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Der Verein ist mehr als seine Verantwortlichen – siehe Augsburg…

22. April 2015

Ich sagte es ja, es ist mächtig einfach, jetzt draufzuhauen und alles und jeden, der für diese unfassbar schlechte Saison verantwortlich ist zu kritisieren. So, wie es Uli Stein jüngst machte. Dass der einstige Weltklassetorhüter des HSV aus seiner Meinung keine Mördergrube macht, ist hinlänglich bekannt. Unter den Journalisten gilt Stein als jemand, der immer und gern draufhaut. Er ist einer, der Schlagzeilen produziert. Diesmal hat er in vielen Punkten recht, keine Frage! Aber Uli Stein, den ich an sich sehr schätze, geht genau den einen Schritt zu weit, den ich vermeiden will. Er wird gleichgültig.

Dem HSV den Abstieg zu wünschen – was für ein Quatsch! Ich kann dieses dumme Gesabbel nicht mehr hören. Entweder ich bin HSV-Fan oder nicht. Auf keinen Fall aber werde ich die handelnden Personen über den Verein stellen. Soll heißen: Selbst wenn die Verantwortlichen für mich an Dilettantismus nicht mehr zu überbieten sein sollten, ich werde sie kritisieren – aber auch nur sie. Niemals aber werde ich dem Verein ob seiner Mitarbeiter schlechtes wünschen. Was kann der 1887 aus der Taufe gehobene Verein dafür, dass er schlecht bewirtschaftet wird? Nein, dieser HSV ist weit mehr als die paar Verantwortlichen.

 

 

Sachlich diskutieren kann man immer. Man kann sich auch trefflich darüber streiten, ob der HSV wirklich die schlechteste oder zumindest eine der zwei schlechtesten Mannschaften in dieser Saison ist und absteigen müsste. Bislang, da stimme ich Uli Stein vollkommen zu, ist das auch der Fall. Lediglich Paderborn spielt (inzwischen!) ähnlich schlecht. Die anderen da unten, also Freiburg, Stuttgart und selbst Hannover 96 spielen deutlich engagierter. In Freiburg ist eine echte Mannschaft zu erkennen, die sich ihrer Situation bewusst ist und kämpft. In Stuttgart ist wenigstens die Situation allen gegenwärtig und die Mannschaft kämpft mit zudem deutlich strukturierterem, besserem Fußball. Bei Hannover war zuletzt zu hören, dass sowohl Mannschaft als auch Vorstand mit dem inzwischen geschassten Trainer Korkut eine Einheit bildete – bis zum letzten Tag. Und allein darin liegt schon mehr Charakter, mehr Pathos für die Sache als in dieser HSV-Mannschaft. Insofern – damit niemand denkt, ich hätte die Vereinsbrille auf – kann man aus rein sportlicher Sicht einen Abstieg bislang als „verdient“ bezeichnen. Das würde ich auch.

 

Aber noch ist nicht Schluss. Am Ende der Saison werden wir ein berechtigtes, ausgewogenes Fazit ziehen können. Aber bis dahin gilt es für Mannschaft wie Verantwortliche und Fans, daran zu glauben und alles für den Klassenerhalt zu tun. Wie man geschlossen auftritt, bekommen wir am Sonnabend gezeigt, wenn mein Paradebeispiel eines gut geführten Klubs nach Hamburg kommt: der FC Augsburg. Dort demonstrieren fachlich beeindruckende Verantwortliche, wie man eine Mannschaft mit kleinen Mitteln zu großem Erfolg führt. Der FC Augsburg ist für mich letzte wie diese Saison tatsächlich genau das Gegenteil vom HSV.

Zwei Köpfe - ein gemeinsamer Gedanke: Stefan Reuter und Trainer Markus Weinzierl führen den FC Augsburg mit Konstanz und Geschlossenheit zum Erfolg

Zwei Köpfe – ein gemeinsamer Gedanke: Stefan Reuter (l.) und Trainer Markus Weinzierl führen den FC Augsburg mit Konstanz und Geschlossenheit zum Erfolg

Und das liegt zum einen an der Mannschaft, aber zu großen Stücken auch an Trainer Markus Weinzierl und vor allem an Sportdirektor Stefan Reuter. Der Ex-Weltmeister demonstrierte gleich mit Amtsantritt, worauf es ankommt: auf den Teamgeist. „Das erste Ziel ist immer die Einheit. Innerhalb der Mannschaft und natürlich innerhalb des Klubs“, so Reuter, der auch Ostrzolek beeindruckte: „Herr Reuter lebt alles vor. Und er hat am Anfang ganz genau hingesehen und dann ganz schön durchgewischt. Da wurden etliche Leute aussortiert – auch Leistungsträger.“

 

Warum ich das schreibe? Weil der HSV genau das nicht macht. Trotz anderslautender Ansage im Sommer 2014 wurden wieder große Namen verpflichtet, die nicht einschlagen. Aber vor allem wurde mannschaftsintern nie durchgewischt. Gut, Calhanoglu teuer zu verkaufen war unumgänglich. Der Junge ist schlichtweg ferngesteuert und daher kaum noch als Verstärkung zu werten gewesen. Aber Milan Badelj? Per Skjelbred? Dennis Aogo? Michael Mancienne, Tomas Rincon oder die ganzen verliehenen Talente? Nein, das Übel innerhalb der Mannschaft wurde nicht gefunden. Offensichtlich bis heute nicht. Denn trotz des so hoch gefeierten Valon Behramis, trotz des kampfstarken Lewis Holtbys, dem Teamspieler Stieber und dem letztjährigen Retter Pierre Michel Lasogga hat dieser HSV keine Einheit auf den Platz gezaubert. Und das ist nicht allein mein Gedanke, sondern genau das hat Vorstandsboss Dietmar Beiersdorfer unter anderem bei seinem Besuch bei den Supporters zuletzt gesagt. Und was als Vorwurf an die Mannschaft verstanden werden darf, ist am Ende auch ein Schuldeingeständnis, wie ich es Beiersdorfer durchaus zutraue.

Ich traue dem einstig erfolgreichen Sportchef tatsächlich noch immer zu, diesen Verein wieder in die Spur zu bekommen. Er weiß, was zur Bildung einer Einheit wichtig ist und hat mit Bruno Labbadia schon mal einen Trainer geholt, der mit ihm eine Einheit bilden kann wie es die zwischen Weinzierl und Reuter gibt. „Wir schätzen und vertrauen uns“, hatte Weinzierl zuletzt in einem Interview bei Sky auf die Frage nach ihrem Erfolgsgeheimnis geantwortet. Allerdings erst, nachdem Reuter lachend gesagt hatte, dass es beim FCA gar kein Erfolgs-„Geheimnis“ gibt.

Apropos geheimnis: Zuletzt hieß es immer, der HSV müsse für den Fall eines Abstiegs bei der DFL für die Lizenzierung noch Unterlagen nachreichen und nachweisen, dass und vor allem wie er wirtschaftlich tragfähig bliebe. Wie jetzt zu hören ist, hat der HSV diese Unterlagen fertig und verweist dabei darauf, im Abstiegsfall insgesamt 15 Millionen Euro durch Transfereinnahmen generieren zu können. Wo die herkommen sollen? Von den ablösefreien Ilicevic, van der Vaart, Kacar, jansen und Co sicher nicht. Vielmehr befürchte ich, dass sich der HSV dann von den Talenten Tah, Beister, Demirbay und Co. verabschieden würde, was den hiesigen Weg erneut konterkarieren würde…

Aber gut, Konstanz – anderswo selbstverständlich – ist in Hamburg ein noch immer (zu) großes Wort. „In Augsburg hatten wir einen super Teamgeist, weil der Verein es geschafft hat, etwas über einen längeren Zeitraum aufzubauen. Wenn man bedenkt, dass dort 14 Mitarbeiter auf er Geschäftsstelle den Verein machen, während woanders Hunderte arbeiten, dann zeigt das schon, dass dort mit viel Herz gearbeitet wird. Und der Trainer und der Manager haben dort ein System entwickelt“, erinnert sich Ostrzolek gut und gern an seinen Exklub und nächsten Gegner zurück, „zusammen ist dort über viele Wochen, Monate und Jahre eine tolle Gemeinschaft gereift. Und der Erfolg spricht für sich…“

 

Kann Fußball tatsächlich so einfach sein?

 

Ja, kann er! Und das sage nicht ich, das sagen eigentlich alle. Auch Labbadia betont, den Spielern die Einfachheit am Fußball zeigen zu wollen, damit sie den Kopf wieder freier bekommen. „Das hilft auch“, sagt Ostrzolek, „in Bremen hätten mit etwas Glück auch in Führung gehen können. Wir wissen auf jeden Fall wieder, dass wir es können.“ Im Training jedenfalls legt Labbadia vermehrt Wert auf Passspiel. Immer wieder übt er Pressingsituationen auf kleinem Feld. Zudem lässt er im Anschluss an die Einheit die Offensive noch Abschlussübungen machen – teilweise sogar als Flankengeber. Und auch wenn ich damit dem Blogvater leider mal widersprechen muss, würde ich jetzt schon behaupten, dass Labbadia das Beste ist, was der HSV in der Situation noch machen konnte. Schade nur, dass er die zwei Knäbel-Spiele nicht auch noch hatte. Denn dann hätten wir vielleicht schon in Bremen gesehen, was noch maximal aus dieser Mannschaft herauszuholen ist. So, wie wir es jetzt am Sonnabend sehen werden. Gegen den kleinen, aber dem HSV weit vorauseilenden FC Augsburg wird sich zeigen, ob die Ansammlung individueller Qualitäten irgendwann doch noch mal so etwas wie eine Mannschaft darstellen kann.

 

Wieder dabei sein könnte Marcelo Diaz. Der Chilene trainierte heute Vormittag voll mit und hatte dabei keine Probleme. „Es geht mir gut“, so Diaz, der am Nachmittag wie auch Behrami geschont wurde und vorsichtshalber individuell trainierte, „aber ich muss noch abwarten, ob ich für den Trauner eine Alternative sein kann.“ Dann vielleicht ja neben Gojko Kacar, über den mein Kollege Kai Schiller heute im Abendblatt einen starken Text geschrieben hat. Zumindest hätte der HSV mit den beiden im Zentrum eben jene Spielertypen, die zuletzt in Hamburg durch eine Anhäufung besserverdienender „Stars“ auszusterben drohten. Und eben jene Spielertypen, die aus einem kleinen Verein wie dem FC Augsburg einen Europa-League-Anwärter gemacht haben. Manchmal ist etwas weniger eben doch mehr. Auch beim HSV, vor dem Ostrzolek bis zuletzt noch großen Respekt hatte. „Ich weiß noch, wie es war, in dieses große Stadion mit den 57000 Zuschauern als Gastmannschaft einzulaufen. Alle hatten gehörig Respekt“, so der Linksverteidiger. Wissend, dass sich die Verhältnisse verkehrt haben…

 

In diesem Sinne, alle Mann an Bord. Zumindest all diejenigen, die auch jetzt zum HSV als Verein stehen und ihn unterstützen, wo er noch zu unterstützen ist.

 

Scholle

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