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Nie zu früh zufrieden sein . . .

28. Juli 2013

Nur 25 000 Zuschauer, obwohl Inter Mailand da war. Das war schon enttäuschend zu sehen. Und irgendwie kann ich auch die Ernüchterung des HSV verstehen, denn die Herren haben sich – nach dem Nordcup vor einigen Tagen – auch diesmal Mühe gegeben, um den Fans einen Fußball-Leckerbissen zu präsentieren. Aber, und das muss ich auch ganz klar und sofort anfügen: Ich habe auch Verständnis für die, die daheim geblieben sind, denn:

Im vergangenen Jahr war der FC Barcelona da, mit der C-Truppe. In diesem Jahr war der FC Barcelona da, bei den Bayern. Mit der B-Truppe – und eine Halbzeit Messi. Das will kein Fan sehen, die fühlen sich nämlich auf den Arm genommen. Und solange sich die Vereine nicht solidarisch erklären, dass sie mit der bestmöglichen Mannschaft antreten werden, wenn es zu solchen Freundschafts- oder Testspielen kommt, solange werden die Stadion auch nur halbvoll sein.

Ein weitere Grund, warum die Arena so leer war: Live-Übertragung im Fernsehen. Bei diesem Wetter bleiben dann doch viele lieber daheim, denn der Weg zum Kühlschrank und zum kalten Bier ist bekannt und sehr kurz, und beim Trinken kann Mann die Beine hochlegen.

Boris Becker hat es ja kürzlich auf den Punkt gebracht, als er davon sprach, man solle nicht jede Busfahrt eines Bundesliga-Clubs live übertragen (gemeint waren wohl die Bayern), aber ich weiß nicht, ob solche Forderungen nicht in ein Ohr rein und aus dem anderen Ohr gleich wieder raus sind? Der HSV wurde übertragen, dann anschließend das 9:0 von Schalke gegen eine Scheich-Betriebsauswahl, am Abend dann – natürlich – das Super-Cup-Finale zwischen Bayern und Dortmund, zudem live auf Sky die Zweite Liga: erst Aue gegen Sandhausen, dann KSC gegen Pauli. Das alles zusammen ist doch mal ein Angebot – wer soll da noch ins Stadion gehen, Geld ausgeben, um sich eventuell zu ärgern, weil die Leistungen nicht stimmen – und bei der An- und Abfahrt dann eventuell noch in einen wunderschönen Stau am Elbtunnel (und sonst irgendwo) geraten.

Und noch einen Grund gibt es, und auch der muss noch kurz angesprochen werden: Mir haben viele „Matz-abber“ auch schlicht und einfach erklärt, dass sie immer noch ein wenig HSV-müde sind. Weil das eben kein Spitzenfußball ist, was da von den Rothosen gespielt wird – trotz des namhaften Gegners. Oder besser: Trotz des namhaften Clubs, der entweder mit der oder mit jener Mannschaft kommt, gerade wie es den Herren in den Kram passt. Vielleicht schreiben ja mal ein paar „Matz-abber“ darüber, warum sie nicht in den Volkspark gepilgert sind, um sich Inter Mailand und den HSV anzusehen.

Um schnell noch einmal auf den deutschen Super-Cup zu kommen:

Der FC Bayern hat ja auch sehr viel zurück gespielt, aber das ist vielleicht der neue Trend in der Liga. Vorgegeben – natürlich – vom HSV, denn der spielt schon seit Jahren so. Nun sogar die Bayern. Die Spanier nennen es – eingedeutscht: Tiki-Taka. In München nennen sie es wohl demnächst, bei dem Hype um Guardiola, „Pepi-Paka“. Und beim HSV müsste es dann „Finki-Fanka“ heißen. Das Kind muss doch einen Namen haben.
Also, ich war beim Zurückspielen. Dabei haben die Bayern ihren Torwart, das war satt Manuel Neuer diesmal Tom Starke, gelegentlich richtig schön schwindelig gespielt. Allein Lahm und van Buyten hatten wohl (gefühlt) jeweils 40 Rückpässe zum Torwart! Das sah stark aus. „Pepi-Paka“ eben. Und apropos Starke. Der ehemalige HSV-Torwart sah ja nicht immer so gut aus (nicht nur beim 0:1), und deshalb muss man schon sagen: Es gibt einen Punkt, da ist der HSV dann doch den großen Bayern klar überlegen. Das ist die Position des zweiten Torhüters. Mit Jaroslav Drobny, dem großen Schweiger, hat der HSV eindeutig den besseren Ersatztorwart. Das hat der Tscheche auch gestern erneut und eindrucksvoll bewiesen. Ich weiß nicht, ob sich der „FC PepGuardiola“ (oder wie der ZDF-Poschmann so lässig und weltmännisch und oberlehrerhaft sagte: „Guuhhooohhhuuuuhhaardioolaa“ – hat der Posch-Mann genervt!) nach diesem 2:4 gegen Dortmund nicht doch noch schnell nach einem neuen zweiten Mann zwischen den Pfosten umsehen wird. Überall gibt es die Doppelbesetzung mit zwei Weltklasse-Spielern, nur im Tor nicht. Und diese Position ist ja auch nicht ganz so unwichtig, wie mir scheint. Zudem haben die Bayern in ihrer Portokasse ganz sicher noch die eine oder andere Million, um noch einmal zuschlagen zu können – auf dem Transfermarkt.

Das will der HSV ja auch noch. Ohne die eine oder andere Million noch in der Porto-Kasse zu haben. Dass Christian Norgaard nun nach Dänemark wechseln wird (oder soll), dürfte die finanzielle Situation beim HSV nicht großartig und nachhaltig tangieren. Im Sturm soll ja noch etwas passieren – obwohl da gegen Inter ja durchaus etwas passiert ist. Artjoms Rudnevs hat getroffen. Und er hatte dazu noch einige gute und große Chancen auf dem Schlappen – der Junge scheint doch wieder zu kommen. Und wenn ich sehe (und höre), wie der Lette fast enthusiastisch gefeiert wurde, erst bei seinem Tor, dann bei seiner Auswechslung, dann glauben auch die Fans weiter und zu 100 Prozent an ihn. Glückwunsch. Damit wäre doch das Problem eigentlich gelöst. Denn Jacques Zoua ersetzt Heung Min Son, und dazu hat der HSV ja auch noch Maximilian Beister. Da aber ja meistens doch nur mit einer Spitze gespielt wird, dürfte die Wahl auf Artjoms Rudnevs fallen. Bei einer solch großen Beliebtheit des Torjägers wäre der HSV doch dumm, wenn er noch Geld für einen weiteren Stürmer ausgeben würde – zumal es ja Geld wäre, das der Club ja gar nicht hat.

Die Fans waren ja zufrieden – nicht nur mit Rudnevs. Viel Beifall gab es nach dem Schlusspfiff des guten Schiedsrichters Florian Meyer (der seinen internationalen Platz übrigens freiwillig an Deniz Aytekin abgetreten hat, so etwas gibt es auch noch!). Und allgemein herrschte beim HSV eine rundherum große und volle Zufriedenheit. Sportchef Oliver Kreuzer hatte „ein starkes Spiel des HSV“ gesehen, und auch Trainer Thorsten Fink war zufrieden. Er resümierte nach dem 1:1: „Wir haben eine ordentliche Leistung gezeigt, Inter Mailand ist ja eine taktisch sehr gute, spielerisch gute und dazu auch clevere Mannschaft, aber dennoch haben wir die Italiener weitgehend im Griff gehabt – bis auf die ersten Minuten. Das waren ja die ersten Aktionen des Spiels, da dürfen sie einfach nicht rauskommen, da hinten links – ansonsten war ich mit der Defensivleistung meiner Mannschaft zufrieden. Auch mit der Offensiv-Leistung, denn wir hatten ja einige gute Chancen, wir haben auch über die Außenpositionen Akzente gesetzt und viel gemacht – spielerisch war das teilweise schon sehr gut anzusehen. Deswegen kann man heute zufrieden sein. Aber es war ein Freundschaftsspiel, die Zuschauer waren auch zufrieden und haben geklatscht, letztlich aber zählt es erst beim ersten Pflichtspiel – und das ist das DFB-Pokalspiel in Jena.“

Das steht am kommenden Sonntag auf dem Programm, vorher, am Mittwoch, gastiert der HSV noch zu einem Benefizspiel bei Dynamo Dresden.

Über das Rudnevs-Tor befand Thorsten Fink: „Ich bin über jedes Stürmer-Tor froh, es ist mir immer lieber – weil jedes Tor ja Selbstvertrauen gibt. Und dann kommen auch die Diskussionen nicht immer auf, wie lange ein Stürmer nicht getroffen hat. Jetzt hat ein Stürmer getroffen, deswegen tut das dem Stürmer und auch der Mannschaft sehr gut.“

Den HSV-Fans hat es auf jeden Fall schon mal sehr gut getan, sie waren voll zufrieden: „Ruuuuhhuuuudnevs, Ruuuuuhhuuudnevs.“ Was ein Tor doch so auslösen kann.

Ich denke aber generell, dass ich das Wort „zufrieden“ schon viel zu oft in dieser Vorbereitungsphase gehört habe. Selbst nach einem 1:3 gegen West Ham United herrschte ja voll Zufriedenheit, denn der HSV war spielerisch die bessere Mannschaft, war in beiden Halbzeiten überlegen. Ob es dann trotz der Niederlage gut ist, wenn man „zufrieden“ ist – und es dann auch noch öffentlich sagt, das wage ich zu bezweifeln. Irgendwie besteht doch die Gefahr, dass man die eigenen Spieler einlullt. Die verlieren (oder spielen nicht gerade berauschend), und trotzdem sind die Verantwortlichen zufrieden. Wie sieht das dann am 11. August auf Schalke aus? Der HSV verliert 1:3, aber alle sind zufrieden, weil der HSV spielerisch die bessere Mannschaft war?

Mir hat als Spieler ein Trainer gefallen, wenn er trotz eines Sieges in einem Vorbereitungsspiel jene Punkte kritisch angesprochen hat, die noch deutlich verbesserungsfähig waren. Und dass dieser HSV, auch dieser HSV (!), noch Punkte hat, die zu verbessern wären, davon gehe ich mal ganz verstärkt aus. Man sollte, das gilt generell für das Leben, nie zu früh zufrieden sein, das könnte sich schnell rächen. Und wenn ein Trainer – auch öffentlich – diese oder jene spielerischen Missstände innerhalb seiner Mannschaft betont, so weckt er damit die Aufmerksamkeit seiner Spieler. Sagt er aber immer wieder, dass er zufrieden sei, dann können die sich ja beruhigt zurücklegen, sich auf die Schultern klopfen und sich sagen: „Siehst du, wir haben zwar nicht gewonnen, aber anscheinend haben wir alles richtig gemacht – selbst der Alte ist zufrieden mit uns . . .“

Thorsten Fink, das will ich aber nicht verheimliche, hat nach dem 1:1 gegen Inter auch gesagt: „Wir wollen das alles nicht überbewerten, Inter ist erst seit zehn Tagen im Training. Wir müssen noch zulegen, ein wenig mehr Frische zeigen, wir müssen auch noch effektiver im Abschluss werden, denn die eine oder andere gute Chance hatten wir und haben sie liegen gelassen, und dann müssen wir die eine oder andere Unkonzentriertheit noch abstellen.“

Drei Dinge habe ich noch, bezogen auf das Mailand-Spiel, anzumerken.

Rafael van der Vaart trat erneut nicht übermäßig oft oder viel in Erscheinung, obwohl ich den Verdacht hatte, dass er um die 50. bis 65. Minute herum leicht zulegen konnte. Insgesamt aber ist es immer noch viel zu wenig. Deswegen war ich auch enttäuscht, als ich vor dem Spiel die Aufstellung in Händen hielt: Kerem Demirbay und Hakan Calhanoglu nur auf der Bank. Schade, schade. Wenn nicht jetzt, wann dann? Gerade Demirbay hatte bislang eine sehr gute Vorbereitung gespielt, ihn, einer der jungen Wilden im HSV, hätte ich gerne mal über 90 Minuten gegen eine so ausgebuffte Mannschaft wie Inter gesehen. Thorsten Fink aber vertraute den „Alten“, setzte lieber auf das Bewährte. Das ist seine Linie, er ist der Boss, er hat das Sagen – ich denke aber, dass ein „junger Sprinter“ dem HSV-Spiel ganz gut getan hätte, ganz gut tun würde. Aber was (noch) nicht ist, kann ja noch werden. Und irgendwann wird ein Trainer ja auch mal zu seinem Glück gezwungen, wer weiß?

Mit Lasse Sobiech stand so nur ein „Neuer“ in der Anfangsformation des HSV. Und der junge Innenverteidiger hatte einige Szenen, in denen er nicht gerade souverän wirkte. Nervosität? Kann sein. Es war ja kein leichtes Spiel und kein leichter Gegner. Dennoch wird er zulegen müssen, wenn er seinen Platz in der Mannschaft beanspruchen will. Dann muss er besser sein, als diejenigen, die nun den HSV verlassen sollen. Dazu, fällt mir jetzt gerade ein, zählt ja auch immer noch Paul Scharner. Auch ein Beispiel, dass man nicht immer dann kaufen sollte, wenn man mal eine Idee hat. Warum hat der finanzschwache HSV den Scharner Paul überhaupt gekauft? Weil Bedarf bestand? Den sah ich damals nicht, den sehe ich heute erst recht nicht. Aber das nur mal am Rande.

Der dritte Punkt ist der Torwart. Rene Adler fehlte lange verletzt, ist nun wieder im Training. Reicht das bis zum Schalke-Spiel? Ich glaube nicht. Ich erinnere mich noch an das 1:5 von Hannover, als Adler einen rabenschwarzen Tag hatte. Damals hatte er ein Spiel zuvor verletzungsbedingt gefehlt, natürlich auch wenig Training gehabt – und dann das Debakel. Für ihn und für den HSV. Deswegen denke ich, dass Drobny auch auf Schalke beginnen wird, denn der Tscheche ist voll im Saft, Adler hat noch schwer aufzuholen. Und tut sich und seiner Karriere (in der Nationalmannschaft) sicherlich keinen Gefallen, wenn er nur mit 70 oder 80 Prozent zwischen die Pfosten geht. Thorsten Fink sagt zu diesem Punkt (ob Drobny oder Adler?) diplomatisch: „Es kommt darauf an, wie viel Zeit Rene Adler braucht. Diese Zeit gebe ich ihm natürlich. Er sagt mir, wenn er sich hundertprozentig fit fühlt, wenn er sich gut fühlt, dann soll er auch spielen, das ist ganz klar. Letztlich aber braucht er auch ein bisschen Training, um Spielpraxis für Pokal und Meisterschaft zu haben.“
Das wird Rene Adler aber wohl auch wissen – und bestens einschätzen können.

PS: Training morgen (am Montag) nicht.

PSPS: Den deutschen Fußball-Frauen herzlichen Glückwunsch zum Gewinn der Europameisterschaft! So ersatzgeschwächt, und trotzdem gewonnen – das ist hervorragend. Und: Bei solchen Schiedsrichter-Leistungen (die Elfmeter!) in der Männer-Bundesliga würde ich mit Fußball aufhören – und zwar sofort.

17.53 Uhr

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