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Beiersdorfer: „So wird das nix!“

5. April 2015

Lieber HSV, ich möchte mich heute bei Euch bedanken für das gestrige Spiel. Es hat das Blogschreiben sehr vereinfacht. Alle in einen Sack, Knüppel drauf, da kannst du nur den richtigen erwischen.

Nach den vielen, vielen Enttäuschungen dieser Saison und den Vorjahren hat der Verein und mit ihm die Mannschaft auf dem Rasen nun auch noch eine weitere dramatische Eigenschaft entwickelt: Resistenz gegen Trainerwechsel. Man mag darüber streiten, ob der Knäbel-Effekt erst in der siebten Minute des Leverkusen-Spiels verpufft ist oder eigentlich schon mit seiner Inthronisierung, die ja nun alles, aber keinen Aufbruch ausgelöst hat. Letztlich ist der Zeitpunkt unerheblich.

Meine Herrschaften, war das wieder ein erbärmlicher Auftritt dieses HSV. Eigentlich hat die Mannschaft an diesem Nachmittag in der BayArena nur einmal Format bewiesen. Als das Team nämlich nach dem Abpfiff zur Fankurve gegangen ist, um sich den aufgebrachten Anhängern zu stellen. Das war eine gute Geste, aber dass es dazu überhaupt kommen musste, hatten sich die Kicker selbst zuzuschreiben. „Wir haben die Schnauze voll“ und „Wir wollen euch kämpfen sehen“, schrien ihnen die Anhänger entgegen. Was sollen sie in ihrer Verzweiflung auch sonst rufen?

Trotzdem wird der HSV darauf angewiesen sein, dass die Treuesten der Treuen bei der Stange bleiben. „Ich kann die Fans nur bitten, weiter zu ihrem Club zu stehen“, sagte Vereins-Boss Dietmar Beiersdorfer am Ostersonntag. „Sie sind mit uns schon durch viele Täler gegangen. Es ist eine harte Zeit für die Fans.“ Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass es an der Kampfbereitschaft des Anhangs am Ende nicht scheitern wird, wenn es um die letzten Körnchen für den Klassenerhalt geht. Aber was ist mit dieser Mannschaft?

„Nach dem frühen 0:1 waren wir tot“, sagte Kapitän Johan Djourou nach seinem Aussetzer in der siebten Minute. Der HSV kann ja ohnehin schon nicht zurückkommen, wenn einmal ein Gegentreffer fällt. Und dann noch so einer…. „Das war dann kein Überlebenskampf mehr“, wie Dietmar Beiersdorfer deutlich sagte. Am neuen Trainer, das betonte Beiersdorfer immer wieder, macht er diese Minus-Leistung nicht fest: „Ich habe mir das Training angeguckt und auch die Besprechung vor dem Spiel. Es ist schwierig, eine Mannschaft besser für ein Spiel zu präparieren, als es hier geschehen ist – aus meiner Sicht. Da waren Zug, Abschlüsse und Überzeugung drin. Aber auf dem Rasen muss es dann die Mannschaft richten. Da entscheiden die Spieler, ob sie sich vorführen lassen, oder ob sie Haltung oder Präsenz zeigen.“

Beiersdorfer weiter: „Wenn wir uns weiter so präsentieren wie gestern, dann werden wir keine Chance haben, die Klasse zu halten. So wird das nix.“

Eine nachträgliche Einzelkritik erübrigt sich im Prinzip. Einige Spieler haben eine derart desaströse Leistung gezeigt, dass man sich fragt, was sie eigentlich beruflich machen. Ostrzolek, Behrami, Djourou – auch Diekmeier, Jiracek oder Müller. Allenfalls kann Adler, Westermann und Ilicevic, wenn man so will auch Olic (weil er den einsamsten Arbeitsplatz Deutschlands hat) so etwas wie Einstellung nachgesagt werden. Im Grunde ist das aber egal. Eine Situation in der ersten Halbzeit steht für mich da sinnbildlich. Vielleicht erinnert Ihr Euch, falls Ihr das Spiel im Fernsehen verfolgt habt, an die Gelbe Karte gegen Dennis Diekmeier in der 42. Minute. Der HSV hatte den Ball in der gegnerischen Hälfte, musste dann nach hinten weichen, wo Dennis Diekmeier den Ball bekam. Er dribbelte, verlor den Ball und „rettete“ alles mit einem Hechtsprung Richtung Ball. Handspiel, Gelbe Karte, Freistoß für Leverkusen waren die Folge. Auf den ersten Blick sah das alles nach einem stümperhaften Diekmeier-Verhalten aus – jedenfalls im TV-Ausschnitt. Dazu kam nun allerdings, dass der Rechtsverteidiger des HSV völlig verzweifelt nach einem Anspielpartner gesucht hatte. Die naheliegende Position, defensives Mittelfeld, war völlig verwaist – das war der Stadion-Eindruck. Behrami und Jiracek schlenderten irgendwo in vorderster Sturmreihe herum, die offensiven Mittelfeldspieler sowieso. Das heißt: Die Vierer-Abwehrkette des HSV war zugelaufen von vier offensiven Leverkusenern, und die Räume im Mittelfeld waren besetzt durch Rolfes und Bender – HSV-Spieler: Fehlanzeige. Niemand hilft beim HSV der armen Sau, die den Ball hat. DAS ist die Einstellung und die Angst, die in die Zweite Liga führt. „Der Gegner fühlt das auch. Und dann ist das schwierig, solche Spiele zu gewinnen“, sagte Dietmar Beiersdorfer. Summa summarum: „So kann man keinen Abstiegskampf betreiben.“ Am Ende standen übrigens 25:4 Torschüsse für Bayer Leverkusen. Die haben sich doch kaputt gelacht über diesen Gegner.

Trainer Peter Knäbel war nicht weniger ernüchtert und enttäuscht. „Ich habe gesehen, auf wen ich mich verlassen kann, und auf wen nicht.“ Schon am kommenden Sonnabend gegen den VfL Wolfsburg werde sich das in der Aufstellung niederschlagen. Wobei sich die Frage stellt, wer sich denn tatsächlich zu den Glücklichen schätzen darf, auf den Knäbel noch setzt. Und vor allem: bringt er jetzt viele Neue – sind das dann die Richtigen?

Knäbel hat „keine elf Männer auf dem Platz gesehen“, und diese Einschätzung wird von manchem Spieler vorbehaltlos geteilt. Johan Djourou, mit einem seiner schlechtesten HSV-Spiele und entsprechend selbstkritisch, gab an: „Wir müssen viel mehr tun und mehr kämpfen für uns, für die Fans, für unsere Familien, für den Verein. Wir müssen kämpfen vom Anfang bis zum Ende. Der Trainer kann nur eine Idee geben, schaffen muss es die Mannschaft. Wir wissen, was Abstiegskampf ist – und jetzt müssen wir damit anfangen.“

Eine traurige Rückkehr in den Kasten „feierte“ Rene Adler. Er hat eine noch deutlichere Niederlage verhindert. „Leverkusen war stark, aber wir haben uns auch selbst geschlagen“, so der Keeper. „Wir machen eindeutig zu viele Fehler und schaffen keine Entlastung nach vorn.“

Aber noch einmal zurück zu Peter Knäbel – er muss nun als verantwortlicher Coach in erster Linie irgendwo Hebel ansetzen. Personelle Veränderungen, das ist das eine. In der ersten Halbzeit sei sein Team in der Defensive noch einigermaßen stabil gewesen, darin sah er tatsächlich etwas Positives. Hier im Wortlaut Ausschnitte aus der Pressekonferenz:
Wie ernüchternd war dieses Spiel für Sie?

Ob jetzt ein Spiel in Leverkusen angetan ist, Selbstvertrauen zu tanken, lasse ich mal dahin gestellt. Aber wenn wir 14 Tage trainieren, ist so sein Spiel enttäuschend, nicht nur ernüchternd. Aber wir hatten alle Nationalspieler auch nur zwei Tage lang zusammen. Insofern haben wir auch nicht die ganze Zeit alles einstudieren können, was wir wollten.“

Sorgen die Djourou-Aussagen, es fehle am Kampf, nicht für Entsetzen?

Ich bin immer vorsichtig bei den Spielern, die eine andere Muttersprache haben. Da hat man für den gleichen Sachverhalt vielleicht weniger Ausdrücke zur Verfügung. Wenn er die Einstellung anspricht, kann man in dem Spiel darauf verweisen, dass die Präsenz in Leverkusen für 50:50-Bälle nicht da gewesen ist. Und wenn man die fußballerische Klasse nicht hat, um solche Situationen zu lösen, wird es schwierig. Es hat eine konkrete Bewandtnis auf dem Platz, dass die Einstellung auf dem Platz nicht gestimmt hat.“

Was macht ihnen für die sieben Spiele noch Hoffnung auf den Turnaround?

Ja, weder rund noch geturnt – da gebe ich ihnen vollkommen recht. Wir hatten zwei Spieler zurück, wobei ich nicht sehr viel von „Hoffnungsträgern“ halte. Aber es ist ein anderes Spiel, wenn Diaz da ist. Er hat eine hohe Passsicherheit und macht andere besser. Auch Lasogga war mal wieder dabei. Und ich habe gesehen, auf wen ich mich verlassen kann und auf wen nicht. Wer das ist, sage ich aber erst den Spielern.“

Was machen sie mit diesen Spielern?

Was jeder Trainer macht. Man spricht es an, und dann gibt es wieder eine Aufstellung gegen Wolfsburg.“

Wie war ihr erstes Mal als Trainer, emotional eine wuchtige Erfahrung?

Ich habe mich sehr wohl gefühlt. Ich glaube, der Kollege Schmidt hat nicht jemanden gesehen, der so funktioniert wie ein Anfänger. Die Position passt mir, ich habe mich wohl gefühlt da unten.“

Es gab eine Mitteilung, der HSV habe 25 Millionen Euro zur Verfügung für neue Spieler – wie gehen wie um mit Image- und Glaubwürdigkeitsverlust, den der HSV erleidet?

Eine Pressemitteilung von uns war es nicht. Wenn, dann haben sie das einem Interview des Aufsichtsrats-Vorsitzenden entnehmen können. Es steht mir als Sportdirektor und als Trainer nicht zu, das zu kommentieren. Wenn sie das als Glaubwürdigkeitsverlust sehen, ist das ihre persönliche Haltung. Unterm Strich glaube ich, dass die Zahlen belegt sind. Ich sehe da keinen Glaubwürdigkeitsverlust. Es geht darum, Strategien und Möglichkeiten auszuloten – wobei wir etwas zu tun haben, was viel wichtiger ist. Wir haben die Klasse zu halten. Ich beschäftige mich nicht mit dem Einkaufskorb, den wir zur Verfügung hätten, wenn man solche Summen hört.“

Wo genau in der Mannschaft konkrete Verbesserungsansätze für den Abstiegskampf sind oder ob sie sich in allgemeinen Plattitüden erschöpfen, das zeigen die nächsten Tage – und vor allem dann das Spiel gegen Wolfsburg. „Wir werden alle Mittel ausreizen, um eine Mannschaft zu bringen, die um ihr Leben kämpft“, so Dietmar Beiersdorfer. Wer glaubt noch dran???

Zu allem Überfluss kassierte gestern auch die U 23 eine weitere Niederlage. Beim 1:3 in Cloppenburg traf nur Dominik Masek. Das Comeback von Trainer Rodolfo Cardoso ist also daneben gegangen, und dieses neunte Spiel in Folge ohne Sieg ist eine weitere herbe Enttäuschung. Und das mit Personal wie Brunst, Jung, Götz, Marcos, Mende, Steinmann, Ahmet Arslan, Philipp Müller oder Beister, die ja auch eigentlich auch hohe Ansprüche haben. Der HSV-Nachwuchs ist in der Regionalliga-Nord Tabellendritter, ein möglicher Aufstieg aktuell kein Thema mehr.

Für die Profis ist nach dem Auslaufen heute morgen trainingsfrei – weiter geht es Dienstag mit zwei Einheiten.

Und für Eure privaten Planungen: Der Saisonstart der Zweiten Bundesliga in der Saison 2015/2016 ist am Wochenende 24. bis 27. Juli.

Lars
18.00 Uhr

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