird also – quasi nebenbei – auch an der Zukunft des HSV gearbeitet, sodass man sagen kann: es tut sich was. 2015 ist, bis auf Pille-Palle-Kosten, die Arena abbezahlt, es ist also Land in Sicht. Und ich würde mich freuen, wenn Carl-Edgar Jarchow dann noch immer an der Spitze des HSV stehen würde. Wenn ich ihn mit allen Präsidenten, die vorher in diesem Amt waren, vergleiche, dann würde Jarchow von mir eine Schulnote 2,5 erhalten. Er hat ganz sicher schon viel Gutes bewirkt, auch wenn das viele HSVer wahrscheinlich nicht sehen, nicht sehen wollen.

Gleiches kann und werde ich nur über Joachim Hilke, den „Mann an seiner Seite“ sagen. Erstens wird in diesem vierköpfigen Vorstand vertrauensvoll zusammen gearbeitet, es ziehen alle Männer an einem Strang, es gibt keinen Alleinherrscher, es gibt ein faires Miteinander – und daran hat auch Hilke einen ganz entscheidenden Anteil. Ich kann wirklich sagen, dass wenn ich mich mit „Alt-Internationalen“ des HSV unterhalte, dass von zehn Leuten neun voller Lob über diese Klubführung sind, und dass alle, tatsächlich alle auch von Hilke überzeugt und begeistert sind. Mal abgesehen von dieser unsäglichen „Viagogo“-Nummer, aber das wissen längst alle – auch Joachim Hilke, dass das eine große (einmalige) Fehlleistung war. Aber die Herren, das kann man daran sehen, versuchen eben alles, um an Gelder für den HSV zu kommen, dabei wird eben auch mal über das Ziel hinausgeschossen. Abgesehen davon, dass dieser Deal im Sommer 2013 erledigt sein wird (der oder die Prozesse, die noch folgend werden, vielleicht noch nicht ganz!), hat Joachim Hilke in Sachen Finanzen bislang (seit Frühling 2011) ganze Arbeit geleistet. Und wird es auch weiterhin tun. Der Mann weiß genau, was er tut – und er ist in diesen (Finanz- und Marketing-)Kreisen ein anerkannter Fachmann. Auch er erhält von mir die Note 2,5.

Der „dritte Mann“ in diesem Vorstand ist Oliver Scheel. Der Herr für die Fans, für die Mitglieder-Belange. Kein einfacher Job, muss ich gestehen, denn die Fans erwarten viel von ihm (Rückdeckung zum Beispiel), und der Vorstand erwartet, dass er die Fans „gut im Griff“ hat, was, wie wir alle wissen, eher eine fast unlösbare Aufgabe ist. Und ich denke mal, dass diesbezüglich noch einige Dinge zu besprechen sein werden, wenn ich so an die Vorfälle in Sachen Pyrotechnik (in Düsseldorf und auch in Leverkusen) denke. Ich wünschte mir gelegentlich ein entschiedenes Wort von Scheel, wenn es um solche lebensgefährlichen Sachen geht, aber ganz offenbar will er es sich mit niemandem verscherzen. Ich sehe ein, dass das in vielen Fällen auch ein Tanz auf der Rasierklinge für ihn ist, aber dennoch darf ein HSV-Vorstandsmitglied seiner Entrüstung über ausartende Fan-Aktivitäten doch lautstärkeren Ausdruck verleihen, als das in den zurückliegenden Monaten der Fall gewesen ist. Irgendwann sollte dann auch mal Schluss mit lustig sein, so schwer es (Oliver Scheel) auch fällt. Deswegen gibt es auch nur die Note vier.

Und wer nun entsetzt war, dass ich den „Zweiten Mann“ bislang nicht erwähnt habe, dem muss ich sagen, dass ich das mit Bedacht gemacht habe. Weil Sportchef Frank Arnesen doch – auch wenn er der Zweite Vorsitzendes des HSV“ ist, irgendwie ein „Einzelkämpfer“ ist. Der Däne ist für den An – und Verkauf im Klub zuständig, und das macht er fast im Alleingang, eher aber noch mit Trainer Thorsten Fink zusammen, als mit den Vorstandskollegen. Obwohl ich sehr wohl weiß, dass auch Jarchow und Hilke an „gewissen“ Verpflichtungen „mitgewirkt“ haben. Trotz allem steht Arnesen für die sportliche und personelle Seite der Klubführung, und da der ehemalige dänische Nationalspieler im Sommer verschiedentlich und teilweise auch recht rustikal „angeschossen“ worden war (auch von den Medien, keine Frage, aber nicht nur von ihnen!), muss man nun, nach einem halben Jahr, feststellen, dass Arnesen nicht schlecht gearbeitet hat.

Die meisten Einkäufe tragen das Prädikat „gut“, der Alleingang von Arnesen, der unter dem Namen „Adler“ läuft, wird sogar „Weltklasse“ genannt. Und da mit dem Karlsruher Hakan Calhanoglu bereits der nächste „Hammer“ feststeht, ist vieles von dem, was Frank Arnesen zu erledigen hatte, aufgegangen. Trotz aller Kommentatoren-Tätigkeit während der EM 2012, trotz der Tatsache, dass er nicht jeden Spieler, der zum HSV kommen sollte (weil Thorsten Fink ihn haben wollte), gekommen ist. Schlechter bewertet werden muss an der Tätigkeit von Arnesen, dass er den HSV mit einem viel zu großen Kader in die Saison starten ließ. Das kostet! Jetzt wird sich zeigen, ob der Däne auch das Handwerk des Verlaufens versteht, denn der HSV-Kader muss dringend, händeringend abgespeckt werden, um an den Finanzen positiv zu arbeiten. Ich bin noch ein wenig skeptisch, ob es Frank Arnesen zufriedenstellend gelingen wird, die HSV-Spieler, die „über“ sind, auch tatsächlich an einen anderen Verein bringen kann und wird. Deswegen auch erst einmal nur eine vorsichtige Note 3,5.

Letzter in diesem Bunde ist der Trainer. Ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass Thorsten Fink sich damit schwertut, in Hamburg anzukommen. Diese Skepsis zog sich bis in diese Saison hin. Nach dem verkorksten Start allerdings, als es dann bergauf ging, da war für mich der Fink „voll“ da. Ich habe zuvor immer auch zu mir gesagt: „Okay, der Mann kommt vom großen FC Bayern, der ist ganz anderes gewöhnt, der schwebt immer noch in viel, viel höheren Sphären – und kann sich mit den Hamburger Verhältnissen immer noch nicht so recht anfreunden.“ Vielleicht hat dieser Umstellungsprozess ein wenig länger gedauert, als es der Coach wollte – vielleicht. Zumal die Bundesliga ja für ihn als Trainer ebenfalls Neuland war. Ich habe jetzt aber das Gefühl, dass Thorsten Fink Hamburger geworden ist, und dass er mit diesem HSV (seinem HSV?) noch einige wird bewegen können. Er war als Spieler, bereits in Wattenscheid, immer einer, der die Ärmel hochgekrempelt und zur Sache gegangen ist, das wird er nun auch hier im Volkspark zeigen.

Wenn man ihn denn machen lässt. Da aber der Klub in den nächsten Jahren absolut auf Kontinuität setzen will und wird (der „Fall Oenning“ schmerzt den Oberen immer noch sehr, das weiß ich!), dürfte sich an der Position des Trainers auf absehbarer Zeit nichts ändern – nicht einen Millimeter. Und das ist gut zu wissen, wir alle! Nicht nur für die Spieler, aber auch. Es sei denn, Fink begeht noch einige Fehler jener Art, sich über die zu lange Bahnfahrt in den Westen zu beschweren. Das, und das kann ich aus erster Hand sagen, das gefiel der Klubführung nicht wirklich gut, und ich kann nur hoffen, dass das auch der Coach inzwischen weiß.

Was ich Fink als Medienmann noch hoch anrechnen muss: Trotz aller schlechten Zeiten, die es während der Fast-Abstiegssaison durchaus gab (und nicht nur da!), ist der Trainer nicht ausgeflippt, nie laut geworden, hat sich nie lautstark (über eine eventuell zu harte Kritik) beschwert. Kompliment, Her Fink, das als ehemaliger Star des FC Bayern – das ist klasse. Und souverän. Das haben wir in Hamburg auch schon ganz anders erlebt, ich könnte da aus der Schule plaudern . . . In diesem Punkt darf Thorsten Fink durchaus so weitermachen, er bekommt von mir das Zwischen-Zeugnis 3,5.

Schnell noch ein kurzer Schwenk zum immer noch viel zu großen Aufsichtsrat. Es gab, das ist schon Tradition, so manche Turbulenzen, vor allen Dingen um den Rücktritt von Ernst-Otto Rieckhoff, doch auch das hat der Klub verdrängt und überstanden. Die große Bewährungsprobe wird im nächsten Jahr kommen, wenn dieser Rat eine neue Zusammensetzung erhält – eine Ansammlung von Fans. Ich denke, dass es dann ganz leicht wieder zu mehr Turbulenzen kommen wird, kommen könnte. Die Zeiten, als ein Udo Bandow den ganz Laden bestens im Griff hatte, sind vorbei, aber sie könnten dann – trotz des gelegentlichen Ärgers im Verrat – zum Vorbild genommen werden, wie man es dann doch besser machen sollte. Ich bin gespannt. Sehr gespannt sogar. Und gebe diesem HSV-Aufsichtsrat, bei dem ich den Verlust von Alexander Otto, sehr, sehr bedauere, die Note (gerade noch) vier.

Insgesamt, so denke ich, befindet sich der HSV aber doch wieder auf einem guten Weg der Besserung. Diese Prognose wage ich einmal. Und ich kann alle Skeptiker beruhigen, ob Joachim Hilke und Carl-Edgar Jarchow wirklich die richtigen Männer an der Spitze sind: Beide Herren waren in diesem Herbst zu Gast bei „Matz ab live“, und wer sie (einer sah die Düsseldorf-Pleite, der andere das Leverkusen-Debakel) dabei „abgehen“ sah, wie sie mitfieberten, wie sie gestikulierten, wie sie schrien, wie sie voller Entsetzen aufsprangen und ihre Hände vor das Gesicht schlugen, der weiß, dass da nicht irgendwelche „coole Geschäftsmänner“ (oder Politiker – wie Jarchow), die dem Klub rein zufällig über den Weg gelaufen sind, am Werke sind, sondern HSVer durch und durch. „Wir sind eben auch nur und in erster Linie HSV-Fans“, sagte Carl-Edgar Jarchow im Schnelsener „Champs“ (unserem Übertragungs-Restaurant) zu mir, als ich ihm erstaunt sagte, dass ich ein solches Mitgehen weder von ihm noch von Hilke erwartet hätte.

„Wir sind eben auch nur und in erster Linie HSV-Fans.“ Welch ein schöner Abschluss dieser Bilanz.

So, nun bin ich für den “Zweeiten” durch, ich möchte aber nicht vergessen, für die immer noch so zahlreich kommenden Weihnachtswünsche an Frau M. und mich zu bedanken. Ihr seid schon klasse. Extraklasse!
Ein kleines Gedicht aus dieser Reihe habe ich schnell noch, auch dafür ganz herzlichen Dank (heute angekommen):

Lieber guter “Matze-Mann”

Du schreibst hier an den Weihnachtsmann
er möge den HSV beglücken
und wieder an die Spitze rücken
er soll besorgen die Millionen
die sich dann wohl doch nicht lohnen….
in Säcken soll die Kohle liegen
denn die Profis möchten fliegen
denn das ist ein Hochgenuss
statt eine Fahrt mal mit dem Bus
Wie gerne denke ich an Zeiten
als die Spieler konnten Freude bereiten
da waren die Fans euphorisiert
weil auf dem Rasen was passiert
heute muss es ein goldener Teppich sein
und die Spieler treten doch drauf ein

Ach, so früher am Rothenbaum
das war schön anzuschauen
die Spieler kamen in bescheidenen Wagen
über Nichtigkeiten gab es keine Klagen
Im Volkspark gab es zumindest Fussball pur
heute höre ich über Geld und Skandale nur
Während heute schon die Pässe “kranken”
gab` s für Uwe von Charly präzise Flanken
Keegan dieser Wirbelwind
war der Liebling ganz geschwind
dann allmählich krankte es immer mehr
viele Trainer mussgen her
doch statt Europa und Pokal
spielte man Durchschnitt und banal
So mancher kam betrogen sich vor
wechselte beispielsweise ans Millerntor….

Während heute viele in Erinnerungen träumen
und vor Wut oft überschäumen
nimmt Gewalt und Überfluss seinen Lauf
keine Fairness, man haut nur auf die Gegner drauf
Ach Dieter, und Du lieber Weihnachtsmann
wie man das nur aushalten kann
Vielleicht hat der Weihnachtsmann statt Geld
Ideen, zur Hilfe dieser Fussball-Welt
z.B. mal im Umland schauen
und mehr auf Talente bauen
Gehälter nach oben begrenzen lassen
die Stars könnten`s wohl kaum fassen.

Kurzum, glauben wir wieder an das Gute
der Weihnachtsmann lässt stecken seine Rute
Wir sind mit Mittelmass nur dann zufrieden
wenn Fans sich nicht mehr so “bekriegen”
Fussball pur, Fairness ohne Ausschreitungen
keine Übertreibungen in den Zeitungen
Und für Dieter schöne HSV-Spoiele auf grünem Rasen
klappt es nicht, frag` nach Verstärkungen den Osterhasen….!

Ganz liebe Grüße aus Hasloh! Dein “Backhus”-Kollege Jörn K.

17.19 Uhr

Weniger Worte – mehr Taten, bitte!

22. Mai 2012

Er wird immer wieder erkenntlich. Der Grund, weshalb Sport und Politik strikt getrennt gehören, offenbart sich beim HSV schon in den kleinsten vereinspolitischen Entscheidungen. Dieser HSV hat es geschafft, dass vereinsintern „Fraktionen“ (Supporters, Wirtschaftsweisen, Realos, Initiative Pro HSV etc.) gebildet werden. Ein deutschlandweit in diesem Ausmaße einzigartiges Szenario. Zwar kommt es immer wieder mal vor, dass bei anderen Bundesligisten politische Scharmützel ausgetragen werden. Allerdings legen sich diese nach Paukenschlägen von verdienten Vereinsgrößen wie beispielsweise Uli Hoeneß (gegen die FCB-Ultras) schnell bei. Und wenn diese Persönlichkeiten fehlen oder wie beim HSV (Netzer, Magath) nicht wollen – führen sie wie beim 1. FC Köln irgendwann in den sportlichen Misserfolg.

Nun kann man sagen – und das zurecht – dass der HSV diesen Level spätestens in dieser Saison beschritten hat und mit etwas Geschick aber noch mehr Dusel den Erstligaverbleib sichern konnte. Allerdings, wer jetzt verteufelt, was sich beim HSV aktuell abspielt, der hat jahrelang nicht aufgepasst. Dieses politische Treiben innerhalb des Aufsichtsrates gab es vorher schon. Und auch vereinsintern wurden in den letzten Jahren Fraktionen gebildet. Vornehmlich ging es dabei um die, die Bernd Hoffmann folgten und die Supporters. Letztgenannte hatten immer wieder Probleme mit dem rigorosen Führungsstil Hoffmanns. Zwar schwiegen sie auf den Jahreshauptversammlungen zumeist, weil der sportliche Erfolg da war und der HSV in der Uefa-Rangliste beständig kletterte. Allerdings waren unter den Supporters ebenso wie in dem eingenommenen Aufsichtsrat ausreichend Gegner Hoffmanns, die nur auf den Tag des Misserfolges warteten. Und als dieser Tag kam – traten sie übel zu – und Hoffmann musste gehen.

Besser geworden ist seitdem allerdings nichts. Im Gegenteil: seitdem der HSV sich von dem damals intern unter anderem als machtorientiert geltenden Ex-Vorstandsvorsitzenden getrennt hat, brodelt es mehr denn je, weil plötzlich alle zuvor kleinlauten Fraktionen das Gefühl haben, sich einen Teil der von Hoffmann zurückgelassenen Beute sichern zu können. Alle werden gierig. Und unter dem Deckmantel der treuen Vereinssorge mobilisieren die Fraktionen möglichst viele Anhänger und versuchen, ihre Ideen in Satzungsänderungen auf lange Sicht zu etablieren. Der Kampf um die Macht ist mehr denn je entfacht.

Dass dabei nicht nur egoistische Ziele verfolgt werden will ich an dieser Stelle gar nicht bezweifeln. Aber in der Masse der vereinspolitischen Querelen gehen diese nur zu leicht unter und führen das objektive Mitglied in einen unüberwindbaren Irrgarten der politischen Interessen. Oder wisst Ihr, wer mit wem was erreichen will?

Nein, das wissen nur die wenigsten. Eigentlich wissen das sogar nur die Urheber und Steuermänner der Fraktionen. Und selbst die verlieren oft die Orientierung. So, wie es Bernd Hoffmann nach dem Aus von Dietmar Beiersdorfer erging. Plötzlich hatte er das komplette Feld für sich – und dies wurde ihm zu groß. Der verdiente Vorstandsvorsitzende mit der Qualität, den HSV finanziell zu führen, wurde Opfer seiner eigenen Politik. Plötzlich musste er alle Felder – Wirtschaft, Vereinspolitik in- und extern und fatalerweise auch den sportlichen Bereich führen – und ging daran kaputt.

Dennoch, für alle, die hier noch immer große Anti-Hoffmann-Blogs vermuten: dem ist nicht so. Mir geht es nicht um die Schuld einzelner. Vielmehr steht es für mich außer Frage, dass der HSV mit Hoffmann noch immer gut fahren würde, wenn sich dieser auf sein ursprüngliches Verantwortungsgebiet beschränkt hätte. Zusammen mit Beiersdorfer war es die beste Konstellation des HSV seit den Achtzigern.

Dass dem nicht mehr so ist, hat viele Gründe. Allein gelernt hat daraus offenbar niemand. Zumindest nicht genug. Und das gilt beim HSV heute für alle. Die Vergangenheit sollte als Warnung dienen. Es ist klar, dass es nicht nur einen Weg gibt, der zum Erfolg führen kann. Ich behaupte einfach mal, dass alle Fraktionen grundsätzlich tatsächlich von ihrem Weg überzeugt sind und will niemanden eine funktionierende Idee absprechen. Aber es kann und darf am Ende nur einen gemeinsamen Weg geben, den man gemeinsam gehen muss, wenn man wirklich Erfolg haben will. Dafür wiederum hat der Verein das demokratische Werkzeug der Mitgliederversammlung, deren Votum zu respektieren ist. Daher ist im Nachzug dieser Wahlen häufiger Zurückhaltung angesagt. Der Klügere gibt nach, heißt es schon bei den kleinen Kindern, wenn sie im Sandkasten Recht und Unrecht versuchen zu trennen. Und das sollte auch für die hochtrabend politisch Orientierten beim HSV gelten. Jetzt mehr denn je.

Deshalb – und zwar ausschließlich nur aus dieser Befürchtung – glaube ich, dass die Fernwahl für diesen HSV noch ungeeignet ist, dass sie zu früh kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Demokratie unabdingbar ist. Aber ich bin mir sicher, dass die verschiedenen Fraktionen das Instrument der Fernwahl noch zu leicht missbrauchen könnten. Weil der breiten Masse der 70000 Mitglieder einfach der Überblick fehlt. Fehlen muss, würde ich sagen. Denn gerade die, die nicht in Hamburg ansässig sind, haben zu wenige Informationsquellen, um sich ein objektives Bild der Lage beim HSV machen zu können. Und selbst die hiesigen Mitglieder können bei der inzwischen vorhandenen Vielzahl von Fraktionen, Vorwürfen und Gerüchten nur noch mit größter Mühe einen Überblick bewahren. Wenn Ihr wüsstet, wie oft man als HSV-Journalist vor einer Mitgliederversammlungen angeschrieben und angerufen wird, um von der jeweiligen Idee überzeugt zu werden…. Ich hoffe vielmehr, dass andere Vereine den Schritt zur Fernwahl noch vor dem HSV gehen, und der HSV aus deren Erfahrungen lernen kann. So ist das Risiko des Missbrauchs der Fernwahl minimiert – ohne sie aus den Augen zu verlieren.

Deshalb bleibt momentan nur die leise Hoffnung, dass dieses vereinspolitische und vereinsschädigende Wirrwarr möglichst schnell vom sportlichen Erfolg eingeholt wird, ehe es noch tiefere Wunden hinterlassen kann. Wie schon in für die Mannschaft, gilt diesmal für die Mitglieder und noch mehr für die Amtsinhaber des HSV: Taten statt Worte.

Getan wird derzeit was für die HSV-Anlage Ochsenzoll. Während die dort ansässigen HSV-Bundesligafrauen aus Kostengründen abgemeldet wurden (das sorgte heute für ne Menge Gesprächsstoff), wird in Steine investiert. Zuletzt wurden zwei Millionen Euro für das heute eingeweihte neue Vereinshaus gesteckt. Bei der Eröffnung traf ich den Vorstand (außer Arnesen) sowie den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Otto. Mit dem ECE-Chef, der im Kontrollgremium als Moderator zwischen den Parteien gilt, sprachen wir über die neue Konstellation im Aufsichtsrat.

Herr Otto, dürfen wir Ihnen zu Ihrer neuen Rolle gratulieren?
Alexander Otto: Müssen Sie nicht. Aber Danke. Wobei ich diese Rolle ja nicht das erste Mal interimsweise übernehme und das Glück habe, dass jetzt die etwas ruhigere Phase der Sommerpause bevorsteht.
Im Januar 2011 wollten Ihre Ratskollegen, dass Sie den Vorsitz übernehmen, damals sagten Sie aus familiären Gründen ab. Würden Sie diese Rolle diesmal auch über längere Zeit übernehmen?
Otto: Meine Situation hat sich wenig verändert. Beruflich bin ich sehr eingespannt und ehrenamtlich ist es eher mehr geworden. Ich habe einen Job, der mir nicht sehr viel Zeit lässt – und dennoch steht meine Familie bei mir weiter an allererster Stelle. Der Vorsitzende ist ein Job, der sehr viel zeit braucht, die ich nicht habe. Ich würde den Anforderungen dieses Amtes nicht gerecht werden können. Deshalb möchte ich gerade an diesem Punkt noch mal erwähnen, was für tolle Arbeit Otto Rieckhoff hier geleistet hat in den letzten eineinhalb Jahren. Er war fast rund um die Uhr als Vorsitzender unterwegs.
Wer wäre in Ihren Augen denn ein geeigneter Kandidat für den Vorsitz?
Otto: Ich bin optimistisch, dass sich da jemand finden lässt. Das ist eigentlich immer so. Aber wir haben jetzt erst einmal eine ganze Menge zu besprechen nach der Mitgliederversammlung. Wir waren auf dem Weg einer sehr, sehr guten Zusammenarbeit. Die Nachfolge wollen wir Anfang Juni nach ausreichend Gesprächen benennen. Ich glaube, dass das in einer harmonischen Form durchführen. Mein Ziel ist es, dass wir wieder da anknüpfen, wo wir vor der Mitgliederversammlung aufgehört haben. Ich glaube auch, dass wir zunehmend zusammengerückt sind.
Das verwundert. Gerade am Sonntag wirkte das anders…

Otto (lacht): Stimmt. Vielleicht war das den warmen Temperaturen und der sehr, sehr langen Sitzung noch geschuldet. Es gab glaube ich auch ein paar Missverständnisse, die auch teilweise aufgeklärt wurden zwischenzeitlich. Aber ich denke schon, dass wir wieder eine gute Basis finden werden. Ich glaube auch, dass wir es dem HSV auch geschuldet sind, weil jetzt stehen ganz andere Themen im Vordergrund. Die sportliche Situation, die wirtschaftliche Situation des HSV. Gerade in der Vergangenheit gab es ganz unterschiedliche Meinungen zu Satzungsänderungen – deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, dem HSV einen gesunden wirtschaftlichen Rahmen zu verpassen und sportlich unsere Ergebnisse zu verbessern.
Waren Sie überrascht von Herrn Rieckhoffs Schritt?

Otto: Ich glaube, er hat einfach nur ein paar Möglichkeiten aufgezeigt. Er hat ja auch klargestellt, dass er nur Varianten aufzeigen wollte. Er hat die Möglichkeit aufgezeigt, die es gibt, wenn dieser Satzungsänderungswunsch durchgeht. Wobei es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, dass man bei einem verkleinerten Aufsichtsrat nur einen neuen Aufsichtsrat nachwählt. (Anmerkung: Im Januar stehen Horst Beckers, Ian Karans, Alexander Ottos und Jörg Debatins Posten zur Neuwahl an, während die beiden Delegierten Ronny Wulff und Ernst-Otto Rieckhoff neu bestimmt werden. Demnach hätte Ottos Vorschlag bedeutet, dass zu den vier weiter im Amt befindlichen Kontrolleuren zwei Delegierte und nur ein neu Gewählter hinzukommt. Ergo: sieben statt zwölf Aufsichtsräte) Ich fand es überraschend, dass das Thema so groß behandelt und diskutiert wurde. Aber das zeigt, dass es nicht gut war, dass in einem so großen Kreis zu besprechen.

Recht hat er. Rieckhoff hätte es in einer der 23 (!!) AR-Sitzungen der letzten Saison ankündigen und intern behandeln können. Das hätte viel Diskussionsstoff vorweggenommen und auf der Mitgliederversammlung nicht für unnötige Verwirrung und zeitliche Verzögerungen gesorgt.

In diesem Sinne, sportlich gab es auch etwas: Während Reagy Ofosu aus der U23 nach Ingolstadt wechselt, hat Sven Neuhaus seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Und das soll es mit Ersatzkeepern des HSV für heute noch lange nicht gewesen sein, denn Raphael Wolf kehrt vom österreichischen Bundesligisten SV Kapfenberg in die Bundesliga, zu Werder Bremen zurück. Der ehemalige U23-Keeper des HSV unterschrieb einen Vertrag bis 2015. Auch Wolfgang Hesl ist wieder Erstligist. Der 26-Jährige wechselt ablösefrei von Dynamo Dresden zum Bundesligaaufsteiger Greuther Fürth.

Willkommen zurück!

In diesem Sinne, auf dass wir die nächsten Wochen wieder mehr über Fußball sprechen, diskutieren und schreiben können. Zum Beispiel darüber, warum ein Kevin Großkreutz nicht mal im vorläufigen EM-Kader steht… Aber vor allem über den HSV und die hoffentlich bald gefundenen Verstärkungen für die neue Saison. Oder wie sagte Uns Uwe Seeler heute in die Kamera, just in dem Moment, in dem HSV-Vorstandsboss Carl Jarchow ihn begrüßte: „Klar ist, dass wir zur neuen Saison noch ne ganze Menge machen müssen. Wir brauchen da noch einige Verstärkungen…“ Recht hat er. Hoffen wir darauf, dass das alle wissen und auf dem Weg dahin bedingungslos zusammenarbeiten.

Scholle

Der 20. Mai 2012 – ein legendärer Tag!

20. Mai 2012

Ohnsorg-Theater. Das war Ohnsorg-Theater – aber volle Delle. Kennt ihr „Tratsch im Treppenhaus“? Ich glaube es war bei „Tratsch im Treppenhaus“, als Henry „Opa“ Vahl angetrunken nach Hause kommt und immer wieder sagt: „Nigge-nigge-nigge-ding.“ Und dabei fasst er immer in einen Schuhkarton, in dem ein Kaninchen sitzt. „Opa“ kommt vom „Karnickel-Züchter-Verein“. Daran habe ich heute den ganzen Tag denken müssen. Der „Karnickel-Züchter-Verein“ muss HSV heißen. Ganz klar. Man, war das wieder eine Horror-Veranstaltung. Zum Davonlaufen. Was war das denn bloß? Das hat doch mit Profi-Fußball und Erster Liga nichts mehr zu tun. Es ist einfach nur noch traurig. Selbstdarsteller ohne Ende, Wichtigtuer, Aufschneider – und viele, viele selbstverliebte Leute. Unfassbar. Ich habe schon viele verzweifelte Leute bei HSV-Mitgliederversammlungen gesehen, aber so viele wie heute? Noch nie. Kopfschüttelnd sind viele schon früh davon gelaufen, auf und davon. Der frühere Schatzmeister Gerhard Flomm sprach vielen aus dem Herzen: „Wahnsinn, der pure Wahnsinn, ein große Katastrophe.“

Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Wirklich nichts. Dieser Tag, dieser 20. Mai 2012, der wird dem HSV schwer geschadet haben. Ganz schwer. Der ohnehin schon zerstrittene Aufsichtsrat ist nun noch mehr auseinander gebracht worden, als ohnehin schon. Ich rechne in den nächsten Stunden ganz schwer mit dem Rücktritt des AR-Bosses Ernst-Otto Rieckhoff, aber dazu komme ich noch. Es ist unheimlich viel Porzellan zerschlagen worden, ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob sich Sportchef Frank Arnesen gefragt hat, in was er hier hineingeraten ist. Okay, okay, er verdient ‚ne Mark Fünfzig beim HSV, das ist auch Schmerzensgeld dafür, mal einen solchen schlimmen Tag zu überstehen, aber es muss für den Dänen trotzdem die Härte, nein, die Oberhärte gewesen sein. Jeder normale Mittel-Europäer muss sich nach diesem Tag fragen: „Womit habe ich das verdient?“

Und: Wenn das so weitergeht, dann lieber HSV, ja, dann gute Nacht, dann steht dem Klub aber eine absolut „ruhmreiche Zukunft“ bevor – aber hallo! Dann könnte der Klub tatsächlich irgendwann mal wieder auf Grand Punktspiele austragen . . . Es war an diesem legendären Tag bei so vielen Redner von der „großen HSV-Familie“ die Rede – wie infam. Wenn das eine Familie sein soll, dann bitte, dann möchte ich bitte nichts mit Vater, Mutter, Oma, Opa und meinen Geschwistern mehr zu tun haben. Das ist doch alles nur noch scheinheilig – erbärmlich.

Eigentlich würde ich jetzt mit diesem Beitrag aufhören, weil ich zu aufgebracht bin nach dieser Un-Veranstaltung, aber ich war dienstlich vor Ort, ich muss darüber berichten, also komme ich meiner Chronisten-Pflicht nach. Schweren Herzens, das gebe ich zu.

Es begann gleich – gegen 11.20 Uhr – mit einem großen Eklat. Einer der ersten Redner, wie könnte es anders sein, war vor 586 HSV-Mitgliedern der frühere HSV-General Dr. Peter Krohn. Er wollte gleich loslegen wie zu seinen besten Zeiten, wurde aber von Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff aus allen Träumen gerissen: „Lieber Peter, du hältst hier eine Grundsatzrede, dabei sind wir aber noch nicht, ich bitte dich, zum Schluss zu kommen.“ Krohn erwiderte: „Du kannst ja deine Ordner die Anweisung geben, dass sie mich hier vom Pult wegschleppen sollen . . .“ Es klang sehr lustig, aber es war bitterer Ernst! Ja, es ging gleich in die Vollen. Weil Krohn dann aber seine Rede fortsetzen wollte, wurde er von einigen HSV-Mitgliedern ausgebuht. „Wollen Sie, dass ich aufhöre?“, fragte der Doktor, und diejenigen, die gebuht hatten, sagten laut: „Ja.“ Krohn ging. Und verließ die Mitgliederversammlung. Natürlich „allerbester Laune“. Es könnte, so vermute ich mal, sein letzter Auftritt beim HSV und damit auch für den Klub gewesen sein.

Ja, soweit ist es jetzt schon gekommen, dass ein Dr. Peter Krohn vertrieben wird. Aber das blieb nicht der einzige Höhepunkt, wenn auch (vielleicht) der unrühmlichste.

Interessant war auch Punkt sechs der Tagesordnung: Antrag auf Änderung der Satzung durch Ingo Thiel. Die Mitgliederversammlung möge beschließen, die Satzung um den Buchstaben „j“ zu ergänzen, der da lautet: „Beschlussfassung über Verträge, die darauf abzielen, Investorenmodelle umzusetzen.“

Hinter den Kulissen gab es vorab schon einige Gespräche zwischen Vorstand und Thiel, man hatte sich schon geeinigt – Thiel zog seinen Antrag zurück, hielt aber zuvor trotz allem eine – sehr gute – Rede. Ich horchte besonders an jenem Punkt auf, als er von schweren Beschimpfungen gegen sich im Internet sprach – natürlich anonym. Ja, lieber Herr Thiel, so geht es da jeden Tag zu, nicht nur wegen einer Satzungsänderung. Wobei Thiel nicht auf die Einzelheiten, die es zu diesem Punkt unterhalb der Gürtellinie gab, einging. Er sagte lediglich – und das ist noch milde: „Alle haben sie keine Ahnung, aber ich als wahrer HSV-Fan, ich habe Ahnung.“ Und: „Ein HSV-Anhänger weiß grundsätzlich alles besser.“

Natürlich. Immerhin sagte Thiel auch, und das hatte er bei seinen Gesprächen mit dem Vorstand erfahren: „Sportchef Frank Arnesen war noch vom alten Vorstand eingestellt worden, und dieser Vorstand hatte ihm damals 15 bis 20 Millionen Euro mehr für neue Einkäufe versprochen . . .“ Diese 15 bis 20 Millionen waren aber weit und breit nicht mehr zu sehen. Aber man sich kann sich ja auch mal versprechen, keine Frage. Ingo Thiel beendete seinen Vortrag mit: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich diesem Vorstand und dem weitaus überwiegenden Teil des Aufsichtsrat mehr traue, als dem alten Vorstand.“ Dafür gab es viel Beifall.

Vorstands-Boss Carl-Edgar Jarchow zu dem Vortrag Thiels: „Ich habe schon bei der letzten Mitgliederversammlung am 15. Januar gesagt, dass ich das Kühne-Modell damals nicht unterstützt habe, und ich werde es auch künftig nicht unterstützen. Nur eines ist dieses Modell ganz und gar nicht, es ist kein Investoren-Modell. Es ist ein Modell, mit dem Herr Kühne der größte private Sponsor des HSV geworden ist. Er hat als Sicherheit Anteile von Spielern erhalten, die bereits beim HSV unter Vertrag standen, so etwas lehnt dieser Vorstand ab, so etwas wird es in Zukunft nicht geben.“

Hoch interessant wurde es auch beim Punkt der Fernwahl (Briefwahl). Auch da ging es, wie nicht anders zu erwarten, hoch her. Der ehemalige Präsident Jürgen Hunke war dagegen und sagte: „Wir haben keine müde Mark mehr in der Kasse, wollen aber 100 000 Euro für diesen Versuch ausgeben. Als wenn wir keine anderen Sorgen haben.“ Und: „Ein Bundesliga-Verein besteht aus sportlicher Qualität und aus finanzieller Qualität, aber an beiden Punkten stimmt es bei uns nicht, und daran sollten wir vor allen Dingen arbeiten.“

Alexander Otto, der stellvertretende Aufsichtsrats-Vorsitzende, ist für die Briefwahl und befand: „Ich habe hier nur gehört, dass so etwas nicht geht, aber ich glaube, dass wir im HSV auch mal überlegen sollte, dass etwas geht. Und was geht. Wir müssen auch bereit sein, Mut zu haben. Mut zur Entscheidung, Mut etwas zu verändern.“

Aber geht es wirklich noch um die Briefwahl? Oder um die anderen Tagespunkte? Jürgen Hunke brachte es auf den Punkt: „Es geht um Macht.“ Genau. Ganz genau! Die eine Partei im HSV will mehr Macht als die andere. Nur darum geht es noch, nur darum. Der Verein an sich ist in sich total zerstritten. Und ich frage mich, wie lange sich einige hohe Hamburger Persönlichkeiten diesen Klub noch antun wollen – und werden?

Um Macht ging es wohl auch – und vor allem – beim Punkt: Verkleinerung des Aufsichtsrates. Ein Antrag von AR-Mitglied Horst Becker (der nach für Rede viel Beifall und Bravo-Rufe erntete). Genau zu diesem Punkt platzte eine Bombe – die Rede von Ernst-Otto Rieckhoff. Der u.a. sagte: „Der ganze Aufsichtsrat muss komplett aus der Öffentlichkeit heraus. In anderen Vereinen wissen die Fans gar nicht, wer das was im Aufsichtsrat macht, bei unserem Aufsichtsrat wissen sie alles. Leider nicht immer nur das Positive, und das möchte ich gerne ändern, aber in der derzeitigen Konstellation halte ich das nicht für machbar. Und wenn ich das so sehe, dann geschieht das in höchster Glaubwürdigkeit, denn ich stehe ja nicht in dem Verdacht, persönliche Interessen zu verfolgen, denn ich säge ja gerade an meinem eigenen Stuhl. Auch bei einer neuen Entscheidung in Sachen Aufsichtsrat zählt für mich nur das Wohl des HSV.“

Rieckhoff weiter: „Der HSV steht derzeit auf dem Prüfstand und wird Veränderungen erleben. Der HSV muss seine nähere Vergangenheit dringend korrigieren, gerade nach dem Verlauf der letzten Saison und der für mich unrühmlichen Vereinspolitik der letzten drei Jahre. Und in diesem Zuge müssen wir den Aufsichtsrat verkleinern, und ihn klein machen für einen neuen HSV. Und hierbei sollten dann auch die Mitglieder entscheiden, welche Mitglieder in den Aufsichtsrat sollen. Dafür müssten eleganterweise alle Aufsichtsrats-Mitglieder im Januar zurücktreten und sich möglicherweise neu zur Wahl stellen.“ Rieckhoffs Rede wurde mehrfach von Beifall und Bravo-Rufen unterbrochen. Aber er sprach weiter: „Ein neuer Start für den Aufsichtsrat wäre somit gesichert. Ja, folgen Sie mir, und nehmen Sie die Chance für einen effektiveren HSV wahr, indem Sie dem Antrag von Horst Becker zustimmen.“

Darauf erwiderte Manfred Ertel, der stellvertretende Aufsichtsrats-Chef: „Wenn ich Otto Riekchoff nun widerspreche, dann weil es immer einzelne Punkte gibt, in denen man unterschiedlicher Meinung sein kann. Aber ich muss jetzt schon zugeben, dass ich von dem Beitrag meines Kollegen, den ich sonst sehr schätze, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite, einigermaßen perplex bin. Denn die Wirklichkeit, von der Otto Rieckhoff hier geredet hat, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die man diesem aktuellen Aufsichtsrat anhängen kann. Und schon gar nicht den Personen, die erst seit einem Jahr in diesem Aufsichtsrat sind.“ Und: „Über unsere Tätigkeit, lieber Otto, hast du bislang hier an dieser Stelle ganz andere Beiträge gehalten.“ Dazu sagte Manfred Ertel auch: „Den Vorschlag, den du, Otto, hier gemacht hast, wir sollten alle zurücktreten, den, so hätte ich mir gewünscht, den hättest du wenigstens ein einziges Mal im Aufsichtsrat vortragen sollen, bevor er hier über 500 Vereinsmitglieder damit konfrontiert werden.“

Professor Dr. Jörg F. Debatin stellte sich (für mich überraschend) auf die Seite von Rieckhoff („Einen besseren Aufsichtsrats-Vorsitzenden als Otto Rieckhoff hätten wir in der Phase nie bekommen, er hat hier segensreich gewirkt“), der Supporters-Chef Ralf Bednarek aber sagte frei heraus: „Lieber Otto, ich bin, ehrlich gesagt, entsetzt über deine Rede.“ Und weiter: „Faktisch willst du ignorieren, was die Mitgliederversammlung bei den letzten Wahlen entschieden hat. Das ist so ein bisschen das Thema der heutigen Versammlung. Ich habe das Gefühl, es soll etwas geändert werden an der Satzung, weil einigen Leuten die Zusammenstellung in diesem Aufsichtsrat nicht passt.“

Und dann wurde es DEUTLICH. Bednarek sagte das, was schon viele Leute seit Monaten wissen: „Machen wir uns doch nichts vor. Wir haben doch nicht das Problem dass wir zwölf oder elf Aufsichtsräte haben, wir haben das Problem im Verein, dass keiner dem anderen glaubt. Hier haben doch alle Seiten immer nur geguckt, welche Fehler machen die andere Seite.“

Endlich hat es mal einer ausgesprochen. Hinter der vorgehaltenen Hand war schon lange die Rede davon, dass der Aufsichtsrat heillos zerstritten ist, nur wurden alle Mitglieder immer nur für dumm verkauft: „Alles in Ordnung, wir verstehen uns bestens, wir arbeiten auch besser zusammen als vorher.“ Toll. Danke, Ralf Bednarek für diese Aufklärung.

Aufsichtsrats-Mitglied Björn Floberg sagte: „Otto Rieckhoff wurde hier für seine Ehrlichkeit gelobt, aber er hatte nicht den Schneid, uns von seinem Vorschlag des Rücktritts etwas im Aufsichtsrat zu sagen . . .“

Ja, dieser Abend war schon legendär. Übrigens, die Abstimmungsergebnisse sahen wie folgt aus:
Für die Fernwahl waren 256, dagegen 324, es gab fünf Enthaltungen. Und für die Verkleinerung des Aufsichtsrates waren 262, dagegen 244 (bei vier Enthaltungen). Damit war auch dieser Antrag abgelehnt, denn er hätte eine Dreiviertel-Mehrheit bekommen müssen.

So, nun muss ich enden, denn sonst bin ich am Ende. Und ihr hättet diesen Beitrag erst gegen Mitternacht. Um 19.15 Uhr ging dieser Tag heute im Volkspark zu Ende – zum Glück. Mögen die Klugen in diesem Verein dafür sorgen, dass es künftig nur noch viel, viel bessere Mitgliederversammlungen gibt. Sonst könnten diejenigen, die heute dabei waren, ihren Enkeln in Jahren berichten, dass sie dabei waren, als dieser Klub den ersten richtigen Schub nach unten bekommen hat.
Mich stimmt diese Vorstellung total traurig, denn ich habe einen in sich zerstrittenen Verein namens HSV erlebt, erleben müssen.
Leute, wacht auf! Tut etwas dagegen. Gemeinsam. Es geht nur gemeinsam, sonst geht es immer so weiter. Ein Lager, zwei Lager, drei Lager? Mensch, wir sind ein HSV. Und so zerstritten richtet ihr ihn, weil ihr nur euch und eure Interessen seht (egal welches Lager!), zu Grunde. Und das darf doch nicht geschehen. Kehrt um auf diesem falschen Weg, kehrt endlich um, bevor es zu spät ist.

21.08 Uhr

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