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Zinnbauer macht es wie Happel…

9. März 2015

Man wird das Thema gar nicht los. Und ehrlich gesagt freut mich das auch für Heiko Westermann. So sehr er sich immer als erster der Kritik stellen musste, so intensiv darf sein Wutausbruch vom Wochenende jetzt Gehör finden. Zumal dann, wenn es die Fans wenigstens zum Nachdenken anregt. Und ich habe das Gefühl, dass Westermann das erreicht hat. Überall werde ich darauf angesprochen, wenn es um den HSV geht. Und ehrlich gesagt habe ich sogar das Gefühl, dass Westermann mit diesem Ausbruch sich selbst entlastet und öffentlich für sich geworben hat. Denn er ist und bleibt mindestens bis Saisonende HSVer. Auf jeden Fall wäre es traurig und kontraproduktiv, wenn er als aktueller Spieler von den eigenen Fans mit Pfiffen bedacht würde.

 

Mehr Tamtam muss es dann aber auch nicht mehr sein. Mehr darf es auch nicht sein, denn am Sonnabend steht das Spiel bei der TSG Hoffenheim an. Es ist alles gesagt – jetzt kann es wieder um die wichtigen Dinge gehen, denn der HSV steht weiterhin mitten im Abstiegskampf. Auch in Hoffenheim muss der HSV wieder punkten. Denn so beachtlich der Punkt gegen Borussia Dortmund auch war, so notwendig sind weitere Punkte. Und leichter wird es gegen die angeschlagenen Hoffenheimer nach deren 1:3 bei Schalke 04 nicht. Die werden etwas gutmachen wollen, oder besser: sie müssen, nachdem sie durch Augsburgs zeitgleichen Überraschungserfolg gegen Wolfsburg den Anschluss ans internationale Geschäft verloren haben. Nein, bei allem Verständnis für Westermann muss das Thema jetzt abgeschlossen werden. Zumal es zum Zeitpunkt seiner Vertragsverlängerung oder seiner Abschiedsankündigung sowieso wieder hochkommt.

Bis dahin (und auch dann) gibt es vordringlichere Themen aus sportlicher Sicht. Denn der HSV hat gegen Dortmund das gezeigt, was er aktuell drauf hat und muss zweierlei konstatieren: DIESER Fußball ist momentan der einzig mögliche Weg zum Klassenerhalt. Kampf bis an die Grenze des Erlaubten (und drüber hinaus), defensiv Beton anrühren und hoffen, dass vorn einer reingeht. Irgendwie. Und zweitens: So DARF es nicht noch mal kommen. Es ist und bleibt das Versäumnis der Handelnden, dass der HSV diese Art Fußball spielen muss, weil das Personal nichts anderes hergibt und weil nur so das Minimalziel Klassenerhalt realistisch bleibt. Dieser Fußball kann sicher nicht der Anspruch des HSV und seiner verantwortlichen sein – aber nichts als dieser Fußball darf der Anspruch dieses HSV sein, weil er es momentan nicht besser kann.

 

Für den Klassenerhalt aber reichen Remis allein auf Sicht nicht, dafür muss auch mal gewonnen werden. In Hoffenheim ist das allemal nicht ausgeschlossen, trotz der traurigen HSV-Bilanz (ein Sieg, ein Remis, vier Niederlagen) in Sinsheim. Denn Hoffenheim ist und bleibt auch in dieser Saison ein Team, das jeden schlagen kann – das aber auch gegen wirklich jeden verlieren kann. Instabil. Nicht ganz so wie der HSV – aber auf sportlich höherem Niveau für die dort Verantwortlichen sicher ähnlich unbefriedigend.

 

Fünf Trainingseinheiten hat Zinnbauer Zeit, sich seine Startelf für die Auswärtspartie zu formen. Taktisch, das ist der große Vorteil am neuen System, besteht zwischen Heim- und Auswärtsspiel kein Unterschied mehr. So, wie es früher der große Ernst Happel hielt. Mit dem gravierenden Unterschied, dass der Österreicher den Gegner auch auswärts unter Druck setzen ließ und das Spiel dominierte, während Zinnbauer auswärts wie daheim Beton anrührt und dem Gegner das Spiel überlässt und sich auf Konter verlässt. Eine Viererabwehrkette samt Doppelsechs sorgt für defensive Stabilität, die zwei Außen kommen aus der defensive und sollen zusammen mit dem Zehner nach Ballgewinn den Konter schnell machen. Und die einzige Spitze ackert sich vorn einen ab und agiert als erster Abwehrspieler. Je nach gegnerischer Qualität mal mehr, mal weniger offensiv. Nicht schön – aber wie gesagt, mehr gibt der aktuelle Kader so nicht her.

 

Oder doch?

 

Immer wieder höre ich, dass die Rückkehr von Maxi Beister die Offensive stärken wird. Und das mag auch sein, da ein Nicolai Müller noch immer nicht annähernd das spielt, was man sich erwarten darf. Defensiv verdrückt sich der Ex-Mainzer zu oft, vermeidet Zweikämpfe. Und offensiv verliert er zu oft selbst einfache Bälle. Dass er seine zweifellos große Qualität, sein Tempo, erfolgreich nutzt – eine Rarität. Dennoch hatte er von Zinnbauer durchgehend das Vertrauen bekommen. Zum einen, weil er auf der Position aktuell konkurrenzlos war. Zum anderen, weil auch Zinnbauer darauf hoffte, dass Müller irgendwann diese eine Initialzündung hat, die ihn auf einen Schlag in die Form der vorangegangenen Saison hievt. Beide Hoffnungen blieben bislang unerfüllt.

 

Und daher kann der HSV-Trainer Herrn Gagelmann im Nachhinein doppelt dankbar sein: Zum einen, dass er Behrami nicht früh mit Rot vom Platz schickte und sperrte – zum anderen, dass Müller jetzt gelbgesperrt ist und er so gezwungen ist, den Formschwachen Rechtsaußen auszutauschen. Ob letztlich Maxi Beister dafür kommt oder Zinnbauer eine andere Idee hat – das lasse ich so früh in der Woche lieber dahingestellt. Neben dem U23-Talent Ahmet Arslan würden sich zudem auch die zuletzt ins zweite Glied geschobenen Ivo Ilicevic und Julian Green anbieten, trotz durchwachsener Leistungen für die U23. Aber gerade bei den Dreien sollte der Motivationsfaktor, es allen zeigen zu wollen, maximal sein. Und wichtig ist für mich, dass der Neue kaum weniger effektiv sein kann und Müller so vielleicht mal wieder das Gefühl bekommt, dass auch er austauschbar ist – sofern seine Leistung auch nach Absitzen der Sperre nicht stimmt.

Auf den Platz wollen sie: Pierre Michel Lasogga (l.) und Maxi Beister. Gegen Hoffenheim könnte es passieren.

Auf den Platz wollen sie: Pierre Michel Lasogga (l.) und Maxi Beister. Gegen Hoffenheim könnte es passieren.

 

 

Auf dem Weg zurück ins Team ist Pierre-Michel Lasogga. Der Angreifer hat letzte Woche wieder mit der Mannschaft trainiert und stand nach einem zweifelsfrei sehr ordentlichen Abschlusstraining auch gleich im Kader gegen Dortmund. Er könnte in die Spitze rücken und Olic dafür nach linksaußen, während Mohamed Gouaida, der für mich immer stabiler wird, auf rechts ausweichen könnte. Aber diese Lösung beinhaltet wahrscheinlich zu viel Umbauten für das grundsätzlich wacklige Gerüst dieses HSV.

 

Etwas weniger unwahrscheinlich ist dagegen eine Lösung mit Marcell Jansen, der am vergangenen Freitag noch leichte Probleme hatte und nichts riskieren wollte. Bis dahin hatte Zinnbauer den Linksfuß ausdrücklich gelobt und dessen Rückkehr in Aussicht gestellt. Dieses Wochenende gegen Hoffenheim will Jansen wieder voll fit dabei sein und könnte Gouaida ersetzen, den ich – wie oben erwähnt – momentan allerdings nicht rausnehmen würde und der auch auf rechts spielen kann. Egal wie, obgleich Zinnbauer sicher gern noch mal dieselbe Startelf aus dem BVB-Remis aufbieten würde – ich glaube, diese Gelbsperre kann auch als Chance verstanden werden, die wenig durchschlagkräftige Offensive zu stärken.

 

Stark war neben dem in meinen Augen besten Spieler des Spiels zuletzt auch Cléber. Der Brasilianer bestätigte die Eindrücke aus dem Training der Vorwoche und ist in der Form aus der Viererkette nicht wegzudenken. Spannend wird für mich, was passiert, wenn Johan Djourou wie erwartet am Donnerstag wieder voll einsteigen kann und sich auch für Sonnabend gesundmeldet. Dann heißt es zwei aus drei – und plötzlich wäre das Thema Westermann wieder aktueller denn je, womit sich der Kreis an dieser Stelle schließt.

 

Fakt ist: Der HSV hat aktuell wieder etwas Auswahl. In der Innenverteidigung drei für zwei, auf links hinten (Ostrzolek kehrt mit noch immer vier Gelben vorbelastet aus seiner Gelb-rot-Sperre zurück), vorne mit Beister, Rudnevs und Lasogga und in der Sechserposition mit Gojko Kacar noch einen dritten für ebenfalls nur zwei Positionen. Das Personal vervollständigt sich langsam wieder. Zudem kommt der HSV aus einem Positiverlebnis. Die Voraussetzungen für eine gute Trainingswoche sind gegeben. Und die beginnt morgen mit einer Doppeleinheit um zehn (ACHTUNG: nur Krafttraining im Gym im Umkleidetrakt) und um 15 Uhr dann auch auf dem Platz.

 

Bis dahin!

Scholle

 

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