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Mit Pepp gegen Guardiola

19. Juli 2013

Wer so lange zusieht, gewöhnt sich irgendwann daran. Denkt der Laie. Aber jeder Fußballer weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als nicht mitmachen zu können. Vor allem verletzungsbedingt. „Die Gedanken werden dabei mit der Zeit immer wirrer“, sagt Ivo Ilicevic, der es in der abgelaufenen Saison auf gerade acht Teileinsätze bringt. Über 90 Minuten durchgespielt hat der Kroate nicht. Immer wieder warfen ihn Verletzungspausen zurück. Auch jetzt in der Vorbereitung musste Ilicevic lange warten. Erst gegen Anderlecht konnte der dribbelstarke Rechtsfuß wieder ran Und das mit den erwarteten Starproblemen. „Ivo hat seine Sache ordentlich gemacht. Man sieht aber, dass er noch ein wenig Zeit braucht“, sagt Trainer Thorsten Fink, der sehr viel auf Ilicevic setzt: „Ivo ist der Typ Spieler, den wir so ansonsten nicht in der Mannschaft haben. Er ist einer, der über di Außen wunderbar ins Eins-gegen-Eins geht.“

Auch Ilicevic ist noch lange nicht zufrieden mit dem, was er zeigen konnte. Nicht über Anderlecht- aber noch weniger über das, was er insgesamt beim HSV zeigen konnte. Dabei haben sich neben den verpassten eigenen Ansprüchen vor allem auch die Kommentare einiger Fans bei ihm eingebrannt. „Was soll ich dagegen sagen, wenn gefragt wird: ‚Ilicevic? Wer ist das? Der ist doch eh immer nur verletzt:’ Im Grunde haben sie ja recht. Die letzten zwei Jahre waren diesbezüglich extrem, das Gerade deshalb will ich diese Saison zeigen, dass der HSV keinen Fehler gemacht hat, als er mich verpflichtet hat.“ Wobei es damals schon schlecht begann. Wegen einer Roten Karte war der Außenspieler lange gesperrt. „Irgendwie kam seitdem vieles zusammen, was nicht zusammenkommen darf. Es war eine Zeit, die ich gern schnell vergessen würde und die ich schnell aus den Köpfen aller streichen würde. Mit guten Leistungen, Siegen und viele Spielen.“

Am morgigen Sonnabend beim Telekom-Cup in Mönchengladbach soll es die nächste Gelegenheit dafür geben. Trainer Thorsten Fink erwägt, Ilicevic erneut vor Marcell Jansen zu bringen. „Links ist meine Lieblingsposition“, sagt Ilicevic, der hier mit dem noch immer angeschlagenen und im Reha-Training befindlichen Dennis Aogo (reiste bereits nach Hamburg) konkurriert. „Aber ganz ehrlich“, sagt Ilicevic, und zieht die Schultern hoch, „mir ist es inzwischen fast egal, wo ich spiele. Hauptsache ich spiele endlich wieder.“

Ilicevic, ein bekennender Freund teurer, schneller Autos, wirkt ruhig bei allem, was er sagt. Weil er gelernt hat, dass der Körper entscheidet. XXX Verletzungen warfen ihn in den letzten zwei Jahren zurück. Oft bedingte die eine Verletzung eine Folgeverletzung. Statt an der Imtech-Arena fand sich der Kroate immer wieder im Reha-Center des Uniklinikums Eppendorf wieder. Ein Ort, den er nicht wirklich ins Herz geschlossen hat, dafür ist er zu sehr Fußballer. Aber es war ein Ort, an dem ihm die Mediziner deutlich machten, wie wichtig der Körper für einen Fußballer ist. Bei der Suche nach den Ursachen für die wiederkehrenden Probleme wurde nichts ausgelassen – aber auch nichts abschließendes gefunden. „Es war unbefriedigend, immer wieder zu Ärzten zu gehen, ohne, dass etwas gefunden wurde. Aber keine genaue Diagnose ist immer noch besser, als eine eindeutig schlechte…“

Ilicevic hat gelernt. Einiges sogar. Er ist demütiger geworden, genießt seinen Beruf mehr als früher. Der Masterplan zum Karrierehöhepunkt enthält wieder mehr Karenzzeiten, „weil immer etwas Unerwartetes passieren kann“, wie der ehemalige Lauterer weiß. „Ich war bis zum Tag vor der EM im Kader der kroatischen Nationalelf und musste dann mit Muskelproblemen passen. Viel schlimmer geht es nicht. Das war mein bisheriger Tiefpunkt nach der langen Verletztenpause beim HSV.“

Die größte Schwierigkeit bei Ilicevics Comeback ist der eigene Übermut, die Übermotivation. „Es hat sich so lange aufgestaut, dass ich jetzt am liebsten komplett ohne Pause spielen würde.“ Das allerdings, so warnen die HSV-Mediziner, funktioniert noch nicht. „Auch wenn es mir sehr schwer fällt, jetzt muss ich auf den letzten Metern noch etwas Geduld haben“, sagt Ilicevic, der mit dem HSV in den internationalen Wettbewerb will. „Die Mannschaft ist stabil. Wenn alle gesund bleiben, sind wir stärker als letzte Saison. Dann können wir auch definitiv über mehr sprechen, als wir zuletzt erreicht haben. Und ich will da unbedingt dabei sein. Deshalb überstürze ich nichts. Mein Ziel ist der erste Spieltag auf Schalke. Und dafür muss ich jetzt den Weg der vielen, kleinen Schritte gehen.“

Einen großen Schritt will indes Trainer Thorsten Fink gehen. Mit dem Spiel am morgigen Sonnabend gegen den FC Bayern. Wie zuletzt in Klagenfurt ist der HSV-Coach noch immer davon überzeugt, dass das Spiel gewonnen werden kann. „Mit der bisherigen Vorbereitung war ich sehr zufrieden. Nun wollen wir auch noch beim Telekom-Cup ein Ausrufezeichen setzen“, sagt Fink, der sich während des Fluges von Klagenfurt nach Köln auf Platz 8a der Germanwings 285 neben Co-Trainer Patrick Rahmen gemütlich gemacht und schon mal eine Strategie für einen Sieg bei dem hochkarätig besetztem Turnier am Wochenende ausgearbeitet hatte. Gegen seinen Ex-Arbeitgeber, mit dem Fink einst die Champions League dramatisch gegen ManU vergeigte, um sie zwei Jahre später zu gewinnen. Gegen die Bayern, die inzwischen ihren Übertrainer Pep Guardiola feiern. „Ich freue mich auf ihn. Für die Bundesliga ist es ein gutes Zeichen, dass sich so ein Top-Trainer für einen Wechsel nach Deutschland entschieden hat“, sagt Fink. „Und: Natürlich ist der Rummel um Guardiola schon extrem. Aber Mitleid habe ich eigentlich nicht, in Hamburg ist ja auch immer viel los.“

Motivation genug bietet der einstige Nord-Süd-Schlager. Vor allem auch ob des 2:9 vor vier Monaten bei den Bayern. „Selbstverständlich werde ich in meiner Ansprache auch noch mal an dieses Spiel erinnern. Aber man kann unsere heutige Mannschaft eigentlich nicht mehr mit der damaligen vergleichen“, sagte Fink, der seine heutige Mannschaft als reifer und gewachsen bezeichnet. „Wir haben das Zeug, in einem Spiel auch mal die Bayern zu schlagen.“ Der HSV hat auch Pepp.

Nicht dabei sein können Johan Djourou (Adduktorenzerrung), Dennis Aogo, Paul Scharner (beide Wadenprobleme) René Adler (Reha nach Knie-OP) und Jonathan Tah (Fußprellung). Der gerade mal 19 Jahre alte Hakan Calhanoglu wird dagegen erstmals in einem Spiel für den HSV dabei sein, zunächst allerdings nur als Einwechselspieler. „Ich freue mich riesig auf die Partie. Es ist etwas Besonderes, gleich im ersten Spiel gegen diejenigen anzutreten, von denen ich als Kind immer geschwärmt habe“, sagt der Deutsch-Türke, der als Jugendlicher besonders Franck Ribéry nachgeeifert hat.

Viel Zeit, den Deutschen Rekordmeister zu bewundern, verschwendet Fink nicht. Im Gegenteil: „Wir wollen das Turnier gewinnen, auch wenn wir nur der Außenseiter sind“, sagte der Coach, und Sportchef Oliver fügt hinzu: „Als HSV-Trainer muss man den Anspruch haben, jedes Spiel zu gewinnen. Diese Mentalität gehört sich für einen großen Verein wie den HSV. Und diesen Gedanken müssen wir all unseren Spielern einpflanzen.“

Ein Sieg gegen die Bayern würde ganz sicher der Moral und dem Selbstvertrauen der Mannschaft einen großen Schub verleihen. Wenn das dann noch mit einem starken Calhanoglu und einem gesunden Ilicevic gelingt – der HSV wäre um zwei Bausteine zum Erfolg reicher.

Ich freue mich auf jeden Fall auf das Spiel gegen die Übermächtigen. Mit Pepp gegen Guardiola – das ist das HSV-Motto. Mal sehen, was dabei rumkommt. Ich bin gespannt.

Bis morgen! Dann meldet sich wieder unser Blogvater Dieter nach dem Spiel bei Euch!

Scholle

P.S.: Um hier mal mit ein paar Verdachtsfällen aufzuräumen: die matz-ab-seite auf facebook (www.facebook.com/groups/matzab) ist kein Muss und ebenso wenig nur für irgendeine Elite, sondern für alle zugänglich. Zudem wird es diese Seite nur parallel, also ergänzend zum Matzab-Mittelpunkt, dem Blog, geben. Facebook soll den Blog garantiert nicht ersetzen. Im Gegenteil: Der Blog wird mehr denn je frequentiert und soll mit ein paar technischen Kniffen auch im Videostream ausgebaut werden. Und falls Ihr was anderes denkt: ich lese durchaus die Kommentare. Schönen Abend!

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