Archiv für das Tag 'Becker'

Darum wollen sich die Supporters auflösen

7. Juni 2014

Schwerer Schock für Fußball-Deutschland knapp eine Woche vor der WM. Marco Reus von Borussia Dortmund hat sich im Länderspiel am Freitagabend gegen Armenien (6:1) in Mainz einen Teilabriss des Syndesmosebandes im linken Fuß zugezogen. Er wurde für die WM gestrichen – Bundestrainer Joachim Löw hat stattdessen Innenverteidiger Shkodran Mustafi nachnominiert.

Das ist natürlich eine Hiobsbotschaft. Löw hat sich nun also entschieden, anstelle eines weiteren offensiven Mittelfeldspielers die Deckung zu verstärken. Kann man nachvollziehen, diesen Schritt. Vielleicht hat der eine oder andere aus Hamburg gehofft, Marcell Jansen würde vielleicht noch eine Chance bekommen. Immerhin kann er ja auch über die linke offensive Seite angreifen. Aber Jansen offenbarte zuletzt ja auch konditionelle Schwächen – verständlich nach seinem Saison- und Verletzungsverlauf. Und Mustafi war bis vor ein paar Tagen ja auch noch im vorläufigen Kader von Jogi Löw dabei. Alles nachvollziehbar also.


 

Beim HSV beginnt das Pfingst-Wochenende einigermaßen ruhig. Einzige „harte“ Meldung: Mittefeldspieler Matti Steinmann hat einen Profi-Vertrag bis 2017 unterschrieben. Zuletzt war es einigermaßen still geworden um den stillen Steinmann. Seine Leistung hat stagniert, nachdem er schon vor geraumer Zeit im Profi-Kader mittrainieren konnte. Nun wird er sicher einen neuen Anlauf starten.

Im „Abendblatt“ heute wurde darüber hinaus berichtet, dass das Kapitel Bert van Marwijk in Hamburg nun endgültig beendet ist.

Hier könnt Ihr den Artikel noch einmal nachlesen. Ganz leise ist damit eines der unrühmlichsten Kapitel der HSV-Trainer-Geschichte beendet worden. Unrühmlich aus sportlicher Sicht sowieso, schließlich überließ van Marwijk die Mannschaft nach sieben Niederlagen in Folge und einem dramatischen 2:4 in Braunschweig in akuter Abstiegsgefahr. Sein Name wird eng verbunden bleiben mit den Verpflichtungen Ouasim Bouy und Ola John, die das Zeug haben, in einem Atemzug mit Marin Zafirov oder Albert Streit genannt zu werden. Wirtschaftlich ist die „Ära“ van Marwijk überdies ein Desaster. Von insgesamt knapp zwei Millionen Euro kann man ausgehen, die das erfolglose Fünf-Monats-Intermezzo den HSV gekostet hat. Schauderhaft.

Zum Blog von gestern noch ein Nachtrag. Ich habe nämlich noch eine Mail bekommen von Volkmar Dohrn:

Moin Moin, toller Beitrag von Euch, habt in meinen Augen aber eines übersehen. Der in fast allen Medien sich äußernde Herr Gernandt ist ab dem 01.07.2014 erst Vorsitzender des AR der HSV-AG. Dafür gibt es von ihm aber ständig “Wasserstandsmeldungen” zum Vorgang Beiersdorfer, jetzige Arbeit/Abschlüsse des amtierenden Vorstandes. Halte ich für ausgesprochen taktisch unklug und verursacht bei mir übelste Magenschmerzen. Wie wird es sein, wenn er nicht mehr im jetzt vorbereitenden operativen Geschäft gebraucht wird und “nur noch” AR der AG ist? Gibt es dann auch stets Hinweise, Arbeitsaufträge etc. für den Vorstand per öffentlichen Foren wie Presse, TV etc. Dann ist aber ein hausgemachtes Problem wie in der Vergangenheit (alter AR des e.V.) auf dem Markt. Ich mahne und warne.

Vielen Dank für diese Mail, deren Sorgen ich nachvollziehen kann. Schließlich haben wir beim HSV auch schon in der Vergangenheit die Probleme gesehen, die erfolgreiche Wirtschaftsbosse haben, wenn sie plötzlich im Profi-Fußballgeschäft aufräumen wollen. Damit sind die Namen Debatin, Becker, Otto und Karan verbunden, die alles in allem die Erwartungen nicht erfüllen konnten – auch weil sie den Job unterschätzt haben und über zu wenige Erfahrungen im Fußball verfügten.

Generell sehe ich die Gefahr bei Gernandt allerdings nicht. Er ist, das wurde hier schon häufiger geschrieben, mit allen Wassern gewaschen. Seine inhaltlichen Entscheidungen sollten schon sitzen – allerdings steckt aktuell hinter mancher Aussage von ihm wohl eine Spur der Haltung seines Chefs Klaus-Michael Kühne, der abgesehen von seinem bewundernswerten finanziellen Engagement beim HSV durch einige Interviews mit der Holzfäller-Methode aufgefallen ist. Aber gut: letztlich müssen die Resultate, in Gernandts Fall die Besetzung des Vorstands, stimmen – dann sind andere am Zug und sollten andere, nämlich Dietmar Beiersdorfer in erster Linie, in der Öffentlichkeit stehen.

Ich habe hier gestern bereits auf die Internet-Seite der „Supporters“ hingewiesen. In einem offenen Brief hat sich dort die Abteilungsleitung an ihre Mitglieder gewandt. Ganz deutlich sind dort Auflösungstendenzen erkennbar. Dazu passt diese Meldung auf der Forum-Seite der „Supporters“:

SC Forum vorübergehend geschlossen

Es muss neu geplant werden

Zur Zeit sortiert sich der HSV neu und wir haben nicht nur keinen Haushalt für das neue Jahr, sondern der neue HSV hat noch kein Konzept vorgelegt, wie er sich die Fanarbeit in Zukunft vorstellt und welche Rolle die Mitglieder und der Supporters Club dabei spielen sollen. Deshalb müssen wir weiter abwarten. Erst wenn diese Fragen geklärt sind und wir einen arbeitsfähigen Etat zur Verfügung haben, können wir uns den verschiedenen Fragen widmen.

Ich habe mich gestern mit Christian Reichert unterhalten, einem der Gründungsväter der „Supporters“ im Jahr 1993. Demnach wird die aktuelle Abteilungsleitung auf der nächsten ordentlichen Sitzung im September ihre Ämter niederlegen. „Es macht keinen Sinn mehr“, sagt Reichert. „Die Mitsprache ist weg, die Unterstützung, die wir geben wollen, nicht mehr erwünscht.“

Geht es nach der Abteilungsleitung, dann hat sich das Kapitel „Supporters“ darüber hinaus mit der Entscheidung gegen den e.V. mit dem 25. Mai gleich komplett erledigt. Zu viele Kompetenzen gingen verloren, zu wenig Eigenständigkeit bleibe. So müssten beispielsweise sogar die Artikel der „Supporters News“ mit der HSV-AG abgesprochen bzw. von ihr genehmigt werden.

Reichert und seine Mitstreiter wollen sich darauf nicht einlassen. „Nur Fähnchen schwenkend in der Ecke zu stehen – darum kann es nicht gehen“, so Reichert. „Aber so ist die Entscheidung nun einmal ausgefallen. Das können wir nicht ignorieren.“ Alle Supporters-Mitglieder sind ja gleichsam in der Abteilung der Förderer, für sie würde sich also an der HSV-Mitgliedschaft nichts ändern. Nur „Supporter“ wären sie dann nicht mehr.

Christian Reichert glaubt übrigens nicht daran, dass sich diese Entwicklung nachhaltig auswirken muss, zum Beispiel auf die Unterstützung und Anfeuerung bei den Spielen. „Vielleicht sind es dann nur andere Leute.“

In den letzten Monaten hat es auch viele selbstkritische Stimmen aus den Reihen dieser Abteilung gegeben. Axel Formeseyn sei hier an erster Stelle genannt, der zuletzt ganz realistisch sagte: „Wir haben es verbockt.“ Formeseyn meint damit zweierlei. Zum einen stehen die „Supporters“ auch durch ihren personellen Einfluss im Aufsichtsrat für den Niedergang der vergangenen Jahre.

Zum anderen haben die „Supporters“, jedenfalls der alte harte Kern, einen taktischen Fehler begangen. In den vergangenen Jahren erfreute sich die Abteilung über immer mehr Mitglieder. Versäumt wurde aber der Blick darauf, dass ganz viele der hinzugestoßenen Fans vorrangig andere Interessen haben als Mitbestimmung und Einflussnahme. Was die Abteilungsleitung und andere Amtsinhaber freut, nämlich die eigene Bedeutung und die eigenen Gestaltungsmöglichkeiten bis hin zu einem Sitz im Vorstand, das ist der Masse der Mitglieder gar nicht mehr so wichtig gewesen. Sie wollen, das hat der 25. Mai gezeigt, einen anderen HSV als die „Supporters“-Führung. Insofern sind die Gedankenspiele, die Richtung Auflösung gehen, nur konsequent.

Was das nun für den HSV zu bedeuten hat? Schwer zu sagen. Keine Choreos mehr, keine meinungsstarken Fans, weniger Unterstützung von den Rängen?

Es gibt solche Lebensweisheiten, die besagen, dass dort, wo Altes stirbt, Neues entsteht.

Frohe Pfingsten

Lars

 

 

Beiersdorfer soll der neue starke Mann werden

20. Mai 2014

Tag zwei nach dem Klassenerhalt – und die Ungewissheit beim HSV hält an. Bei mir ist sie recht einseitig inzwischen, das gebe ich gern zu. Aber es gibt sie halt noch. Denn unabhängig davon, wie viele Leute am Sonntag für HSVPlus stimmen sollten, scheint ein Ende der Diskussionen um neue Strukturen noch lange nicht in Sicht. Am Montag hatte sich die „Allianz“ darum bemüht, auf Gefahren von HSVPlus hinzuweisen. Mit prominenten Unterstützern wie Eugen Block und Manfred Kaltz – und einer gehörigen Portion Populismus im Gepäck.

Heute, also am heutigen Dienstag, war nun HSVPlus an der Reihe. Initiator Ernst Otto Rieckhoff eröffnete die Pressekonferenz in den Räumlichkeiten, in denen die Bewegung am 3. September 2013 aus der Taufe gehoben worden war. Und es wurde eine Veranstaltung, die letztlich nur noch wenige Fragen offen ließ. Aber vor allem wurde es eine klare Kampfansage in Richtung Allianz, der man eben jenen Populismus gepaart mit falschen Behauptungen unterstellte – und teilweise auch nachwies. Allerdings werde ich mich hier jetzt nicht über die Scharmützel der zwei Lager einlassen, sondern mich auf die Kernpunkte der heutigen PK beschränken, die s ebenfalls in sich hatten.

Pressekonferenz der Initiative HSVPlus


Denn nach langem Spekulieren ließ der von den sechs vorgesehenen neuen Aufsichtsräten zum Vorsitzenden bestimmte Karl Gernandt verlauten, dass es im neuen Konstrukt von HSVPlus nur noch zwei Vorstände geben würde. „Einen Sport- und einen Finanzfachmann“, so Gernandt, der auf die Frage nach Marketingvorstand Joachim Hilke für diesen Posten nachschob: „Eher kein Marketingmann, sondern einer für die Finanzen.“ Soll heißen, für Hilke könnte ebenso wie Carl Jarchow, Oliver Scheel und Sportchef Oliver Kreuzer ab Montag nicht mehr zum Vorstand gehören.

Wobei das mit dem Montag so eine Sache ist. Eine sehr komplizierte, unvorhersehbare Sache, wie ich finde. Denn nominell würde das Konzept HSVPlus erst ab dem 1. Juli greifen, also auch das neue Personale erst im Juli seine Ämter einnehmen. „Ich gehe aber in einer Hansestadt davon aus, dass mit Anstand gearbeitet wird und die Amtsträger, so sie denn von der Mitgliedschaft abgewählt werden, auch abtreten“, sagt Gernandt, der nachschiebt: „Der Verlierer verliert mit Anstand – und verlässt anschließend das Schiff.“

Nun denn, ein frommer Wunsch, da ich weiß, dass keiner der Vorstände eingeplant hat, im Falle einer Abwahl abzutreten. Und im Aufsichtsrat sitzen die Gegner von HSV, von denen sogar angekündigt worden sein soll, im Falle einer Niederlage Protest gegen die Wahl einzulegen. Rechtlich scheint es da Ansatzpunkte zu geben, moralisch aber wäre das eine verheerende Situation für den HSV, der weiter und vielleicht sogar noch schlimmer handlungsunfähig würde. Zumal die 50 eingereichten Anträge die Veranstaltung unnötig in die Länge ziehen und am Ende zu einem verzerrten Abstimmungsergebnis führen könnten. Auch Gernandt sind die taktischen Geplänkel bewusst. Und deshalb warnt er: „Wir würden am liebsten sehen, dass die Abstimmung über das, was dem verein seit einem Jahr unter den Fingern brennt, am Anfang stattfindet.“ Daher setze er auf die Verhandlungsführung, die (irgendwie auch nicht so) überraschend nicht mehr von Dr. Peters sondern von dem thematisch behafteten aktuellen Aufsichtsratsboss Jens Meier übernommen wird. „Es wäre eine Riesenschweinerei in der Verhandlungstaktik, wenn hier Anträge zur Verschleppung der Veranstaltung genutzt werden.“ Ebenso wie eine mögliche rechtliche Anfechtung im Falle eines HSVPlus-Sieges Es ist für einen Verein, für den es bereits fünf nach zwölf ist, sicher das genaue Gegenteil von dem, was er jetzt braucht. Das wäre öffentlicher Selbstmord.“


Worin ich Gernandt zu 100 Prozent zustimme. Denn Fakt ist, dass sich der HSV ohne Bürgschaft von Klaus Michael Kühne schon jetzt gefährlich nah am Rande der Insolvenz bewegt hätte. Fakt ist auch, dass außer Speditionsmilliardär Kühne und überraschenderweise HSV-Sponsor Adidas niemand beim HSV das Angebot einer Bürgschaft eingereicht hat. Also auch kein Jürgen Hunke, obgleich dieser das medienwirksam in Aussicht gestellt hatte. Fakt ist auch, dass der HSV zu den zehn Millionen, für die Kühne bürgt, noch etliche Millionen braucht, um die Kaderzusammenstellung überhaupt erst so gestalten zu können, dass man nicht sofort wieder in Abstiegsnöte gerät. „Es ist nicht genau zu beziffern, aber es ist eindeutig, dass wir sparen müssen“, sagt Kreuzer. Zum einen, um die Lizenz nicht zu gefährden, zum anderen, „um Gelder frei zu bekommen für neue Spieler“.

Die Theorie von Manfred Kaltz gestern, das Geld würde beim Erfolg automatisch kommen, ist ebenso logisch wie falsch im Moment. Das Wunschdenken vieler Traditionalisten und solcher, die es gerade geworden sind, ist sogar naiv. Denn wenn uns die abgelaufene Saison etwas gezeigt hat, dann, dass der HSV seine Basis erneuern muss. Außerhalb – aber ganz sicher auch auf dem Platz. In der Mannschaft mangelt es massiv an Qualität und Führungsspielern – nein: Es ist schlichtweg keiner vorhanden. Nun kann man sagen „Dann müssen die Verantwortlichen eben nach ablösefreien Spielern suchen“. Aber reicht das? Zum jetzigen Zeitpunkt sind die besten Spieler längst von anderen Klubs unter Vertrag genommen, es ist lediglich noch ein zweifelhafter Restposten auf dem Markt. Ergo: Wenn man tatsächlich qualitativ zulegen will, muss man mit Ablösesummen rechnen. Und dafür ist, Stand jetzt, noch lange nichts vorhanden. Im Gegenteil, erst einmal muss eingespart werden. Und, noch wichtiger: Dafür bleibt keine Zeit.

Der mal wieder vorgeschlagene „Runde Tisch“ als Mittel zu einer Einigung der streitenden Parteien ist nicht einmal mehr als nett zu bezeichnen – er ist schlichtweg eine Verarschung der Mitglieder. Auf der einen Seite zu sagen, man kämpfe „bis zum letzten Atemzug“ gegen HSVPlus und auf der anderen Seite plötzlich die Ausgliederung zu befürworten, den Rest aber abzulehnen, das ist nicht mehr als ein taktisches Geplänkel, wie es stark an all das erinnert, was den Verein in den letzten Jahren hat niedergehen lassen. Es ist nicht mehr als der Versuch einzelner, ihre persönlichen Interessen – anders getarnt – durchzusetzen. Egal, ob es dem verein erst einmal schadet oder nicht. Denn damit wird, das wissen alle, kostbare Zeit vergeudet, die dieser HSV schlichtweg nicht hat. Wann bitte soll die Struktur derart verändert werden, dass sich Sponsoren und/oder Strategische Partner wieder angesprochen fühlen? Wann bitte wissen die Geldgeber überhaupt, wer ihr Ansprechpartner ist?

Dieser HSV reibt sich mal wieder darin auf, dass Eitelkeiten bedient werden. ES scheint immer noch zu viele Leute zu geben, die nicht einmal dann merken, was sie angerichtet haben, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Populistische Veranstaltungen wie Pressekonferenzen werden zumeist dafür genutzt, Ängste zu schüren und den Wähler des jeweils anderen Konzeptes zu verunsichern und umzustimmen. Die einen sprechen von unwiderruflichen, später schmerzhaften Verkäufen des Vereinstafelsilbers. Die anderen wiederlegen diese Ängste und bieten zumindest einen Lösungsweg an. Mit einem neuen Gesicht an vorderster Front: Dietmar Beiersdorfer.

Der für den Aufsichtsratsvorsitz vorgesehene Gernandt ließ heute keinen Zweifel daran, dass der Sportchef besserer Tage die neue Führungsfigur des HSV werden soll. Ein integrativer Typ, gegen den sich nicht einmal die Allianz ehren würde, wie ich gehört habe. Wie weit die Verhandlungen mit dem immerhin noch bis 2015 bei Zenit St. Petersburg unter Vertrag stehenden Beiersdorfer sind? „Es sieht gut aus“, so Gernandt, „er ist der einzige deutsche Fußballmanager, der international Anerkennung genießt. Davon haben wir nicht so viele, außer Didi Beiersdorfer. Es wäre fast fatal, wenn wir uns nicht mit ihm zusammensetzen würden, um zu hören, was er für Vorstellungen hat.“ Klar ist zwar, dass Beiersdorfer selbst sich aus Loyalität nicht zu einem neuen Job äußern will – aber ebenso klar ist, dass Gernandt Beiersdorfer nach Hamburg holen will. Schnell. Und das ist gut. „Didi Beiersdorfer genießt eine Hochachtung in unserer Gruppe“, fasst Gernandt die Stimmung der potenziell neuen Aufsichtsräte (Gernandt, Becker, Bönte, Nogly, von Heesen, Goedhart), „und ich wäre nicht ganz überrascht, wenn aus so einer Freundschaft auch ein personelles Umfeld werden kann. Dietmar Beisrdorfer steht ganz oben auf unserer Liste.“

Als „Carte blanche“ bezeichnete ein gut aufgelegter, kampfes- und unternehmungslustiger Gernandt den Verein, den er als „das Armenhaus der Nation“ bezeichnet. Denn bis heute hat der HSV für die neue Saison noch miesere Aussichten als in der Vorsaison. Die besten Spieler gehen (Lasogga) oder wollen weg (Calhanoglu) und es kommt wenig (Skjelbred, Rudnevs) dazu. Soll heißen: Aktuell ist der Kader schwächer als in der Vorsaison. Geld für neue Spieler fehlt. Und wo das enden könnte, muss ich nach der gerade erst abgelaufenen schlechtesten Saison der Vereinsgeschichte nicht erklären.

Daher gehe ich noch weiter: Wer jetzt nicht konzeptionell Gelder versprechen kann, kann nicht sofort helfen und gefährdet damit, die wahre „Seele des HSV“ zu verscherbeln: Den Erstligafußball. HSVPlus bietet die Möglichkeit, sofort und auf Sicht Gelder für den verein zu besorgen, ohne einen Verkauf von Anteilen als „zwingend“ zu bezeichnen. Und ausgerechnet die, die es fast geschafft hätten, dass der HSV das erste mal in der Vereinsgeschichte nicht in der ersten Bundesliga spielt, gerade wollen sich jetzt einer zweifellosen Mehrheit in den Weg stellen?

Einfach mal darüber nachdenken, liebe Leute.

Und dann wählen gehen. Viele Möglichkeiten hat dieser HSV nicht. Das haben die letzten Monate und Jahre ebenso deutlich gemacht, wie die letzten zwei Tage.

Bis morgen,
Scholle

P.S.: Weil ich es gefragt wurde: Die große Fehleranalyse beginnt in der kommenden Woche, da diese Tage noch zu sehr von der bevorstehenden Mitgliederversammlung geprägt sind. Noch werden wir von der Aktualität überholt. Ab kommender Woche werden wir dann den HSV 2013/2014 in einer tagelangen Serie sezieren und analysieren.

Nie zu früh zufrieden sein . . .

28. Juli 2013

Nur 25 000 Zuschauer, obwohl Inter Mailand da war. Das war schon enttäuschend zu sehen. Und irgendwie kann ich auch die Ernüchterung des HSV verstehen, denn die Herren haben sich – nach dem Nordcup vor einigen Tagen – auch diesmal Mühe gegeben, um den Fans einen Fußball-Leckerbissen zu präsentieren. Aber, und das muss ich auch ganz klar und sofort anfügen: Ich habe auch Verständnis für die, die daheim geblieben sind, denn:

Im vergangenen Jahr war der FC Barcelona da, mit der C-Truppe. In diesem Jahr war der FC Barcelona da, bei den Bayern. Mit der B-Truppe – und eine Halbzeit Messi. Das will kein Fan sehen, die fühlen sich nämlich auf den Arm genommen. Und solange sich die Vereine nicht solidarisch erklären, dass sie mit der bestmöglichen Mannschaft antreten werden, wenn es zu solchen Freundschafts- oder Testspielen kommt, solange werden die Stadion auch nur halbvoll sein.

Ein weitere Grund, warum die Arena so leer war: Live-Übertragung im Fernsehen. Bei diesem Wetter bleiben dann doch viele lieber daheim, denn der Weg zum Kühlschrank und zum kalten Bier ist bekannt und sehr kurz, und beim Trinken kann Mann die Beine hochlegen.

Boris Becker hat es ja kürzlich auf den Punkt gebracht, als er davon sprach, man solle nicht jede Busfahrt eines Bundesliga-Clubs live übertragen (gemeint waren wohl die Bayern), aber ich weiß nicht, ob solche Forderungen nicht in ein Ohr rein und aus dem anderen Ohr gleich wieder raus sind? Der HSV wurde übertragen, dann anschließend das 9:0 von Schalke gegen eine Scheich-Betriebsauswahl, am Abend dann – natürlich – das Super-Cup-Finale zwischen Bayern und Dortmund, zudem live auf Sky die Zweite Liga: erst Aue gegen Sandhausen, dann KSC gegen Pauli. Das alles zusammen ist doch mal ein Angebot – wer soll da noch ins Stadion gehen, Geld ausgeben, um sich eventuell zu ärgern, weil die Leistungen nicht stimmen – und bei der An- und Abfahrt dann eventuell noch in einen wunderschönen Stau am Elbtunnel (und sonst irgendwo) geraten.

Und noch einen Grund gibt es, und auch der muss noch kurz angesprochen werden: Mir haben viele „Matz-abber“ auch schlicht und einfach erklärt, dass sie immer noch ein wenig HSV-müde sind. Weil das eben kein Spitzenfußball ist, was da von den Rothosen gespielt wird – trotz des namhaften Gegners. Oder besser: Trotz des namhaften Clubs, der entweder mit der oder mit jener Mannschaft kommt, gerade wie es den Herren in den Kram passt. Vielleicht schreiben ja mal ein paar „Matz-abber“ darüber, warum sie nicht in den Volkspark gepilgert sind, um sich Inter Mailand und den HSV anzusehen.

Um schnell noch einmal auf den deutschen Super-Cup zu kommen:

Der FC Bayern hat ja auch sehr viel zurück gespielt, aber das ist vielleicht der neue Trend in der Liga. Vorgegeben – natürlich – vom HSV, denn der spielt schon seit Jahren so. Nun sogar die Bayern. Die Spanier nennen es – eingedeutscht: Tiki-Taka. In München nennen sie es wohl demnächst, bei dem Hype um Guardiola, „Pepi-Paka“. Und beim HSV müsste es dann „Finki-Fanka“ heißen. Das Kind muss doch einen Namen haben.
Also, ich war beim Zurückspielen. Dabei haben die Bayern ihren Torwart, das war satt Manuel Neuer diesmal Tom Starke, gelegentlich richtig schön schwindelig gespielt. Allein Lahm und van Buyten hatten wohl (gefühlt) jeweils 40 Rückpässe zum Torwart! Das sah stark aus. „Pepi-Paka“ eben. Und apropos Starke. Der ehemalige HSV-Torwart sah ja nicht immer so gut aus (nicht nur beim 0:1), und deshalb muss man schon sagen: Es gibt einen Punkt, da ist der HSV dann doch den großen Bayern klar überlegen. Das ist die Position des zweiten Torhüters. Mit Jaroslav Drobny, dem großen Schweiger, hat der HSV eindeutig den besseren Ersatztorwart. Das hat der Tscheche auch gestern erneut und eindrucksvoll bewiesen. Ich weiß nicht, ob sich der „FC PepGuardiola“ (oder wie der ZDF-Poschmann so lässig und weltmännisch und oberlehrerhaft sagte: „Guuhhooohhhuuuuhhaardioolaa“ – hat der Posch-Mann genervt!) nach diesem 2:4 gegen Dortmund nicht doch noch schnell nach einem neuen zweiten Mann zwischen den Pfosten umsehen wird. Überall gibt es die Doppelbesetzung mit zwei Weltklasse-Spielern, nur im Tor nicht. Und diese Position ist ja auch nicht ganz so unwichtig, wie mir scheint. Zudem haben die Bayern in ihrer Portokasse ganz sicher noch die eine oder andere Million, um noch einmal zuschlagen zu können – auf dem Transfermarkt.

Das will der HSV ja auch noch. Ohne die eine oder andere Million noch in der Porto-Kasse zu haben. Dass Christian Norgaard nun nach Dänemark wechseln wird (oder soll), dürfte die finanzielle Situation beim HSV nicht großartig und nachhaltig tangieren. Im Sturm soll ja noch etwas passieren – obwohl da gegen Inter ja durchaus etwas passiert ist. Artjoms Rudnevs hat getroffen. Und er hatte dazu noch einige gute und große Chancen auf dem Schlappen – der Junge scheint doch wieder zu kommen. Und wenn ich sehe (und höre), wie der Lette fast enthusiastisch gefeiert wurde, erst bei seinem Tor, dann bei seiner Auswechslung, dann glauben auch die Fans weiter und zu 100 Prozent an ihn. Glückwunsch. Damit wäre doch das Problem eigentlich gelöst. Denn Jacques Zoua ersetzt Heung Min Son, und dazu hat der HSV ja auch noch Maximilian Beister. Da aber ja meistens doch nur mit einer Spitze gespielt wird, dürfte die Wahl auf Artjoms Rudnevs fallen. Bei einer solch großen Beliebtheit des Torjägers wäre der HSV doch dumm, wenn er noch Geld für einen weiteren Stürmer ausgeben würde – zumal es ja Geld wäre, das der Club ja gar nicht hat.

Die Fans waren ja zufrieden – nicht nur mit Rudnevs. Viel Beifall gab es nach dem Schlusspfiff des guten Schiedsrichters Florian Meyer (der seinen internationalen Platz übrigens freiwillig an Deniz Aytekin abgetreten hat, so etwas gibt es auch noch!). Und allgemein herrschte beim HSV eine rundherum große und volle Zufriedenheit. Sportchef Oliver Kreuzer hatte „ein starkes Spiel des HSV“ gesehen, und auch Trainer Thorsten Fink war zufrieden. Er resümierte nach dem 1:1: „Wir haben eine ordentliche Leistung gezeigt, Inter Mailand ist ja eine taktisch sehr gute, spielerisch gute und dazu auch clevere Mannschaft, aber dennoch haben wir die Italiener weitgehend im Griff gehabt – bis auf die ersten Minuten. Das waren ja die ersten Aktionen des Spiels, da dürfen sie einfach nicht rauskommen, da hinten links – ansonsten war ich mit der Defensivleistung meiner Mannschaft zufrieden. Auch mit der Offensiv-Leistung, denn wir hatten ja einige gute Chancen, wir haben auch über die Außenpositionen Akzente gesetzt und viel gemacht – spielerisch war das teilweise schon sehr gut anzusehen. Deswegen kann man heute zufrieden sein. Aber es war ein Freundschaftsspiel, die Zuschauer waren auch zufrieden und haben geklatscht, letztlich aber zählt es erst beim ersten Pflichtspiel – und das ist das DFB-Pokalspiel in Jena.“

Das steht am kommenden Sonntag auf dem Programm, vorher, am Mittwoch, gastiert der HSV noch zu einem Benefizspiel bei Dynamo Dresden.

Über das Rudnevs-Tor befand Thorsten Fink: „Ich bin über jedes Stürmer-Tor froh, es ist mir immer lieber – weil jedes Tor ja Selbstvertrauen gibt. Und dann kommen auch die Diskussionen nicht immer auf, wie lange ein Stürmer nicht getroffen hat. Jetzt hat ein Stürmer getroffen, deswegen tut das dem Stürmer und auch der Mannschaft sehr gut.“

Den HSV-Fans hat es auf jeden Fall schon mal sehr gut getan, sie waren voll zufrieden: „Ruuuuhhuuuudnevs, Ruuuuuhhuuudnevs.“ Was ein Tor doch so auslösen kann.

Ich denke aber generell, dass ich das Wort „zufrieden“ schon viel zu oft in dieser Vorbereitungsphase gehört habe. Selbst nach einem 1:3 gegen West Ham United herrschte ja voll Zufriedenheit, denn der HSV war spielerisch die bessere Mannschaft, war in beiden Halbzeiten überlegen. Ob es dann trotz der Niederlage gut ist, wenn man „zufrieden“ ist – und es dann auch noch öffentlich sagt, das wage ich zu bezweifeln. Irgendwie besteht doch die Gefahr, dass man die eigenen Spieler einlullt. Die verlieren (oder spielen nicht gerade berauschend), und trotzdem sind die Verantwortlichen zufrieden. Wie sieht das dann am 11. August auf Schalke aus? Der HSV verliert 1:3, aber alle sind zufrieden, weil der HSV spielerisch die bessere Mannschaft war?

Mir hat als Spieler ein Trainer gefallen, wenn er trotz eines Sieges in einem Vorbereitungsspiel jene Punkte kritisch angesprochen hat, die noch deutlich verbesserungsfähig waren. Und dass dieser HSV, auch dieser HSV (!), noch Punkte hat, die zu verbessern wären, davon gehe ich mal ganz verstärkt aus. Man sollte, das gilt generell für das Leben, nie zu früh zufrieden sein, das könnte sich schnell rächen. Und wenn ein Trainer – auch öffentlich – diese oder jene spielerischen Missstände innerhalb seiner Mannschaft betont, so weckt er damit die Aufmerksamkeit seiner Spieler. Sagt er aber immer wieder, dass er zufrieden sei, dann können die sich ja beruhigt zurücklegen, sich auf die Schultern klopfen und sich sagen: „Siehst du, wir haben zwar nicht gewonnen, aber anscheinend haben wir alles richtig gemacht – selbst der Alte ist zufrieden mit uns . . .“

Thorsten Fink, das will ich aber nicht verheimliche, hat nach dem 1:1 gegen Inter auch gesagt: „Wir wollen das alles nicht überbewerten, Inter ist erst seit zehn Tagen im Training. Wir müssen noch zulegen, ein wenig mehr Frische zeigen, wir müssen auch noch effektiver im Abschluss werden, denn die eine oder andere gute Chance hatten wir und haben sie liegen gelassen, und dann müssen wir die eine oder andere Unkonzentriertheit noch abstellen.“

Drei Dinge habe ich noch, bezogen auf das Mailand-Spiel, anzumerken.

Rafael van der Vaart trat erneut nicht übermäßig oft oder viel in Erscheinung, obwohl ich den Verdacht hatte, dass er um die 50. bis 65. Minute herum leicht zulegen konnte. Insgesamt aber ist es immer noch viel zu wenig. Deswegen war ich auch enttäuscht, als ich vor dem Spiel die Aufstellung in Händen hielt: Kerem Demirbay und Hakan Calhanoglu nur auf der Bank. Schade, schade. Wenn nicht jetzt, wann dann? Gerade Demirbay hatte bislang eine sehr gute Vorbereitung gespielt, ihn, einer der jungen Wilden im HSV, hätte ich gerne mal über 90 Minuten gegen eine so ausgebuffte Mannschaft wie Inter gesehen. Thorsten Fink aber vertraute den „Alten“, setzte lieber auf das Bewährte. Das ist seine Linie, er ist der Boss, er hat das Sagen – ich denke aber, dass ein „junger Sprinter“ dem HSV-Spiel ganz gut getan hätte, ganz gut tun würde. Aber was (noch) nicht ist, kann ja noch werden. Und irgendwann wird ein Trainer ja auch mal zu seinem Glück gezwungen, wer weiß?

Mit Lasse Sobiech stand so nur ein „Neuer“ in der Anfangsformation des HSV. Und der junge Innenverteidiger hatte einige Szenen, in denen er nicht gerade souverän wirkte. Nervosität? Kann sein. Es war ja kein leichtes Spiel und kein leichter Gegner. Dennoch wird er zulegen müssen, wenn er seinen Platz in der Mannschaft beanspruchen will. Dann muss er besser sein, als diejenigen, die nun den HSV verlassen sollen. Dazu, fällt mir jetzt gerade ein, zählt ja auch immer noch Paul Scharner. Auch ein Beispiel, dass man nicht immer dann kaufen sollte, wenn man mal eine Idee hat. Warum hat der finanzschwache HSV den Scharner Paul überhaupt gekauft? Weil Bedarf bestand? Den sah ich damals nicht, den sehe ich heute erst recht nicht. Aber das nur mal am Rande.

Der dritte Punkt ist der Torwart. Rene Adler fehlte lange verletzt, ist nun wieder im Training. Reicht das bis zum Schalke-Spiel? Ich glaube nicht. Ich erinnere mich noch an das 1:5 von Hannover, als Adler einen rabenschwarzen Tag hatte. Damals hatte er ein Spiel zuvor verletzungsbedingt gefehlt, natürlich auch wenig Training gehabt – und dann das Debakel. Für ihn und für den HSV. Deswegen denke ich, dass Drobny auch auf Schalke beginnen wird, denn der Tscheche ist voll im Saft, Adler hat noch schwer aufzuholen. Und tut sich und seiner Karriere (in der Nationalmannschaft) sicherlich keinen Gefallen, wenn er nur mit 70 oder 80 Prozent zwischen die Pfosten geht. Thorsten Fink sagt zu diesem Punkt (ob Drobny oder Adler?) diplomatisch: „Es kommt darauf an, wie viel Zeit Rene Adler braucht. Diese Zeit gebe ich ihm natürlich. Er sagt mir, wenn er sich hundertprozentig fit fühlt, wenn er sich gut fühlt, dann soll er auch spielen, das ist ganz klar. Letztlich aber braucht er auch ein bisschen Training, um Spielpraxis für Pokal und Meisterschaft zu haben.“
Das wird Rene Adler aber wohl auch wissen – und bestens einschätzen können.

PS: Training morgen (am Montag) nicht.

PSPS: Den deutschen Fußball-Frauen herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Europameisterschaft! So ersatzgeschwächt, und trotzdem gewonnen – das ist hervorragend. Und: Bei solchen Schiedsrichter-Leistungen (die Elfmeter!) in der Männer-Bundesliga würde ich mit Fußball aufhören – und zwar sofort.

17.53 Uhr

Die Noten für die Klubführung

26. Dezember 2012

Das Weihnachtsfest 2012 ist in wenigen Stunden Geschichte, die Herren, über die nun zu lesen sein wird, sind ebenfalls Geschichte – oder sie werden es in nächster Zeit. Es geht um die Hinrunden-Bilanz, und da sind diesmal nicht die Jungs in den kurzen und roten Hosen dran, sondern jene Herren, die die Zügel in der Hand haben. Die fast frühlingshaften Temperaturen haben für eine gewisse Milde im Land gesorgt, vielleicht auch im Blog – bei mir ohnehin, denn ich werde, wenn es um die Belange des Vorstands geht, kein Wort mehr über die Vereinsführung von Februar 2003 bis ins Jahr 2011 verlieren. Das wird wahrscheinlich die meisten erfreuen, vielleicht aber wird der eine oder andere User enttäuscht abwinken, was ich über die jetzige Vereinsführung denke – und schreibe. Ich kann aber versichern, dass das, was nun folgt, meine Gedanken zu 100 Prozent sind, und dass das nichts mit dem Frühling und dessen Milde Ende Dezember 2012 zu tun hat.

Vorausschicken möchte ich schnell noch, dass ich seit der Ära von Dr. Wolfgang Klein, der HSV-Präsident von Dezember 1979 bis November 18987 war, über den Klub berichte (und schreibe). Klein ging in die Geschichte des HSV als erfolgreichster Klub-Boss ein, unter seiner Führung wurden schließlich nicht nur Meisterschaften geholt, sondern auch der Europapokal der Landesmeister gewonnen. Das ist zu 100 Prozent gut, keine Frage. Aber, und nun kommt das aber, in dieser Zeit, vor allen Dingen aus dieser Zeit konnte der HSV keinerlei Nutzen ziehen. Im Gegenteil, der HSV war erfolgreich, verkaufte aber mit diversen Häusern fast sein ganzes Klub-Vermögen. Horst Hrubesch hat es hier vor ein paar Tagen gesagt: „Während beim FC Bayern die Erfolge und das dadurch eingespielte Geld in die Mannschaft investiert wurde, profitierte beim HSV der Gesamtverein vom Geld der Europapokalsieger.“ Und weg waren die Dollars . . . Es gab also schon immer (oder schon früher) arge Finanzprobleme, das ist in diesen Zeiten nichts Neues.

Nach Wolfgang Klein waren Ernst Naumann, Horst Becker, Jürgen Hunke, Ronald Wulff, Uwe Seeler, Werner Hackmann (kommissarisch), Rolf Mares, Werner Hackmann und nochmals Ronald Wulff (kommissarisch) bis 2003 an der Spitze des Vereins. Ich schreibe das deswegen, weil ich somit etliche Präsidenten erlebt habe, mir also ein Bild machen kann, von dem, was damals so gelaufen ist – und was heute läuft.

Dass Carl-Edgar Jarchow vor eineinhalb Jahren ein schweres Amt übernommen hat, ist kein Geheimnis, dürfte jedem bekannt sein. Ich habe sie noch im Ohr, die Stimmen von jenen HSVern, die für dieses Amt infrage gekommen wären, die aber – schon bevor sie gefragt wurden – entsetzt das Weite gesucht haben, indem sie sagten: „Ohne mich, diese finanziellen Aufbauten des Klubs durchschaue ich nicht, wird niemand mehr durchschauen – das soll ein anderer machen . . .“ Jarchow wurde es, und ich habe nicht gedacht, dass er bis heute noch im Amt sein würde. Eher hatte ich befürchtet, dass er schon nach wenigen Monaten den Bettel hinwirft und ebenfalls das Weite suchen würde. Denkste. Der Mann hält durch. Tapfer, tapfer – ich sage: bewundernswert.

Wobei ich sehr wohl weiß, dass Carl Jarchow nicht jedermanns „Geschmack“ ist. In letzter Zeit aber, vornehmlich in den letzten Monaten, begegne ich immer mehr Leuten, die einst ganz anders über den heutigen HSV-Vorstandsvorsitzenden gedacht haben, als heute. Zuletzt war das in diesem Dezember der Fall, als Jarchow eine Ehrenamts-Veranstaltung des Hamburger Fußball-Verbandes besuchte. HFV-Sprecher Carsten Byernetzki und ich sprachen in einer Talkrunde etwa 30 Minuten mit Jarchow – über den HSV. Und als der Boss gegangen war, kamen drei Ehrenamtler (unabhängig vorneinander) zu mir und sagten das, was ich zuvor schon einige Male auch von „Matz-abbern „gehört hatte: „Der ist ja ganz anders, als ich gedacht habe, der ist ja sympathisch und wirkt auch kompetent auf mich.“ Ein Mann war dabei, der sogar ans „Eingemachte“ ging: „Mein Sohn schreibt im Internet in einem HSV-Forum mit, den höre ich immer nur über Jarchow schimpfen und meckern. Ich werde ihm mal sagen, was ich nun denke – Jarchow ist ein guter Mann.“

Der in meinen Augen auch so langsam wieder Grund in den HSV bekommt. Auch wenn die Zahlen etwas anderes belegen (wollen). Natürlich hat der HSV in Jarchows Ära weit über seine Verhältnisse gelebt, natürlich stehen am Ende dieses Jahres tiefrote Zahlen zu Buche, werden sie auch 2013 noch so stehen – oder vielleicht auch noch schlechter, aber: Dieser Vorstand hat es im Griff, und dieser Vorstand musste so handeln, andernfalls wäre die Gefahr riesig gewesen, dass der HSV sehenden Auges in die Zweite Liga marschiert. Ich werde Jarchow und Co auf jeden Fall stets dankbar dafür sein, dass quasi in letzter Sekunde die Reißleine gezogen wurde. Der HSV, so hat es auch (noch einmal) Horst Hrubesch gesagt, wird „nicht in dieser Saison absteigen, und auch nicht in der nächsten“. Weil im Vorstand Mut bewiesen wurde. Das war kein Harakiri-Einsatz, sondern ein dickes Muss. Denn kein Mensch konnte doch vorhersehen, dass mit Fürth und Augsburg zwei Absteiger (fast) schon feststehen. Da unten hätte auch der HSV herumkrebsen können (nach der Vorgeschichte 2011/12), und deswegen mussten Millionen, die der Klub nicht hatte, locker gemacht werden.

Nebenbei soll der „Campus“ im Volkspark gebaut werden, es wird also – quasi nebenbei – auch an der Zukunft des HSV gearbeitet, sodass man sagen kann: es tut sich was. 2015 ist, bis auf Pille-Palle-Kosten, die Arena abbezahlt, es ist also Land in Sicht. Und ich würde mich freuen, wenn Carl-Edgar Jarchow dann noch immer an der Spitze des HSV stehen würde. Wenn ich ihn mit allen Präsidenten, die vorher in diesem Amt waren, vergleiche, dann würde Jarchow von mir eine Schulnote 2,5 erhalten. Er hat ganz sicher schon viel Gutes bewirkt, auch wenn das viele HSVer wahrscheinlich nicht sehen, nicht sehen wollen.

Gleiches kann und werde ich nur über Joachim Hilke, den „Mann an seiner Seite“ sagen. Erstens wird in diesem vierköpfigen Vorstand vertrauensvoll zusammen gearbeitet, es ziehen alle Männer an einem Strang, es gibt keinen Alleinherrscher, es gibt ein faires Miteinander – und daran hat auch Hilke einen ganz entscheidenden Anteil. Ich kann wirklich sagen, dass wenn ich mich mit „Alt-Internationalen“ des HSV unterhalte, dass von zehn Leuten neun voller Lob über diese Klubführung sind, und dass alle, tatsächlich alle auch von Hilke überzeugt und begeistert sind. Mal abgesehen von dieser unsäglichen „Viagogo“-Nummer, aber das wissen längst alle – auch Joachim Hilke, dass das eine große (einmalige) Fehlleistung war. Aber die Herren, das kann man daran sehen, versuchen eben alles, um an Gelder für den HSV zu kommen, dabei wird eben auch mal über das Ziel hinausgeschossen. Abgesehen davon, dass dieser Deal im Sommer 2013 erledigt sein wird (der oder die Prozesse, die noch folgend werden, vielleicht noch nicht ganz!), hat Joachim Hilke in Sachen Finanzen bislang (seit Frühling 2011) ganze Arbeit geleistet. Und wird es auch weiterhin tun. Der Mann weiß genau, was er tut – und er ist in diesen (Finanz- und Marketing-)Kreisen ein anerkannter Fachmann. Auch er erhält von mir die Note 2,5.

Der „dritte Mann“ in diesem Vorstand ist Oliver Scheel. Der Herr für die Fans, für die Mitglieder-Belange. Kein einfacher Job, muss ich gestehen, denn die Fans erwarten viel von ihm (Rückdeckung zum Beispiel), und der Vorstand erwartet, dass er die Fans „gut im Griff“ hat, was, wie wir alle wissen, eher eine fast unlösbare Aufgabe ist. Und ich denke mal, dass diesbezüglich noch einige Dinge zu besprechen sein werden, wenn ich so an die Vorfälle in Sachen Pyrotechnik (in Düsseldorf und auch in Leverkusen) denke. Ich wünschte mir gelegentlich ein entschiedenes Wort von Scheel, wenn es um solche lebensgefährlichen Sachen geht, aber ganz offenbar will er es sich mit niemandem verscherzen. Ich sehe ein, dass das in vielen Fällen auch ein Tanz auf der Rasierklinge für ihn ist, aber dennoch darf ein HSV-Vorstandsmitglied seiner Entrüstung über ausartende Fan-Aktivitäten doch lautstärkeren Ausdruck verleihen, als das in den zurückliegenden Monaten der Fall gewesen ist. Irgendwann sollte dann auch mal Schluss mit lustig sein, so schwer es (Oliver Scheel) auch fällt. Deswegen gibt es auch nur die Note vier.

Und wer nun entsetzt war, dass ich den „Zweiten Mann“ bislang nicht erwähnt habe, dem muss ich sagen, dass ich das mit Bedacht gemacht habe. Weil Sportchef Frank Arnesen doch – auch wenn er der Zweite Vorsitzendes des HSV“ ist, irgendwie ein „Einzelkämpfer“ ist. Der Däne ist für den An – und Verkauf im Klub zuständig, und das macht er fast im Alleingang, eher aber noch mit Trainer Thorsten Fink zusammen, als mit den Vorstandskollegen. Obwohl ich sehr wohl weiß, dass auch Jarchow und Hilke an „gewissen“ Verpflichtungen „mitgewirkt“ haben. Trotz allem steht Arnesen für die sportliche und personelle Seite der Klubführung, und da der ehemalige dänische Nationalspieler im Sommer verschiedentlich und teilweise auch recht rustikal „angeschossen“ worden war (auch von den Medien, keine Frage, aber nicht nur von ihnen!), muss man nun, nach einem halben Jahr, feststellen, dass Arnesen nicht schlecht gearbeitet hat.

Die meisten Einkäufe tragen das Prädikat „gut“, der Alleingang von Arnesen, der unter dem Namen „Adler“ läuft, wird sogar „Weltklasse“ genannt. Und da mit dem Karlsruher Hakan Calhanoglu bereits der nächste „Hammer“ feststeht, ist vieles von dem, was Frank Arnesen zu erledigen hatte, aufgegangen. Trotz aller Kommentatoren-Tätigkeit während der EM 2012, trotz der Tatsache, dass er nicht jeden Spieler, der zum HSV kommen sollte (weil Thorsten Fink ihn haben wollte), gekommen ist. Schlechter bewertet werden muss an der Tätigkeit von Arnesen, dass er den HSV mit einem viel zu großen Kader in die Saison starten ließ. Das kostet! Jetzt wird sich zeigen, ob der Däne auch das Handwerk des Verlaufens versteht, denn der HSV-Kader muss dringend, händeringend abgespeckt werden, um an den Finanzen positiv zu arbeiten. Ich bin noch ein wenig skeptisch, ob es Frank Arnesen zufriedenstellend gelingen wird, die HSV-Spieler, die „über“ sind, auch tatsächlich an einen anderen Verein bringen kann und wird. Deswegen auch erst einmal nur eine vorsichtige Note 3,5.

Letzter in diesem Bunde ist der Trainer. Ich hatte lange Zeit das Gefühl, dass Thorsten Fink sich damit schwertut, in Hamburg anzukommen. Diese Skepsis zog sich bis in diese Saison hin. Nach dem verkorksten Start allerdings, als es dann bergauf ging, da war für mich der Fink „voll“ da. Ich habe zuvor immer auch zu mir gesagt: „Okay, der Mann kommt vom großen FC Bayern, der ist ganz anderes gewöhnt, der schwebt immer noch in viel, viel höheren Sphären – und kann sich mit den Hamburger Verhältnissen immer noch nicht so recht anfreunden.“ Vielleicht hat dieser Umstellungsprozess ein wenig länger gedauert, als es der Coach wollte – vielleicht. Zumal die Bundesliga ja für ihn als Trainer ebenfalls Neuland war. Ich habe jetzt aber das Gefühl, dass Thorsten Fink Hamburger geworden ist, und dass er mit diesem HSV (seinem HSV?) noch einige wird bewegen können. Er war als Spieler, bereits in Wattenscheid, immer einer, der die Ärmel hochgekrempelt und zur Sache gegangen ist, das wird er nun auch hier im Volkspark zeigen.

Wenn man ihn denn machen lässt. Da aber der Klub in den nächsten Jahren absolut auf Kontinuität setzen will und wird (der „Fall Oenning“ schmerzt den Oberen immer noch sehr, das weiß ich!), dürfte sich an der Position des Trainers auf absehbarer Zeit nichts ändern – nicht einen Millimeter. Und das ist gut zu wissen, wir alle! Nicht nur für die Spieler, aber auch. Es sei denn, Fink begeht noch einige Fehler jener Art, sich über die zu lange Bahnfahrt in den Westen zu beschweren. Das, und das kann ich aus erster Hand sagen, das gefiel der Klubführung nicht wirklich gut, und ich kann nur hoffen, dass das auch der Coach inzwischen weiß.

Was ich Fink als Medienmann noch hoch anrechnen muss: Trotz aller schlechten Zeiten, die es während der Fast-Abstiegssaison durchaus gab (und nicht nur da!), ist der Trainer nicht ausgeflippt, nie laut geworden, hat sich nie lautstark (über eine eventuell zu harte Kritik) beschwert. Kompliment, Her Fink, das als ehemaliger Star des FC Bayern – das ist klasse. Und souverän. Das haben wir in Hamburg auch schon ganz anders erlebt, ich könnte da aus der Schule plaudern . . . In diesem Punkt darf Thorsten Fink durchaus so weitermachen, er bekommt von mir das Zwischen-Zeugnis 3,5.

Schnell noch ein kurzer Schwenk zum immer noch viel zu großen Aufsichtsrat. Es gab, das ist schon Tradition, so manche Turbulenzen, vor allen Dingen um den Rücktritt von Ernst-Otto Rieckhoff, doch auch das hat der Klub verdrängt und überstanden. Die große Bewährungsprobe wird im nächsten Jahr kommen, wenn dieser Rat eine neue Zusammensetzung erhält – eine Ansammlung von Fans. Ich denke, dass es dann ganz leicht wieder zu mehr Turbulenzen kommen wird, kommen könnte. Die Zeiten, als ein Udo Bandow den ganz Laden bestens im Griff hatte, sind vorbei, aber sie könnten dann – trotz des gelegentlichen Ärgers im Verrat – zum Vorbild genommen werden, wie man es dann doch besser machen sollte. Ich bin gespannt. Sehr gespannt sogar. Und gebe diesem HSV-Aufsichtsrat, bei dem ich den Verlust von Alexander Otto, sehr, sehr bedauere, die Note (gerade noch) vier.

Insgesamt, so denke ich, befindet sich der HSV aber doch wieder auf einem guten Weg der Besserung. Diese Prognose wage ich einmal. Und ich kann alle Skeptiker beruhigen, ob Joachim Hilke und Carl-Edgar Jarchow wirklich die richtigen Männer an der Spitze sind: Beide Herren waren in diesem Herbst zu Gast bei „Matz ab live“, und wer sie (einer sah die Düsseldorf-Pleite, der andere das Leverkusen-Debakel) dabei „abgehen“ sah, wie sie mitfieberten, wie sie gestikulierten, wie sie schrien, wie sie voller Entsetzen aufsprangen und ihre Hände vor das Gesicht schlugen, der weiß, dass da nicht irgendwelche „coole Geschäftsmänner“ (oder Politiker – wie Jarchow), die dem Klub rein zufällig über den Weg gelaufen sind, am Werke sind, sondern HSVer durch und durch. „Wir sind eben auch nur und in erster Linie HSV-Fans“, sagte Carl-Edgar Jarchow im Schnelsener „Champs“ (unserem Übertragungs-Restaurant) zu mir, als ich ihm erstaunt sagte, dass ich ein solches Mitgehen weder von ihm noch von Hilke erwartet hätte.

„Wir sind eben auch nur und in erster Linie HSV-Fans.“ Welch ein schöner Abschluss dieser Bilanz.

So, nun bin ich für den “Zweeiten” durch, ich möchte aber nicht vergessen, für die immer noch so zahlreich kommenden Weihnachtswünsche an Frau M. und mich zu bedanken. Ihr seid schon klasse. Extraklasse!
Ein kleines Gedicht aus dieser Reihe habe ich schnell noch, auch dafür ganz herzlichen Dank (heute angekommen):

Lieber guter “Matze-Mann”

Du schreibst hier an den Weihnachtsmann
er möge den HSV beglücken
und wieder an die Spitze rücken
er soll besorgen die Millionen
die sich dann wohl doch nicht lohnen….
in Säcken soll die Kohle liegen
denn die Profis möchten fliegen
denn das ist ein Hochgenuss
statt eine Fahrt mal mit dem Bus
Wie gerne denke ich an Zeiten
als die Spieler konnten Freude bereiten
da waren die Fans euphorisiert
weil auf dem Rasen was passiert
heute muss es ein goldener Teppich sein
und die Spieler treten doch drauf ein

Ach, so früher am Rothenbaum
das war schön anzuschauen
die Spieler kamen in bescheidenen Wagen
über Nichtigkeiten gab es keine Klagen
Im Volkspark gab es zumindest Fussball pur
heute höre ich über Geld und Skandale nur
Während heute schon die Pässe “kranken”
gab` s für Uwe von Charly präzise Flanken
Keegan dieser Wirbelwind
war der Liebling ganz geschwind
dann allmählich krankte es immer mehr
viele Trainer mussgen her
doch statt Europa und Pokal
spielte man Durchschnitt und banal
So mancher kam betrogen sich vor
wechselte beispielsweise ans Millerntor….

Während heute viele in Erinnerungen träumen
und vor Wut oft überschäumen
nimmt Gewalt und Überfluss seinen Lauf
keine Fairness, man haut nur auf die Gegner drauf
Ach Dieter, und Du lieber Weihnachtsmann
wie man das nur aushalten kann
Vielleicht hat der Weihnachtsmann statt Geld
Ideen, zur Hilfe dieser Fussball-Welt
z.B. mal im Umland schauen
und mehr auf Talente bauen
Gehälter nach oben begrenzen lassen
die Stars könnten`s wohl kaum fassen.

Kurzum, glauben wir wieder an das Gute
der Weihnachtsmann lässt stecken seine Rute
Wir sind mit Mittelmass nur dann zufrieden
wenn Fans sich nicht mehr so “bekriegen”
Fussball pur, Fairness ohne Ausschreitungen
keine Übertreibungen in den Zeitungen
Und für Dieter schöne HSV-Spoiele auf grünem Rasen
klappt es nicht, frag` nach Verstärkungen den Osterhasen….!

Ganz liebe Grüße aus Hasloh! Dein “Backhus”-Kollege Jörn K.

17.19 Uhr

Weniger Worte – mehr Taten, bitte!

22. Mai 2012

Er wird immer wieder erkenntlich. Der Grund, weshalb Sport und Politik strikt getrennt gehören, offenbart sich beim HSV schon in den kleinsten vereinspolitischen Entscheidungen. Dieser HSV hat es geschafft, dass vereinsintern „Fraktionen“ (Supporters, Wirtschaftsweisen, Realos, Initiative Pro HSV etc.) gebildet werden. Ein deutschlandweit in diesem Ausmaße einzigartiges Szenario. Zwar kommt es immer wieder mal vor, dass bei anderen Bundesligisten politische Scharmützel ausgetragen werden. Allerdings legen sich diese nach Paukenschlägen von verdienten Vereinsgrößen wie beispielsweise Uli Hoeneß (gegen die FCB-Ultras) schnell bei. Und wenn diese Persönlichkeiten fehlen oder wie beim HSV (Netzer, Magath) nicht wollen – führen sie wie beim 1. FC Köln irgendwann in den sportlichen Misserfolg.

Nun kann man sagen – und das zurecht – dass der HSV diesen Level spätestens in dieser Saison beschritten hat und mit etwas Geschick aber noch mehr Dusel den Erstligaverbleib sichern konnte. Allerdings, wer jetzt verteufelt, was sich beim HSV aktuell abspielt, der hat jahrelang nicht aufgepasst. Dieses politische Treiben innerhalb des Aufsichtsrates gab es vorher schon. Und auch vereinsintern wurden in den letzten Jahren Fraktionen gebildet. Vornehmlich ging es dabei um die, die Bernd Hoffmann folgten und die Supporters. Letztgenannte hatten immer wieder Probleme mit dem rigorosen Führungsstil Hoffmanns. Zwar schwiegen sie auf den Jahreshauptversammlungen zumeist, weil der sportliche Erfolg da war und der HSV in der Uefa-Rangliste beständig kletterte. Allerdings waren unter den Supporters ebenso wie in dem eingenommenen Aufsichtsrat ausreichend Gegner Hoffmanns, die nur auf den Tag des Misserfolges warteten. Und als dieser Tag kam – traten sie übel zu – und Hoffmann musste gehen.

Besser geworden ist seitdem allerdings nichts. Im Gegenteil: seitdem der HSV sich von dem damals intern unter anderem als machtorientiert geltenden Ex-Vorstandsvorsitzenden getrennt hat, brodelt es mehr denn je, weil plötzlich alle zuvor kleinlauten Fraktionen das Gefühl haben, sich einen Teil der von Hoffmann zurückgelassenen Beute sichern zu können. Alle werden gierig. Und unter dem Deckmantel der treuen Vereinssorge mobilisieren die Fraktionen möglichst viele Anhänger und versuchen, ihre Ideen in Satzungsänderungen auf lange Sicht zu etablieren. Der Kampf um die Macht ist mehr denn je entfacht.

Dass dabei nicht nur egoistische Ziele verfolgt werden will ich an dieser Stelle gar nicht bezweifeln. Aber in der Masse der vereinspolitischen Querelen gehen diese nur zu leicht unter und führen das objektive Mitglied in einen unüberwindbaren Irrgarten der politischen Interessen. Oder wisst Ihr, wer mit wem was erreichen will?

Nein, das wissen nur die wenigsten. Eigentlich wissen das sogar nur die Urheber und Steuermänner der Fraktionen. Und selbst die verlieren oft die Orientierung. So, wie es Bernd Hoffmann nach dem Aus von Dietmar Beiersdorfer erging. Plötzlich hatte er das komplette Feld für sich – und dies wurde ihm zu groß. Der verdiente Vorstandsvorsitzende mit der Qualität, den HSV finanziell zu führen, wurde Opfer seiner eigenen Politik. Plötzlich musste er alle Felder – Wirtschaft, Vereinspolitik in- und extern und fatalerweise auch den sportlichen Bereich führen – und ging daran kaputt.

Dennoch, für alle, die hier noch immer große Anti-Hoffmann-Blogs vermuten: dem ist nicht so. Mir geht es nicht um die Schuld einzelner. Vielmehr steht es für mich außer Frage, dass der HSV mit Hoffmann noch immer gut fahren würde, wenn sich dieser auf sein ursprüngliches Verantwortungsgebiet beschränkt hätte. Zusammen mit Beiersdorfer war es die beste Konstellation des HSV seit den Achtzigern.

Dass dem nicht mehr so ist, hat viele Gründe. Allein gelernt hat daraus offenbar niemand. Zumindest nicht genug. Und das gilt beim HSV heute für alle. Die Vergangenheit sollte als Warnung dienen. Es ist klar, dass es nicht nur einen Weg gibt, der zum Erfolg führen kann. Ich behaupte einfach mal, dass alle Fraktionen grundsätzlich tatsächlich von ihrem Weg überzeugt sind und will niemanden eine funktionierende Idee absprechen. Aber es kann und darf am Ende nur einen gemeinsamen Weg geben, den man gemeinsam gehen muss, wenn man wirklich Erfolg haben will. Dafür wiederum hat der Verein das demokratische Werkzeug der Mitgliederversammlung, deren Votum zu respektieren ist. Daher ist im Nachzug dieser Wahlen häufiger Zurückhaltung angesagt. Der Klügere gibt nach, heißt es schon bei den kleinen Kindern, wenn sie im Sandkasten Recht und Unrecht versuchen zu trennen. Und das sollte auch für die hochtrabend politisch Orientierten beim HSV gelten. Jetzt mehr denn je.

Deshalb – und zwar ausschließlich nur aus dieser Befürchtung – glaube ich, dass die Fernwahl für diesen HSV noch ungeeignet ist, dass sie zu früh kommt. Ich bin der festen Überzeugung, dass Demokratie unabdingbar ist. Aber ich bin mir sicher, dass die verschiedenen Fraktionen das Instrument der Fernwahl noch zu leicht missbrauchen könnten. Weil der breiten Masse der 70000 Mitglieder einfach der Überblick fehlt. Fehlen muss, würde ich sagen. Denn gerade die, die nicht in Hamburg ansässig sind, haben zu wenige Informationsquellen, um sich ein objektives Bild der Lage beim HSV machen zu können. Und selbst die hiesigen Mitglieder können bei der inzwischen vorhandenen Vielzahl von Fraktionen, Vorwürfen und Gerüchten nur noch mit größter Mühe einen Überblick bewahren. Wenn Ihr wüsstet, wie oft man als HSV-Journalist vor einer Mitgliederversammlungen angeschrieben und angerufen wird, um von der jeweiligen Idee überzeugt zu werden…. Ich hoffe vielmehr, dass andere Vereine den Schritt zur Fernwahl noch vor dem HSV gehen, und der HSV aus deren Erfahrungen lernen kann. So ist das Risiko des Missbrauchs der Fernwahl minimiert – ohne sie aus den Augen zu verlieren.

Deshalb bleibt momentan nur die leise Hoffnung, dass dieses vereinspolitische und vereinsschädigende Wirrwarr möglichst schnell vom sportlichen Erfolg eingeholt wird, ehe es noch tiefere Wunden hinterlassen kann. Wie schon in für die Mannschaft, gilt diesmal für die Mitglieder und noch mehr für die Amtsinhaber des HSV: Taten statt Worte.

Getan wird derzeit was für die HSV-Anlage Ochsenzoll. Während die dort ansässigen HSV-Bundesligafrauen aus Kostengründen abgemeldet wurden (das sorgte heute für ne Menge Gesprächsstoff), wird in Steine investiert. Zuletzt wurden zwei Millionen Euro für das heute eingeweihte neue Vereinshaus gesteckt. Bei der Eröffnung traf ich den Vorstand (außer Arnesen) sowie den neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Alexander Otto. Mit dem ECE-Chef, der im Kontrollgremium als Moderator zwischen den Parteien gilt, sprachen wir über die neue Konstellation im Aufsichtsrat.

Herr Otto, dürfen wir Ihnen zu Ihrer neuen Rolle gratulieren?
Alexander Otto: Müssen Sie nicht. Aber Danke. Wobei ich diese Rolle ja nicht das erste Mal interimsweise übernehme und das Glück habe, dass jetzt die etwas ruhigere Phase der Sommerpause bevorsteht.
Im Januar 2011 wollten Ihre Ratskollegen, dass Sie den Vorsitz übernehmen, damals sagten Sie aus familiären Gründen ab. Würden Sie diese Rolle diesmal auch über längere Zeit übernehmen?
Otto: Meine Situation hat sich wenig verändert. Beruflich bin ich sehr eingespannt und ehrenamtlich ist es eher mehr geworden. Ich habe einen Job, der mir nicht sehr viel Zeit lässt – und dennoch steht meine Familie bei mir weiter an allererster Stelle. Der Vorsitzende ist ein Job, der sehr viel zeit braucht, die ich nicht habe. Ich würde den Anforderungen dieses Amtes nicht gerecht werden können. Deshalb möchte ich gerade an diesem Punkt noch mal erwähnen, was für tolle Arbeit Otto Rieckhoff hier geleistet hat in den letzten eineinhalb Jahren. Er war fast rund um die Uhr als Vorsitzender unterwegs.
Wer wäre in Ihren Augen denn ein geeigneter Kandidat für den Vorsitz?
Otto: Ich bin optimistisch, dass sich da jemand finden lässt. Das ist eigentlich immer so. Aber wir haben jetzt erst einmal eine ganze Menge zu besprechen nach der Mitgliederversammlung. Wir waren auf dem Weg einer sehr, sehr guten Zusammenarbeit. Die Nachfolge wollen wir Anfang Juni nach ausreichend Gesprächen benennen. Ich glaube, dass das in einer harmonischen Form durchführen. Mein Ziel ist es, dass wir wieder da anknüpfen, wo wir vor der Mitgliederversammlung aufgehört haben. Ich glaube auch, dass wir zunehmend zusammengerückt sind.
Das verwundert. Gerade am Sonntag wirkte das anders…

Otto (lacht): Stimmt. Vielleicht war das den warmen Temperaturen und der sehr, sehr langen Sitzung noch geschuldet. Es gab glaube ich auch ein paar Missverständnisse, die auch teilweise aufgeklärt wurden zwischenzeitlich. Aber ich denke schon, dass wir wieder eine gute Basis finden werden. Ich glaube auch, dass wir es dem HSV auch geschuldet sind, weil jetzt stehen ganz andere Themen im Vordergrund. Die sportliche Situation, die wirtschaftliche Situation des HSV. Gerade in der Vergangenheit gab es ganz unterschiedliche Meinungen zu Satzungsänderungen – deshalb sollten wir uns damit beschäftigen, dem HSV einen gesunden wirtschaftlichen Rahmen zu verpassen und sportlich unsere Ergebnisse zu verbessern.
Waren Sie überrascht von Herrn Rieckhoffs Schritt?

Otto: Ich glaube, er hat einfach nur ein paar Möglichkeiten aufgezeigt. Er hat ja auch klargestellt, dass er nur Varianten aufzeigen wollte. Er hat die Möglichkeit aufgezeigt, die es gibt, wenn dieser Satzungsänderungswunsch durchgeht. Wobei es auch noch eine andere Möglichkeit gibt, dass man bei einem verkleinerten Aufsichtsrat nur einen neuen Aufsichtsrat nachwählt. (Anmerkung: Im Januar stehen Horst Beckers, Ian Karans, Alexander Ottos und Jörg Debatins Posten zur Neuwahl an, während die beiden Delegierten Ronny Wulff und Ernst-Otto Rieckhoff neu bestimmt werden. Demnach hätte Ottos Vorschlag bedeutet, dass zu den vier weiter im Amt befindlichen Kontrolleuren zwei Delegierte und nur ein neu Gewählter hinzukommt. Ergo: sieben statt zwölf Aufsichtsräte) Ich fand es überraschend, dass das Thema so groß behandelt und diskutiert wurde. Aber das zeigt, dass es nicht gut war, dass in einem so großen Kreis zu besprechen.

Recht hat er. Rieckhoff hätte es in einer der 23 (!!) AR-Sitzungen der letzten Saison ankündigen und intern behandeln können. Das hätte viel Diskussionsstoff vorweggenommen und auf der Mitgliederversammlung nicht für unnötige Verwirrung und zeitliche Verzögerungen gesorgt.

In diesem Sinne, sportlich gab es auch etwas: Während Reagy Ofosu aus der U23 nach Ingolstadt wechselt, hat Sven Neuhaus seinen Vertrag um ein Jahr verlängert. Und das soll es mit Ersatzkeepern des HSV für heute noch lange nicht gewesen sein, denn Raphael Wolf kehrt vom österreichischen Bundesligisten SV Kapfenberg in die Bundesliga, zu Werder Bremen zurück. Der ehemalige U23-Keeper des HSV unterschrieb einen Vertrag bis 2015. Auch Wolfgang Hesl ist wieder Erstligist. Der 26-Jährige wechselt ablösefrei von Dynamo Dresden zum Bundesligaaufsteiger Greuther Fürth.

Willkommen zurück!

In diesem Sinne, auf dass wir die nächsten Wochen wieder mehr über Fußball sprechen, diskutieren und schreiben können. Zum Beispiel darüber, warum ein Kevin Großkreutz nicht mal im vorläufigen EM-Kader steht… Aber vor allem über den HSV und die hoffentlich bald gefundenen Verstärkungen für die neue Saison. Oder wie sagte Uns Uwe Seeler heute in die Kamera, just in dem Moment, in dem HSV-Vorstandsboss Carl Jarchow ihn begrüßte: „Klar ist, dass wir zur neuen Saison noch ne ganze Menge machen müssen. Wir brauchen da noch einige Verstärkungen…“ Recht hat er. Hoffen wir darauf, dass das alle wissen und auf dem Weg dahin bedingungslos zusammenarbeiten.

Scholle

Der 20. Mai 2012 – ein legendärer Tag!

20. Mai 2012

Ohnsorg-Theater. Das war Ohnsorg-Theater – aber volle Delle. Kennt ihr „Tratsch im Treppenhaus“? Ich glaube es war bei „Tratsch im Treppenhaus“, als Henry „Opa“ Vahl angetrunken nach Hause kommt und immer wieder sagt: „Nigge-nigge-nigge-ding.“ Und dabei fasst er immer in einen Schuhkarton, in dem ein Kaninchen sitzt. „Opa“ kommt vom „Karnickel-Züchter-Verein“. Daran habe ich heute den ganzen Tag denken müssen. Der „Karnickel-Züchter-Verein“ muss HSV heißen. Ganz klar. Man, war das wieder eine Horror-Veranstaltung. Zum Davonlaufen. Was war das denn bloß? Das hat doch mit Profi-Fußball und Erster Liga nichts mehr zu tun. Es ist einfach nur noch traurig. Selbstdarsteller ohne Ende, Wichtigtuer, Aufschneider – und viele, viele selbstverliebte Leute. Unfassbar. Ich habe schon viele verzweifelte Leute bei HSV-Mitgliederversammlungen gesehen, aber so viele wie heute? Noch nie. Kopfschüttelnd sind viele schon früh davon gelaufen, auf und davon. Der frühere Schatzmeister Gerhard Flomm sprach vielen aus dem Herzen: „Wahnsinn, der pure Wahnsinn, ein große Katastrophe.“

Dem ist nichts mehr hinzu zu fügen. Wirklich nichts. Dieser Tag, dieser 20. Mai 2012, der wird dem HSV schwer geschadet haben. Ganz schwer. Der ohnehin schon zerstrittene Aufsichtsrat ist nun noch mehr auseinander gebracht worden, als ohnehin schon. Ich rechne in den nächsten Stunden ganz schwer mit dem Rücktritt des AR-Bosses Ernst-Otto Rieckhoff, aber dazu komme ich noch. Es ist unheimlich viel Porzellan zerschlagen worden, ich habe mich die ganze Zeit gefragt, ob sich Sportchef Frank Arnesen gefragt hat, in was er hier hineingeraten ist. Okay, okay, er verdient ‚ne Mark Fünfzig beim HSV, das ist auch Schmerzensgeld dafür, mal einen solchen schlimmen Tag zu überstehen, aber es muss für den Dänen trotzdem die Härte, nein, die Oberhärte gewesen sein. Jeder normale Mittel-Europäer muss sich nach diesem Tag fragen: „Womit habe ich das verdient?“

Und: Wenn das so weitergeht, dann lieber HSV, ja, dann gute Nacht, dann steht dem Klub aber eine absolut „ruhmreiche Zukunft“ bevor – aber hallo! Dann könnte der Klub tatsächlich irgendwann mal wieder auf Grand Punktspiele austragen . . . Es war an diesem legendären Tag bei so vielen Redner von der „großen HSV-Familie“ die Rede – wie infam. Wenn das eine Familie sein soll, dann bitte, dann möchte ich bitte nichts mit Vater, Mutter, Oma, Opa und meinen Geschwistern mehr zu tun haben. Das ist doch alles nur noch scheinheilig – erbärmlich.

Eigentlich würde ich jetzt mit diesem Beitrag aufhören, weil ich zu aufgebracht bin nach dieser Un-Veranstaltung, aber ich war dienstlich vor Ort, ich muss darüber berichten, also komme ich meiner Chronisten-Pflicht nach. Schweren Herzens, das gebe ich zu.

Es begann gleich – gegen 11.20 Uhr – mit einem großen Eklat. Einer der ersten Redner, wie könnte es anders sein, war vor 586 HSV-Mitgliedern der frühere HSV-General Dr. Peter Krohn. Er wollte gleich loslegen wie zu seinen besten Zeiten, wurde aber von Aufsichtsrats-Boss Ernst-Otto Rieckhoff aus allen Träumen gerissen: „Lieber Peter, du hältst hier eine Grundsatzrede, dabei sind wir aber noch nicht, ich bitte dich, zum Schluss zu kommen.“ Krohn erwiderte: „Du kannst ja deine Ordner die Anweisung geben, dass sie mich hier vom Pult wegschleppen sollen . . .“ Es klang sehr lustig, aber es war bitterer Ernst! Ja, es ging gleich in die Vollen. Weil Krohn dann aber seine Rede fortsetzen wollte, wurde er von einigen HSV-Mitgliedern ausgebuht. „Wollen Sie, dass ich aufhöre?“, fragte der Doktor, und diejenigen, die gebuht hatten, sagten laut: „Ja.“ Krohn ging. Und verließ die Mitgliederversammlung. Natürlich „allerbester Laune“. Es könnte, so vermute ich mal, sein letzter Auftritt beim HSV und damit auch für den Klub gewesen sein.

Ja, soweit ist es jetzt schon gekommen, dass ein Dr. Peter Krohn vertrieben wird. Aber das blieb nicht der einzige Höhepunkt, wenn auch (vielleicht) der unrühmlichste.

Interessant war auch Punkt sechs der Tagesordnung: Antrag auf Änderung der Satzung durch Ingo Thiel. Die Mitgliederversammlung möge beschließen, die Satzung um den Buchstaben „j“ zu ergänzen, der da lautet: „Beschlussfassung über Verträge, die darauf abzielen, Investorenmodelle umzusetzen.“

Hinter den Kulissen gab es vorab schon einige Gespräche zwischen Vorstand und Thiel, man hatte sich schon geeinigt – Thiel zog seinen Antrag zurück, hielt aber zuvor trotz allem eine – sehr gute – Rede. Ich horchte besonders an jenem Punkt auf, als er von schweren Beschimpfungen gegen sich im Internet sprach – natürlich anonym. Ja, lieber Herr Thiel, so geht es da jeden Tag zu, nicht nur wegen einer Satzungsänderung. Wobei Thiel nicht auf die Einzelheiten, die es zu diesem Punkt unterhalb der Gürtellinie gab, einging. Er sagte lediglich – und das ist noch milde: „Alle haben sie keine Ahnung, aber ich als wahrer HSV-Fan, ich habe Ahnung.“ Und: „Ein HSV-Anhänger weiß grundsätzlich alles besser.“

Natürlich. Immerhin sagte Thiel auch, und das hatte er bei seinen Gesprächen mit dem Vorstand erfahren: „Sportchef Frank Arnesen war noch vom alten Vorstand eingestellt worden, und dieser Vorstand hatte ihm damals 15 bis 20 Millionen Euro mehr für neue Einkäufe versprochen . . .“ Diese 15 bis 20 Millionen waren aber weit und breit nicht mehr zu sehen. Aber man sich kann sich ja auch mal versprechen, keine Frage. Ingo Thiel beendete seinen Vortrag mit: „Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich diesem Vorstand und dem weitaus überwiegenden Teil des Aufsichtsrat mehr traue, als dem alten Vorstand.“ Dafür gab es viel Beifall.

Vorstands-Boss Carl-Edgar Jarchow zu dem Vortrag Thiels: „Ich habe schon bei der letzten Mitgliederversammlung am 15. Januar gesagt, dass ich das Kühne-Modell damals nicht unterstützt habe, und ich werde es auch künftig nicht unterstützen. Nur eines ist dieses Modell ganz und gar nicht, es ist kein Investoren-Modell. Es ist ein Modell, mit dem Herr Kühne der größte private Sponsor des HSV geworden ist. Er hat als Sicherheit Anteile von Spielern erhalten, die bereits beim HSV unter Vertrag standen, so etwas lehnt dieser Vorstand ab, so etwas wird es in Zukunft nicht geben.“

Hoch interessant wurde es auch beim Punkt der Fernwahl (Briefwahl). Auch da ging es, wie nicht anders zu erwarten, hoch her. Der ehemalige Präsident Jürgen Hunke war dagegen und sagte: „Wir haben keine müde Mark mehr in der Kasse, wollen aber 100 000 Euro für diesen Versuch ausgeben. Als wenn wir keine anderen Sorgen haben.“ Und: „Ein Bundesliga-Verein besteht aus sportlicher Qualität und aus finanzieller Qualität, aber an beiden Punkten stimmt es bei uns nicht, und daran sollten wir vor allen Dingen arbeiten.“

Alexander Otto, der stellvertretende Aufsichtsrats-Vorsitzende, ist für die Briefwahl und befand: „Ich habe hier nur gehört, dass so etwas nicht geht, aber ich glaube, dass wir im HSV auch mal überlegen sollte, dass etwas geht. Und was geht. Wir müssen auch bereit sein, Mut zu haben. Mut zur Entscheidung, Mut etwas zu verändern.“

Aber geht es wirklich noch um die Briefwahl? Oder um die anderen Tagespunkte? Jürgen Hunke brachte es auf den Punkt: „Es geht um Macht.“ Genau. Ganz genau! Die eine Partei im HSV will mehr Macht als die andere. Nur darum geht es noch, nur darum. Der Verein an sich ist in sich total zerstritten. Und ich frage mich, wie lange sich einige hohe Hamburger Persönlichkeiten diesen Klub noch antun wollen – und werden?

Um Macht ging es wohl auch – und vor allem – beim Punkt: Verkleinerung des Aufsichtsrates. Ein Antrag von AR-Mitglied Horst Becker (der nach für Rede viel Beifall und Bravo-Rufe erntete). Genau zu diesem Punkt platzte eine Bombe – die Rede von Ernst-Otto Rieckhoff. Der u.a. sagte: „Der ganze Aufsichtsrat muss komplett aus der Öffentlichkeit heraus. In anderen Vereinen wissen die Fans gar nicht, wer das was im Aufsichtsrat macht, bei unserem Aufsichtsrat wissen sie alles. Leider nicht immer nur das Positive, und das möchte ich gerne ändern, aber in der derzeitigen Konstellation halte ich das nicht für machbar. Und wenn ich das so sehe, dann geschieht das in höchster Glaubwürdigkeit, denn ich stehe ja nicht in dem Verdacht, persönliche Interessen zu verfolgen, denn ich säge ja gerade an meinem eigenen Stuhl. Auch bei einer neuen Entscheidung in Sachen Aufsichtsrat zählt für mich nur das Wohl des HSV.“

Rieckhoff weiter: „Der HSV steht derzeit auf dem Prüfstand und wird Veränderungen erleben. Der HSV muss seine nähere Vergangenheit dringend korrigieren, gerade nach dem Verlauf der letzten Saison und der für mich unrühmlichen Vereinspolitik der letzten drei Jahre. Und in diesem Zuge müssen wir den Aufsichtsrat verkleinern, und ihn klein machen für einen neuen HSV. Und hierbei sollten dann auch die Mitglieder entscheiden, welche Mitglieder in den Aufsichtsrat sollen. Dafür müssten eleganterweise alle Aufsichtsrats-Mitglieder im Januar zurücktreten und sich möglicherweise neu zur Wahl stellen.“ Rieckhoffs Rede wurde mehrfach von Beifall und Bravo-Rufen unterbrochen. Aber er sprach weiter: „Ein neuer Start für den Aufsichtsrat wäre somit gesichert. Ja, folgen Sie mir, und nehmen Sie die Chance für einen effektiveren HSV wahr, indem Sie dem Antrag von Horst Becker zustimmen.“

Darauf erwiderte Manfred Ertel, der stellvertretende Aufsichtsrats-Chef: „Wenn ich Otto Riekchoff nun widerspreche, dann weil es immer einzelne Punkte gibt, in denen man unterschiedlicher Meinung sein kann. Aber ich muss jetzt schon zugeben, dass ich von dem Beitrag meines Kollegen, den ich sonst sehr schätze, mit dem ich sehr gut zusammenarbeite, einigermaßen perplex bin. Denn die Wirklichkeit, von der Otto Rieckhoff hier geredet hat, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun, die man diesem aktuellen Aufsichtsrat anhängen kann. Und schon gar nicht den Personen, die erst seit einem Jahr in diesem Aufsichtsrat sind.“ Und: „Über unsere Tätigkeit, lieber Otto, hast du bislang hier an dieser Stelle ganz andere Beiträge gehalten.“ Dazu sagte Manfred Ertel auch: „Den Vorschlag, den du, Otto, hier gemacht hast, wir sollten alle zurücktreten, den, so hätte ich mir gewünscht, den hättest du wenigstens ein einziges Mal im Aufsichtsrat vortragen sollen, bevor er hier über 500 Vereinsmitglieder damit konfrontiert werden.“

Professor Dr. Jörg F. Debatin stellte sich (für mich überraschend) auf die Seite von Rieckhoff („Einen besseren Aufsichtsrats-Vorsitzenden als Otto Rieckhoff hätten wir in der Phase nie bekommen, er hat hier segensreich gewirkt“), der Supporters-Chef Ralf Bednarek aber sagte frei heraus: „Lieber Otto, ich bin, ehrlich gesagt, entsetzt über deine Rede.“ Und weiter: „Faktisch willst du ignorieren, was die Mitgliederversammlung bei den letzten Wahlen entschieden hat. Das ist so ein bisschen das Thema der heutigen Versammlung. Ich habe das Gefühl, es soll etwas geändert werden an der Satzung, weil einigen Leuten die Zusammenstellung in diesem Aufsichtsrat nicht passt.“

Und dann wurde es DEUTLICH. Bednarek sagte das, was schon viele Leute seit Monaten wissen: „Machen wir uns doch nichts vor. Wir haben doch nicht das Problem dass wir zwölf oder elf Aufsichtsräte haben, wir haben das Problem im Verein, dass keiner dem anderen glaubt. Hier haben doch alle Seiten immer nur geguckt, welche Fehler machen die andere Seite.“

Endlich hat es mal einer ausgesprochen. Hinter der vorgehaltenen Hand war schon lange die Rede davon, dass der Aufsichtsrat heillos zerstritten ist, nur wurden alle Mitglieder immer nur für dumm verkauft: „Alles in Ordnung, wir verstehen uns bestens, wir arbeiten auch besser zusammen als vorher.“ Toll. Danke, Ralf Bednarek für diese Aufklärung.

Aufsichtsrats-Mitglied Björn Floberg sagte: „Otto Rieckhoff wurde hier für seine Ehrlichkeit gelobt, aber er hatte nicht den Schneid, uns von seinem Vorschlag des Rücktritts etwas im Aufsichtsrat zu sagen . . .“

Ja, dieser Abend war schon legendär. Übrigens, die Abstimmungsergebnisse sahen wie folgt aus:
Für die Fernwahl waren 256, dagegen 324, es gab fünf Enthaltungen. Und für die Verkleinerung des Aufsichtsrates waren 262, dagegen 244 (bei vier Enthaltungen). Damit war auch dieser Antrag abgelehnt, denn er hätte eine Dreiviertel-Mehrheit bekommen müssen.

So, nun muss ich enden, denn sonst bin ich am Ende. Und ihr hättet diesen Beitrag erst gegen Mitternacht. Um 19.15 Uhr ging dieser Tag heute im Volkspark zu Ende – zum Glück. Mögen die Klugen in diesem Verein dafür sorgen, dass es künftig nur noch viel, viel bessere Mitgliederversammlungen gibt. Sonst könnten diejenigen, die heute dabei waren, ihren Enkeln in Jahren berichten, dass sie dabei waren, als dieser Klub den ersten richtigen Schub nach unten bekommen hat.
Mich stimmt diese Vorstellung total traurig, denn ich habe einen in sich zerstrittenen Verein namens HSV erlebt, erleben müssen.
Leute, wacht auf! Tut etwas dagegen. Gemeinsam. Es geht nur gemeinsam, sonst geht es immer so weiter. Ein Lager, zwei Lager, drei Lager? Mensch, wir sind ein HSV. Und so zerstritten richtet ihr ihn, weil ihr nur euch und eure Interessen seht (egal welches Lager!), zu Grunde. Und das darf doch nicht geschehen. Kehrt um auf diesem falschen Weg, kehrt endlich um, bevor es zu spät ist.

21.08 Uhr

Der HSV blickt nur noch nach vorne

15. Januar 2012

Friede, Freude, Eierkuchen – Hosianna HSV! Es lebe der Verein, es lebe die Demokratie, es lebe der neue Optimismus – und ein dreifaches Hoch auf die Zukunft der besten und größten Raute der Republik. Dazu viel, viel heiße Luft im CCH – vor allem im Vorfeld der Jahreshauptversammlung. Es blieb friedlich beim HSV, kein Hauch von Ohnsorg-Theater oder von Komödienstadl, es blieb größtenteils friedlich, so dass der Aufsichtsrats-Chef Ernst-Otto Rieckhoff, für den ich an diesem Tag die Note eins vergebe, zwischenzeitlich befand: „Das war bislang eine gute Diskussion, eine faire Diskussion, das hat mir sehr gut gefallen, genau so sollten wir alle im HSV miteinander umgehen.“ Ähnlich sah es Dr. Peter Krohn: „Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen und auch kritische Stimmen, es wäre ja auch unnormal, wenn nicht, aber alles blieb in einem fairen Rahmen, es herrschte eine gute Atmosphäre hier.“ Auch der ehemalige HSV-Präsident Ronald Wulff sah es so: „Ich hatte Schlimmes befürchtet, aber alles verlief ruhig und in den normalen Bahnen, ich bin sehr erleichtert und auch dankbar dafür.“


Und weil es eben alles sehr harmonisch abging, wurden – natürlich – auch die längst ausgeschiedenen ehemaligen Vorstandsmitglieder Bernd Hoffmann und Katja Kraus teilweise begeistert gefeiert. Und wenn sie nicht begeistert gefeiert wurden, dann gab es auf jeden Fall kräftigen Applaus. Beide waren nicht im Saale, aber sie werden es schon irgendwie erfahren. Auf jeden Fall blieb die große Abrechnung mit dem Duo aus, sodass nun wirklich und absolut und total nur noch in die Zukunft geblickt werden kann. Glückwunsch, HSV!

Auch ich werde nichts mehr zu Hoffmann/Kraus sagen, weil ich es schon lange Leid bin. Egal, was man dazu sagt, was ich dazu sage und schreibe, es gibt um die Ohren. Und deswegen bleibe ich ruhig. Kein Vorwurf mehr zu jener Summe, die Aufsichtsrats-Mitglied Manfred Ertel auf 1,7 Millionen Euro bezifferte – und nach denen im HSV bis zuletzt gefahndet wurde. Diese 1,7 Millionen sind mir, ich gebe es zu, schnurzpiepe-egal. Obwohl auch ich Mitglied des Hamburger Sport-vereins bin. Sie sind mir egal, es ist mir zudem egal, was da sonst noch alles gelaufen sein soll, gelaufen sein kann. Egal ist mir nur nicht, und das muss ich dann doch noch kurz schreiben: Wie Hoffmann/Kraus in ihren acht Jahren mit ihren Vorstandskollegen Christian Reichert (gab deswegen entnervt auf!), Dietmar Beiersdorfer und Oliver Scheel umgegangen sind, sie außen vor gelassen haben, sie teilweise mit Nichtachtung gestraft haben – das ist mir nicht egal. Und das wird mir auch in vielen Jahren nicht egal sein. Weil man so nicht mit Menschen umgeht.

Nun aber Schluss. Hoffmann/Kraus sind gefeiert worden, und das sind sie wahrscheinlich auch deshalb, weil der HSV eine gute, oftmals auch eine sehr, sehr gute Zeit unter diesen Führungskräften hatte. Das erkenne ich absolut an. Wäre auch blöd, wenn nicht, denn der sportliche Weg des HSV ging seit 2002 nach einer gewissen Durststrecke wieder nach oben – was allein schon an den Neuverpflichtungen in dieser Epoche abzulesen ist.

Friede, Freude, Eierkuchen. Der ehemalige HSV-Torwart Frank Rost war unter den Zuhörern – und wurde mit donnerndem Applaus begrüßt. Als Trainer Thorsten Fink den Saal betrat, gab es ebenfalls großen Applaus. Ebenso für die Mannschaft, die geschlossen anwesend war und ebenfalls gefeiert wurde. Beifall der 988 wahlberechtigten Mitglieder (die um 11.34 Uhr im Saal waren, später lag die Zahl bei 1200) gab es auch für den ehemaligen HSV-Präsidenten Dr. Peter Krohn, der eigentlich keine Rede halten wollte (es wäre wohl das ersten Mal gewesen!), dann aber von seiner Frau Doris ermutigt und angemeldet wurde (vielen Dank dafür!). Krohn stellte einige Fragen, aber er ermunterte alle Mitglieder auch, in Zukunft wieder und mehr „anspruchsvoller“ zu denken, denn: „Der HSV gehört nicht auf Platz 13 oder Platz zwölf, sondern wieder an die Spitze.“ Natürlich.

Großen Applaus erhielt auch Ernst-Otto Rieckhoff, der eine lange Rede für den Aufsichtsrat hielt (dessen Inhalt größtenteils vorher schon veröffentlicht worden war – ein guter und kluger Schachzug!). Der AR-Boss legte durchaus den Finger in die Wunde, ohne aber dabei zu übertreiben. Ich empfand diese (seine) Rede als angemessen und auch als äußerst wohltuend für den HSV und die Zukunft des Klubs – das war sehr gut!

HSV-Chef Carl-Edgar Jarchow begann seine Rede mit einer Art Liebeserklärung an den Klub: „Ich bin seit über 20 Jahren Mitglied und gehe jeden Tag immer wieder sehr gerne zum HSV.“ Dann wurde es ernst: „Ich habe mich ausschließlich damit zu beschäftigen, was in Zukunft mit und beim HSV passiert, dass das nicht ganz ohne Vergangenheit geht, dürfte jedem klar sein, aber ich – und werde es auch weiterhin tun – es stets vermieden, in irgendeiner Weise zu beurteilen oder mich dazu zu äußern. Ich hoffe, dass das in Ihrem Sinne ist, ich werde auf jeden Fall weiterhin so verfahren.“

Dann sprach er einen durchaus kritischen Punkt an, den ich eingangs bereits erwähnte: „Es entspricht der Philosophie dieses Vorstands, dass wir diesen HSV als Team führen möchten. Mit einer klar geregelten Verantwortlichkeit für alle Bereiche.“
Das musste offenbar doch einmal (und noch einmal) gesagt werden.
Dann gab es eine Zahl. Jarchow: „Das ausgewiesene Ergebnis des vergangenen Wirtschafts-Jahres brachte uns ein Minus von leider 4,8 Millionen Euro, was nach vielen Jahren der positiven Ergebnisse erstmals ein negatives Ergebnis bedeutet.“

Zum „Hoffmann-Kraus-Komplex“ befand CEJ: „Es ging um die Überprüfungen des alten Vorstandes nicht um Schuldzuweisungen, sondern einzig und allein darum, uns einen Überblick zu verschaffen für den Status quo. Wir brauchten vor allen Dingen einen schnellen Überblick über den finanziellen Status quo. Und dann bekam ich eine Rechnung auf den Tisch, die ich unterschreiben sollte. Und da habe ich mir erlaubt zu sagen, dass ich mich erst erkundige, was dafür geleistet wurde, bevor ich das unterschreibe. Ich finde das nicht ungewöhnliche. Nachdem ich dann feststellte, dass die Grundlagen für die Bezahlung recht lückenhaft war. Und dann haben wir gebeten, dass wir entsprechende Unterlagen erhalten – das ist ganz in Ordnung. Das ist mittlerweile geschehen, der Vorgang ist abgeschlossen, mehr gib t es dazu nicht zu sagen.“

Carl-Edgar Jarchow weiter: „Ein anderer, viel entscheidender Punkt ist der, was wir finanziell vorgefunden haben. Und was wir dann für Maßnahmen im Hinblick auf die neue Saison tun müssen. Leider stand relativ schnell fest, dass wir nicht international spielen werden. Und leider stand zudem fest, dass wir in dieser Saison 14 Millionen aus Alt-Transfers zu zahlen haben werden. Zudem stand fest, dass ausgeliehene Spieler, ich nenne zwei Namen: Rozehnal und Berg, wieder auf unserer Gehaltsliste stehen werden. Leider Gottes war das Ergebnis Teil dieser Überlegungen und Annahmen, dass wir uns ernsthaft Sorgen machen mussten. Es ging in erster Linie um die Liquidität des Vereins in der kommenden, in der jetzt laufenden Saison. Es war dann meine Aufgabe, dem neuen Sportchef Frank Arnesen relativ deutlich und schnell klar zu machen, dass er nicht, wie wohl vorher avisiert, über einen gewissen Betrag zur Verfügung haben würde für Neuerwerbungen, sondern dass er, ganz im Gegenteil, Einsparungen wird vornehmen müssen. Somit mussten Spieler gehen, die noch Verträge mit uns hatten, und es mussten Spieler gehen, deren Verträge ausliefen, für die es keinerlei Transfererlöse mehr zu erzielen gab.“ Jarchow weiter: „All das hat dazu geführt, dass wir nicht nur eingespart, sondern auch die Philosophie verändert haben. Wir haben sehr stark auf junge Spieler gesetzt.“ Das Ziel, diese Saison mit einer schwarzen Null abzuschließen, das sieht Jarchow auch deshalb als gefährdet an.

Zur sportlichen Seite des Klubs befand der Boss: „Natürlich wollen wir wieder nach oben. Wir haben aber im Moment ein Jahr, in dem wir im Umbruch sind, ich kann das Wort selbst nicht mehr hören – aber ich hoffe, dass wir sehr schnell die Tabellensituation verbessern können, dass wir dann in einem gesicherten Tabellenumfeld landen werden, um dann in der neuen Saison mit voller Konzentration an neue Ziele heranzugehen. Mir ist völlig klar, dass wir in Hamburg nicht auf Dauer um Platz zehn oder zwölf spielen, das ist nicht das, was unsere Fans erwarten, was unser Umfeld erwartet, was auch ich erwarte. Aber wir brauchen schon etwas Realismus und auch etwas Zeit. Und wir dürfen nicht wieder versuchen, wie in der Vergangenheit geschehen, unsere Ziele mit Aufsehen erregenden Verpflichtungen und Spielern erreichen zu wollen, die ihren Zenit schon überschritten hatten. Das haben wir nicht geschafft, obwohl wir nicht erfolglos waren – aber mittelfristig wollen wir uns wieder in der Spitze etablieren und um dann auch mal wieder eine Meisterschaft oder einen Pokal in diese wunderschöne Stadt zu holen.“

Dann versprach Jarchow für den Vorstand: „Wir werden uns Ihr Vertrauen erarbeiten, und wir werden uns mit ganzer Kraft für diesen Verein einsetzen. Und wir werden uns auch weiterhin für den Universal-Sportverein bekennen.“

Da gab es dann ebenfalls viel Beifall. Der ungekrönte König aber des Tages war – und zwar ganz eindeutig – Frank Arnesen. Auch für ihn wieder die Note eins. Als der Sportchef am Mikrofon stehend im Beifallssturm badete, sagte er zu Beginn seines Vortrags: „Denke, ich setze mich nun wieder . . .“ Da hatte er dann auch die Lacher auf seiner Seite. Zumal er sich natürlich nicht setzte. Der Saal war ruhig und bestens gefüllt, weil auf die Worte des Dänen alle gewartet hatten . . . Das war schon beeindruckend. Zumal Arnesen zugab, zum ersten Mal auf einer solchen Veranstaltung zu reden: „Aber es ist schön, hier zu stehen, so viele Mitglieder zu sehen, die wollen, dass es ihrem Verein gut geht.“ Und: „Wir wollen doch alle das Beste für den HSV.“

Frank Arnesen über den neuen Vorstand: „Alle Entscheidungen, die im Vorstand getroffen werden, machen wir mit allen vier Männern, ganz klar, wir machen alles zusammen, wir arbeiten als Team. Und nach acht, neun Monaten kann ich sagen, dass wir als Team sehr gut zusammenarbeiten. Wir haben hier schon einiges aufgebaut.“ Der Däne sagte auch: „Carl Jarchow hat es gesagt, es gab eine schwere Situation zu bewältigen, als ich beim HSV begann. Als ich kam, hatte unsere Mannschaft ein Durchschnittsalter von 30 Jahren, heute heißt diese Zahl 24. Das ist natürlich ein Risiko, denn junge Spieler haben naturgemäß weniger Erfahrungen, machen deshalb Fehler, das ist überall so.“ Frank Arnesen: „Mit unseren neuen und jungen Spielern haben wir aber unsere Kosten auch stark reduziert.“

Über die Ziele des HSV befand Arnesen: „Ganz klar, ich bin nicht nach Hamburg gekommen, um Mittelmaß zu sein. Wir wollen Erfolg haben, wir wollen hart arbeiten, um Erfolg zu haben, und der HSV ist kein Verein, um Mittelmaß zu sein, der HSV ist ein Klub, dessen Ziel es sein muss, ständig bei Platz vier und sechs dabei zu sein. Und wir müssen alles tun, um so gut Fußball zu spielen, wir müssen dafür sorgen, dass wir jedes Jahr hier internationalen Fußball hier haben werden.“

Zum Scouting des HSV vertrat Frank Arnesen übrigens eine ganz pikante Note – im Moment in ganz Deutschland heiß diskutiert: „Wir suchen in erster Linie in unserer näheren Umgebung, und die Zielgruppe sind 12- bis 14-jährige deutsche Spieler, dann 16-jährige nationale Spieler, und von 18 Jahren an aufwärts weltweit Talente. Daran müssen wir sehr hart arbeiten, wir müssen die besten Spieler finden – um so auch die Kosten für neue Spieler für die Bundesliga-Mannschaft zu senken. Dafür brauchen wir viele und sehr gute Scouts.“ Arnesen auch noch: „Wenn wir alle eine Familie wären, wenn hier alle zusammenstehen würden, um unsere Ziele zu erreichen, das wäre fantastisch.“ Und: „Ich will alles tun, damit der Verein seine Ziele erreicht, ich will noch lange hier arbeiten, damit es bergauf geht, ich bin sehr gerne hier.“ Es folgte langanhaltender Applaus.

Den gab es auch um 15.54 Uhr, da nämlich war der Aufsichtsrat (mehrheitlich) entlastet. Eine Einzelentlastung, für die ein Antrag gestellt wurde, war zuvor abgelehnt worden. Wohl auch deshalb, weil AR-Mitglied Alexander Otto für den Rat und dessen Zusammenhalt verkündet hatte: „Wir sind auf einem guten Weg, ein gutes Team zu sein.“ Das ist doch schön zu vernehmen . . .

Übrigens: Auch der alte Vorstand wurde entlastet, der neue Vorstand wurde entlastet, und sogar der Ehrenrat wurde (alles mehrheitlich) entlastet.

Kurz noch eine andere Personalie: Horst Becker, der ehemalige Aufsichtsrats-Chef, wurde nach seinem freundschaftlichen Verhältnis zum ehemaligen Klub-Boss Bernd Hoffmann gefragt. Becker antwortete: „Selbstverständlich hat der Aufsichtsrats-Vorsitzende mehr Kontakt zu einem Vorstands-Vorsitzenden, da kann man aber auch Ernst-Otto Rieckhoff fragen, wie oft er sich mit Carl-Edgar Jarchow trifft und getroffen hat, um gewisse Dinge zu besprechen. Alles ganz normal. Ich kann nur sagen, für meine Tätigkeit, und ich bin vier Jahre AR-Chef gewesen und 16 Jahre im Aufsichtsrat, ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe sicher bei einigen Entscheidungen in der Vergangenheit auch Fehler gemacht, wie alle, aber diese Vorwürfe, die hier in den Raum gestellt wurden, kann ich so nicht stehenlassen.“

So, um noch schnell noch einmal auf das Testspiel in Bielefeld zu kommen: Auch Thorsten Fink war nicht gerade begeistert von der Vorstellung seiner Mannschaft, die – völlig unverdient – 1:0 bei dem Drittliga-Klub gewonnen hatte. „Wir haben schlecht gespielt, die Arminia dagegen hervorragend. Wir wollten hier natürlich viel besser spielen, aber die körperliche und geistige Frische hat mir gefehlt, auch die Konzentration. Da müssen wir noch einiges machen, wir haben noch Arbeit vor uns, das haben wir gesehen, aber wir haben ja in den Spielen während des Trainingslagers gezeigt, dass wir es besser können“, sagte der Trainer. Die Mannschaft trainiert erst am Dienstag wieder im Volkspark – und Fink sagt: „Jetzt können die Spieler in Ruhe abschalten und ausspannen, dann kommen sie auch mit einer neuen Frische in diese Woche zurück.“ Und: „Man darf nicht vergessen, dass wir über drei Stunden mit dem Bus hierher gefahren sind, und dann sofort gespielt. Das erklärt doch so manche Schwerfälligkeit.“

Da zurzeit die Wahl (bzw. die Vorstellung der Kandidaten) des Vorstandmitglieds für die Belange der Mitglieder andauert, sende ich diesen Beitrag schon einmal. Und ergänze dann später, wer es denn nun geworden ist: Christian “Büdi” Blunck oder Oliver Scheel.

17.19 Uhr
In dieser Woche soll noch an der Spritzigkeit der Spieler gearbeitet werden, und es sollen auch noch Standards geübt werden.

Zur Verletzten-Situation: Mladen Petric verspürte ein leichtes Ziehen in der Wade, deswegen ist er vorsichtshalber ausgewechselt. Und ich habe eine Personalie am Sonnabend vergessen: für Jeffrey Bruma kam in der 67. Minute Michael Mancienne.

So, die Wahl Scheel/Blunck ist um 18.32 Uhr entschieden. Oliver Scheel bleibt im Vorstand, er gewann mit 751 Stimmen gegen 273 (für Blunck), sechs Stimmen waren ungültig.

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