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Brandreden sind nicht das richtige Mittel – zumindest nicht mehr…

14. April 2014

Natürlich ist die Relegation etwas, was ich sofort unterschreiben würde. Schließlich ist man damit nicht direkt abgestiegen. Es wäre inzwischen, nach diesem grauenvoll leblosen und qualitativ beängstigenden Auftritt in Hannover, für mich schon ein echter Teilerfolg. Und dabei haben ich weniger Bedenken, dass der 1. FC Nürnberg den HSV überholt denn Braunschweig. Denn bei allem nötigen Respekt – aber wenn sich eine Mannschaft, die qualitativ so weit hinten ist, bis zum Schluss im Rennen um den Klassenerhalt nicht abhängen lässt, ist das alle Achtung wert. Und leider auch relativ leicht zu erklären. Denn die Eintracht wusste von Beginn an, worum es geht. KÄMPFEN statt zelebrieren – scheißegal wie punkten statt Gegner deklassieren zu wollen. Da werden Spiele vergeigt, weil man schlichtweg unterlegen ist. Aber im Gegensatz zu den Konkurrenten wird es nie verpasst, den nötigen Einsatz an den Tag zu legen. Im Gegenteil.


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Umso erschütterter bin ich ob der Hannover-Darbietung des HSV noch immer. Ich habe Sonntag frei gehabt und mit keinem HSVer gesprochen, um mal abzuschalten. Aber wie höchstwahrscheinlich bei Euch auch, ging und geht das nicht. Schon ein einziger Satz, wie der von Taolgay Arslan („Wir waren überrascht, das Hannover von Beginn an so viel Druck macht“) bringt meinen Puls auch jetzt noch binnen Millisekunden gen Siedepunkt.

WIE BITTE? Was denn bitte sonst?? Was erwarte ich denn bitteschön von einem Team, das in den Abstiegssumpf gezogen werden könnte, dessen Trainer zur Disposition steht (stand) und das ein Kurztrainingslager macht, um näher zusammenzurücken – und das zu Hause spielt?? Nein, so viel Verkennung ist unfassbar und schlichtweg nicht bundesligatauglich.

Deshalb habe ich heute Tolgay angerufen und ihn auf diesen alarmierenden Satz angesprochen, den ich sogar als ein weiteres Indiz für einen Abstieg bezeichnen würde. „Ich hatte mir Hannovers Aufstellung angesehen, um mich vorzubereiten. Und dabei fielen zwei, drei Umstellungen auf, die mich eine defensivere Herangehensweise der Hannoveraner vermuten ließen. Dass sie dann aber von Beginn an alles nach vorn werfen, damit hatte ich in der Wucht nicht gerechnet. Aber schon nach der zweiten Szene waren die 96-Fans wieder voll da und wir hatten noch keine Lösung.“ Daher habe er versucht, das eigene Spiel zu ordnen. „Wir mussten die Lücken kleiner machen zwischen Tomas und mir mit der Abwehrreihe sowie zum Sturm. Aber das haben wir nicht geschafft. Wir hätten allesamt tiefer stehen oder vorrücken müssen – aber wir haben weder das eine noch das andere konsequent umgesetzt und Hannover Räume geöffnet.“

Dass er selbst ein schwaches Spiel gemacht hat, sieht Arslan genauso. „Wir hatten keinen Zugriff und kamen nicht rein. Tomas und ich haben zu viele Lücken gelassen und unser ganzes Konstrukt hat gewackelt. Und ich kann nur sagen, dass es nicht mangelnder Wille war. Allerdings weiß ich auch nicht, was es war. Dabei habe ich seit Schlusspfiff über nichts anderes nachgedacht. Ich habe richtig Bauchschmerzen bekommen, weil ich es mir selbst nicht erklären konnte, weshalb ich so überhaupt nicht ins Spiel gefunden habe.“

Wahnsinn. Ehrliche Aussagen von Arslan zwar – allerdings auch beängstigende. Denn genau das habe ich immer befürchtet: Dieser Mannschaft mangelt es an „Eiern“, an Spielern, die Verantwortung übernehmen. Nicht mal jetzt kristallisieren sich echte Führungsspieler heraus – den jungen Hakan Calhanoglu sportlich mal rausgenommen. Nicht mal jetzt, in einer komplett eindeutigen und zweifellosen Situation kriegen es die elf Herren auf dem Platz – egal welche – mal länger als für ein Spiel hin, sich den Allerwertesten aufzureißen. Mehr noch: Sie lassen sich überrennen und sind „überrascht“. Dass letztlich auch ne Menge Pech dazukam und eine Abseitssituation zur Niederlage führte – es ist nur symptomatisch für diesen anhaltenden Niedergang. Wie so vieles, was in diesem Verein in dieser Saison passiert ist und noch immer passiert.

Aber dennoch, auch wenn es schwerfällt – jetzt muss wieder angefangen werden, nach vorn zu schauen. Der VfL Wolfsburg und Ivica Olic nahen und wollen seine Chancen auf einen Platz in der Champions League wahren. Und weil der Name wieder eine wichtige Rolle spielen könnte – Olic war für den HSV tatsächlich nicht zu holen. Im Winter war das Thema einmal aufgekommen und der HSV hat sich trotz anderslautender Ansagen tatsächlich mit dem Kroaten beschäftigt. Weil er vom Herzen her in der Bundesliga am ehesten Hamburger ist und ebenso gern wieder für den HSV spielen würde, wie er einst seinen ausverhandelten Vertrag hat unterschreiben wollen. Allerdings soll Olic in Wolfsburg knapp sechs Millionen Euro per annum verdienen – völlig utopisch für den HSV. Zumal Olic keine Investition ist, die man als perspektivisch bezeichnen könnte.

Allerdings tut es weh, wenn man sieht, wie sehr er hätte helfen können und wenig beim HSV geht, nur weil im Angriff nichts los ist. Insofern hätten sich weitere Schulden auf die eh schon 100 Millionen zumindest in Sachen Lizenzvergabe gelohnt. Denn die Klasse wäre mit einem Olicv inzwischen gehalten, da bin ich mir sicher. Und der Mangel an Stürmern wird nach meiner Meinung letztlich sportlich ein Hauptkriterium für die schwache Saison sein. Denn es geht zumindest dann nichts, wenn Lasogga fehlt.

Und der wird nun einmal weiterhin fehlen. Wenn ich richtig informiert bin – was ich in diesem Fall nicht hoffe – dann dürfte der Angreifer sogar bis Saisonende kaum mehr einsatzbereit sein. Denn obwohl der HSV offiziell mitteilte, man würde Lasogga schonen, gerade weil man nichts Akutes finden kann, wurde mir gesagt, dass er deutlich schwerwiegender verletzt sei. Es seien keine „Muskelprobleme“ sondern ein Muskelbündelriss, der Lasogga aussetzen lässt. Und der kann auch gut und gern mal sechs Wochen dauern. Aber ich wäre auch in diesem Fall froh, wenn ich falsch liege.

Bis dahin jedoch muss der HSV punkten – egal wie und egal mit wem auf dem Platz. Heiko Westermann soll am Mittwoch oder Donnerstag wieder ins Training einsteigen und er soll seine Leistenprobleme bis zum Sonnabend soweit in den Griff bekommen, dass er auflaufen kann. Schwieriger gestaltet sich die Situation bei Rafael van der Vaart, bei dem ein Einsatz am Sonnabend nach jetzigem Stand eher unwahrscheinlich ist. Dass Milan Badelj spielen kann wird zwar gehofft, ist aber noch lange nicht sicher. Allerdings dürfte das Hannover-Spiel einmal mehr gezeigt haben, dass Kampf und Jugend allein nicht reichen, um die Zentrale zu besetzen. „Milan ist unser Spielgestalter aus der Defensive heraus. Er kann sicher noch viel mehr, als er bisher gezeigt hat“, so Sportchef Oliver Kreuzer, „aber er ist eigentlich nicht mehr wegzudenken. Er übernimmt Verantwortung und leitet unser Spiel.“ Das stimmt. Und wie auf allen anderen Positionen in diesem unzureichend zusammengestellten Kader muss auch hier relativ gedacht werden – denn die Konkurrenz ist schlichtweg nicht besser als Badelj.

Nicht wirklich besser macht die Situation übrigens Brandrede Nummer 62. Zumindest waren es inzwischen schon so viele, dass es inflationär wirkt, wenn Oliver Kreuzer die Mannschaft mit „unterirdisch“ oder dergleichen anzählt.

Wobei, es ist mitnichten so, dass die Mannschaft das nicht verdient hätte. Ganz im Gegenteil: Wenn Trainer Mirko Slomka könnte, würde er sicher ähnliche Reden schwingen und den einen oder anderen Spieler rauswerfen und ersetzen. Aber das geht eben nicht und jetzt muss mit dem gearbeitet werden, was da ist. Die Situation ist gerade einmal vier Spieltage vor Schluss so eindeutig wie nie: Nichts, aber auch wirklich GAR NICHTS darf diese fragile Mannschaft jetzt noch ablenken.

Auch keine (noch so notwendige) Strukturdebatte. Obgleich ich für morgen befürchte, dass dann einen Tag vor der Infoveranstaltung (Mittwoch 19 Uhr im Spiegelsaal des Grand Elysée) neue Namen hinter dem Konzept HSVPlus öffentlich werden und für Diskussionen sorgen. Aber Diskussionen anzuzetteln, das muss zumindest kein Sportchef mehr machen. Zumal dieser letztlich genau diese Spieler zusammengestellt und vor allem auch für gut genug befunden hat.

In diesem Sinne, morgen wird um zehn und um 15 Uhr trainiert.

Scholle

P.S.: Jonathan Tah (Rückenprobleme) trainierte zusammen mit Milan Badelj und Marcell Jansen individuell mit Rehatrainer Markus Günther.

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