Archiv für das Tag 'Aufsichtsrat'

Es gibt eigentlich nur noch eine Lösung

10. Februar 2014

Leere. Mehr ist beim HSV nicht. Ich habe heute locker und leicht 50 Telefonate geführt mit direkt Beteiligten – optimistisch ist keiner. Alle wirken desillusioniert. Auch Bert van Marwijk, trotz seiner durchaus beachtlichen Rede. Allein, dass diese Rede ihn in seinem Amt als HSV-Trainer noch retten wird, erwarten nicht einmal die größten van-Marwijk-Befürworter.

Nein, ich glaube sogar, dass es für van Marwijk angesichts der hiesigen Verhältnisse eine Erleichterung sein wird, wenn er endlich gehen (darf) muss. Man würde dem Trainer, mit dem man unsäglich umgeht, einen Gefallen tun. Aber es sollte dennoch klar sein, dass die nächsten Verantwortlichen ebenso wie die hier Verbleibenden van Marwijks Worte verinnerlichen: „Der Verein zerstört sich selbst“ und „wir wollten mit einer Zunge reden und hier passiert genau das Gegenteil“ sind die vernichtenden wie korrekten Analysen des Niederländers nach gerade einmal viereinhalb Monaten beim HSV. Trotz der arbeitsrechtlich möglichen Konsequenzen spricht van Marwijk öffentlich an, was alle ärgert. „Es ist schade um diesen schönen, großen Verein“, sagt van Marwijk und wirkt zurecht desillusioniert.


Denn es stimmt. Seit langem schon. Aber bevor ich hier auf die Aktualität eingehe, die sich den ganzen Tag schon von Minute zu Minute dreht, möchte ich noch einmal auf etwas Grundlegendes eingehen. Denn verantwortlich für das Trauerspiel, das dieser HSV inzwischen auf allen Ebenen anbietet, sind letztlich nur die Geister, die man selbst seit Jahren ruft. (Chronologisch) Angefangen mit den Supporters, die vielerorts unreflektiert für alles verantwortlich gemacht werden. Die hat man von Vereinsseite vor gut einer Dekade richtiggehend geworben. So sicherte man sich auf der einen Seite eine stetig wachsende Mitgliederzahl und freute sich über immer neue Bestmarken. Auf der anderen Seite fuhr man so auch deutlich mehr Mitgliedsbeiträge ein. Seit 2005 wuchs die Zahl der Supporters von 18000 auf über 55000 – ein Einnahmeplus im Millionenbereich. Parallel dazu beanspruchten die Supporters satzungsgemäß immer mehr Mitspracherecht und organisierten ihre Abteilung über Mitgliedsbeiträge. Und das letztlich so gut, dass die Abteilung irgendwann als Bedrohung wahrgenommen wurde – und größtenteils noch immer wird.

Nun sind die Supporters sicher nicht alleinverantwortlich für die Besetzung im aktuellen Aufsichtsrat, das ist klar. Dabei haben einige andere Mitglieder auch „geholfen“. Aber die Vereinsstruktur ohne entsprechend starke, professionelle Führung – egal wie man zu Bernd Hoffmann oder auch dessen Vorgänger Werner Hackmann steht, die zwei haben dem Verein mehr Professionalität nach außen verliehen als es aktuell der Fall ist – verlor nach außen zunehmend an Stärke. Das Bild, dass dieser Verein inzwischen völlig mitgliederbestimmt und verfilzt ist, hält sich. Im Aufsichtsrat sitzen plötzlich ehemalige Supporters-Größen, während Wirtschaftsgrößen und Fußballfachwissen dem Gremium fernbleiben. Dass jetzt, in der wahrscheinlich schwersten, sportlichen Vereinskrise der letzten Jahrzehnte ausgerechnet dieses Gremium den entscheidenden Impuls zum Guten geben soll – ich wüsste nicht, warum man das erwarten kann…

Nein, es sind die Geister, die gerufen wurden, die den HSV jetzt im Chaos versinken lassen. Der Aufsichtsrat mischt sich plötzlich sogar ganz massiv in sportliche Belange ein und führt eigenständig Gespräche mit Felix Magath, während der noch amtierende Vorstand weiter hinter Bert van Marwijk steht. Die Räte verschlimmern sogar alles noch, indem sie sich intern nicht einmal einig sind. Nicht einmal gestern, wo es gar kein Zurück mehr geben konnte. Denn welche Wahl hat dieser HSV jetzt noch? Mit einem Vorstand weiterarbeiten, den der Aufsichtsrat gedanklich schon entlassen hat und der in seiner Funktion dadurch schon kaum mehr ernstgenommen wird? Dazu noch mit einem Trainer, der durch die Hamburger Legende Felix Magath ersetzt werden soll und weiß, dass man ihm nichts mehr zutraut?

Nein. Nachdem wir hier im Blog erfahren hatten, dass es bereits Gespräche mit Magath gab, waren sowohl der Vorstand als auch van Marwijk entmachtet. Von da an gab es für die elf Kontrolleure keine andere Lösung mehr als einen klaren Schnitt zu machen. Und das schnell. Egal, was man von Bert van Marwijk halten mag – die Räte selbst hatten sich mit ihrem Vorpreschen in Sachen Magath zwangsläufig auf einen neuen Trainer festgelegt.

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Und dennoch schafften sie es binnen acht Stunden mit einem und demselben Thema nicht, eine interne Einigkeit zu erzielen – obwohl es nur noch eine Lösung geben kann. Und die heißt Trainerwechsel. Und somit eigentlich auch Magath. Und diese Entscheidung soll es angeblich im Laufe des Dienstags geben. Magath soll schon gegen Bayern als Trainer auf der Bank sitzen.

Wobei, jeder Konjunktiv bei diesem HSV darf berechtigt zweifeln lassen…

Was bleibt sind Kollateralschäden, die in ihrem Ausmaß nicht wiedergutzumachen sind. Nachdem sich die Mannschaft sportlich disqualifiziert hat und der Vorstand nicht in der Lage war, angemessen zu reagieren, scheitern jetzt auch die Kontrolleure als letzte Instanz. Sie arbeiten anmaßend, indem sie sich über Umwege ins operative Geschäft des Vorstandes („Entlasst den Trainer oder wir entlassen euch“) einmischen. Und sie demonstrieren die Zerrissenheit des HSV e.V. und schaden dem Verein zunehmend. Ich gehe sogar noch etwas weiter: Selbst wenn der aktuelle Vorstand entlassen wird, Magath neuer Trainer wird und letztlich auch noch die Klasse hält – dieser Aufsichtsrat muss spätestens im Sommer zurücktreten. Weil alle zusammen den Karren in den Dreck gezogen haben, muss das in meinen Augen geschlossen passieren – auch wenn es das erste Mal für diese elf wäre…

An den durchaus möglichen Fall, dass am Ende Magath dem HSV absagt, mag ich noch gar nicht denken. Obgleich der sicher nicht ausgeschlossen ist. Je länger es dauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass Magath sich das Amt antut.

In diesem Sinne, bis morgen! Oder nachher. Egal: einfach bis später. Ich melde mich auf jeden Fall sofort bei Euch, wenn sich etwas tut.

Scholle

P.S.: Sportlich gibt’s auch eine schlechte Nachricht, denn Marcell Jansen droht am Mittwoch gegen Bayern München nach einem Schlag auf die Wade aus dem Hertha-Spiel auszufallen. Pierre Michel Lasogga trainierte unterdessen schmerzfrei voll mit.

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